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Toronto
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1IIDING LIST DEC 1 1923'
ARCHIVUM
ROMANICUM
NUOVA RIVISTA DI FILOLOGIA ROMANZA
DIRETTA DA
GIULIO BERTONI
VOL. VI (1922)
GENÈVE
LEO S. OLSCHKI, ÈDITEUR
19 2 2
Sommario
Pag-.
Fernandes, E., Le fonti del canzoniere del Boiardo . 886
Gamillscheg, E., Wet zstein and Kumpf im Galloromanischen 1
Gubernatìs, De, Massimo, Laccentazione degli allotropi italiani
di base greca . . *. 426
Gutkind, C. S., Die Sprache des Folengo . 425
Jud, J., Zar Geschichte and Herknnft der Wortfamilie von
franz. « dru ».813
Kluge, F., Mittellateinische Wortgeschichten . 231
— Zum Corpus Glossariorum Latinorum . 300
Krappe, A. H, Notes on Dante’s Inferno . 376
Ma ver, G., Parole croate di origine italiana o dalmatica .... 241
Marchot, P, Les verbes forts en wallon prélittéraire . 340
— La formation des mots en wallon prélittéraire . 356
Pascu, G., Lateinische Elemente im Rumànischen . 254
Rohlfs, G., Das romanische «habeo»-Futurum und Kon-
ditionalis . 105
Varietà e aneddoti.
Bertoldi, V., Di alcuni nomi dell’ Iris fiorentina . 280
Bertoni, G., Etimologie . 161
— Tavola del ms. jacoponico del Marchese Viti-Molza a Modena . 183
— Due rappresentazioni di L. Castelvetro e G. M. Barbieri . . . . 285
Camilli, A, Libelli famosi del settimo secolo .. 510
Marchot, P., Lancien wallon «stier» et «ster* .. . 505
Riegler, R., Italienische Vogelnamen . 167
Skok, P., Onastini .. 155
Spitzer, L., Zu Briichs Bemerkungen Bibl. Arch. Rom. II, 3;
26 ff. 494
Vitaletti, G., Intorno ai «Miracoli della Vergine ». 175
Z a va t tari, E., Il Polemii »Silvii Latercidtis» . 462
Bibliografia.
Bibliografia rumena 1916—1920 (G. Pascu). 212
Buonaiuti, E-, Filosofia e religione nel Medio evo . San
Tommaso e Sigieri di Br ab ante (G. M. Monti). 533
Cutolo, A., Le miserie di un genio incompreso (G. M. Monti) . . 538
Dottin, G., La Langue gauloise (J. Jud). 188
IV
SOMMARIO
Pag.
Fedele, P., Per la storia dell attentato di Anagni (G. M. Monti) . 534
Gérold, Th., Le manuscrit de Bayeux (P. Wagner). 296
Gregorio, De, G. Contributi al Lessico etimologico romanzo
(G. Rohlfs)..293
Griera, A., Contribució a una dialectologia catalana (W. v. Wart-
burg). 533
Morelli, V., Maometto in disgrazia (G. M. Monti). 538
Morghen, R., Dante, Villani, R. Mali spini (G. M. Monti). 537
S p i t z e r, L., Die Umschreibungen des Begriffes unger» im
ItalienisQhen (R. Riegler). 287
Torraca, F., A proposito dell Intelligenza (G. M. Monti).533
[Barnils, PJ, Vocabidari catala-alemany de Vany1502 (W. v. Wart-
burg)... .. 532
Voi. VI.
ARCHIVUM ROMANICUM
Nr. 1. Gennaio—Marzo 1922.
Wetzstein und Kumpf im Galloromanischen.
Vorbemerkungen.
Die angefuhrten Dialektwòrter sind in der Regel in der Form iibernommen
worden, in der sie sich in den Quellen finden. Da die franzòsischen Dialekt-
vvòrterblicher gròfitenteils die literarische Orthographie verwenden, ist also
in den daraus entnommenen Formen u wie deutsches ii, OH wie deutsches li
zu lesen Zur Unterscheidung sind phonetisch umgeschriebene Worter in
eckige Klammern ([]) gesetzt. Hier hat also u den deutschen Lautwert
£ sind patatai alveolare Reibelaute, entsprechend frz. eh bzw. j. n ist
palatales n, d' ist palatales d. u ist Halbvokal. 0 ist stimmhaftes 5 . (t ist
spirantisches d. Ein kurzer Strich unter einem Vokal bezeichnet die Ton-
stelle des Wortes; ein Punkt unter einem Konsonanten deutet an, dafi dieser
gelegentlich schwinden kann. Ein Sternchen vor einem Worte bezeichnet
rekonstruierte Formen; ist es am oberen Rande der Zeile angebracht, so
hat das Wort vermutlich wirklich bestanden; ist es am unteren Rand der
Zeile, dann hat die Wortform nur als Typus Geltung. Die iibrigen Zeichen
haben die allgemein ubliche Bedeutung.
Die Herkunft der in der Arbeit angefuhrten Dialektwòrter ist aus der in
der Zeitschrift fiir romanische Philologie, Bd. 40, S. 129ff. angefuhrten
Bibliographie zu entnehmen.
Besonderen Dank schulde ich Professor Jud in Ziirich, der mir mit einer
ungewòhnlich hohen Auffassung von den Aufgaben der Wissenschaft seine
reichhaltigen Materialien zu dem im Folgenden behandelten Gegenstand
zur Verfugung stellte. Wo mir seine Mitteilungen Neues boten — es war
dies an mehr als einer Stelle der Fall —, habe ich es gewissenhaft vermerkt.
Er hat mir aber auch die Materialien des ràtoromanisch-norditalienischen
Sprachatlasses zugànglich gemacht und dadurch ermoglicht, gelegentlich
den Blick iiber das Gebiet des Galloromanischen hinaus zu richten.
Die Zeitschriften und wichtigsten Quellenwerke sind mit den Anfangs-
buchstaben der Begriffswòrter abgekiirzt. Vergleiche im besonderen:
ALE Atlas linguistique de la France.
ASNS - Archiv fiir das Studium der neueren Sprachen und Litera-
turen.
BDR = Bulletin de Dialectologie Romane.
BGPSR - Bulletin du glossaire des patois de la Suisse Romande.
DG Dictionnaire generai de la langue Fran^aise p. p. A. Hatz-
feld et A. Darmesteter.
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922.
1
2
ERNST GAMILLSCHEG
5 • . ''i:;
RDR = Revue de Dialectologie Romane.
REW =* Romanisches etymologisches Wòrterbuch von W. Meyer-
Liibke.
RLR ■= Revue des langues Romanes.
RPG — Revue des Patois Galloromans.
RPFL = Revue de Philologie Franpaise et de Littérature.
ZFSL = Zeitschrift fiir franzòsische Sprache und Literatur.
ZRP = Zeitschrift fiir romanische Philologie.
1 . Dem Wetzstein und seinem Behalter eine Sonderuntersuchung
zu widmen, wird manchem unzeitgemaB erscheinen, besonders da aus
einer solchen Untersuchung fiir die allgemeine Kulturgeschichte nur
geringer Gewinn erwachsen kann 1 . Fiir den aber, der einen Ein-
blick in die Schaffenskraft der Sprache gewinnPn will, bietet das
Wortpaar «Wetzstein» — «Kumpf» den unschatzbaren Vorteil, dafi
der Literatursprache fremde Vorstellungen bezeichnet, die andrer-
seits zu dem unentbehrlichen Vorstellungskreis der landlichen Be-
vòlkèrung gehòren. Der EinfluB der Reìchssprache auf die Mund-
arten, der um so gròBer ist, je literarischer die Begriffe sind, fallt
also bei der Bezeichnung dieser beiden Begriffe vollstandig weg. Fiir
die Landbevolkerung ist ferner die Bezeichnung des Werkzeuges, mit
dem der Schnitter wahrend der Mahd die Sense schleift, eine unbedingte
Notwendigkeit. Bei Bezeichnungen von Pflànzen, Tieren u. a., die
nicht unmittelbar fiir die landliche Wirtschaft von Bedeutung sind,
ist eine gewisse Unsicherheit, Zweideutigkeit ohne Belang, wie dies
ja schon wiederholt beobachtet wurde. Anders aber hier. Tatsachlich
weisen die Karten c off in und queux des ALF nirgends Frage-
zeichen auf ? die Schwanken des befragten Gewahrsmannes bei der
Antwort andeuten sollen.
Der Wetzstein ist ferner kulturhistorischen Schwankungen im grofien
und ganzen entriickt. Abgesehen vom aufiersten Norden, in dem eine
besondere Art des Schleiferis der Sense; angegeben wird (s. Abschnitt 59) 7
hat der Wetzstein eine Form, iiber die der folgende Auszug aus dèm
Meyerschen Konversationslexikon hinlanglich unterrichtet : «Schleif-
s tei ne. Man unterscheidet Wcts- oder Han cisterne , gròBere oder
1 Vgl. dazu die Bemerkung VoBlers in der Internationalen Monats-
schrift 13, 786: Demi es gibt .... spezifisch mittellateinische‘Worter und
Sachen 1 , zum Beispiel auf dem Gebiet des klosterlichen Schreibwesens der
monchischen Gemiitszustande {addici, meditavi ), des Vagantentums u. dgl.,
Dinge, deren sprachlich-sachliche Sondergeschichte gewifi nicht wenìger an-
ziehend und wichtig ist als jene vielbetriebenen Forschungen tìber das Sàgen,
Spinnen und Haspeln im (xalloromanischen usw.»
WETZSTEIN UND KUMPF 1M < iAL LO ROMANI SCHEX 3
kleinere Steinstiicke von meist lànglicher Form, oft an einer Seite
zugespitzt, um damit in Vertiefungen gelangen zu konnen, und Dreh-
steine , runde, scheibenformige, maBig harte Steine von feinem, moglichst
gleichfòrmigem Korn (Sandstein), die auf einer Drehachse befestigt
sind. . . . Wetzsteine zum Abziehen feinerer Schneidewerkzeuge mit
Wasser oder 01 (Olsteine, Abziehsteine, Wetzschalen, Streiehschalen)
bestehen aus Wetzschiefer, aus graubraunem, von Kieselsaure durch-
drungenem Dolomit . . . oder aus einer Art Chalzedon.»
Der Wetzstein des Schnitters steckt in einem der Form angepatóten
Behalter, der gewohnlich am Gurtel getragen wird und Wasser, oft
auch feinen Sand enthalt. Oft dient als Kumpf das abgeworfene Horn
Qines Ochsen 1 (s. die Formen come , banna in Abschnitt 59) ; gewohn¬
lich ist der Behalter aus Holz (s. dazu die Typen sabot , [. sklapitiot ]);
doch scheint in neuerer Zeit streckenweise der hòlzerne durch einen
blechernen Kumpf ersetzt zu werden : es beginnt also auch hier die
Massenindustrie die Erzeugnisse des Hausgewerbes zu verdrangen 2 .
Einstweilen zeigt sich jedoch dieses Eindringen einer neuen Form noch
nicht in der Benennung des Wortes.
2. Fiir den Wetzstein besitzt das Lateinische das Wort cos, cotis
das nach Walde, s. catns zu einer Wurzel *kòi «scharfen», «spitzen»;
nvetzen» gehòrt, wahrend die im fruheren Abschnitt erwahnte. rudde
Form des Schleifsteins, der Muhlstein, durch das postverbale Substantiv
mola zu molere mahlen» wiedergegeben wird. ‘ Cos wié Mola ent-
halten also schon etvmologisch den Hinweis auf ihre Bestimmung in
sich. Cos bezeichnet also urspriinglich nicht ausschlieBlich den «Sensen-
stein», wie aus den bei Georges angeftihrten Belegen (acuere sagittam
cote , cote virtutis suae ferrimi acuere) hervorgeht ; doch hat sich das
Wort in der ausschliefólichen Verwendung des Sensen-Wetzsteines er-
halten, wie das bei Walde angefuhrte urverwandte mhd. Hdr . Von
Cos , Cotis abgeleitet ist die Bezeichnung des Kumpfes, des Wetzstein
behalters, auch Wetzsteinblichse, Wetzsteinfafichen genannt: Cotarium,
das in der Pluralform cataria, cotona bei Alsen., dig. 39, 4, 15
1 «Le coffin est une come de boeuf». Bemerkung Edmonts zu come ,
901 (Allier).
2 Vgl. Verrier- Onillon, Glossaire de l’Anjou, sub couer : Petite
botte, autrefois de bois et maintenant de fer-blanc, que le faucheur porte
suspendue en avant et où trempe la pierrc à aiguiser la faux; M arte 11 ière ,
Glossaire du Vendomois, couget, couyer , «Vase en fer-blanc ou en come,
que les fauchcurs portent suspendu à leur ceinture et qui sert à mettre la
pierre à affuter» ; Gorbiet, Gloss. . . . du patois picard, (/ueusse, «pierre
à aiguiser; signifie aussi rétui en bois que les faucheurs attachent derrière
eu x usw.
1*
4
ERNST GAM1LLSCHEG
belegt ist. Da das Suffix -arium bzw. frz. -ier zu alien Zeiten die
Funktion erfiillte, die Umfassung, den Behalter auszudriicken, bilden
cos, cotis und cotarium , wie sie begrifflich miteinander verkniipft
sind, auch formell ein untrennbares Paar. Wir kònnen daher a priori
annehmen, daB dort, wo wir Vertreter des lat. cotarium in den
romanischen Sprachen finden, auch cos, cotis vorhanden ist oder vor-
hancten war.
Sowohl das Stammwort wie die Ableitung sind nun im Gallo-
romanischen erhalten, vgl. REW
2275. Cos «Wetzstein», «Schleifstein».
Rum. cute, ital. cote, engad. kut, friaul. kot, afz. keu, prov. cot y
minh. godo, frz. qiieux, petva cotis , G. Paris, Mei. ling. 238.
2281. Cotarium «Schleifsteinfutteral».
Bologn. kudàr , piem. kue, trevis. Izoer, engad. koder, frz. coyer,
jur. freib. kovei, prov. codier . ZRP 18, 234, BGPSR 2, 34.
Frz. queux und coyer, prov. coi und codier scheinen also die gallo-
romanischen Entsprechungen des Wortpaares «Wetzstein» — «Kumpf»
zu sein; allein queux und coyer fuhren nur in den Wòrterblichern
ein Scheindasein -, die gebrauchlichen Ausdrlicke sind pierre à aiguiser
und coffin , das urspriinglich «Kòrbchen» bedeutet; cos wie cotarium
sind also wenigstens in der Literatursprache untergegangen. Den
Grunden und Wechselfàllen dieses Unterganges nachzuspuren, ist Auf-
gabe der folgenden Untersuchung.
3. Flir den «Wetzstein» wie den «Kumpf» besitzt der ALF voll-
standige Karten, 307 coffin , 1121 queux . Der Vergleich dieser beiden
Karten zeigt nun sowohl flir cos , cotis wie flir cotarium weite Dialekt-
gebiete mit Erhaltung der lateinischen Wortstamme; zugleich aber
fàllt die Tatsache auf, dafi in Nordfrankreich cos und cotarium geo-
graphisch nicht zusammenfalien, sondern sich geradezu aùszuschliefien
scheinen. Cotarium- Gebiete finden sich im aufiersten Nordosten, dann
in ganz Mittel- und Siidfrankreich, von der Bretagne und der Gas-
cogne abgesehen. Zwischen das nordòstliche und das slidliche cotarium-
Gebiet schiebt sich eine im pikardisch-wallonischen Norden breite, gegen
Siidosten schmal auslaufende Zone ein, in der nun nicht cotarium , wohl
aber cos , cotis erhalten ist. Besonders anffallig ist dieses gegenseitige
Sichausweichen im Nordosten, wo Punkt 199 cote , der Nachbarpunkt
195 cotarium erhalten zeigt. Nur der Punkt 197 gehòrt zu beiden
Gebieten. Im Siiden ist besonders der Stidwesten auffallig, der weder
cote- noch cotarium Spuren zeigt. Da aber hier flir den Wetzstein
wie flir den Kumpf ganz deutlich sekundare Bildungen auftreten, ist
man berechtigt, auch hier eine Unterschicht dieser beiden Worter an-
WEJZSTEIN UND KUMPF IAl GALLO ROMAN 1SCHEN
5
zunehmen. Die cotarium- und cote- Gebiete zusammengenommen zeigen
deutlich, datò cos und cotarium ehemals in ganz Gallien gelebt haben,
wahrend heute cos auf vier Funfteln, cotarium auf einem Drittel des
ehemaligen Verbreitungsgebietes geschwunden ist. Warum schwindet
also cos, cotis aus der Sprache, warum schliefien sich im eigentlichen
Norden cos und cotarium gegenseitig aus?
4. Diesel* Uberblick iiber die Geschichte der beiden Worter ist be-
wufit vereinfacht. Zunachst zeigt das ros-Gebiet im Norden, von
einigen ostwallonischen Mundarten abgesehen, nicht die aus lat. cote y
Akkusativ zu cos zu erwartende Form [Ito], sondern erweiterte Formen:
[kós] in Flandern, Artois, Pikardie, [kós] in der nordlichen He de'France,
| kór] in der siidwestlichen Champagne; die Einzelheiten siehe im
t’olgenden. Ein [£os] findet sich ferner nach Horning, ZRP 18,
233f. auch bei Lorrain, Glossaire du patois Messili. Im Altfran-
zòsischen solite ferner cotis, vlat. Nominativ fur. klassisches cos, als
cous, keus, cote als con , kcu erscheinen; tatsachlich ist aber cous,
keiiB im Altfranzòsischen indeklinables Substantiv, so deutlich im
iiltesten Beleg des Wortes bei Chrétien, Cligès, 4251, queus im
Akkusativ der Einzahl k Dieses afz. queus ftihrt G. Paris,
Mèi. ling. 238, auf ein petra cotis zuruck; doch sieht man den
Grund einer solchen attributiven Verkniipfung nicht ein, und Hor¬
ning, Le., dann ZRP 24, S. 552; 25, 737, will das pikardische
[kós] auf eine Grund form * cotea zuruckfiihren, gegen die sich morpho-
logisch nichts einwenden lafit, wie ja zum Beìspiel neben ahnlich ge-
bautes retis fem. «Netzs retia dasselbe, im Romanischen «Gitterwerk»
tritt, s. REW. 7255. Allein lautlich làBt sich eine Grundform *cotea
oder *coteum , wie auch Horning bemerkt, mit afz. keus, pik. [kós]
nicht vereinbaren, und anzunehmen, datò der Vokal von keus <*co-
teum von afz. *keu beeinflufit sei, ist unwahrscheinlich, da vermutlich
ein solches afz. *keu niemals bestanden hat ; und selbst dies zugegeben,
ist nicht einzusehen, wie denn bis ins 11.—12. Jahrhundert hinein die
Entsprechungen von cote und von *coteum nebeneinander in der
gleichen Bedeutung und zumindest in benachbarten Mundarten weiter-
bestanden haben sollen, bis es zur Verschmelzung der beiden For¬
men kam 1 2 .
1 Eine Form kou , keil, die nach Horning 1. c. hàufig vorkomrtit und
ins REW 2275 Aufnahme gefunden hat, ist mir nicht untergekommen ; sie
kann aber im Siidwesten des nordfranzosischen Sprachgebietes bestanden
haben und dann die Verbindung mit dem prov. cot herstellen.
2 Horning ftihrt ZRP 18, 233 ein afz. coce als Variante angeblich aus
dem 12. Jahrhundert an; doch ist dies zweifellos Schreib- oder Lesefehler
6
ERNST GAMILLSCHEG
5. Besser gesichert scheint fiir cotarium eine i-Ableitung zu sein.
Zunachst ist ein mittellateinisches COTIARIUS im Corp. gloss.
Lat. 2, 223, 12; 2, 117, an der zweiten Stelle zusammen mit samicitor,
mit gr. dxovìjztfg (zu axóvt] «Wetzstein») iibersetzt, und eine s, ts-
Form, die auf lat. - ti - zuruckfuhren kann, findet sich aufierhalb Frank-
reichs in den westlichen und zentralen ladinischen Mundarten. Nach
den Materialien des ladinischoberi talienischen Sprachatlasses ergibt
sich, dafi kntser -, kutse- Formen sich iiber das ganze westràtoromanische
Gebiet, die sogenannten gemischten Zonen von Misox und Bergell
qiitinbegriffen, erstrecken, wahrend der Kanton Tessin zum gròfiten
Teil ts- lose Formen aufweist. Jenseits der italienischen Grenze findet
sich nur in dem vereinzelten I sol ac eia (Bormio) flir den Kumpf die
Form kotseyr , dann als kutseyr wiederholt, wahrend die hier all-
gemein verbreitete Form das auf cotarium zuriickgehende [kuder\,
[kude] ist. Flir das Zentralladinische liegen die Formen des Sprach¬
atlasses noch nicht vor. Vgl. im Nonsber g, Cagno [kosar] , und
entsprechend im Grodnertal [ktisé], Enneberg, Abteital und in der
weiteren Folge Friaul kennen keine s-, 5 -Formen mehr.
Das angefiihrte westladinische [kutser] sowie das hochnonsbergische
[kosar], (vgl. dazu besonders Battisti, Nonsberger Mandart, S. 144,
§ 156, 1,. <zko;ar < *cotiariu Schleifsteinbehalter zu einem nicht mehr
vorhandenen *kof < *cotim) lassen sich nun allèrdings auf eine
Grundform *cotiarium zuruckfuhren, nicht aber das gròdnerische
[kuse\ , dà im Gròdnerischen ti zu ts wird, s. Gartner, Gredner
Mundart S. 59. Da aber nicht anzunehmen ist, dafi das nonsbergische
[kosar] und das gròdnerische [kuze]- eine verschiedene Grundlage
haben, ist die Grundform *coiiarinm fiir beide Mundarten und wohl
auch das Westladinische aufzugeben. Das s in gròdnerisch [kuse]
stammt daher wohl von dem Auslaut der ehemaligen Form flir den
Wetzstein, beute [keut] (Lardschneider): da im Zentralladinischen -t s
im Auslaut, wohl Iiber -ds , zu s wurde, s. Alton, Lad. Idiome
S. 69,i §i 138, geht [kusé] vermutlich auf ein àlteres [kudse] zuriick,
das ein [kouts] «Wetzstein» (neben *pret% — pretium , heute gròd.
[pries]) erschliefien làfit. Wir findèn also fiir das Gròdnerische, und
daher wohl auch fiir das Westladinische, als letzte erreichbare Form
das gleiche couts flir lat. cos, cotis, das als indeklinables Substantiv
fiir das Altfranzòsische S. 5 angefiihrt wurde. R^toromanisch [kutser\
fiir das coìis der iibrigen vier Handschriften. Das von Horning ZRP 31,
S. 203 angefiihrte queusse ist nicht altfranzosisch ; dié àltesten Belege bei
Go.defroy stammen aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts.
WETZSTEIN UND KUMPF 1M GALLOROMANISCHEN J\
ist also weder lat. cotarium noch *cotiarium ,, sondern Neubildung na,ch
einem indeklinablen kots y kouts, und das im Corp. gloss. Lat. 5, 168, 1
bezeugte cotto ad acuminandnm diirfte aueh nichts anderes darstellen 1 .
Mit dieser Entwicklung scheint aber die tatsachlich uberlieferte
Form ftir die Bezeichnung des Wetzsteins [kut\ und iihnliche im
Westladinischen, [keut\ im Grodnerischen, in Widerspruch zu stehen.
Nun ist aber lat. cos , cotis Femininum, wahrend die alten indekli¬
nablen Substantiva des Galloromanischen (corpus, fundus , latus r
pcctus , pondus, tempas; pretium, brachium) durchwegs Maskulina
sind. Ein feminines kots fallt also ganz aus der Reihe der librigen
indeklinablen Hauptwòrter heraus. Da -5 ferner auf galloromanischem
Gebiet bei Femininen das charakteristische Pluralzeichen ist, konnte
kots zu kot zurtickgebildet werden, besonders zu der Zeit, als im La-
dinischen die Unterscheidung zwischen der Nominativ- und der Akku-
sativform der Substantiva aufgegeben wurde. Ist dies richtig, dann
ist zum Beispiel engad. kilt , ebensowenig die Entsprechung von lat.
cote wie kutser von lat. cotarium , sondern baut, wie dieses, auf
einem àlteren *kouts «Wetzstein» auf. Der Widerspruch, der zwischen
Form und Geschlecht von galloromanisch-ladinischem kouts gelegen
ist, wird in seinem Wirken noch wiederholt beobachtet werden 2 .
1 Gartner, Gredner Mundart, S. 130 làfìt deshalb neben kuzé den
Platz fiir die Etymologie frei, wahrend er S. 128 zu kout «Wetzstein» das
lat. cos stellt. Die westladinischen kutse- Formen erklàrt auch Gartner, Rr.
Gr. S. 37 mit* cotiarium.
Wegen einer ahnlichen Ableitung schon in vorhistorischer Zeit vgl. sor-
tiarius fiir *sortsarius in den Reichenauer Glossen zu sorz fiir sortis
bzw. sortes «die Losstàbchen», s. Meyer-Lubke, Franz. Gramm. 2, S- 13,
das die genaue Entsprechung des oben angeflihrten cotiarius ftir *kot-
sarius ist; dann engad. punser com. ponzé «Gewicht an der Wage», — pon-
dus + - arili , s. Jud, ZRP 38, S. 29, Anm. 2; ferner die galloromanischen
Ableitungen von fundus, afz. fonz usw. Vgl. dazu ferner gròdnerisch
[ bruzea\ Vorspannkarren am Pfluge», d. i. *biroteum +-aria, nicht etwa
ein *birotearia .
2 Ein àhnlicher Vorgang wie der fiir das Ladinische erschlossene hat sich
in Lanslebourg (973) an der savoyisch-italienischen Grenze abgespielt. Hier
ist -ts im Plural von -t Stammen zu 5 geworden und nun umgekehrt zu
echten s- Stammen oder vokalisch auslautenden Substantiven ein neuer
Singular auf 4 gebildet worden, daher pertut , hit, piut = pertuis , chou ,
poux. Ahnlich in Séez, s. Gilliéron, RPG 1, S. 179 ff.
Die Rtickbildung des ladinischen kouts zu kout muft sich relativ frtìh
abgespielt haben, da sie sich auf das ganze kutser- Gebiet erstreckt. Was
hier erschlossen werden mufi, làfit sich an einem zweiten Fall nachweisen.
In der deutschen Mundart von Lusern ist ein altladinisches bisaus «Urur-
grofivater* in bischaus erhalten vlat. *bisavus. Dazu gehòrt grodn. beza -
8
ERNST GAMILLSCHEG
I
6. Frz. qneiix geht also auf ein afrz. indeklinables conz zuriick,
das formell dem Nominativ vlt. cotis fur lat. cos entspricht. Warum
bei diesem Worte die Nominativform, und zwar schon in vorhistorischer
Zeit, verallgemeinert wurde, ist nicht Gegenstand dieser Untersuchung.
Neben cos, cotis haben noch eine Reihe anderer Substantiva mit weib-
lichem Geschlecht und stammhafter Dentalis den gleichen auffàlligen
Ubertritt in die Klasse der indeklinablen Substantiva mitgemacht, und
bei alien zeigt sich in der Folge Schwanken im Geschlecht, vgl.
Meyer-Lubke, Rom. Gram. 2, 28. Es gehoren hierher aufóer
cos, cotis
gius, glutis «Vogelleim», afz. gius, Das VVort ist heute lautlich
zum Teil mit 4rz. glni «Roggenstroh» zusammengefallen und daher
geschwunden. Das Wort ist in Lothringen, Franche-Comté, Dauphiné,
Savoyen zum Teil Masculinum. Uber das Verhalten des Wortes in
der Provence s. Abschnitt 33.
retis, retis «Netz», afz. auch als Obliquus, wie cous , seit dem
12. Jahrhundert bezeugt 3 . Eine Grundform *retium (Gròber.
Arch. lat. Lex. 5, 453) ist wegen des afz. oi ebenso ausgeschlossen
wie *cotiwn fiir afz. queiiz . Vgl. auch REW 7255, 3. Norm (> franz.)
rets ist Maskulinum geworden; s. Armbruster, GescJilechtswandel
im Franz. S. 113.
liHer «UrurgroBvater» (neben bezavon «UrgroBvater ); dieses ist durch das
zusammengesetzte Suffix -vter erweitertes bezal , das sich als Ruckbildung
von einem Nominativ *bezaus = *bisavus erklàrt, also die Entsprechung
des lus. bischaus ist. Dazu gehòrt ferner die organische Akkusativform
Val Vestino bezlau, bergam. bislao u. a. Genaueres dariiber a. a. O. Man
wird daher wohl auch das westladinische bisat , basat « Ur(ur)grotòvater*,
das Tappolet, Vcrwandtschaftsitameli, S- 84 mit ahdt. atto «Urgroft-
vater zusammenstellt, nicht von dem zentralladinischcn *bisavus trennen
diirfen. Da im Westladinischen (aufier Engadin) ipse iìber *efs z u ets
geworden ist, s. Gartner, Rr. Gr. S. 124, ist zu besaf — bisavum ur-
spriinglich ein Nominativ besats gebildet worden, zu dem als Ruckbildung
ein besat entstand, wie kilt aus kuts.
Auch fur die Ableitung des grodnerischen kiizc von dem alten, heute
untergegangenen Nominativ konts «Wetzstein» làfit sich ein paralleler Beleg
unschwer beibringen. Lat. dies erscheint im Grodnerischen heute in der
Akkusativform di\ die alte Nominativform dis liegt aber der Ableitung di sé
zugrunde. Dieses bedeutet den Hirtenknaben, den Gehilfen des paster\
beide gehen zum Essen der Reihe nach in die Hauser der Bauern, deren
Vieh sie auf die Weide fiihren. Dizé, d. h. dies + -arius bezeichnet also
etymologisch «der, welcher den Tag hat».
1 Lothr. Psalter 140, 10; li pechours . chairont en sa toiz et en
ses las. Vgl. auch roits =rete in dem von Neubauer-Bohme heraus-
gegebenen hebraischen Glossar, Rom. Stud. 1, 182 (617).
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMAN ISCHEN
9
vitis, vitis «Ranke», afz. la und le vis «Schraube», vgl. dazu
ALF 1403. Das Wort ist in der Wallonie, im Languedokischen und
im Sildosten Maskulinum; einzelne Mundarten suchen die Form des
Wortes und sein urspriinglich feminines Geschlecht in Einklang zu
bringen, vgl. in 816 (Loire) [visa) fem., 912 (Isère) [visi] fem., und
dazu nun als Gegenbildung in 819 (Loire), 911 (Rhone), 829 (Isère),
30 (Jura) [v/Stc], [viso] mask., die nicht auf *vitium zuriickfiihren
konnen, da auch dieses lautgesetzlich nur [vis] ergeben hàtte, sondern
auf alterem asofz. vis aufbauen. Vgl. ferner in 990 (Alpes mar.)
[via] fem. fiir alteres [vi] . Die S. 7 angenommene Riickbildung von
westladinischem kouts zu kout , kilt hat ein Gegenstiick in gaskognisch
[bit] neben [bits]. Wahrend das Provenzalische cot, glut bewahrt
hat, ist hier [vits] wie im Norden indeklinabel.
sors, sortis «Schicksal», afz. sors und sort (dazu afz. sortir
«Los werfen») ist Maskulinum und Femininum, vgl. Armbruster,
1. c. S. 58, vgl. dazu das S. 7 angefiihrte sortiarius.
cotis, glutis, retis, vitis und das in der Weiterentwicklung
literarisch beeinflufite sortis haben also gemeinsam, dafi sie im Nord-
franzòsischen indeklinabel werden, damit in éine Deklinationsklasse
geraten, die iiberwiegend Maskulina enthalt. Die Folge davon ist
eine gewisse Unsichérheit im grammatischen Geschlecht. Es kann
auch kein Zufall sein, daB alle fiinf Substantiva im Stamm ein t ent-
halten. An diese urspriinglich femininen Substantiva schlieBen sich
einige Maskulina mit stammhaftem Dentai an, so gues , s. Rom.
Gram. 2, 28, dann bies neben bief, das nach ALF 1175 (; ruisseau ) in
979 [6/s], 988 [ bes ], in Evolène [bis] Bewasserungskanal erhalten ist 1 .
7. In Nordfrankreich war also fiir den Wetzstein ein indeklinables
cous mit femininem Geschlecht herrschend, das, abgesehen vom
aufiersten Norden und Nordosten, im Laufe des 13. bis 14. Jahrhunderts
1 Vgl. dazu Gauchat, BGPSR 8, 14 «Quant à l’s finale, elle nous
rapelle qu’en vieux fran^ais, à coté de bief Fon rencontre souvent la forme
bies , dont Féquivalent existe aussi dans nos anciens documents. Ainsi à
Xeuchàtel: ou beiz de la Roche (. . . vers 1340).» Das Wort findet sich
im Jahre 1427 als bccium latinisiert, das also ebensowenig eine v-Ableitung
von einem Stamme *bet oder *bek ist wie das S. 7 angefiihrte colio f-Ab-
leitung von cote. In Evolène ist auslautendes -5 der Rest eines alten 4s
(deys. — digitos, dreys — directus usw.). Damit stimmt das bei Cer-
logne bezeugte [kos\ «Wetzstein» in der siidlich von Evolène gelegenen
Val d’ Aosta liberein, das also auf ein alteres kots zuriickfuhrt. [bes] als
Obliquus findet sich schon im 12. Jahrhurdert im Cartulaire du Tempie de
Vaulx in der stidlichen Dauphiné, s. Devaux, Essai sur la langue vulgaire
du Dauphiné, S. 145.
10
ERNST GAMILLSCHE0
in [kó], [ku] tiberzugehen droht. Der Schwund des auslautenden s
in afz. queus (uber [&os]) hai aber zur Folge, datò die Ent-
sprechungen von lat. cote »Wetzstein» und lat. coda
«Schweif» auf dem gròfitenTeil des nordfranzòsischen
Sprachgebietes zusannnenfallen. Denn auch das auslautende
-e von afz. coue «Schweif» beginnt im 14. Jahrhundert zu verstummen.
Diese Homonymitàt von coda und cote hat nun zur Folge, dafi die
begrifflich nicht zu vereinigenden beiden [kó] miteinander in Konflikt
geraten 1 . Das erste Stadium dieses Kampfes zeigt uns ein Schreiber
des Endes des 14. Jahrhunderts an, der den Wetzstein um$chreibt :
une queue a ciiguisier consteaux (Godf. s. v. A. N. JJ. 138). Er
unterscheidet also queue «Schweif» von queue «Wetzstein , indem er
dem leizten die attributive Zweckbestimmung a aiguisier hinzufiigt.
Aber auch die Umschreibung queue à aiguiser ist nur so lange ein
taugliches Mittel, den Wetzstein zu bezeichnen, als auch einfaches [kó]
noch die Doppelvorstellung «Schweif» + «Wetzstein hervorruft; so-
bald aber [kó] in der unverhaltnismafiig haufiger gebrauchten Bedeutung
Schweif» [kó] in der Bedeutung «Wetzstein in den Hintergrund
treten làftt, wird auch die Umschreibung queue à aiguiser ein Unding :
sie wird zu einem < Wetzschweif . Dié Sprache ersetzt daher das hier
unmògiich gewordene queue Schweif» durch das begrifflich nahe-
liegende pierre «Stein ; so entsteht der heute auch literarische Typus
pierre à aiguiser , der unter anderem auch das ostnormannische [kós\
im Westen fortsetzt. Queue à aiguiser ist also nur eine Ubergangs-
bildung, die aber liberali dort entstehen konnte, wo coda und cote
gerade zusammenfallen. Das zeigt sich noch deutlich im Siidwesten
Nordfrankreichs, wo cote «Wetzstein noch erhalten ist. Die Punkte
458, 459, 540 haben [kó] «Wetzstein», die im Osten anschliehenden
Punkte 448, 429 [ko a ctdiiise], das ein [kó] «Schweif» + «Wetzstein
voraussetzt, und in pierre à aiguiser , 417, 418, 419 iibergeht. Das
1 Es liegt mir ferne, der Homonymitàt unter alien Umstànden zerstòrende
Wirkung zuzuschreiben. Aber es liegt auf der Hand, dafi zwei Wòrter,
die. in der gleichen Gesellschaftsschichte gleichzeitig eine wichtige Rolle
spielen, die die gleichen syntaktischen Verbindungen eingehen konnen, und
die beide Hauptworter sind, auf die Dauer nicht lautlich zusammenfallen
konnen, ohne in ihrer V,erwendung diese Homonymitàt storend zu verspiiren.
Die Folgen dieses Zusammenfalls werden im folgenden ausfuhrlich behandelt
und begriindet werden.
Auch heute wird von mangelhaft gebildeten Franzosen queux- cotis und
queue -coda zusammengebracht:, vgl. bei Guillemant, Eresse louhan-
naise: quoui, coni .«étui pour y tremper la queue à faux» (J. Jud). Der
Verfasser unterscheidet also [ko] «Schweif und [kó] à faux Wetzstein».
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
11
benachbarte 416 hat wieder [kò\ «Wetzstein». Datò sich hier cote
gghalten hat, wird im spateren erklart werden.
So ist also [ko] «Wetzstein; tiber quelle à ciigaiser oder eine
ahnliche Umschreibung untergegangen. Die Anfànge dieses Unter-
ganges sind im spateren Mittelalter zu suchen; zum Teil ist die Be-
wegung aber heute noch nicht abgeschlossen, da der vollstandige
iautliche Zusammenfall von coda und cote ([k'o] coda hat urspriinglich
langeren Vokal als [kó] cote) auch heute noch nicht liberali erfolgt
ist. Fiir das Normannische, wo heute [ko] «Wetzstein» nirgends mehr
bezeugt ist, gibt das im Jahre 1849 erschienene Worterbuch der
Brùder Duméril ein quelle — pierre à aiguiser , affiloir noch an;
doch fehlt das Wort bereits in dem 1887 (Caen) erschienenen Worter¬
buch von Moisy.
8. Der Schwund des auslautenden s in cous «Wetzstein» ist nun
nicht von heute auf morgen erfolgt. Es wird, wie dies fiir aus-
lautendes 5 in den franko-provenzalischen Mundarten Piemonts von
Jaberg, BGPSR 10, S. 49 ff. (Notes sur l’s final libre dans les
patois franco-proven^aux du Piémont) beobachtet wurde, zunachst
in gewissen syntaktischen Verbindungen geschwunden, in anderen noch
gesprochen worden sein 1 .
Der Zusammenfall von qiieuz «Wetzstein und quelle Schweif
war also urspriinglich nur ein gelegentlicher. Offenbar um der
Homonymitat der beiden Substantiva vorzubeugen, haben nun die
westwallonisch-pikardischen Mundarten die Pausa- und vorvokalische
Form [Z?òs], [£os] fiir afz. queiiB in der Periode der freien» Auslauts-
konsonanten zum Nachteil der vorkonsonantischen Form [ko] ver-
allgemeinert. Das konnte um so leichter geschehen, als damit das
femmine Substantiv queus die den Femininen entsprechende Endung
bekam. Pikardisch [kds\ bekommt also die Endung von douce ,
Femininum von doiiB • es ist demnach scheinbar femmine Form zu afz.
qucnz aus vlat. cotis 2 . Die Erhaltung des Auslautes von afz. queuz
1 Vgl. Jaberg, 1. c. S. 54, <*s se conserve (à Noasca, Ceresole reale, Gros-
cavallo, Mondrone) devant une pause et devant un mot commen^ant par une
voyelle; il disparait devant un mot commengant par une consonne. Cependant,
il sujfit de la plus légère hésitation ou de Varrei le plus insignìfiant
pour le paire réapparaltre mème dans ce dernier cas. J’ai fait remarquer
autre part (ZFSL d8, 258 f) que c’est exactement l’état où se trouvent les
consonnes finales à Paris, au seizième siede, selon le témoignage de Henri
Estienne.
2 Àhnlich fatòt Haberl, ZRP 34, S. 40 die Entstehung des pikardischen
[kós\, Diesem ist in der Folge ein neuer Konkurrent in lat. calce, frz-
chaux entstanden, das im Pikardischen vermutlich tiber [kautf\ kaiit ^ r ] zu
12
ERNST GAMILLSCHEG
bewahrt dieses vor der Homonymitat mit coda und damit vor dem Unter-
gang. Das drilckt sich geographisch darin aus, dafi an den Randern
des kompakten [kds] 7 [Ms]-Gebietes vereinzelte [kó], [£//]-Formen noch
auftauchen, in deren Nachbarschaft cote dann vollstandig schwindet.
Es kann iibrigens auch sein, dafi im Pikardisch-Westwallonischen
die Verallgemeinerung der s , s-Form von afz. queus schon vor dem
Ubergang von afz. queue zu [kò\ eingetreten ist, so dafi also der
drohende Zusammenfall von coda und cote nicht den Anlafi zur
Femininisierung von afz. queus gebildet hat, sondern umgekehrt durch
diese die Homonymitat der beiden Stanarne auf diesem Gebiete nie
zustande kam. Denn das pikardisch-wallonische [Ms]-Gebiet fàllt
uberraschend genau mit dem Gebiet zusammen, wo afz./aws^ «Sense»
nicht in der lautgesetzlich zu erwartenden Form [fo], [fo\ auftritt,
sondern im Auslaut ein k zeigt: [fok], [fok] . Dieses k stammt von
der Form des Verbums: [foke\ [fdkè] — frz. faucher, hat also eine
ganz andere Geschichte als das s 7 s von [ k'ós], [. kos ]; aber beiden
ist das Bestreben gemeinsam, den vokalischen Auslaut femininer
Substanti va zu erweitern. Das Verbreitungsgebiet von [kdè] ist ferner
ungefahr das Gebiet, auf dem flir maskulinisches doux die Feminin-
\kós\ \ko\ wurde. Der Zusammenfall von_ afz. cous «Wetzstein» und apik.
cauz «Kalk» ist heute in 275 und 245 [kos] vollstandig, vgl. aber auch
285 272 ^ 271 263
calce [kos 1 [kos] [koj\ [kos]
co tis [kos] [kos] [kos] [k()s] .
Diese Mundarten scheiden also calce und cotis durch die verschiedene
Qualitàt oder Quantitàt des o-Lautes. Dafi diese Scheidung àber eine will-
kiirliche ist, die auf die Dauer nicht beide Wòrter bewahren kann, zeigen
die unmittelbar benachbarten Punkte 272 und 271, die [/jó-s] und [ kos] fur
die beiden Begriffe besitzen, aber was 272 mit [kos] bezeichnet, benennt in
271 den konkurrierenden Gegenstand und umgekehrt. Dafi [kós]= Wetz-
stein» alter ist als [kos] — «Kalk», zeigt die bei dem ersten weitergehende
Palatisierung des k vor <9, zum Beispiel in 255 mit [k$s] «Wetzstein» neben
[kos] «Kalk«. Dieses Zusammentreffen von calce und cotis erklàrt nun
auch, warum im aufiersten Norden des [kos] cotis-Gebietes Ersatzausdriicke
fiir den ^Wetzstein» eingetreten sind, vgl.
299 298 297 296
calce [kòw ] [s e òw ] I kc ow] [s e Ou \
cotis [rif] [raguzuar] [rifl] [rif]
Das anlautende s fur chaux in 298, 296 (das auch in 288 und 284 zu finden
ist) stammt natiirlich aus literarischem chaux , das zur Vermeidung der
Homonymitat herangezogen wird. rif(l) in 299, 297, 296 ist urspriinglich
begrifflich von queuche «Wetzstein» geschieden, wie in Abschnitt 58 aus-
gefiihrt wird.
I
WLTZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMAN ISCHEN
13
form douce, pik. [< dus ], eintritt, vgl. (eine Karte doux fehlt im ALF)
Hécart, Dici. Ronchi - Fran^ais, donche — donx f douillet (fur
Punkt 281 und Umgebung), Edmont, Lex. Saint-Polois [dus] (daneben
1du ] «gezuckerter Likor») (P. 286); im Normannischen und Wallonischen
wird dagegen ein solches maskulinisches douce nicht angegeben.
9. Ob also die drohende Homonymitat von cote und coda der
Anlafì zur [£òs]-Bildung war, oder ob dieses der gleichen Stròmung
ihre Entstehung verdankt, durch die das S. 9 angeflihrte feminine
[vi] in 990 zu [via] wurde, laBt sich bei der Unsicherheit der Chrono-
logie der beteiligten Lautwandlungen nicht entscheiden. Dagegen ist
fiir die im Siiden an das [£òs]-Gebiet anschliefienden Mundarten, die flir
lat. cote die Form [kór] zeigen, die erste Lòsung zweifellos die richtige.
Datò hier das r im Auslaut nicht ursprtinglich sein kann, liegt àuf
der Hand. Auslautendes r ist bekanntlich seit dem Ende des Mittel-
alters in verschiedenem Umfang geschwunden und erst im 16. bis
17. Jahrhundert so weit wiederhergestellt worden, als es heute ge-
sprochen wird L Eine genaue Untersuchung dieser Frage, soweit die
Dialekte in Betracht kommen, ist naturgemafi bei dem Fehlen mund-
artlicher Literatur in dieser Zeit unmoglich. Wichtig fiir die Erklarung
der Form [kòr] ist aber der Umstand, dafì im 17. Jahrhundert auch
in einsilbigen Wòrtern auslautendes r in der Umgangssprache ver-
stummt war und hier in erster Linie wiederhergestellt wurde -.
Vgl. in den bei Ross et abgedruckten Dix conférences en patois
(1649-^-1660): la ché crue et cuitte = la chair crue et cuite-(2, 5);
de quay as tu peti? = de quoi as tu peur? (5 ? 7) u. a. Diese
Wiederherstellung war das Ergebnis einer Periode des Schwankens
zwischen Formen wie mé und mer ? peti und peur u. a.; im allge-
meinen ist jedoch unter denr EinfluS der Literatursprache das -r nur
dort wiederhergestellt worden, wo es etymologisch berechtigt war.
Immerhin kommen Ausnahmen vor. Schon alt ist [kler] fiir eie'
1 Zur Geschichte des auslautenden -r vgrl. die Literatur bei Schwan-
Behrens, Afz. Gramm. Anhang zu § 277, besonders L. Gauchat,- R
anorganique en franco - provencal, Rom. Forsch. 23, S. 875 ff. ; dann
Th. Rosset, Les origines de la prononciation moderne, étudiées au
XVII* siécle. Paris, 1911, S. 260 ff.
In dem siidostfranzosischen Livre d’Ananchet (aus dem 14. Jahrhundert)
finden sich corone, done als Infinitive, afibler, pechier, creenter als Parti-
zipia usw., s. Dissertation Bruns, 1889; ahnlich im Joufroi des 14. Jahr-
hunderts usw., s. Vising, Romania 28, 581. Vor dem 14. Jahrhundert
fehlen sichere Belege.
2 Vising, Rom. 28, 587 glaubt, datò in einsilbigen Wortern -r auch
dialektisch stets erhalten blieb; siehe aber dagegen Anderson, Rom. 28, 594.
14
ERNST GAMILLSCHEG
(Gorlich, Biirg. Dialckt, 107), beute nach derh ALF 301 [fcìer],
[tiar] in 17 und 27, bei dem Gauchat 1. c. volksetymologische Be-
einflussùng durch clore — eiaudere vermutet; dann \der] — digi¬
tale, ALF 379, in 979, 969, 967, 927; [s/or] — sebum (Alpes Vaud.),
ALF 1266 [sor] 975, [Mor] 969, [sur] 985 usf. In jedem einzelnen Fall
hat das Eintreten des unorganischen -r wohl seinen bestimmten Grund.
Es haben also'wahrscheinlich die Dialekte im Siiden des beutigen
[Ms]-Gebietes ein [kò] besessen* das im 16. bis 17. Jahrbundert mit
\kò] Schweif zusammenzufallen droht. Da die Spracbe in jener Zeit
zwischen [pò] und [por] scbwankt, wird nun ftir [kò] «Wetzstein die
scheinbare Voli- und Pausaform [kòr] geschàffen, die ebenso der
Homonymitàt mit dem [to’] «Schweif» entrlickt ist wie das nordliche
[Ms]. Erleichtert wird dieser r-Antritt durch das feminine Geschlecht
des Wortes. Nordliches |/vYÀs] und stidliches [kòr] stehen also in
keinem unmittelbaren, vermutlich aber ursachlichem Zusammenhang
miteinander. In Punkt 128 treffen die beiden Formentypen zusammen ;
so entstebt die Form [kòrs], die das nordliche 5 und das siidwestliche r
vereinigt, also gewissermaBen die Heilmittel im Kampfe gegen [kò]
«Schweif» kombiniert l .
Der Punkt 122 hat ftir cote die Form [kus] 2 . Das deutet darauf
hin, dafi unter dem pierre der Punkt 126 und 124, die die Verbindung
mit dem [kòrs] des Punktes 128 herstellen, auch ehemals eine s-Form,
vermutlich [^ 05 ] vorhanden war, die aber hier nicht lebensfahig war,
da gerade hier fiir lat. coxa die mittelfrz. (im geographischen Sinne)
Form cuisse mit der ostfrz. Form [Ayìs] zusammenstoBt. Durch die
Annahme des nOrdlichen 5 fiir [kò] — cote entgehen die Punkte 126
\Anders ist die Form [kurs\ «Stechpalme» in Punkt 801 und 102 (Dep.
Puy-de-Dome bzw. Creuse) neben poitev. [ku] (Vendée), mit den Ableitungen
[kusak], [kutat], [ kuser ], bei Lalanne queasser , zu erklaren; voi. dazu
auch in Cellefrouin gosa, Rousselot, RPG. 349. DasWort ist keltischer
Herkunft (zu bret. kelen <*kol-enno) und ireht auf ein "allisches *kolis,
die Entsprechung; von nddt. liuls (frz. houx) zurlick. Da oallisches l vor
Konsonanten im Romanischen nur zum Teil mit lat. / 4- Konsonanten £leìch-
màfiio* behandelt wurdé und im besonderén auf dem [kitrs]- Gebiet durch r
ersetzt wurde, ist \kurs\ die unmittelbare Fortsetzum>* des oallìschen *kolis;
vgl. dazu den Abschnitt égoger in meinen Franzòsischen Etymologien. Uber
dieses gallofranzòsische [kus] vgl. Ivarte 2 des o«/?r-Aufsatzes von J. [ud
in ASSL 1910 und S. 100, Anm. 1.
2 Die Formen [ kurs ] bzw. [kòrs] werden durch die Dialektworterbiicher
gerade hier bestatigt; vgl. nach Horning, ZRP 31, 206, Anm. 2 bei
Baudouin, Gloss. Forèt de Clairvaux dazu raicousser «schleifeii»
(bei Punkt 122); bei Heuillard, Patois de Gaye (bei Punkt 128) queurse,
qiieurser.
WETZSJEIN UND KUMPF LM Ci ALLO ROMAN ISCH EN 15
und 124 zwar der Homonymititt mit [kó] -coda, sie geraten aber in
den Kreis von [kós] — coxa «Schenkel», eine Homonymitat, die eben-
so auf die Dauer unmoglich ist wie 'die mit [kó] «Schweif». Die
Folge davon ist, das nun das unzweideutige pierrc à aigniser des
Lokalfranzosischen cote verdrangt. Datò coxa auch auf anderen
Gebieten in der Geschichte’von cote eine Rolle spielt, wird im foh
genden gezeigt werden.
Der Ausgangspunkt der [kór ]-Form fiir cote ist also nach der
geographischen Lage der Punkte im Siidwesten des [kós, A’//s]-Ge*
bietes, also etwa im Departement Yonne, zu suchen. Eine weitere
solehe [kór ]-Form findet sich nun weitab von diesem Gebiet, in
Punkt515 des Dep. Char. Inf., der schon zu dem siidwestfranzosischen
Erhaltungsgebiet von cote gehort. Nichts berechtigt uns dazu, an-
zunehmen, dafi auch das ganze zwischen den Pubkten 515 und etwa
108 gelegene Gebiet ehemalsein [kor] — cote besessen hat* denn das
Schwanken im r-Auslaut war ja nicht geographisch beschrankt,
sondern fand sich vor allem in dem Bindeglied zwischen alien Mund-
arjen, namlich der SchHftsprache. Das [kor] von 515 und das von
108 erklart sich also aus der gleichen Grundlagé, den gleichen Strò-
mungen; es liegt also Doppelschòpfung in verschiedenen Gegenden
vòr. Es kann ja sein, dafì einzelne zwischen den beiden erhaltenen
[£ò>]-Gebietén liegende Punkte voriibergehend ein [ kor] — cote be-
sessén haben 1 ; aber solange das Schwanken zwischen [pò] und [por]
noch nicht entschieden war, war auch eine Neubildung [kór] flir cote
kein endgiiltiger Schutz vor der Verwechslung mit [kó] —coda, da
auch dieses unter das gleiche Auslautgesetz geraten konnte.
Weiteres iiber die Bedeutung dieser Form [kór] im Punkt 515 s. in
Abschnitt 15.
10. Es trifft also das pikardische [kós]- bzw. das stidlich daran
anschliefìende [kós], [&ws]-Gebiet der Champagne mit einem Typus
[kor] zusammen und endet im Siidzipfel der Champagne in der Form
[ku\, die, ohne organischen Auslaut, mit coda Schweif» in Kon-
kurrenz tritt und deshalb untergehen muB. Wenn tatsachlich der
Auslautskonsonant von afz. qiieas «Wetzstein» so lange das Wort
lebensfahig erhàlt, als er selbst in der Sprache erhalten bleibt, so
sollten wir Bewahrung von cotis vor allem in der nordostlichen
Wallonie erwarten, wo afz. bras noch héute mit auslautendem 5 ge-
1 Vgl. dazu die folgenden Ortsnamen des Dep. Vienne: Sandour, so seit
dem 16 Jahrh. fiir alteres Sandoas und umgekehrt altes (848) Magnalorum
seit 1519 Mignaloux; dann N Otre-Dame- d’or fiir altes d’òs, d’ost.
16
ERNST GAMILLSCHEG
sprochen wirdh Da im Wallonischen ferner lat. coda tiber awall.
cowe zu [kbw] wurde, ist hier an einen Zusammenfall von afz. couz
und awall. cowe nicht zu denken. Dazu kommt, dafi gerade die
Mundarten, die ftir lat. brachium, afz. bras, die Form [ bres ]
aufweisen, an Stelle des lat. cotarium eine Form \kozi\, \kuzi\
[kohi] besitzen, die auf einem [,kos ] «Wetzstein» bzw. einem alt-
wallonischen [kouts] aufbaut (Punkte 194, 192, 191). Dieses [kos]
wird ferner fiir die Gegend von Metz, also in der òstlichen Um-
gebung der Punkte 163, 173, als lebend angegeben. Das -s, das in
der Champagne [kos] lebensfahig macht, scheint also hier die Ur-
sache am Untergange des Wortes zu sein.
Es ist nun hòchstwahrscheinlich, datò dieses ostwallonische [kos]
«Wetzstein» infolge des Zusammenfalls mit einem [kos] = coxa,
cSchenkel> unterging. Lat. coxa ergab altwallonisch die Form
coisse , das zu [kose] wurde und nach dem Verstummen des aus-
lautenden -e mit [kos] «Wetzstein» zusammenfiel. eu fiir awall. oi
findet sich schon in den Predigten des heiligen Bernhard; vgl. dazu
Horning, ZRP 15, 562 1 2 , der es wahrscheinlich macht, dafi awall.
oi zu o wurde, bevor / mit nachfolgendem s zu S verschmolz. Heute
ist allerdings in der ganzen Wallonie das literarische cuissc in der
Form [knis], [kixis] eingedrungen, und o-Formen finden sich erst siid-
lich im Lothringischen, s. ALF 370; aber dieses wall. [kiiis] kann
schon wegen des s-Lautes nicht einheimisch sein. Frz. ellisse ist
eines jener literarischen Wòrter, das nach alien Richtungen hin vor-
dringt und die heimischen Entsprechungen des lat. coxa verdrangt.
Dies ist nicht nur in der Wallonie, sondern auch in der Normandie
geschehen, wo Moisy noch eine Form queusse anfiihrt, die heute
nach dem ALF hier vollstàndig geschwunden ist. Es ware nun
zweifellos unrichtig, anzunehmen, dafi awall. [kos] - c o x a durch cuissc
verdrangt wurde, weil [kos] doppeldeutig geworden war; denn nicht
1 Vgl. dazu Zéliqzon in ZRP 17 430, der fiir die preufiische Wallonie
die Erhaltung von auslautendem s bestàtigt. Der Auslaut von frz. puits
ist auf viel weiterem Gebiet erhalten als der von afz. brag , so dafi Haberl,
ZRP 34, 41 recht haben diirfte, wenn er in frz. puits nicht lat puteus.
sondern ein daraus entlehntes frànkisches *pnti (nhd. Pfiitze) sieht.
2 Zu [pus] in St. Hubert, Luxemburg, [pus] in Seraing: «Hat sich in
urspriinglichem pois aus poteus i mit o zu ó verbunden . . . . , bevor
wallonisch -is zu * wurde? Es blieb nur das sich pikarisch zu *, wallonisch
spàter zu s gestaltete. Wall, pus beruht meines Erachtens auf altererò pós
wie niit — noctem auf àlterem nói.» Coxa und puteus, fiir die oben der
gleiche konsonantische Ausgang angenommen wurde, lauten in Pange, Metz
(Dosdat, § 43) [pii/] bzw. [kó/].
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN
17
einheimisches ellisse findet sich auf Gebieten, die nie [Ajos] «Wetz¬
stein» gekannt haben. Aber dort, wo [kós] «Wetzstein» und [kos]
«Schenkel» zusammenfallen, mufi zweifellos die Sprache Abhilfe
schaffen. Denn der Bauer, der, um seinen Wetzstein zu bekommen,
sagt: donnez moi ma [kos], oder sagt: ma [kos] est brisée, passez moi
la [kos], setzt sich zumindest dem Gelachter aus, wenn unter [kos]
auch lat. coxa verstanden werden kann. [kos] «Schenkel» ist das
ungleich haufiger gebrauchte Wort als [kós] «Wetzstein», das ein
Werkzeug bezeichnet, das der Bauer nur zur Zeit der Mahd benòtigt.
In frilheren Zeiten, wo der Einflufi der Reichssprache noch geringer
war als heute, muSte daher das nur gelegentlich gebrauchte [kós\
«Wetzstein» vor dem homonymen Worte weichen und durch ein ein-
deutiges Wort ersetzt werden. Wlirde heute eine solche Homonymitat
eintreten, dann wlirde allerdings wahrscheinlich [kós] «Schenkel», ftir
das der Landbevòlkerung im Norden Frankreichs heute das lite-
rarische ellisse gelaufig ist, vor dem unliterarischen [kós] «Wetz¬
stein» weichen mlissen. Dieses [Ms] «Schenkel» hat also in der nord-
òstlichen Wallonìe [&os] «Wetzstein» mit organischem -s zum Unter-
gange verurteilt; es hat aber auch, wie S. 15 angenommen wurde,
das [kós] des Dep. Aube, dessen s Schutz vor dem Zusammenfall mit
queue «Schweif» sein solite, unmòglich gemacht.
11. Wie erwàhnt, geht das queuche -Gebiet der westlichen Wallonie
in Formen ohne Auslautkonsonanten tiber, die also mit [&ò’]-coda
zusammenzufallen drohen. Es handelt sich hier um die Punkte
292 291 199 198 197 188
cote [kg] [koi] [kgl] [ke 0 w] [kg] [kg]
coda [k(f] [kg e i] [kew] [ków] [kaw J [kew]
Es zeigen also nur die unmittelbar an das [Ms]-Gebiet anschliefienden
Punkte 292, 291 Zusammenfall der beiden Formen; denn die ost-
'licheren Mundarten haben in lat. coda den das Wallonische kenn-
zeichnenden Ubergangslaut w 1 . Dieser tritt nun aber in 198
auch fiir cote ein, d. h. [k$ow] «Wetzstein» dieser* Ortschaft ist
gar nicht lat. cote, sondern formell lat. coda. 198 hat ursprtinglich
[kó] in beiden Bedeutungen besessen; es entlehnt daher aus den
Nachbarmundarten im Osten die Form [ków], [keiv] fiir coda, und
setzte es fiir [kó] der eigenen Mundart ein. Die fast notwendige
1 Vgl. in Mamur [ków], [kow\ in alten Cartulaires queuve und quewe:
der ó‘-Laut in awall. cowe seit dem 13, Jahrhundert, 2. Halfte, s. Nieder-
lànder, Ma. Namuf, § 46. Ebenso im awall. Sone de Nausay: keuwc ,
12455. Awall. cowe ergibt im Osten [kaw], wie in Punkt 197. kovc ist
Archivimi Romanìcum. — Voi. VI. — 1922. 2
18
ERNST GAMILLSCHEG
Folge war aber die, datò nun die w-Form des Ostens auch fiir [kó]
«Wetzstein» eintritt, nachdem zur Bezeichnung des Schweifes das alte
[ko\ und das neu entlehnte [ków] nebeneinander gebraucht wurden.
So kommt es neuerdings zur Homonymitàt der beiden Wòrter. Da
aber die benachbarten Mundarten fiir lat. coda die Doppelformen
[kew\ und \ków\ kennen (die zum Beispiel beide fiir Namur ange-
geben werden), werden zur Unterscheidung von «Wetzstein» und
«Schweif» dialektisch verschiedene Varianten des lat. coda verwendet 1 .
12. Der Zusammenfall von cotis und coda konnte, abgesehen von
dem wallonisch-lothringischen Grenzgebiet, sowohl auf der Stufe [ko\
als auf der Stufe [kit] erfolgen. Letzteres ist die lautgesetzlich zu
erwartende Form im ganzen Westen Frankreichs einschliefilich der
Normandie und in Mittelfrankreich siidlich einer Linie, die im Westen
ungefàhr bei der Mundung der Loire beginnt, geradlinig nach Osten
bis ins Herz Frankreichs sich hinzieht und von hier in einem 45gra-
digen Winkel nach Nordosten abbiegt. Seit dem Mittelaltey dringt
aber das literarische ò namentlich im Westen Frankreichs in ein-
zelnen, immer zahlreicher werdenden Wòrtern vor. Innerhalb dieses
ferner die altlothringische Entsprechung von coda (zum Beispiel in den
Homilien des Haimo von Halberstadt, Diss. Giittler, Halle, 1915, S. 15)
und stellt die Verbindung mit sofrz. cotta her, das in Abschnitt 31 aus-
fuhrlich zur Sprache kommt
1 Datò die Gegend, die nach der im Text gegebenen Annahme [ków\
f k?w], aus der ostlichen Wallonie entlehnt hat, auch sonst un ter dem Ein-
fluB der ostlichen Mundarten steht, hat Gilliéron, Abeille, S. 32f. wahr-
scheinlich zu machen versucht. Datò dialektisch urspriinglich voneinander
geschiedene Entsprechungen eines und desselben Wortstammes stkundàr
innerhalb einer Mundart zur Scheidung von Bedeutungen, die sich aus
demselben Grundwort entwickelt haben, auch sonst Verwendung finden,
wurde in ZRP 39, 177 unter salix Waschtrog* gezeigt.
Solche Ubertragungen von einem Worte auf den homonymen Wortkòrper
konnen rein mechanisch stattfinden, wie das folgende aus der gleichen Gegend
stammende Beispiel zeigt. Lat. cubitus ; erschéint in 198 (das fiir cote die
Entsprechung von coda eintreten liefi) und den im Norden und Westen an-
schliefìenden Mundarten mit auslautendem -s.* [tos], [#6>s] u. a. Die gleichen
Formen [kus\ [kós ] treten im Anschlufò daran im Osten fiir lat. con sue re
auf, wo sie auch berechtigt sind, da im Ostwallonischen s vor Konsonant
erhalten bleibt. Es sind also im pikardisch-wallonischen Grenzgebiet cubi-
tus und consuere lautlich als [kud], \kód] zusammengefallen. Dann ist
aus irgend einem Grund in diesen Mundarten fiir [kud] — consuere die
ostliche Form [kits] iibernommen worden, das Schwanken zwischen der ein-
heimischen Form [kud\ und der aufgenommenen Form [kus] wird nun aber
auch auf dasbegrifflich und syntaktisch durchausferne stehende, aber homonyme
[kud] — cubitus iibertragen, das auf diesem Wege zu einem sonst ganz
unverstandlichen auslautenden -5 gelangt.
VVETZSTE1N UND K.UMPF 1M GALLO ROMAN ISCHLN
19
[/^]=coda und cote-Gebietes zeigt sich nun in 19 Ortschaften des
ALF Erhaltung von cote, so dafi also hier a priori Homonymitat
von cote und coda za erwarten ist.
Da fallt zunachst Punkt 171 (Meurthe-et-M.) weg, der in [kaw]-
coda einen letzten Rest des altlothringischen cowe zeigt, s. S. 17,
dagegen cote als [ku] lautgesetzlich entwickelt hat. Im Anschlufi
an das [kor ], [£z/5]-Gebiét (S. llff.) ist [ku] erhalten in den Ort¬
schaften
120 28 27 17
cote [ku] [ku] masc. [ku] [ku]
coda [ku] [ku] fem. [ku] [ku]
In den Ortschaften 120, 27, 17 ist also tatsachlich der Zusammen-
fall der beiden Starnine volistàndig, der Untergang eines der beiden
Wòrter nur mehr eine Frage der Zeit. Dem Zusammenfall ging eine
Periode voran, in der [ku] — coda mit langem n neben [ku] -cote mit
kurzem ù stand. Dafi aber dieser quantitative Unterschied der beiden
Tonvokale den Zusammenfall der beiden Wòrter in der raschen Rede
nicht aufhalt, zeigt [ku] — coda in Punkt 17. Das kurze h dieses
Wortes geht also im letzten Grunde auf den Tonvokal der Ent-
sprechung von lat. cote zuriick, wie das S. 17 angeftihrte [kew]
cWetzstein» in P. 198 auf lat. coda. Punkt 28 zeigt uns dagegen
ein neues Mittel, der Homonymitat ^wischen coda und cote aus-
zuweichen; er hat maskulinisches [ku] «Wetzstein» neben femininem
[ku] «Schweif ;. Schon in Abschnitt 6 wurde ausgefuhrt, dafi die in
deklinablen Feminina die Tendenz haben, Maskulina zu werden, d. h.
ihr Geschlecht der Deklinatiousklasse, in die sie geraten sind, anzu-
passen. So ist auch afz. couz bei Godefroy 10. 460 vom Jahre 1397
(un grant queuz) als Maskulinum bezeugt. Maskulinisches [ku]
kennt ferner Jaubert, Gloss. du Centre, far Berry (coue: 1. queue
d’un animai, 2. étui en come ou en bois . . . qui recèle son cous ...
sa pierre à aiguiser). Der Abbé V a y s s i e r, aus dessen Nachlafi
im Jahre 1879 ein Dialektwòrterbuch des Dep. de'l Aveyron ver-
òffentlicht wurde, schrieb ferner: cout. écout: queue f. queux m.
affiloir. Ftir ihn war also das literarische queux «Wetzstein» Mas¬
kulinum. Ein solches maskulinisches [ko] làfit ferner Punkt 918
(Jura) mit [akò] masc. erschliefien; siehe daruber Abschnitt 29 1 .
1 Zur Frage des Geschlechtswandels vergleiche aufier Armbruster die
ideenreiche, aber unhistorische Untersuchung von E. Platz, Recherches
sur la formation du genre et la superposition verbale d’ après l'Atlas lin-
guistique de la France, besonders § 53, in Arch. Rom. II., 1 33 ff.
20
ERNST GAMILLSCHEG
Ein afz. cous Maskulinum ist also eine Form, die entwicklungs-
geschichtlich berechtigt ist und daher ehemals wohl viel weiter ver-
breitet war, als dies aus den heutigen Resten hervorgeht. Ein neu-
frz. maskulinisches [ku] ist aber ebenso zum Untergang verurteilt wie
feminines [kti] ; denn es ist zwar dem Zusammenfall mit coda entriickt,
gerat aber in den Kreis von cou — collum, coup — colpum und ist
deshalb ebenfalls nicht lebensfahig. Das ist auch der Grund, warum
wir nicht zahlreichere Reste von afrz. mask. cous - c o t i s finden.
13. Ein weiteres Gebiet mit erhaltenem lat. cote umfafit Tede von
Poitou und Saintònge. Es sind diés zunachst fiinf Punkte des Dep.
Vendée und P. 416 des Dep. Vienne. Vgl.
458 459 540 448 429 416
cote [ko] [kò] [kò] [kò a adiiize] [kò a adiiize] [ko]
coda [tio] [kii] [kti] [ku] [ku] [kò]
Da zeigt sich nun die uberraschende Tatsache, da 13 die erwartete
Homonymitàt von coda und cote in Wirklichkeit nirgends zu finden
ist. Fiir «Schweif» finden sich in den drei westlichsten Punkten und
in 416 Formen, die nicht lautgesetzlich entwickeltes lat. coda dar-
stellen, sondern angepafites literarisches queue sind. Die Punkte 448
und 429 haben dagegen noch unliterarisches [ku] »Schweif«, aber
[ko] à aigniser «Wetzstein». Die Erganzung à aiguiser bei [ko\-
cote hat aber nur dann eine Berechtigung, wenn die Sprache ein
anderes [ko] besitzt, von dem dieses erste [ko] geschieden werden
soli, siehe S. 10. Daraus ergibt sich, dafi [ku] «Schweif» der Punkte
448 und 429 ebensowenig lat. coda in unbeeinflufiter Entwicklung
darstellt wie etwa [ko] in 416. Es war hier zweifellos [ko] ehemals
sowohl die Entsprechung von coda wie von cote; daher wurde fiir
das zweite ein à aiguiser hinzugefiigt. Gleichzeitig oder spater
wurde aber in dem gleichen Streben, der Homonymitàt auszuweichen,
das [ku]-c oda der Nachbarmundarten im Norden und Siiden an-
genommen, so dafi nun neben [ku] «Schweif» ein [ko] à aiguiser steht,
in dem à aiguiser als iiberfliissig weggelassen werden kann (P. 416,
458, 459, 540). Schliefilich drang das literarische queue in den YVesten
und verdràngte [ku] «Schweif», so dafi nun queue «Schweif» und [ko]
«Wetzstein» bis auf weiteres nebeneinander bestehen kònnen 1 .
1 Es ist schwer, aus den urkundlichen Formen auf diesem Gebiete einen
tatsàchlichen Einblick in die Entwicklung des lat. ò auf diesem Gebiete zu
gewinnen. Fiir Vendée gibt E. Gorli eh, Slidwestliche Dialekte der langue
d’oil, Frz Stud. 3, 59 als hàufigste Form o an, ebenso fiir Vienne; vgl. auch
die Schlufifolgerung Gorlichs, 1. c. S. 60. «Im allgemeinen gilt die Regel :
o bleibt in unseren Dialekten im 13. Jahrhundert intakt. Schon im Anfang
WETZSTE1N UND KUMPF 1M GALLOR0MAN1SCHEN
21
Das Nebeneinander von [ko] à aiguiscr «Wetzstein» und \kò]
^Schweif» bestand ehemals wohl auch in den Mundarten 427 und 417,
die den Ubergang des cotis-Gebietes des Departements Vendée mit
Punkt 416 (Vienne) darstellen. Diese Mundarten haben aber zwecks
Ersatzes von f ko] «Schweif» nicht zu einer Form der Nachbarmund-
arten gegriffen, sondern in der Verbindung [kò\ à aiguiscr «Wetz¬
stein», das zu einem «Wetzschweif» zu werden droht, das doppel-
deutige [ko\ durch das entsprechende allgemeine picrrc ersetzt, wie
schon S.. 10 ausgefuhrt wurde.
Es wurde also oben vermutet, datò das Eindringen des literarischen
quelle im Westen nicht unmittelbar durch die Homonymitat von coda
und cote verursacht wurde, wie ahnlich im Osten eclisse ostfrz. [kòs]
ersetzt, auch wo niemals ein [kos] «Wetzstein» bestanden hat. In
Vendée war, wenn die oben gegebene Erklarung richtig ist, der Kampf
zwischen cote und coda schon vorher entschieden (hier durch Aufnahme
einer Form benachbarter Dialekte fiir coda), und so wird nòrdlich
davon die Homonymitat, wie im Stiden des Departements Vendée, auf
der Stufe \ku] eingetreten sein, bevor literarisches queue eindrang h
des 13. Jahrh. macht sich jedoch das Streben geltend, o vor 5 und am Ende
derWórter in ou iibergehen zu lassen. Diesem Ubergang des o vor 5 und
am Ende der Worter schliefit sich dann die in der Mitte des 13. Jahrh. auf-
tauchencje und von der Zeit an immer mehr uberhandnehmende Entwicklung
des o vor r an, ein Wandel, welcher im 14. Jahrh. die Oberhand gewinnt
und im 16. Jahrhundert bereits den Sieg davongetragen hat .... Die Ent¬
wicklung von o durch ou zu eu ist in unseren Dialekten bis auf den
heutigen Tag fremd geblieben, ausgenommen natiirlich diejenigen Falle,
welche aus der franzosischen Schriftsprache eindrangen.»
Eine Verschiedenheit in der Entwicklung von afz. eoe und couz ist also nicht
anzunehmen; o und u sind nicht nach der Art der hier vorliegenden Auslaut-
konsonanten bzw. -vokale, sondern zeitlich und geographisch geschieden.
1 Das Vordringen von queue in Nordfrankreich hàngt mit der Verbreitung
des literarischen ó fiir lat. ò in freier Stellung zusammen. Es wandern eben
nicht nur Worter, sondern auch Lautgesetze. Das Eindringen des literarischen
queue ist eine verhàltnismàftig junge Erscheinung Heute ist ìku] — coda
in Westfrankreich nur mehr auf wenigen zerrissenen Gebieten vom Departe-
ment Manche bis Vendée zu finden. Moisy, 1. c. S. 160 kennt fiir die
mittlere Normandie noch colie , das heute nach dem ALF 1120 hier er-
loschen ist. Vgl. ferner bei Verrier-Onillon, Gloss. de TAnjou, Angers.
1908, coue, écoue: Ce mot important a beaucoup vieilli; il est remplacé
presque généralement aujourd’hui par son syn. fran^ais. Fiir Berry gibt
Jaubert, Gloss. du Centre de la France, Paris, 1864 an: Coue : queue
d’un animai; extrémité inférieure de certaines choses, daneben queue in
einer Reihe syntaktischer Verbindungen (551); heute ist hier coue voll-
stàndig geschwunden. Fiir Blois kennt Thibaut, Gloss. du pays Blaisois,
Blois, 1892 coue nicht mehr. Dottin, Gloss. du Bas-Maine, Paris, 1890
22
ERNST GAMILLSCHEG
14. Im Sliden des zuletzt behandelten Gebietes ist nun aber die
Welle , die [queite] ftir einheimisches [ku] eindringen lafit, mit dem
Ausgleichskampfe zwischen cote und coda zeitlich zusammen-
getroffen und hat in ihn eingegriffen. Es betrifft dies die folgenden
Ortschaften der Departements Vienne, Deux Sèvres, Char. Inf. :
514 512 515 527 528 630 632
cotis [ku é ] [kù d dai] [kò r ] [kù] [ku] [ku] [kù]
coda [kuet] [kuet] [kuet] [kuw] [kù] [ku] [ka]
Es wiederholen sich also zunachst auf diesem Gebiet die Erschei-
nungen, die schon aiif den friiheren Gebieten beobachtet wurden.
Punkt 527 hat ftir coda die altertumliche Form {kuw ], deren w-
Nachklang den letzten Rest des afz. auslautenden -e von eoe darstellt.
Derselbe Nachklang in der Form eines nasalen e tritt auch in 514
auf, aber hier nicht fur coda, sondern ftir cotis, wo er nie be-
rechtigt war. Es ist hier also, ahnlich wie [kew\ — coda in der
Wallonie, die lautliche Entsprechung von coda ftir cotis eingetreten.
[ku] und [ku e ] waren also satzphonetische Varianten von coda (wie
[pò] und [por] S. 14); dieses Schwanken wurde nun auch auf [ku] —
cotis iibertragen, und hier hat sich die Pausaform erhalten, wàhrend
[ku] — [ku e ] «Schweif» einer Neubildung weichen muBte. Das Neben-
einander von [kuw] und [ku] von 527 wiederholt sich in 630, wo
cotis mit kurzem ù , coda mit langem n erscheint. Aber solche
Unterschiede genugen auf die Dauer nicht, um eine Verwechslung der
beiden Begriffe hintanzuhalten, und tatsachlich wird in den Punkten
528 und 632, die 630 (mit [ku] neben [ku]) einschliefien, dieselbe Form
[ku] fur «Schweif» und «Wetzstein» angegeben. Es ist hier also der
Kampf noch in vollem Gang. Diese wenigen Punkte zeigen nun
gleichzeitig drei Wege an, die die Sprache einschlagen kann, um der
durch die Homonymitat gegebenen Verwechslungsmòglichkeit der
beiden Wòrter auszuweichen. Neun Punkte in dem hier in Betracht
kommenden Gebiet (darunter die Punkte 512, 514, 515) haben ftir
coda die Koseform couette «Schweiflein». Ohne auBeren AnlaB be-
zeichnet kein Landmann den Schweif seines Ochsen oder Pferdes mit
einer Koseform; aber diese ist ihm ein Mittel, den «Wetzstein», der
inhaltlich eine Koseform schwer zulaBt, von dem «Schweife» zu unter-
scheiden. Es kann also angenommen werden, daB liberali, wo wir
verzeichnet noch [kii\ in der Pflanzenbezeichnung [ku de mar ] «Leucanthe-
mum vulgare» und in dem Vogelnamen [ku ruz] «Rotschwànzchen», sonst
[kd] [, kió ]; vgl. dazu in der Grammatik, S. 6 C ) der Eirileitung die alten
Formen. die durchwegs ou zeigen.
WETZSTEIN UNI) KUMPF 1M GALLO ROM ANISCHEN
23
heute couette «Schweif» antreffen, ehemals ein [ku] «Wetzstein» vor-
handen war, also im besonderen unter dem * aiguisette des Punktes 510,
Pierre à aiguiser der Punkte 511, 507, 509, pierre à afùter des
Punktes 523 usf. Dafi tatsachlich gerade auf diesem Gebiet die
Diminutivbildung ein Mittel ist, um der Homonymitàt zweier begrifflich
nicht zu vereinigender Begriffe auszuweichen, zeigt die folgende Tatsache :
Lat. filum «Faden» und ficus «Feige», hier in der Bedeutung «Warze»,
fallen im Sudwesten Nordfrankreichs unter der Form [fi] zusammen 1 ;
es tritt daher fiir [ fi] «Faden» die Koseform filet — »Fadchen» ein. Die
Ubereinstimmung der beidenGebiete ( filet — irz. fil und [fi] = frz.
verme) ist eine so auffallende, dafi an einen Zufall nicht gedacht
werden kann. Die Bildung der Koseform filet fiir fil «Faden» mufi
in ursachlichem Zusammenhang mit der Form [fi] — ficus stehen.
[fi] «Warze» und filet «Faden» kònnen bei einiger Phantasie zu-
einander in die Beziehung des Grundwortes zu seinem Diminutivum
gebracht werden; die «Warze» kann als dicker Faden, der «Faden»
als diinne Warze gefafit werden. Anders aber ist das Verhaltnis von
colie «Wetzstein» zu couette «Schweif». Das Eintreten der Koseform
couette fiir colie «Schweif» ist nur so lange ein Schutz im Kampfe
zwischen coda und cote, als es noch tatsachlich als Koseform ge-
fiihlt wird, neben der ein [ku] = »Schweif + Wetzstein» weiterbesteht.
Sobald aber couette usuell fiir «Schweif» wird (wie etwa mulet «Maub
tier» fiir mul), wird es notwendigerweise ne.uerdings mit [ku\ in Be¬
ziehung gebracht, das nun aber eindeutig «Wetzstein» bedeutet. Ein
[ku] «Wetzstein» neben [kuet] «Schweif» ist aber auf die Dauer eine
Unmoglichkeit; denn bei der Lebenskraft des -ittus-Suffixes mufi je
nach der affektischen Starke eines der beiden Wòrter entweder [ku]
die Bedeutung «grofier Schweif» annehmen, oder [kuet] wird zum
«kleinen Wetzstein». Aus ahnlichen Griinden wie hier ist in einzelnen
provenzalischen Mundarten couette fiir coda eingetreten; dazu schreibt
nun der Abbé Vayssier 1. c. unter c o u o : queue, grande queue ;
coueto: queue; N. Dans les pays où l’on dit aio, les mots coueto ,
cueto ... ne s’emploient que dans le sens de petite queue.
Das Eintreten der Form [kuet] fiir [ku] — coda ist also nur eine
zeitweilige Hilfe ; der eigentliche Kampf geht weiter. Der Punkt 512
(mit [kiiet] «Schweif») setzt fiir [ku] «Wetzstein», das der Form nach
immer in Gefahr ist, als «grofier Schweif» verstanden zu werden, die
Umschreibung [ku à dai], « [kit] fiir die Sense» ein. Es ist diese
1 Dieser Zusammenfall erfolgte erst im spàteren Mittelalter, denn altpoitev.
ergab ficus — [fik'], filum — [fin].
24
ERNST GAMILLSCHEG
Umschreibung die Entsprechung des [ko] à aiguiser der Punkte 448 und
429 und wird vermutlich friiher oder spàter in pierre de dail iibergehen,
wie467 (Loire-Inf.) in unmittelharer Nachbarschaft von [ko] «Wetzstein»
(458) mit seinem pierre à dar vermutlich ein [ko a dar] fortsetzt.
15. Der Punkt 515 endlich hat [kuet] «Schweif», daneben [kó r ]
«Wetzstein». In der Entsprechung des lat. cotis ist sudlich der alten
li —o-Grenze (S. 18) nirgends ein [ó] tzu finden als in dieser einen
Mundart; es stammt aber. zweifellos auch hier die ò’-Form gar nicht
von lat. cotis, sondern geht von literarischem queae aus 1 . Das làfit
uns fur die Zeit vor dem Eintreten der collette = «Schweif»-Form
eine weitere Stufe in dem Streit der Homonymen erschliefien. Es
sind also offenbar afz. cous (oder hier vielleicht cou , s. S. 5 Anm.) «Wetz¬
stein» und eoe «Schweif» auf der Stufe [ku] zusammengefallen • um
der Verwechslung der beiden Begriffe auszuweichen, griff daher die
Sprache nach dem literarischen queue «Schweif». Dieses Eindringen
von quelle hat vermutlich mit der oben erwahnten Sprachwelle, die
queue in geographisch geschlossener Form vorschiebt, nichts zu tun-,
hier handelt es sich um eine wirkliche Entlehnung unmittelbar aus
der Schriftsprache, die vermutlich schon im 16./17. Jahrhundert ein-
trat. Es stand also jetzt neben einem [ku] Wetzstein ein [ko\
Schweif , das aber altes [ku e ] < Schweif» nicht plotzlich verdràngt,
sondern eine Zeit hindurch neben diesem gebraucht wird. Die Folge
davon aber ist notwendigerweise, da fi diese Doppelformen [ku] — [ko]
nun auch fur [ku] «Wetzstein» eintreten, da die Entlehnung der
schriftsprachlichen Form [ko] fur coda eine individuelle Tat darstellt,
den aufnehmenden Kreìsen aber der innere Gruna fur die Ubernahme
dieser fremden Form [ko] gerade fur [ku] —coda, und nicht fur das
homonyme [ku], nicht bewufit war. Die Homonymitàt ist also neuer-
dings da. Nun wird fur [ku] — [ko] in der Bedeutung Schweif»
nach dem Vorbild der Nachbarmundarten die Koseform collette ver-,
wendet, die, wie erwahnt, neben sich ein [ku] «Wetzstein» auf die
Dauer nicht dulden kann. So wird von den Doppelformen [ku] — [kó]
in der Bedeutung Wetzstein» die zweite beihehalten; denn queue —
couette stehen zwar im nòrdlichen o-Gebiet zueinander im Verhaltnis
von Grundwort und Diminutivum, nicht aber hier, wo weder lat. ò
noch 6 ein ó ergaben. Spater trat dann an [kó] «Wetzstein anlafi-
lich der Wiederherstellung des auslautenden -r bei einsilbigen Haupt-
wòrtern falschlich ein r an, vgl. S. 15 Anm.
1 Der gleiche Punkt 515 hat inmitten von la sau «Salz» franzosisierendes
la sei , s. Gilliéron, Et. Géogr. ling., S. 82.
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN 25
Das 6 von [kó r ] «Wetzstein» stammt also von coda Schweif»,
und zwar auf dem Umweg iiber literarisches quelle. Es zeigen sich
also zum drittenmal in der Geschichte der Wortstamme coda und
cotis in der Bezeichnung des Wetzsteins lautliche Merkmale, die ur-
sprunglich nicht cotis, sondern coda zukommen: w in der Wallonie,
auslautendes e und betontes ó im Sudwesten.
Es hat also je nach der Zeit, in der der Zusammenfall von coda
und cote erfolgte, die Sprache nach verschiedenen Auswegen ge-
sucht, um der Verwechslung der beiden Wòrter auszuvveichen. Drei
verschiedene, nur zum Teil erfolgreiche Wege zeigen uns die wenigen
Mundarten im Sudwesten Frankreichs an, die noch lat. cote in Aus-
Uiufern erhalten haben. Was sich aber unter dem Meer von Neu-
bildungen ftir afz. couz zwischen den drei bisher besprochenen Er-
haltungsgebieten dieses Wortstammes abgespielt hat, bevor dieser rest-
los untergegangen ist, lafit sich nicht mehr feststellen.
16. Die Voraussetzung ftir den Zusammenfall von cote und coda
ist der speziell nordfr. Schwund des auslautenden -a und das Ver-
stummen der in den Auslaut tretenden Konsonanten. Es solite daher,
wenn keine anderen Grlinde ftir den Untergang von cote mafigebend
wàren, das aprov. cot auf dem ganzen siidlichen Gebiete erhalten sein.
Tatsachlich zeigt sich dieses aber nur im Anschlufi an das [£//]-Gebiet
von Saintonge in der Gironde* dann in einem zusammenhangenden
Gebiet, das die Departements Lot ? Cantal, Aveyròn, Lozère und einige
anschliefiende Mundarten umfafit. Cotarium Kumpf> ist dagegen
fast im ganzen Siiden erhalten. Eine Ausnahme macht davon nur das
Gebiet der Gascogne, wo weder cote noch cotarium in ihren Fort-
setzungen zu finden sind.
Namentlich das Fehlen der beiden Wortstamme in der Gascogne
ist auffallig, und man wird den Grund dafiir wohl in Eigenheiten der
Mundartentwicklung gerade auf diesem Gebiete zu suchen haben.
Homonymitat irgendeines aprov. Wortes mit aprov. cot kommt nicht
in Betracht. Wo der Hebel der Erklarung anzusetzen ist, zéigt die
Form einer einzigen Mundart, namlich [kuterero] des Punktes "697,
das den letzten Auslaufer von cotarium gegen das gascognisch-
bearnische Gebiet hin bildet. [kuterero] ist weder unmittelbare Fort-
setzung des lat. cotarium, noch Neubildung nach einem bearnischen
| kilt] «Wetzstein >, sondern entspricht einem frz. iY coutclière l , d. h. es
1 Vgl. dazu im Ostteile des gaskognischen Gebietes die Form \deznuzera \
ftir westliches [deznuda] «einen Knoten auflosen», das von [nnzet] «Knoten^-
neugebildet ist. (ALF 1532.) In der Gascogne sind lat. nodus und lat. nuce
(frz. nceud und noix) in Konflikt geraten; eines der Mittel zur Vermeiduni::
26
ERNST GAMILLSCHEG
ist Ableitung von einem franzòsisierten couteau «Messer». Das Gebiet,
in dem cote wie cotarium in Siidf rankreich fehlen,
fàllt nun fast genau mit dem Gebiet zusammen, in dem
lat. cult e II us, die Form [kutet\ angenommen hat.
Was oben flir das Verhàltnis couette «Schweif» zu coue «Wetzstein
erschlossen wurde, spielt sich also hier vor unseren Augen ab. Ein
[kut] «Wetzstein» wird unmoglich, sobald daneben ein [kutet] «Messere
tritt ; es bekommt die Bedeutung «groGes, altes Messer», oder [kutet]
Messer wird zum «kleinen Wetzstein . Da [kutet] Messer ungleich
haufiger in der Sprache gebraucht wird als [kut] «Wetzstein» , und
besonders da das letztere im Wortschatz der Frauen, die allgemein
den konservativen Teil der Bevolkerung, auch in sprachlichen Dingen,
darstellen, eine ganz geringe Rolle spielt, bleibt \kutet] «Messer» Sieger;
[kut] «Wetzstein muG ersetzt werden. DaG aber tatsàchlich dieser
Ausgleich nicht kampflos vor sich ging, zeigt das angefilhrfe [kute-
rero] des Punktes 697, das ein vortibergehend Wetzstein» bezeich-
nendes [kutet] voraussetzt 1 .
17. Da das Gascognische nicht nur in lautlicher Beziehung oft in
Gegensatz zu den anderen provenzalischen Mundarten tritt, konnte
man vermuten, daG hier das lat. cote und cotarium uberhaupt nie
bekannt waren. Dagegen spricht vor allem, daG fur «Wetzstein» und
«Wetzsteinbehalter» ’ hier durchwegs sekundare T}^pen herrschen
( pierre / etili, coupé usw.). Ohne ein [kut] «Wetzstein ist ferner
[kuterero] 697 unverstàndlich. Ein altes [kut] «Wetzstein» lassen aber
vor allem die Mundarten der Gironde erschlieGen, die noch innerhalb
des [kutet] «Messer -Gebietes liegen. Vgl. die Ùbersicht tiber die
folgenden Mundarten, unter denen die an das cote-Gebiet der Gironde
im Osten anschlieGenden Punkte mitaufgenommen sind:
548 549 650 641 662 653
cote [kùts] [kùts] [kuts] [kuts] [kuts] [kuts]
cotarium [kutei] [kutòi] [kutoi] [kudeit] [stiiF] [ktibat]
der Verwechslung war die Diminutivbilduno;, die je nach den Mundarten bald
nodus, bald nuce ergriff. [deznuzera] «den Knoten lòsen» ist ebenso ein
Zeugnis ftir [nuzet\ «Knoten» wie[ kuterero 1 ), «Kumpf» fiir [kutet] «Wetzstein».
1 DaG hier in der Gascogne auch cotarium untergegangen ist, kann die
Folge des Unterganges von cote sein; wahrscheinlicher ist aber die Er-
klàrung, die in Abschnitt 38 gegeben werden wird. Uber die Folgen des
Ubergangs von - ellus zu -et im Gascognischen vgl. Gilliéron, L’aire
clavellus usw., Bern 1912, 4 ff. ; daG der Zusammenfall von' - ellus und -ittus
hier ein vollstandiger ist, siehe in dessen Pathologie et thérapeutique ver-
bales, Bern, 1915, 50 ff.
WETZSTE1N UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN
27
643
635
636
cote
pierre de daille
pierre
pierre à aiguiser
cotarium
[kudei]
[kudi]
[kuie|
637
638
720
cote
pierre
[kuts]
[kut]
cotarium
[kudie]
[kudie |
[ kutsiero]
Es haben also die Mundarten der Gironde und Punkt 638 des De-
partements Lot-et-Gar. statt der zu erwartenden Form [kilt] eine Form
[kuts], die durch die Ableitung [kutsiero] auch fur 720, Departement
Lot, zu erschliefien ist, dessen heutiges [kut\ «Wetzstein; also auf
alterem [kuts] beruht. Da nun gerade in der Gascogne lat. vitis
als [ bits] erscheint (davon gelegentlich [bit] als Ruckbildung, s. S. 9),
kònnte man zunachst vermuten, daB dieses nordgascognische [kuts]
gleich dem afz. cous ein indeklinables galloromanisches c o t i s
darstellt. Dann ware allerdings die Erklàrung des Schwundes von
cotis in der Gascogne wegen des Zusammenfalls mit dem Stamme
von [kutet] aufzugeben* denn ein [kuts] «Wetzstein steht morpho-
logisch mit [kutet] «Messer in keiner Beziehung. Allein [kuts] ist
ebensowenig ursprtinglich wie das [kilt] in 720, denn die Form [kutei],
[kutoi\ fiir den Kumpf in 548—650 ist wieder nicht unmittelbare
Fortsetzung von lat. cotarium, soridern Ableitungen von einem [kut]
Wetzstein , das auf einem noch zu bestimmenden Weg zu [kuts]
wurde. [kut] in 720 beruht also auf alterem [kuts], dieses auf [kut],
das auf aprov. cot — lat. cote zuruckgeht. Die Bildung der Form
[kuts] flir [kut] in den zwei Punkten 638 und 720, die auBerhalb des
c u 11 e 11 u s - [kutet]- Gebietes liegen, hat mit der Wechselbeziehung
zwischen [kut] und [kutet] nichts zu tun. Wohl aber kann man an-
nehmen, daB eine einheitliche [kuts] - Zone ehemals von 720 sich bis
in den Norden der Gironde erstreckte. Hier ist [kuts] als Form der
Nachbarmundarten entlehnt worden, weil, wie oben angenommen
wurde, das heimische [kut] als scheinbares Grundwort zu [kutet] un-
brauchbar wurde.
Die Analogie mit dem Verhalten der nòrdlichen Mundarten liegt
auf der Hand. In Poitou wird ein [ku] —coda der Nachbarmund¬
arten entlehnt. um doppeldeutiges [ko] zu vermeiden; so lebt [ko\
«Wetzstein neben [ku] Schweif wie hier [kuts] «Wetzstein; neben
[kutet] Messer». Aber auch die Form [kuts] ist kein endgtiltiger
Schutz vor der begriffiichen Beziehung des Wortes zu [kutet] «Messer .
Denn da -s charakteristisches Piuralzeichen ist, ist eine Riickbildung
von [kuts] zu [kut] stets drohend, wie ja gerade in der Gascogne
28
•ERNST GAMILLSCHEG
zahlreiche [bit] - Formen neben [bits], [bis], aprov. vis Schraube> zu
finden sind. Es schwindet also auch [knts] , wenn und soweit es
ehemals sudlich vom heutigen [£//£]-Gebiete vorhanden war. Dann
ist dort aprov. coi iiber [kut], [ kuls], [ kut ] in peire — petra iiber-
gegangen; [knts] war also nur vorubergehendes Schutzmittel, wie
etwa [ko] in 515.
Wie ist aber die Form [kuts] zu erklàren, wenn sie nicht ein aprov.
cos sein kann? Fiir lat. apis erscheint in den drei Punkten 548,
549, 650 eine Form aps, die man zunàchst als alte Pluralform fassen
mòchte, aber die Verwendung einer Pluralform bei [kut] Wetzstein»
ist noch weniger wahrscheinlich als bei aps «Biene», da ja der Wetz-
v stein beim tatsachlichen Gebrauch ausschliefilich in der Einzahl vor-
kommt. Aufierdem macht G i 11 i é r o n, Abeille 177, wahrscheinlich,
dafi dieses aps der Gironde gar nicht lat. apis direkt fortsetzt,
sondern aus dem Nordosten entlehntes eps darstellt. Hier wird auch
ausgesprochen, dafi gerade diese Mundarten mit Vorliebe Formen der
Nachbarmundarten entlehnen h Die Heimat der Form [kuts] ist also
nicht in der Gironde zu suchen; sie liegt in der Gegend der Punkte
638, 720 und Umgebung. Denn gerade hier lauft die Grenze zwischen
den Gebieten durch, auf denen/lat. -et- einerseits zu aprov. eh, heute
tSj anderseits zu -it, t wird, vgl. die Formen [estretsó] neben [estreto]
= frz. étroite ; [frets] neben [fret] fiir frz. froid; [lets] neben [let]
fiir frz. lit; [mets] neben [met] fiir frz. mi, lat. medium. Nament-.
lich die Punkte 720 und 638 liegen bald innerhalb, bald aufierhalb
des As-Gebietes.
Vgl. dazu noch die Karte nuit des ALF (929) mit 638 [nets\,
720 [net] ; Karte 369 cuti, mit [kets] in 638 und 722 usf. Das
/s-Gebiet scheint vor dem ^-Gebiet im Riickgang begriffen zu sein;
das bezeugen falsche Riickbildungen wie [dei] fiir decem in 637,
628, 720; [krut] fiir cruce in 628, 637 und im Nordosten des
As-Gebietes in 715, 717.
Es hat also nach dem Zeugnis der letzten Formen [kuts] ehemals
vermutlich zumindest nach 637 gereicht, so datò zu der Briicke zum
|&///5]-Gebiet des Médoc ein neuer Pfeiler gelegt ist. [kuts] fiir [kut]
entsteht also in dem Gebiet, in dem [mets] neben [met] = medius,
[nets] neben [net] — noe te u. a. in Gebrauch stehen. Dieses [kuts]
entsteht gerade rechtzeitig, um als Variante fiir ein [kut] einzutreten,
1 1. c. S. 178: «Il faut dono que le Médoc soit un emprunteur de pro-
fession, en quelque sorte, et cela est non seulement vraisemblable, mais
certain.».
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMANISCHEN
29
das in den Stammkreis eines fernstehenden Wortes, nàmlich [kutet],
gezogen wird. Die Entlehnung erfolgte vermutlich an dem Teil der
ts — ^-Grenze, der mit der Grenze zwischen [kutet und [kutel], [ kuteu\
zusammenfiel, also in der Gegend von 637, 648, und ist von hier in
den Nordwesten gewandert. Dafì ein solches [kuts] selbst wieder in
Gefahr ist, zu [kut\ zu werden, zeigt augenscheinlich die Form [brut]
— [kruts] — cruce in 637, 549\
18. Es bleibt noch zu untersuchen, in welcher Zeit sich die oben
angenommenen Verschiebungen vollzogen haben. Der Ubergang von
-II- zu t ist schon fur das 11. Jahrhundert bezeugt ( cauad, bet =
caballus, bellus), s. Schultz, Gask. Gram. 42. Ein Teil des
heutigen /-Gebietes hatte ehemals die Lautung ty , s. P. Meyer,
Rom. 5, 3ò9* immerhin durfte das heutige Verbreitungsgebiet zu der
Zeit erreicht gewesen sein, zu der der zweite in Betracht kommende
Lautwandel, der Ubergang des vortonigen ou zu u und des betonten
g zu u sich vollzog. Der Wandel von o zu u ist' seit dem 15. Jabr-
hundert bezeugt, im 16. Jahrhundert gesichert, $. A. Schneider,
Zur lautlichen Entwicklung der Mundart von Bayonne, Breslau 1900,
S. 14. Lat. ultra ist in Dokumenten der Landes noch im 14. Jahr¬
hundert bisweilen oltre geschrieben, daher wohl outre gesprochen-,
eine Form otre , die als [utre\ gelesen werden kann, ist im 14. Jahr¬
hundert, dann Ende des 15. Jahrhunderts belegt, s. Millardet,
Etudes de Dialectologie Landaise, S. 107, Anm. 5. Die Stufe u war
also im 15. Jahrhundert sicher erreicht. Es ist also Ende des 15.,
Anfang des 16. Jahrhunderts zu dem Konflikt zwischen cote und
cultellus gekommen- das Eindringen der Form [kuts] fur [kut] im
Médoc wird daher bald hernach erfolgt sein.
19. Das t von [kut] aprov. cot war die Veranlassung, datò das
Wort in der Gaskogne in den Bannkreis von [kutet] geriet ; das aus-
lautende -t scheint nun die Ursache zu sein, datò sich cote in dem
S. 25 angegebenen Gebiete als [kut] erhielt. Denn nach alien Rich-
tungen hin, von der Stidwestgrenze abgesehen, geht das [kut]-Gebìet
in [ku] tlber, das nur noch in wenigen Grenzmundarten erhalten ist,
1 [;/e/s]-nocte in Bagnères de Luchon (ALF 699) ist nach Sarrieu
RLR 47, S. 121 ftir [net] nach dem Vorbild der Neutra [kos], [tens], [hiems]
aus corpus, tempus, femus neugebildet. [«w/s]-nodum, [mYs]-nidum
in Lézignan (Aude), wird von A ngl ad e, RLR 40, 309 auf die alten Nomi¬
native zurtickgefuhrt, die sich wegen der Ableitungen [w^fl]-nodare
[ani 2 ri] - *adnidare gehalten hatten. Da aber durch das Departement Aude
die dret-drech-G renze geht, wird [nuts], [nits] eingetreten sein wie [kuts]
fur [kut] im Nordteil der Grenze.
30
ERNST G AMILLSCHEG
also zurri Schwunde flihrt. Es hangt also der Untergang von cote
mit dem Verstummen des auslautenden -t zusammen 1 .
Man ware nun versucht, eines der homonymen [&^]-Wòrter frz.
coup , con zur Erklarung des Schwundes von [ku\ — cote heran-
zuziehen, allein diese sind durch ihr Geschlecht und vor allem durch
ihre ganz verschiedene syntaktische Verwendung von [kit] — cote
getrennt. AuBerdem ist die Homonymitat des Wortkòrpers (ohne
Artikel) von c o 11 u m, colpum und cotem geographisch sehr be-
schrankt: sie besteht auf dem Papier 7 nicht aber in der lebenden
Sprache.
Wahrend bisher die Entwicklung eine verhaltnismàBig einfache und
durchsichtige war, treffen nun im Norden des erhaltenen [&/££]-Gebietes
eine ganze Reihe verschiedener Stromungen zusammen, so dafi es im
einzelnen Fall oft schwer wird, das Primare vom Sekundàren zu
scheiden. Der Ausgangspunkt der gemeinsamen Entwicklung von
cotis und cotarium liegt hier bei dem letzteren* es wird also
nòtig, die lautliche Entwicklung der Bezeichnung des Kumpfes auf
diesem Gebiet nilher zu betrachten.
Cotarium erscheint innerhalb des erhaltenen [kilt] — cote-
Gebietes in der Form [k lidie], die im Westen und Osten tiber dieses
Gebiet hinausgreift. Derselbe oder ein ahnlicher Typus solite bei
lautgesetzlicher Entwicklung von cotarium aber weiter nordlich
bis an die Grenzlinie reichen, die zum Beispiel sudliches [kudena]
vom nordlichen couennc scheidet, also auf dem Gebiete, wo fur
cotarium noch eine Form mit intervokalischem -d- zu erwarten ist.
Tatsachlich taucht der zu erwartende [kudie\, [kude\ = cotarium-
Typus erst wieder hart an der t > rf-Grenze auf, wahrend das Gebiet
1 Auslautendes t ist erst wieder im àufiersten Osten erhalten, in Bonneval
(Savoye), Lanslebourg, s. RPG I, 179 ff. Die to-Grenze lauft làngs der
Ostgrenze des [&w£]-Gebietes stidwàrts durch die Departements Lozère, Gard,
Hérault. Die Gegenden des «freien» konsonantischen Auslauts zeigen ahn-
liche Verhaltnisse wie an der franko-provenzalisch-piemontesischen Grenze
bzw. im 16. Jahrhundert in Nordfrankreich; vgl. Mazuc, Gram. langue-
docienne, S. 8/9. In Pézénas, Hérault bei Punkt 768 schwindet t in rat,
boulet vor konsonantischem Anlaut und wird in Pausa gesprochen. Da-
gegen wird in cat, puput (= huppè), pertout unter alien Umstànden t ge¬
sprochen. Bei cat liegt der Grund dieser Fixierung des Auslautes auf der
Hand. Es ist der drohende Zusammenfall mit canis, carrus u. a., der
die Pausaform verallgemeinern làfit. Es ist dies das genaue Gegenstuck zu
der Erklarung, die S. 11 fiir die Beibehaltung des s in [ kós] in der Pikardie,
des s in [kós] in der Umgebung von Metz gegeben wurde. Bei puput und
pertout wird ein ahnlicher Grund vorliegen.
WETZSTE1N UND KUMPF IM GALLO ROMAN ISCHEN
31
im Norden der erhaltenen [£w/]-Zone im Westen tìMose Formen, sonst
die feminine Entsprechung von cotarium, aìso einen Typiis *cotaria
aufweist.
Das lat. cotarium ist also auf einem weiten Gebiete im Nordwest-
teil des provenzalischen Sprachgebietes (Dep. Dordogne, H. Vienne,
Creuse, Cantal, Puy-de-Dóme) zwar in Auslàufern erhalten, es zeigt
hier aber nirgends die lautgesetzlich zu erwartende Form. Es fallt
nun dieses Gebiet iiberraschend genau mit einem
Dialektgebiet zusammen, auf dem lat. cubitus in der
Form [kude\ mit mebr oder weniger horbarem aus-
lautenden e erscheint. Dieses [ kude ] — cubitus-Gebiet wird
namentlich im Siiden, aber auch im Stidwesten und Nordwesten von
lautgesetzlichen Formen von cotarium begleitet, wahrend innerhalb
desselben auch nicht eine solche zu finden ist. Es mutò also cotarium
in seiner lautlichen Entwicklung mit cubitus zusammengestofien sein.
Dieses Zusammentreffen drohte zu einem vollstandigen Zusammenfall
zu werden, wie aus dem Folgenden hervorgeht.
Das ganze [kude\ — cubi tu s- Gebiet hat nach Karte me uni e r
des ALF die Tendenz, den Akzent auf die erste Wortsilbe zu tiber-
tragen, eine Tendenz, die nach Osten und Sudosten weit liber dieses
Gebiet hinausgreift. Es ist endlich ftir die Gebiete des Limusinischen
und der Auvergne im Mittelalter ftir lat. -arium die Form - eir ,
spater -er bezeugt, das auf dem in Frage stehenden Gebiet zum Teil
noch heute erhalten ist, so als -e nach Karte poirier des ALF in
506, 705, 807, 809, 808, 504, 505. Siehe ftir die alte Zeit Staat,
Le suffixe-arius dans les langues Romanes, Upsala 1896, S. 115 ff. 1 .
Es ist also hier cubitus und cotarium zusammen-
gefallen; der «Kumpf» wird zum «Ellbogen .
Wir mtissen uns also den Gang der Entwicklung folgendermafóen
vorstellen. Im 16. Jahrhundert, vor dem Verstummen der Auslaut-
konsonanten, standen hier nebeneinander :
1 Wo heute hier -arium als [-je] erscheint, ist letzteres Lehnsuffix. Zur
Zeit des Schwundes der Auslautkonsonanten geràt -er -arium hier in
Gefahr, mit dem Diminutivsuffix -et homonym zu werden. Da -arium und
-ittum gleichmafiig bildungsfàhig sind, beide Ableitungen von Nominal-
stàmmen bilden und eine ausgesprochene Funktion besitzen, ist diese Hom-
onymitàt ebensowenig ftir die Sprache belanglos wie Homonymitàt der Wort-
korper, vgl. meine Grundzuge der galloromanischen Wortbildung, S. 59 ff.,
in Biblioteca dell’ «Archivum Romanicum», Serie 2, voi. 2. So wird zum
Beispiel ein [kuder] «Behàlter des [kaf]» zu \kudet\ «kleiner [kilt]» u. a.
Es tritt daher hier ftir -er -arium die stidliche bzw. vom Femininum (eira,
-iera beeinfluftte Form -ier ein.
32
ERNST GAMILLSCHEG
[font] «Wetzstein», [fonder] «Kumpf», [fonde J «Ellbogen ,, [kua\
«Schweif». Beziiglich der Zeit der Zuruckziehung des Akzentes in
[fonder ] wissen wir nichts Bestimmtes; doch laBt die Weiterentwicklung
des cotarium-Typusses es wahrscheinlich erscheinen, daB diese
Akzentverschiebung schon alter ist als die nun folgenden Umge-
staltungen. In der Zeit des fakultativen Verstummens der Auslaut-
konsonanten (s. S. 11) wird nun [fonder] vor Konsonanten zu [fonde],
fallt mit [fonde j — cubitus zusammen. Dagegen lehnt sich die
Sprache auf. Sie besitzt ein naheliegendes Mittel, der Doppeldeutig-
keit dieses [fonde] (als syntaktischer Variante von [fonder]) vorzubeugen,
indem sie die funktionell gleichwirkende femmine Form des Suffixes
-ariunì, das ist eira , ftir - er , eintreten laBt. [kndeira] cKumpf» ist
wieder eindeutig und erhalt sich auf unserem Gebiet bis heute. Die
femininen Bildungen auf -icre neben -ter- Formen sind im Franzòsischen
zàhllos, vgl. zum Beispiel Meyer-Liibke, Frz. Gram. 2, 46/7, die
Mòglichkeit einer Neubildung *c otaria war also jederzeit gegeben,
aber gerade bei cotarium «Kumpf» ohne auBeren AnlaB nicht zu
erwarten, da die -iere- Form des Suffixes in der Regel dem Grundwort
kollektive Bedeutung verleiht oder sie, wenn das Grundwort selbst
schon kollektive Vorstellungen erweckt, hervortreten laBt. Da nun
tatsachlich bei cotarium die feminine Form des Suffixes nur auf
dem Gebiet eingetreten ist, wo cotarium. mit cubitus zusammen-
fiel, und auf diesem ganzen Gebiet kein einziges lautgesetzliches
cotarium zu finden ist, miissen die beiden Erscheinungen in ur-
sàchlichem Zusammenhang stehen.
Das *cotaria Gebiet umfaBt den mittleren Teil des [fonde] «Kumpf»
+ « Ellbogen »-Gebietes. Im Osten und Westen griffen die Mundarten
nach einem anderen Mittel, der Doppeldeutigkeit dieses [fonde] aus-
zuweichen: sie schliefien die Bezeichnung des «Kumpfes» lautlich an
die des «Wetzsteins» naher an. Sie berichtigen also ein [fonder]
«Kumpf», das zu [fonde] «Ellbogen ^ zu werden droht, in [ font-er ] bzw.
[kn-er], je nachdem die syntaktische Vollform [font] oder die Kurzform
[fon] fur cote der Ableitung untergelegt wird. So erklart sich die
Form [fondai] in 809, [k 0 ntie] in 812, 815, ebenso in Mons-la-Tour,
H. Loire, RPF 25, 163; dann mit unorganischem Anlaut [eikntei] in
Ambert, Puy-de-D., zwischen 806 und 809, RPF 26, 137; vgl. dazu
Tappolet, Die ^-Prothese in den franzòsischen Mundarten, Fest-
sphrift 14. Neuphilologentag Zurich. Dieses [fontie] ist der Gefahr
einer volksetymologischen Beziehung zu conde «Ellbogen» entriickt
und hat sich deshalb bis heute gehalten. In 709 hat das Bestreben,
den untergehenden Auslaut von [fon] «Wetzstein» in der darauf auf-
WETZSTEiN UND KUMPF IM GALLO ROM ANISCHEN
33
bauenden Ableitung fiir cotarium zu neuem Leben zu erwecken,
za der unorganischen Form [ kufiei ] gefiihrt, die aus ahnlichen Grunden
wie hier auch im unteren Rhónegebiet (853, 863, 862, 873, 871) auf-
tritt. Dieser Punkt 709 hat heute in site die Form [se], also mit
Schwund des Ausi autes, dagegen fiir cote die Form [kut] ; die Mund-
art hat also nach einer Periode der Unsicherheit, in der die Form
[kufiei] gebildet wurde, nach dem Vorbild der siidlich anschliefien-
den Mundart den etymologisch begriindeten Auslaut t wieder ein-
gefiihrt.
Solcher Auslautverkennung gingen die Mundarten im Westen und
Osten des [kude] = cubitus-Gebietes aus dem Wege, wenn sie von
vornherein die syntaktische Kurzform [ku\ — cote der Neubildung
zugrunde legten. Das so entstehende zweisilbige [ku-er] «Wetzstein-
ist eine morphologisch einwandfreie Bildung, die in dieser Form auch
begrifflich keine Konkurrenz zu befurchten hat. Sie hat ferner den
Vorteil, dafi sie mit der entsprechenden Form nòrdlich der t > d- Grenze
identisch ist. So standen nach dieser ersten Erschtitterung im Wort-
schatz dieser Gegend die urspriinglich einheitlichen Mundarten in
zwei Gruppen einander gegeniiber:
I. mit [kut] «Wetzstein», [kua] «Schweif'), [kuer] bzw. [kuter]
«Kumpf »,
II. mit [kut] «Wetzstein», [kua] «Schweif », [kudieira] «Kumpf .
20. Wie lange die Periode der freien Auslautkonsonanten dauerte, in
der also [kue] neben [kuer] — cotarium bestand, wie etwa im Neu-
franzòsischen im pluralischen Artikel [leg] neben [le] , lafit sich nicht
feststellen. Aus den in Abschnitt 25 angegebenen Grunden hielten
sich die Doppelformen aber zweifellos durch mehrere Generationen.
Endlich schwand aber doch die Voli- = Pausaform der Worter mit
direkt auslautenden Konsonanten, und an die Stelle der Doppelformen
[kue] — [kuer] trat urspriinglich zweisilbiges [kue], das aber ahnlich
wie in einer friiheren Periode eoa «Schweif» zu [kua] geworden war,
in einsilbiges [kue] iiberging.
Dieses [kue] «Kumpf» (das also auf alte rem [kuder] aufbaut) und
die entsprechende lautgesetzlich aus cotarium entwickelte Form
jenseits der t > d- Grenze geriet nun im òstlichen Teil des [kude] =
cubitus + cotarium-Gebietes in den Kreis der Formen fiir lat.
collum, das iiber cuoi [kuel] zu [kue] geworden war. Diese Hom-
onymitàt von «Kumpf» und «Hals» ist begrifflich ebensowenig zulassig
wie die von «Wetzstein» und «Schweif» oder «Schenkel», wie etwa
ein Satz wie: mon [kue] est brisé, il y a trop peu d'eau dans mon
[k uè] augenscheinlich zeigt. Dieses [kue] — collum setzt also im
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 3
34
ERNST GAMILLSCHEG
Osten des [kude] = c u b i t u s - Gebietes ein, greift in der Gegend des
Departements H. Loire uber die t > d-Grenze hinaus und wird dort
in der Folge zu [kuà] (817, 825. 826, 837), wie in Abschnitt 22 ge-
zeigt werden wird. Dann schwindet es zunachst, taucht jedoch in
dem Punkt 915 des Departements Ain wieder auf (kud) , und auch
die Form [kole], [kule] Hals der Punkte 829, 921 zeigt eine Ab-
leitung, die eine vorhergegangene Erschtitterung der Lautform des
lat. collum voraussetzen labt. Dieses [kole] geht auf ein alteres
[kole ], das ist collet , Hàlschen» zuriick, das sich zur lautgesetzlich
entwickelten Form von collum verhalt wie das poitevinische couette
zu [ku] = coda + cote. Heute hort [kue] (bzw. das daraus hervor-
gegangene [kua]) <Hals» dort auf, wo [kue] «Kumpf» beginnt bzw.
sicb ftir eine friihere Periode erschliefien lafòt. Oder mit anderen
Worten: Ein grofies [£^]-Gebiet, das die Departements H. Loire,
Puy-de-D., Saone-et L. und einige anschliefiende Mundarten umfafit,
teilt sich in ein siidwestliches Gebiet, in dem [kue] die Bedeutung
«Hals besitzt, und ein nordòstliches mit [kue] = «Kumpf».
Diese heutige bzw. zu erschliefiende Verteilung der Bedeutungen
ftir dieses geographisch zusammenhangende [kue]- Gebiet ist das Er-
gebnis eines Kampfes zwischen [kue] Hals^ und [kue] Kumpf», der
neuerdings Unsicherheit in die hier behandelten Wortstàmme brachte.
Wie sich collum in diesem Kampfe der drohenden Homonymitat zu
entziehen wufite, ist Sache einer eigenen Untersuchung. Hier handelt
es sich darum, das Verhalten der Entsprechungen von lat. cotarium
festzustellen.
Die Punkte 902, 802, 803 liegen bereits aufierhalb der £> d- Grenze;
sie waren also dem Zusammenfall mit cubitus nicht ausgesetzt-
doch schlieBen 802, 803 unmittelbar an das Gebiet an, in dem [kuder]
(das zu [kude] «Ellbogen» zu werden droht), durch die feminine Ab-
leitung [kudiero] ersetzt wurde. Das nòrdliche 902 hat noch mas-
kulinisches [kue] «Kumpf », dagegen 802 femininisches [knel\ 803 [kuele].
Das heifit : c ò 11 u m und cotarium drohen in der Periode der freien
Auslautkonsonanten zusammenzufallen, das erste als [knel], das zweite
als [kuer\. In derselben Zeit greifen die Nachbarmundarten aus ahn-
lichen Grtinden zu einer femininen Neubildung; die Punkte 802 und
803 folgen also dieser Stròmung. Aber das Bild : «Kumpf» = «Hals»
(was vermieden werden soli), ist bereits so weit im Vorstellungskreis
der sprechenden Bevolkerung vorgedrungen, datò nun in der femininen
Ableitung ftir [kue] —cotarium der schwindende Auslautkonsonant
von [kué] — collum auftaucht. [kuel] «Kumpf» geht also streng ge-
nommen auf ein *colla zuriick, cotarium ist untergegangen.
WETZSTE1N UND KUMPF 1M GALLOROMANISCHEN
35
Die gleiche Femininbildung, aber hier mit der richtigen Form des
Suffixes -aria liegt in 905 \kuir], in 911 [kuisi] vor, die ein àlteres
[kneiri] als Femininum zu [kuer] darstellen. Die Umschreibungen
godet 909, 6, 11, potei 907, vielleicht auch etili in 908, botte in 819
diirften ebenfalls der einstmaligen Homonymitat der beiden \kue]-Formzn
zuzuschreiben sein. Damit ist der grofite Teil des Gebietes zwischen
808 an der d/0-Grenze, das [ktie] — cot>ar iu m noch besitzt, und dem
Punkt 6, der zwischen [kue] und godet schwankt, ausgefullt.
Bemerkenswert sind ferner die Formen der Punkte
817 827 825 826
cotarium . . [gueiro] f. [guio] f. [kueira] f. |kudrie]
collum . . . [kua] koi] [kua] [kua]
Diese siidlichsten Punkte des [kue] = collum -f cotarium-
Gebietes haben also ahnlich wie die oben angefiihrten nordlichen
Nachbarpunkte im Kampfe zwischen collum und cotarium fiir
den < Kumpf» eine Neubildung geschaffen; [kue] Hals» blieb erhalten
und geriet in 817, 825 und 826 in die [ue] > [uà] -Welle. Einen
anderen Weg schlug nur 827 ein, das zwischen 817 und 825 an der
/>0-Grenze liegt. Es hatte ursprunglich :
1. [kuel] Hals>, [kuei] cKumpf».
2. \kuei] Hals^ (wie noch heute das benachbarte 814), [kuei]
Kumpf». In diesem Stadium der Unsicherheit iibernimmt die Mund-
art flir collum die Form [ko] der Nachbarmundart 838, hat also
3. [ko] neben alterem [kuei] Hals > und [kuei] «Kumpf». Die beiden
Formen fiir Hals:> verschmelzen nun zu einer einheitlichen Form
\koi\ , die aber nun auch flir [kuei] Kumpf eintritt; vgl. das ganz
ahnliche V^erhalten der Mundarten S. 36 ff. Es stehen also in der
Mundart wieder nebeneinander
4. [koi] Hals und [koi] ^Kumpf :. Jetzt greift die Mundart zu
demselben Mittel, das die benachbarten Mundarten 817 und 825 schon
friiher zu Rate gezogen haben ; es wird fiir den Kumpf eine feminine
Form gebildet: das ist [kuio] bzw. mit dem Anlaut des nordlichen
[gueiro] [guio], [guio] verhàlt sich zu [koi] ^Kumpf- + Hals»
ebenso wie in 802 [kuei] < Kumpf zu [kue] Kumpf» -p Hals».
21. Eine betrachtliche Reihe von Mundarten hat also im Kampfe
zwischen collum und cotarium das letztere durch ein fremdes Wort
ersetzt oder morphologisch umgestaltet. Andere haben collum in der
lautgesetzlichen Form aufgegeben und sich [kue] «. Kumpf» bewahrt.
Es kam wieder Ruhe in die Sprache. Ein Grund flir den Untergang
von la [ku] < Wetzstein oder le [kue] Kumpf auf diesem Gebiete
3 *
36
ERNST GAMILLSCHEG
war also zunachst nicht gegeben. Aber [kue J «Kurnpf geriet in den
Kreis eines neuen Lautwandels, dessen Folgen nun auch fiir [ ku ] -
cote letal wurden. Den Schllissel zu diesen neuen Umgestaltungen
gibt die auf den ersten Blick ràtselhafte Form [gudena] «Kurnpf»
des Punktes 807, Departement Puy-de-Dóme.
Dieses [gudena] ist lautlich die Fortsetzung des galloromanischen
*cutenna, frz. couenne «Schwarte», «Schweinshaut», REW 2431.
Wie aber kommt ein Wort, das «Speckschwarte» bedeutet, dazu, den
Wetzsteinbehalter zu bezeichnen? Selbst wer der Vergleichskraft der
Volksphantasie einen gròfieren Einflufi auf die Sprachentwicklung
zutraut als der Verfasser, wird nur schwer annehmen, ^dafi sich die
Sprache des Bildes von dem Wetzstein,, der in dem Kurnpf steckt wie
die Sau in ihrer Schwarte, unbeeinflufit bemachtigt habe. Aber hier
schiitzt aufierdem die Geographie vor einer ebenso billigen wie unhalt-
baren Annahme. Denn in der unmittelbaren Nachharschaft von 807
taucht der gleiche *cutenna-T)^pus fiir lat. coda auf (706, 703,
805, 815, 814) und fiir cui ter «Pflugsterz in 816 [kuaina]. Fiir
Mons-la-Tour (H. Loire) zwìschen den Punkten 812 und 815 gibt
Guerlin de Guer in RPF 25, 163 fiir queue die Formen [kuena]
und [kuonfa] , das letzte deutlich mit Einwirkung der Form [kuó] —
coda, wie sie die Nachbarmundarten 816, 817 aufweisen; vgl. Ab-
schnitt 32.
Zunachst làfit sich leicht nachweisen, dab [kuaina] Pflugsterz^
von dem benachbarten *cutenna *Schweif ausgeht- denn die
Punkte 818, 911, 819 haben fiir cPflugsterz die Form [kua], 809
[kuo], das ist die òrtliche Entsprechung des lat. coda. So wird auch
*cutenna «Kurnpf» von *cutenna Schweif» ausgehen; das Binde-
glied ist aber nicht etwa eine gemeinsame Vorstellung, sondern ein e
homonyme Grundform, die zuerst in der einen Bedeutung von *cu-
tenna abgelòst wird und in der Folge in der Nachbarmundart fiir
die gleiche Grundform, aber in der zweiten Bedeutung eintritt. Diese
gemeinsame Grundform, die also urspriinglich sowohl «Schweif wie
» Kurnpf « bedeutet haben mub, ist nun [kiia], wie sich unschwer er-
weisen labt.
22. Dafi die lautgesetzliche Entwicklung hier coda zu [kua] flihrt,
zeigt ein Blick auf die Kart e queue des ALF. Das *cutenna-
Gebiet wird an alien Seiten von [kua] — coda eingeschlossen. Was
die Entwicklung von cotarium betrifft, so wurde schon in Ab-
schnitt 19 festgestellt, dafi innerhalb der t > d- Grenze einzelne Mund-
arten das lautgesetzliche [kuder] durch [kuer] ersetzt haben, und jen-
seits dieser Grenze ergibt sich nach E. Staaf, 1. c. S. 110L, dafi ehe-
WETZSTEIN UND KUMPF IA1 GALLOROMANISCHEN
37
mais weit iiber das Gebiet hinaus, wo heute poirier mit - c erscheint,
cotarium zu [ liner ] werden mufìte. Dies gilt besonders fiir das Ge¬
biet des Lyonesischen, das in der vorliegenden Frage die wichtigste
Rolle spielt.
Es ist also im Nordosten des erhaltenen [^/^]-Gebietes cotarium
iiber coer zu [kne] geworden, dessen betonter Diphtong hier mit [ue]
aus afz. oi zusammengefallen und gemeinsam mit diesem zu [uct] ge
worden ist. In dem Wandel von [ne] zu [no] liegt ein Fall der
Ubernahme eines literarischen Lautwandels vor; dabei gerat aber
auch [ne], dem in der Literatursprache gar kein [ne] entspricht, in
die Bewegung : die Mundart wird literarischer als die Literatur¬
sprache 1 .
Dieser Vorgang ergibt sich ohne weiteres durch die folgenden Tat-
sachen: Zunachst hat der ALF fur soie die Form [sua] im Dep.
Allier, Saone-et-L., dann im Lyonesischen (905, 819, 908, 914, 911,
913), dann siidlich davon in S29, 920, 837 und weiter siidlich. Man
sieht also deutlich den Weg, auf dem hier eine Lauttendenz der nord-
lichen Mundarten in den Siiden wandert. Mafigebgnd sind aber die
folgenden Falle der Uberentaufierung > :
Lat. coquere wird iiber coire zu [kuer], so in 803, 808, 819, 809,
dieses zu [kuctr], daher {kuos] 911, [linose] 912, [kuare] 921, [kuor\
936. Dazu in 921 die 3. Plur. [kuosò], siehe ALF 1646, onglée.
Lat. sor or, afz. saer wird zu [suor] in 914.
Lat. ovum, afz. uef wird zu [suà] in [bla d’sua\ EiweiB in
914, 931, zu [uà] in 921, ALF 1464.
Lat. focus wird iiber [ fu e] zu [fu a] in 913, 914, 915, 917, 921,
922, 926 usf.
Frz. foiiet wird zu [fua] in 916, 907, 909, 919, ehemals auch in
803, 806, 816.
Lat. coxa wird iiber coissi , [kuesi], [kucse\ (zum Beispiel 926,925,
924 usf.) zu [kunsi] 912, 921, 911, [kitas] 908. Auch [kuos] 914
diirfte auf alterem [kuos] beruhen und wegen des Nebeneinanders
von [kuo] und [kuo] = coda analogisch entstanden sein. Vgl. ferner
die Karten poèle und moelle des ALF.
Die hier hauptsàchlich in Betracht kommenden Mundarten zeigen
auch fiir nasales [ut] die uberentaufierte Form [tó] ; vgl. fiir frz.
coing in 907, 90S, 816, 925 [bua], ALF 1510; fur frz. poing in 807,
812, 815, 709 \pnà] usf.
1 Vgl. dazu auf Karte foicet des ALF (59 c )) zu P. 418 (D Sèvres) die
Bemerkung: «[fue], en fran^ais prov. [ftta]».
38
ERNST GAMILLSCHEG
23. Es sind also in erster Linie die Mundarten der Dep. Rhóne.
Ain und Umgebung, also das Gebiet des L^onesischen im weiteren
Umfang, in dem ftir cotarium eine Form [ kua] zu erwarten ist.
Tatsachlich ist dieses [kua] aber hier nirgends mehr zu finden; daflir
tritt auf einem zusammenhangenden Gebiet eine Form [kuatie] auf,
die beginnt 7 wo das [kua] - co da-Gebiet aufhort, so dafi sich geo-
graphisch die folgende Reihe ergibt: [kuatie] «Kumpf» im Nord-
osten geht in [kna] «Schweif» iiber, in dessen Mitte ein couenne-
[kudena\ «Schweif»-, «Pflugsterz»-, «Kumpf»-Gebiet eingeschlossen ist.
Daraus ergibt sich zunachst das Folgende : Auf dem Gebiete nord-
òstlich der t^> d- bzw. der 0-Linie, also im weiteren Umkreis von
Lyon, ist coda und cotarium unter [kna] zusammengefallen. Es
standen also hier nebeneinander :
1. la [kna] «Schweif:, 2. le [kna] «Kumpf», 3. la [ku\ «Wetzstein».
Das letzte hat ferner, wie im Abschnitt 31 gezeigt werden wird, die
Tendenz, gerade auf diesem Gebiet die feminine Endung -a anzu-
nehmen, also zu [kua\ : spater dann auch [kna] zu werden. [kua]
^Kumpf hat mannliches Geschlecht, aber weibliche Endung, wie [rtja] —
rota, [kua] — coda; [ku] «Wetzstein» mànnliche Endung, aber weib-
liches Geschlecht. Dieser Zustand ist aber auf die Dauer unhaltbar;
es ist daher, wie in 819, 816, 825, 807, also gerade auf unserem Ge¬
biet, glu<Cg Iute zu [gliia] wurde, [ku\ «Wetzstein» zunachst zu
[kua] geworden. Nun hat zwar dieses die dem Geschlecht ent-
sprechende Endung, aber es wird in der Folge mit [kna\ «Schweif»
nun vollstandig homonym, und ein le [kna] »Kumpf« driickt in der
Form nicht mehr die Umfassung eines la [kua] «Wetzstein» aus; es
werden also nun sogar cote und cotarium dem Stamme nach hom¬
onym. Es schwindet also entweder [kna] «Schweib oder [kna]
«Kumpf: oder [kua] «Wetzstein» aus der Sprache.
In diesem Kampfe, in den nun gleich drei Begriffe miteinbezogen
werden, lassen sich nun verschiedene Phasen beobachten. Im Nord-
osten wird das begriffliche Verhaltnis von la [kua] «Wetzstein» und
le [kua] «Wetzsteinbehalter» morphologisch dadurch wieder richtig-
gestellt, dafi zu [kua] «Wetzstein» ein [kua-t-ie] «Kumpf» geschaffen
wird. [kua] und [kuatie] verhalten sich wieder zueinander wie lat.
cote zu cotarium. [kua] «Wetzstein» wird aber nach den Ton-
verhaltnissen der Gegend notgedrungen zu [kua] \ es fallt also mit
[kua] «Schweif» zusammen. Es schwindet daher, Avie liberali im
Norden, [kna] «Wetzstein» vor [kua] «SchAveif». Nun wird aber
[kua-t-ie], neben dem das dazugehorige [kua] «Wetzstein» geschwunden
ist, der Form nach zur Umfassung von [kua] «Schweif» ; beide kònnen
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALL0R0MAN1SCHEN
39
nicht nebeneinander weiterbestehen. Im Norden, wo das literarische
queue wie im Slidwesten Frankreichs in geographisch geschlossener
Linie vorwartsdringt, wo also neben [kuatie] «Kumpf nunmehr [ko\
Schweif» steht, kònnen beide Ausdrlicke bestehen bleiben. Im Siiden
dagegen, wo [kua] «Schweif » erhalten ist, schwindet [kuatie |
«Kumpf». Dies war zweifellos in den Mundarten 911 7 819, 818 und
Umgebung der Fall, welche die Verbindung zwischen dem erhaltenen
[kuatié\-Geb\ete und der auf [kua] «Schweif» aufbauenden *cutenna-
Zone herstellen. Nur der Punkt 913 am Slidende des heutigen
[kuatie]-Gebìztes hat [kiia] «Schweif» noch bewahrt.
Der Punkt 912, der von alien Seiten von einem [kua] «Schweif :
eingeschlossen ist, hat fur lat. coda die Form [kiie]. Diese ftihrt
uns in die Zeit zuruck, als lat. cotarium noch die Form [kue] be-
safi, die in die Welle [ne] zu [uà] hineingezogen wurde (Punkt 912
hat [knase] — coquere, [kuasi] — coxa, s. S. 37). Es schwankte eine
Zeit hindurch [kue] und [kua] «Kumpf», und dieses Schwanken wurde
auf das dem Stamm nach homonyme [kua] «Schweif» iibertragen,
wie dies gleich im folgenden bei der Erklarung von *cutenna
«Kumpf» in ahnlicher Weise beobachtet werden wird. In der Folgè
wurde [kue] — [kua] «Kumpf» zunachst vermutlich durch die Neu-
bildung [kuatie], wié in 913, ersetzt, das mit [kua] als Nebenform von
[kue] «Schweif» in Konflikt geràt. Es schwindet daher [kua]
«Schweif» wie [kuatie] «Kumpf» (das durch das ostliche [kovie] er¬
setzt wird), und [kue] «Schweif» bleibt erhalten. Es geht also
lautlich hier [kue] «Schweif». auf eine aìterttimliche
Form von cotarium zuruck.
24. Es eriibrigt noch, die Frage zu beantworten, wie der *cutenna-
Typus, der den Ausgang der ganzen Erklarung bildet, in die Ent-
wicklung von coda und cotarium eingriff. Es ist dabei notwendig,
wieder einen Schritt ruckwarts zu tun und sich daran zu erinnern,
dafi zwischen dem [kuatie] «Kumpf»-Gebiet und der t>d- bzw.
0-Grenze ehemals ein le [kua] «Kumpf» und ein la [kua] «Schweif»
standen (in deren Gefolge [kua] < [ku] «Wetzstein unterging).
Es ist nun in dem Gebiete, das uns hier beschaftigt, vielfach in
Wòrtern mit betontem Auslautvokal dieser nasaliert worden. Ein
solches Nasalierungsgebiet ist noch heute in der Gegend der Punkte
917, 918; in 918 ist das lat. cote mit dem - a des Artikels la ver-
wachsen als [akb] bezeugt; frz. fouet ist hier iiber [fua] zu [futi] ge-
worden. Lat. lupus hat hier die Form [lò]\ aber lupa erscheint
als [love], das ein alteres [lo]- lupus erschliefien laBt. Dieser Fall
zeigt deutlich, datò die Nasalierung der betQnten Auslautvokale wohl
40
ERNST GAMILLSCHEG
gròfitenteils wieder riickgangig gemacht wurde. Flir 917 wird fiir
fernet die Form [fu e] angegeben. 819 im [èwa]-Gebiet hat [è] = ai
in [è e krii\ = fai cru, ALF 361. Altes ko, ke — eccum hoc er-
scheint in 803 als [kje-tsi], in 808 als [tie], 819 [kiò], 818 [tie-ti], 829,
920 [itiè], 921 [itici], wobei allerdings zu erwahnen ist 7 dafi das ent-
sprechende afz. cen auf weitem Gebiete ein anders zu erklàrendes n
bzw. Nasalierung angenommen hat. Dafi die Nasalierung auf diesem
Gebiet ehemals stàrker vertreten war, als die heutigen Reste ver-
muten liefien, bezeugt die Mundart von Bizónnes (sudìiche Dauphiné),
wo [lìà] — locus nur mehr in der Redensart [o lià de fare) = au liete
de faire bezeugt ist. (Devaux, 1. c. 191.) In Chatonnay, bei 921.
erscheint sìtis als [se], digitus als [de]. In Còte-St. André bei 931
[triiè] — torculum; in Proveyzieux [sanie] — carruca, in St. Michel-
de-St. Geoirs [tsaruè] dasselbe, zwischen 921 und 931. An verschie-
denen Punkten der Dauphiné [nevò], [rosino], [prò], [io] fiir neveu,
rossignol, proti, ceuf, s. Devaux, 1. c. 269f. Am weitesten geht
die Mundart von Eydoch bei 931, wo auch unbetonte Auslautvokale
nasaliert werden, zum Beispiel revon — robure* ina kavalan — une
jnment, aber im syntaktischen Zusammenhang la revo dii bwa, la
kavala dii vaezen l .
Es ist also das tìber [kue] aus cotarium entstandene [kua\ etwa
der Punkte 917, 916, 914 (wo im Kampfe zwischen collum und
cotarium in einer friiheren Periode [kne] cKumpf siegreich ge-
blieben war) zu [kuà] geworden und fiel, abgesehen vom Artikel,
mit [kuà] < c o d a (tìber [kua]) zusammen. So standen neben-
einander :
le [kuà] «Kumpf» — la [kuà] «Schweif^.
Es ist also [kuà] cSchweif» formell das Femininum zu [kuà] KumpP.
Da aber im allgemeinen die feminine Form zu Wòrtern mit Nasal-
vokal im Auslaut durch dentales n + Auslautvokal (der verstummen
kann) gebildet wird (vgl. in 916 [&o]— [bon], in 914 [&f>] — [bón], in
819 [bò] — [bona]), wurde das Femininum [kuà] nach dem scheinbar
morphologisch dazugehòrigen Maskulinum [kuà] in [kuan], [kuana]
umgebildet. Diese Form ist aber gleichzeitig in dem Gebiet, in das
der [ue) > [uà] -Wandel vorgedrungen ist, die Entsprechung von
1 Abseits von unserem Gebiete findet sich durchgehende Nasalierung im
Berner Land, so [/2m]~fl agellu, [/>raw]~pratum, in Malleray, \mannan\-
moneta in Crémine; [san] - seta, ebd., s. Gauchat, BGPSR 7, 54, Degen.
Patois von Crémine 21. Es ist also hier Entnasalierung mit Auflòsung in
den nasalen Konsonanten eingetreten. In Bourberain (Còte-d’Or) wird aus-
lautendes 4 zu [?]: [n$]-nid, [vne]-venir, [fm\-fenil, s. RPG 2, 259.
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROM ANISCHEN 41
*cutenna Speckschwarto, so in 916, 917, 908, 911 usf. [kuana]
als Neubildung ftir [knù] <Schweif» wird in der Heimat der Bildung
als Ableitung von dem alten [kua] gefiihlt; die Beziehung zu *cu-
tenna ist erst sekundar. Als aber aufierhalb des [kuana] <Schwarte»-
Gebietes infolge des Zusammenfalls von [kna] ^Schweif» und [kua]
Wetzsteim (s. S. 38) einer der beiden Begriffe bzw. alle beide Neu-
bezeichnungen erfahren mufiten, griffen die Mundarten an der t> d-
bzw. 0-Grenze zu den Mundarten des Lyonesischen, von denen wir
schon einmal gesehen haben, dafi sie fur die Nachbarmundarten vor-
bildlich wirken, identifizierten aber das [kuana] dieser Mundarten mit
der eigenen Entsprechung von *cutenna, das ist [kuena], so zum
Beispiel in 818, [kueina] in 816 usw. Dies [kuena] = Schweif» +
.Speckschwarte* wandert nun sogar iiber die t> d- bzw. @-Grenze,
bekommt daher das - d- der einheimischen Form ftir *cutenna ; hat
also jeden Zusammenhang mit coda verloren. Es wird Ersatzwort
ftir [kna] —coda, und wie es bei seiner Wanderung dieses verdrangt,
wird es gelegentlich auch ftir das dem Wortkòrper nach homonyme
[kua] Kumpf eingesetzt, da die Sprechenden, die das fremde
*c u t e n n a fur das eigene [kna] einsetzen, ganz mechanisch die
gleiche Form gebrauchen, ob es sich nun um ihr [kua] — coda oder
[kua] —cotarium handelt. Es ist also umgekehrt das Auftreten der
Entsprechung von *c u t e n n a in der Bedeutung Kumpf : eine Be-
statigung daftir, datò hier cotarium tatsachlich in einer fruheren
Periode in der Form [kna] vorhanden war.
Nur das Nebeneinander von le [kna] ^ Kumpf und la [kuà]
Schweif erklart die Entstehung des femininisierten Typus [kuana] ;
daher kommen die unmittelbar an der Grenzlinie liegenden Punkte
808, 905, 816 als Heimat der Bildung nicht in Betracht, da sie
cotarium entweder noch als [kue] aufweisen oder auf dieser Stufe
verloren haben, vgl. S. 33 f., aber gerade diese Mundarten sind es, die
sich das [kuana] cSchweif assimiliert haben. Vgl. die folgende Uber-
sicht der in Betracht kommenden Formen. (Die eingeklammerten
Formen sind die vermutlichen Vorstufen der heutigen Formen.)
908 905 911
coda [kuo] ([kua]) [kua] [kua] ([kuana]] <([kua])
cotarium [etui] ([kue]) [kuir] ([kue| fkuizi] ([kue])
cutenna [kuan] [kuen] [kuana]
818 " 816
coda [kua] (wie911) [kuo| ([kuaina]erhalten= <-Pflugsterzi>)
cotarium [kovò] (kue]) (kudie| ([kue])
cutenna [kuena] [kueina]
42
ERNST GAMILLSCHEG
808 809 806
[kuo](?) [kuo] ([kudeno]) [kuo] ([kudeno]) ([kya])
[kuei] [kud^i] ([kua]) [korne] ([kua])
[kueno] [kudeno] [kudeno]
804 703 805
coda [kua] [kudena]) [kuina] ([kua]) [kuteno] ([kua])
cotarium [kudiro]([kua]) [kudera]([kua]) [kudiro]([kuteno])([kua)]
cutenna [kueno] [kuena] [kudeno]
807 809 . 815
coda [kueto] ([gudeno]) [kuo] ([kudeno]) [kueina] ([kua])
([kua]) ([kua])
cotarium [gudena] ([kua]) [kud^i] (kua]) [k 0 utie ([kua])
cutenna [kudeno] [kudeno] [kudena]
814
coda [kueina] ([kua])
cotarium [kudie] ([kua])?
cutenna [kuana]
25. Aus dieser Ubersicht ergibt sich nun folgendes: Die Mund-
arten, in denen durch die Femininbildung zu [kua] «Schweif» ein
[kuana] «Schweif» + «Schwarte» entstanden war, haben diese neue
Homonymitat wieder beseitigt, da die dadurch entstandene Ver-
wechslungsmòglichkeit auf die Dauer ebenso unertràglich war wie
eine der im friiheren angefiihrten. Es ist heute das *c u t e n n a
«Schweif»-Gebiet offenbar wieder im Riickgang begriffen. Das zeigt
deutlich 816, das [kuaina] nicht mehr in der Bedeutung «Schweif:,
sondern in der iibertragenen Bedeutung «Pflugsterz» besitzt (= queue
de la charme ). Die Punkte 806 und 809 miissen ferner aus geogra-
phischen Grtinden *cutenna «Schweif» besessen haben, haben dafiir
aber das [kuo] der Nachbarmundarten angenommen.
Wenn nun *cutenna auch fiir cotarium eintritt (807), so liegt
der Grund nicht etwa darin, dafi [kua] «Kumpf» und [kua] «Schweif»
homonym waren und deshalb einer der beiden Ausdriicke ersetzt
werden mufite, denn die beiden [kua] sind ja stets durch den Artikel
goechieden. Sondern hier liegt rein mechanische Ubertragung der
Doppelformen fiir «Schweif» auf das im Stamm identische [ima]
«Kumpf» vor. In der einen Mundart, vermutlich 809 oder 805,
schwanken [kua] und [kudena] in der Bedeutung «Schweif»; dieses
Schwanken ergreift nun in 807 das zweite [kua] ebenso wie das erste.
Die so fiir beide Begriffe entstehenden Doppelformen werden dann
coda
cotarium
cutenna
WETZSTEIN UND KUA1PF IM GALLOROMANISCHEN
43
sekundar differenziert. Aber auch die Mundarten, die *c uterina in
zwei Bedeutungen erhalten haben, zeigen nirgends vollstàndige Hom-
onymitat der beiden Formen, siehe in der Ubersicht die Punkte 816,
815, 814, 807, 805, 703. [budino] «Pflugsterz» < «Schweif» in 816
ist [kueina\ «Schwarte» + [ku a \ «Schweif, d. h. die neue Homonymi-
tat zwischen [kneina] «Schweif» und [kneina] «Schwarte» wird da-
durch beseitigt, dafi das untergehende [kua] «Schweif vorubergehend
zu neuem Leben erweckt wird. [kueina\ wird zur Ableitung von
[ kua] «Schweif», d. h. es wird zu [kua\na\. Diese Entwicklung ist
in Mons-la-Tour noch im Gange, s. S. 36, hier steht noch das ur-
spriingliche [kuena] «Schwarte» + «Schweif» neben dem etymologi-
sierten [kyonia] «Schweif», das aus einer Kreuzung von [knena] und
[kuo] «Schweif» (das auch in 809, 806 sekundar eingetreten ist) her-
vorgegangen ist. [kyema ], das in 815 «Schweif bedeutet, ist die
Form ftir «Schwarte» in dem benàchbarten 816; zwischen 815 und
816 geht die /> d- bzw. 0-Grenze, so war die Moglichkeit zu Doppel-
formen gegeben. [kneina] «Schweif» in 814 neben [Uncina] Schwarte»
hat in der ersten Bedeutung die Form, die in dem òstlich davon ge-
legenen 825 die «Schwarte» bezeichnet usf. Die neue Homonymitat
zwischen *cutenna «Schweif» und *cutenna Schwarte» ftihrt also
1. zum Untergang des neu ubernommenen *c u t e n n a «Schweif»,
2. zur Ubernahme dialektisch verschiedener Formen des gleichen
Grundwortes, 3. zu analogischen Umgestaltungen.
Besonders lehrreich ist in dieser Beziehung der Punkt 805 im
Norden von 807, das *cutenna «Kumpf» aufweist. Hier hat coda
die Form [kuteno\ mit - 1 -, das auf der Karte couenne nirgends zu
finden ist. Der Punkt 805 liegt in dem Gebiet, in dem das aus-
lautende 4 in [kut\ — cote zu schwinden beginnt. 705 hat bereits
[ku\, das anschliefiende 709 dagegen [ ( kilt\ ; 815, auBerhalb des heutigen
[kut\ - Gebietes, hat nun fiir c otarium [koutie ], dessen 4- vom Aus-
laut des lat. code in einer frtiheren Periode stammt. So geht auch
4- von [kuteno\ «Schweif» auf das 4- von [kut\ «Wetzstein» zuruck,
das selbst spàter geschwunden ist. Es gehòrte offenbar der Punkt 805
ehemals ebenso zu dem *cutenna «Wetzstein» - Gebiet wie das stid-
liche 807. Die Entwicklung ergibt sich aus der folgenden Ubersicht:
I. [kut] «Wetzstein», [kuder\ «Kumpf», [kua] «Schweif».
[kudena] «Schwarte». Es schwindet [kuder] aus den in Ab-
schnitt 19 angeftihrten Griinden, fiir «Kumpf tritt entwedef die
Neubildung [kuter] ein (so. in 815) oder [kuer\ mit Anlehnung
an die syntaktische Kurzform \ku\ — cote. Nun tritt der Wandel
[ne] zu [ya] ein. Daher
44
ERNST GAMILLSCHEG
IL [ kut] «Wetzstein», [kuar ] «Kumpf», [kua] «Schweif», [kit*
dena\ «Schwarte». Fiir [kua] «Schweif» tritt [ kudena ] der òst-
lichen Mundarten ein; dieses wird mechanisch auf [kiia] «KumpP
iibertragen. Es stehen also nebeneinander
III [kut] «Wetzstein», [ kudena ] «Kumpf» + «Schweif», [kudena]
Schwarte». Wie [kueina], «Schweif» in 816, neuerdings an [kua]
angeschlossen, zu [kuaina] wird, so wird [kudena] «Kumpf» nach
[kut\ Wetzstein» zu [kutena] verbessert; dieses wird formell zur
Ableitung von [kut] — cote. Diese Umgestaltung ergreift
nicht das in der Sprache fest verankerte [kudena] «Schwarte»,
wohl aber das jung eingedrungene [kudena] — «Schweif». Das
ergibt
IV [kut] «Wetzstein», [kutena] «Kumpf» + «Schweif», [kudena]
Schwarte». Die Doppelbedeutung von [kutena] (der in 807
[gudeno] in denselben Bedeutungen entspricht) ftihrt nun zur
Aufnahme eines Wortes der Nachbarschaft, d. i. in 805 [kudiro]
Kumpf», in 807 [kueto] «Schweif».
26. Es ist also [kue] «Kumpf», das zum Teil lautgesetzlich co-
tarium fortsetzt, zum Teil ein altereS [kuder] ersetzt hat, im
Nordosten des erhaltenen [&^]-Gebietes in den Wandel von ne>ua
miteinbezogen worden und dadurch in der weiteren Folge mit [kua]
«Schweif» in Beziehung getreten. Àhnliche Vorgange spielten sich
im Nordwesten des [&z//]-Gebietes ab, wo nach S. 33 der Ersatz von
[kuder] durch [kuer] allgemein war. Auch hier ist dieses [kuer] zu
[kua] geworden, und zwar konnte dies auf zwei Wegen geschehen.
Die im Osten beobachtete Uberentauberung von ue > ua zeigt sich
auch hier in einigen Spuren. Vgl. in 611, dann 630, 632, [fua] fiir
fouet\ in 604, 609, 711 [mualo], dann 621, 529 [mual] = frz. moelle\
(die dazwischenliegenden Mundarten haben den siidlichen T}^pus
meolla ), usw. Es konnte ferner, solange das -r in [kuer] gelegentlich,
zum Beispiel in der Pausastellung, noch gesprochen wurde, [kuer] auf
Grund eines bekannten Lautwandels zu [kuar] werden: vgl. dariiber
Meyer-Liibke, Frz. Gramm. I. 87 ff.; es kann der ne>na Wandel
also hier schon friiher als im Osten erfolgt sein. Mit dem Wandel
von -er zu -ar hangt sicherlich die Form [kua] der Punkte 521,
(Vendée), 510, 512 (D. Sèvres) zusammen, da hier poirier in der
Form [puara], [pnera] bezeugt ist, ALF 1049.
Die Folgen dieses Ubergangs lassen sich nun aus den folgenden
Entsprechungen von cotarium erschliefien, die zunachst angeftihrt
werden mògen. An die Stelle des bisherigen Fortschreitens vom
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
45
Frliheren zum Spateren muB hier wieder die heutige Form den Aus-
gang bilden, bis die beiden Entwicklungslinien zusammentreffen.
Vgl. 603 [fona], 604 [kuado] fem., 711 [ku] fem., 611 [kuadie] neben
\kud[c\ 610 [kudadAe] d. i. Kreuzung von [kudie] und [kuadie], die
im benachbarten 611 noch nebeneinander bestehen, 615 \kuodiero],
616,^626 [ kuodriero ].
Die [Formen der Punkte 615, 616, 626 sind zunachst Ableitungen
nicht von [[ku] oder [kuct\ sondern von einem [kuado], das, nachdem
[i kiiodiero] «Wetzstein-Behàl ter» bedeutet, selbst die Bedeutung
«Wetzstein» besessen haben mufì; denn das -d- vor dem Sut’fix -ie
kann nicht Ùbergangskonsonant sein (als solcher kàme -t- in Betracht
wie in dem [kuatie] des Lyonesischen), sondern mufì stammhaft sein.
Àhnlich gibt fiir das Limusinische Béronie, Dict. pat. du bas_
Limousin ein quouado «écuelle de bois, sans oreiiles, qui a une
longue queue trouée par laquelle on fait couler Feau et qui s’appelle
Lou pissorot de lo quouado» an, zu dem als Ableitung quouodado
«quantité d’eau qui peut contenir dans le godet» tritt. Dieses quouado
«Art Kelle» ist Ableitung von quouo «Schweif» (aus altere m * écuelle
queuée ), hat also zunachst mit dem oben erschlossenen [ kuado ] «Wetz¬
stein» nichts zu tum [kuado] ist nun, ohne Riicksicht auf seine Be¬
deutung, der Form nach scheinbar Femininum zu einem Maskulinum
[kua] (in Analogie der Partizipia auf -atum, -ata), setzt also ein
le [kua] voraus, das offenbar mit dem in 603 noch bezeugten [kua]
«Kumpf» identisch ist; aber zwischen le [kua] «Kumpf» und la [kuado]
«Wetzstein fehlt noch ein Mittelglied, das die femmine Neubildung
begriindet, d. i. ein. la [kua] «Westzstein». Le [kua] «Kumpf» und
la [kuado] «Wetzstein» verhalten sich hier ebenso zueinander wie im
Gebiet des Lyonesischen le [kua] «Kumpf» und la [kuana] «Schweif»
S. 40 f. ; in beiden Fàllen bildet das Ubergangsglied ein Femininum,
das mit dem ersten Glied der Gleichung homonym ist und die Bedeutung
des zweiten hat, also la [kua] «Wetzstein» wie la [kuà] «Schweif».
Damit ist die Entwicklungsreihe geschlossen.
Nach dem Ùbergang von [kuar] «Kumpf» zu [kua] standen in der
Sprache nebeneinander.
le [kua] «Kumpf», la [ku] «Wetzstein», la [kua] «Schweif». Le
[kua] ist die Umfassung von la [ku\ hat mànnliches Geschlecht, trotz
des an dem homonymen [kua] «Schweif» vorhandenen weiblichen
Geschlechtes. [ku] ist weiblich, trotzdem in der Mehrzahl der Falle
Wòrter mit betontem vokalischem Auslaut Maskulina sind. Es tritt
also dasselbe ein wie in dem entsprechenden Gebiet des Ostens: la
[ku] Wetzstein» nimmt die feminine Endung -a an, wird also zu
46
ERNST GAM1LLSCHEG
[kua] , das zunachst noch von [kua] «Schweif» verschieden ist, aber
zu [bua] werden mufi, da in der Sprache wohl der Diphtong [ua\
< [ue] 9 nicht aber ein zweisilbiges [ita] vorhanden ist. So wird [kua\
«Wetzstein uber [kua] mit [kua] «Schweif» vollstandig homonym.
[kua] Wetzstein» ist also nun morphologisch das Femininum zu [kua]
Kumpf , ein Zustand, der bei Bezeichnungen, die im Verhaltnis von
Grundwort und Umfassung zueinander stehen, in der Sprache ganz
vereinzelt dasteht.
Da es nun zum Ausgleich zwischen la [kua] Schweif und la
[kua] Wetzsteinc kommen mufi, greift die Sprache zu der Bezeich-
nung le [kua] Kumpf», zu dem la [kua] Wetzstein» morphologisch
das Femininum darstellt, und bezeichnet dieses Verhaltnis eindeutig
durch die Annahme der Femininendung -ado\ es entsteht also der
Typus [kuado] Wetzstein» (uber alterem [kua] , dieses liber [ku]
aus [kut] — cote), der ehemals von 604 (wo er in der Bedeutung
Kumpf noch erhalten ist), bis 626 (wo er aus [kuodriero] erschlossen
wurde), vorhanden war. [kua] Schweif» kann also nun ohne Ver-
wechslungsmòglichkeit weiterbestehen, lebt auch tatsàchlich in dieser
Form auf dem ganzen [kuado]-«Wetzstein» Gebiet, nicht aber dieses.
Denn es gerat zunachst in den Kreis des angefiihrten limusinischen
quoaado «Art Kelle». Diese Vorstellung ist mit der eines Wetzsteines
nicht vereinbar, wohl aber mit der des zu dem Wetzstein gehòrigen
Kumpfes; vgl. die Typen godet , coupé usw. in Abschnitt 59. Es wird
daher in Punkt 604 [kuado] «Wetzstein» in ein [kuado] «Kumpf
berichtigt; die Mundart besitzt daher nur mehr einen Ausdruck fur
Wetzstein und Kumpf. Vgl. dazu bei Corblet, 1. c. queusse —
«pierre à aiguiser. Signifie aussi Pétui en bois que les faucheurs
attachent derrière eux» usw. [kuado] «Wetzstein in 604 hàtte niemals
die Bedeutung Kumpf bekommen, wenn es nicht mit dem bereits
vorhandenen [kuado] «Schopfkelle» identifiziert worden ware, und
[kuado] Schopfkelle» hatte niemals die Bedeutungserweiterung zu
«Kumpf erfahren, wenn nicht eine Neubildung [kuado] zu [kua]
«Wetzstein in die Sprache getreten ware. In dem Worte kreuzen
sich also zwei Etyma: cote «Wetzstein» und codata «Kelle», wahrend
das der Bedeutung zukommende cotarium etymologisch vollstandig
ausgeschaltet ist.
Àhnlich wird in 711 [kuado] «Wetzstein» eingedrungen und neben
das einheimische [ku] , das im benachbarten 712 noch lebt, getreten
sein, so dafi hier an der Grenze des [kuado]-« Wetzstein»-Gebietes
Schwanken zwischen [ku] und [kuado] herrschte. [kuado] wird aber
mit [kuado] Kelle» identifiziert, wird zum «Kumpf», so dafi nun das
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
47
Schwanken zwischen [kuado] und [ku\ auf den Begriff cotarium
iibertrageri wird. Als nun [kuado] aus den gleich anzugebenden
Griinden wieder schwand, blieb von den Doppelformen [ku] «Kumpf»
zuriick, das gleichzeitig auch den Wetzstein bezeichnet, bis durch
die Umschreibung peira mola , heute privo fiir den Wetzstein* \ku ]
wieder eindeutig wurde und nun den «Kumpf bezeichnet. So ergibt
sich die zunachst iiberraschende Tatsache, datò eine Mundart cote
zwar bewahrt zeigt, aber nicht in der etymologischen Bedeutung
Wetzstein: , sondern in der der Ableitung cotarium. Diese Be-
deutungsverschiebung erklart sich durch das Zwischenglied [kuado],
das hier-also nur mehr in seinen Auswirkungen erschlossen werden
kann.
27. Wahrend also f kua] Schweif aus dem Kampf mit der Uber-
gangsbildung [kua] «Wetzstein» unversehrt hervorging, war [kuado]
Wetzstein» nur so lange in der Sprache moglich, als es begrifflich zu
( kua] «Kumpf» gehorig, als formelles Femininum zu diesem in der
Sprache verankert war. [kua] «Kumpf» ist das Stammwort, der
Ruckhalt, an den sich [kuado] Wetzstein» anlehnt. Da aber [kua]
formell nicht die Umfassung einer Wortform [kuado] bezeichnet,
morphologisch eher umgekehrt [kuado] die Umfassung von [kua]
ausdruckt, wie limusinisch [knodado] den Inhalt von [kuado] zum
Ausdruck bringt, wird zu [kuado] «Wetzstein» ein [kuadie] [kuodie]
Kumpf» neugebildet. Nun wird wieder [kuado] Wetzstein» zum
Haupt der Familie, kann aber diese Funktion nicht erfullen,
da es mit conado Brut» homonym ist.
Dieses couado ist diedimusinisch-gaskognische Form des frz. couvée\
es gerat also cotarium — cote in den Kreis von lat. cubare briiten».
Wegen couado Brut vgl. Mistral s. v.; ferner B èro ni e 1. c.
Couado s. f. Tous les oeufs qu'un oiseau couve en mème temps, ou
les petits qui en sont éclos■>; Vayssier (Aveyron) couado , dreisilbig
«couvée», zweisilbig «Schopfkelle»-, D’Hombres-Charvet, couado
in der ersten Bedeutung ; Lespy-Raymond, Dict. Béarnais coade
dass. usw. Es wird zwar [kuado] Brut fiir das Dep. Aveyron als
dreisilbig angegeben, ist also von [kuado] Wetzstein» zunachst ge-
schieden, aber ein solches dreisilbiges [kuado] ist selbst auf dem Weg,
zweisilbig zu werden; denn selbst das Stammverbum cubare wird
im Westen Siidfrankreichs im Infinitiv eipsilbig = [kua]. Aufierdem
gibt die Viertelkarte couvée des ALF (1795), die nur den Ostteil des
Provenzalischen enthalt, fiir die in der NHhe des [kuado]-« Wetzstein»-
Gebietes gelegenen Punkte 720 und 731 die Form [kuado] «Brut»
an, bestiitigt also die vollstiindige Homonymitat der beiden Begriffe.
48
ERNST GAM1LLSCHEG
Leider ist es nicht mòglich, im eigentlichen [kuado]-<> Wetzstein -
Gebiet die Folgen dieser Homonymitàt auf [kuado] —^cubata zu
verfolgen.
DaB ein Wort nicht gleichzeitig «Wetzstein und «Hiihnerbrut» be-
zeichnen kann, liegt auf der Hand. Beides sind Begriffe des land-
lichen Lebens, derselben Bevòlkerungsklasse, spielen in derselben
Jahreszeit im bauerlichen Haushalt eine Rolle, und wenn auch im
einzelnen Fall ersichtlich sein kann, welches der beiden homonymen
Wòrter gemeint ist, tràgt doch eine Verwechslungsmòglichkeit von
>Wetzstein: und «Brut» an sich den Stempel der Lacherlichkeit, des
Widersinns; vgl. zum Beispiel Sàtze wie: tiens ma [kuado] , n’as tu
pas vu la [< kuado] du valet?, ma [kuado] est égarée, émoussée, perdue,
brisée usw. Damit ist die Entwicklungsmoglichkeit des Wortstammes
cote in diesen Mundarten erschòpft; die Form [kuado] ist ein Sack-
geleise, aus dem es keinen Ausweg gibt : der Stamm geht unter, es
tritt peira mola an seine Stelle.
jVlit dem Untergang von [kuado] «Wetzstein» verliert aber auch
[kuadie] «Kumpf» seinen Ruckhalt, und da im Norden des Gebietes
durch einen ebenfalls lautlichen Vorgang fur den «Kumpf» sich das
Bild der «Kiirbisflasche» einfindet, bemdchtigen sich die Mundarten,
in denen [kuadie] «Kumpf nunmehr ohne Wortfamilie dasteht, des
neuen Bildes und arbeiten in diesem Vorstellungskreis weiter; siehe
dariiber Abschnitt 42.
28. Der Untergang von cote und cotarium ist also nicht das
Ergebnis eines willkiirlichen Ersatzes, eines der Sprache immanenten
Triebes nach Veranderung oder der Freude am bildlichen Ausdruck
seitens der Sprechenden, sondern die Folge einer langen Reihe mehr
oder weniger organischer Umgestaltungen. Zur Erlàuterung nehme
ich einen einzelnen Punkt, 612, heraus, der heute ftir den «Wetzstein
pierre de dail «Sensenstein>, fiir «Kumpf» [kuso],' d. i. «Holzschale
(= nprov. coussct — «sébile, écuelle de bois à l’usage des bergers et
des vendangeurs») gebraucht, das selbst zu cosse «Schote» gehort.
Diese beiden Wòrter haben den folgenden Stammbaum:
[peiro de dae].[kuso].[kual
[peiro]
[peiro muoio]
[kuado].[kuadie]
Oder aber es ist hier wie in 604 [kuado] in der Doppelbedeutung
«Wetzstein» + «Kumpf» vorhanden gewesen; dann ist [kuso] «Holz¬
schale» unmittelbarer Ersatz von [kuado] «Holzkelle».
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROM ANISCHEN
49
|kua].
[ku].
.[kua]
[kuar]
[kuer]
[kut].
[koder]
cote.
Àhnlich ist das Entwicklungsbild der ubrigen zuletzt besprochenen
Mundarten.
29. So bleiben noch zwei Dialektgebiete zu besprechen, auf denen
cote heute bis auf wenige Reste geschwunden ist, nàmlich das Slid-
ostfranzòsische und das eigentliche Provenzalische mit den anschlieBen-
den Mundarten des Languedokischen. Im Sudostfranzòsischen ist zu-
nachst im Gegensatz zu den eigentlichen provenzalischen Mundarten
von einer Form couz auszugehen, die aufier durch die im folgenden
besprochenen Ableitungen durch die Form [kos] im Aostatale (um
Punkt 975) bei Cerlogne, Dict. du patois Valdótain, Aoste, 1907,
117 gesichert ist 1 . Dieses cous ist nach Mafigabe der Karte loup
des ALF 783 zu [kou] geworden (so fur die Punkte 989, 988, 975,
985, 939 zu erwarten), das dann im Norden uber [kcio\ (957, 958, 969,
70) zu [ka] (40, 50, 60, 5t, 61, 62), im Westen zu [kó] riickgebildet
werden solite; vgl. zu dieser Ruckbildung Philipon in P. Meyer,
Documents linguistiques du midi de la France, Paris, 1909, S. 114.
Dieses westliche [ ko] ist durch das schon erwàhnte [ akò] des Punktes
918 bestatigt. In Savoyen solite gleichfalls die Form [kó\ herrschen;
vgl. [lo] -lupus in 955, 964. Von diesem ganzen Gebiet ist aber
nur [&05] in Aosta, [ akò ] in 918 und in Savoyen, Punkt 963, ein ver-
einzeltes [koe] statt des zu erwartenden [ko] zu finden; cotis ist also
nur dort erhalten geblieben, wo auslautendes -5 erhalten btieb oder
cote selbst nicht-lautgesetzliche Umgestaltungen erfuhr.
Àhnlich steht es hier mit den Entsprechungen von cotarium.
Lautgesetzliche Formen sind nur am àuBersten Rand des Gebietes zu
finden, so in den Punkten 969, 977, 978 der franzòsischen Schweiz,
in 985 Piemont usw. Im Zentrum des Gebietes erscheint fur cotarium
eine Form [kofi], so im Departement H. Savoie und den anschliefien-
1 Cos sm. Allé à gran —, aller à toute hàte, au grand galop, à la course.
Sf. Pierre à aiguiser; cose = cove sm. Etui ou on met la cos ou moietta
(pierre à aiguiser). Vgl. dazu S. 10 der Einleitung «S sonne à la fin
des mots.»
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922.
4
50
ERNST GAM1LLSCHEG
li
den Mundarten der franzòsischen Schweiz; dieses [kofi] wird ringsum
von einem Typus [kove ], [kovié], [bovi] eingeschlossen, der iiber das
Sudostfranzòsische hinaus, das Rhònethal abwarts bis an die t>d-
Grenze sich erstreckt und im Nordwesten fast das ganze Departement
Doubs und Jura mit einschliefit.
\kofi\ und [itovi] kònnen nicht auf die gleiche Grundform zuriick-
gehen, und doch mufi ihre Entstehung ahnliche Vorbedingungen haben.
sonst kònnte nicht das [£o/z] - Gebiet in dem [itovi] - Gebiet aufgehen.
Das Gebiet, in dem fiir cotarium die Form [Jtoji ] erscheint, fallt
nun fast Punkt fiir Punkt mit den Gebieten zusammen, wo cale e are
als [sofi], [sqfi] (ALF 259), nuptia als [nofe] (ALF 913), frz. danser
als [elafi] (377), lat. dulcis als [dofe], [dojc] (ALF 421), afz. lairei
als [Icife] (ALF 746) auftritt, d. h. [kofi] geht auf ein alteres [kotsier]
zuriick, das mit den [, kiitsc ], [itutser | - Formen des Westladinischen
identisch ist, s. S. 6 1 * * * * * . ^
Dieses [itotsicr] Kumpf kann aber lautlich ebensowenig *cotiarium
sein wie das S. 7 angefiihrte gròdnerische [kitsé] ; es ist vielmehr
Neubildung von einem [kots] Wetzstein , der Vorstufe des in Aosta
noch bezeugten |/J05|, siehe oben. Fine entsprechende Ableitung, aber
mit stimmhaftem Konsonanten im Inlaut liegt in den Formen [kudse]
987 und [itoze] 975, 986 vor, die ein alteres \kodzcr\ zu [À 7 o/5] Wetz¬
stein voraussetzen.
Es hat sich also offenbar auch auf diesem Gebiet das Bedtirfnis
nach einer Neubildung fiir cotarium geltend gemach£; denn dab
auch hier einmal cotarium vorhanden war und nicht etwa ^kot-
sarium die alteste Bezeichnung des Kumpfes bildete. zeigen die
cotarium-Reste in 985, 969, 978, 977 an. Diese Neubildung, die
auf der Lautform der Bezeichnung des Wetzsteins aufbaut, erreichte
die Entsprechung des lat. cotis in der H. Savoie und den anschlieben-
den Mundarten auf der Stufe [kots ], [, kouts ], wie ja noch beute in
einzelnen savoyischen Mundarten die Auslautkonsonanten gesprochen
werden, vgl. S. 30 Anm. ; auf dem grofiten Teil des siidostfranzòsischen
Sprachgebietes setzt die Neubildung [kovic] dagegen einen Stamm
1 Das ehemalige Verbreitungsgebiet des Wandels von ts zu f sowie die
Bedingungen, unter denen dieser tìbergang eintritt, sind unklar. Heute
finden sich kèine oder nur vereinzelte .AFormen fiir écrevisse, ficelle, force ,
herse, pace , écorce, sorcier, source, sourcils u. a.; massue, wafon, bossn,
giace haben f nur im Norden, embrasser nur ini Stiden des [&Q//]-Gebietes.
mofa fiir mousse fehlt in der H. Savoie, erstreckt sich aber iiber weitere
Gebiete der franzòsischen Schweiz und Piemonts.
WJiTZSTEIN' UND KUMPF IM GALLOROMANISCHKN 51
\kov\- voraus, der von einem aiphthongischen [kou] «AVetzstein» aus-
geht K
30. Es ist nun zunachst zu erklaren, warum auch auf diesem Ge-
biet das alte cotarium geschwunden ist. Denn die Beobachtungen
auf den anderen Gebieten haben gezeigt, datò die blofie lautliche Ent-
fernung zwischen cote und cotarium allein noch kein gentigenderGrund
ist, dafì die laùtgesetzliche Entsprechung von cotarium umgebildet
vvird. Es gilt daher zunachst, iiber die Form ins klare zu kommen,
die dieses bei ungestòrter Entwicklung auf unserem Gebiet angenommen
hatte. Zunachst muBte das intervokalische -t- hier wie im Nord-
franzosischen fallen. Die t>d- Grenze hat schon im 14. Jahrhundert
ungefahr den heutigen Gang. So wird fiir feta schon im 14. Jahrhundert
weit sudlich im Departement B. Alpes, durch das noch heute die d-
Grenze zieht, fella, feci neben feda y vehel — vitellus angegeben; s.
P. Meyer, Doc. ling. S. 235, 407.
Ftir -arium gibt Staaf, 1. c. S. 98, die folgenden Entsprechungen :
Waadt, heute fiir februarius die Endung - ai , -e, vereinzelt -i; -ai,
-, e fiir altes - er, -i fiir - ier , da§ aber von den Palatalstammen ausgeht,
also urspriinglich bei cotarium nicht vertreten war. Wallis zeigt
heute gròBtenteils die Verallgemeinerung der -ier- Form, daneben -e ,
- ei , -tir, Belege, die eine Entwicklung -eir, - er, -ar erschliefien lassen.
Neuenburg hat heute -ier verallgemeinert. Freiburg hat -arium
(mit -67, -é) von Palatal + -arium (mit -/) geschieden ; Jura wie
Neuenburg. Fiir die Dauphiné sind alte Formen bezeugt, so im
12. Jahrhundert -er neben ier fiir Palatal + - arium. Erst Ende
des 15. Jahrhunderts wird -ier allgemein. Auch das delphinatische
-er wird von Staaf auf eine Form -eir zuriickgefuhrt. Dafi im Lyo-
nesischen die Entwicklung dieselbe war, wurde S. 37 ausgefiihrt.
Es wurde also cotarium iiber codeir~ zu coer , das heute im Siiden
als [kue] erscheinen solite, wo nicht im 14./15. Jahrhundert an Stelle
der Endung -er die palatale Entsprechung -ier eintrat. Ein solches
coier ware dann zu [bui] geworden. Diese Formen finden sich auch
tatsachlich in den Mundarten, die cotarium bewahrt haben: coer
als [ ko a e ] in 969 fdazu \m Q ola de ko a e\, das ist merde de coyer fiir
1 Gauchat BGPSR 2, S. 34 sieht in \kovef (Greierz) die unmittelbare
Fortsetzung eines *cotarius und vergleicht damit das y in frz. pouvoir.
Hierher gehort auch die Form von Vionnaz bei Gilliéron, Pat. com. de
V., S. 159, nàmlich [korvài\, das ein àlteres [kóvùi] mit langem o und
falscher Riickbildung von langem Vokal + stimmhaftem Bauerlaut zu
Vokal 4* r + Konsonanten voraussetzt. Auch dadurch ist geradlinige
Weiterentwicklung des lat. cotarium ausgeschlossen.
4 *
52
ERNST GAMILLSCHEG
*
den «Wetzstein») im Berner Oberiand, als [kue J 977 Wallis; daneben
coier in [kui] 978 ebenda. [kui] und [kue] finden sich ahnlich neben-
einander im Departement Doubs und den im Nordwesten anschlieften-
nordfranzosischen Mundarten.
Dieses urspriinglich zweisilbige [kuer ], [kuier], spater [kue] , [kui],
ist in der Folge einsilbig geworden — nur [kui] in 978, 985 ist noch
zweisilbig —und ist nun in zwei verschiedenen Perioden
mit der Entsprechung von lat. corium • zusammenge-
falien. Der «Kumpf» wird zum «Leder». Auch hier ist eine Be-
grundung daflir, dafì nicht dasselbe Wort gleichzeitig «Leder» und
«Kumpf» bedeuten kann, tiberflussig. [kover] ist also eine Abwebr-
bildung gegen [kuer], das zu [kuer] — «Leder» + «Kumpf» zu werden
droht.
Fur den Siiden des covier- Gebietes liegt diese Entwicklung klar vor
Augen. Es ist hier wie im ganzen Osten Nordfrankreichs corium
zu coir geworden, das zunachst zu [kuer] wurde und nun zum Teil
in den Ersatz von - er durch -ier, d. h. von -arium durch -(i) arium,
hineingezogen wurde. Das zeigen besonders deutlich die Mundarten
der sudlichen franzòsischen Schweiz, die heute fur corium die Form
[kui] aufweisen, wo ftir cotarium Formen mit der Endung -i sich
finden, dagegen [kue], wo -arium als -e(r) erscheint, vgl. :
959 968 978 979 989 988 977 976
corium [kue] [kue] [kui] [kuir] [kui] [kui] [kuei] [kyer]
cot arium [kovò] [kove[ [kui] [kovi] [kovi] [kovi] [kue] [kove]
Diese Ubersicht zeigt gleichzeitig, wie die Mundarten, die hier noch
co tari um bewahrt haben, gegen die Homonymitàt mit corium an-
kampfen; 968 und 977 sind unmittelbar benachbart. 977 hat [kue |
«Kumpf», 968 genau die gleiche Form fiir «Leder». In der Be-
deutung «Leder wird [kuei], das ist [kue] «Kumpf» mit einem -i-Nach-
klang angegeben, der hier sonst nirgends auf der Karte cuir des ALF
zu finden ist; d. h. [ku$i] ist Kreuzung von [kue] «Leder + «Kumpf
mit [kui] « Leder « der òstlichen Nachbarmundarten. 978 hat [kilt]
«Leder» neben [kui] «Kumpf». Auch dieser Unterschied scheint un-
organisch zu sein, jedenfalls nicht stark genug, um beide Formen auf
die Dauer nebeneinander zu halten.
Das Zentrum des covier- Gebietes (Savoyen und die anschliebenden
Mundarten im Osten, Norden und Westen) fàllt mit dem Gebiet zu-
sammen, auf dem corium als [kuer], [kuir] bzw. mit Fortsetzungen
dieser Formen erscheint. Hier ist also c o t a r i u m auf der Stufe
[kuer] mit [kuer] — corium in Konflikt geraten und in [kou er],
[kover] verdeutlicht worden. Wo corium auf diesem Gebiet mit der
WETZSTE1N UND KIJMPF 1M GALL0R0MAN1SCHEN
53
Form [kitir\ erscheint, hat es wie in Wallis -ir nicht als Reflex der
Endung von corium, sondern -(i)arium. Das covier- Gebiet greift
aber im Siiden tiber das [kuer\ — corium-Gebiet hinaus. Da aber
hier corium in der zweifellos entlehnten Form [ktiir] erscheint.
aufierdem nur im Westen und Siidwesten des [kuer] — corium-Ge-
bietes fiir corium «Leder» peau als Ersatzform auftrift (11, 919,
916, 908, 838 und einige andere), ergibt sich deutlich, da!3 es auf
diesem Gebiete eine Erschiitterung in der Lautform fiir corium ge-
geben hat, und da der covier- Typus an der £>^-Grenze haltmacht,
wird man sein Vordringen in den Siiden mit einer gewissen Wahr-
scheinlichkeit wie im Norden mit einem ehemaligen Zusammentreffen
von corium und cotarium erklaren dlirfen.
Andérs liegen die Verhaltnisse im nòrdlichen Teil des covier- Ge-
bietes. Hier ist corium liber afz. coir zu [, koi ] geworden, das im
Norden des covier-Ge bietes in einigen Ortschaften in dieser Form er-
halten ist, dagegen slidlich davon tiber [koi] zu [ko \, [kit) wurde,
Hier war also ein Zusammenfall von cotarium und corium nicht
auf der alteren Stufe coer moglich, sondern erst dann und dort, wo
dieses mit Verallgemeinerung der Palatalform von -arium, das ist
-ier, zu coier, spater \koir] wurde. Dieser Ersatz von -er durch -ier
ist aber nach Mafìgabe der Karte poirier des ALF nur im Osten des
corium-Gebietes eingetreten; daher greift auch [koi] —corium im
Westen iiber das covier- Gebiet hinaus.
Dieses lokale Zusammentreffen von \koir] Leder und [koi e r ] 1
Kumpf erklàrt eine weitere Tatsache. Im Anschlulò an das covier-
Kumpf»-Gebiet erstreckt sich an der franzosisch-deutschen Sprach-
grenze eine lange Zone, in der cotarium vollstandig untergegangen
ist. Dafiir sind als Ersatzworter botte, buhot oder Neubildungen von
\ko ], [ku\ Wetzstein aus eingetreten, die im Abschnitt 48 erklart
werden. Es ist auf diesem Gebiet zwar nur im Osten ^pirarius zu
poirier geworden, wahrend die westlichen Mundarten fiir -arius
noch heute -er zeigen, d. h. es ware, wenn man die heutigen Ver¬
haltnisse allein berticksichtigt, nur im Ostteile dieses Gebietes zu einer
Homon}^mitat zwischen corium und cotarium gekommen; aber der
Typus coier kann hier ehemals weiter westlich gereicht haben, als
dies aus der Karte poirier hervorgeht, da hier fiir den Ersatz von
-arius durch -(i)arius noch als weiterer Grund das Vermeiden des
1 Uber die Betonung ie fiir den afz. Diphthongen ie s. Meyer-Liibke,
Frz. Gramm. I, 57 f. ; der Ubergang von ie zu i im Ostfranzosischen ist ebenfalls
schon spàtaltfranzosisch, ist also zweifellos alter als die Weiterentwicklung
von oi zu ói im siidlichen Teil des [koi]- Gebietes.
54
ERNST GAMILLSCHEG
Hiatus in [ko-er\ hinzukam 1 . Jedenfalls erklart eine solche drohende
Homonymitat von corium und cotarium + -(i)arium dieauffàlligen
Formen fiir den «KumpL in den beiden Ortschaften 153 und 171 in
unmittelbarer Nachbarschaft des Gebietes, in dem cotarium voll-
stàndig geschwunden ist, namlich [kuoj] in 153 und das daraus ent-
standene [ka^ii] in 171 2 . oi ist in 153 die normale Entsprechung von
-orium, ebenso u in 171; aber eine Bildung *cotorium gerade nur
hier ist ein Ansatz, aber keine Erklàrung. Aber oi in 153 und ii in
171 ist auch das Ergebnis von -orium, vgl. [koj] bzw. [kiìr\.i\ìr
corium. Ich vermute daher, dafi hier ehemals corium als [koir\
und cotarium als [koir] zusammenzufallen drohten, und dafì deshalb
die Beziehung des letzteren zum Stammwort cote neuerdings zum
Ausdruck gebracht werden solite. So wurde in 153 [koir] <Kumpf
in ein [ku-oir] verdeutlicht, àhnlich in 171 [koir] in [kou-oir] mit Ein-
beziehung der Form [kon] fiir cote. 171 hat beute [ku] Wetzstein ,
das also nach Mafigabe der Ableitung aus alterem [kon] entstanden
ist. Diese Zerdehnung der lautgesetzlichen Form von cotarium
und die gleichzeitige Neueinbeziehung des Grundwortes in die Form
der Ableitung war also ein Mittel, den Zusammenfall von Kumpf
und < Leder zu vermeiden; die Mehrzahl dieser nordlichen Mundarten
verzichtete aber auf ein Eingreifen in dìesen sprachlichen Konflikt und
gab die Entsprechung von cotarium vollstandig auf. [kauit] von 171
besteht also etymologisch aus vollbetontem cote und einer Endung,
die gleicherweise - o r i u m wie -otarium ist.
Dèr Parallelismus zwischen den zuletzt angefuhrten Formen und
dem covier des Siidens ist augenscheinlich. [kover] ist ein [kon]
«Wetzstein^ + -er als Protest gegen den Ubergang von [kuer] zu
[ikiier] , das ja Leder bedeutet; [ ku-oir ] in 153 ein Protest gegen
[kojr] , das zu [koir] zu werden droht und damit ebenfalls «Leder
bedeutet. Dieser Zusammenfall von corium und cotarium im
gròfiten Teil des Ostfranzosischen fuhrt uns in das spatere Mittelalter,
zum Teil in die Zeit vor dem Verstummen der Auslautkonsonanten
zurlick; denn [ku-oi] in 153 setzt ein noch lebendes [ku] ^Wetzstein ,
[kojì] in Savoyen ein [ kots ] mit noch gesprochenem Auslaut, endlich
der covier- Typus ein noch lebenskraftiges diphthongisches [kon] «Wetz-
1 Im ganzen Osten des nordfranzòsischen Sprachgebietes werden Hiatus-
vokale nicht kontrahiert, es treten dazwischen Ubergangslaute auf, vgl. zum
Beispiel lothr. [meni] — maturus; vog. [fe%in\ — :|i faguina; es ist also
hier [ koet] > [ koier] geworden, auch wo sonst -arium als -er erhalten
blieb.
2 S. dazu Bourberain kuati, RPG 2, 267 , (J. Jud).
WETZ STEIN UND KUMPF IM GALLO ROMAN 1SCH EN
55
stein voraus. Warum ist aber nun dieses geschwunden, nachdem es
sich eben erst als lebenskraftig erwiesen hatte?
31. Das [ku] «Wetzstein von 153 wurde durch [ ku ]— coda er-
driickt, das heute das ganze nordliche covier -Gebiet ausfiillt, ungefàhr
von der Linie an, wo [kner ]— corium aufhort. Aber weiter slid-
lich ist ein Zusammenfall von coda und cote auf lautlichem Wege
ausgeschlossen, und doch ist es auch hier zu einem solchen gekommen.
Den Weg,N der zu diesem Zusammenfall fuhrte, zeigt .uns die Form
[, koe ] Wetzstein des Punktes 963 an, die unmittelbar an das covier-
Gebiet angrenzt. Dieses [koe] ist nicht lat. cote, sondern ein aus
cotis — cotis entstandenes [ ko ], das die weibliche Endung -e fur lat.
-a angenommen hat. -e als Entsprechung von lat. -a hat heute bei
mola zwar nicht der Punkt 962, aber das benachbarte 972, auch die
Nachbarmundarten von 963 im Westen zeigen bei mola die Tendenz,
das auslautende a verstummen zu lassen, was Edmont durch die
Form mol a andeutet. . Ein konsonantisch auslautendes [kouts] oder ein
daraus riickgebildetes [kout ] 1 kònnen ihrer Form nach auch Feminina
sein : aber ein daraus entstandenes f kou ], [ko] rtickt formell in die
Klasse der Maskulina ein 2 ; dagegen straubt sich die Sprache. Das
zeigt augénscheinlich die Viertelkarte gin des ALF, die gerade das
hier behandelte Gebiet Frankreichs beriicksichtigt. Lat. gius glutis
Vogelleim ist morphologisch die genaue Entsprechung des lat. cos,
cotis, ebenso afz. gius die des afz. cous , s. S. Bff. Innerhalb des covier-
Gebietes ist nun mit wenigen Ausnahmen das aus afz. gius entstandene
giu entweder zum Maskulinum geworden, oder es wurde an den Stamm
[giu] die feminine Endung -a angehangt. Der erste Weg, Ubergang
des femininen [kou] zum Maskulinum, fiihrte aber zum Zusammenfall des
Wortes mit con — collum, wurde daher wohl kaum beschritten. Der
zweite Weg, nàmlich die Anhangung des femininen -a an [kon], fuhrt
zwar nicht unmittelbar, aber in der Folge zu einem ahnlichen Ergebnis.
Es hat feminines [kon] die charakteristische Endung -a angenommen,
wie das angefiihrte [koe j des Punktes 963 deutlich zeigt, aber wohl
erst als [koua] «Schweif zu [kaija] geworden war, wahrend [ kotj ] Wetz¬
stein noch einen o-Diphthongen besafi, wie etwa noch heute zum
Beispiel in Punkt 985 noch [lon] — lupus neben kava «Schweif- steht.
1 Vgl. dazu die S. 30 Anm. angeftihrten Hauptwòrter mit analogischem -t in
Lanslebourg, ferner S. 7 die Erklàrung des westlad. kut. Vgl. auch afz.
viet — vetus bei Kraus, Ostliche Champagne, S. 71.
2 Vgl. dazu M. Gabbud und L. Gauchat in BGPSR 7, 5: «Les ter-
minaisons ou , óu , ò s’appliquent exclusivement nous semble-t-il, à des noms
masculins » (Mélanges Bagnards.)
56
ERNST GAMILLSCHEG
Es wird also wohl [kou] «Wetzstein» zu [koua] geworden sein, als
coda bereits die Form [kaua] erreicht battè. Aber der Unterschied
zwischen [kgua] «Wetzstein» und [kaua\ «Schweif» war offenbar auf
die Dauer kein besseres Mittel gegen den Zusammenfall der beiden
Wòrter als im anschliefienden Westen der Unterschied zwischen [kua]
«Wetzstein» und [kua] «Schweif», s. S. 45; denn zunàchst lag der
Ubergang von offenem o zu a vor u auch in der Entwicklungs-
richtung des [ou] , nachdem [k$ua] zu [kaua] geworden vrar, wie die
Form [lao] flir lupus und die Weiterentwicklung zu [la] zeigt, s.
S. 49, und dann kam der assimilierende Einflufi des auslautenden -a
hinzu, der nun [koua] «Wetzstein» von [lou] lupus weg in die
Richtung nach [kaua] «Schweif» hin verschob. So kam es nun doch
zu der unvermeidlichen Homonymitat der beiden Wòrter, deren tat-
sachliches Vorhandensein durch zweierlei Erscheinungen bestàtigt
wird: 1. durch die Art des Ersatzwortes fiir [koua) Wetzstein ,
uber die in Abschnitt 52 berichtet wird, und 2. durch die unorga-
nische Entwicklung von coda im Nordteile des covier -Gebietes.
Die Homonymitat der Bezeichnungen fiir den Wetzstein» und den
«Schweif» fiihrt also zu den gleichen Ergebnissen wie auf den ubrigen
Gebieten: Es schwindet entweder [kaua] Wetzstein» allein, oder es
schwinden beide Begriffe. Fiir das unliterarische [kaiia] «Wetzstein
tritt eine Ersatzform ein; fiir das literarische [kaua] Schweif» wird
in den der Literatursprache zugànglichen Mundarten das literarische
queue angepafit; die widerstandsfàhigen Mundarten greifen zu einer
Form der Nachbarmundarten.
Der erste Fall ist in Neuenburger und Berner Mundarten eingetreten,
im ALF den Punkten 939 [kiewa], 40, 50 [tiiiva], 51, 61, 62, 60, 70
[kiiva] , die sàmtlich auf ein alteres [kóva] zurtickfiihren, das angepafites
frz. queue darstellt. Àhnliche Formen in 41, 31 (Doubs). 20, 30, 928,
938, 927 (Jura), die aufier dem an der Grenze liegenden 41 durchwegs
sich im covier- Gebiet finden 1 . Der zweite Fall, namlich die Aufnahme
einer Form der Nachbarmundarten, kann im Departement Savoie ein¬
getreten sein, das heute die Form [kìia] aufweist; doch kann hier
[kua] auch unmittelbar aus alterem [koua] entstanden sein, wie wohl
auch [kua] 937, 959 (Waadt), [kua] 52 denselben Ursprung haben.
1 Vgl. dazu Urtel, Beitràge zur Kenntnis des Neuchateler Patois. Darm¬
stadt 1897, S. 28. «Coda erscheint als kiiva (kòa - kùa - kiiva) von, Corn.
(àux) bis Vaum. (arcus). In Cres. (sier), Land, (eron) finde ich kaw , in Lign(ières)
kau, dessen Entwicklung wohl die gleiche wie bei kaua (Val de Bagnes) ist.
SchwerlichkannhieraneineErhaltungdesaltenDiphthongen
gedacht werden. Ebenso unklar ist kni’ya (Provence, Kanton Waadt).
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMANI SCHEN
57
Ist hier die Form [kiia] alt, dann ist hier wohl zunachst neben [kua]
Schweif» ein [koa\ (vgl. [koe] in 963 an der covier - Grenze), [kua\
Wetzstein» getreten, das als [kua\ mit [kua] «Schweif» homonym zu
werden drohte und nun schwand, wie im Norden [kaua] » Wetzstein »
vor dem homonymen Schweif».
32. Es wirkt schon einformig zu sehen, wie coda immer wieder
mit cote in Konflikt gerat. Denn dasselbe Schauspiel bietet uns das
letzte Gebiet, das im Stiden noch zu besprechen ist, die eigentliche
Provence mit den anschliefienden Mundarten des Languedokischen,
wo cote tiber [kilt ] zu [ku] werden mufite. Um den genauen Weg
der sprachlichen Entwicklung auf diesem Gebiet verfolgen zu konnen,
ist es notwendig, die heutigen /Entsprechungen des aprov. eoa —
coda genauer zu betrachten. Auf fiinf verschiedenen, zum Teil aus-
gedehnten Gebieten ist an Stelle des einfachen eoa die Ableitung
eoeta Schweiflein» eingetreten, der wir schon im Norden in Poitou
als Abwehrform gegen [ku] = cotis + coda begegnet sind. Diese
getrennten eoeta-Gz biete werden samtlich miteinander durch Zonen
verbunden, in denen statt des aprov. eoa frz. queue eingedrungen ist.
Die fiinf eoeta - und die vier queue -Gebiete bilden einen zusammen-
hangenden Komplex, der an keiner Stelle von einem organisch ent-
wickelten eoa unterbrochen wird. Wiirde sich eines der eoeta- oder
queue-Gebiete etwa inmitten eines eoa - Gebietes finden, dann konnten
die Neubildungen eoeta und queue unabhangig voneinander erklàrt
werden; so aber bilden eoeta und queue eine untrennbare Einheit.
Dieser geographische Zusammenhang der beiden Typen kann theo-
retisch dreierlei Erklarung finden: 1. Das Gesamtgebiet von eoeta +
queue war urspriinglich ein einheitliches eoeta- Gebiet, queue ist
sekundar; 2. es war ein altes queue-Geblet, eoeta ist sekundar; 3. ein
einheitliches Gebiet mit einer Form fiir aprov. eoa , die untergehen
mufite, wurde in die verschiedenen eoeta- bzw. queue - Gebiete ge-
spalten ; denn das Eintreten einer Koseform oder der literarischen Form
fiir den Begriff .<Schweif sind naheliegende Mittel, eine unbrauchbar
gewordene Form fiir coda zu ersetzen; sie konnten also unabhangig
voneinander an verschiedenen Punkten zur Anwendung kommen.
Die Entwicklung des aprov. eoa fallt unter drei Lautgesetze, den
Wandel von betontem o zu u, den Wandel von auslautendem -a zu -o,
und die Akzentverschicbung in eoa auf den Auslautvokal. Die rela¬
tive Zeitbestimmung dieser drei Erscheinungen ist unsicher. Der
Wandel von o> u erstreckt sich iiber das ganze provenzalische Gebiet,
von wenigen òstlichen Mundarten abgesehen. Er ist zuerst im Limu-
sinischen bezeugt, und zwar im 14. Jahrhundert, s. Porschke, Laut-
58
ERNST GAMILLSCHEG
und Formenlehre des Cartulaire de Limoges, Breslau 1912; in der
Gascogne im 15./16. Jahrhundert, s. S. 29; fiir die Dauphiné im
16. Jahrhundert gesichert. Auslautendes -a ist noch heute namentlich
im Westen des provenzalischen Gebietes inselfòrmig, dann geschlossen
im Siidostfranzòsischen erhalten, ist dagegen im Limusinischen seit
dem 15. Jahrhundert (Chabaneau, RLR 5, 180), im Departement
Hérault seit 1507 gesichert. Es ist auf dem letzten Gebiet sogar
wieder zu Ruckbildungen gekommen, s. Z a u n , Ma. von Aniane
S. 72/73. Uber die Akzentverschiebung von eoa kann nur dieses
selbst aufklàren. Die [kua] —coda-Formen im limusinischen -o-Ge-
biet zeigen, dafi die Akzentverlegung hier alter ist als der Wandel
von -a zu -o ; dasselbe gilt fiir die [kua] - Formen der Provence. In
der siidlichen Dauphiné, die heute noch -a erhalten hat, ist eine Form
[kiia] fiir das 14. Jahrhundert gesichert, vgl. bei Devaux, 1. c. S. 194,
456 die Schreibung cua mit u wie in cuer — corium, gegen o bzw-
ou in prior , redolir, flours usw.
Immerhin ist diese Akzentverschiebung zum Teil uberhaupt nicht,
zum Teil auf einer spaterén Stufe eingetreten. Das letztere in den
Mundarten, die fiir coda die Form [kuo] zeigen; hier ist also eoa
uber [kuo] zu [ kuo ] geworden. Die Mundarten aber, die der Wandel
von -a zu -o vor dem Wandel von o > u und vor der Akzentver¬
schiebung erreichte, mufiten eoa zu \koo\ und dieses weiter zu [kò]
werden lassen. Dieses [kò] ist tatsachlich in dem Punkte 862 (Departe¬
ment Gard) an der Grenze des queae - Gebietes bezeugt, scheint aber
ehemals weiter verbreitet gewesen zu sein, da es im languedokischen
Wòrterbuch von D ? Hombres-Charvet neben quuio angefiihrt wird \
Gegen dieses Einsilbigwerden der Form \koo\ scheint sich nun die
Sprache aufgelehnt zu haben; denn -o als charakteristisches Zeichen
der Feminina aufzugeben. bedeutet, ein Wort aus der Klasse, in die
es nach Form und Geschlecht gehòrt, herauszuheben ; das ist aber die
Umkehrung der Stròmung, die Substantiva in charakteristischen
Deklinationsklassen zu vereinigen, die man, vom Vulgarlateinischen
angefangen, bis heute beobachten kann, und die gerade fiir die Ent-
wicklung der Provence als ausschlaggebend festgestellt werden wird.
Die Nacbbarmundarten von 8ò2 im Norden und Siiden, 871 mit zwei-
silbigem [kou] , 863 mit [kuou] haben nun dieses zu verschmelzen
drohende [koo] zu [kou] dissimiliert ; [kou] in 863 hat dann mit dem
| kua] der Nachbarmundarten gekreuzt die Form [kuou] ergeben.
1 Auch in der Verbindung: siès un la quò «du bist ein TaugenichtS',
aus der hervorgeht, datò dieses quò im Begriffe ist, mit dem Artikel zu ver*
wachsen. Es ist also offenbar das Wort im Wortkòrper zu ausdruckslos.
WETZSTEfN UNO KUMPF IM GALLO ROMANLÌCHEN
59
Ein weiteres Mittel, die beiden o-Laute in [koo\ vor dem Ver-
schmelzen zu bewahren, ist das Einschieben eines Ubergangslautes.
So erscheint in 778, das unmittelbar an der collette -Grenze liegt, die
Form [koio]. Fiir giu — gl ut e ist eine aus [glilo] gebildete ahnliche
Form [gitilo] in 824, 833, [gloio] in 861 bezeugt. Der eigentliche
Ubergangslaut zwischen den beiden velaren o-Lauten ist aber nicht
das i der Palatalreihe, sondern u , und so ist auch in unmittelbarer
Fortsetzung der f/v’0/o]-Form im Westen [koo\ zu [kouo] geworden,
das von dem Wandel des betonten o > u ergriffen und zu [kuuo] wurde,
das nach einerii bekannten, auch in historischer Zeit noch wirkenden
Lautgesetz in [ kugo ] iiberging. Dieses ist die Form fast der ganzen
Departements Hérault und Aude, und auch die [/^oj-Formen am
Westrande des [£//g-o|-Gebietes durften auf einem [kouo ], [kuiio] be-
ruhen. Damit ist das Zwischengebiet zwischen dem languedokischen
collette — quelle- Gebiete und den entsprechenden Dialekten der De¬
partements H. Garonne und Ariège als ehemaliges [£oo]-Gebiet ge-
wonnen.
Man wird aber weiters schliefien dtìrfen, daB auch die verschiedenen
couettc- und quelle- Gebiete auf einer Unterschicht [koo] aufbauen.
Denn sieht man von den Mundarten des Departements Hérault ab,
flit* das in alter Zeit der Wandel von -cr>-o bezeugt ist, wenn er
auch spater wieder riickgangig gemacht wurde, s. S. 58, so zeigt
sich, dafi die queue - couctte -Formen genau dort einsetzen , wo der
Wandel von -a>-o beginnt. Es ist demnach ein [koo\ y das zu [kò]
zu werden droht, in der einen Gruppe von Mundarten in queii-o ver-
deutlicht worden; d. h. die literarische Form von coda wird heran-
gezogen, um dem Worte seine morphologische Steli ung zu bewahren,
oder [koo\ wird in [koeto] verdeutlicht; an Stelle der verschwindenden
Endung -o wird die feminine Form des Diminutiv - Kosesuffixes
-ittus eingesetzt. \koio\, [koiio], [ko-o\ und [koeto] sind also nur
verschiedene Mittel, ein einsilbiges, aus dem iibrigen Formenschema
herausfallendes [ko\ zu vermeiden. Diese vier Typen zusàmmen-
genommen fiillen ein altes zusammengehoriges Dialektgebiet aus, das
auch in anderen sprachlichen Erscheinungen bisweilen gleiche Wege
geht, (so zum Beispiel erscheint hier frz. aveugle als civókl u. a.).
Daher erklart es sich auch, da£> die einzelnen collette- und queue -
Gruppen luckenlos aneinander anschliefien.
33. Dagegen ist das Gebiet der eigentlichen Provence ein altes
[kua | - co da-Gebiet; denn dieses ist nicht nur im heutigen -a-Gebiet
bezeugt, sondern auch im aufiersten Siiden (Var, B. du-Rhòne), wo
-a zu -o geworden ist. Wenn dazwischen nun \k]ià\, f^o]-Formen
60
ERNST GAMILLSCHEG
auftreten, so handelt es sich wohl um sekundàre Zuriickziehung des
Akzentes; s. dazu S. 31. Es standen also hier nach dem Verstummen
der Auslautkonsonanten ein [ku] , zum Teil auch [ko] Wetzstein»
neben [kua] «Schweif».
Es zeigt min das ganze hier in Betracht kommende Gebiet fiir giu
Vogelleim», alter [gliit], durch die Femininendung erweiterte Formen:
[gliia] in 935, 959, 971, 879, 889, 825, 877; [gliio] in 849, 847,' 873,
729; [gliié] in 866, 878; [glóio] in 861; [gliiio] in 824, 833; [gloo]
in 778; [glóa] in 768. Dazu die bemerkenswerten Formen [glua] in
819, [glua] in 937. Wie schon erwàhnt, findet sich * neben diesem
femininen [gliio] auch maskulinisches [giti] ; dagegen ist lautgesetzlich
erhaltenes feminines giu nur ganz vereinzelt zu finden.
Es ist also hier [ko] aus [kot] zu [koa] geworden, daher in 963
| koe] ; dieses [koa] hat dann den Wandel von o>u mitgemacht und
ist zu [kua] geworden. Damit war der Anstofi zum Untergang ge-
geben. [kua] wird zu [kiia] wie [glua] in 953 zu [glua], selbst [gliia]
in 819 zu [glua] wurde. da [ua] ein hàufiger Diphthong war, dagegen
zweisilbiges u-a nur in wenigen Verbalformen, zum Beispiel zu
cubare, zu finden war, und wird dadurch mit [kua] cSchweif» identisch.
Es ist s also auf diesem Gebiete genau der gleiche Vorgang eingetreten
wie im benachbarten Stidostfranzosischen — die beiden Gebiete sind
ja, wie aus den angefuhrten [gliia] -Formen hervorgeht, durch die
gleiche Stromung der Anpassung der Endung an das Geschlecht der
Substantiva verbunden —, und so ist auch auf beiden Gebieten die
gleiche Ersatzform fiir cote eingetreten, wie in Abschnitt 54 gezeigt
werden wird.
34. Auf diesem Gebiet ist cotarium zunachst im Norden als
[koier], [kuier] erhalten, daraus mit Uberentàufierung in 879 [kulé]
(H. Alpes). Aber im Siiden setzt ein Gebiet ein, auf dem cotarium
entweder vollstandiggeschwunden ist oder unorganische Umgestaltungen
mitgemacht hat, die eine Erschiitterung der Lautform von cotarium
erschliefien lassen. Diese unorganischen Formen von cotarium greifen
nach Westen zu in das Gebiet iiber, wo cote in lautgesetzlicher Form
als [kut] erhalten sein solite, aber dafiir Neubildungen eingetreten
sind. Das Fehlen von cote in der Form [kut] und das gleichzeitige
Auftreten von unorganischen Formen fiir cotarium gerade hier
mufi zweifellos in Zusammenhang stehen.
Um nun bei dem folgenden ErkJarungsversuch mòglichst auf dem
Boden der Tatsachen zu bleiben, bringe ich zunachst einige Formen.
die meines Erachtens den Schliissel der Losung des Problems bieten.
Im aubersten Osten des cotarium-Gebietes, in 990 (Alpes-Mar.),
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROM ANISCHEN
61
wird der Kumpf als [kue] bezeichnet, und zwar siidlich der t > ^-Grenze ;
die Form ist also nicht organisch entwickeltes cotarium. Das
gleiche [kue] bedeutet im benachbarten 898 den «Ellbogen», wàhrend
hier cotarium durch étui wiedergegeben wird. Fiir das lateinische
cubitus zeigen die an der aufiersten Grenze des franzòsischen Sprach-
gebietes liegenden Punkte 990 [guve\ 899 [guio], 893 [kuvedé], die
ubrigen Mundarten des hier behandelten Gebietes [kude], Es ist also
hier cubitus Iiber [kovede], das altprovenzalisch belegt ist ? einerseits
zu [ koude ], [kude] geworden, wàhrend anderseits die Formen [guvé],
[kue] an den Randgebieten eine Weiterentwicklung von [kovede] >
[i kovee] > [koite] erschliefien lassen.
Das Nebeneinander von [kue] als «Kumpf» in 990 und als Ellbogen
in 898 deutet augenscheinlich auf einen Zusammenfall von cubitus
und cotarium hin. Dieser Zusammenfall erfolgte aber nicht auf
der Stufe [kue] (die auf lautgesetzlichem Wege hier niemals auf
cotarium zuruckgehen kònnte), sondern auf der Stufe [kude]. Denn
auch hier ist die alte Entsprechung von -arium zunachst -eir,
spater - er ; s. Staaf, 1. c. S. 118. Es ist also cotarium iiber coder
zu [kuder] geworden, das nach dem Schwunde der Auslautkonsonanten
dort, wo cubitus nicht die EntwickWng zu [kovee], [koiie] mit-
gemacht hat, also liberali auBer in den ^aufiersten Randmundarten,
mit [kude] «Ellbogen» zusammenfiel. Von den Mundarten, in denen
heute [kude] «Ellbogen» zu finden ist, haben nur 896, 897, 894 iiber
[kuder] lautgesetzlich entwickeltes [kudie] ; das sind aber gerade die
Mundarten, die das òstliche [koue] — cubitus-Gebiet mit dem [kuvede]
des Punktes 893 verbinden, wo also [kude] — cubitus vermutlich
nicht einheimisch ist. Die ubrigen Mundarten haben dagegen [kude] -
cotarium durch fremde Stamme ersetzt ([ badauko ], [balio], étui ):
die an der t > d-Grenze gelegenen Mundarten haben die nòrdliche
Form [kuie] iibernommen. Endlich der Punkt 990 hat offenbar ur-
spriinglich ebenfalls ein doppeldeutiges [kude] besessen; er entlehnt
daher fiir cubitus den im Siiden angrenzenden Typus, ersetzt also
[kude] «Elbogen» durch das fremde [kue] ; wie schon so oft beobachtet
wurde, dringt nun die als Schutz gegen die Homonymitàt entlehnte
Form auch an die Stelle des zweiten [kude] vor, so daB die Mundart
nun ein doppeldeutiges [kue] besitzt. Dasselbe war in der benachbarten
Mundart 898 der Fall. Um dieser neuen Homonymitàt auszuweichen,
greift 990 neuerdings zu der friiher aufgegebenen Form fiir «Ellbogen»,
nàmlich [kude J, das in den Nachbarmundarten im Norden noch lebt,
zuriick; so wird [kj*e], das etymologisch cubitus ist, in der Bedeutung
«Kumpf» frei und bleibt so in der Mundart. In 898 wird dagegen
62
ERNST CiAMILLSCHEG
\kue\ in der etymologischen, wenn auch nicht einheimischen Bedeutung
Ellbogent erhalten, fiir cotarium tritt eine Ersatzform ein.
35. Im Westen dieses Gebietes (auf dem also cubitus in der Form
| kudé\ erscheint) tritt fur lat. cubitus die Form [kuide] auf, die sich
iiber die Departements Gard, Hérault und einige anschliefiende Mund-
arten erstreckt und ini Departement Aude in. eine Form \kude\ mit
spirantischem d iibergeht, an die sich die katalanischen Mundarten des
Departements Pyrén. or. mit [kudsé] anschliefien. Es hat also hier
das i von [kuide], aprov. coide das d palatalisiert.
Der Punkt 786 des Departements Aude hat nun fiir das [kudc] der
Nachbarmundarten eine Form f kudet], d. h. scheinbar eine diminutive
Ableitung von cubitus, und die Nachbarmundarten 776 und 787
zeigen das gleiche diminutive -et — -ittus in der Entsprechung von
cotarium, namlich \kud:et\. Àhnliche Formen treten im Westen
dieses Gebietes auf. 699 im iiufiersten Siiden des Departements
H. Garonne (fiir das noch [kut\ Wetzstein zu erwarten ware) hat
fiir cotarium die Form \kuzct\, das im Osten anschliefiende 790 ohne /
diminutive Endung [kuze\. 698 endlich, die Nachbarmundart von 699,
hat \kud$\ Kumpf neben [kudd] Ellbogen . Es ist also auch hier
zu Beruhrungen zwischen cubitus und cotarium gekommen. Diese
Beriihrungen miissen erklaren * 1. warum \kut\ Wetzstein auf diesem
Gebiet geschwunden ist, 2. warum Diminutivbildungen fiir cubitus
und cotarium auftreten. und 3. warum, abgesehen von einer schmalen
Zunge, cotarium hier nirgends in lautgesetzlicher Form erhalten ist.
Es lafit sich zunàchst nachweisen, dafi die auffalligen Ableitungen
\kudìal\> \kud\au\ fur cotarium im Departement Aveyron und
Hérault nicht auf altererò [kudic] aufbauen, also gar nicht das lat.
cotarium fortsetzen, sondern entlehnt sind. In einem Teile des
Departements Aveyron (P. 728) und dem ganzen Departement Lozère
wird -arium Iiber 4cr, 4a zu -io ; vgl. die Karte pommicr, ALF 1058,
s..Staaf, 1. c. S. 116. Die Zwischenstufe [4a\ ist in alten Texten
bezeugt ; s. M e ) T e r - L ii b k e, Rom. Granim. I, § 237 : cavatici, tesauria ,
premia . Nun ist im Departement Lozère (das also fiir heutiges [kudio]
ehemals die Form \kudìa\ besafi) - a aber gleichzeitig die Entsprechung
von lat. -ale, s. auf Karte 801, maison des ALF die Form usta —
hospitale, das nun im Siiden in die Formen \ustal\, [ustau\ iiber-
geht. Ein [kudui] der Punkte 810, 729, 728 findet also, wenn es in
den Siiden wandert, an der Endung von [usta] eine Entsprechung
(nicht aber an der von -arium, da dieses hier zu -ir geworden ist)
und wird bei der Weiterwanderung mit diesem in eine Reihe gestellt,
d. h. es bekommt scheinbar die Endung -ale; es wird also auf dem
WETZSTEIN UND KUMFF 1M GALLOROMANISCHKN
63
Wege der Wanderung, und nur unter dieser Voraussetzung, zu [kudial],
| kudiau], Der Punkt 830 am Siidrand des Departements Lozère hat
heute [ustau] — hospitale, wie die benachbarten Punk te des Departe¬
ments Ardèche und Gard, dagegen\ [pumio] — pommier wie die ubrigen
Mundarten des Departements. Da er jedoch an der [pumie]- Grenze
liegt, war hier das Bewufitsein, dafi dem -à des Nordens sowohl eigenes
-au wie -jc entsprechen kann, noch wach; es schwankte daher die
Mundart zwischen [kudic] und [kudiau], Das Resultat war eine Form
\kud\cu\, die heute hier und in den benachbarten 824, 841 (weiter-
entwickelt zu [kudiu]) lebt. Die Form condivi , Departement Gard
(RLR 26, 56), deren Kenntnis ich J. Ju d verdanke, schliefit geographisch
an [kudieu] der Punkte 841, 842 an und ist dialektische Anpassung
dieser aus den Nachbarmundarten entlehnten Form; vgl. das Neben-
einander von [kudfal] und [kudiau],
Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit folgendes: Der Typus [kudial]
t'indet sich nur in unmittelbarer Fortsetzung der Form [kudio], die
die lautgesetzliche Entwicklung von cotarium darstellt. Ware
[kudial] irgendwo inmitten des [kudie]-Gebietes gelegen, dann konnte
man versuchen, einen Suffixwechsel [kudie] zu [feudial] zu erklaren,
wenn auch fiir einen solchen kein Grund oder Vorbild vorzuliegen
scheint. Die geographische Lage der [kudial], [kudieu]- Formen un-
mittelbar in der Nachbarschaft der lautgesetzlichen [^//^io]-Formen
zwingt aber dazu, die beiden Formengruppen in Zusammenhang zu
bringen. Dieser Zusammenhang besteht, wenn man annimmt, dafi die
[feudial] -Formen in dem Gebiet, wo heute das zu erwartende [kilt]
Wetzstein fehlt, aus dem nòrdlichen Gebiet, wo noch heute [kilt]
Wetzstein erhalten ist, entlehnt $ind, und dafi sie bei ihrer Wanderung
die Form des - a 1 e - Suffixes angenommen haben. Das Departement
Hérault wurde schon in der Geschichte des auslautenden -a in coda als
wenig konservativ erkannt; s. S. 58. Der Ausgangspunkt der Wanderung
liegt in der Gegend der Punkte 728, 729, 830, diese geht also etwa
von dem Zentrum Millau aus; sie ist erfolgt, als -arium noch auf
der Stufe [~iu\ war. Der Ubergang von [kudio] — cotarium in
[fcudial], y d. h. cotarium -f -ale, 'erinnert an die Wanderung des
lyonesischen [kuaiia] = coda + femininer Endung, das auch erst auf
dieser Wanderung fàlschlich mit *cutenna identifiziert wurde.
36. Wenn also [kudial], [kudiau] der Departements Hérault und
Aveyron nicht einheimisch sind, so mufi ihnen notwendigerweise eine
Form von cotarium vorangegangen sein, als deren letzte Reste wohi
die Form [kudzet] der Punkte 776 und 787 anzusehen ist. Ware nun
im Siiden des [£///)-Gebietes die lautgesetzliche Entwicklung von
64
ERNST GAMILLSCHEG
cotarium nicht gerade [kudjo] , sondern etwa wie auf dem
grofiten Teil des provenzalischen Sprachgebietes, so wàre ein gleiches
in den Siiden gewandertes \ktidié] in dieser Form erhalten geblieben
und nichts wlirde die Wanderung und das Nicht-Einheimische dieser
Form verraten. Ich vermute daher, dafi die scheinbar lautgesetzlichen
Formen von cotarium, die das [kudial]-Ge biet von den Ersatzformen
des Gascognischen trennen, auch nur aus dem nòrdlichen [kut\ —
cote-Gebiet entlehnte Formen sind, also auch das [kuèe] in 790,
[kuzet] in 699 zu den Spuren des alten cotarium-Gebietes zu
rechnen sind. Dann hatte also auf einem ausgedehnten Gebiet, das
die Departements Hérault, Aude, Ariège und die anschliefienden
Mundarten des Nordens und Westens umfafite, ehemals flir cotarium
ein Typus [kudze(t)\ bestanden, der aus einem noch festzustellenden
Grunde durch eine aus dem Norden entlehnte Form ersetzt wurde.
Die Formen [kudze] bzw. [kuze] gehen zweifellos auf eine Form
mit palatalisiertem d zuriick. Im Languedokischen ist flir -arium
eine Form -ier schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts gesichert, s.
Staaf, 1. c. S. 117, also bedeutend frtiher als auf den iibrigen pro¬
venzalischen Gebieten. Daher erkliirt es sich auch, dafi hier codier
zu [koder] wurde , wahrend die nòrdlichen und ostlichen Mundarten
noch auf der Stufe [koder] waren. Dieses [koder] ist dann zu [kude]
geworden. Anderseits hat hier cubitus li ber aprov. coide [kuide]
ergeben, das, wie die Weiterentwicklung zu [kude\ im Departement
Aude, zu [kudze] im Departement Pyrén. or. anzeigt, ebenfalls d
palatalisiert. Eine solche Palatalisierung durch i vor Dentalis zeigt
das in der Nahe von 699 (mit [kuzet]) gelegene Bagnères-de-Luchon,
in dem 1 e g i t, f u g i t iiber leit , fuit zu letch , hiitch werden, s.
Sarrieu, RLR 47, S. 120/21. Auf welcher Stufe nun der Zusammen=
fall von cubitus und cotarium erfolgt ist, ob dieser Zusammenfall
ein vollkommener war oder nicht, lafit sich kaum mehr feststellen. Dafi
ein solcher aber tatsàchlich erfolgt ist, zeigt augenscheinlich das Neben-
einander der Diminutivformen flir beide Begriffe, das oben (S. 62) er-
wàhnt wurde. Ich vermute, dafi die letzten hier tatsachlich vor-
handenen Formen [kude] flir cotarium und [kit de] flir cubitus
waren, und dafi auf dieser Stufe die volksetymologische Beziehung
der beiden Begriffe eingetreten ist: Der «Kumpf» wird lautlich zum
cEllbogen , aber die Sprache greift bessernd ein. Der «Kumpb als
das Kleinere wird zum Diminutivum, zu [kudet] «kleiner Ellbogen ,
aber nicht ohne dafi ein Schwanken zwischen [kude] «Kumpf» und
[kudet] «kleiner Ellbogen: = «Kumpf» vorhergegangen ware. Dieses
Schwanken verrat sich durch die Form [kudet] «Ellbogen» (und nicht
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
65
kleiner Ellbogen») in 7é6, das unmittelbar neben [kudzet] Kumpf»
787 liegt. [kudet] «Ellbogen», das seine Diminutivendung dem kon-
kurrierenden [kud’et\ «Kumpf» verdankt, ist das genaue Gegenstiick
zu dem S. 25 f. angefiihrten [kutet] «Wetzstein» (erschlossen aus [kute-
rero\ «Kumpf»), das [kut] «Wetzstein» mit der scheinbar diminutiven
Ableitung von [kutet] «Messer ist.
Die Formen [kuide |, [kuire] fiir cubitus im Departement Hérault
scheinen nun der Annahme einer Entwicklung von cubitus zu [ku’de]
auf diesem Teil des hier behandelten Gebietes zu widersprechen ; allein
gerade hier hat sich [ kudjal \, [kudiau] «Kumpf» als nicht boden-
standig erwiesen, s. S. 62, und so ist die Annahme nicht allzu gewagt,
dafi [kuide ], [kuire] ebenso aus dem Norden und Osten eingefiihrt
sind wie die Bezeichnung des «Kumpfes». Dafiir spricht auch die
vereinzelte Form [kude] in 768 inmitten des [kuide] - Gebietes, die ein
altes [kude], gekreuzt mit dem eindringenden [kuide] , sein kann. Der
Verwechslungsmòglichkeit zwischen [kud’e] « Kumpf » und [ku’de]
Ellbogen wird also dadurch begegnet, dafi fiir bei de Begriffe
Formen der Nachbarmundarten entlehnt werden.
37. Der folgende Versuch, den Schwund von [kut] auf diesem Ge-
biet mit dem Zusammentreffen von cubitus und cotarium zu er-
klaren, kann nun nicht Anspruch auf absolute Uberzeugungskraft er-
heben, weil die Formen, auf die sich die Erklàrung stutzt, zu wenig
zahlreich sind und hier auch das sprachgeographische Moment im
Stiche lafit. Aber er sucht verstandlich zu machen, warum [kut] und
[kude] gemeinsam schwinden. Die Erklàrung geht von den
Formen des Punktes 729 aus, der tief in das Gebiet mit erbaltenem
[kut] «Wetzstein;» hineinreicht und im Siiden an das [kudieu]- Gebiet
von 830, das [kudial] - Gebiet von 748 angrenzt, fiir die ein [kude]
als Vorstufe wahrscheinlich gemacht wurde. Hier ist fiir den «Wetz¬
stein» [kudio] in Gebrauch, das etymologisck cotarium = «Kumpf»
ist, fiir den «Kumpf» [porto - kudio], wortlich «Kumpfbehalter». Der
Gang der Entwicklung war also hier der folgende: [kudio] —cotarium
wird aus irgendeinem Grund die Bezeichnung des Kumpfes samt
Wetzstein, und wird in der Folge fiir den Wetzstein allein gebraucht.
Nun wird die Neubildung [porto-kudio] geschaffen. Ich vermute nun
— und dafiir fehlt allerdings jeder Beweis —, dafi diese Bedeutungs-
erweiterung von [kudio] «Kumpf» zu [kudio] Kumpf» + «Wetz¬
stein» unter dem Einflufi der siidlichen Mundarten erfolgt ist, dafi
also etwa die Form, die dem [kudieu] von 830 und den benachbarten
Formen voranging, ehemals auch die Entwicklung von «Kumpf» zu
«Wetzstein» mitgemacht hat. Dann ware also das [kudio] des Punktes
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 5
66
ERNST GAMILLSCHEG
729 ein Ubersetzungslehnwort nach dem siidlichen doppeldeutigen
[kude\ .Kumpf», spater Kumpf» samt «Wetzstein ». Wie ist aber
das zu verstehen?
[kucido] , das im Limusinischen «Wetzstein» bedeutete, ist in 604
zum «Kumpf» geworden, weil es mit quouado «Schopfkelle» identifi-
ziert wurde und dieses Bild sich wohl mit der Vorstellung «Kumpf»,
d. h. Hohlgefàfi, in das der Wetzstein gesteckt wird, nicht aber mit
der des «Wetzsteins» selbst vereinigen lafit. [kudé\ bzw. [kudet], das
etymologisch «Kumpf» bedeutet, kann entsprechend in der assoziierten
Bedeutung «kleiner Ellbogen» zwar den «Wetzstein» benennen, den
«Kumpf» aber nur insoweit, als in ihm der Wetzstein steckt. Denn
in dem Wetzstein kann man bei einiger Phantasie einen kleinen
(spitzen) Ellbogen sehen, dagegen lehnt der ho hi e Kumpf den Ver-
gleich mit dem Ellbogen unter alien Umstànden ab. Die volksetymo-
logische Beziehung von [kude\ — cotarium zu [kude] — cubitus ist
also die Ursache, datò es selbst zum «Wetzstein» wird und in der
Folge das alte [kut\ —cote ersetzt. Nur im aufiersten Siiden des Ge-
bietes, in den angefiihrten vier Ortschaften, hat es die etymologische
Bedeutung «Kumpf» behalten, da es gerade hier in den Vorstellungs-
kreis eines zweiten Wortes tritt, mit dem eine Assoziation in der Be¬
deutung «Kumpf» moglich war* [kuzet ], [kudèet] wird als Diminutiv
von \kuzo\ [kudzo\ «Kilrbis» gefuhlt, das zum Beispiel fur Bagnères-
de-Luchon in der Nahe von 699 bezeugt ist, vgl. dazu RLR 47, 486
und besonders Abschnitt 42. Das ergibt also die folgende Ent-
wicklung :
I. [kut\ Wetzstein», [kude] Kumpf , [kude\ Ellbogen:.
Nun erfolgt die Beriihrung von cotarium und c u b i t u s , der
«Kumpf» wird zum «Ellbogen» bzw. in [kiidet] «kleiner Ellbogen»
verbessert. Das neu assoziierte Bild entspricht nicht der Anschauung
des «Kumpfès» allein, wohl aber der des «Wetzsteins»; es wird also
nun fiir Kumpf + Wetzstein» bzw. spater fiir den Wetzstein
allein gebraucht. [kudef] bedeutet also etymologisch «Kumpf», als
scheinbares Diminutiv zu [kn’de\ Ellbogen aber eher Wetzstein».
II. [kudet\ «Wetzstein -f «Kumpf», [kude] und mundartlich
[ku’det] «Ellbogen».
Das doppeldeutige [kudet], das obendrein mit cubitus vollstandig
zusammenzufallen droht, wird unbrauchbar. Die vier siidlichsten
Mundarten reduzieren die beiden Bedeutungen wieder auf die des
«Kumpfes^, indem sich das Wort in den Kreis von [klidzo] «Flaschen*
ktirbis» fluchtet, die tibrigen Mundarten lassen es fallen. Fur die Be-
WETZSTE1N UND KUMPF IM GALLO R OMAN I SCHEN 67
deutung Wetzstein» treten Neubildungen ein, fiir den Kumpf wird
das [kndià] der nòrdlichen Nachbarmundarten entlehnt.
38. Ahnlich war die Entwicklung in der Gascogne. Hier ist
cubitus, abgesehen von einigen Punkten der Gironde und dem
Norden des Departements Landes (mit [kupte] und àhnlichen) uber
[kude] zu [kude] geworden und mit. [kude\ <codeir — cotarium zu-
sammengefallen. Daher ist [kude\ «Kumpf geschwunden, nachdem
schon lange vorher [kut\ «Wetzstein» untergegangen war* s. S. 26ff.
Heute spielt sich auf dem Gebiete der Gascogne ein neuer Kampf
zwischen [kude\ «Ellbogen» und [kude\ «Schweif» ab. Die drei Punkte
691, 692, 685 des Dep. B. Pyr. haben \kut\ «Ellbogen gegen [kude]
Schweif». Da -e heute die charakteristische Endung der Feminina ist,
ist also hier ein ehemaliges le [kude] «Ellbogen neben la [kude] «Schweif»
in le [kilt ]— la [kude] verbessert worden. Es ist dies ein Gegenstiick
zu der Bildung [kuadó] Wetzstein» fiir [kua] wegen des daneben stehen-
den le [kua] «Kumpf», oder zu der Bildung von la [kuana] «Schweif» fiir
[kua], s. S. 40 f. Mask. [kude] Ellbogen» wàre wohl nie zu [kilt] riick-
gebildet worden, wenn es nicht volksetymologisch zu [kude] «Schweif» in
eine morphologische Reihe gestellt worden ware. In 665, 657 wird der
Ellbogen» mit le [kuet] bezeichnet, in 657 der Schweif» mit la [kueto].
[kuet] «Ellbogen» ist etvmologisch queuette mit maskuliner Endung, ist
also eine Ableitung von coda und nicht cubitus. Es standen hier
urspriinglìch ein le [kude] Ellbogen» neben la [kude] Schweif»; fiir
das letztere trat das [kueto] der Nachbarmundarten ein (s. S. 57 f.), aber
die alte Beziehung zwischen den beiden [kude]- Formen wirkt auch
nach der Aufnahme des benachbarten [kueto] noch nach : so zieht la
[kueto] «Schweif» ein le [kuet] Ellbogen» nach sich.
39. Es ist also im Siiden Frankreichs die Geschichte von cotarium
mit der von cote in untrennbarem Zusammenhang. Wo cote er-
halten ist oder war, ist die Riickanlehnung der Form von cotarium
an die Form von cote ein wiederholt beobachtetes Mittel, drohenden
Zusammenstofìen auszuweichen, Auf weiten Gebieten ist aber cote
geschwunden, wahrend cotarium noch seine lautgesetzliche Ent¬
wicklung nahm, und stand in der Folge ohne Stammwort da. Die
Geschichte von cotarium namentlich nordlich der />^-Grenze,
soweit die betreffenden Formen in die Entwicklung von cote nicht
eingegriffen haben, soli nun im folgenden verfolgt werden.
Die t>d- Grenze hat schon mehrfach in der Geschichte der beiden
Worter eine Rolle gespielt. Zwischen nordliches rotte und siidliches
roda fiir lat. rota hat sich ehemals eine Zone eingeschoben, in der
das lat. intervokalische 4- zu 2 wurde, wie t im Siiden das lat. -d-.
68
ERNST GÀMILLSCHEG
Dieses -z- ist dann spater zum Teil zu -d- zurlickgebildet worden, zum
Teil geschwunden, je nachdem diese Mundarten unter den EinfluB des
Nordens oder des Stìdens gelangten l .
Sowohl flir den Wandel von t- zu z auf dieserai Gebiet wie firn die
Riickbildung d, z zu d sind lebende Zeugnisse vorhanden. Fiir lat.
lendite «Nisse» findet sich langs.der t>d- Grenze ein Typus lenze ,
der aus *lendeze entstanden ist 2 * vgl. in 611 [lenze] , 603 [lènze],
702, 801 [làze] , 806 [lèzi], Galloromanisches *paratella «Sauer-
ampfer , unsicherer Herkunft, REW 6230, erscheint in 711 in der
Form [porozelo] (ALF 1657). Wegen a'-Formen zu lat. crates
s. ALF 1504 und 1587. Zahlreicher sind die Spuren der Riick-
bildung dieses z zu d . Hierher gehòren die nicht naher lokalisier-
baren poitevinischen Dialektformen brizea und bridea , im Jahre 1706
bredeau «Futtergerste aus gallorom. *bracellum, s. ZRP 40, 138;
ferner poitevinisch bedoche neben besoche < Grabscheit >, *bisocca,
REW 1129; dann aprov. gazai zu saintongéais gadoue «Dirne», das von
hier in die Literatursprache wanderte; saint. jozelle «Wasserhuhn»,
poit jauzelle «Kriekente >, angev. joserelle neben jodelle, daneben'im
16. Jahrhundert jondelle y B. Maine jodelle und judelle , berrich. ju-
delle usw. Das ganze poitevinische Gebiet ist ferner von einem Typus
ronde flir lat. rum ice ausgefiillt; es ist also hier wie im Siiden rum ice
uber romeze zu ronze , rondze geworden, dessen z bzw. dz zu d riick-
gebildet wurde. Àhnlich ist salice zu sau(d)ze geworden und hat
einen Typus [sofl?] ergeben, kler allerdings bis in die Bretagne hinauf-
reicht, so dafi es fraglich ist, ob der Wandel von ,a>^in rumice und
salice mit dem von bridea, bedoche zusammengestellt werden darf.
Dieses [sóflT] wird von Meyer-Liibke, ZRP 38, 211 f. als Fortsetzung
des frankischen *salaha angesehen und damit die Entwicklung von
spatula zu westfrz. [epod] verglichen. Damit bleibt aber die Ent¬
wicklung von rumice unerklart.
Bine solche falschlich riickgebildete ^-Form liegt ferner in dem
Typus [vordel] Weide» in den Ortschaften 407 (Indre-et-L.), 409, 416
(Vienne) vor, die unmittelbar nòrdlich der t\d- Grenze liegen; dazu
gehòrt die mannliche Entsprechung vardiati, verdiau bei Jaubert,
1 Die Geschichte dieses -z- < 4- sowie des im Abschnitt 40 erwàhnten un-
organischen -t wird jetzt im Zusammenhang in meinem Aufsatz «Zur sprach-
lichen GliederungFrankreichs» in der Festschrift fiir Ph. A. Becker behandelt.
2 Dieses lenze wird REW 4978 aus einer Kreuzung von lendite und
p u 1 i c e erklàrt. Diese Erjdarung ist aber abzulehnen, weil die geographische
Lage der lenze- Formen an der t> d-Grenze, und nur dort, nicht beriick-
sichtigt ist.
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMA NISCHEN
69
Gloss. du Centre, das ftir 902 als [vardjo\, 1 als [ver dio] angegeben
wird. Auch diese beiden Punkte liegen an der t\d- Grenze. Das
[vardio] des Punktes 902 geht unmittelbar in die Form [verzio] der
Punkte 903 und 906 tiber; die Zusammengehorigkeit dieser beiden
Typen ist also durch die geographische Anordnung derselben augen-
scheinlich. Das Wort hat natiirlich mit viridis nichts zu tun (wie
G. Stephan, Die Bezeichnungen der Weide im Galloromanischen,
dem die angefiihrten Formen entnommen sind, S. 35 vermutet),
sondern ist eine -ellus-Ableitung von lat. virga, das nach Stephan,
1. c. S. 34, auch sonst zur Bezeichnung der Weide dient. Es ist also
hier ein friiheres vergelle, verzicai aus *virgellu (mit der sudlichen
Entwicklung der Gruppe rg) gleichzeitig mit rondze. saodze zu ver del,
ver dio zuriickgebildet worden.
Vgl. ferner H. Maine, gerdereau Art kleine Wicke , berrich.
geardriau dasselbe, bourb. dzar diati Kornrade», daneben literarisches
gerzean Kornrade, B. Maine [zerziao j, angev. jarzeau, poitev.
geargea, berrich. geargio, poitev. auch jerzais < Art Wicke , berrich.
geargiau, gcarziau blattlose Platterbse ? die auf eine Grundform
*g a r g e 11 u zurlickgehen, deren Stamm vermutlich galliseli ist und
in afz. gargarie , jargerie, jarzerie ^Taumellolch> ? Ackerunkraut
auftritt. Hierher gehort endlich berrich. gendive aus gendzive , lat.
g i n g i v a. Vgl. ferner zu gallorom. *m a r g e 11 a, lat. m a r g o
^Rand frz. margelle und marzelle , aber poitev. berrich v verd. chal.
mar delle ; dann ftir afrz. heuce aus h elice, poitev. lenze neben lede
«RadnageP. Dann B. Maine bardin Schaffloh», H. Maine berdine,
das nach Thomas, Mélanges S. 29 auf ein *berbicinum zuriick-
fuhrt, vgl. 1. c. aufter dem angefiihrten mardelle noch bordois bei
Pean Gastineau, ftir borzois , u. e. a.
Innerhalb des im Obigen gekennzeichneten Gebietes finden sich nun
auch ftir cotarium .s’-Formen. 517 [kuzie\, 514 [kuze]. Die
beiden Punkte haben in *cutenna - d-, in rota Schwund des 4-, Die
in 517 und 514 erhaltene -.a 1 --Form ist also die lautgesetzliche Stufe,
die bei cutenna und rota in entgegengesetzter Richtung beeinflufit
wurde. 508, 507 mit [kuze\, 405 mit [kuze] und \kuzue] schliefien
unmittelbar an diese Punkte an. [kuzne] in 405 ist Kreuzung des
alten [kuze\ mit dem benachbarten [kne\. Dazu gehort das bei
Lalanne 1. c. angefuhrte gonzié aus der Gegend dieser Punkte.
Fernab von der heutigen t>d- Grenze liegt der Punkt 617 mit
\knziero] (ftir alteres [kuzer] , s. S. 32). Dafì auch hier -g- die laut¬
gesetzliche Form des alten -t- ist und nicht etwa Ableitung von einem
alten couz — cotis vorliegt, zeigt die angefuhrte [porozelo]- Form in
70
ERNST GAMILLSCHEG
dem unmittelbar benachbarten 711. Im Nordwesten des poitevinischen
Gebietes, ebensoweit von der £>fl?-Grenze entfernt, ist ferner [kozit]
neben [koi] in 459. Zwischen den zentralen [koser] - Formen und
diesem [kozit\ liegen aber die ronde- Formen fiir ronze< rumice,
so datò 459 and 617, 711 die àuBersten Grenzpunkte dieses t>g- Ge-
bietes sein werden. Auch die Formen [krumer] in 904, [krozier] in
903, Departement Allier, beruhen zweifellos auf einem alten [kuzer] —
c o t a r i u m, denn in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft treten die
Formen ronde und [sofl?] fiir rum ice und salice auf, und etwas
weiter siidlich an der t > d- Grenze erscheint lenze fiir 1 è n d i t e.
Dieses \kuzer\ spàter [kusier] fem. (s. S. 32) hat sich gehalten, weil
es volksetymologisch mit der Form fiir «Muschel an diesen Punkten
zusammengebracht wurde (s. ALF 322: 904 [kroz\ , 903 [kriize\,
[krbz\ in der ganzen Umgebung, das zu frz. creux gehort) und von
diesem das erste r iibernommen hat. Dagegen ist [kiltzi] in 911 ein
alteres [kuiri] ; vgl. an demselben Punkte [t scimi zi] — charniere t
[i tsodizi ] = chaudièrc, [gotisi] = gonttiere usf . 1 .
40. Einige der Formen des siidwestlicheri Gebietes Nordfrankreichs
zeigen in cotarium im Auslaut ein 4 , dem nicht dieselbe Bedeutung
zukommt wie etwa dem 4 im languedokischen \kndzct\ S. 62. Vgl.
641 (Gironde) \kude:t\ 535 (Char. Inf.), 513 (D. Sèvres), 427 (Vendée)
[kuet] , 459 (Vendée) \kozit\. Das 4 ist in alien diesen Formen un-
organisch an die lautgesetzliche Form von cotarium angetreten 2 .
1 Horning hàlt ZRP 24, 552 diese ^-Formen des Poitevinischen fiir die
Fortsetzung eines *cotiarium; es ist aber aus den im Texte angegebenen
sprachgeographischen Griinden diese Grundform hier ebenso abzulehnen
wie auf den iibrigen Gebieten. Poit. cosse «Weicher Kalkstein» wird von
Horning auf sein *cotea zuriickgefiihrt. Ubergang von «Kalkstein» zu
«Wetzstein» wàre verstàndlich, nicht aber von «Wetzstein» zu «Kalkstein«.
Dieses cosse geh5rt zu dem gallischen Stamm *kot-> den REW 2288 als
cotulus «Steinchen» anfuhrt. Dieses kot hat kurzes o, wie aprov. cqdol
«Kieselstein »lehrt; vgl. dazu auch angev. cosse «spaltbarer Stein», H. Maine,
«Art Kiesel» usw.
2 Uber dieses unorganische 4 vgl. Chabaneau in Rom. 8, 110, dann
Gilliéron, Abeille, S- 178. Das 4 ist nach r schon im 13./14. Jahrhundert
bezeugt und ist hier analogische Riickbildung vom Plural jourz aus. Da¬
gegen beobachtete Chabaneau bei einem Siidwestfranzosen, dafi er beim
Gebrauch der Literatursprache sprach: je snis venut, il est partita auch
biirot , ékiirit u. a., d. h. die -^-Formen nach betontem auslautenden Vokale
werden nicht in der eigentlichen Mundart, sondern beim Franzosischsprechen
gebraucht und sind nur gelegentlich auch in die Mundart gedrungen, Von
wo dieses pseudoliterarische 4 ausgeht, wàre noch zu untersuchen. Millardet,
Études de dialectologie Landaise. S. 148 ff. glaubt. dafi / nach r in Lehn-
WETZSTEIN UND KUMPF 1M GALLO ROMAN ISCHEN
71
So sind namentlich im Departement D. Sèvres und Char. Inf., wo
nach S. 22 im Kampfe zwischen [ku] «Wetzstein» und [ku] Schweif <
die Diminutivbildung couette eingetreten ist, in dem gleichen Gesichts-
kreis zwei [kuet]-Formen aufgetaucht, ein feminines [kuet] «Schweif»
und ein maskulinisches [kuet] «Kumpf». Wtirden die beiden Formen
altererbt in der Sprache nebeneinanderstehen, so wiirde diese Hom-
onymitàt der Wortkorper zweifellos keinerlei Einflufi auf das Bestehen-
bleiben der beiden durch den Artikel voneinander gesehiedenen Wòrter
ausllben, wie ja auf weitem Gebiete Frankreichs le [kit] — collum und
la [ku\ —coda ohne weiteres nebeneinander leben. Aber es ist doch
kaum ein Zufall, datò das [kuet] «Schweif» - Gebiet im Osten wie im
Westen dort aufhOrt, wo [kuet] «Kumpf» beginnt. Die Sprache ist
also vor der Ersatzform [kuet] «Schweif» dort zurtickgeschreckt , wo
schon ein [kuet] vorhanden war, besonders weil durch den Zusammen-
fall von coda und cote die Begriffe «Schweif» und «Wetzstein»,
daher auch «Kumpf», im Sprachbewufitsein einander nàhergeruckt waren.
4L Das \kume\ - Gebiet in Sudwestfrankreich geht unmittelbar in
ein [kué\- Gebiet uber, das den gròfiten Teil der Departements Char.
Inf. und Vendée ausfullt und den Formen [kua] 510, 511, 521 zu-
grunde liegt, wie S. 44 ausgefiihrt wurde. Da hier -arium in
poirier als -e bzw., wo [kua] belegt ist, als -a erscheint, ist hier
cotarium uber coer bzw. coar zu [kue], [kua] geworden. Anders
steht es dagegen mit der Form [kui], die in einem zusammenhangen-
den Gebiet im Zentrum Frankreichs auftritt (Indre, Cher, Nièvre,
Yonne), und die man zunachst mit dem ostfranzòsischen Wandel von
-ter zu 4 in Zusammenhang bringen mòchte. Allein das /-Gebiet in
-arium reicht weder im Suden noch im Osten an das [kilt]- Gebiet
heran, und Anhaltspunkte dafiir, dafi -/ fiir 4er ehemals bis in die
[kui] - Zone gereicht hàtte, scheinen nicht vorzuliegen. Dagegen wird
gerade auf dem [kui] — cotarium -Gebiet lat. gubia uber gote (so
bourb. lyon. forez) zu [giti], das nun zum Maskulinum wird und als
gotty seit dem 14. Jahrhundert bezeugt ist, s. Godf. 4, 301, REW
3906.
wòrtern entstanden ist, weil r im Auslaut heimischer Worter nicht vor¬
handen war und deshalb bei der Artikulation des (Zungenspitzen)-r in Lehn-
wòrtern Verschlufi gebildet wurde. Da -rn in afz. jorn u. a. auf dem Ge¬
biet, das Millardet untersucht, als -rn bzw. -n erhalten ist, kann die Er-
klàrung richtig sein; dann ist das t in [kudeit\ wie schon oben angenommen
wurde, von dem t in [amert\ frz. amer zweifellos unabhàngig. Am weitesten
verbreitet ist die Form [isit], [ikit] fiir ecce bzw. eccum hic; vgl. dazu
die entsprechenden nasalierten Formen S. 40. Vgl. jetzt die Anm. 1, S. 68.
72
ERNST GAMILLSCHEG
Es ist also hier cotarium iiber coier zu [koie] geworden und
wurde auf dieser Stufe von der S. 31 erwahnten Riickziehung des
Akzentes erreicht. Diese so erschlossene Grundform [koie] erklàrt
auch die an das [kui]- Gebiet geographisch anschliefienden Formen
[koze\ [goze], [kuze] [guze], Es ist also hier das i sekundar zu [è]
geworden, wie àhnlich in afrz. tienge, vienge> frz. lange, Unge . Die
Verschmelzung des o , n mit dem nachfolgenden i ist hier vielleicht
aufgehalten worden, weil neben [koie], \ku[e\ «Kumpf» das dazugehòrige
[ko], [ku\ cWetzstein» stand; siehe auch meine Grundsatze der gallo-
romanischen Wortbildung S. 3. Die Form [kuzie] in 311 liegt am
Rande des [kuze] -Gebietes und ist daher Kreuzung von diesem mit
dem nordwestlich angrenzenden [kuie].
Diese erschlossene Grundform mask. [koie] liegt in dieser Form in den
im Slidwesten an das [kuze]- Gebiet angrenzenden Mundarten 414 und 416
noch vor, ging aber im Norden 412 (Maine*et-L.), 411 (Sarthe) in [kijaie],
440 (Mayenne) \kueie], 349 (Mayenne) [kuaió] iiber. Es handelt sich hier
um Literarisierung der mundartlichen Formen, wie die Entsprechungen
von lat. botellus, 439 [buaia], 411, 412 [bueio], s. ALF 167, zeigen.
42. Mit diesem [koie] ^Kumpf» scheint auch die Form [koi] des
Punktes 506 identisch zu sein; doch wird fur diese weibliches Ge-
.schlecht angegeben. Dieses feminine [koi] ist geographisch mit der
Form gourde des Punktes 503 (Indre) in Zusammenhang, das vKtirbis-
flasche, d. h. umflochtene Glasflasche, ursprunglich Flaschenkilrbis ,
bedeutet und auf lat. cucurbita zurtickgeht. Wenn auch die Form
des .Kumpfes> nur von terne an eine «Kilrbisflasche erinnert, so
lassen sich doch die beiden Vorstellungen vereinigen. Die an das
[koi] fem. Gebiet anschliefienden Mundarten 606, 607 (H. Vienne)
mit [nabo] , 608 mit [nabu], 614 (Dordogne) [nobu] haben dagegen
das Bild der Kilrbisflasche» bzw. des Flaschenkiirbisses abgelehnt,
denn ihré Bezeichnung des «Kumpfes» ist diminutive Ableitung von
prov. nap Steckrube» aus lat. napus, REW 5821. Es ist also die
làngliche, nach unten sich verbreiternde Form des Kumpfes» der
Anstofi zu der Umgestaltung geworden. Endlich der Punkt 605, der
in der Nachbarschaft von [koi] fem. und nabot liegt, hat ftir den
«Kumpf [korno] «Home; er setzt also fiir die in gourde und nabot
zugrunde liegenden Bilder das den Tatsachen entsprechende \kornó]
ein. Endlich das neben dem Punkte 503 (mit gourde) gelegene 600
hat fiir cotarium die Form [ puer ], das ist poire Birne^, also die
dritte botanische Bezeichnung in derselben Gegend.
Wieder lehrt die geographische Anordnung dieser Formen, dafi die
Sprache nicht unabhangig dreimal einen Vergleich zwischen dem
WETZSTE1N UNI) KUMPF 1M GALLOROMANISCHEN
73
* Kumpf und einer Frucht gezogen und den bildlichen Ausdruck an-
genommen hat. Die Schòpfungskraft der Sprache ist viel geringer,
als man bei oberflàchlicher Betrachtung vermuten wlirde. Die drei
angeflihrten bildlichen Ausdrucke verdanken ihr Entstehen dem laut-
lichen Zusammenfall des lat. cotarium aui der Stufe [koie] mit dem
regionalen Typus der Bezeichnung des «Kiirbisses», namlich ^kubia,
der in Siidwestfrankreich zu [koic\ wurde 1 und in der Weiterentwick-
lung mit [koie] «Kumpf auf verschiedenen Stufen zusammenfàllt.
Vgl. dazu Rolland, Flore populaire 6, S. 14ff.; ALF 296 citrouille.
So wird fiir Mauzé-s.-l.-M. (D. Sèvres) [kna] «Kurbis (R o 11. 1. c.
S. 20), in 510, 512 [kna] «Kumpf» angegeben; im Departement Char.
Inf. in beiden Bedeutungen \kuc\. Die Stufe \koi] bedeutet in 505
(Indre) Kurbis , in dem benachbarten 506 «Kumpf». Der Zu¬
sammenfall der beiden Starnine ist also ein vollkommener ; doch sind
die beiden Bezeichnungen durch das Géschlecht voneinander geschieden.
Dort nun, wo der alte maskuline Typus von cotarium und der
femmine sekundare Typus ^cotaria zusammentrafen (s. S. 32), also
vermutlich im Norden des Departements H. Vienne, wo also im grani-
matischen Geschlecht der [koie] — cotarium -Form Schwanken eintrat,
wurde in der Sprache der «Kumpf» zum Kurbis» : der Ausgangs-
punkt war geschaffen. Nun greift die Sprache bessernd ein. Nicht
der runde Kurbis — [koi] fem. von 506 entspricht der Form des
Kumpfes, eher noch der langgestreckte Flaschenkiirbis, daher die
Form gourde von 503. Aber auch dieses Bild befriedigt auf die
Dauer nicht. da der Flaschenkiirbis krumm ist; daher tritt poire
Birne» ein, das in 600 an pierre Wetzstein» eine ahnlich gebaute
Entsprechung findet; oder noch besser nabot Steckriibe», die der
Form des Kumpfes noch naherkommt. Der Kumpf heiftt also zum
Beispiel im Departement H. Vienne. «Steckriibe», weil hier 1. co¬
tarium und ^cubia lautiich zusammenfallen und 2. hier cotarium
und * c o t a r i a zusammenstofien.
Das Bild des «Ktirbisses» hat sich noch an einer zweiten Stelle in
der Benennung des «Kumpfes» eingefunden. im Departement H. Ga-
ronne. Punkt 699, s. S. 66 f. Hier ist [kuèei] « Kumpf » ein kleiner
Kurbis», weil hier der gleiche Stamm * cubici zu [kuzo] wurde und
damit mit der Form von cotarium in volksetvmologische Beziehung
1 Wegen der Entwicklung von -bi- zu -i- in Slidwestfrankreich vgl. oben
S. 71 die Entsprechungen von gubia, ferner poitev., saintongeais eh ai «Wein-,
Branntweinkeller» (frz. chai\ aprov. (Bayonne) casa aus lat. cavea, REW
1789; poitev. cairoi-q uadru vium u. a.
74
ERNST GAMILLSCHEG
gebracht wurde; vgl. zum Beispiel in Luchon [kuza] fem. und [kuzet\
«Kiirbis» bei Rolland, 1. c. S. 18.
43. Ein Teil der Bretagne und daran anschliefiend das Departement
Loire-Inf. mit Ausnahme des Punktes 447 hat nun cotarium
«Kumpf: aufgegeben. Die Ersatzwòrter sind vereinzeltes godei, come ,
daneben ein Typus, der nur hier, und zwar mit den folgenden Formen
auftritt: [logéo] 467, [loiao] 466, 446, 445* [noie] 475; [lodze] 486;
[loie] 494, 493, 453; [ogie] 482. Die gemeinsame Grundform ist ein
*loiga, das ist die mittelbretonische Entspreehung von bret. loa
«Lòffel , Kelle» (Troude, Dict. breton-frangais), das nach Henry,
Lexique étymologique . . . du Breton moderne, Rennes, 1900, S. 188
auf eine Grundform *leigà (lat. ligula, gr. lel/to) zuruckgeht.
Da die angefiihrten Formen sich auf ehemaligem bretonischen Boden
finden, liegt hier ein Wortrelikt vor, ein Wort, das die romanisierten
Brétonen aus der heimischen Sprache beibehalten haben. Dagegen
ist godei in 484 und weiter nòrdlich in 378 (Manche) die franzòsisòhe
Ubersetzung des mittelbret. Hoiga «Kelle.: ; denn von den vielen Be-
deutungen, dìe godet im Franzósischen hat, wird gerade die Be-
deutung Schòpfkelle» fiir Westfrankreich angegeben 1 . Wie aber
kommen die Bretonen dazu, ein Wort ihrer Sprache, das «Lòffel ,
«Kelle bedeutet, in der éedeutung c Kumpf» in die neu aufgenommene
Sprache, die franzòsische Mundart, zu iibernehmen?
Ich vermute nun, datò das Bindeglied zwischen dem bretonischen
Hoiga Lòffel und dem franzósischen [loiao] «Kumpf» das frz. cuil-
lère «Lòffel» bzw. die altfranzòsische maskulinische Nebenform cuiller
bildet, das mit coyer bzw. westfrz. [kuie] in Zusammenhang gebracht
wurde. Heute ist allerdings ein vollstandiger Zusammenfall von
coyer und cuiller nirgends zu beobachten; das erste hat im Siiden
des Hoiga - Gebietes die Form [kivr ], [kiiier ], im Norden sogar
[Mìo] mit Erhaltung des palatalen l von cochlearium, REW 2012.
Am ehesten kommen noch die Mundarten in Betracht, die im
Osten unmittelbar die *loiga -Zone begrenzen; vgl. im Departement
file - et -V. 2 .
1 Fiir Anjou vgl. Verrier-Onillon, 1. c. 436. Godet, Ustensile ser-
vant à puiser de l’eau dans un seau. C’est un vase en bois avec un long
manche percé d’un trou qui va s’ouvrir au fond du vase et par lequel s’écoule
l’eau qu’on a puisée; àhnlich bei Montesson, Vocab. du Haut-Marne;
Martellière, Gloss. du Vendòmois usw.
Dafi sich hier in Westfrankreich das vortonige o von cochlearium
erhalten hat, der Zusammenfall dieses Wortes mit cotarium auf der Stufe
[kuie] ehemals also ein vollstandiger war, ist wegen des Fehlens eines afrz.
*coillier , prov. *colhier unwahrscheinlich.
WETZSTEIN UNI) KUMPF 1M GALLOROAlANISCHEN
75
470 460 359 461 450 462 451 453
cochiearium [kiìle] [kuiò] [kiiio] [kliier] [kliio] [kuiò] [kuiò] [kuiò]
cotarium. . [kòn] [kuiò] [kuiò] [kuie] [koiò] [kuie] [kuiò] [loie]
Es haben daher vermutlich die Bretonen wahrend der Zeit der
Zweisprachigkeit bei ihren Nachbarn im Osten [kiiio] «Lòffel» und
[kuiò] «Kumpf» gehòrt, aber den geringen phonetischen Unterschied
der beiden Wòrter nicht erfafit. Diese sind also erst im Mund der
romanischen Bretonen homonym geworden. Die Doppelbedeutung
dieses bretonisch-franzòsischen [kuió] — [kiiio] «Lòffel» + «Kumpf»
wurde nun auf das einheimische *loiga , das zunachst nur Lòffel
Schòpfkelle» bedeutete, iibertra'gen. Als dann die Bevòlkerung von
Morbihan und Cótes-du-Nord das Bretonische vollstandig aufgab, blieb
nun Hoiga in der unliterarischen Bedeutung Kumpf in ihrer
Sprache, wahrend die etymologische Bedeutung «Lòffel durch das
literarische cuiller bezeichnet wurde. E'inen weiteren Schritt in der
Franzisierung des Bretonischen haben die Mundarten 484 und 378
getan. Sie ilbersetzen *loiga «Lòffel mit frz. cuiller, *loiga « Schòpf¬
kelle» = «Kumpf» mit godet .
44. Eine wirkliche Homonymitat von cotarium und cochiearium
ist also bei der von Alters her franzòsisch sprechenden Bevòlkerung
nirgends eingetreten ; es kann deshalb auch das Schwinden von coyer
im eigentlichen Norden nicht damit in Zusammenhang gebracht
werden. Die Gefahr drohte vielmehr von einer anderen Seite. Heute
ist die Bezeichnung des «Kumpfes im Normannischen buhot, s. Ab-
schnitt 59; aber das Wòrterbuch von Duméril kennt noch ein fe-
minines couie — vase où les faucheurs mettent leur pierre à aiguiser
und ahnlich hat Punkt 103 (Cher.) im Norden des [kni\ < [koie] — co-
tarium-Gebietes eine feminine Form [kui]. Zu diesem normannischen
[kui] Kumpf» gehòrt wohl auch das von Duméril fiir Bayonne
angefuhrte couillère — cornet de parchemin dont on se sert en guise de
tabatière, also «Art Tabakstute», dessen Bedeutung mit jener der im
Folgenden angefiihrten Typen cafolili, coffin ubereinstimmt und da¬
her wohl wie diese ehemals auch die Bedeutung «Kumpf besessen
haben wird.
Es ist also cotarium im Anschlufi an das S. 71 f. angefuhrte \kue\,
[kui], [& 2 /^]-Gebiet zu [kuie] geworden, das nun dort, wo palatales,
l zu i wurde, volksetymologisch mit couille - c o 1 e a «Hodensack zu-
sammengebracht wurde. [kuie] - cotarium wird so zu couillet
«kleiner Hodensack», das nun, da die Vorstellung des «Kumpfes» eine
diminutive oder kosende Form ablehnt, zu couille (norm. couie , in 103
76
ERNST GAMILLSCHEG
[kui] fem.) riickgebildet wird. So wird der ^Kumpf» zum -Hoden-
sack». Auf der ursprtinglichen Form [kuie] = couillet baut dagegen
die Form conillonnette iKumpf» bei Peschot, Perche 114, am
Rande des erhaltenem c o t a r i u m - Gebietes auf (deren Kenntnis
ich J. Jud verdanke), wo ftir couille gleichbedeutendes couillon
eintrat, die scheinbar diminutive Ableitung von couillet aber er-
halten blieb.
Es ist also [kuie]- cotarium mit einem obszònen Inhalt erfullt
worden ì . Die Folge da von war eine doppelte. Entweder man ver-
mied das zu obszònen Assoziationen neigende Wort, oder aber die
Volksphantasie bemachtigte sich des obszonen Bildes: «KumpP
= «Hodensack; und wuchert nun in diesem Anschauungskreise
weiter.
Geographisch wird diese Annahme dadurch bestatigt, dafi [kuie] , das
in dieser Form den gròfiten Teil Nordfrankreichs ausfiillen solite, nur
im unmittelbaren Anschlufi an die [kne\, [kui], [kuze]- Gebiete zu
finden ist, und zwar hier in erster Linie dort, wo der Wandel von
li zu i noch nicht oder noch nicht lange eingetreten ist. Die An-
fànge dieser Durchsetzung von [kuie] mit einem obszònen Inhalt gehen
demnach in das 17./18. Jahrhundert zuruck, s. Meyer-Lubke,
Franzòsische Grammatik I, S. 159; andererseits ist im aufiersten
Westen und Siidwesten [kuie] noch heute in seinem Bestand von
colea nicht bedroht. Man solite dementsprechend auch im aufiersten
Norden (Pas-de-Calais, Somme, Nord, westliche Wallonie) Erhaltung
von [kuie] erwarten, aber gerade hier wird der «Wetzstein-» nicht
vom Schnitter bei sich getragen, an Stelle des Kumpfes tritt der Sand-
topf, s. in Abschnitt 59 den Typus pot à sabouret , so dafi hier aus
begrifflichen Griinden [kuie] unterging.
45. [kuie] Kumpf» = «Flodensack^ bildet also den Ausgangspunkt
zu einer Reihe neuer obszòner Vergleiche. Zunàchst schliefit daran
der Typus cafotin an drei Punk'ten des Departements Nord (272, 280,
271) und zwei Punkten der Wallonie (292, 290). Dieses cafotin be-
deutet zunàchst Papiertiite» (Sigart, Glossarne Montois), dann
«Nadelbtichse (Hécart, Dict. Rouchi-fran^ais, St. Poi), und ist ab-
geleitet von einem wallonischen cafoter «einhiillen», besonders in eine
Papierttite. Dieses ist Gegenbildung zu wallonisch escafoter , scafoter
1 Vgl. dazu Jaberg, Sprachgeographie, S. 12. Afrz. connin, connil
«Kaninchen» geht unter, «weil das volkstiimliche Sprachbewufitsein die alten
Namen des Kaninchens als Ableitungen von cunnus auffafit oder sie d.och
fortwahrend mit diesem assoziiert.»
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
77
*aus der Nufischale auslòsen:, dann allgemein «aus einer Hòhlung
herausnehmen■> das zu wall. skafìon Nufischale» gehòrt*, s. Sigart,
s. v. 1 .
Dieses cafotin «Nadelbuchse»' «Tute» hat nun auf dem Gebiete,
auf dem es in der Bedeutung «Kumpf» belegt ist, auch die Be-
deutung «weibliche Scham» 2 (Hécart, 1. c.), und diese obszòne Be¬
deutung vermittelt den Ubergang zu [kuie) «Kumpf»— «Hodensack .
Im unmittelbaren Anschlufi an cafotin «Kumpf» tritt nun fiir den
«Wetzstein» die Form [verzio], [verzio] auf, 261, 179, 270, 189, 178,
169, 251, dàs ist Ableitung von verge «mentula». Wegen der
Endung vgl. hier [sigio], [sigio] fiir cisean , AF L 295. Der Punkt
270 hat nun gleichzeitig [verzio\ «Wetzstein» und [verzó] «Kumpf» ;
die letzte Form ist aus dem benachbarten wallonischen [verzo] «Wetz¬
stein», Punkt 290, entlehnt, die beiden Formen sind also etymo-
logisch identisch 3 .
Wie cafotin und vergeau in geographischem Zusammenhang stehen,
so sind sie auch kausal miteineinander verbunden. cafotin «Kumpf
— cunnus ruft das Bild von verge «mentula» = «Wetzstein« hervor.
Nun ist aber abgesehen von Punkt 290, das cafotin und vergeau
nebeneinander hat, auf dem siidlichen vergeau «Wetzstein»-Gebiet
nicht cafotin zu finden, sondern das in der Literatursprache ein-
gedrungene coffin y das etymologisch «Kòrbchen» bedeutet, s. REW
2207. Dieses coffìn ist, trotzdem es zum literarischen Ausdruck er-
hoben wurde, auf ein kleines Gebiet beschrankt. Es ist auf
dem hier behandelten Gebiet begrifflich mit cafotin in der nicht ob-
1 Die Wortsippe, zu der dieses cafotin also in der weiteren Folge gehort,
ist etymologisch dunkel; vgl. dazu in Valenciennes dècaffoter «aus dem
Versteck herausziehen» in Weiterbildung der Bedeutung «aus der Nufischale
auslòsen». Dazu gehòrt einerseits nprov. e scafa, e scarda, escrafa «Schoten
ablòsen», auch descoufa, andrerseits nprov. escaloufa, boulogn. écaloffe,
pik. écajlot «Schote», die sich auf einen Stamm *skalf, *skarf - zuriick-
fuhren lassen, der in kymrisch ysgraf «abschàlen» (wie nprov. escrafa),
ysgrawen «harte Kruste», irisch sgraith «grtiner Rasen» u. a. vorliegt,
s. Mach ain, Etymological Gaelic dictionary s. sgratli, und einem gallischen
*skarv- «auslòsen», «ablòsen» entspricht. Damit fallt das von mir ZRP 40,
S. 175 ùber cafotin Gesagte.
2 Vielleicht wegen volksetymologischer Beziehung zu foutre.
8 Dafi «Kumpf» und «Wetzstein» auch ohne lautliche Beziehungen zu
obszònen Vergleichen anregen, zeigt das folgende Tiroler «Schnader-
htìpfel» :
Drei Mahder, drei Wetzstoan-Und oan Kumpf zum dreintoan
Wie geat denn dòs zue-Dafi ’n an ieder eini dartue?
78
ERNST GAMILLSCHEG
szònen Bedeutung des Wortes identisch, so in St. Poi, Boulogne usw 1 .
Es ist also urspriinglich das nicht obszone coffin Deckwort flir das
zum Teil obszone cafotin. So liegt vermutlich unter detn coffin
iKumpf» des Departements Aisne ein cafotin «cunnus» + «Kumpf»,
das den Ausgang flir vergeau «mentula» + «Wetzstein> gebildet hat
und selbst auf [ kuie ] beruht, in dem sich volksetymologisch cole a
eingefunden hat. Dieses pikardische coffin ist dann in den Siiden
und die Literatursprache gewandert und hat dort [kuie]- cotarium
wohl unmittelbar ersetzt.
An das coffin-Gebiet schliefit geographisch der Typus [è opè],
[ 5 * opè] des westlichen Departements Oise an. [è] bzw. [#] ist die
dialektische Entsprechung des unbestimmten Artikels un ; der Typus
lautet also in literarischer Form ìiopin . In dieser Form wird das
Wort auch von dem Lehrer der Gemeinde Allonnes, Departement
Oise bestàtigt (hopin — sorte d’étui en come ou en metal (zinc) qui
sert à mettre la pierre à aiguiser la faux). Hinter dem Worte, das
ich aus den mir zur Verfiigung stehenden Hilfsmitteln sonst nicht
nachweisen kann, verbirgt sich ein Problem, das ich nicht zu lòsen
imstande bin. Auffallig ist es, dafi Edmont flir alle drei Ortschaften
an denen dieser Typus belegt ist, das Wort in Verbindung mit dem
unbestimmten Artikel angibt. Die geographische Lage dieses Ty-
pusses im unmittelbaren Anschlufi an die coffin-JfoYmen lafit vielleicht
darauf schliefien, dafi hopin auch irgendwie in den Kreis von cafotin
gehort.
Die einzelnen angeflihrten Bezeichnungen gehen restlos ineinander
liber* es liegt also geographisch ein ahnlicher Fall vor wie beziiglich der
queuc- collette Gébiete im Siiden. Es ist also auch hier von einer ver-
bindenden Unterschicht auszugehen, die zu Neubildungen drangte,
das ist eben das obszon gewordene [kuie] — cotarium. Nur cafotin
und vergeau zeigen im Osten ihres Gebietes die Tendenz, sich iiber
das Gebiet hinaus auszudehnen, in dem cotarium die Einwirkung
von couille erfahren konnte.
46. Der Ausbau der obszon gewordenen Wortform [kuie] war der
eine Weg, den die Mundarten einschlugen ; andere Mundarten suchten
der obszonen Vorstellung auszuweichen, indem sie von der Form des
eWetzsteins;: aus den «Kumpf» neu benannten. Ahnliche Neubib
1 Vgl Edmont, Lexique St. Polois \kofe]; étui à aiguilles, mème signi-
iication [kafote]: Haigneré, Le patois Boulonnais: coffin = étui en bois, de
forme allongée, servant à mettre des aiguilles. Il n’y a pas une femme qui
ne porte journellement dans sa poche son dé et son coffin. Cafotin en Rouchi
et Wallon.
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
79
dungen finden sich vereinzelt auch in dem ostlichen Gebiet, in dem
nach S. 52f. cotarium schon frliher infolge des Zusammenfalls mit
corium gefallen war. Diese Neubildungen lassen nun vérschiedene
Entsprechungen des afz. cons - z otis fur das Nordfranzosische er-
schliefien, die im Stammwort heute untergegangen sind. Hierher ge-
hòren zunachst die S. 16 angefiihrten Mundarten der ostlichen WaF
Ionie, die auf einem conz mit gesprochenem auslautendem s aufbauen.
Diese Neubildung mufi erfolgt sein, bevor hier [kòs] — cot is mit [£ò’s] —
coxa zusammenfiel, istalso von der Beziehung von [kit[e] — cotarium
zu colea unabhàngig.
Nach Schwund der Auslautkonsonanten ist dagegen die Form
[komio] des Punktes 210, S.-et-Marne, neugebildet. Das -m- dieser
Ableitung setzt eine aus [ko\ gebildete nasalierte Form [kù\ voraus,
die dem siidostfrz. \akò\ in 917 entspricht. Das - m - vor dem Suffix
-[?o] = -arium ist analogisch nach dem Vorbild \et$\-\etcime\ und
àhnlichen eingetreten; s. Meyer-Lubke, Franzosische Grammatik 2,
S. 17. Dieses kom-ier ist demnach eine sich auf [ko] «Wetzstein»
stlitzende Auflehnung gegen die Form [kuie], verdankt also ihre
Entstehung den gleichen Grundsàtzen, die in 153 und 171 zur Bildung
der Form [kou-oir] flir koir gefuhrt hat; s. S. 54.
Hier tritt als Ubergangskonsonant zwischen Stamm und Suffix ein
-m- auf, das von der Nasalierung des o in cotis ausgeht. Dort, wo
eine Nasalierung nicht vorhanden war und die Sprache trotzdem die
unmittelbare Ableitung [ko-fer] vermeiden wollte, weil diese das Wort
mit fremden Assoziationen erftillte, konnte nun als Ubergangslaut
mundartlich ein - 5 - eintreten*, vgl. dazu zum Beispiel frz. foissier
Tonne flir die Leber vom Kabeljam zu foie Leber > ; frz. écla-
bousser , so seit dem 16. Jahrhundert fiir alteres zum Beispiel nor-
manisches éclaboter , das zu westfrz. clabot «Wasserloch gehort;
angev. magosse , fem. zu rnagot Schatz> usw. Dieses -5- geht aus
von Fallen wie gresserie : Sandsteinlager» zu grès Sandstein->;
B. Maine [làfósie] Linnenarbeiter'> zu [làfór], [làfei] din en filasse-
aus lanificium, REW 4893, s. auch Nyrop, Grammaire hist. 3,
§ 90 *
So konnte also auch, nachdem das z in afrz. cous verstummt war,
zu [ko] eine Ableitung [kosie] treten. Auf einer solchen Grundlage
beruht die vereinzelte Form [/cosi] des Punktes 77, Departement
Vosges, in dem S. 54 bezeichneten Gebiet, auf dem cotarium zu
[koir] geworden war; es ist also [/cosi] eine Zerdehnung von [koir],
das einsilbig zu [/coir] zu werden drohte. Hierher gehòrt auch das
bei Adam, Patois lorrains flir Rehaupal angefiihrte gossi. Ein
80
ERNST GAM1LLSCHEG
gleiches cossier liegt ferner in Westfrankreich in 421 [kosio] Kumpf
zugrunde, das von Dottin bestàtigt wird. Dieses [kosio] ist der Form
nach Ableitung von cosse «Schote», vgl. in 421 [vesto] fiir vesse ,
ALF 1379, [kosio] = cosse in 281, 292, ALF 1518, wird aber fiir
Westfrankreich in der Bedeutung «Futternapf» angegeben 1 . Es ist
also zu [ko] cWetzstein», das im Siidwesten in dieser Form noch er-
halten ist, ein [kosie] gebildet worden, das [koie] ersetzen solite.
Dieses [kosie] wurde aber nun mit der Wortsippe um cosse «Schote
in Zusammenhang gebracht. cossier wiirde nun eine < Menge Schoten
bedeuten; es wird daher zu [kosio] «Napf» berichtigt und kann sich
dank dieser sekundaren Beziehung halten; vgl. besonders die in der
Anmerkung angefuhrte Umschreibung von [kosio] Kumpf > als sabot
und die in Abschnitt 59 angefiihrten Benennungen nach dieser Form.
Ein solches cossier liegt endlich in 219, Eure-et-L. dem tiberlieferten
[kosè] zugrunde, das in der Endung Beeinflussung durch das im an-
schlieBenden Norden herrschende coffin zeigt.
47. Man solite nun in erster Linie eine solche -ss- Ableitung auf dem
Gebiet erwarten, wo das afrz. conz in der Form [kos], [kos] erhalten
ist, s. S. llff. Allein hier ist zunachst im Norden fiir cotarium aus
begrifflichen Griinden poi à saboterei eingetreten, s. S. 76, und Ab¬
schnitt 59. Im Sliden ist [kiiie] «Kumpf» + «Hodensack» aber von
der Volksphantasie aufgenommen und ausgestaltet worden; die Sprache
hatte also gar keinen Grund, eine Neubildung nach der Form des
«Wetzsteins zu schaffen. Wir sehen ja, wie umgekehrt auf einem
Teil des auf dem [kuie] aufbauenden cafotin - Gebietes der diesem
zugrunde liegende Vorstellungskreis auch die Bezeichnung des < Wetz-
steins» anzieht; s. S. 77. Die siidlichen Auslàufer des \kós]- Gebietes
liegen dagegen in dem erhaltenen cotarium-Gebiet in dessen ver-
schiedenen regionalen Formen. So erklàrt sich die S. 5 als auf-
fàllig befundene Tatsache, dafi in Nordfrankreich cotarium gerade
dort fehlt, wo cote erhalten ist.
48. Der gewòhnliche Ubergangskonsonant zwischen vokalisch
endendem Stammwort und ebenso beginnendem Suffix ist jedoch im
Franzosischen ein das schon bei dem [kuatie] - Typus, S. 38, be-
obachtetwurde,vgl. Meyer-Llibke, Frz.Gramm.2, S. 18f.; Nyrop,
Gramm. hist. 3, § 89. Dementsprechend haben die Punkte 78 und 85
(Departement Vosges bzw. ElsaB) eine Form [guti], [goti] im ehe-
1 Vgl. Montesson, H Maine: cossiau 1. petite auge portative dans
laquelle on donne aux bestiaux du son ou des cosses de légumes. 2. sabot
ou cornet en bois que les faucheurs portent à la ceinture et qui contient le
vinaigre destiné au repassage de la faux.
WETZ STEIN UN D KUMPF 1M GALLO ROM ANISCHEN
81
maligen [koir\ — co tar ium + corium - Gebiet, wie das oben er-
wàhnte [kosi] derselben Gegend. Diese Formen lassen nun flir 78
ein [ku], flir 85 ein [kó] «Wetzstein» erschliefìen, von denen nament-
lich das letztere erwàhnenswert ist. Flir coda haben heute beide
Mundarten eine Form [ku], so dafì in 85 auch cote in der Form
[ku] erscheinen solite. Das tatsàchlich erschlossene [kó] erklàrt sich
nun wohl ahnlich wie [kór] «Wetzstein» am entgegengesetzten Ende
Frankreichs, s. S. 24. Es ist vermutlich in dem Kampfe zwischen
ku «Schweif» und [ku] «Wetzstein^ flir ersteres zunachst das literarische
queue eingetreten-, das Schwanken zwischen [ku] — [kó] «Schweif» wird
aber spàter auch auf [ku] «Wetzstein» Iibertragen. Als Rest dieser
Nebenform [kó] «Wetzstein» bleibt die Ableitung [goti] erhalten, selbst
geht sie aber unter, und auch [kó] Schweif wird wieder durch das [ku]
der Umgebung verdràngt, als kein [ku] — [kó] «Wetzstein» mehr mit
ihm konkurrierte. So làfìt sich flir die zusammenhangenden Punkte 77,
78, 85 ein ehemaliges c o t e - Gebiet erschliefìen, auf dem sich dieselben
Kampfe abgespielt haben wie in den auf gleicher Hohe liegenden
Mundarten im Westen Frankreichs.
49. Solange cos, cotisin irgendeiner Form in der Sprache vor-
handen war, konnte die Bezeichnung des «Kumpfes» als der Um-
fassung des « Wetzsteins» auf der Lautform des letzteren neu aufbauen,
wenn die lautgesetzliehe Form von co tari um eine Neubildung als
wlinschenswert erscheinen liefì. Der umgekehrte Fall, dafì das Stamm-
wort cos, cotis nach der Form der Ableitung seine Lautform be-
richtigt, ist dagegen nirgends eingetreten und konnte nach den Laut-
gesetzen des Franzòsischen auch schwer eintreten. So stand die Sprache
vor der Aufgabe, aus eigenen Mitteln flir den Begriff «Wetzstein»,
«Sensenstein» Ersatz zu schaffen, was um so schwieriger war, als die
Schriftsprache, die sonst in ahnlichen Fallen mit Vorliebe zu Rate
gezogen wird (s. die literarischen qaeue y ellisse- Formen auf S. 20f.;
56, 57 ; 16), bei der Benennung eines so unliterarischen Begriffes wie
des Wetzsteins versagt.
Da lag es zunachst nahe, flir den engeren Begriff des «Wetzsteins»
den weiteren des «Schleifsteins», pierre à aiguiser zu gebrauchen,
oder die Zweckbestimmung, die den «Wetzstein» von der weitesten
Form der Vorstellung, dem «Stein», scheidet, durch eine attributive
Erweiterung des Grundwortes zum Ausdruck zu bringen.
Zunachst ist es aber schwer verstàndlich, dafì flir den «Wetzstein
die allgemeine Bezeichnung «Stein >, im Norden pierre , im Siiden
peira eintritt. Dafì der Bauer gelegentlich von seinem Stein spricht
und darunter, wenn er gerade beim Mahen ist, seinen Wetzstein meint,
Archivum Roraanicnm. — Voi. VI. — 1922. 6
82
ERNST GAMILLSCHEG
ist erklarlich. Wo also auf der Karte queux des ALF pierre Wetz-
stein» vereinzelt belegt ist, kann eine solche gelegentliche Verwendung
des Wortes vorliegen. Soli dagegen der «Wetzstein» als solcher ein-
deutig bezeichnet werden, so wird wohl auch dort ein à aiguiser,
de daille u. a. hinzutreten. Anders aber, wo ausgedehnte, zusammen-
hangende Gebiete petra filr Wetzstein» zeigen.
Einzelne Mundarten des Nordens unterscheiden nun pierre Stein
von pierre «Wetzstein», indem sie dem letzteren den bestimmten
Artikel voransetzen, so 210 (S.-et-Marne) und 408 (Indre-et-L.)*, es
ist also la pierre der Wetzstein, ime pierre , des pierres «Stein»,
«Steine». Es hat hier der Artikel noch seine demonstrative Kraft
bewahrt, wie gelegentlich im Altfranzósischen (s. Tobler, Vermischte
Beitràge 2, S. 44f., Haas, Frz. Syntax, S. 162f.), was sprachlich
durch eine Tonerhohung in der Artikulation des Artikels zum Aus-
druck gebracht wird, wie in deutschem dér Stein . Diese Scheidung
ist deshalb von Erfolg begleitet, weil fur den Schnitter der Wetz¬
stein in der Regel nur in einem bestimmten Exemplar eine Rolle
spielt. im Gegensatz zu pierre Stein , das nur als Mehrheit oder
doch nicht als einzelnes, von anderen unterschiedenes Exemplar in
Betraeht kommt. Auch [le piar] in 4 (Nievre), 6 (Saone-et-L.) und
[le pier] 66 (Vosges) gehoren hierher, da le hier die Entsprechung
des femininen Artikels der Einzahl ist.
Im ganzen Siidwesten Frankreichs, nàmlich im Gaskognischen im
weiteren Umfang und den Departements Dordogne, Corrèze und den
anschliefienden Mundarten, ist das lat. petra ohne Erweiterung fur
cos, cotis in Gebrauch. Diese Homonymitàt macht sich aber zweifel-
los fiihlbar; denn auf vier verschiedenen Gebieten tritt flir petra
«Stein» die Entsprechung des frz. caillou Kieselstein ein, so da8
vermutlich in der Gaskogne in absehbarer Zeit die Homonymitàt
zwischen petra Stein un^l-petra «Wetzstein wieder aufgehoben
sein wird. Wie aber kommt die Sprache dazu, mifìverstandlich
gewordene Bezeichnungen flir den Wetzstein» dadurch zu ersetzen,
dafì an ihre Stelle neuerdings ein doppeldeutiges Wort gesetzt
wird?
Die einzige verniinftige Antwort darauf kann meines Erachtens nur
die sein, dafì das prov. peira nicht der unmittelbare Fortsetzer des
[kut] «Wetzstein in der Gaskogne, des [kuado] «Wetzstein» im nòrd-
lichen Teil des petra-Gebietes ist, sondern dafì hier eine Mittelstufe
ausgefallen ist. Diese Zwischenstufe ist in dem in der zweiten Halfte
des 18. Jahrhunderts verfafiten limusinischen Wòrterbuch von B é r o n i e,
190/1 zu finden, vgl.
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
83
PE'IR0 7 s. f.Pierre;
PE-IRO, MOLO; PE-IRO DE MOULI; MOLO. Pierre
dont on fait les meules de moulin. Pierre de meulière;
PE-IRO-MOLO, s. f. C’est le nom générique qu’on donne à
toutes les pierres à affiler;
MOLO, s. f. Pierre qui sert à moudre, à aiguiser.
Es ist also hier urspriinglich an Stelle der untergehenden Formen
fiir cote pierre Stein> getreten, das nun durch die appositionelle
Bestimmung metile «Miihlstein» naher bestimmt wurde; ein pierre
metile bedeutet also zunachst «Stein von der Art des Miihlsteins».
Jede appositionelle Bestimmung hat aber in sich die Tendenz, attri¬
buti zu werden, d. h. mit dem zugehòrigen Grundwort zu einer
einheitlichen Vorstellung zu verschmelzen. So wird pierre-metile
Stein von der Art des Miihlsteins» zum «Schleifstein». Das ist der
augenblickliche Zustand, wie er von Béronie festgehalten wurde.
Daneben steht aber weiter metile «Miihlstein», ein pierre -metile ist
also gleichzeitig ein «Miihlstein», bei Béronie als Peiro, molo be-
zeichnet (neben Peiro-molo «Schleifstein»); es wird also in dem
einheitlich gewordenen pierre-meule «Wetzstein» das zu Mifìdeutungen
Anlafi gebende metile weggelassen, pierre-meule «Schleifstein» wird
zu pierre «Schleifstein, der kein metile Miihlstein ist . Dieses pierre
Schleifstein; steht nunmehr mit pierre «Stein» in Kampf, iiber dessen
Ausgang einstweilen noch keine Voraussage moglich ist.
51. Zu einem Ohergang von mola «Miihlstein zu mola «Wetz¬
stein» ist es auf diesem Gebiete nicht gekommen, obwohl Ansatze
dazu in limusinisch molo bei Béronie bereits zu sehen sind. Dagegen
ist es auf dem siidostfranzòsischen Sprachgebiet und den siidlich an-
schliefienden Mundarten der eigentlichen Provence zu einer solchen
Verschiebung gekommen. Der runde, unbewegliche Miihlstein und
der spitzig zulaufende Wetzstein, der vom Schnitter bei sich getragen
wird, sind so verschiedene Gegenstande, dafi an eine unmittelbare
Obertragung von mola auf den «Wetzstein» nicht zu denken ist.
Den Ausgang der Verschiebung zeigen die Mundarten 989 und 988
in der franzòsischen Schweiz an, die fiir den «Wetzstein» eine Form
[molire\ 7 fiir den Miihlstein > [verenta] aufweisen; ferner 969 mit
[m a olct ridda] «Miihlstein•>, d. i. mola rotunda und [m (1 ola de ko a e\
Wetzstein», d. i. metile de coyer. Wie in 969 Miihlstein und Wetz-
stein das gleiche Grundwort, lat. mola zeigen und durch die ver¬
schiedene attributive Bestimmung auseinandergehalten werden, so sind
zweifellos auch \molire\ «Wetzstein: und [verenta] «Miihlstein» ur-
spriinglich Erganzungen eines Grundwortes, das aus einem noch zu
6 *
84
ERNST GAMILLSCHEG
bestimmenden Grunde weggelassen wurde. Tatsachlich ist [verenta]
Adjektiv-Partizip von [veri] «sich drehen», zu altsudostfrz. virier flir
frz. viver ; [verenta] ist also Rest einer Verbindung [mola verenta ],
• die sich drehende mola», wie im benachbarten 969 [m u ola riàda ] die
,runde mola» bedeutet.
Es ist demnach [molire] in 988, 989 (neben [verenta] «Miihl-
stein») aus einem [mola molire] entstanden und ist die Entsprechung
des frz. meulier , meulière «von der Art * des Muhlsteins», also
adjektivische Ableitung (-arius) von lat. mola «Miihlstein»; vg].
frz. pierre meulière, silex meulier <qui a rapport aux meules à
moudre». (DG.)
Es liegt auf der Hand, datò eine Bildung wie metile meulière
nicht urspriinglich ist ; es kann ihr aber auch kein pierre meulière
vorangehen, das dem limusinischen peiro-molo bei Béronie ent-
sprechen wurde * denn man miifite als Fortsetzung eines solchen pierre
meulière doch hier oder dort ein pierre à amouler erwarten, wàhrend
das ganze slidostfranzòsische Gebiet von dem siidlichen, ganz ver-
einzelten 922 abgesehen, nur mola bzw. moietta Wetzstein» kennt.
In der eigentlichen Provence dagegen, wo, wie im folgenden gezeigt
werden wird, tatsachlich ein peira mola vorhanden war, ist auch der
Typus pierre à amouler uber das ganze Gebiet verbreitet. Es mufi
also die Vorstufe des mola in [mola molire] ein Wort gewesen sein,
das 1. eine Erganzung brauchte — ein lat. *cos molaria ist ja
zum Beispiel ein Widersinn — und 2. in der Folge unterging, so daB
Spuren dieses Wortes, etwa wie peira fiir peira mola im Limusinischen,
nicht zu erwarten sind.
52. Dieses Wort war nun zweifellos das S. 55 f. erschlossene [Pana]
Wetzstein » (aus [kona], dieses aus [kon] — c o t i s + -a der Femmina),
das mit [Pana] «Schweif homonym geworden war. Wie heute in
der Literatursprache meule Miihlstein als meule à moudre dem
homonymen meule in meule de foia «Heumiete* entgegengestellt
wird ? so wurde also das zweideutig gewordene [Pana] «Wetzstein»
durch [Pana moli eri] <ikaua von der Art des Muhlsteins» verdeutlicht.
Dieses [Pana molieri] ist die Entsprechung des S. 10 angefiihrten
mfrz. queue à aiguiser, nur ist hier die attributive Bestimmung in
Form eines Zugehorigkeitsadjektivs und nicht in Form eines Pràpo-
sitionalausdruckes bezeichnet. Syntaktisch entspricht diesem * queux
meulière vollstandig der Typus rat taupier fiir die grofie Feldmaus
(frz. nmlot) im Departement Hérault, fiir die Spitzmaus (frz. musa-
raigné) in den Departements Gard und Lozère, ALF 1641 und I 642 .
Dafi diese Art der attributiven Erweiterung im besonderen im [moliri]-
WETZSTE1N UND KUMPF 1M GALL0R0MANISCHEN
85
Gebiet iiblich war, zeigt das von Gauchat, BGPSR 2, 35 an-
gefiihrte [kuti paria] Hobel», wortlich *cultellus paratorius
Messer zum Gleichmachen dienend» (fiir ein unbrauchbar gewordenes
plana), nur tritt hier statt des Suffixes -arius das zur Ableitung
von Zeitwòrtern dienende -orius auf; s. Grundziige der Wort-
bildung, S. 27.
Eine Bildung wie [kaua molieri ] ist aber nur so lange moglich, als
sich mit der Lautfolge [kaua] noch die Vorstellung Wetzstein» ver-
bindet, wie àhnlich mfrz. queue à aiguiser nur in der Zeit der Doppel-
deutigkeit von [kb\ gangbar war und spater durch pierre à aiguiser
ersetzt wurde. Stellen wir uns vor, dafi fiir metile die Bedeutung
Heumiete» untergeht, so wird ein meule de foin zu einem < Miihl-
stein aus Heu ; das meule mtìfite dann durch einen passenderen Aus-
druck, etwa tas, ersetzt werden ì . Àhnlich erging es mit der Verbindung
|kaua molieri}. Als selbstandiges kaua ausschliefilich Schweif» be-
deutete, wurde [kaua molieri ] zu einem <.Schweif von der Art des
Muhlsteins , d. h. es wurde sprachlich unmòglich. Das urspriingliche
[kaua molieri} tragt den Ton auf dem [molieri} ; denn dieses ist das
psychologische Pradikat, das dem psychologischen Subjekt [kaua} das
von [kaua} Schweif ) unterscheidende Merkmal beilegt. Sobald aber
selbstandiges [kaua] «Wetzstein» untergegangen war 7 wurde [kaua
molieri} eine einheitliche Vorstellung, wie das neufrz. meule de foin ,
und nun beginnt die psychische Gegenbewegung. Die Schopfung der
Wortgruppe [kaua molieri} «kaua von der Art des Miihlsteinst> ist
ein synthetischer Vorgang; die Auflosung von [kaua molieri} in
Schweif (was ja nicht sein kann) — mol'iern = «Wetzstein» ist da-
gegen eine Analyse; die einheitliche Vorstellung Wetzstein wird
volksetymologisch zergliedert, das unmdgliche \kaua} «SchweiP durch
eine mit dem Wetzstein assoziierte Vorstellung, als welche sich jetzt
wie bei der Synthese gleicherweise der cMuhlstein» einfand, ersetzt.
Bei dieser Gegenbewegung wird nun aber [molieri} als der feste Be-
standteil der Wortgruppe zum psychologischen Subjekt; das unpassende
psychologische Pradikat [kaua} wird durch das entsprechende [mola
1 Die Zusammenstellung von meule «Miete» und lat. mola «Miihlstein»,
die REW 5641 angenommen ist, ist abzulehnen. Das Wort ist zuerst im
14. Jahrhundert als mule belegt, und dieses ist Riickbildung von afrz. muilon ,
mulon , nioilon , heute meulon in der V. d’Yères, Morvan «kleine Heu¬
miete», das auf ein gallisches *muljo «kegelfòrmiger Haufe», Erhebung»
zu schottisch, irisch mul, moil dasselbe zuriickfiihrt. Wenn spanisch muda
(= mola) auch ^Heuschober» bedeutet, so licgt wohl Bedeutungslehnwort aus
dem frz. meule vor.
86
ERNST GAMILLSCHEG
ersetzt* dieses wird als psychologisches Pradikat auch zum Tontràger.
Das sprachliche Korrelat fiir die Vorstellung des < Wetzsteins», das
ursprtinglich in dem [kaua] = co te + -a gelegen war, ist zunachst
auf den einheitlichen Wortkomplex [kaua molieri ] tibergegangen und
nach dem allgemeinen Betonungsgesetz des Franzòsischen auf der
ursprtinglich attributiven Erganzung [molieri] haften geblieben , so
dafi der zuletzt geschaffene Typus [mola molieri ] die Vorstellung des
«W e t zsteines» in dem molieri zum Ausdruck bringt. also dieses
«mola von der Art des Wetzsteins» bedeutet, zu dem als Gegen-
bildung [mola verenta] d. i. « mola , die sich dreht», d. i. «Miihlstein
geschaffen wird.
Nun tragt aber eine Verbindung wie [mola molieri] in sich den
Keim des Unterganges. Sie ist berechtigt, solange sie im Gegensatz
zu einem noch bestehenden [kaua molieri] den Ton auf dem mola
tragt, wird dann aber, da im Franzòsischen das psychologische
Pradikat dem psychologischen Subjekt in der Regel nachgestellt wird,
zu [molieri mola] umgestellt- dieses entspricht dann syntaktisch dem
limusinischen und provenzalischen (im engeren Sinn) peira mola .
Sobald aber nun [kaua molieri] auch in der Erinnerung untergegangen
war, wurde [mola molieri] mit der alten Stellung von Substantiv und
Adjektiv ebenso eine Tautologie wie das s)mtaktisch dem Verhàltnis
von psj^chologischem Subjekt und Pradikat angepafite, umgestellte
[molieri mola]. Es bedeutet ja nur cmola wie eine mola » bzw.
«molieri von der Art der mola ». Wie in 989, 988 [mola verenta]
«die sich drehende mola zu [verenta] mit Substantivierung der
attributiven Bestimmung wurde, so wurde nun offenbar [mola molieri]
«Wetzstein zu [molieri], heute [molire] 989, 988 bzw. [mairi] 978,
und das syntaktisch richtigere [molieri mola] zu mola , das nunmehr
auf dem gròBten Teil des sudostfranzòsischen Sprachgebietes den
«Wetzstein» bezeichnet.
So wird mola «Miihlstein zu mola «Wetzsteins, das da-
neben aber in der urspriinglichen Verwendung zur Bezeichnung des
runden Muhlsteins in Verwendung steht. Die Folge davon ist.
dafi mola in dieser Gegend weder «Muhlsteins noch
«Wetzstein bedeutet, sondern die Bedeutung bekommt, die
beiden Vorstellungen gemeinsam ist, e s wird zum «Schleif-
stein.
Diese gemeinsame Beziehung zwischen «Wetzstein und «Miihl-
stein» war ja auch der Grund, warum [kaua] «Wetzstein» (in das
sich [kaua] «Schweif» einschleicht) durch die Ableitung von mola,
namlich molieri , erweitert wurde, und dafi es spater, als molieri der
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN 87
Trager der Vorstellung des Wetzsteins geworden war, selbst durch
mola ersetzt wurde 1 .
53. Dafi tatsàchlich im Slidfranzosischen und dem anschliefienden
Provenzalischen mola nur mehr in der Bedeutung «Schleifstein vor-
handen ist, zeigt das von mola abgeleitete Verbum molar, amolar ,
das gerade auf diesem Gebiete die Entsprechung des frz. aiguiscr ist.
Das siidostfrz. [mola] ist also begrifflich die Entsprechung des lite-
rarischen pietre à aiguiser Schleifstein» und kann infolge dieser
mittleren Bedeutung sowohl fiir den runden «M uhi stein wie den
spitzig zulaufenden «Wetzstein verwendet werden, wie dies in zahl-
reichen Mundarten der Fall ist. (31, 20, 30, 915, 926, 935, 917, 921,
829, 942, 958, 947, 945, 956, 944, 957, 955, 933, 954, 965, 953.) Nur
gewisse westliche Mundarten unterscheiden die bei den mola , indem
sie in der Bedeutung «Wetzstein» die Zweckbestimmung de dar y de
der fiir die Sense hinzufugen* siehe dazu ZRP 40, 517f. (927,928,
938); vgl. auch in 912 (Isère) [mule a amolo ] «Wetzstein , 818 mola
a amolo] neben [mule] bzw, [mola] «Muhlstein», das dem oben er-
schlossenen [mola molieri] mit Ersatz der adjektiviscben attributiven
Bestimmung durch den Prapositionalausdruck à amouler «zum
Schleifen» entspricht. Das benachbarte 922 mit [pierà a amola] hat
das unpassende mola dieser Verbindung durch dass allgemeinere
pierre «Stein ersetzt.
Auch der umgekehrte Vorgang, dafi der «Muhlstein» nun als be-
sondere Art Wetzstein bezeichnet wird, ist vereinzelt zu belegen,
vgl. in 924 (Ain) [muoia] Wetzstein > gegen [muol a vriia] «Miihl-
stein» und àhnlich in 869 [muoia] «Wetzstein» gegen [muoia vira-
reira] sich drehender Schleifstein , das also dem oben erschlossenen •
\mola verenta] der Punkte 988, 989 genau entspricht.
Immerhin ist der Unterschied zwischen «Wetzstein» und «Muhlstein»
in der Form so grofi, dafi auf drei verschiedenen Gebieten die Sprache
zur Unterscheidung der beiden Vorstellungen den «Wetzstein» als die
kleinere Form des Scbleifsteins bezeichnet; es tritt also ein Typus
moietta kleiner Schleifstein» = «Wetzstein» neben mola «grofier
Schleifstein = «Miihlstein». Dies ist der Fall an drei Punkten des
piemontesisch-frankoprovenzalischen Grenzgebietetes (auch in Vionnaz
1 Dabei ist zu berucksichtigen, dafi frz. meni e nicht nur den «Miihlstein»
bezeichnet, mit dem die Getreidekorner zermalmt, gemahlen werden, sondern
auch den vom fliefienden Wasser oder durch eine Tretvorrichtung gedrehten
Stein, an dem Messer, Scheren usw. geschliffen werden. Diese zweite Be¬
deutung ist auch die allgemein bekannte, wàhrend mola in der etymologischen
Bedeutung «Mah! stein * speziell in den Wort- und Vorstellungskreis des
Miillers gehort.
88
ERNST GAMILLSCHEG
rnoleta—pierre à aiguiser ), ferner im Norden und Siiden des ge-
schlossenen mola «Wetzsteim-Gebietes.
54. Àhnlich wie im Sudostfranzòsischen ist die Entwicklung im
eigentlichen Provenzalischen vor sich gegangen, wo nach Abschnitt 33
cote iiber [ko ], [koa], [kua\ mit [foia ] «Schweif» in Kollision ge-
raten war und in der Folge unterging. Heute sind auf diesem Ge-
biet im Siiden des siidostfrz. mola «Schleifstein» = «Wetzsteim -Ge¬
bietes flir den «Wetzsteim die folgenden Typen in Gebrauch: 1 . metile
à amouler, 2. metile, 3. pierre à amouler , 4. pierre . Da das ganze
Gebiet fiir «Schleifen» den Typus amouler aufweist, ist auch hier fiir
mola die Grundbedeutung Schleifstein» erwiesen.
Auf das Verhàltnis der einzelnen Formen und ihre begriffliche
Entwicklung werfen die Angaben Licht, die Calvino, Dict. Nigois-
frangais, Nizza 1905, macht:
PEIRA n. f. pierre, terme de magonnerie, bloc de pierre de 90
à 100 kilogrammes.
PEIRA n. f. meule pour écraser les olives (terme de meunier).
PEIRA DE MOLIN n. f. meule à moulin.
PEIRA MUOLA n. f. meule, pierre d’émeri servant à aiguiser.
MUOLA n. f. pierre à aiguiser.
Es ist also mola zum «Wetzsteim> geworden; peira muoia be-
zeichnet den schweren, runden, vom Wasser betriebenen «Schleifstein.:,
peira allein oder mìt der Erganzung de moliti den eigentlichen Mahl-
stein». Mit peira verbindet sich die Vorstellung des schweren, massiven
Steines, daher wird das Wort zur technischen Bezeichnung des Mahl-
steins» geeignet.
• Das angegebene peira muoia «Schleifstein ist der Angelpunkt der
Erklàrung dieser Formen; es bezeichnet im ersten Bestandteil die
massive Form des «Schleifsteins^, in der Apposition die Zweck-
bestimmung des : Schleifens.>. Aber diese Verbindung ist zweifellos
nicht urspriinglich. Ich vgrmute, dafi ahnlich wie im Norden [mola
molieri ] fiir alteres [kaua molieri ] eintrat, zunachst mifiverstandlich
gewordenes [kua] «Wetzstein;> durch [ Ima mola] ckua , die wie ein
Wetzstein ist», verdeutlicht wurde, vgl. mfrz. queue à aiguiser , S. 10,
dafi aber dieses nach dem Untergang von [kua] «Wetzstein» zu einer
appositionellen Erweiterung von [kua] «Schweif» wird, so dafi nun
[kua] ersetzt. werden mufi. Das begrifflich zunachstliegende mola,
das sich im Norden voriibergehend als Grundwort neben molieri
halten konnte, kommt hier naturgem&B nicht in Betracht (es ware ja
\kua mola] zu [mola mola] geworden); so wird das allgemeine peira
«Stein» fur das unbrauchbar gewordene [kua] «Schweif», friiher
WETZSTEIN UNO KUMPF IM GALLO ROM ANISCHEN
89
^ Wetzstein*, eingesetzt. Es entsteht der Typus peira mola AVetz-
stein . Die Sonderbedeutung iSense nstein» wird aber durch peira
gar nicht, durch mola nur unvollkommen zum Ausdruck gebracht;
denn mola cMuhlstein» steht einstweilen noch daneben. So wird
mola auch hier seiner besonderen Funktion zur Bezeichnung des
Mahlsteines* entkleidet, es wird zum «Schleifstein», und peira mola
dem unerweiterten mola gegentiber zur schweren Form des Schleif-
steins», zum eigentlichen Miihlstein».
Auf peira mola in der fruheren Bedeutung Wetzstein* (als direkter
Nachfolge des erschlossenen [kiia mola]) beruhen dann peira Wetz¬
stein* neben muoia < Wetzstein» im Departement H. Alpes; auf mola
Wetzstein , das daneben auch «Muhlstein bedeutet, beruht [mola
a amular] mola zum Schleifen» im Departement Alpes-Mar., das
dann in das am weitesten verbreitete peira a amular berichtigt wird.
55. Die einfachste Form, das untergehende cote, cotis zu er-
setzen; bestand aber darin, den Wetzstein;) als das Werkzeug zu be-
zeichnen, mit dem die Handlung des Schleifens vollzogen wird. Dazu
standen der Sprache eine Reihe von Mitteln der Wortbildung zur
Verfugung.
1. Lat. -orium, -oria, s. Meyer-Lubke, Frz. Gram. 2,
S. 47/48. Zu affiler wetzen, schleifens gehòrt affiloir , bei
Duméril 1. c. als literarische Form, dann * affiloire in 318
(Sarthe), dazu in 397 (Jersey) [afilòs] aus [afilór], der dialektisehen
Entsprechung von ^ajfiloire ; siehe dariiber Grundziige usw. S. 63.
Der gleiche Typus zeigt sich in adjektivischer Funktion in * pierre
affiloire auf einem zusammenhangenden Gebiet in Westfrankreich
(440, 338, 327, 325, 315). Uber dieses adjektivische -atorius vgl.
Grundziige usw. S. 27/28, ferner den Typus *cultellus para¬
tori us S. 85.
Die entsprechenden Ableitungen treten zu aiguiser schàrfen,
schleifen auf, sowohl in mannlicher wie weiblicher Form; vgl.
entsprechend einem mannlichen ^aiguisoir : Còte-d’Or [ egiiior] mask..
104 (Nièvre) [agitine], 105 [agitene], 106 (Yonne) [egiizuer], 733
(Tarn-et-G.) [asiigadu] < [agiisadu]. Als Femininum = * aiguisoire
399 (Guernesey) [egli sòr],
Fiir aiguiser tritt die verstlirkte Form * raiguiser ein 1 ; vgl.
[regiisor] 19, f regiizur] 16, [ragUzuar] 298, Pas-de-C,, [ragiiisuer]
1 Zu dem r^-Pràfix s. M. Meinicke, Das Pràfix Re- im Franzosischen,
Diss. Berlin, 1904, besonders S. 69, re- im Sinne einer Steigerung, als Ver -
stàrkungsartikel, wie in lat. reposcere «nachdriicklich verlangen» u. à.
Hierher gehOren Falle wie afrz. retaire{= lat. re ti cere *absolut schweigen»).
90
ERNST GAMILLSCHEG
279, Somme, dazu bei Vautherin, Chatenois pierre ai raidiii-
joùere .
Entsprechende adjektivische Formen in 905, Loire, agóBÓr \,
908, Rhone, agumir ], 785, Aude, [peiro agiisaduro\ alle ent-
sprechend einem literarischen ^pierre aignisoirc .
2. Mundartlich tritt das Suffix deve fiir -oir, -oirc ein, siehe
Grundziige usf. S. 67. So erklart ' sicb das ganz vereinzelte [agu-
siro ], das ist *aiguisière in 805, Puy-de-D.
3. Im Altfranzòsischen konkurriert mit adjektivischem -oir
- a t o r i u s das Suffix -eres aus -ariceus; s. Thomas, Nouv
Ess. 62ff., Grundzuge, 13f. Einen Rest dieses Suffixes zeigt die
Form [pir rafilros\ 76, Vosges, literarisiert *pierre raffileresse.
4. Die postverbalen Substantiva von transitiven Verben bilden
in der Regel Werkzeugsbezeichnungen ; siehe Grundzuge S. 25. Da-
her ein Typus *aiguise «Schleifstein.v in 146, Marne [giiè ], in Poitou
zusammenhangend 478 [egiiis], 521, 531, 535 [adiiis |, 225 [aiiis],
536 [agiiis], dann wieder in Zusammenhang 804, Puy-de-D. [agiiso],
807 [agii3e] und Cantal, 811 [gosa].
5. Namentlich im Osten ist das Werkzeugsuffix -ette mit der
dialektischen Entsprechung [~ot], [- at ] in Gebrauch; siehe Grundzuge
S. 26. Es tritt an fast alle Verba an, die hier fiir «wetzen,
schleifen angegeben werden y*vgl. :
A. *aignisette in 57, Vosges, | egiihat \, 510, D. Sèvres
[a[iiBet\.
roablier , renvier «dringend einladen», frz. rechercher, recommander, ren-
fermer, raccrocher u. à. Dieses re- wird dann vollstàndig bedeutungslos;
vgl. dazu Darmesteter, Mots nouveaux S. 144. «De nos jours, il appar-
tient à la langue écrite de se prémunir contre cette tendance souvent abusive
de la langue populaire et de maintenir autant que possible Tintégrité des
droits du mot simple»; ferner F. Boillot, Patois de Grand’ Combe, S. 39,
r , re- (wird gebraucht).... «simplement pour renforcer l’idée contenue dans
le verbe .... ròta = òter\ rlasi = donner en location» usw., ferner fiir das
Departement Aube Guérinot, Notes sur le parler de Messon, RPF 23,
257 ff. «Dans le parler de Messon le mème préfixe (nàmlich re-) est peut-
ètre plus usité encore que dans le fran^ais populaire, si bien que la plupart
des verbes simples sont remplacés par des formes avec re- prosthétique»_
Das r- in raigniser kann auch die mehrmalige Wiederholung, das Hinundher
der Handlung zum Ausdruck bringen; vgl. dazu besonders Meinicke,
1. c. S. 74, wie in afrz. ce ravient «das geschieht immer von neuem», ivoire
replané ■ «wiederholt poliert», nfrz. ils nous rebattent les oreilles (Claude
Lemaitre) ‘liegen uns fort und fort in den Ohren», bois repercé «wieder und
wieder durchbohrt» usw.
WETZ STEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
91
B. * raignisette in 113, Aube, [ragiièot], 38, H. Marne [re-
giizot ].
C. *affiletto in 143, Meuse, [efilot\, 463, Ille-et-V., 484, Mor-
bihan [afilet\
D. * raffilette . Dieser Typus umfafit einen grofìen Teil des
Departements Meurthe-et-M., H. Marne, Vosges, gewòhnlich in
der Form [refilot], Er geht im Osten in den ebenfalls stark ver-
tretenen Typus
E. * ramoulette iiber, zu ramouler «schleifen , vgl. im Departe -
ment Meurthe-et-M. [; r amulo f ], [ramulat], Vosges [remolot], [ra-
miihot\ u. a.
F. *i amoulette als Werzeugsbezeichnung in 835, Crome, [emu-
leto\ , kann auch Diminutivum von mola sein; s. S. 87.
56. Es kann der «Wetzstein» ferner dadurch bezeichnet werden,
dafi ein Substantiv allgemeiner Bedeutung, in der Regel pierre , durch
eine appositionelle oder attributive Erweiterung naher bestimmt wird.
Da# hier pierre oft an die Stelle einer anderen Bezeichnung getreten
ist, wurde im einzelnen schon erwahnt; S. 10, 88. Attributive Erweite¬
rung in Form eines Adjektivs liegt in den in Abschnitt 55, 1 bzw.
3 angefuhrten -orius- bzw. ariceus-Bildungen vor. Den erschlossenen
bzw. belegten Verbindungen wie peira mola entspricht ferner der
Typus ^pierre aiguise (513, 517, 519, 610, 606, Departement D. Sèvres
bzw. Charente), in dem aiguise «Schleifwerkzeug^ vielleicht flir ein
alteres mola eingetreten ist, da das [peiro gii£o\ des Punktes 606,
H. Vienne, unmittelbar in das peiro Wetzstein -Gebiet des Limusi-
nischen rmindet, flir das ein fruherer Typus peiro molo nach S. 83
bezeugt ist K
Die attributive Bestimmung kann ferner aus Praposition und Sub¬
stantiv bestehen ; das Grundwort ist in der Regel pierre, vereinzelt in
Ùbergangsbildungen queux bzw. mola, s. S. 10, 88. Die Typen sind
im Norden pierre à faux, pierre de faux , im Stiden pierre de dail,
daille , im Zentrum auch pierre de dar, die durchwegs cSensenstein*
bedeuten.
Einzelne westfrz. Mundarten haben als Grundwort statt pierre
«.Stein die Entsprechung des frz. grès «Sandsteim . daher grès à
dar 476 (neben grès à affiler in 485). Flir Pléchàtel bezeugt Dottin
I. c. dieses [gre] als «grande pierre piate à àiguiser.; ; es ist also die
1 Eine àhnliche appositionelle Verbindung monche — ep Fliege, nàmlich
die Biene» erschlieftt, Gilliéron, Abeille passim. Vgl. ferner chat écureuil
«Eichhornchen» im Departement Creuse und Umgebung.
92
ERNST GAMILLSCHEG
Entsprechung des provenzalischen [tsiafre] in Abschnitt 58. Da nach
S. 2 f. Wetzsteine tatsachlich auch aus Sandstein bestehen, ist hier ftir
das allgemeine pierre das speziellere grès eingetreten. Datò diesem
grès a dar ein Typus [ku\ à dar vorangegangen ist, laBt sich ohne
weiteres annehmen, aber nicht beweisen. «
57. Die haufigste Form der Umschreibung besteht aber aus einem
Grundwort und einem finalen Infinitiv, in dem die verschiedenen Be-
zeichnungen ftir «Schleifen» auftreten. Es sind dies: remoudre,
109, Yonne, 173, Meurthe-et-M., zu lat. mole re «mahlen», bedeutet
also etymologisch «auf dem Miihlstein schleifen»; am oaler, nament-
lich im Stidosten, s. REW 5641. ramouler im Lothringischen.
affiler zu fil «Schneide», raffiler , aiguiser , r aiguiser \
dazu gehoren wall. [rauizi], wie zum Beispiel Namur \awii\ — aiguille ,
s. Niederlander 1. c. § 48 und ALF 14; in 85 ElsaB [rabzi] <
[rauizi] , wie in den Vogesen [fti] < [veti]—vètir , ALF 1381, vgl.
dazu ftir Zeli im Breuschtal (Horning, ZRP, Beiheft 65) [rebzi]
die Sense wetzen», dazu \rebzbis] = * raiguisoire Wetzstein».
afftìter , eigentlich «zuspitzen», zu flit «Schaft^, lat. fustis.
[rm or file] in 354 neben [afile], [rafìle] der Nachbarmundarten,
ist Ableitung von frz. morfil «Grat an einem geschliffenen Schneide-
instrument». Dieses bedeutet urspriinglich die nach dem Schleifen an
der Klinge hàngenbleibenden Stahlteilchen, ist also etymologisch mort-
fil «abgestorbene Schneide» ; vgl. in derselben Bedeutung liittichisch
[miier teià] , das ist *mort taillant , ferner frz. morvolant Wirrseide
= iwas tot, unbrauchbar wegfliegt».
[rsemi] in 192, 196, nordòstliche Wallonie, gehòrt zu Namur.
| risimi ], \simi] dazu [pir a simi], das im ALF fehlt; dazu wall.
sémerèse <.Schleifstein» mit dem S. 90 angegebenen Werkzeugsuffix
-aricea, wall. sèmi, senmi « schleifen», pire da séme Schleifstein ' aus
lat. sa mi are « schleifen >, REW 7563.
An Stelle des Infinitivs kann auch ein Verbalabstraktum stehen.
Vgl. das postverbale Substantiv in abstrakter Funktion ^.raffli in wall.
191 [pir a rafi]\ entsprechend zu raiguiser ein Typus *raiguise
«Schleifen"> in 183 [pier a rawis ], 75 [pier a dziiz ], dann bei Grand-
gagnage das oben angefiihrte pire da séme . Das Suffix -atura
in kollektiv abstrakter Bedeutung liegt in [pier d’afiliir] des Punktes
904 vor.
58. Drei Punkte im Unterlauf der Rhone haben ftir den «Wetz¬
stein» die Form [tsiafre] , namlich 840, 841, Gard, 779, Hérault.
Mistral kennt ein chafre, safre als «Sandstein», «schlammiger Kies»,
auch «Schleifstein». Das Nebeneinauder von ts und 5 im Anlaut
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
93
spricht flir arabischen Ursprung. Das Wort stammt aus arabisch
Bahr Fels , flir das Meyer-Lubke, REW 7517 zweifelnd Belege
aus dem Iberoromanischen anfuhrt. Dieses [tsiafre] «Wetzstein» ist
die begriffliche Entsprechung des westfrz. grès «Sandstein» > «Wetz¬
stein».
[làbardin] 423, Maine-et-L. wird bei Verrier-Onil 1 on 1. c. als
*Art Sense mit langer, breiter Klinge», dann auch «Wetzstein» an-
gef iihrt ; in der ersten Bedeutung werden als Synonyme dard, dar dine,
darine angegeben. lambardine «Wetzstein» ist daher vermutlieh aus
Pierre à lambardine «Sensenstein» losgelost. Eine iiberzeugende
Etymologie des Wortes vermag ich nicht zu geben. Ve r rier-
On ilio n verweist unter lambardine auf ein pimont «grofier Wetz¬
stein» und schreibt dazu: «On ne s'en sert plus, et le mot est presque
oublié, mais on emploie toujours les petits (!) queux appelés autrefois
et aujourd’hui encore lambardines . Le rapprochement de ces deux
mots m'avait suggéré qu'ils devaient ètre pour Piémont et Lombardie.
J'ai fait une enquète à ce sujet, mais je n’ai pas obtenu de renseigne-
ments bien précis.»
Drei Punkte des aufìersten Nordens haben ftir den «Wetzstein» die
Form [rifl], 297, Nord, bzw. [rif], 299, 296, Pas-de-C. Das Wort
wird von Haigneré ftir Boulogne bestàtigt, vgl. rifle «sorte de rape
en bois de chene équarri, que les faucheurs enduisent de sable mouillé,
et dont ils se servent pour aviver de temps en temps le tranchant
de leur faux». Dazu rider «mit der rifle scharfen». Dieses rifle ist
also nicht der eigentliche «Wetzstein», sondern ein Gegenstand aus
hartem Holz, mit dem die Schneide der Sense geglàttet wird, wahrend
der eigentliche Wetzstein» [kos], [kos] mit dem dazugehòrigen «Sand-
topf», « pot à sabonreU nicht vom Schnitter bei sich getragen wird.
In St. Poi besteht daher zum Beispiel [rif], [;rifl ] «Reibholz neben
[kos] «Wetzstein ; das Wort lebt ferner in der Vallèe d’Yères, dann
in der mittleren Normandie (Moisy), also weit iiber das Gebiet hinaus,
in dem [rifl] im ALF flir «Wetzstein» angegeben wird. S. 12 wurde
angenommen, da!3 diese Verwendung von [rifl] «Reibholz» ftir den
«Wetzstein : mit dem Zusammenfall von [kos] — cotis und [kós] — calce
zusammenhangt. Das Wort ist aus mndl. rijve «Reibe», «Reibeisen;
entlehnt (ostfriesisch rif e , ndl. rijf], dann ist das l sekundàr wie in
frz. cible, norm. mèsangle flir mésangc, norm. maigle = frz. mèguc usf.
Daneben besteht ein stammverwandtes Verbum [rifle], [eride] «weg-
reifien», «rauben», «pliindern» (zu engl. rifle dasselbe), das iiber die
Normandie, Pikardie, Wallonie verbreitet ist und dessen stammhaftes
l den /-Antritt in \rifl\ «Reibe» beeinflufit haben kann. Vgl. die
94
ERNST GAMILLSCHEG
verwandten, ebenfalls ins Romanische gedrungenen germanischen
Worter in REW 7308, 7309.
Das vereinzelte triche in 242 scheint die siidliche, vielleicht entlehnte
Form von frz. (<pik.) trique «grofier Stab» zu sein und an das nord-
lidie rifle Reibstab» anzuschliefien. Doch ist die Erklarung begriff-
lich wenig befriedigend. Die Nachbarschaft von \verzìo\ (s. S. 77)
wurde auf eine obszone Bedeutung des Wortes schliefien lassen, fur
die mir Belege fehlen.
59. Die Neubildungen fiir cotarium, die auf der Form von cotis,
cote neu aufbauen oder mit der lautgesetzlich entwickelten Form von
c o t a r i u m durch volksetymologische Beziehungen verkniipft sind,
wurden schon im einzelnen behandelt. Hier sind die Ersatzworter an-
zufiihren, die die Sprache mit Unterbrechung der lateinisch-galloroma-
nischen Tradition aus eigenen Mitteln schuf.
Im Norden Frankreichs ist ein weites Gebiet, wo an die Stelle des
«Kumpfes», den der Schnitter am Gtirtel tràgt, der Sandtopf tritt, den
der Schnitter am Rande des Feldes abstellt. Auch der eigentliche
Wetzstein bleibt beim Sandtopf, wahrend zum Handgebrauch das
«Reibholz , rifle dient, tiber das im vorhergehenden Abschnitt ge-
handelt wurde. Auf diesem Gebiet ist also cotarium aus begriff-
lichen Grlinden untergegangen, weil der < Sandtopf» nicht der Behalter
des Wetzsteines sondern des Reibsandes ist. Da der eigentliche
Kumpf hier nicht bekannt ist, wurde Edmont bei der Frage nach frz.
c off in die Bezeichnung fur diesen Ersatz, den Sandtopf angegeben.
Daher der Typus pot à sabouret (Nord, Pas-de-C., Somme), das in
273 (Pas-de-C.) in \sabnre\ vereinfacht wurde. Wegen sabouret vgl.
boul. Rouchi, St. Poi sabouret feiner Sand , dazu REW 7486.
[sabure] steht fur [sabre], das ist diminutive Ableitung von mund-
artlichem [safr], [sabr] Sand > ; wegen des unetymologischen -r vgl.
auch in St. Poi [ sabrou ], Rouchi sabreux sandig . Fiir pot a sa¬
bouret haben die Punkte 268, 257, 291 das entsprechende pot au
sable , 293 pot à sable, 199 pot à sablon. [sabo a saburo] in 281,
Nord, hat pot Topf durch die dialektische Entsprechung von frz.
sabot Holzschuh ersetzt, s. ALF 1177. Zu dem Ersatz vgl. die
Umschreibung des westfr. [/^os/o] bei Montesson S. 80, ferner im
folgenden den Typus [. sklapitiot |.
279 hat fiir den Kumpf ^ die Bildung [po a l sbs ]. Das ist eine
Kreuzung von [porte-kos] der Nachbarmundarten 267 und 277 und
[po o sabl ] von 268: d. h. der Wetzsteinsand heifìt hier [sos] fem.,
das ist sable mask. + [£ó‘s] fem.
Auf die Sekundàrform pierre fiir «Wetzstein» baut *pierrier «Stein-
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
95
behalter f tir cotarium auf, vgl. 443 [piirie ], 433 [per io ], 423
[perle], [porle], das bei Verrier-Onillon 1. c als peurrier bestàtigt
wird.
Der Kumpf besteht bisweilen aus einem blofìen Horn, daher die
Formen come—cornet , die tiber ganz Frankreich zerstreut sind; vgl.
dazu die Bemerkung Edmonts zu 901 «le coffin est une come de
boeuf ;. Auf come beruht unter anderem wallonisch [kuàn] , [kuèri]
aus alterem cuerne. Die Form [batto] Kumpf in den Departements
B.-Alpes und B.-du-Rhóne bedeutet ebenfalls Horn und geht auf
das REW 934 angeftihrte gallische *banno zurtick.
A m weitesten verbreitet ist in Nord frankreich das afrz . buiot, buhot ,
behot Rinne , Rohre , Scheide ,. das in der Normandie als buhet ,
buhot Rohre , pik. buhot dasselbe, Rouchi buhot «Ròhrchen weiter-
lebt. Das Wort erscheint in verschiedenen dialektischen Formen :
1. mit gesprochenem h im Nordwesten und Osten, wo auch in en
haut (ALF) h gesprochen wird, vgl. [biiho] 393, 363, 335, 330, 367,
377, im Westen dazu 386 [biiho], wall. [boba] 185, Meuse 154 [boba],
Meurthe-et-M. [bobe].
Dieses [bobe] des Punktes 173 ist tiber alterem [koir] = cotarium
+ corium in den Osten gewandert, dort aber zunàchst als Fremd-
wort gefiihlt und dementsprechend literarisiert worden K Da dem b
einheimischer Wòrter literarisches 5 entspricht, wird dieses [bobe] in
Woippy bei Metz zu [bose] , und auf ein entsprechendes uberliterari-
siertes [bobe] diirfte auch [bodie] in Remilly zurtickftihren ; s. Rolland,
Rom. 2, 437; 5, 199. Wegen des vortonigen o in 173 [bobe] und
den nach Osten weitergewanderten Formen vgl. in 173 [bove] =
cuvier; wegen der Entsprechung b — s s. Brod, ZRP 36, 261.
1 Vgl. einen àhnlichen Vorgang in der franzòsischen Schweiz bei Tappolet,
Die alemannischen Lehnwòrter in den Mundarten der franzòsischen Schweiz,
I, S. 61. Alemannisches erscheint im Schweizer Franzòsischen bisweilen
als ts. «Wenn schwd. salewàrx neben salvèr auch als tsalver auftritt, so
kann dieser Fall nicht als ,Lautsubstitution * l angesprochen werden, da an Patois-
wòrtern mit s-Anlaut kein Manghi ist. tsalver ist nur erklàrbar durch die
Annahme, dafi dem so Sprechenden die Korrespondenz von chat — tsa ,
chanter — tsàta , chez — tsi gegenwartig war. Wie weit dieser Vorgang
sich bewufit oder mechanisch vollzieht, ist nur individuell zu entscheiden.
Jedenfalls aber liegt ihm das unklare Bestreben zugrunde, ,richtig‘ sprechen
zu wollen. Die ihm vorschwebende Norm kann sowohl, wie hier, das Patois
als wie in buche (Batzen) die franzòsische Gemeinsprache sein. Nach dieser
Theorie erkliiren wir uns unter anderem schwd. batse zu bus.» Der im Texte
angeftihrte Ubergang des mundartlichen [ bobe ], das als nicht einheimisch
gefiihlt wird, in die Form des Lokalfranzòsischen [bose] ist also die genaue
Entsprechung des schwfrz. \ba*] ftir aufgenommenes [batse].
96
ERNST GAMILLSCHEG
2. Aus der h- Form entstand der Typus [buo], [bila] , dialektisch
im Osten [buo], [bua], der liberali im AnschluB an die [biiho] - usw.
Formen zu finden ist.
3. Schon alt ist eine Form buiot, in der nach Verstummen des
h zwischen il und o ein Hiatus i eingeschoben wurde, und die heute
als [biio], [bio], [bio], [bia] u. a. erscheint.
Das Wort ist nach Form und Verbreitung germanischen Ursprungs
und gehort zu altdànisch bug «Bauch», < Schweinetrog», wohl auch
zu afrz. buie «irdener Wasserkrug», dazu afrz. ballote, buhotel,
«Kruglein»; doch ist das Verhaltnis der //-Formen zu dem zugrunde-
liegenden frankischen k aufzuklàren. Nicht damit zu vergleichen sind
die //-Formen in Stidwestfrankreich bei focarium, frz. foyer , da hier
h alteres è fortsetzt.
Das frz. godet, das als Ùbersetzungslehnwort aus dem Bretonischen
im Westen beobachtet wurde, tritt als [godo], [gudo] im Departement
Saone-et-L. auf, neb enpotet, das ist «Topflein», des benachbarten 907.
Es ist deshalb von der Bedeutung < Napf > des afrz. godet auszugehen.
potet wie godet sind Verlegenheitsbildungen, da hier vermutlich
cotarium tiber [kue] mit [kue] «Hals» zusammengefallen war; s. S. 33 f.
Weit verbreitet ist ferner frz. étui <Behalter» bzw. in 226 étui du
faucheur. Dazu gehoren unter anderen [stuts] 662, [estoit], [ ostili ]
Gaskogne, [esiti] 712, Lot, [estati], [stuts] Alpes-mar. usw.
Bei zahlreichen Formen kann man im Zweifel sein, ob sie zu frz.
botte, vlat. buxida, oder zu afrz. bout «groBe Fiasche», prov. bota,
das auch die allgemeine Bedeutung Behalter» hat, aus lat. buttis,
gehoren. Mi strai kennt zu dem letzteren die Form boato <Wein-
schlauch», «Fafi», Tonne», c^TintenfaB». Zu frz. botte Schachtel»,
Blichse», ^Hiilse», ^Kapsel» gehort zweifellos die diminutive Ab-
leitung [buetò] in 338, Mayenne, dann [bustio] in 86, Vosges =
Jootteau, das sich hier durch die Erhaltung des vorkonsonantischen s
als alteinheimisches Wort erweist. Die im Norden daran anschlieBenden
Formen [butrei], [putrii] der Punkte 87, Vosges, und 88, Lothringen,
mochte man dagegen zunàchst mit afrz. bouterelle <Fischkorb», also
zu buttis gehòrig, zusammenstellen, allein [buhtri] bei Horning,
Grenzdialekte, in d 8 , dazu in Schoneberg im Breuschtal dasselbe (in
Zeli [buetoi] «Nadelblichse») setzt ein vorkonsonantisches 5 voraus,
entspricht also einem literarischen * botterie . So ist ferner [bota] in
819, Loire, wohl angepafites literarisches botte auf der Stufe buete ,
wàhrend die Schachtel» bedeutende Form [biiiti] desselben Punktes
alteinheimisches boisti fortsetzt. [bufo] in 659, Tarn-et-G., 665, Gers,
stimmen nun lautlich mit dem aus Mi strai angefiihrten [buio] FaB
WETZSTEIN UND KUJVIPF IM GALLOROMANISCHEN
97
vollstandig liberein; aber schon [butto] fem. in 762, H. Gar., weicht
mit seinem i von aprov. bota ab, und in unmittelbarer Nachbarschaft
dieser Formen findet sich flir den «Kumpf» [btito] 679, 771, 760,
dessen U mit dem u von lat. buttis sich ebenfalls nicht vereinigen
lafit. Vgl. noch [buget] in 668, Gers. Es sind daher zweifellos
samtliche angeflihrten Formen Anpassung einer Form [biiet] flir
literarisches botte des, Lokalfranzòsischen. Fiir Bagnères-de-Luchon
bei 699, H. Garonne, gibt Sarrieu, RLR 47, 499, als mundartliche
Entsprechung des literarischen oi in Lehnwortern entweder ue an,
zum Beispiel tnemuero, oder il, zum Beispiel in piinàr, putrirlo , friisa.
Es ist also das literarische botte in einer frtìheren Periode als [buet\
in die Mundarten gedrungen und je nach den Mundarten zu [biito],
[buto] angepafìt worden. Spater ist es in der literarischen Bedeutung
ein zweites Mal in den Sliden gewandert; s. ALF. 146. Àhnlich
dlirfte [bute] 71, frz. Schweiz, neben dem heute [buet] —botte steht.
die einheimische Form von buxida darstellen, wie die Form [but\
«Schachtel» im anschliefienden Departement Doubs zeigt. Flir buttis
«Fafi» hat die franzòsische Schweiz eine z-Ableitung [ bosa ] ; siehe
ALF 1313.
Zu [kuso] mask. in 665, Landes und 612, Dordogne vgl. S. 48/9.
Das zugrundeliegende Stammwort, die Entsprechung des frz. cosse
Schote», ist nprov.. cosso «Holzschachtel, in der der Bauer Kase
u. a. tragt ».
Der Typus [badauko] 887, B. Alpes, [badoko] 884, Var, ist identisch
mit nprov. badoco, bedoco, zu dem Mi strai die Bedeutung «Schote
von Hlilsenfriichten», dann «Holzbogen mit einer Langskerbe, in die
der Schnitter die Schneide seiner Sichel oder Sense einlegt» anfiihrt.
Es ist also [ badauko] «Kumpf» libertragen von «Schutzkapsel flir die
Schnittflache der Sense». In dieser iibertragenen Bedeutung ist das
Bild der Schote, die die Frlichte einschliefit, noch deutlich zu sehen.
Mistral verweist auf ein spanisches bajoca, das nach dem Nuevo
diccionario de la lengua castellana tatsachlich in der Provinz Murcia
(also an der katalanischen Grenze) ein Schotengewachs —judia verde ,
ferner den sich einspinnenden Seidenwurm bezeichnet. Das Wort
stammt im Spanischen wohl aus dem Katalanischen und geht auf ein
gallisches *bud-auka zuriick, das mit mndl. bodìke «Braufafi», anord.
bu&ke «Schachtel», agls. bodig «Korper» urverwandt sein dlirfte; siehe
Falk-Torp, un ter boddike, nhdt. Bottich .
[ko] , 764, Tarn klingt an cote, cotarium nur an. Es ist nprov.
cos «Holzgefafi», «grofier Lòffel», das ist Rlickbrldung von dem oben
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. , 7
98
ERNST GAMLLLSCHEG
erwahnten cosso nach dem Nebeneinander von aprov. cop Schàdel ,
Eichelkapsel» und copa «Tasse, s. d. F.
Der heutige gaskognische Typus ist [kup\ mit der Ableitung
[kupeta], im Nordeh [kupat] in 664, 645. Es gehòrt zu lat. cuppa
«Becher», REW 2409, ferner Lespy coup, cup, cop «Kumpf , dazu
coupct «espòce de coupé de bois ou de metal à laquelle est adapté
un tube de mème matière . Die bei Lespy angefiihrte, von cupa
«Kufe» beeinflufite Form [kiip] ist in Punkt 694, B. Pyrén, bezeugt.
Dahér stammt [kilbet] in 693, B. Pyrén., ferner in 653, Gironde
[kiibat], Die -at- Ableitung der drei zusammenhangenden Punkte 653,
664, 645 ist vom Standpunkt der Wortbildung auffàllig. Da diese
Mundarten an das Gebiet anschliefien, auf dem cote tiber [ku ], [kua],
zu [kuado] wurde, s. S. 46, ist [kupat], [kiibat] vielleicht nach der
Gleichung la [kua] > la [kuado] = lo [kup] ( kiip) > lo [kupat] ( kiibat )
analogisch entstanden, d. h. -at in le [kupat] Kumpf ist die mann-
liche Entsprechung des neu in Gebrauch kommenden Suffixes - ado in
la [kuado] Wetzstein .
D\e Formen [esarbo] 931, [isarbo] 942, Isère, sind aus der schweizer-
deutschen Entsprechung des elsassischen sarwe , sdrwe < irdener Blumen-
topf», «Milchtopf» u. a. entlehnt, gehòren also zu nhdt. Scherbe , das
im Mittelhochdeutschen auch Topf bedeutet; vgl. dazu charabot
«Kumpf bei Ravanat, Grenoble, und Blanchet, Voirronnais
(J. Jud). Es ist dieses Wort also die Entsprechung von frz. pot
«Kumpf» in 335, potet in 907.
Das vereinzelte [bro] in 940, Isère, ist prov. broc Krug , heute
gewòhnlich «Schòpfeimer», s. REW 1320.
[kabo] 481. Cótes-du-N. durfte zu frz. caboche, cabosse u. a. ge¬
hòren; vgl. dazu auch poitev. cabot «Hàufchen , in Guernesey cabot ,
cabotel «halber Scheffeh, so im Normannischen seit dem 13. Jahr-
hundert bezeugt, vgl. auch norm. cabot «kleiner Heuhaufen .
[butte] in 193, Wallonie, ist vielleicht aus mndl. bulte Hòcker»
entlehnt. Es ist dann urspriinglich scherzhafte Weiterbildung von
wall. come Horn» = Kumpf». (?)
[sklapitiot] 672, Landes, ist in csclop petiot aufzulòsen. esclop ,
escloup bedeutet im Bearnischen 1. «Holzschuh >, 2. < kleiner Trog»
und ist postverbales Substantiv von *csclopar hinkend machen»,
s. REW 1997. esclop petiot bedeutet also wòrtlich kleiner Trog ».
Der Ubergang des ersten o zu a ist als Dissimilation in Ordnung,
vgl. einen ahnlichen Fall Grundzilge S. 55. Wegen des Ubergangs
von Holzschuh* zu kleiner Trog», zu «Kumpf vgl. oben [sabbi].
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN
99
òO. Die genaue Untersuchung der Karten coffìn und queux ergibt
also, dafì von dem Gebiet, das urspriinglich als Erhaltungsgebiet von
cotis ~ cotarium angesehen-wurde, ein grofier Teil nicht die laut-
gesetzliche Entwicklung der Grundformen zeigt, datò also die lateinische
Tradition fiir cotis, cote Wetzstein» auf hòchstens einem Zehntel,
die von cotarium auf einem Viertel des galloromanischen Sprach-
gebietes aufrechterhalten blieb. Noch geringer ist die Zahl der Mund-
arten, die sowohl cos, cotis wie cotarium nebeneinander un-
beeinfluBt entwickelt und erhalten haben. An und fiir sich kann man
der Sprache bei Ausdriicken wie Wetzstein» und Kumpf», die ja
keinen Modeschwankungen unterworfen sind, nicht die Tendenz der
Abwechslung zumuten. Wo keine àufieren Einfliisse eingreifen, nehmen
die Formen ihren durch die Lautgesetze bedingten Verlauf. Aber
gerade die auflósende Wirkung der Lautgesetze im Galloromanischen,
wie der Schwund der Auslautkonsonanten, der Schwund bzw. das
Stimmhaftwerden der intervokalischen VerschluBlaute hat cos und
cotarium in Beziehung zu Wortern und damit zu Vorstellungen
gebracht, die von Natur aus einem ganz anderen Vorstellungskreis
angehòren.
So fàllt cos, cotis Wetzstein mit coda «Schweif:, mit coxa
Schenkel , in der weiteren Folge mit *cubata Brut» zusammen;
cotarium Kumpf» mit corium Leder», mit cubitus -Ellbogen»,
mit *cubia Kiirbis». In den Vorstellungskreis von cotarium schiebt
sich colea Hodensack ein; cote wird auf Grund der lautlichen
Entwicklung selbst zum Stamme von cultellus. Jedes Wort ist das
Glied einer begrifflichen Reihe; steht es aufìerhalb einer solchen, so
ist es von vornherein der Anziehung festgefiigter Reihen unterworfen ;
es wird in eine solche einbezogen oder es geht unter. Wenn nun* auf
Grund der lautlichen Entwicklung ein Wort in den Vorstellungskreis
eines anderen kommt, dann muB es sich entweder diesem anpassen,
oder es wird, wenn die gegenseitigen Begriffe, deren sprachliches
Korrelat die Worter sind, eine Vereinheitlichung der beiden Vor¬
stellungen nicht zulassen, durch einen anderen Ausdruck ersetzt.
Es kommt zwischen den Homonymen zum Kampf. Die Sprache ist
passiv den Lautgesetzen unterworfen, bis ein solches Zusammenstofien
zweier Glieder verschiedener Begriffsreihen eintritt. Dann erst greift
sie ein, bemachtigt sich der auf Grund der Lautentwicklung ent-
standenen neuen Beziehungen und baut sie aus. So wird zum Beispiel
der" Kumpf zum Kiirbis», dieser zum Flaschenkiirbis», und da
auch dieses Bild auf die Dauer nicht befriedigt, zur Birne bzw.
Steckriibe», s. Abschnitt 42. Oder f fonie], das zu couillet wird,
7*
100
ERNST GAMILLSCHEG
rtickt die Vorstellung des Kumpfes in den Kreis obszóner An-
schauungen und zieht das im gleichen Begriffskreis stehende queux
«Wetzstein» sich nach. Oder aber es lehnt die durch lautliche Vor-
gànge* aus ihrer Passivitàt erweckte Sprache das neue Bild, das einen
ererbten Ausdruck in eine neue Begriffsreihe stellt, ab; die homo-
nymen Wòrter werden entweder beide oder es wird das sprachlich
schwàchere ersetzt. Sprachlich schwacher ist auch das Wort, fur
das ein Ersatz leichter zur Stelle ist als bei dem konkurrierenden
Ausdruck.
Jedes Wort steht aber nicht nur in begrifflichen, es steht auch in
grammatikalischen Reihen, die sich zum Teil durchkreuzen. Cos —
cotarium ist eine solche morphologische Reihe, cos als Femininum
steht in einer Reihe mit den Femininen gleichen Baues. Wo nun
diese Reihe, wie etwa durch das Verstummen des auslautenden 3 des
Altfrànzòsischen aufgelost wird, wird das einzelne, grammatikalisch
nun allein stehende Wort in danebenstehende festgefiigte Reihen
grammatikalisch àhnlich gebauter Wòrter eingeordnet. So wird [ku\
aus cotis zu \kua\ dadurch wird die morphologische Reihe [ku] —
[kue\ = cos — cotarium durchbrochen, sie muB in anderer Form
wiederhergestellt werden, sollen nicht die zusammengehòrigen Glieder
den Zusammenhang verlieren. So greift die Entwicklung von cos
Wetzstein» in die von cotarium ein und umgekehrt. An und fur
sich besteht keine feste Beziehung zwischen dem Geschlecht von Grund-
wort und dazu gehòriger Ableitung wie cos — cotarium. Wenn
aber durch eine der angefiihrten assimilatorischen Umgestaltungen
lautlich die Entsprechungen von cos und cotarium zusammenfallen.
so wird die begriffliche und morphologische Reihe cos — cotarium
nun auch zu einer flexivischen Reihe. Ein la [kiia] «Wetzstein» neben
le [kiia\ «Kumpf» wird auf Grund der Gesetze der neuen Reihe in la
[kiiado\ berichtigt, s. Abschnitt 26. Oder ein la [knà] «Schweif» tritt
mi ( t le [lena] « Kumpf» in eine flexivische Reihe, es wird zu la [kuana],
das in dieser auf Grund mehr oder weniger unbewufiter Vorgànge
enstandenen Form in den Begriffskreis von *cutenna «Schwarte
tritt. So entfernt sich die Sprache von ihrer lautgesetzlichen Form;
das einzelne Wort, das bisher ein Glied verschiedener Reihen war
und als solches aus der allgemeinen Entwicklung nicht hervortritt,
bekommt seine eigene Geschichte, die es nunmehr aus der lautgesetz¬
lichen Entwicklung der Sprache heraushebt. Es schwindet aus der
Sprache, auch ohne Veranderung der zugrundeliegenden Vorstellung,
wenn sich die sprachliche Entwicklung in eine Sackgasse verliert, aus
der es keinen Ausweg mehr gibt, wie besonders deutlich die Ent-
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN
101
wicklung des Wortpaares cos — cotariumim sildlichen Limusinischen
gezeigt hat; s. Abschnitt 26—28.
Von keiner einzigen einzelnen Form fur quenx oder cofftn làfìt
sich von vornherein sagen, dafi sie in ununterbrochener Linie das
lat. cos, cotis oder cotarium fortsetzt; ein Lautgesetz, das sich
auf eine solche vereinzelte Form stutzt, ist also wissenschaftlich wert-
los. Ebenso ist jeder Versuch, begrifflìche Ubergange ohne Beriick-
sichtigung der vorhergegangenen lautlichen Vorgànge zu erklaren,
unsicher. [ kuctdo] des Punktes 604 ist nur deshalb vom Wetzstein»
zum «Kumpf» geworden, weil diese beiden Worter in einer begriff-
lichen Reihe stehen und [kuado\ < [kua] < [ku\ — cote mit conado
<SchòpfgefàfF = ^codata zusammengefallen ist. Noch gefàhrlicher
ist es, aus der Erhaltung gewisser Stammworter in verschiedenen
Sprachen auf engere oder weitere Verwandtschaft zwischen denselben
zu schliefìen. Wollte man aus dem Fehlen oder Vorhandensein zum
Beispiel von cote in den franzosischen Mundarten auf die nahere
Verwandtschaft der einzelnen Dialekte Folgerungen zièhen, so wurde
das Unhaltbare einer solchen Methode augenscheinlich sein. Was
heute recht ist, ist aber auch fur friiher billig. Wenn auch die laut-
liche Zersetzung des Franzosischen weitergegangen ist als in den
meisten anderen indogermanischen Sprachen — von cote und
cotarium bleibt ja nur der Anlaut, und der nicht uberall. unver-
andert — so sind doch die Triebkrafte der S>prachentwicklung uberall
mehr oder weniger die gleichen, solange sich das Denken in den
gleichen Bahnen bewegt.
Nachtràg-e.
Zu S. 9: Afrz. vis Schraube > ist wohl aus der in § 6 gegebenen
Liste auszuscheiden • vgl. jetzt Dacoromania I, S. 424, rum. bit, serbokr.
bic «Locke». Dazu stimmt, dafi sich im Provenzalischen zwar vis,
aber cot, glut finden. Dadurch wird auch die Fassung des Ab-
schnittes 17, S. 27 formell geàndert.
Zu S. 26, § 16: Nach Holthausen, GRM VII, 187, ist im Alt-
nordischen fràls «frei» durch fri verdrangt worden, weil « frdlseman »
die spezielle Bedeutung «Edelmanm angenommen hat. Die Endung
-man des altnordischen Wortes ist funktionell mit einem Suffix gleich-
wertig, es ist ja nur ein Mittel der Sprache, den Eigenschaftsbegriff
an einer mànnlichen Person zu verselbsUindigen, wie etwa im Ro-
manischen das Suffix -arius. Wie kutet <Messer» kilt «Wetzstein»
unmoglich macht, so wird fràls frei durch die Begriffsentwicklung
von frdlseman in der Sprache unmoglich.
102
ERNST GAMILLSCHEG
Zu S. 32: Zeilen 17—20 (aber gerade.hervortreten lassen)
sind zu streichen.
Zu S. 37, Z. 12: Vgl. die ganz entsprechenden Falle von «Uber-
literarisierung» im Niederdeutschen bei Schròder, GRM, IX, 19 ff.
S. 39, Abschn. 2: Zu [kne ]— coda in Punkt 912. Diese Mundart
hat auch ftir rota eine Form [rne]. Es ist also in beiden Fàllen an-
lafllich des Schwankens von ne und ua ohne Riicksicht auf die Ent-
wicklung von cotarium die einheimische -ua- Form zu -ne liberiiterarisiert
worden.
Zu S. 46: Zu dem Verhàltnis zwischen Maskulinum und Femininum
vgl. jetzt Wartburg, Subst. fém. avec valeur augmentative in Butl.
de Dial. Catalana, IX.
Zu S. 50: Zu kudse als Ableitung von kots, afrz. coug vgl. jetzt
in dem Spécimen BGPSR in Leyzin abedm «creuser de petits canaux
pour Tirrigation des prés . .» zu biez, erstarrter Nominativ von bief,
dazu auch die deminutive Ableitung bèdzè ebd.
Zu S. 73, Anni. 1 : Zu quadruvium im Siidwesten Nordfrankreichs
vgl. Jud in Rom. 1921, 499.
Zu S. 93: Zu angev. lambardine vgl. jetzt M. Zweifel, Unter-
suchung tiber die Bedeutungsentwicklung von Langobardus-Lombardus,
Diss. Zurich 1921, S. 116, Blois lombardie «Schleifsteim, bei Mistral
peiro loumbardino in Tarn, sodafi angev. lombardine wohl ein fanx,
datile lombardine darstellt.
Der vorliegenden Arbeit war urspriinglich eine Reihe von Sprach-
karten beigegeben, doch scheiterte deren Wiedergabe an den hohen
Herstellungskosten. Es ist daher zum Verstàndnis der Arbeit not-
wendig, die entsprechenden Karten des ALF heranzuziehen. Dafi die
Arbeit iiberhaupt gedruckt werden konnte, verdanke ich dem uner-
mtidlichen Entgegenkommen des Herausgebers dieser Zeitschrift.
Ernst Gamillscheg.
WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 103
I
Inhalt.
Seite
1. Einleitung. 1
2 . cos — cotarium . 3
3. Ubersicht. 4
4. petv a cotis, * cotea? . 5
5. *cotiarium im Ladinischen. 6
6 . cotis, glutis, vitis, sortis u. à. 8
7. coda und cotis, queue à aiguiser . 9
8 . Pikardisch kó$, fok; kós — chaux . Il
9. kór, kolis .13
10. Wallonisch kós — coxa + cotis .15
11. coda und cotis im Pikardo-Wallonischen.17
12. im Champagnischen; couz masc..18
13. ko — ka in Poitou. 20
14. ku — knet,filet «Faden».22
15. Poitev. kór .24
16. Gaskognisch kilt — kilt et . 25
17. Gaskognisch kuts . ..26
18. Zeit des Unterganges von gask. kut .29
19. cotarium — cubitus; cotaria .29
20 . collum und cotarium . 33
21. cut ernia — «Kumpf» und «Schweif».35
22 . ne > iia, cotarium — kua .36
23. kua «Wetzstein», + «Kumpf», + «Schweif»; kuatie .38
24. Nasalierung betonter Auslautvokale, kua — kuana .39
25. cutenna «Schweif», + «Schwarte».42
26. couado «Wetzstein», «Gefàfi». 44
27. couado «Brut». 47
28. Genealogie der Bezeichnungen des Punktes 612, coussot .48
29. cofier, covier Ubersicht.49
30. cotarium — corium, ku-oir .51
31. koua — kaiia .55
32. coda im Siiden.57
33. Prov. koa, kua — cote . . . ..59
34. cotarium + cubitus im Provenzalischen.60
35. langued. kudze , kudial .62
36. langued. kudze — cubitus .63
37. Schwund von langued. kut; kudzet «Kurbis».65
38. cotarium-\ cubitus im Gaskognischen.67
39. koser; cosse «Kalkstein».67
104 ERNST GAMILLSCHEG I WETZSTEIN UNI) KUMPF UNI GALLOROMANISCHEN
Seite
40. kudeit = cotarium . 70
41. cotarium > koie > kiii, kuze, kuaie .71
42. koie — «Kumpf», + «Kiirbis» ; nabot, poire . 72
43. loiga — cuillère, godei . 74
44. cotarium + colea . 75
45. cafotin, vergeau . 76
46. Neubildungen auf cotis; komie, cossiau . 78
47. cotarium im queusse- Gebiet.; . . . . 80
48. gufi, goti . 80
49. petra «Wetzstein».81
50. peira mola . 82
51. molire-verenta .. 83
52. kaita molieri . 84
53. mola «Wetzstein».87
54. Prov. peira mola .' . 83
55. Werkzeug-Neubildungen. 89
56. Attributive Erweiterungen.91
57. Verba des Schleifens.97
53. tfiafre, lambardine , rifl, tris . 91
59. pot à sabouret, come, barino, buhot, godei, botte, badauko, cos,
coupé, scherbe, sklapitiot u. a. 94
60. Schlufibemerkungen.99
61. Nachtràge. 101
)
Das romanische JiCT&eo-Futurum
und Konditionalis.
(Mit einer Sprachkarte.)
Vorwort.
Vorliegende Studie beschaftigt sich mit den Schicksalen der
lateinischen Formel dare habeo auf romanischem Boden, kniipft also
an Thielmanns trefflichen Aufsatz Habere mit dem Infinitiv und die
Entstehung des romanischen Futurums (ALL II, p. 48 ff.) direkt an.
Was das verarbeitete Material betrifft, so ist versucht worden, sàmt-
liche romanische Idiome ohne Bevorzugung einer bestimmten Sprach-
gruppe in den Kreis der Beobachtungen zu ziehen. Wenn trotzdem
das Ratische gai* nicht, das Rumanische nur gelegentlich hervortreten,
so liegt der Grund in der lokalen Verbreitung der Struktur. Das
mundartliche Material entstammt zùm gròbten Teil den bekannten
Fachzeitschriften , der Folklore, Dialektarbeiten usw. Eigene Auf-
nahmen sind durch ein Kreuz (f) gekennzeichnet.
Die Arbeit wurde im November 1918 abgeschlossen ; spatere Literatur
hat nur in den Fufinoten Berlicksichtigung gefunden. Leider brachten
die grofìen Druckschwierigkeiten es mit sich, dafó der Umfang der Arbeit
auf etwa ein Drittel gekurzt werden mufóte. Wenn hierbei die Zahl
der Beispiele auf das Allernotwendigste beschrankt wurde (eine sprach-
historische Arbeit soli nicht aus einer Materialsammlung bestehen),
diirfte dies kein besonderer Schaden sein. Datò andererseits auch der
Text gelegentlich bis zu lakonischer Kiirze gestutzt werden mufite,
bedaure ich selbst am allermeisten.
Verzeichnis der nicht selbstverstàndlichen Abkùrzungren.
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AGI
ALL
AStI
AStNSp
ATRP
JRPh
LB
RLR
RF
RFR
RL
Rom.
RPhF
RSt
StR
StMSp
ZRPh
Zitierte Zeitschriften.
= Archivio glottologico italiano.
= Archiv fiir lateinische Lexikographie und Grammatik.
= Archivio Storico Italiano.
= Archiv fiir das Studium der neueren Sprachen und Literaturen.
— Archivio per lo studio delle tradizioni popolari italiane.
— Jahresbericht fiir Romanische Philologie.
— Literaturblatt fiir germanische und romanische Philologie.
= Revue des Langues Romanes.
= Romanische Forschungen.
= Rivista di filologia romanza.
= Re vista Lusitana.
= Romania.
= Revue de philologie fran^aise.
— Boehmers Romanische Studien.
=* Studi romanzi.
= Studier i Modern Spràkvetenskap.
— Zeitschrift fiir Romanische Philologie.
1. Das lateinische Juibere ist mehr als unser deutsches haben», mit
dem es auch etymologisch nichts gemein hat h Vielmehr ist es ver-
wandt mit lit. gobti umfassen■>, air. gabim «nehmen», slovak. habaf
«fassen und so ist es nicht biofi haben , < besitzen ? sondern auch
«in sich halten -, enthalten., notwendigerweise mit sich bringen .
Haec res habet deliberationem ist nicht nur «diese Sache schliefit
Uberlegung in sich sondern geradezu «bedarf der Uberlegung ,
mufi iiberlegt werden . So kann es kommen, dafi habere fast gleich-
bedeutend mit seinem Kompositum debere wird. In Antimacho vis
et gravitas et minime vìdgare eloquendi genus habet tandem
zwingt zu Lob , «mufi gelobt werden, Quint. inst. X. 1 ? 53; oratio
argnmentationem non habet bedarf Cic. Flacc. 23. Sidlamis
1 Ygl. Walde, Et. Wb. 2 S. 358.
108
GERHARD ROHLFS
ager . . . tantam habet invidiavi «erregt» id. leg. agr. 3, 70. Auch
debere scheint in der àltesten Zeit nur den Objektsakkusativ eines
Substantivums regiert zu haben. Bei Plautus namlich tritt debeo +
Inf. nur zweimal (Amph. 39, Persa 160) auf; aber auch bei Varrò
ist diese Verbindung noch sparlich. Nun liegt es aber in der Natur
der Volkssprache, sowohl den urspriinglichen abstrakten Begriff, der
durch ein Substantivum vertreten wird, als auch eine umstàndliche
Finalkonstruktion durch den Infinitiv zu ersetzen. So findet man
denn seit plautinischer Zeit u. a. folgende interessante Verbindungen,
die offenbar der tàglichen Redeweise angehoren: bibere (= «potionem»)
da, Plaut. Persa 821; qnod inssi ei davi bibere ... date, Ter.
Andr. Ili, 2; reddere (= «ut reddaim) hoc , non perdere erus me
misit, Plaut. Pseud. 642; nullns frngi esse potest homo visi qui
et bene et male facere tenet «in sich schliefit», «zu tun weiB» ib.
Bacch. 654; multa ] forent, quae mox caelo properanda sereno ,
maturare datur, Virg. Georg. I, 260; di tibi dent capta classem
reducere Troja, Hor. sat. II. 3, 191. So ist es verstandlich, dafi in
der Volkssprache auch aus einem liaec res habet deliberationem ein
haec res habet deliberari sich entwickeln konnte. Begunstigt wurde
die Entwicklung von habeo + Inf. durch den Parallelismus von habeo
curam und mihi est cura. Neben diesem letzteren findet sich nun
schon seit der Augusteischen Zeit und dann durch die ganzen Jahr-
hunderte in der Volkssprache offenbar als Grazismus ein mihi est
curare. Ein habeo curare verhàlt sich also zu habeo curam wie
mihi est curare zu mihi est cura.
Dabei ist zu beachten, dafi die Bedeutung von habeo + Inf. wie
auch die von est + Inf. je nach dem Zusammenhange zwischen
kònnen» und «miissen» schwanken kann. Schon Thielmann mufite
wiederholt feststellen, dafi es auch aus dem Zusammenhange
ungemein schwierig sei, die genaue Bedeutungsnuance von habeo +
Inf. zu fixieren. Ob aber ein sic habeo queri (Quint. deci. 16, 5) «so
konnte.) oder «so mufite ich klagen*, ob ein quid habui facere (Sen.
contr. I. 1, 19) als «was hàtte ich tun kònnen» oder «sollem aufzu-
fassen ist, kann dem Sprachforscher ziemlich gleichgultig sein, da
hier weder posse noch debere zugrunde liegt, sondern eben ein Be-
griff, der von vornherein eine viel gròfiere Zahl von modalen Be-
deutungsvariationen in sich schlofi. Das Hilfswort hat schon auf
dieser Stufe keine selbstandige Bedeutung mehr: Hilfsverbum und
Stammverbum bilden bereits eine gewisse Einheit. Das erste modi-
fiziert nur den Generalbegriff des zweiten. Wie es ihn modifiziert,
das ist nicht aus dem Hilfsverbum allein, sondern aus der ganzen
DAS ROMANISCHE //14^0-FUTURUM UND KONDITIONAL1S
109
Fundierung des Hauptverbums (Frage, Wunsch, Zweifel, Bedingung)
zu entnehmen.
2. Was die Stellung des Modalverbums betrifft, so scheint eine feste
Regel von Anfang an nicht bestanden zu haben. Varrò kennt sowohl
debuit dicere (R. R. I. 18, 3) wie facete debemus (ib. I. 18, 8), possunt
vivere (I, 7, 1) und procedere possint (I, 23, 6); aber schon bei ihm làfit
sich eine gewisse Vorliebe fiir die e n k 1 i t i se h e Stellung des Modal¬
verbums nicht verkennen. Wahrend sich bei debeo noch beide Moglich-
keiten die Wage halten, nimmt die enklitische Stellung bei soleo bereits
65 0/ o, bei volo, oportet und possmn gar 90—94% aller Falle ein.
Obschon nun im Lateinischen der Typ dare habeo mit enklitischer
Stellung des Modalverbums sehr viel haufiger war, findet sich da-
neben durch die ganze Literatur auch der Typ habeo dare 1 . Wahrend
aber Frankreich und Katalonien nur jenen fortgepflanzt haben, er-
scheint dieser jtingere Typ mit romanischer Wortstellung auf Sar-
dinien und in Unteritalien, neben dem lateinischen Typ in Portugal und
Spanien, Ober- und Mittelitalien.
3. Auf italienischem Boden herrscht der Typ dare habeo heute in
den beiden nordlichen Dritteilen des Landes. Sizilien und Sardinien
kennen diese Konstruktion nicht, und in Korsika wie der Gallura
scheint cantaraggiu erst sekundar von Pisa und Lucca eingedrungen
zu sein. Aber auch in Oberitalien hat sich canterò nicht so all-
gemein durchgesetzt, wie man gewòhnlich annimmt. Campagnola
(b. Reggio E.) kennt nur die zweiten und dritten Personen. Auch
in den Talern oberhalb von Vicenza wie im Tessinischen ist das Fu-
turum denkbar unvolkstumlich. Vollstandig unbekannt ist es im
valdensischen Pral, ferner in Fossano, Strambino Grotte und Doliani.
Schwieriger sind die Verhaltnisse im italienischen Siiden zu uber-
sehen. Die altere Sprache verwendet sowohl in der abruzzesischen
«Passio Domini», im «Sydrac Otrantino> wie im sizilianischen «Libro
dei Vizii » reichlich das gemeinromanische Futurum. Das alles aber
sind gelehrte Abhandlungen, die wie lateinischen und toskanischen
Geist auch stark den Stempel der lateinischen, provenzalischen und
toskanischen Schriftsprachen an sich tragen. Die alten Texte bieten
nichts echt Volkstumliches. Und mogen auch manchmal Laute und
auch Worte dem heimischen Leser zuliebe stiditalienisch zugestutzt
sein, die Syntax ist von dieser popularisierenden Aufmachung ver-
schont geblieben. Aber auch in den heutigen Volksliedern aus
Noto usw. ist das Futurum so zahlreich vertreten, dafi man es als
1 Bei Tertullian etwa 30 °/o sàmtlicher Belege.
no
: GERHARD ROHLFS
bodenstandig bezeichnen kònnte. Docb gerade dieseLieder sind meistnur
Variationen neapolitanischer oder toskanischer Texte. Spezifisch sizili-
anischen Dichtungsarten wie den «Avòo und den doch gewifi volks-
tlimlichen Marchen ist das romanische Futurum denn auch tatsachlich
unbekannt. Was diese letzteren betrifft, so kann man in der treff-
lichen Sammlung von Pitré wie in den abruzzesischen Marchen von
Fin amore Hunderte von Seiten durchlesen, ohne ein einziges Fu¬
turum zu finden. Wenn daher Meyer-Ltibke (Ro. Gr. Ili, § 319}
fragt, ob das romanische Futurum in Siiditalien tiberhaupt nicht
heimisch gewesen war oder urspriinglich bestanden habe und dann
wieder verlorengegangen sei, so glaube ich doch mit Filzi (StR. XI,
72, Anm. 1) entschieden, dafi die Frage, nach der ersten Seite hin
zu beantworten ist. Das Gebiet, das heute den Typ dare habeo nicht
kennt, wird im Norden im grofien und ganzen durch eine Linie be-
grenzt, die nordlich von Ascoli etwa dem Lauf des Aso folgt, dann
in siidòstlicher Richtung, dem Kamm der Appenninen folgend, westlich
an Campobasso und Benevent vorbeilauft und in der Gegend von Sa¬
lerno das Meer gewinnt. Datò diese Linie einst viel weiter im Norden
verlief, zeigen einige Inseln im darò- Gebiet, die noch heute kein Fu¬
turum kennen (Arcevia, Camerino, Castro dei Volsci usw.).
Wesentlich einfacher liegen die Verhaltnisse aufierhalb Italiens.
Was den Osten betrifft, so findet sich dare habeo weder im Ratischen
noch im Rumanischen ; auch im Vegliotischen 1 scheint es nicht be¬
standen zu haben. Im Westen dagegen herrscht der Typ seit der
iiltesten Zeit vom Àrmelkanal bis zum Cap Tarifa.
4. Der romanische Typ habeo dare ist bodenstandig in Sar-
dinien und Unteritalien. Nord- und Mittelitalien dagegen und das
Kastilische zeigen wenigstens in altester Zeit — das Portugiesische
noch heute — Spuren der . lateinischen Verhaltnisse. d. h. die fakul-
tative Stellung der Glieder.
Was Spanien betrifft, so tritt bereits in alter Zeit der Typ habeo dare
ganzlich zuriick. In der Schriftsprache scheint er das 13. Jahrh.
nicht iiberlebt zu haben. Dagegen hat er sich erhalten in den Mund-
arten des aufiersten Nordwestens. Im heutigen Asturien ist he de-
fenderne , bentos dir, han facer et was ganz Gewòhnliches, und auch
in den Talern des Westleonesischen dtirften haslo veri, Itelo sentiri,
l'hemos coger , die wirklich populàren Futurformen darstellen (vgk
Dial. leon. p. 81 u. 84). In Portugal erscheint diese Struktur seit
der àltesten Zeit neben dare habeo und habeo de dare und ist hier in
Vgl. Bartoli, Das Dalmatische I, 286.
DAS ROMANISCHE i/.'DB£ , 0>FUTURUM UND KONDITIONAUS
111
der Volkssprache noch heute nicht ganz verdrangt wàhrend in Galicien
hey llegar sogar die Oberhand hat iiber llegarey und hey de llegar:
Wenig durchsichtig sind die Verhàltnisse im oberen Italien. Pie-
mont und Ligurien scheinen seit alters nach Frankreich zu gravitieren.
In der Lombardei dagegen wie in Venetien sind die alten Zustande
noch bis ins 14. Jahrhundert nachweisbar. Und nicht nur ist hier
die Stellung des Modalverbums vollig Irei, dieses selbst vermag —
sogar in der organischen Form — noch mehrere Infinitive zu regieren 1 2 .
Um dieselbe Zeit tritt habeo dare auch jenseits des Appennin in
Lucca und Pisa auf (vgl. AGL 12, 166 u. 178). Beide Gebiete
mògen einst zusammengehangen haben. Im 13. Jahrhundert dringt
nun, westlich von Turin, sudlich von Florenz ausgehend, das ver-
wachsene romanische Futurum in die lombardische Ebene. Nun ent-
stehen Kontaminationen. Man gewòhnte sich zwar daran, den Futur-
begriff durch das bekannte Flexionselement (-Ò) auszudriicken, da-
neben war aber der alte Gebrauch noch zu festgewurzelt. So trat
die Endung nicht an den lnfinitiv, s'ondern an das Modalverbum, das
selbst schon das Futurum umschrieb: ho dar + darò > avrò dar.
Seit dem 14. Jahrhundert scheint sich das neue Futurum in Ober-
italien und der Toskana restlos durchgesetzt zu haben 3 . Was italienische
Grammatiken 4 5 iiber eine angebliche Trennbarkeit des toskanischen
Futurums berichten, ist nur eine optische Tauschung. Wohl begegnen
bei Benvenuto Cellini Formen wie ò apportare 123, hanno haver
271, bei Grazzini ha venire, und noch heute im Volksmund ha en¬
trare, sita ire, fo dire , fai tornar, che sa dire (Montepulciano f).
Aber man wird bemerken, datò entweder der Infinitiv vokalisch an-
lautet oder das Modalverbum selbst auf Vokal endet. So sagt man
heute auf dem Lande zwar avet andare , aber avet a tornare, d. h.
es liegen hier starke Verschleifungen (< t'ho a dire , ha a entrare ) vor.
In Sardinien halt sich die Struktur bis ins 15. Jahrhundert, dann
wird sie unbrauchbar (s. Gamillscheg p. 65 f.) und, von den
§§ 29 und 39 erwahnten Fallen abgesehen, abgelòst durch eine
Neubildung habeo ad dare 0 . Àhnliche Wege geht Unteritalien. In
1 Zum Indoportugiesischen vgl. RL, IX, 158.
2 Vgl. Mussafia, Beitr. z. Gesch. d. rom. Spr. 22 eo me perdereve e ccize
u. AGL 14, 259.
3 Zweifelhaft ist das von Filzi (StR 11, 70) erwiihnte istrische no dare ,
das aus no da dare entstanden sein konnte.
4 Auch Riibel, p. 16, Filzi, StR XI, 70 und noch Bertoni, Italia
dialettale, p. 180.
5 Heutiges has andare erklàrt sich wie tosk. hai andare.
112
GERHARD ROHLFS
der alten Sprache weisen nur Spuren auf das Bestehen eines Typs
habeo dare\ Weit mehr bieten die heutigen Mundarten. Was
Sizilien betrifft, so scheint sich trotz Schneegans 1 2 3 habeo dare als
he davi in der ersten Person auf der ganzen Insel gehalten zu
haben, wahrend in den iibrigen Personen sich die Neubildung aggia
a davi durchgesetzt hat. Im festlàndischen Unteritalien dagegen haben
wir zwei deutlich geschiedene Zonen zu unterscheiden. Der nòrdliche
Teil mit den Provinzen. Benevent, Neapel, Foggia, Bari und Potenza
zeigt beute als Futurum zum grofiten Teil bereits die Neubildung
habeo ad dare , die offenbar auf ein àlteres habeo dare zurtickgeht,
das selbst hier nur noch sporadisch auftritt. In der slidlichen Zone
dagegen mit den Halbinseln Apulien und Kalabrien, wo bekanntlich
der Infinitiv untergegangen ist und habeo facere durch personliches
aggiu ku (mu) fassu* ersetzt wurde, konnten die neuen Formeln nicht
mehr zum Tràger eines futurellen Gedankens werden. Hier gilt daher
das einfache Prasens. Merkwurdig ist, dafi neben aggiu mu (ku) poriu
auch eine (wohl spàter eingedrungene) Infinitivkonstruktion aggiu
portare 1 freilich in rein modaler Verwendung, begegnet.
Die personlichen Strukturen Unteritaliens bilden den Ubergang zum
Rumànischen, wo seit historischer Zeit nur noch aibu sa cdntu vor-
liegt, wahrend im sogenannten «KonditionaF habuero noch heute den
Infinitiv nach sich hat. Auffallig ist nun, dafi im System dieses
heutigen ara-Konditionalis Formen (ai, am , ati cdntd) begegnen,
die offenbar vom Prasens von habere stammen. Wenn man weiter
bedenkt, dafi in der altesten Zeit und noch heute im Oltenischen (vgl.
Gamillscheg, Tempuslehre p. 114 u. id. Oltenische Mundarten p. 101)
auch in der syntaktischen Verwendung von Futurum und Konditionalis
die gròfite Verwirrung bestand, mochte man fragen, ob nicht durch
einen teilweisen Zusammenfall beider Systeme das alte Futurum *aibu
cdntare unbrauchbar und nun erst durch aibu sa cdntu ersetzt wurde.
5. In der Gruppe laudare habeo ist das Modalverbum fruh enklitisch
geworden. Infinitiv und Modalverbum traten unter einen gemeinsamen
Wortton: laudar dbeo ward zu laudar dbeo . Die Folge davon ist,
dafi durch die Toneinheit nun beide Worter auch als Worteinheit ge-
fiihlt werden. Von wo die vollige Verschmelzung der Futurform aus-
gegangen ist, làfit sich schwer sagen. Meyer-Liibke erklart ge-
wòhnlich, das verwachsene Futurum sei von Stàtten grofierer Bildung
1 parente ned amico non t’ ave aitare, Monaci, Crest., p. 108.
2 Sizil. Dial., p. 8ff.
3 Auf diese Konstruktionen werde ich an anderer Stelle zuriickkommen.
DAS ROMANESCHE /£4-&£0-FUTURUM UND KONDITIONALIS
113
(Toskana und Frankreich) ausgegangen und fehle in den minder kulti-
vierten Làndern (Oberitalien, Sardinien, Rumànien und Ràtien).
«Warum aber haben nun», fragt Leo Spitzer (AStNSp. 131 ? 467), «ge-
rade die Statten hoher sprachlicher Kultur wie Siidfrankreich und die
Iberische Halbinsel die Trennbarkeit der Elemente des Futurums be-
wahrt, also das Futurum noch nicht zu einer festen Form gebildet?»
Nun kennen aber schon die altesten nordfranzòsichen Texte nur
noch die verwachsene Form. Auch die ersten mittellateinischen Be-
lege, welche die verwachsene Form zeigen, finden sich in der soge-
nannten Fredegar-Chronik und sind somit wohl dem franzosischen
Norden zuzuweisen J ). Aufierhalb Frankreichs findet sich ahnliches in
Norditalien erst im 11. Jahrhundert 1 2 . Wenn nun sowohl Ober- und
Mittelitalien, Spanien und Portugal wie auch Sudfrankreich bis in
historische, zum Teil bis in die heutige Zeit Spuren der eigentlichen
Formation bewahrt haben und sich nur in Nordfrankreich auch nicht
die Spur einer Dekomposition entdecken lafit, so durfte dies wohl da-
fiir sprechen, dafi in der Volkssprache Nordfrankreichs die feste Form
lange vor der historischen Zeit, vielleicht schon im 6. Jahrhundert,
fertig ausgepragt war. Nun lafit sich auch der Weg, den das syn-
thetische Futurum genommen hat, ziemlich genau verfolgen. Es dringt,
dem Laufe der Rhone folgend, ziemlich frlih nach Sudfrankreich, dringt
in einer spateren Periode erst tiber die Pyrenaen, vermag aber hier
wie in dem angrenzenden Gebiet nòrdlich der Pyrenaen die trennbare
Form erst spat (14. Jahrhundert) zu verdrangen. Wesentlich ab-
geschwacht gelangt die Welle in das Innere und den Stiden der Halb¬
insel, noch spater erst in das alte Lusitianien, wo sich der Kampf
zwischen darabeo und abeo dare eben noch vor unseren Augen ab-
spielt. Auf der anderen Seite halt das Futurum von Nordfrankreich
tiber den M. Genèvre und den kleinen St. Bernhard seinen Einzug
in den Piemont und die Toskana. Infolge der hier màchtig aufbliihenden
Literatur rollt dann im Laufe des 13. Jahrhunderts eine neue, ge-
stàrkte Welle von Florenz sowohl nach Norden in die Lombardei,
Venetien und in die ràtischen Alpen als nach Siiden in die umbrischen
Berge, nach Rom und in die Terra di Lavoro. Auch diese Welle
ist heute noch nicht abgebrandet. Mit Eisenbahn und Militar dringt
das romanische Futurum heute sowohl iiber die Abruzzen wie im
Zuge der Staatsbahn Neapel-Potenza-Tarent tief in die Basilicata und
riittelt hier heftig an dem altheimischen Bestand.
1 Vgl. daras. addarabo , s. RLR V, 114.
2 Vgl. Tra uzzi, Carte bolognesi: malfarai (a. 1137), aberetis (a. 1014).
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 8
114
GERHARD ROHLFS
6. Im Gegensatz zu Nordfrankreich haben sich die stidwestlichen
Gebiete (Siidfrankreich und Iberien) noch geraume Zeit nach der Ver-
schmelzung das Bewufitsein der etymologischen Zusammensetzung und
somit die Fàhigkeit bewahrt, enklitische Pronomina und Ortsadverbien
an den sanktionierten Platz zwischen Infinitiv und Modalverbum treten
zu lassen. Fiir Siidfrankreich trifft dies freilich nur bedingt zu; denn
in Frage kommt hier nur der siidliche Teil der Languedoc, Roussillon,
vielleicht das Rhonegebiet und hauptsachlich das Bearnesische. Das
Limousin aber und die Auvergne gehen mit Nordfrankreich. Auch
sonst unterliegt hier die Trennbarkeit des Modalverbums einigen Be-
schrànkungen. Àufierst selten ist sie beim Konditionalis; mir selbst
sind nur vier Falle bekannt geworden :
dar la mia Paulet de Marseille, ed. Levy I, 3; apellar Pian
Lespy et Raymond I, 145 (prov. Version); poder V i tornar ib.
I, 72 (bearn. Version); far m en ils me feraient» ib. I, 60.
Aber auch beim Futurum scheint sich die Dekompositionsmòglichkeit
in der Hauptsache bei der a- und /- Konjugation erhalten zu haben.
Formen wie creisser-ri ets, adur-lo-us ai begegnen zwar, sind aber
relativ selten. Dafi auch sonst die erste oder zweite Person Pluralis
spàrlich begegnen ( dar-vos em, far-li età) , hat wohl darin seinen
Grund, dafi bei den Kurzformen das Geflihl fiir die syntaktische Zu¬
sammensetzung zuerst geschwunden war. Àhnlich liegen die Ver-
hàltnisse im Katalanischen. Hier hat sich das trennbare Futurum
bis ins 14. Jahrhundert erhalten: servir vos hi Iran (ZRPh. 2, 158),
dar nos ets (7 Weisen 2551), comptar-vos he (R. Muntaner cap. 226),
aydar ni en hia (Tierepos von Ramon Lull p. 16).
7. Weiter sind die Grenzen im Spanischen gezogen. Hier hatte
das Modalverbum in alter Zeit selbst nach der Verschmelzung noch
die Kraft, einen weiteren Infinitiv zu regieren, vgl. Alex. 430 nos
iremos a ellos e ferir-llos ' de Jaz. «wir werden gehen und schlagen»
(vgl. p. 111). Spuren der Trennbarkeit finden sich bis in die Mitte
des 17. Jahrhunderts; doch ist die Dekompositionsmòglichkeit in dieser
letzten Periode auf den besonderen Fall beschrankt, dafi das Futurum
an der Spitze eines Hauptsatzes steht h Das heifit, die Scheu, welche
das verbundene persònliche Pronomen vor der Satzanfangstellung
hatte, vermochte die Entwicklung zur unlòsbaren Einheit noch eine
ganze Weile hintanzuhalten. Heute hèrschen im spanischen Mutter-
lande, in der Ubersee wie im Judenspanischen 1 2 die gemeinromanischen
1 Vgl. Gefiner, ZRPh 17, 42.
2 Das judenspanische alegrar - mos - emos gehòrt nicht der lebenden
Sprache an (Wagner, p. 120).
DAS ROMANISCHE //.I^jETO-FUTURUM UNI) KONDITIONAIJS
115
Verhaltnisse. Vollig noch in der Schwebe ist die Entwicklung im
Westen der Halbinsel, wo die Volkssprache in Portugal und Ga-
lizien, falls sie nicht iiberhaupt die romanische Stellung wahlt,
noch beute beim Hinzutreten eines Personalpronomens die Trennung
der Elemente der synthetischen Form vorzieht.
8 . Was Italien betrifft 7 so ist hier das romanische Futurum dare
habeo seit alten Zeiten eine nicht mehr losbare Einheit. Zwar be-
gegnen auch hier — freilich selten — Falle, die den bekannten stidwest-
romanischen Formen auffallend àhneln. Aber das altoberitalienische
pregar avemo (Ugugon v. 201) und tornar ve navi (Mussafia, Mon.
ant. E. v. 12) diirfte Kontamination aus dem heimischen avemo pregar
und dem toskanischen pregaremo darstellen, und das neusizilianische
cuntintari ni hai (Noto 179), proctirari mi V haggiu (ib. 212), firriari
avissi (ib. 204) und caccari v’ aviti (Pitré III, 271) ist einfach einem
amari vi vi irria (Noto 238), pinciri ti vtirria (ib. 141) mit empha-
tischer Satzanfangsstellung des Hauptverbums an die Seite zu stellen.
9. Viel jtinger als die eben besprochenen Typen sind die aus rein
romanischem Material und nach romanischer Art (Verkniipfung mit-
telst Praposition) erfolgten Neubildungen habeo ad dare und
habeo de dare , die immerhin bereits in den Merowingerurkunden des
8. Jahrhunderts auftauchen. Hier wie in den altromanischen Denk-
malern 1 werden beide Praepositionen noch ohne Uìiterschied neben-
einander gebraucht, ein Zustand, den einzelne moderne Mundarten
bewahrt zu haben scheinen : Oh te sée matta ? cos avemm a menci ti?
coss’ hèm de menati ti, Milano Nov. fior. 164; Va chiamati In
vnccierica s’Itavi a scannari In vitieddn ! ... lu vitiddnzzn qnannn
’ntisi diri aceti ssi ca s’avia di scannari ... Casteltermini; Pitré IV, 216.
Heute herrscht der Typ habeo ad dare in ganz Frankreich, in
Mittel- und Unteritalien, Sizilien und Sardinien, wàhrend Rumanién
ihn wieder aufgegeben hat. Doch gilt dieser Gebrauch nicht fur das
Monferrat, wie Meyer-Lubke (Ro. Gr. II, p. 138) vermuten will; denn
in Piazza Armerina ist habeo ad dare zweifellos Sizilianismus. Habeo
de dare dagegen ist bodenstandig auf der Iberischen Halbinsel 2 , in
1 Zum Portugiesischen vgl. RE 6, 336; zum Spanischen Larsen p. 53.
2 In Portugal wird hei de als Einheit gefiihlt, d. h. es kònnen zwischen
Praposition und Infinitiv andere Satzteile treten; vgl. conio hei de eli,
depois de casada, deixar de conversar, Diniz, As pupillas 169. An dieses
heide treten in Estremadura und im Yulgarportugiesischen sogar die Flexions-
endungen, s. Ro. Gr. II, § 242 und C. Michael is, Der portugiesische
Infinitiv, p. 29: hades (= has de), Modem (= Mo de). Vgl. auch galiz.
t Por qaé IT hades qnitar à nn homo lionrado? Aires d’a minha terra
(Bibl. gali. 2) S. 148.
116
GERHARD ROHLFS
Oberitalien und Kalabrien. In Italien ist die Grenze zwischen habeo
de dare und habeo ad dare schwer zu ziehen. Beide stofien im
mittleren Italien aufeinander und bewirken hier eine Kontaminations-
bildung: habeo de-ad dare . Diese Formel scheint heute in der Tos-
kana lebenskràftiger als habeo ad dare. Aber auch sonst macht ho
da fare Eroberungen. Im Abruzzesischen dràngt es das alte ho a
fare auf die 1. Pers. Sing. und die 1. und 2. Pers. Plur. zuriick, so
dafi heute hier folgendes Kompromifisystem Geltung hat: l .ajj’afa,
2. hi da fa; 3. a da fa; 4. avem a fa; 5. avet’ a fa; 6. anri da
fa. Àhnliche Systeme herrschen in Campobasso und Altamura (vgl.
ZRPh. 40, p. 504).
Interessant ist, dafi die Weiterentwicklung dieser jlingeren Formeln
sich in denselben Bahnen vollzieht, die der altere Typ dare habeo
bzw. habeo dare bereits Jahrhunderte vorher zuruckgelegt hatte. Auf
der Iberischen Halbinsel war habeo de dare schon im 11. Jahrhundert
zur Umschreibung des Futurums gelangt. In Sardinien dagegen wird
der Futurbegriff in appo a seguire erst im 15. Jahrhundert aus-
gepragt. Kaum viel spater im nòrdlichen Apulien, wahrend in den
Abruzzen und im sizilianischen Binnenlande die Entwicklung von
ajf a fa, aggiit a fari zu «ich werde tun eben vor unseren Augen
von statten geht.
Wir hatten also bei der nun folgenden systematischen Betrachtung
immer die vier verschiedenen T} r pen zu unterscheiden :
/. DARE HABEO; IH. HABEO AD DARE;
li. HABEO DARE; IV. HABEO DE DARE.
IO. Wir hatten oben bereits gesehen, dafi die Urbedeutung von
habeo + Inf. wohl einst in der Richtung eines Sollens gelegen haben
mochte, dafi spater aber bei Abschleifung im modalen Gebrauch die
genaue Bedeutungsnuance sich nur selten feststellen liefì. Es ist da-
her schwierig zu sagen, welches modale Verhàltnis zum Trager des
futurellen Gedankens wurde. Wie iiberhaupt die ersten Personen
jedes Futurums in erster Linie voluntative, die zweiten Per¬
sonen mehr oder weniger jussive Tragkraft haben und nur die
dritten Personen «neutral» sind, so besteht die Wahrscheinlichkeit,
dafi auch das romanische Futurum aus den Komponenten ganz ver-
schiedener Bedeutungsreihen erwuchs. Wer dann aber erwarten
wollte. dafi mit der Ausbildung der temporalen Verbalform urplòtz-
lich unsere Formel ihre modalen Funktionen abgeschuttelt hatte, hat
nur ein unvollkommenes Bild vom Leben der Sprache. Eine Verbal¬
form lebt und vererbt sich doch nicht als solche, sondern nur im
DAS ROMANLSCHE i/H^O-FUTURUM UNO KONDITIONALIS
117
Satzzusammenhange inmitten der lebendigen Rede. Und in der Tat
schimmern die urspriinglichen modalen Funktionen bei unserer Formel
auch in dem romanischen Gewande noch allenthalben durch 1 .
Il» Bleiben wir zunachst bei der Idee des Miissens. Es ist natlir-
lich, dafi dieses modale Verhaltnis besonders in der zweiten Person
auftritt. So erscheint dare habes bereits in lateinischer Zeit gern
im Sinne und an der Seite eines Imperativs auf -to. Ergo tale erti
illud , «multille et tcrris» : ita scandere habes So sollst du skan-
dieren > Gramm. lat. 5, 298, 26; paratus quoque csto . . . iam enirn
memento, quod domos aedificasti! Habes hoc emendare et in ho¬
norem eius domum dedicare! a. 720, Mon. Germ. Script, rer.
Merov. VI, 251, 25; tu germana pium quem ducis ab ubere fascem
non carnis, sed legis habes cervice fideli subdita,ferre iugum nec
vincla in coniugis ire. Mundanas odisse vias , percurrere mundas,
illinc notte toros, hinc sponsum quaerere Christum «Du sollst tragen,
gehen, hassen usw-», Avitus VI, 194.
Interessant ist, dafi auch die àltesten lateinischen Belege, die das
verwachsene Futurum zeigen, imperativische Funktion besitzen.
Ist das ein Zufall ?* In der Fredegar-Chronik (7.—8. Jahrhundert)
ili e respondebat : Non dabo. Justinianus dicebat: Daras «du sollst
sie doch gebep>, vgl. RLR 5, 114. Sodann eine mittellateinische
Randglosse zu einer Virgilhandschrift aus dem 10. Jahrhundert, die
wohl nach Siidfrankreich gehoren durfte. Hier heifìt es Georg. IV,
438 Vix defessa senex passus componere membra , cimi . .. cla¬
more ruit magno, manicisque iacentem occupat. Aristaus stiirzt
sich auf Proteus mit lautem Geschrei. Dazu bemerkt ein geistreicher
Interlinearglossator, als ob er selbst dem Ùberfall beigewohnt hatte,
tdicens: non inde tu irabis, fello ».* mit dem Ruf: Du sollst mir
nicht wieder entwischenb Vgl. RLR VII, 403.
12 . Dieser kategorische Imperativa hat sich in den romanischen
Vulgarsprachen bis auf den heutigen Tag erhalten 2 . Er hat seine
1 Im Grunde ist dies nichts anderes, als wenn zum Beispiel voler «stehlen-',
und piano «leise» ihre urspriinglichen Bedeutungen «fliegen» und «eben
beibehielten.
2 Lerch lafòt in seiner «Verwendung des romanischen Futurums», p. 23ff.
diesen Imperativ aus der temporalen Funktion des Futurums entstehen,
wobei er sich auf die Verwendung der praisentischen Indikative cantatis
(> chantez !), cantamus (> chantons!) in imperativischem Sinne beruft.
Sind das aber wirklich Indikative? Lerch beweist es nicht. Aber gerade
franz. chantes, chantons waren in der alten Sprache ebensogut Kon-
j un k ti ve. Sichere Imperative kon junk ti ver Herkunft sind dagegen:
franz, soyez, ayez, sachez , veuiìlez, puissiez , afranz. oiez, voiez ; prov.
118
GERHARD ROHLFS
bevorzugte Stellung in behòrdlichen Gesetzen, Statuten, Geboten und
allgemeinen Bestimmungen, Fllichen und Verwtinschungen. Dieser
Imperativ tritt ferner ein 7 wenn der Vorgesetzte zum Untergebenen
(Befehl, Auftrag) oder der Erfahrene zum Lernenden (Rezept, Ge-
brauchsanweisung, Lehrbuch) spricht. Er findet sich durch die ganze
Romania in den Grenzen, in denen die M&£0-Umschreibung zu Hause
ist 1 . Besonders haufig tritt diese Befehlsform in Frankreich und
Italien auf. Hier lafit sie sich durch die ganze Literatur verfolgen,
scheint, wenigstens was Frankreich betrifft, in der alten Zeit ungleich
ublicher gewesen zu sein als heute, wo sie im wesentlichen eine
charakteristische Stilform der vulgàren Volkssprache bildet, wàhrend
sie in Italien nicht nur keineswegs an Boden verloren, sondern in
den Mundarten auf Kosten des alten Imperativs sogar Eroberungen
gemacht hat 2 .
siate, ayatz usw.; aprov. digatz, auiatz , veiats; sii di tal. fate ( < eatìs) ;
rum. (sci) umblatìj (sa) faceti, fit\, ganz abgesehen vom Adhortativ, der
gemeinromanisch dem Konjunktiv entlehnt ist: rum. sa umblàm; sard. an-
ciéus; ital. andiamo; span. portug. andernos; prov. anem; franz. allons.
Prov. anats dagegen konnte eine Kopie nordfranzòsischer Sprechweise
(2. Plur. Imp. = vermeintlicher Indikativ Praesentis) sein, genau so, wie wenn
man heute in Sardinien fiir den Adhortativ neben dem besonders auf dem
Lande alteingesessenen andéus (< ambiilemiis)* nach toskanischem Muster
vielfach bereits die Form findet, die sonst dem Indikativ («andiamo») ent-
spricht: andàiis (C ambulanms). Dafi im iibrigen bereits im Lateinischen
als Ersatz fiir den Imperativ nicht der Indikativ, sondern der Konjunktiv
eintrat, zeigt uns an so vielen Beispielen bereits die plautinische Volks¬
sprache: dicas (vgl. aspan., prov. digas) Poen. 1100, ebenso Mil. 1101, Mil.
1118, Mil. 1166 u. o., iabeas Persa 314, ebenso Persa 570, Men. 314,
Mere. 801, eas Poen. 1349, taceas Persa 610, apscedas Poen. 801, des
Mil. 1030, sis Stich. 316, habeas Stich. 615, sumas Poen. 801 usw.
Wenig beweiskràftig sind die Belege, die Lerch (p. 24) aus dem Alt-
franzòsischen ** beibringt. Auch die neufranzosischen Beispiele sind mehr oder
weniger als ausmalende oder suggerierende Aussageformen denn als tat-
sachliche Befehlsformen zu verstehen.
1 Es war daher kein besonders gliicklicher Gedanke von Lerch (p. 286 ff.),
den Gebrauch dieses «vergewaltigenden» Imperativs dem besonderen morali-
schen Charakter bzw. der fanatischen Veranlagung der Franzosen in die
Schuhe zu schieben.
2 Selbstverstàndlich soli damit nicht gesagt sein, dafi nun auch jedes
Futurum in imperativischer Verwendung unbedingt aus der historischen
Bedeutung der etymologischen Elemente erklàrt werden miifite. Natiirlich
kann jedes Futurum als solches wie auch jedes Pràsens iiber die hòfliche
Frageform sich zur (hoflichen) Befehlsform entwickeln, zum Beispiel mi
* Die Bestàtigung dieser alten Formen verdanke ich der Freundlichkeit von M. L. Wagner.
** Zu afrz. os i=fragender Indikativ) vgl. jetzt Spitzer, Arch. Rom. Ili, 375.
DAS ROMANESCHE //lE^O-FUTURUM UND KONDITiONALIS 119
I. Tu non auras deu estrcinge deveint moi . . . tu ne prendras
pas . . . sis jors laboreras . . . tu non ocirras . .. tu non
luxurieras, Berger, Bible frang. p. 101; Alfricans , conseillies
me avant . . . Sire, dist Alfricans, vous ferez eslongier vostre
ost et ferez entendre que . . Rom. d'Ablanade, ZRPh 17,
231; Prendrez . . . des gros navets et les pelez et fendez et
puis mettez , Ménagier II, 244; Vai, papiols, mon sirventes
udrei, mi portaras part Crespili el Valei mon Isembart en
la terra artesa: e digas li . . ., Bertran de Born ed. Stim-
ming 31, 43 ff. ; Maldicha, dis , la tierra en tu obra sera, e
con muy muchos trabajos tu mano Ictbrard, e con sudor de
tu carne el tu pan comeràs, Rim. de Pai. 1425; tres pelos
tomareis ,. . y echarcislo . . . llegareisvos a ella . . . y direis,
Poes. astur. 67 ; lamprèas por bovas que sejam nom pasa.
ràni de 40 rs. in einer Hòchstpreisbestimmung des Magistrats
von Lamego a. 1532, Ined. hist. port. p. 605; a feiticeira
dissellile entào: Irds a tal sitio . . . entrards no palacio e
verds una biella de sete cabe$as ; entào matal-a-lias ; mas
toma cautela, nào a mates pelas cabefas . . . mata-a, pelo
pescoso, collie o sangue ... e o deitards . . ., Cont. port. 120;
faras ke tu vive donaor «f acito ut vivas munificus», leceras
Vergilio «legito Virgilium », altvenez. Dion. Cato p. 54; ti du-
man matin te glie fere saltda-vée la testa, te ’l tajeré sii a
tocch e te mel fàré cos pulitu. La mata la ma ’l portarci
sii im bosch, Tessin; Pellandrini ,p. 116.
II. Tomareis nueve tdramos de versa . . . y echareislo a cocer
en un pacherò . . . con tod ì esto licibeis fer un bravo ensal -
mo, Poes. astur. 75; noni has tu entrar en eia, Coll. ined.
port. II, 166; iti turnare puskrai «ihr sollt zuriickkehren > Ga-
latina f ; de una cosa eo te voio conseler ... de mantenant tu
f averci lever , davanti son leit tu f averci despoiler , apreso
la raina tu t' averci colcer, Macaire ed. Mussafia v. 211 ff.
III. Deo so su Segnore Deus fon , non d às antebonner atere
Deus a mie, ATRP 23, 354; et qui nexunu de dictos pesa-
tores . . . levet over dimandet . . . nexunu casu santi o se¬
cata ... et qui non hant a levare nen dimandare melca
und sie dlirfen auch Sauermilch weder wegnehmen noch ver-
porterete un caffè! neben mi portate mi caffè!, die freilich niemand mehr
als Fragesatze empfindet. Aber das sind Entwicklungen, die sich uberai 1
einstellen, und die sich von selbst erklàren.
120
GERHARD ROHLFS
langen», Statuti Sass. s. LB 1916, 386; di avervi a fa? —
M avef a spaccd sta mundagne, m avef a pri ’na casce
de ferve ... e me set a parta chele tre ppallette, Traci, pop.
abr. 116; t' a salire nella stantia e ni a portare una sed¬
inola, Monte Mignaiof.
IV. Primevamente, o hijo , has de temer a Dios ; lo segando , has
de poner los ojos en quien eres, Cervantes, Don Quij. II, 42 ;
pero aslos de llevar . . . los pies puestos en la mano , ZRPh I,
229 ; e avedes nos de dar em cada hu ano ho ter co de
todo ... e no avedes de poer ... e nò no avedes de vender
nem concambiar; Doc. gali. p. 151; a brttxa entào disse-lhe:
amanita has de ir dispòr cépas, e a noite has de me traser
um cesto de uvas, RL IV, 345; je dette ’n uoldre cummanne.
Je disse: M’i da ji ppijjed 'ne vacile d'ore, Trad. pop. abr.
202; se tieu vuò sentije ru cunsiglie meje , tea huoje nrì hit
da scije da la keàsa «wenn du meinem Rat folgen willst, so
gehe heute nicht aus dem Hauser, Voc. Agnon. 147.
13. Nun erweitert sich aber die Gebrauchssphare des kategorischen
Imperativs, zumai dort, wo das die Verpflichtung bezeichnende modale
Element nicht mehr gefuhlt wurde. Er ubernimmt geradezu die
Funktion eines gewòhnlichen Imperativs 1 und wird mit diesem und
dem Optativ ohne Unterschied nun bunt durcheinander gebraucht 2 .
I. Or ni escoutez ; si vous dirai le millor conseil qae jou sai.
Demain irez droit a la tor ... a la hautor garde prenes ...
e vous en vostre mance arez cent onces d'or qa'a li metrez.
Mais sans avoir ni alez mie ... li donez ... et Vendematn
la rep airiez . . . otroiez . . . porterei . . . rendei . . . dones ...
dires . . . en l'aatre main reporteres . . . rendez . . ., Flore
et Blancheflore 1857 ff.; Mira ta qaales seran, verlos has ,
experimentarlos has y dirasmelo algun dia, Gracian, Criti-
con 25 b, 28 f.; daraz a eyos: akozeran; avriras tu mano:
se artardn de bien «gib ihnen, so sammeln sie», Konstanti-
nopel; Psalm 104, 28; ZRPh 30, 181; que me tirou da can-
ceira de casa ras, nào casards, sei freira, nào sejas freira
1 Dieselbe Entwicklung hat auch debeo + Inf. durchgemacht, vgl. vos
deca desevrer = « desevrés» Macaire ed. Mussafia v. 51, le decà mener
ib. 666; no di mete pan in vin, Bonvesin N 93.
2 Im Altfranzosischen vertritt non feras und mar feras geradezu den
Prohibitiv: Non feras; lai le tonte coie, Fabl. Montaiglon III, 238, mar
aurez pour «nolite timere» Reis ed. Curtius I, 26, 9, mar en orrez «nolite
audire» ib. IV. 18, 31, mar i aresteras «ne steteris» ib. I. 20. 38.
DAS ROMANISCHE HABEO-Y UT U R U M UNI) KONDITIONALIS
121
befreite mich aus der qualenden Lage; Verheirate dich ! Ver-
heirate dich nicht! Werde Nonne! Werde nicht Nonne!»
aus Gii Vicente, zitiert von L. Spitzer, Mitt. d. Rum. Inst. I,
400; educa-os segando os principios ... e nào os distanci-
ards, accredita . . ., Diniz, As pupillas 4 ; adesso è 7 tempo, se
te vico di a vegne una sera à filò pare celliere si 1 («prepara»)
pur de le castagne , Magagnò I, 74; segniore, sare («sii»)
presente ale nostre oratione, Pavia; Salvioni, Pav. p. 28;
baderai di non dire « saressimo » ne « fossimo » per «saremmo»,
Spano, Ort. sard. 92.
II. Lo viecchio V aje vota («wirf») ppe le lenzole , Airola, Canti
mer. 23; mi ai fare («fammi») nu pjatfere, ai fird («va») ku
trovi fratdma e li ai diro, Galatina f ; portala leggia leggia
siiti ali ale . . . culle to' marni uni V ha consigliare , Lecce,
Canti mer. 32.
III. / so binata a darti ’nu pnghiero: ni hai a di camme snjfre
li mancanze «sage mir», S. Martino d’Agri, Papanti; dissi a
lu patri: Patri mia, vui aviti a jiri a circari la Sorti mia:
aviti a jiri 'nta na Signura e ci aviti a dumannari un quar-
tuccio di vino geht und fragt», Pitre IV, 199; piga kiista
isporta , as armare a su merkatu c mi kompras unii matsu
de frores nimm, gehe, kaufe», Tonara, Prov. Cagliari f.
IV. No il heu de dir a mon pare ni tampoch a mori germd
sagt es nicht», Cans. catal. I, 79; torna la e has de Ihe per¬
giurar: En quando é que he' de pagar? Cont. port. 159;
ti t'ha da toeur i cuciar d'argent (Parma, Zuccagni-Orlandini
p. 163) iibersetzt ital. prendi i cucchiai. Derselbe ital. Befehl
wird in Modena wiedergegeben mit f ae da tour i cucciaer
et argent (ib. p. 182), in Reggio E. f he da tor i cuccier
d! argini (ib. p. 183).
14. Auf gewissen Gebieten Oberitaliens geht die Substituierung so
weit, datò dieser Befehlsform wie beim reineri Imperativ Personal-
pronomina und Ortsadverbien enklitisch angehangt werden kònnen :
prenderete lo chorno ed enpieretelo di vino, Monaci p. 348; far àio
andare ( lab ihn gehen ) suso V albaro ... e paseràlo de una ga¬
iina, Persiano c. 125; tu dici bene , prendila, ecco voi tu altro? Ma
tornerali poi sai , ZRPh 15, 329; dolz me fcirdel inenz che me
parta , diresme la casoit .. Belluno, AGI 16, 72, v. 31 ; fo¬
reste mò da i cui via questa roua, ib. v. 511; recor dar et e e te-
1 Zu der Form vgl. AGL 16, p. 266.
122
GERHARD ROHLFS
gnercte in la smelmuoria erinnere dich >, Magagnò I, 76; dariesiniele
a mi «gib sie mir», ib. I, 81; etite 9 dis: tornarè-me-la a me$ater$a;
eie dis: sie farem , U. Levi, Dial. di Lio Mazor p. 46.
Noch heute ist hier die enklitische Stellung etwas ganz Gewòhn-
liches im Pavesischen : darérn kvel kurtel! portarém na kadrega!
faréni sta grasja! Mirabello b. Pavia f; pensarég tu «pensaci tu»,
AGI 14, 259 n. Àhnliches begegnet auch anderwàrts, besonders im
Iberoromanischen, darf so aber ohne weiteres nicht hierher gezogen
werden, da dort ja die Enklise 1 bis in die neueste Zeit viel weitere
Grenzen kennt, als dies etwa in Italien oder gar im Franzòsischen
heute der Fall ist : echareislo Poes. astur. 67 ; llegareisvos ib. ; dare-
desio d un maragato, Cousas d’a Aidea 49; y dir asmelo algun dia
Gracian, Criticon 25 b, 28 f.
15 . Dieselbe Umschreibung kann nun auch fiir die erste Person
Plur. des Imperativs stehen. In diesem Falle bezeichnet das Modal-
element weniger eine Verpflichtung als eine Aufforderung, selbst in
Gemeinschaft mit anderen Personen eine Handlung vorzunehmen, alsò
einen Willen, einen EntschluB. Vgl. schon im Lateinischen als Uber-
gangsformel zu Beginn eines neuen Kapitels: Habemus etiam vesti -
mentorum in scripturis mentionem ad spem carnis allegorisarc
als Kapitelanfang bei Tertullian, resurr. 27. Gelegentlich auch als
Ausdruck eines festen Gelòbnisses: Nec scriptum, aut aliqualiter
mutare habemus , per quam possimus adversus vos exinde agere\
Toskana, a. 1072 ; Muratori, Antiqu. II, p. 955.
I. Vieti sin irrum en Vost des Philistiens «veni et transeamus»
Reis ed. Curtius I, 14, 1 ; et revenrons à nostre matiere et
disons aitisi quc après ces choses ... als Kapitelanfang bei Join-
ville, Hist. S. Louis cap. 21; ronpeg le frain et le chevoislre ,
sirons («und gehen wir>) tornoiier moi et vos Yvain 2501,
ni Yauras tu ni laure jo, mes partiram lo (mit enklitischer
Stellung!) cum lo senhor ha manat teilen wir das Kindlein .
Lespy et Raymond I, 80; lou cousin don pichot det cantavo
au pus picliounet: aitar en au barri , cassar en de garrì
«allons au rempart, chassons des rats», Ammenlied aus Mar-
seille, RLR 4, 129; disciarem lu dot, cantarem aub' alagria
y n arem a dd las Pascuas a Maria «let us leave off mourn-
ing, let us sing with joy, let us go and give our salutations
to Mary , Katalanisch aus Florida, ZRPh 30, p. 329; vamosy
nos valdremos del arbitrio de antes para y Caballero, Cuentos
\
Gefiner, ZRPh 17, 41 ff.
DAS ROMANISCHE i/^^O-FUTURUM UND KONDITIONALIS
123
161; o Deus dos Judeus nos chamoii : iremos andadura de
tres dias pelo deserto e faremos sacrificio ao nosso Deus ,
Coll. ined. port. II, 95 (Vgl. ib. p. 98 vaamos ao deserto e
facamos sacrificio ) ; premiamo quessi danari novielli . . .
torneremo lo buono homo in sa casa . Sorgamolo ... ; Cola
di Rienzo, Muratori Ant. Ili, 449; pregar avemo con grand
affiiccion lo criatore, qe ve fa<;a perdon, Ugu<?on 201 ; mas-
rèmolo sta note sto fiol d f un can de becher e . . . glie bitta-
remo rò dal telo, Dalmatien, ATRP X, 90; vedaremo, chi
clic li dispiantarà mejo, mi o ti lafi uns sehen-, ib. X, 89;
Caporal Pipeta, léviti suso, senio i tui amici, andaremo a
rogar a Tostarla, ib. X. 317.
II. pois olha, homem , havemos ir (elafi uns gehen ) d Senhora
da Gra<;a e havemos perguntar-lhc quem foi que bebeu o
vinho, se fui eu ou a gata, Cont. port. 152; avimu jiri a
T aria, stak$ena de granii < gehen wir zur Tenne*, Malocchio,
Prov. Reggio C. f.
III. et specialmente, Purissimi frael, nuy habiemo a pregar per
le anime de nostri pare lafit uns bitter, Salvioni, Pav.
p. 57 ; ora raccumannamuni a li Santi, li hamu a amari cu
tia continuamenti, Noto 211; ddoppu maritati, dicu li nicu:
Ora dmu a jiri a vidiri a lu papa. Dici: Si, jemu, Pitré
II, 384; s ha a partire (= abbiam a partire) la mandria : un
rinserrato per uno «lafi uns die Herde teilen;, reden Manfane
und Tanfane ihrem dummen Bruder zu ; Nov. fior. 587.
IV. andemm. tosànn, vegnì adreè mi, eli emm de andà in d' on
bel sit, Milano, Nov. fior. 277 ; ora gem di divid i dane
< teilen wir das Geld , Comof; ades ava da turner al prim
pjà, Bologna f; avale amu da sparte li soldi teilen wir
jetztAjaccio f ; amu da falare in djo gehen wir hin-
unter ,, ib.
16. Noch weiter geht das Judenspanische, das Bergamaskische und
ein Teil des Furlanischen. Hier ist die Umschreibung so màchtig.
dafi sie sich iiber den konjunktivischen Adhortativ durchgesetzt hat,
ja diesen zum Teil bereits verdrangt hat 1 : anda i mi kerido, saldré -
mor al kampo, durmiremor entre las vinas. Madrugaremor en
lar vinas , vcrémor si enfioresió la vid cegrediamur, commoremur,
surgamus, videamus , Konstantinopel, ZRPh 30, 185; le diso el padre
1 Vgl. Subak, Judenspanisches aus Saloniki, p. 16; v. Ettmayer, Bergam.
Alpenmundarten p. 49.
124
GERHARD ROHLFS
a la iza: mete mesa, komeremos «deck den Tisch, wir wollen
speisen», Wagner p. 21; bamos kaminando al sarai i tornaremos
està galeca pr e siosa «gehen wir nach dem Palast und nehmen wir
diesen wertvollen Pantoffel», ib. 73; ni spartirà le palanke «sparti¬
amo i soldi», Brembate Sotto, Bergamo f; ni mparlerà «parliamo»,
ib. ; ni ndara’n fità «andiamo in città», ib. ; o lari a la platfe gibt
in Moliniss (f), Friaul ein ital. «andiamo alP aja» wieder, ebendort
portari ke taule in go «portiamo questa tavola in giù», montar! la
ftyale «montiamo le scale», kumò dividerl i bets «adesso spartiamo
i soldi» ; abiem de dir < diciamo«, Val Camonica, v. Ettmayer, a. a
O. p. 49.
17 . Mit der adhortativen Funktion verwandt ist die optative, die
ebenfalls ihren Haupttràger in den ersten Personen hat. So durften
die bereits im Ciceronianischen Latein begegnenden Formeln habeo
dicere , affirmare, scribere , polliceri im Sinne eines Optativs stehen,
der hier meistens einer bescheidenen Behauptung gleichkommt; vgl.
noch Quint. deci. 16, 5 ego cum me necessitas rapit, sic habeo queri
«mòchte ich klagen».
I. Im Franzòsischen besonders in der ersten Person: jc vous
avoucrai «ich mòchte zugeben», je vous prierai «ich móchte
bitten», vgl. die Belege bei Clédat, RF 23, 311 und Solt-
mann p. 24; o moulnier, beau moulnier, mouldras tu bien
mon grain? «Mòchtest du mir wohl mahlen?» ZRPh 5,
524 E y gentils marichal, ferreras-tu mon cheval? ib. 11,
399; vendrastu ton roncyn a moy? Fabl. Montaiglon II,
244; busco per aqui a Jesus, si voldria confessarme. — De
que ’t confessards tu? «mòchtest du beichten?», Cans. cat. II,
100; cosa vurei, o sunadur? Nui avurumma an pò d' li -
mosna. Ra piemonteisa, an ra fava? «wir mòchten etwas
Almosen», Canti monferr. 78.
II. Ca nini aggiu fare (vgl. Var. di Lecce: nime vogliu fare)
’na scupetta a micci , de palle d'oru Vaggiu carricare , Gala-
tina, Canti mer. 331. Rundinella, ci rundini Iti mare } cuc-
chia quantu te dicu do palore ... eli aggiu fare na lettera
(vgl. Var. di Roma: voglio scrive) a lu mi' amore, Arnesano,
ib. 30.
III. Mi nni vogghiu jiri dda banna lu mari\ aju a ciantari («ich
mòchte pflanzen) un peri ri nucidda , Noto 128; nime vogliu
1 Hier wie in den beiden folgenden Beispielen liegt wohl einfach eine
Frageform (einschmeichelnde Bitte) vèr.
DAS ROMANISCHE /M^O-FUTURUM UND KONDITIONALIS
125
fare ’na scupetta a miccia, de palle d'ore laggiù a carri¬
care mochte ich sie laden», Lecce, Canti mer. 331; quellej a
resposte: vuoje lu rré; f ajf a cerca gramje «ich mochte
ihn um eine Gnade bitten», Trad. pop. abr. I, 60; mi hant a fai
so presgeri de ni- allogiai po notte sta? «Mòchten Sie mir
den Gefallen tun», Nov. sarde 28; e ha a vule Deu «lo voglia
Iddio», vgl. StR XI, 74.
IV. Per que no la m has d' esplicar a s endevinaya, ara que
som tots sols? «Warum willst du mir das Ràtsel nicht er-
klàren», Rond. mallorqu. II, 19; toma arsenico, Joào . Ora
por que nào has de tu tornar arsenico? Diniz, As pupillas
109; tu sei la rundinella eh’ ha da volar (Vgl. Var. di Spi¬
nosa: « vuoi volare»), Gessopalena, Canti mer. 64; ma, foejje
mié , pecche f i da pijjeà la foejje de re massare «warum
mochtest du die Konigstochter nehmen», Trad. pop. abr. 207.
18 . Das optative Verhaltnis fuhrt hiniiber zum konzessiven Ver-
haltnis. Es wunscht nàmlich der Sprechende, um sich den Anschein
zu geben, als ob er ein Geschehen oder eine Tatsache, die ihm in
Wirklichkeit unangenehm ist, als gleichgtiltig und unwesentlich be-
trachtet, das Eintreten dieses Geschehens geradezu herbei.
I. conterà ce que fa coutera, va cherclier monsieur Patoir !
«(dìe Kosten werden nicht gering sein, aber) das soli nun kosten,
was es wolle», Zola, Terre 254; regrettera qui veut le bon
vieux temps . . . mai je rends grdee à la nature sagc. < Be
dauern! Fàllt mir nicht ein. Aber, wer will, mag die gute
alte Zeit bedauern», Voltaire, ed. Molland X, 83; chi vorrao
tornare, tornarao; chi vorrao remanere, remanerao , Muratori
Ant. Ili, 519.
III. tu ni ha ’ a priari comu li Santi, tuttu sdegna mi trovi e
amuri nenti «magst du mich auch bitten», Noto 256; tu aje
a trovà 'na nenna tanto onesta, chella ha da essere V ur-
demo disgusto, ’na nenna comm’ a mme non troverraje,
Neapel, Canti mer. 233.
IV. Per me , tu hai da essere figlia di un Re, tu hai da essere
anche figlia di una spassaturaja; se vuoi venire giù, vieni ,
Fiabe mantov. 399; tu m' a da difd, tfobbd vm, non td potsd
pordum «du magst mir sagen, was du willst, ich kann dir
nicht verzeihen», Altamura f.
10. Haufiger ist nattirlich der Fall, wo Anktindigung des Ereignisses
und Konzession in Gestalt einer wirklichen Rede und Gegenrede er-
folgen: De vous a lui me clamerai . — Clameras , pute . . ./ «Be-
126
GERHARD ROHLFS
schwer’ dich doch ! > Fabl. Montaiglon III. 239; loti loup ié ' dis :
trespetarai, trespetarai , ta cabana se demoulirci. La galineta ié
respond: trespetaras y trespetaras, ma cabana se demoulira pas
trampie du nur immer!» Languedoe, RLR 31. 590; vole pas vous
cachà que marribo souvent de fuma la cigareto entre douas pipas.
— Eh be! la fumar es, paure ome } m’i acostumar ai «meinetwegen
raucht sie», Périgord, ib. 28. 42.
Aber auch sonst wird ein Verbum in der Konzessivform wieder auf-
genommen, um die Zwecklosigkeit einer Tàtigkeit zu bezeichnen, bzw.
um die Kontinuitàt dieser mit negativem Resultat vonstatten gehenden
Handlung auzudrucken: Vat ati nic ... oh/ ’l é vrai qui a gougit
bein sa potdc, peur force a li douvrait la goule. A la gougit, ma
fi! gougit y gougeras-tu y si beun qtiall’ Venvoyit, boun gen/ a
Mouijeku. «Die Frau geht zum Nest, erwurgte ihre Henne, òffnete
ihr mit Gewalt den Schnabel, erwurgte sie, meiner Treu, erwurgte
sie, erwurg du sie nur immer! (Hindern kann rnan's doch nicht
mehr), wtirgte sie so stark, daB sie dieselbe ins Grab schickte.» Fabl.
saintong. 36; la vwatyro ses emburbado , gaito le paure bailet!
empusibile de la bulegà! puso, pusaràs, he Vcn leparàs pas «der
Wagen ist steckengeblieben, sieh’ nur den armen Knecht, unmòglich,
ihn von der Stelle zu riihren! er schiebt — schieb nur immer! —frei
bekommst du ihn doch nicht> Ariège f ; el e bo tone e viri; el li
damuro atatfi. alor lo pois a i dis e: ton, te tonerei , te nà defàdrei
pe il a beau tourner et virer (sur le poirier), il y reste attaché; alors
le paysan lui disait: Tourne, tu tourneras, tu n’en descendras pas>,
Conflansf ; on se bette à berlo , a appelo où secour, et gì da, gularé-tse!
viquia tout lou mondou si pie on beuglait, appelait au secours,
gueule, gueuleras-tu, voilà tout le monde sur pied Herzog, Franz.
Dialekttexte 58, 7.
Diese Wendungen werden nun so haufig in der lebendigen Rede-
weise gebraucht, daB sie rein formelhaft werden. Es bleibt namlich
der Konzessiv im Singular. selbst wenn es sich um eine Mehrheit von
Personen handelt: le bailet gogo la flayto e tutos Vaivuelos sauton }
sautaràs der Junge spielt auf seiner Flòte, und die Schafe, wie sie
waren, fangen an zu hupfen, htipft nur immer!» Ariège f. Noch
deutlicher wird das Formelhafte beim Hinzutreten eines Reflexiv-
pronomens. Dieses tritt dann namlich in der Konzessivform nicht in
die Anredeperson, sondern wird vom regierenden Verbum in derselben
Form ubernommen: Botdand a beau trepà , treparas-tju , s'eibrashà,
s’eibrasharas-tju , qu’ei tout coumo shi bessavotmt Vaigo «Bouland
stampft vergebens mit den Fiifien — stampP du nur! — reifit sich
DAS R0MAN1SCHE HABEO-vm\jK\)M UND KONDITIONALIS 127
die Arme aus — reifi sie dir nur aus ! — es ist, als ob man Wasser
umgriibe. Creuse, RLR 20. 279.
20. Eine Weiterentwicklung dieses Gebrauches diirfte die bekannte
provenzalische Formel santo que sautaràs 1 springe, was du auch
immer springen magst darstellen, die heute auf dem ganzen proven-
zalisch-katalanischen Sprachgebiet aufierst beliebt ist: nido ke rndaràs,
k'o tun pais tnrnaràs du magst dich herumtreiben, so viel du willst,
du kommst doch in dein Dorf zuruck», Rodez f ; dna droles marina
ke mart^eras arrivami au viladge, Castro, Tarn y • Vìiome — sega
que segaràs — prompte tingile feta una garberà, Rond. cat. II. 29;
lo barquer se posa a remar y rema que remaras fins que fou d
Valtre bora , ib. I. 54. Aber auch auf dem _Rest der Iberischen Halb-
insel scheinen diese Formeln nicht ganz unbekannt zu sein. So wird
ftir das Spanische von Cuervo (Dice, de constr. y reg. s. v. dar 4)
der Typ ; date que le dardsl angegeben. Auch Michaelis (Novo
Dice. s. v. dallie) registriert ftir das Portugiesische ein dallie que
dards «wie langweilig!» Die Mundarten scheinen hier noch weiter
zu gehen, vgl. y pasa les noches afta q'anards, Poes. astur. 239;
y el aperta que t'aperta y fata que falards, Cousas d’a Aidea 139.
21. Ganz' allgemein durchgesetzt hat sich die /mò^o-Umschreibung
im Sinne des lateinischen dubitativen Konjunktivs, den sie hier vòllig
verdràngt zu haben scheint ; quid faciam? wurde zu quid facere
habeo: Quid habeo aliud deos immortales precari quam ut...?
Sueton. Aug. 58. Dieselbe Formel kann auch als Deliberativ in der
Abhangigkeit begegnen.
I. Quand iray je? Larrivey, Esc. I. 3; en esmai sont que il
feront, s'il atendront ou s'il fuiront, Rom. de la Viol. 2649;
Chantarai eu ? — Oc , pois al comte plats, Bertran de Born
6. 6; Coussi Vapelaren aqueste?, Languedoc, RLR 27. 184;
;Que te fare? Prim. Cron. gen. 135. 1. 16; perseguirei eu a
està tropa? alcan$al-a-hei? Samuel I. 30. 8; faremos d'elio
um padre, snr. reitor ? — One duvida! Diniz, As pupillas 7;
la pianse la formiga: Cossa farogio mi? Zara, ATRP XI. 38;
no saitfe ke o fagarai? Paluzza, Udine f. Nicht hierher ge-
hòrt eine Stelle aus dem «Detto d’amore». Or come vivere
o | sans y amor ? vive reo | chi si governa al mondo. Monaci
Crest., p. 314. Hier wird vivere ò von Monaci (S. 621) als «fase
ancora analitica del futuro > aufgefafit, was formell wohl unmòglich
1 Vgl. dariiber Herzog, Neuprov. Syntax, p. 19; Piat, RLR 54, 272
und besonders Spitzer, Aufsatze z. rom. Syntax, p. 181 ff.
128
GERHARD ROHLFS
ist, da aus dem weiblichen Reim vive rèo zur Geniige hervorgeht,
dafi hier viver èo zu lesen ist ? d. h. wir haben es mit einem
dubitativen Tnfinitiv zu tun l * .
II. j Agora que he forzoso defendéme . . .? Poes. astur. 17;
tQha facer un probe ahora . . .? ib. 48; £Qu’ lian facer,
mal pocado si aqui viven espremidos? Cousas d 7 a Aidea 61 ;
non sei eu qu 9 hemos parar , ib. 95; que ha far donca li
miseri Bonvesin, De die jud. 26 ; ce piacire alla morie viaggiti
fare? Otranto, ATRP 3. 280; nu sacciu cce ’rremediu agghiu
pigghiarij Mordano, Canti mer. 204 ; e comu he fari, ca nura
ri riposu ’un mi vuoi rari? Noto p. 316.
III. Ite humus a rispondere ad su Segnore meu; o ite hamus a
faeddare? Spano, Stor. di Giuseppe 44. 16; comu hagghiu a
fari ca min hagghiu mamma? Noto 212; rimmi lu si o hi
no, zoccu hamu a fari ib. 153; lzosa t'o dire? kosa vo portare?
Buonconvento f
IV. ò * Aont Vhc de posar a sa llenya torta? Rond. mali. 29;
j Porqtié habemos d'andar per tras d 1 Uviedo ? Poes. astur. 6 ;
Dizc , mulher, que hei de fazer mima notte de tao pezar?
RL 8. 71 ; mas nos aonde havemos d'ir agora dormir ? Cont.
port. 160.
22. Entprechend tritt fur dén Dubitativus Preteriti (quid facerem)
quid facer e habebam (bzw. liabui) ein: Verni ad me pater: Quid
habui facer e? Per ducer e illuni ad patrem? «Was hàtte ich tun
sollen?» Seneca contr. I 1. 19.
I. Puis sunt muntet es chevals e es muls, si clievalcherent —
que fereient il plus? «Was hàtten sie welter tun sollem,
Roland 2811; Pus un gros chien, Seigneur! Que feraieni-
elles d'un gros chien? Maupassant, Contes de la Bécasse 55;
pues conio haria yo para no oirlas, Gracian I. 376; e dentan¬
doli David conselho a Deus, se hiria pelegar com os Filisieus,
Coll. ined. port. II. 254; i savia nà andua andarla , Lauriano
Po f.
II. Quhabia facer a ncna senon mirar prò rapaz! Cousas d’a
Aidea 8.
III. Ma deu chi seti troppa pobara po teneri una fitta, comenti
d' emù a manteniri e bistiri ? «Wie solite ich sie unterhalten
und kleidem, Nov. sarde 64; asta cosa lu 'Imperaturi eh 1 avia
1 Vgl. dunque morire eo Monaci, p 52; piuttosto morir io che esser
causa della vostra morte, Fiabe mant. 431.
DAS ROMANISCHE #4BJEO-FUTURUM UND KONDITIONALIS
129
a fari? Pitré IV. 39; nand sapaja adau avai a fi «wohin
er gehen solite», Altamuraf; tfi Vavaia a kreta ka idda avaia
tanta tornisa? «Wer hatte glauben sollen, dafi jener so viel
Geld hatte?» Matera f.
IV. No savia qu havia de respondre, Rond. mali. 50; perguntou-
Ihe que caminho havia de seguir, Cont. port. 52; qu 1 hctbian
de fazeri Despareceron. Cousas d’ a Aidea 145.
23. Die /mò^o-Umschreibung tritt ferner ein in der unwilligen Frage,
die eine von der Gegénseite gestellte Zumutung oder Behauptung
entriistet abweisen will. Hierbei wird das Verbum, in dem die Zu¬
mutung liegt, von der angeredeten Person im Affekt meist wieder
aufgenommen.
I. Il faut que tu m’épouses, ou que tu sois perdu. — Je vous
épouseray! moy? Dancourt, Vendanges se. 22; Cum aucidrai
eu vostre rei? «Wie? Ich soli Euern Kònig tòten!» fors-
fais non es . Passion 229; Et cum aquest menlts credent,
no circumcis , apremer a aixi la nostra gent! No far a pas!
Lespy et Raymond I. 50; Senòr, se està su mercé burlando?
con que no quiero ir por doce y e irta por nueve! «Wenn
ich’s fiir 12 Duros nicht tuen wollte, solite ich fur 9 Duros
gehen!» Caballero, Cuentos 100; come haveraco mercede, che
me liaco fatto despennere tutto mio ariento? «Wie? sie sollen
Gnade bei mir finden!» Muratori, Ant. III. 389.
II. Còrno non ha tocar triste, s' é triste o aire qu* a henche , Cousas
d’ a Aidea 99 ; ddopu chi vui mi dati la vita , jeu v liè mangiari?
Pitré IV. 170.
III. Forsis eo et marna tua et frades tuos humus adorare a tie
supra sa terra? «Sollen etwa wir dich anbeten!»' Spano,
Storia di Giuseppe 37. 10; e comu mi appi a spartiri di vui!
«Wie hatte ich mich von dir trennen sollen!» Novara Sicula,
ATRP 23, 463.
IV. éQué dices tu de esto? — ?Q ue ' ^ de decir? Trueba, cuen¬
tos 77; scòrno la traduce vuesa merced en castellano? —
^ Cònio la liabia de tradiicir . . .? Cervantes, Don Quijote
II. 62; Ora! cantar! Que hei de eu cantar? Diniz, As pu-
pillas 14; fugir ! para que haviam de fugir de mim? ib. 179.
24. Ebenfalls an Stelle des Konjunktivs tritt facere habeo in der
Verwendung eines abhangigen Jussivus auf, wobei das Modalverbum,
wie nicht anders zu erwarten, zunachst selbst noch im Konjunktiv
erscheint. Aus einem impero ut eas wird also ein impero ut ire
Archivum Roraanicum. — Voi. VI. — 1922. 9
130
GERHARD ROHLFS
habeas , das weiter zu einem romanischen impero ut ire habes 1
flihrt: Ctirn ... ut id mihi habeam curare roges, experiar ... da
du mich bittest, ich mochte mir dies angelegen sein lasserà Varrò,
rust. I. 2 ; praecipiens .. .ut responderi non habeat (Mv. hat : debcat) y
Cassian. c. Nest. VII. 22. 3.
I. es ordenat e estatut que los ditz cossols . . . estaran honesta-
ment e no diran . . . RLR IV. 242-, quero avisar-te que
andards com juizo se déres outro getto ds tuas cantigas ,
Diniz, As pupillas 165; mais je voeil que de vo main destre
sii vous plaist me fiancerez, Escan. 20137; zitiert von Tobler
V. B. I. 2 27.
III. 2 min boglio che ppe mmc aviss a morire datò du stirbst»,
Maddaloni; Canti mer. 162; ma vide che mie 'Vanisti a purtà r
ppàsci a cchcla rnundagne, Trad. pop. abr. I. 91; ti preti cium
avisi a 'nsignari conni tu supporti, Castellamare del Golfo,
Papanti. Allora un prete sagrato , attui prese addire: Con
Dio voglio cheti ' abbi acconciare, ZRPh 15, 49. In Matera
tritt dieser Jussiv nach volere sogar an Stelle eines Infinitivs
auf: vog'jd k'agf a fé ich will gehen , ijoddo vold k’ av ’a
volti er will kommen , Matera f.
IV. Ricuordeuteu cheti le buttighie e bicchieri e li bicchirini ànn
da essere di vrito arrutent gibt ein ital. (.ricordati che . . .
siano di cristallo arrotato’ wieder, Foggia, Zuccagni-Orlandini 392;
min fa ca pé mme avisse da murire, Canti di Marigliano,
ed. Imbriani, 15; e bade eli nen f aviss da scorda dii piatt\
Chieti, Zuccagni-Orlandini p. 362; quieto que hayas de corner
comigo, Libro de Ex. 332, zitiert von Larsen p. 101.
25. Einem impero ut ire habes entspricht fiir die Vergangenheit
ein imperavit ut ire h aber et, das romanisch zu imperavit ut ire
habebat werden mufòte 3 .
1 Auch debere erscheint in dieser Funktion: le prego q’ el me dica
perdoner, Macaire, ed. Mussafia v. 1907 ; humilmente voglio te pregare ...
che la pregierà mea digi scollare , Vattasso, aneddoti in dial. roman. 99;
ti pvego che tu debbia adorare li miei Iddìi, ib. Vgl. auch Rii bel,
p. 57.
2 In Italien tritt bei den jiingeren Typen meist wieder der Konjunktiv
ein, wobei in Unteritalien der untergegangene Konjunktiv Pràsenstis durch
den Konjunktiv Imperfekti ersetzt wird.
3 Hàufiger ist in lateinischer Zeit ein ire deber et bzw. debebat, vgl.
necessarinm fuit, ut . . . accipere deberunt, Form. Merov. ed. Zeumer
10, 15; ut facere debiret, ib. 10, 25. Vgl. Gamillscheg, p. 175.
DAS ROMANISCHE //A iS.E'O-FUTURUM UND KONDITIONALIS
131
I. Li roys ordena si cornine l'on dist } que sui frere retourner-
oient, Joinville, Hist. S Louis c. 86* il Jut donc décidé que
le pere et le fils iraient à Cloyes, Zola, Terre 328 ; egli chiama
Pacchione e gli dice che il giorno dopo andrebbe col carro
nel vicino bosco, Fiabe mantov. 54.
Ili K fu duyfzd defisa ha s'avaia ad atfida la figfa e hu lu sanga
s'avaiana a bagna V oh far a du va 'dafi man die Tochter tòtete
und mit dem Blut die Augen des Kónigs gewaschen wiirden>,
Matera j ; jadda k$ama lu s%rva a nfa difa ha avai a fi ku u
traina a lu vosk, Altamuraf ; arfece lo bando in altri paesi:
che chi vulia la so' fija per sposa , avisse a veni , Viterbo;
Rom. XII, 545.
IV. Fue condicion . . . que si D. Quijote vencia y su contrario se
habia de casar con la hija . . Cervantes, Don Quijote II, 56;
e stai dit ira noealtr* he Cecco Ves de turnà al so paes,
Nembro, Bergamo f.
26. Hàufig erscheint habeo + Inf. bereits in lateinischer Zeit dort,
wo es sich darum handelt, das Eintreten eines Ereignisses als ungewifi
hinzustellen, bzw. um einer subjektiven Vermutung Ausdruck zu geben,
vgl. nec te si cupiai laedere rumor habet cdlirfte wohl nichts Ver-
letzendes iiber dich aussagen», Ovid. Pont. III. 1. 82 1 2 . Da mochte
man fragen, ob nicht iiberhaupt das romanische Futurum als
temporaler Verbalbegriff letzten Endes auf ein< n potentialen
Gedanken zurtickgeht. Tempesias illa iollere habet totani paleam
de area (zitiert von Thielmann p. 185), der Sturm wird hinweg-
fegen» ist zunàchst eine rein subjektive Annahme «er diirfte hinweg-
fegen». Ob nàmlich der Sturm wirklich einsetzt, wann und mit
welcher Starke er losbricht, hangt nicht von unserem Einflufi ab.
Rex . . . ut dicitur, venire habet wie es heiBt, diirfte der Kònig
kommem , Fulbertus, Patr. lat. 141. p. 236. Auch hier hangt das
wirkliche Eintreffen von unvorhergesehenen Zwischenfàllen ab. Der
Gedanke bleibt eine Vermutung. Mit anderen Worten, venire habet
bezeichnet im Gegensatz zu veniet er wird kommen > nicht ein tem-
porales Verhaltnis, sondern stellt von Hause aus eine subjektive Ver¬
mutung, also ein affektisches Futurum dar. Es wird also mit
dem romanischen Futurum ein Geschehen zunàchst nur als bedingt
1 Vgl. p. 130, Anm. 2.
2 So auch debeo + Inf., vgl. Petron. Sat. 7 numquid scis ubi ego
luibitem? . . . Quidni scìani? . . . «hic», inquit, debes h abitar e, «hier
diirftest du wohnen».
9 *
132
GERHARD ROHLFS'
hingestellt l . Denn wenn jemand zum Beispiel beim Anblick eines
Schwerkranken sagt «il mourra», so ist dieser Gedanke und damit
die sprachliche Form durch den hoffnungslosen Anblick des Kranken
hervorgerufen. Ob der Tod tatsàchlich in der nachsten Zukunft ein-
tritt, lafìt sich freilich nicht mit unbedingter Gewifiheit behaupten, da
immerhin eine unerwartete Besserung eintreten kann, d. h. il mourra
bleibt lediglieli eine Schlufìfolgerung aus den derzeitigen Umstànden.
Romanische Mundarten zeigen zum Teil noch beute die alten Ver-
hàltnisse bewahrt. So sagt man zum Beispiel in Thiene (Verona),
wenn man sich die Arbeit fest fiir den folgenden Tag vorgenommen
hat ; domani matina andemo (Prasens !) seminare di fasioi c morgen
werden wir Bohnen saen gehen», wàhrend andremo eine Ungewifiheit
ausdriicken wiirde «vielleicht konnen wir morgen ans Saen gehen» (f).
Denselben Gebrauch belegt Crocioni fiir Arcevia. Das Futurum
wird hier nur dann gebraucht, «quando occorra accennare a una
leggera incertezza» Dial. di Arcevia p. 54. Ein Beweis fiir das hohe
Alter dieses «Potentialis» ist die Tatsache, dafi, wo in Unteritalien
^Formen des synthetischen Futurums volkstiimlich sind, diese noch rein
potentiale Geltung haben 2 . Aber auch auf dem ubrigen Gebiet làfit
sich die potentiale Tragkraft des Futurums noch heute nachweisen.
I. Dó es el mi am ado? .. . Ellos le respondieren : El lobo se
lo habra tragado, Berceo, Jós. 28; j Sabes la piacela delas
moxcas? — Essa no. — Nó la sabrds . . . <du kannst ihn
wohl nicht wissen», Lope de Rueda, Medora IV. 3; no faltard
en el pueblo quién le acompane «es wird wohl jemand da sein<,
Trueba, Cuentos 27; mas bavera cousa de quinte dias ou
tres semanas , que jd o nào lenito visto, Diniz, As pupillas 9 ;
e dixo: Serdn os ratos? y eston ripricou a nena: Sera
calesquera cousa, corno quer vosté qu’eu sepia! «sind das
vielleicht die Ratten?» Cousas d’a Aidea 43; lo seu marit. . .
se n’es anat à la guerra, set anys trigard a venir «wohl
sieben Jahre schon zógert er wiederzukommen» Cans. càtal.
3. 65 ; ke herà tres mes kelu me frai izes partii «es sind wohl
drei Monate her, dafi mein Bruder abgereist ist», Pau f ; eh,
V avrà sognato, Nov. fior. 217 ; andrà quindi letto .. . «es mufi
1 So bereits This, Zur Lehre der Tempora und Modi. Festgabe fiir
Gròber, p. 238. '
2 Besonders hàufig ist die Form sarà , die in Tarent sogar dazu dient,
das » ganze Futurum zu umschreiben: sarà ca sò, sarà ca si, sarà ca è,
sarà ca simi, sarà ca siti, sarà ca sò. Vgl. De Vincentiis, Voc. del
dial. Tarant, p. 19.
DAS ROMA NI S C HE //.li^O-FUTURUM UND KONDITIONALIS
13S
wohl gelesen werderi», AGI 16.27; che vuol dir questa fac¬
cenda? Ci avrete presi in isbaglio. Noi siamo due poveri
orfanelli «ihr habt uns wohl verwechselt», Fiabe mantov. 164;
chi ci avarrà ffatte ’ stu bbene de fa sta frescure? «Wer mag
uns dieses Gute getan haben?», Trad. pop. abr. 155; ca ciertu
te darrà quarchi confuortu, Poes. calabr. 70.
IL tfi lu sape se vene kra matina? ave essere ku la freva Wer
weifi, ob er morgen kommt; ich vermute, dafi er krank ist»,
Galatina f ; li pitfini adu avanti ìzviddu nieddu? la mujere
li ditfe: Vanu avulu trovare 1 < woher haben die Kinder den
Ring? Den haben sie wohl gefunden», ib.
III. dgugeli una kadrea a si setsere a ikufhi signore, at a essere
franfeu, « bring dem Herrn einen Stuhl; er diirfte nitide sein», Tissi,
Sard. f; gran famigghia nobilihaviaessiri! «Das mufi eine vor-
nehme Familie sein», Pitró, IV. 234; tfe jord sonda? — avon a
jesd li tfinfzd . « Wie spat ist es ? Es mag 5 Uhr sein», Altamura f ;
avon a fa tfhifc amia ha na Vagfa k<;u vista «es sind wohl funf
Jahre her», ib.; kiu prenditi u miu kurtieddu? - o avia viri
pidjatu miu frateddu, «mein Bruder hat es wohl genommen»,
Ragusa, Siz. f; esse ’la ’vut accide 1 «die mufi ihn getotet
haben», Trad. pop. abr. I. 61; me Và 'vut ’a tòjje lu t avernar e
«der Wirt hat sie mir wohl weggenommen,» ib. 188.
IV. isse ha haveute da deà la posta a cacke birba 1 «der hat
wohl irgend so einem Schandwejb ein Stelldichein gegeben»,
Cremonese, Vocab. del dial. Agnonese p. 147; quisf à da esse
qualchedune cchih jferme de mi, «das scheint ein noch Schlauerer
zu sein als wir», Trad. abr. I. 118. Heu de creare y pensar
qu ’ una vegada hi hagué un purè que tenia dos fiys «ich
glaube und denke wohl, dafi einmal ein Vater war, der hatte ...»
als Màrchenanfang, Rond. mallorqu. 3; grande nati , grande
tormenta; has de ter ouvido diser , «das hast du ivotil schon
sagen hòren», Diniz, As pupillas 4; E o defeito e da fmeta y
ou de qìiem a vende? Ha de ser de quem a vende . . . «die
Schuld liegt wohl an dem, der sie verkauft», ib. 37.
Das Franzosische ist hier bisher stillschweigend tibergangen worden.
Die alte Sprache namlich scheint diésen Potential kaum zu kennen 2 .
Der Grund hierfiir diirfte hier in der verhaltnismafSig friihen Ver-
1 Zur Form vgl. il a dii venir statt il doit ètre venu, s. Ebeling,
Probleme, p. 23 ff.
2 Vgl. auch Malmstedt, StMSp 4, p. 55.
134
GERHARD ROHLFS
schmelzung zur einheitlichen Futurform liegen (s. o. p. 113). Heute
ist dieser Potentialis auf das sogenannte «futur antérieur* beschrànkt,
d. h. auf die mit dem Part. Perf. verbundenen Futura von avoir und
ètre oder, genauer gesagt, auf die beiden Formen aura und sera.
Da in der Tat andere Formen nur selten in dieser Funktion verwandt
werden, kann man im Franzòsischen von einem «konjekturalen» Ge-
brauch des Futurums wohl gar nicht reden ; denn nicht dieses besitzt
potentiale Tragkraft, sondern lediglich die beiden Formen aura und
sera . Das ober dtirfte wohl darauf hinweisen, dafi in diesen beiden
hàufigsten Futurformen ein fremder (italienischer ?) Gebrauch kopiert
wurde. Da die Erscheinung (il l'aura trouvé) allgemein bekannt ist,
wird es sich eriibrigen, hier besondere Belege anzufiihren 1 .
27 . Es ist zu bemerken, dafi dieser Potential sich ausschliefilich
dann findet, wenn eine Vermutung iiber eine Tatigkeit ausgesprochen
wird, die sich in der Gegenwart abspielt. Wird dagegen die Vermutung
in eine Handlung der Vergangenheit gelegt, so wird aus dormire
habet ein dormire habebat (babuit) «er mochte wohl geschlafen haben».
I. Los demas turcbs ... que seriali basta treintay seis personas «die
36 Personen sein mochten», Cervantes, Don Quij. IL 63; basta
seis ó ocbo se babria dado Sancho, cuando le pareció, ib. II. 71;
vejo que me enganava ainda bontem disendo-me que tinha
confianca em mim .... — Enganaria ; mas enganava-me
a mim mesma tambem «ich mag Sie getauscht haben», Diniz,
As Pupillas 175; las campanas van, — cP er tocarian ?
Tocan per un gran — un gran de la vila. Ne cava 7 fosser —
Iper qui cavaria? «Flir wen mochten sie làutenV — Fur wen
mochte er grabenV» Cans. catal. 3. 159; sarié sta malaut «er
mochte krank gewesen sein», zitiert von Ronjat p. 203.
II. Habian ser mais d! as des\ todos estaban deitados, Cousas
d 7 a Aidea 13.
III. chissà chi mi domannau . . . appi ad essivi S. Petru «der
mich fragte, das war wohl St. Petrus», ATRP. 23. 215.
IV. 3 ' babia de ser de dia? Abre, por Dios, esa ventana de
tu cabecera, y verlo-bas. «Solite es schon Tag sein?» Ce¬
lestina, Bibl. ant. esp. 37 a. 26; abia de ser un kasabiko muy
luzio «es war wohl einmal ein gar hubscher Fleischer», Wagner
p. 1 ; abia de ser un mansebo, ib. 7.
1 Belege liefern Clédat, RPhF 20, 266, 282f.; RF 23, 313; Malm-
stedt StMSp 4, p. 50ff; Soltmann, p. 15f. Anders geartet sind die von
Tobler (V. B. 2 * * I, S. 253) mitgeteilten Falle (empirisches Futurum): Mainte
pucele avrai veue usw.
DAS ROMANISCHE HABEO-V UTURUM UND KONDITIONALIS
135
28 . Mit Vorliebe erscheint dieser Potentialis auch im abhàngigen
Nebensatze, und zwar sowohl im verallgemeinernden Relativsatz wie
im unbestimmten Temporalsatz und dem potentialen Nebensatz 1 . Im
Altsardinischen gar scheint habeo + Inf. uber diese Funktion liber-
haupt noch nicht hinausgekommen zu sein 2 . Vgl. im Lateinischen
Christianis responsum faciunt, ea sane ratione, ut quoti habis emere,
non tangas, Anton. Plac. c. 8.
I. Amix, digas tot quan volres, Flamenca 6409 ; siempre fas
con conseio quanto facer ovieres 3 , Alex. 48; io verroe con
voi ovunque a voi piacerne, Monaci, Crest., p. 339.
II. establescemos . . . que tod omne , pues que mostrar [B. R. 1
hat ha mostrar ] su querella al rey . . . non se fuga . . .
«jedesmal wenn er vortragt», Fuero Juzgo II. 25; arvore que
de fruito, quem ha tallar peyte cinquo soldos e quem ha
decotar peyte ... «wer einen Obstbaum abhauen solite ...» Port.
Mon. hist. I, 544 ; e casa direita quem a derubar , peyte trinta
soldos , ib. 545 ; et si per aventura su contrariti aen facher et
de cussa mercatantia alcuna cosa in terra aet romaner , pagliet
su patrona . . . Statut. Sassar., AGI 13. 27; et ki Vaet devertere ,
appat anathema, a 1080, Carte volg. di Cagliari, AStI 35. 282.
III. s'oéje m ajjf a ’ccasà, m àjf a pijjed la foejje de re
mussare, «falls ich mich verheiraten solite,* nehme ich . . .»,
Trad. pop. abr. 207.
IV. Si oviere enfermedat o a de tractar otro pleyto mayor, non
faga detardar, Fuero Juzgo II. 1. 20.
29 . Eine interessante Form des Potentialis bietet Sardinien. Hier
war im 15. Jahrh. der bisherige Potentialis aet fakere zum Futurum
geworden. Dadurch wurde, wie Gamillscheg (p. 60) nachgewiesen hat,
die Formel fiir beide Funktionen unbrauchbar. Letzteres wurde nun
durch aet a fakere ersetzt; der Potentialis aber wurde zu aet cónto
fakere (< habet eccummodo facerc ), d. h. er wurde durch Hinzu-
fiigung des Adverbiums der Gegenwart 4 ausdrucklich von der zu-
kiinftigen Zeitstufe geschieden: Sutf unti manta quinguer duas per-
1 Bei Tertullian begegnet habeo + Inf. fast ausschliehlich noch im Neben¬
satz. Vgl. Thielmann, p. 83 u. 87.
2 Vgl. Gamillscheg, § 42ff..
3 Doppelter Ausdruck des Potentialis.
4 In àhnlicher modaler Verwendung begegnet im Transsylvanischen amìi
(< eccummodo) \ vgl. Amu cine mai mare est e intra imperatia ceriului,
«Quis, putas, maior est . . .?» «Wer diirfte wohl sein . . .?* Matth. 18, 1
(zitiert von Tiktin, Rum-Deutsch. Wtb. I, 17).
136
GERHARD ROHLFS
sones non bi at coni esser mai conformidade; su simile in diversas
intensiones difficile hat com r esser samistade «diirfte nie Uberein-
stimmung ,sein — diirfte Freundsehaft schwierig sein», Araolla, ed.
Wagner p. 39; tottu hat a preterire, hat a mancare . Oui siat istada
un 1 ora, unte momentu f a conio parrer «diirfte dir scheinen», ib. p. 21 1 .
30. Wie fiir den Potentialis dem , dederim in romanischer Zeit
dare habeo eintrat, so wurde der Irrealis darem durch die preteri¬
tale Form der Umschreibung abgelòst: dare habebam (liabui). Als
namlich im Laufe des 3. Jahrh. der alte Irrealis si haberem, darem zu
einer potentialen Periode der Gegenwart herabsank (Gamillscheg
p. 35), wurde fiir den Ausdruck des Irrealis ein Ersatz notwendig.
Da war denn das Nachstliegende, den Modus der Irrealitat durch
eine Modalumschreibung auszudriicken. Wir stehen also hier vor
derselben Entwicklung, die wir heute den deutschen irrealen Kon-
junktiv durchlaufen sehen. Dieser ist in der Auflòsung begriffen.
Zwar sagt man noch, «Wenn ich Geld hatte, ginge, fiihre, àfie,
gàbe . . .ich», aber es wird heute kaum einem Menschen mehr ein-
fallen, etwa zu sagen «Wenn ich kònnte . . ., biike, mòlke, wiische,
tranke ich . . .». Das heiBt, das Abbròckeln einer Verbalform beginnt
bei Verben, die an und fiir sich schon weniger gebraucht werden.
Hier setzen zuerst Umschreibungsversuche ein: «ich wollte, mòchte,
kònnte, diirfte, tate, miifite, wiirde backen». Genau dasselbe im Ur-
romanischen: cantarem ward umschrieben durch volebam, poter am,
debebam , habebam cantare. Sàmtliche dieser Modalumschreibungen
haben Spuren 2 im Romanischen hinterlassen. Wenn sich gerade die
letztei*e Form in so iiberwàltigender Majoritat in den Vulgaridiomen
durchgesetzt hat, so liegt die Ursache hierfiir wohl in dem Parallelis-
mus zu habeo cantare dem romanischen Potential (> Futurum),
ahnlich wie auch im Deutschen heute «ich wiirde singen > (neben dem
Futurum «ich werde singen») die beliebteste Form des umschriebenen
Irrealis darstellt.
Es wàre daher miifiig, darum zu streiten, welches in der Formel
dare habebam die urspriingliche Bedeutung von habere gewesen sei.
In dem Moment (4.-5. Jahrh. ’?), wo dieser Irrealis zum erstenmal irgendwo
auf dem Boden des Imperium Romanum von einem Individuum ge¬
braucht wurde, wohnte dem Modalverbum iiberhaupt kein runder
1 Andere Beispiele bei Gamillscheg, p. 68.
2 Volebam cantare im Altfranzosischen (Burgatzcky 184), im Rumànischen
urea canta; poteram c. im Italienischen (Wedkiewicz, p. 90f.), debebam c.
in Sardinien, Spanien, im Italienischen (ib. 90 f.), im Franzòsischen (Riibel,
p. 18 ffBurgatzcky, p. 184), debili c. in Oberitalien (s. ZRPh 40, p. 505.)
DAS ROMAN1SCHE //^j8£“0-FUTURUM UND KONDITIONAL1S
137
Begriffsinhalt mehr inne: Infinitiv und Modalverbum waren bereits
eine Einheit, die nur als Ganzes den irrealen Gedanken umschrieb.
Mit anderen Worten , das neue dare habebam war zunàchst nichts
anderes als ein affektischer Ausdruck des alltaglichem darem.
Wie Gamillscheg (p. 45) richtig erkannt hat, unterscheidet hier die
alteste Zeit noch insofern zwischen dare habebam und dare habui,
als ersteres den Irrealis Praesentis, letzteres den Irrealis Praeteriti
bezeichnet. Aber schon seit dem 8. Jahrhundert diirfte, wie ich
x bereits ZRPh 40. 505 zu zeigen versucht habe, dare habui auch in
der Toskana rein prasentische Geltung angenommen haben, d. h. der
heutige Zustand eingetreten sein: Ideo hoc dicemus, quia si inve-
nisset eum (der der badenden Frau die Kleider wegnehmen mochte)
aut vir aut propinquus . . . scandalum cum eum committere habuit
(Var. committerent, committeref), «wenn er fande, wurde er begehen»,
а. 733, Leg. Liutpr. cap. 135.
Dagegen hat sich der pràteritale Typ dare habui wenigstens in
den jiingeren Zusammensetzungen in einem ganz besonderen Falle
erhalten. Dariiber vgl. § 48.
31. Wir hatten also fur das Mittelitalien des 8. Jahrh. folgende
Strukturen anzusehen:
I. se avesse , dar avia
II. se avesse, dar ’ ebbi
Beide Typen werden hier bis ins 13. s. noch promiscue gebraucht,
vgl. e io tenessi . . ., io faria . . . essi verrei, Monaci, Crest. p. 319 ff. v.
240 ff. Erst seit dieser Zeit gewinnt dare habui im Toskanischen
ein entschiedenes Ubergewicht und verdrangt dare habebam (bei
Benv. Cellini fast nur noch bei Modalverben) schliefilich ganz aus der
Schriftsprache. Etwas konservativer sind die Mundarten, die zumai
im umbrischen Siiden ein Kontaminationssystem anwenden, vgl. Massa
Martana 1. dar io, 2. daressi, 3. daria, 4. daressimo , 5. daressivo,
б. dariano (f). Auch in Korsika dlirfte der ia- Typ der urspriing-
lichere sein. Er findet sich heute noch im Westen und Siidwesten
der Insci, wàhrend von Bastia und Corte her der aus der Toskana
stammende ebbe- Typ freilich schon langsam uber das Gebirge dringt*, in
der zweiten Person hat dieser iiberhaupt die ganze Insel bereits erobert.
32. Fur Oberitalien galt im 10. Jahrh. etwa folgendes Schema:
I. se avessi — dessi
II. se avessi — dar' avi (avi dar)
III. se avessi — dar' aveva
Flir die alte Zeit sind die einzelnen Typen schwer zu lokalisieren.
Bonvesin gebraucht in der Regel den habui- Typ (II.) ; die wenigen
138
GERHARD ROHLFS
ia -Formen kònnten entlehnt sein. Àhnlich liegen die Verhàltnisse in
den iibrigen lombardischen Denkmàlern (vgl. Gamillscheg p. 251 ff.).
Heute ist die Verteilung derart, dafi Typ I. auf die Gebirgstaler im
àufiersten Norden (Bergell, Grodnertal, Val di Fassa usw.) zuriick-
gedàmmt ist. Typ III. herrscht im ganzen Piemont westlich eines
Bogens, der durch die Punkte Monte Rosa—Novara—Casale—Ales¬
sandria geniigend fixiert sein diirfte, herrscht weiter in ganz Ligurien 1
und scheint in beiden Gebieten seit historischer Zeit bodenstandig zu
sein. Er findet sich weiter auf einem gròfieren Gebiet, das sich zwischen
dem Lombardischen und Furlanischen einschiebt, im Sliden durch den
Po, im Westen durch die Linie Gardasee—Mantua, im Osten etwa
durch die Livenza begrenzt wird und im Norden in die ratischen
Mundarten auslauft. Typ IL — und das ist das Auffallige —
scheint heute aus Oberitalien verschwunden zu sein. Bis auf spàrliche
Reste. Sein Hauptvorkommen ist heute im oberen Piavebecken und
im furlanischen Vorgelànde mit den Zentren Pordenone und Sacile.
Dazu kommt das venezianische Lagunengebiet, im Norden ferner Po-
schiavo (datovi ), im Osten noch Pola, Dignano und Rovigo 2 .
33. Dafiir begegnet nun hauptsachlich auf dem Boden der alten
Lombardei — dem Gebiete des altoberitalienischen duravi- Typs — eine
neue Form daréss. Dieses daress herrscht heute auf einem Gebiet,
dessen àufierste Vorposten gegen das Piemontesische Alessandria,
Casale und die Valsesia zu sein scheinen. Nòrdlich lassen sich die
Formen bis an die Sprachgrenze (Domodossola, Faido, Bormio) ver-
folgen; im Sliden diirfte der Po die Grenze bilden, wàhrend im Osten
die bereits erwàhnte Linie Gardasee—Mantua den Abschlufi gegen
das m-Gebiet bildet 3 . Jenseits dieses ^-Gebietes tauchen die ess-
Formen wieder in Friaul auf. Noch weiter gen Osten findet sich ein
isolierter Aufienposten in Muggia. Der Ausgangspunkt flir diesen
neuen Irrealis, unter dem, historisch und sprachgeographisch be-
trachtet, als altere Schicht dare habui lagert, sind die zweiten Personen
dieses alten Typs dare habnisti bzw. habuistis , deren -sii lautgerecht
zu -ssi werden mufite. Nach diesen Personen Wurde nun nach und
nach der ganze Irrealis analogisch umgebildet. Dieses heutige daress-
Gebiet wird halbkreisfòrmig umschlossen von einer Zone (ligurisch—
toskanisch - umbrisch - veronesisch), die ebenfalls heute auf dem Wege
1 Mit der § 33 ausgesprochenen Einschrànkung.
2 Vgl. die Sprachkarte.
3 In Mailand und im Stadtdialekt von Como herrschen heute wieder ia-
Formen, die einem allgemeinen Sieg des norditalienischen ia- Typs den Weg
zu.bahnen scheinen.
DAS ROMANISCHE HABEO-F UTURUM UND KONDITIONALIS
139
zur Durchfiihrung eines ^ss-Konditionals ist, aber zum Teil erst auf
der Stufe angelangt ist, die wir in der Lombardei bereits im 14. Jahr-
hundert vorfinden. Naheres uber diese Formen bei Wedkiewicz
p. 74 ff., Meyer-Lubke, RoGr. IL p. 365 und Gamillscheg
p. 252. Ob diese Erklarung auch fiir die ^ss-Formen Friauls und
Muggias zutrifft, ist zweifelhaft. Da nach den jiingsten Feststellungen
Gamillschegs fiir die rumanischen AnschluBgebiete im Osten (Istrien,
Bahat) jebenfalls doch mit einem Typ dare habuisscm (s. u. § 37 u. 44)
zu rechnen ist, diirfte es nicht ganz ausgeschlossen sein, dafì dieser
auch hier vorliegt 1 2 .
34. Wenig einheitlich sind die Verhaltnisse in Unteritalien. Hier
steht in alter Zeit fiir den Irrealis Praesentis si habercm , darcm , zu
dem in Neapel si haberem , dare habebam tritt. Nach dem Unter-
gange des Konjunktiv Imperfekti trat an dessen Stelle teils der Indi-
kativ des Imperfekts, teils der von Norden hereindringende Konjunktiv
Plusquamperfekti, teils der bisherige Irrealis Praeteriti dederani . Was
die /«Formen Unteritaliens betrifft, so finden sich diese heute nicht
allein im Napolitanischen \ sie sind weitverbreitet im Stadtdialekt von
Foggia und tauchen hier in der Capitanata auch bereits auf dem Lande
auf. Merkwiirdigerweise erscheint dieser Irrealis hier nun aber auch
im 5/-Satz. Aber nicht nur hier bieten Vorder- und Nachsatz dieselbe
Form. In der ganzen Terra d* Otranto herrscht heute si habebam
— dabam 2 • weit verbreitet in Kalabrien ist si habueram — dederarn 3 ,
wahrend si habuissem - dedissem ganz Sizilien und den Rest des
kontinentalen Unteritaliens einnimmt. Dafi in alllen diesen Fallen
nicht reine Attraktionserscheinungen 4 zugrunde liegen kònnen, diirfte
klar sein. Alle diese Perioden fordern vielmehr als «geistige Ety-
mologie» einen lateinischen Typ, der im Vorder- und Nachsatz dieselbe
Form bot. Dies aber kann nur si haberem — darem gewesen sein.
Als nun im Laufe des 11. Jahrhunderts der Konjunktiv Imperfekti in
1 Vgl. dare debidssem im Altfranzosischen jà desdaignier ne me
déusses, se à ton caer fiitié eusses , Dolop- 3403.
2 Vgl. Galatina (f) se io sapia , io Jia, «wenn ich wtìfite, ginge ich,» se
vui sapivivo, no mi lo komandavivo , «wenn ihr wiifitet, wurdet ihr mir’s
nicht befehlen,» io avia tuntisi, ti davo , «wenn ich Geld hatte, wiirde
ich dir’s geben».
* Vgl. Lauropoli (f) sa io saptrrd, io jtrrd,« wenn ich wiihte, ginge ich»;
S. Pietro Apostolo (Papanti) si hi poterra fare, ti la cederra , «wenn ich
konnte, wiirde ich sie dir geben», Serra-Pedace si forra na palumbedda,
me miniera . . . f.
4 So Gamillscheg, p. 256.
140
GERHARD ROHLFS
Unteritalien unterging (Gamillscheg p. 204 ff.), trat die ihn ab-
losende Form nun selbstverstandlich nicht biofi im Nachsatz, sondern
mechanisch auch im s/-Satz auf. Dafi im librigen die za-Formen, vom
Napolitanischen' abgesehen, nirgends im Stiden volkstumlich sind, zeigt
jeder Marchentext, zeigt aber auch die phonetische Form, vgl. Campo¬
basso avarria , aber puteja, Larino dar ria, abev perdeve, Palena vurria,
aber faciaive usw. Wo immer diese Irreale auftauchen, bleiben sie
espressioni di gala» h
35. Wie sehr hier noch alles in Entwicklung ist, und wie muhsam
die Sprache nach einem Ersatz fiir den untergegangenen Irrealis
(darem) ringt, zeigt am besten eine Anzahl von Zwitterbildungen. So
begegnet gleich im Stiden von Rom eine Verschmelzung des ebbe -
und za-Typs, non mi vorebbia mai arricordare, Morolo, Marsiliani
p. 207, ve vorrebbia dì, Rom, Zuccagni-Orlandini p. 309. Im Kala-
bresischen von Aprigliano findet man jerreria, entstanden aus dem
alten Plusquamperfektum jerra + -eria . Noch seltsamer muten einige
Formen an, die ich kiirzlich in der Mundart von Spaccaforno (im
aufiersten Siidosten von Sizilien) feststellte: trovasserei «troverei»,
kantasserei, avessiressivo «avreste», pagar asserei «pagherei», also
Kontaminationen aus dem heimischen trovassi und dem schrift_
italienischen troverei 1 2 . Da mòchte man fragen, ob nicht auch ein Teil
der bekannten -r/ss/-Formen Siziliens (Naheres bei Gamillscheg p. 253)
lediglich auf Konto einer Kontamination crederla + credissi > credi -
rissi zu setzen ware*?
36. Wesentlich einfacher liegen die Verhàltnisse im Westen. Hier
hat zunàchst das Iberoromanische als Irrealis Praesentis si hciberem
— dare habebam, als Irrealis Praeteriti si habueram — dederam .
Ersteres wurde in romanischer Zeit zu si habuissem, dare habebam;
letzteres erhalt im 14. Jahrhundert prasentische Funktion. Seit dieser
Zeit werden beide Typen ohne wesentlichen Unterschied nebeneinander
gebraucht. Vgl. Gamillscheg, p. 283ff.; Gefiner, ZRPh 14, p. 21 ff.
Auf dem provenzalisch-katalanischen Sprachgebiet steht dem Irrealis
Prasentis si habebam — dare habebam ein zunàchst prateritaler Typ
si habuissem — dederam gegentiber, der spater mit dem pràsentischen
Irreal gleichbedeutend wird. Dazu kommt im Katalanischen noch
ein Kontaminationstyp si habuissem , dare habebam.
1 Vgl. Modica, p. XXII.
2 Auch in Reggio di Cai. hort man avissarissivu «avreste». Vgl. noch
kalabr. ftessera (Catanzaro) und sarera (Saracena) «sarei» f. Uber for ria
s. Gamillscheg, S. 243.
DAS ROMANISCHE HABEO-Y\J'l \]RUM UND KONDITIONALIS
141
im àltesten Franzosischen finden sich si habuissem, dedissern und
si habuissem, dare habebam gleichwertig nebeneinander. Letzteres
wurde spàter, vielleicht durch sudlichen Einflufizu si habebam 2 ,
dare habebam .
37 . In Rumànien schliefilich ist an die Stelle von darem fruh
dedero getreten, das in Istrien und Mazedonien blieb, im ubrigen
aber von dare habuero (habuero dare) abgelòst wurde, vgl. ZRPh
40. 503. Fiir den Irrealis der Vergangenheit hat wohl auch hier
einst ein besonderer Typ bestanden, und zwar, wie Gamillscheg (p. 131)
glaubhaft macht, dare habuissem , das durch teilweisen Zusammenfall
mit Formen des Verbums «Sein» unbrauchbar und durch volebam
cantare (s. ZRPh 40. p. 503 f.) ersetzt wurde. Doch haben sich in
dem System des heutigen Konditionals Spuren ( as càuta, olymp.
kalkares) erhalten, die noch auf den alten Zustand hinweisen.
38 . Zweifelhaft ist, ob die optative Funktion, in der der rumanische
ara- Typ erscheinen kann, auf ròmische Zeit zuriickgeht oder aus dem
Einflufi der Nachbarsprachen zu erklàren ist. Fiir den ersteren Fall
spricht, daB auch in Unteritalien die Formel dare habebam bzw. heute
habebam ad dare noch durchaus voluntative Kraft haben kann: Era
'n cammisa, ca m ' avia curcari «wollte zu Bett gehen», Noto 302;
ora nu scarpareddu avia di maritari («wollte verheiraten») la figghia
Pitré 4. 49; d i aére nu rré che tené tré ffije Jémmene. «Stu rré
avé da ji 1 a la fjere. «Wollte gehen >, Trad. pop. abr. I. 130.
Dieser rumanische « Optati v» tritt nun so wohl im reinen Wunsch-
satz als auch in Fliichen und Verwunschungen auf 3 .
I. Fecior de crani, veded-te-as imparati «Kònigsohn, ich mochte
dich als Kaiser sehen!» Harap alb 5; mànca V ar branca,
sà’l màndnce ! «Der Rotlauf móge ihn essen!» Jarnik, p. 18;
màncav 'ar fripte al de ve are ! »Moge euch gebraten der-
jenige essen, der euch hat!» ib.
1 Nach Gamillscheg, p. 195. Auffàllig aber ist, dafi der àlteste Beleg
fiir diesen Typ (Gormund, v. 425, s. u. § 40) sich im abhàngigen Aussage-
satz findet. Noch im Dolopathos stehen 37 Prozent dieses Typs im ab¬
hàngigen Satz. Bestàtigt sich dieses Verhàltnis fiir die altere Zeit, dann
wàre si je venais, je serais zunàchst nichts anderes als indirektes 5 / je
viens, je semi, eine Periode, die sich fruh verallgemeinert hàtte.
2 Keine Dissimilaiion (!), wie Lerch (LB 1920, Sp. 260) will.
3 Ausfiihrlich handelt iiber diesen Gebrauch des rum. Konditionals in
Wunsch- und Verwiinschungssàtzen Ebeling, Probleme, p. 19ff. u. Ticèloiu,
ZRPh 41, S. 435ff.
142
GERHARD ROHLFS .
IL te-as ìntrebd «ich mochte dich fragen», Harap alb 12; de ne-ar
da Dumneséu tot atita stipar are «wenn uns Gott nur immer
soviel Sorge geben wollte», ib. 40.
39. In den einzelnen Vulgarsprachen verteilen sich die hypothetischen
Systeme folgendermafien :
Si haberem, dare habebam (Sardinien).
IL T isti conio ispantare 1 certa inie si casta barba hirsuda
intro ima ispiyn videres «du wlirdest erschrecken, wenn du
sàhest», Araolla, ed. Wagner 52; Jiint conio esser de fama
pias ancora , si ,.. cnddn ingegna non s esser et par fida, ib. 57.
III. si oberemu, iat a essi mali po mei «wenn ich òffnete, wiirde
es mir schlecht gehen-, Nov. sarde 61.
40. Si habebam — dare habebam .
I. (Frankreich, Katalonien, Korsika)
veir dist li sors, si jeo veneie en icest ost que je sereie o pns
o mors, Gormund v. 425; si s 9 esdeveuia qtte no pognes venere
per forca . . . aydar-m en hia per ma art, Tierepos Roman
Lull, p. 16; se jo sapia . . . jo andaria, Bigorno, Bastia f.
III. (Sardinien)
Si tue teniaz a dinare, me ne aias a a dare «wenn du hàttest,
wiirdest du geben*, Tonara f ; si osateros temete tempus u ,
aiais 1 a benere kon noiz ', ib.
41. Si habitissem (habneram) — dare habebam .
(Frankreich 2 , Iberische Halbinsel, Italien)
I. Io be f hi deixaria com tu 'm prometesses de tornarne,
Rond. catal. 74; si no se gnardase està puntualidad con
estos, no se podria vivir con ellos, Cervantes, Don Quij. IL 60 ;
se tu tivesses o rabo mais curto, fìcarias muito mais bonito ,
Cont. port. 19; ca s' io temesse c a voi dispiacesse , ben m
aucideria e non viveria, Monaci, p. 47; stesse vicina cornine
sto lontana , io te lo facerria mattina e sera, Neapel, Canti
mer. 118.
IL se as informaQòes fossetti desairosas havia disertile a elle ,
aus Castello Branco, zitiert von Cornu, Gròbers Grundrifi 2 I. 2,
p. 1023; si lu viera Don Toribu , non tien dada, liabia ablucase,
Poes. astur. 89.
1 Dieser lrreal, der noch heute im Zentralsardischen von Bitti erhalten
ist (ZRPh 34, 587), entspricht dem potentialen hat corno fakere «er durfte
tun» (s. o. p. 133); zur Form habui stati habebam , vgl. Gamillscheg, p. 62.
2 Uber diesen Typ im Altfranzosischen vgl. Sechehaye, RF 19, 365 ff.
DAS ROMANISCHE HABEO-V\5TVR\JM UND K.ONDITIONALIS
143
IV. me habias de condenar si ya no lo estuviese, Caballero,
Cuentos 95* se as mesmas koras se voltdsse para o ontro
lado . . . havia muitas veses de avistar a Ina , Diniz, As
Pupillas 63.
42. Si habuissem — dare ìiabui (Italien).
I. se kaves Cento ducat ... me faròue far un brond, magneroù ...
compreroh, Belluno, AGI 16, p. 90 ff., v. 1011 ff.; murusa meta ,
se sula i te truvasse, te dunaravi el pan eli f gò in bisasse,
Cant. istr. 79.
II. e se no fos el prego vostro , ìYIadona, lo mondo avo perir
cun gran furor, Mussafia, Mon. ant. F. 173f.^ nu havem fa
pur ben, se lo cor . . . volesse pur sta in fren, Bonvesin,
ed. Bekker,. A 286.
43. Si habere kabebam — dare kabebam (Capitanata, Principat).
I. ca si lu pputarria fa, cu tuttu lu core ti la rarriu, Ariano,
Papanti; O Dija! k’ eija sarija patora, o retratta da latnija
amika far eija, «wenn ich ein Maler ware, wiirde ich mein
Liebchen malen», Foggia f k
44. Si kabuissem — dare habuissem .
1. (Altrumanisch, Friaul?)
se o savss, o lares wenn ich wlifite, ginge ich-, Paluzza,
Friaul f.
III. (Sizilien).
Oh Diti, sta cantunera fussi seggkia! Nun mi ci avissi a
moviri assittatu. Ware diese Ecke ein Sitz, so wiirde ich
nicht aufstehen>, Noto 192; Ok Din, ca V arti mia forra
pitturi! Lu ritrattu ri tia m’ avissi a fari, ib. 141.
45. Si habere kabuissem — dedissem (dare kabui usw.).
Dieser Typ findet sich zerstreut iiber ganz Italien, hauptsàchlich
in Sizilien und der Lombardei. Vollstandig Boden gefafit hat er in
Orzinuovi (Prov. Brescia).
III. Ddoppu reci anni su avissi a tumori , la 'me cinturi stissa
amassi a tia, Noto 174; siddu ni avissi tu a cunsiderari ,
certa dicissi: Ragioni vui aviti, Etna, ATRP 8, 542 ; se anche
tu avessi a mancarmi, che sarebbe di me senza figli affatto ?
Fiabe mantov. 62.
1 Auch in Stidkalabrien, vgl. si sarria ti acceddu, volarria (Giffone t)-
Zum Franzosischen vgl. Burgatzcky, p. 133 ff.; der Typ ist heute weit ver-
breitet im Pas de Calais; vgl. Atl. ling. K. 511.
144
GERHARD ROHLFS
IV. se avess da pudì, at voress dona «wenn ich kònnte, wiirde
ich geben», Bozzolo b. Mantova, Papanti; se f avesset de vede,
mamma, che bella giovina che V e veglimi a la festa «wenn
du gesehen hattest, was fiir ein schònes Madchen auf das Fest
gekommen ist!» Milano, Nov. fior. 161; se ges da sai V, ta
V digares «wenn ich’s, wiifite, wiirde ich’s sagen», Orsinovi f;
se V es da trovà la to mostra , te la dares «wenn ich die
Uhr fande, wiirde ich sie dir geben», ib. ; se te ta ’m esset
da dà kela legar le, ta la pageres «wenn du mir jenen Hasen
dort gabest, wiirde ich ihn dir bezahlen», ib.
46 . Si habuissem — dare habueram \
II. Portugal
Que se do boi los chavelhos eu alli Ihe fosse dar, de ludo,
qu ' cu Ihe fedisse, nada iriliavéra negar. «Wenn ich ihm
gabe, wiirde er mir nichts abschlagen», Azevedo, Romanceiro
da Madeira, p. 279; si me contasses occulto, meu reino bavera
dar } Romero, Cant. pop. do Brazil I, 14.
III. (Altspanien, Modica)
se por peccados malos quisiessen contender, ovieran se los
griegos en coyta a veer, Alex. 2006 ; si ftiesse tu ventura . . .
ovieras a mi solo por sennor a catar, ib. 1617; Ó Ddiu!
ca Varti mia fussi pitturi, nu ritrattu ri tia irìaverra a
jfari , Modica 68; Oh Ddiu! ca si bb’avissi ppi muggeri,
sempri a li sona v’avcrra a ffari ) ib. 80.
IV. (Altspanien)
ovieranse y de matar, si non por el rey que departiolos «sie
hatten sich getótet», Cron. gen., ed. Pidal 417, 2, 28; apouco
de tenpo Ile ouveran de cortar a cabe^a, se eytor alij non
chegara «wenn Hektor nicht gekommen ware, hatten sie ihm
den Kopf abgehauen», ib. I, 225.
47 . Si habere habuero — dare habuero (Rumanien).
I. Donneai tu mult si bine y Harap alb, de nu ieram leu «du
wiirdest schlafen, wenn ich nicht gewesen ware», Harap alb 57 ;
II. De m’ati iubi , v r atf fi bucuratu «hattet ihr mich lieb, so
wiirdet ihr euch freuen», Johannes 14, 28; de nu asu fi venitu .. .
nu aru ave pccatu «wenn ich nicht gekommen ware, so hatten
sie keine Siinde», ib. 15, 22.
1 Zum Lateinischen vgl. Thielmann, p. 193.
DAS ROMANISCHE /MSjE'O-FUTURUM UND KONDITIONALIS
145
48 . Eine merkwurdige Form des Irrealis findet sich in Unteritalien
und im Leonesischen. Hier wird nàmlich, wenn man ein drohend
bevorstehendes Ereignis (Eventualis) ankiindigen will, dessen Ein-
treten aber schliefilich doch noch unterblieb (paene cecidi), nicht, wie
man nach den ganzen romanischen Verhàltnissen erwarten solite, die
pràteritale Zeitstufe durch den Infinitiv, sondern durch das Modal-
verbum zum Ausdruck gebracht, also nicht essere habebam mortuus ,
sondern hàbui mori «ich wàre beinahe umgekommen», d. h. es diirfte
in diesem besonderen Fall der lateinische pràteritale Typ hcibui dare
«ich hatte gegeben> (s. oben p. 137) sich erhalten haben h
II. hubo caerse «er wàre beinahe gefallen», Dial. leon. 84.
III. lo nigro prencepe sentuto sta ntimazione de decreto appe a
morire spantecato «wàre vor Schreck bald umgekommen»,
Pentam napol. ed. B. Croce I, 240; la quale, visto chella brutta
caira pelosa appe a crepantare de spasemo, ib. I, 111; Sapa-
tella, che ntese parlare a no serpe, appe a spiretare, ib. I, 210.
IV. visto ca V aveva fatto doppia de figura, appe da dare de
capo pe le mura, ib. I. 61 ; sta signora abbe da muri pe la gra’
pena de ’ri arsione accusi brutta, Campagna di Roma, Papanti.
40 . Auffàllig ist, dafi dieselbe Formel (dare habui) auf den gleichen
Gebieten nun auch im Sinne eines durativen Praeteritums stehen
kann 1 2 .
II. cu le lacreme mmeiV ibbi addacquare «ich bewàsserte», Lecce,
zitiert von Filzi, StR XI, 74.
III. avia lu cori comu la carta e a nuddu mai appi a fari la-
mintari «faceva piangere», Pitré IV, 35; ma ncarchidunu nei
appi a diri «sagte ihr», Palmi, Papanti; f ntra se bistimiava\
ma appi a fmeiri, e dissi «er verstellte sich», Partinico, ATRP 3,
260; ovo està facienda XV. dias a durar «dauerte 14 Tage»,
Alex. 1903; cuydeste de mi mano foir e estorcer, ovieste 'en
peores manos a caer «bist du gefallen», ib. 1615 3 .
1 Das Altfranzòsische bietet hier eine verwandte Konstruktion debui dare;
vgl. de poor dui estre crevez. Rom. de Ren. 14371, s. Rii bel, p. 55 f.
2 Vgl. rum. vrea face «er tat», lat. voluit relegare «relegavit»,
s. Gamillscheg, p. 120, Spitzer, AStNSp 131, 471, Filzi, StR XI, p. 74.
3 Dieselbe Verwendung bietet noch heute das Regionale Spanische von
Murcia; vgl. Me hard usted un gran favor .... hube de respanderle
«antwortete ich ihm», Alb. Sevilla, Gazapos literarios 68, en las Nociones . . .
que hubo de escribir («geschrieben hat») el dodo catedrdtico , ib. 160, en
cambio no hubo de anotar («hat er nicht vermerkt») palabras tan murcianas
corno . . . id. Vocab. murcian., p. IX usw.
Archivimi Romanicum. — Voi. VX. — 1922 . 10
146
GERHARD ROHLFS
IV. nei sarà la secunda scotnlata y Parmeri 1‘ ebbi già ’i telegrafari
< es wird noch einen zweiten StoB geben, Palmieri (der Direktor
der Observatoriums) hat es schon gemeldet», Rose e spine 45;
dimmi tu, grandi Dio, pe quali miri avisti ssa figghiola di
criari «creasti», ib. 33; gli Ré chi abbe da capì sto latino
’nfinalmente esci da la pigrizia «verstand», Campagna di Roma,
Papanti.
50 . Nachdem im Laufe unserer Untersuchungen bereits mehrfach
von dem sogenannten abhangigen Futurum die Rede war, sei
hier kurz das Wichtigste iiber diese Form der Abhàngigkeit nach-
getragen. Ich stelle dieses Kapitel deshalb aufierhalb des eigentlichen
Rahmens dieser Arbeit, weil in dem Moment, wo der Typ dare habeo
(habeo dare) in den verschiedenen Teilen der Romania einmal als
temporale Verbalform ausgepràgt war, die Form des abhangigen
Verhaltnisses von selbst gegeben war.
Ich glaube jedoch, mich hierbei um so kurzer fassen zu diirfen, als
Gamillscheg in seiner grundlegenden Arbeit dieser Frage bereits
gròBere Abschnitte (vgl. p. 60ff v p. 231, p. 301 ff.) gewidmet hat.
Gamillschegs Verdienst ist es, nachgewiesen zu haben, daB Konditionalis
und abhàngiges Futurum grundverschiedene Begriffe sind, daB letzteres
sich vom Konditionalis lostrennt, wo immer das selbstàndige Futurum
eine Sonderentwicklung nimmt (p. 302).
Die sprachliche Form selbst hangt da von ab, ob jeweils das
Abhàngigkeitsverhaltnis durch den Konjunktiv oder Indikativ be-
zeichnet wird. Und zwar steht der Indikativ nicht nur in Frank-
reich, sondern auch in Sardinien und Unteritalien ; habeo dare wurde
zu dixit quod dare habebat. Dort aber, wo die Abhàngigkeit
durch den Konjunktiv ausgedriickt wird (Nord- und Mittelitalien,
Spanien, Portugal, Frankreich in der àltesten Zeit), muBte habeo
dare zu dixit quod dare haberet 1 werden. Dieser Typ erscheint
nach dem Ersatz des Konjunktiv Imperfekti durch den des Plus-
quamperfekts als dixit quod dare habuisset . Demnach kamen
flir den Ausdruck des abhangigen Futurums folgende Urtypen in
Frage :
I. Ind ikati vische Form [Frankreich]
a) dixit quod dare habebat
dist li sorz . . . que jeo sereie o pris o morz , Gormund
v. 425.
1 Vgl. Thielmann, p. 81.
DAS ROMANISCHE HABEO-FUTVRUM UND KONDITIONALIS
147
b) dixit quod habebat dare [Sardinien, Spanien, Portugal]
si se videren c arun poter vinker ad esser liveros, vennitos
ind* esseren a ccorona, Condaghe 205 ; en el tiempo primero
oyemoslo de$ir quantos iban a la iglesia . . . todos aviari
el cnerpo de Christo resibir ^wiirden empfangen», Sacr.
de la Missa 285.
c) dixit quod habebat ad dare [Unteritalien]
sapia chi cci avia a jiri la Morta arreri «wufite, dafi der
Tod zuriickkehren wiirde», Pitré III, 74; vulia sapiriquannu
avia a chioviri «wann es regnen wiirde», ib. 135; saira
atandiìid tri a dittd, ka avaijd a turna sia matina gestern
abend sagte mir mein Vater, dafi er heute morgen zurtick-
kommen wiirde;», Altamura j
d) dixit quod habebat de dare [Spanien, Portugal, Unteritalien]
O rei disse-lhe que fosse que havia de vèr dois tanques
er solite gehen, denn er wiirde sehem, Cont. port. 136;
yo te quise no pensando que me habias de olvidar, Caballero,
Cuentos 239; ieje sapujja c’ ackuscì haveive da dicere
«ich wufite, dafi du so sprechen wiirdest», Cremonese, Vocab.
Agnon. 147 * •
e) dixit quod debebat dare [Unteritalien]
vedendo che grande bene et profecto devia essere, Sydrac
otrant., AGI XVI 57, 44; multo grande invidia de ciocca
ilio deveano montare donde illu era caduto f ib. 58, 1.
Weitere Beispiele bei Gamillscheg, p. 239.
KonjunktivischeForm
a) dixit quod habuisset dare [Oberitalien |
ben sope f anse k’ el te creasse , ke tu havissi perire , ke tu
per toa colpa havissidexobedire, Bonvesin; vgl. Gamillscheg,
p. 239.
si com vos aves feit de li , eussies vos feire de moi ou pis
in einer franzosischen Handschrift des 13. Jahrhunderts, die
offenbar von einem Italiener verfafit ist, vgl. Mussafia,
Sitzungsber. phil.-hist. Kl. Wien 39, 549.
b) dixit quod habuisset ad dare [Mittelitalien, Spanien]
per più giorni non esce, forse sperando che ancor avesse
a rivivere, Fiabe mant. 146; io vorrei sapere, quando io
V avessi bavere , Benv. Cellini, p. 271; si sabes que tal
cars scu Itagli es a seguir , noi vos volguera hauer donat
per cosa del mon , Prim. congr. int. de la lleng. catal., p. 142.
10*
148
GERHARD ROHLFS
c) dixit quod habuisset de dare [OberitalienJ
sperand col temp che avess de ravvedemmo «elafi er mich
wiedersehen wurde», Milano, Fuggitiva, p. 12.
d) dixit quod debuisset dare [Mittelitalien, Nordfrankreich]
tu credevi, sciagurata fanciulla, che io non dovessi accorgere
della tua curiosità, Fiabe mant.. p. 73; allora fo viso che
tocta la terra debesse fundare de troni, Monaci, p. 548;
et cuidoit bien ke la reine déust toz jors estre brehigne,
Dolopathos, v. 1067; il penseroient que de voir Ven aper-
ceusses et ke le trou garder déusses «dafi du das Loch
bewachen wiirdest», ib. 5572.
Freilich darf man nicht erwarten, dafi diesen hier aufgestellten Grund-
formeln nun die heutigen Verhaltnisse auch unbedingt entsprechen.
Zunachst haben aufiere, meist analogische Einfliisse das Bild der aus
lateinischen Verhaltnissen allein zu erwartenden Entwicklung verwischt.
Daher ist es zu erklaren, dafi die oben aufgestellten Formeln heute
zum Teil untergegangen sind, zum Teil neben den heutigen Bildungen
nur noch gelegentlich zum Vorschein kommen. So ist heute einerseits
in den nordlichen zwei Dritteln Italiens (in Norditalien mehr als in
Mittelitalien) an Stelle der konjunktivischen Umschreibung n^ch fran-
zosischem Muster die Form getreten, die gleichzeitig den Irrealis um-
schreibt. Dieselbe Verwendung des anorganischen Konditionalis hat
sich auch in Portugal und Spanien (hier bedeutend frliher als im
Westen) eingeburgert (vgl. Gamillscheg, p. 304 f.), wo urspriinglich
der blofie -ss- Konjunktiv als Ausdruck des abhangigen Futurums
genugte. Andererseits beginnt in Unteritalien unter dem Einflusse
der Schriftsprache der Konjunktiv vielfach in die Konstruktion der
Abhangigkeit zu dringen und hier dem Indikativ den Platz streitig
zù machen; vgl. Pitré III, 224 cridennusi pirò ca ci V avissiru a
fari tastari; ib. 225 pirò ci cridia ca di mumentu ’n mumentu ci
n } avissiru a pur tari quarchi pizzuddu; Pent. napol. I, 210 penzanno
ad ora ad ora che V avesse a sciccare lo naso .
Zusammeiifassung‘.
Immer mehr hat sich im Laufe dieser Untersuchung gezeigt, dafi
das romanische Futurum und Konditionalis gar keine einheitlichen
Tempora sind. In den beiden gemeinromanischen Formen dare habeo
und dare habebani ist vielmehr eine ganze Reihe von modalen
Verbalfunktionen zusammengeflossen :
I. Potential, Optativ, Imperativ, Dubitativ, Konzessiv > Futurum,
II. Irreal; pràteritaler Dubitativ, Jussiv und Potential > Konditionalis.
DAS ROMANESCHE i/^££*0-FUTURUM UND KONDITIONALIS
149
Neben diesen beiden Formen hat aber in urromanischer Zeit ein ganzes
System einer mit habere und dem Infinitiv gebildeten und vollstàndig
durchflektierten Modalumschreibung bestanden, deren einzelne Glieder
(cantare habui, habueram, habaero, habeam, habuissem) auf
romanischem Boden freilich nur hie und da Reflexe hinterlassen
haben. Wenn nun heute il fera «es ist mòglich, dafi er es tut» in
erster Linie als Verbalbestimmung der Zukunft aufgefafit wird ? so
bedeutet das nichts anderes, als dafi die Modalfunktion (Potentialis)
sich mehr ùnd mehr zur Temporalfunktion 1 verschoben hat ? d. h. es
wiederholt sich hier derselbe Vorgang, der sich in vorplautinischer
Zeit in der Entwicklung von veniat «er diirfte kommen», faxo «ich
mòchte tun» zu veniat er wird kommen», faxo deh werde tun»
abgespielt hat 2 . Aber auch hier geschah der tJbergang vom Modus
zum Tempus nicht so urplotzlich und elementar, dafi nicht haufen-
weise Spuren der urspriinglichen Funktion erhalten blieben 3 .
Diese Entwicklung vom Modus zum Tempus ist heute langst nicht
abgeschlossen. Die vollzieht sich auf den einzelnen Gebieten der
Romania an unserer Formel in denselben Bahnen stets wieder von neuem ;
und gerade die modernen Mundarten sind es ? die uns an ihrem lebendigen
Bora immer und immer wieder die Familiengeheimnisse der alteren
Sprachen verraten.
1 Auch der sogenannte «Konditionalis» ist alles andere als «urspriinglich
ein Tempus» (Lerch, Verw. des rom. Fut., p. 244). Im Gegenteil hat sich
hier die Modalfunktion in ihrem vollen Umfange erhalten. Allerdings stellt
die Form il ferait auch ein abhangiges il fera dar, aber abhangiges Futurum
und Konditionalis sind doch schliefilich grundverschiedene Begriffe; vgl
Gamillscheg, p. 301 ff.
2 Urspriingliche Konjunktive (der Ungewifiheit) sind ferner videro,
ero j td'ojLu , XQéjuuù) usw. Dieselbe Entwicklung vom konjunktiven (also
modalen) Begriff zum Futurum hat sich nicht nur im Neugriechischen, im
Albanesischen, Bulgarischen und Rumànischen, sondern auch im Alt-
deutschen vgllzogen.
3 Vgl. ibo «ich will gehen», manebimus *lafit uns b.», venies hodie
«komm», sic curabis «sollst pflegen», laadabiint «mògen loben», istic erit
der diirfte es sein», usw.
150
GERHARD ROHLFS
Verzeichnis der Punkte zur Sprachkarte 4 .
1. Spalato
2. Sebenico
3. Zara
4. Cherso
5. Albona. 5 a. Fiume
6. Pola
7. Dignano
8. Rovigno
9. Pisino
10. Capodistria
11. Muggia
12. Badia
13. Gròdner Tal
14. Val di Fassa
15. S, Martino
16. Montebelluna
17. Bormio
18. Li vigno
19. Poschiavo
20. Bergell
21. Sondrio
22. Erba
23. Como
24. Milano
25. Martinengo
26. Monticelli
27. Zibello
28. Ficarolo
29. Spezia
30. Foligno (f)
31. Todi
32. Massa Martana (f)
33. Viterbo
34. Teramo
35. Castelli
36. Notaresco (t)
37. Città S. Angelo
38. Canosa Sannita
39. Bucchianico
40. Casoli (f)
41. Atessa
42. Villa S. Maria
43. Gesso Palena
44. Civitaluparella (f)
45. Agnone
46. Morrone del Sannio
47. Larino
48. S. Martino i. P.
49. Monte Sant’ An¬
gelo (f )
50. Manfredonia (f)
51. Foggia (f)
52. Celle S- Vito
53. Melfi .
54. Canosa di Puglie
55. Andria
56. Bisceglie
57. Terlizzi
58. Bari
59. Modugno
60. Altamura (f)
61. Airola (f)
62. Nola (f)
63. Muro Lucano (t)
64. Tito
65. Matera (f)
66. Saponara
67. Moliterno
68. Ferrandina
69. Castrovillari
70. Lauropoli (f)
71. Casole Bruzio (f)
72. Cosenza
73. Cellara
74. Scigliano
75. Grimaldi
76. Nicastro
77. Catanzaro
78. S. Pietro Apostolo
79. Tiriolo (f)
80. Monteleone
81. Palmi
82. Bovaiino
83. Calanna
84. Reggio di C. (f)
85. Melito
86. Brancaleone (f)
87. Messina (f)
88. Etna (f)
89. Acireale
90. Catania
91. Carlentino (f)
92. Siracusa (f)
93. Noto
94. Modica
95. Ragusa (f)
96. Mineo
97. Assoro
98. Troina
99. S. Fratello
100. Nicosia
101. Castro Giovanni
102. Caltanisetta
103. Aidone
104. Polizzi
105. Vallelunga
106. Girgenti
107. Alia (f)
108. Termini
109. Palermo (f)
110. Capaci
111. M. S. Giuliano
112. Trapani (f)
113. Marsala
114. Mazarra (i*)
115. Cagliari
116. Tonara (t)
117. Lodè (f)
118. Bit ti
119. Macomer
120. Bolotana
121. Ozieri
122. Alghero
123. Tissi (f)
124. Sassari
125. Tempio
126. Sartena (f)
127. Ajaccio (t)
128. Valle d’ Alesani
129. Bigorno (f)
130. Bastia (f)
131. Speloncato (f)
132. Isola Rossa
133. Prunelli (f)
134. Rogliano
1 Die einzelnen Werte gehen im allgemeinen auf die Versionen bei Papanti
zurtick. Ein f weist auf eigene Aufnahmen.
DAS ROMANICHE HABEO-FV TURUM UND KONDITIONALIS
151
Nachtràge.
S. 110, § 4: Ein ursprungliches avi cantar (chabebam cantare)
glaubt Meyer-Lubke auch ftir das Altgaskognische erschlieBen zu
diirfen; vgl Zeitschrift f. fr. Spr. 1916, S. 103.
S. 112, Anni. 1: Vgl. noch altabruzz. questo celato no ò tenere,
Passio Domini, s. Bull. Ist. stor. V, S. 133.
S. 112, Zeile 11 : Erhalten hat sich habeo dare hier noch in Airola,
Marigliano und vielleicht in Cerignola. Vgl. Airola aje votà (Canti
mer. 23), Marigliano aggio vede (Imbriani, Canti di Marigliano, S. 6),
V haje levare (ib. 13). Zu Cerignola vgl. AGI 15, 234.
S. 117, Anni. 2: Mit der Feststellung, dafi der Imperativ chantez
in der alten Sprache ebenso gut ein Konjunktiv sein konnte, soli nattir-
lich nicht gesagt werden, datò citante* ! nun tatsachlich auf einen
schon lateinischen Befehlskonjunktiv (*cantatis ! < cantetis!) zuruck-
geht, vielmehr haben wir es in citantes! wohl mit einer relativ jungen,
wahrscheinlich nach dem Zusammenfall von cantate! und cantata
(> chantet) erfolgten analogischen Pluralbildung zu tun, die allerdings
in den Imperativen konjunktiver Herkunft (aie : aies, saette: sachez usw.)
eine starke Stutze gefunden haben konnte. Es wtirde sich hier also
um eine ahnliche sekundare Neubildung handeln, wie sie beim Prohi-
bitiv nicht nur im Unterengadinischen non purtar! > non purtarai !,
sondern auch im Altrumanischen mi jurare! > nu jurdretì! zu be-
obachten ist. Vgl. Gartner, Ràtorom. Gr. § 133 und Tiktin,
Rum. Elementarb. § 235.
S. 120, § 13: Einen merkwiirdigen Prohibitiv kennen die ost-
italienischen Mundarten von Arcevia bis Campobasso. Hier erscheint
namlich das Modalverbum im Konjunktiv Imperfecti: n atssce da
toccà «non toccare» Arcevia, Crocioni S. 36; nne vv’ avessif d credere
<non credete», Agnone, Papanti; 'n d! aviscia crére «non credere»,
Campobasso, ib. Es scheint, als ob hier eine Kontamination vorliegt
aus non avef a credere! und einem konjunktivischen Prohibitv non
credeste! Datò ein solcher Prohibitivtyp (non cantasses!) ftir einen
Teil der Romania anzusetzen ist, zeigt das Altlombardische (vgl. Arch.
glott. 14, 260) und Arcevia ( n te credtssce y Crocioni S. 36). Aber
auch im Katalanischen ist dieser Prohibitiv durchaus gebrauchlich,
vgl. no li diguessis pas res f Rond. cat. I, 43, mes no f adormen-
tisses pas y ib. 44, no segtiissis pas lo printer, ib. 48, no ’ls toquessis
pas, ib. 64. Der Konjunktiv Imperfecti ist hier nicht ganz leicht zu
152
GERHARD ROHLFS
erklàren. Vielleicht ist auszugehen von lat. ne cantaris!, das mit
dem Konjunktiv Imperfecti cantàves zusammenfiel und wie dieses bei
dem Untergang des Konjunktiv Imperfecti nun automatisch durch den
romanischen Konjunktiv Imperfecti cantasses ersetzt wurde. Uber
eine andere Erklarung des altmailandischen no prendissi! vergleiche
Gamillscheg, § 238.
S. 134: Zu § 27, III ist noch hinzuzufiigen : Reggio di Cai. (f)
Don Cicchi appi a murivi di morti subbit a «ich vermute, dab Don
Cicciu eines plòtzlichen Todes gestorben ist».
S. 145, § 49: Dieselbe Entwicklung, die man in habui dare [«ich
hatte gegeben» > «ich gab»] beobachtet, zeigt ubrigens auch kretisch
eì%e xd^iev «er hatte getan» = i'xaue «er tat»; s. Kretschmer, Les-
bischer Dialekt, S. 311.
DAS ROMANISCHE iMBifO-FUTURUM UND KONDITIONAUS
153
lnhait. ■ -
Seite
Vorwort.105
Abkiirzungsverzeichnis. 105
1. Entstehung und Bedeutung von habeo + Infinitiv .107
2. Stellung des Modalverbums.109
3. Verbreitung von dare habeo . 109
4. Verbreitung von habeo dare ...110
5. Verschmelzung zur synthetischen Form.. 112
6. Trennbarkeit im Prov.-Katalanischen.114
7. Im Spanisch - Portugiesischen. 114
8. In Italien. 115
9. Romanische Neuschòpfungen.115
10. Bedeutung der Formel in den einzelnen Personen.116
11. dare habes als Imperativ. 117
12. Als kategorischer Imperativ im Romanischen. 117
13. Als gewòhnlicher Imperativ.120
14. Enklitische Stellung der verbundenen Pronomina.121
15. dare hàbemus als Adhortativ. . . .. 122
16. Verdràngt den Konj. Pras.123
17. dare habeo als Optativ .1.124
18. Konzessiv. 125
19. Il fumé. — Fumeras! .125
20. sauto que sautaràs . 127
21. Dubitativ Praesentis. 127
22. Dubitativ Praeteriti.128
•23. In der unwilligen Frage. 129
24. Als abhàngiger Jussiv Praesentis.129
25. Als abhàngiger Jussiv Praeteriti.130
26. Als Potentialis Praesentis.131
27. Als Potentialis Praeteriti. 134
28. Potentialis im abhàngigen Satz.135
29. Sard. aet corno fakere ...135
30. dare habebam (habui) als Irreal. 136
31. In Mittelitalien. 137
32. In Oberitalien.137
33. Lomb. darèss . 138
34. In Unteritalien..139
35. Zwitterbildungen.140
36. Im Westen. 140
37. dare habuero im Balkanromanischen. 141
154 GERHARD ROHLFS, DAS ROMANESCHE //AREO-FUTURUM USW.
Seite
38. as ìntrebd als Optativ.....141
39. Si haberem — dare ìiabebam .142
40. Si habebam — dare habebam . 142
41. Si habuissem — dare habebam . 142
42. Sì habuissem — dare habui .143 *
43. Si habere habebam — dare habebam .143
44. Si habuissem — dare habuissem .143
45. Si habere habuissem —- dedissem . 143
46. Si habuissem — dare habueram . 144
47. Si habere habuero — dare habuero . .. 144
48. habui cadere als Eventualis.145
49. habui dare als duratives Praeteritum. 145
50. Das abhàngige Futurum. 146
Zusammenfassung.. . . . 148
Verzeichnis der Punkte zur Sprachkarte.150
Nachtràge. 151
Gerhard Rohlfs.
VARIETÀ E ANEDDOTI.
Onastini.
Im Jahre 37/38 n. Chr. bezeichnete der Platzkommandant (praefectus
castrorum) L. Trebius Secundus durch Marksteine die Grenzlinie
«inter Onastinos et Narestinos» 1 im Auftrage des kaiserlichen Statt-
halters der Provinz Dalmatien L. Volusius Saturninus, der vorher in
einer Verhandlung (athi[b]ito consilio) Grenzstreitigkeiten zwischen
diesen zwei illyrischen Vòlkerschaften geschlichtet hatte. Ein auf
dem Htigel Greben bei Krug in der Landschaft Po^ica (bei Spalato,
Dalmatien) aufgefundener Grenzstein berichtet uns inschriftlich dieses
Ereigriis, s. CJL III, 8472 1 2 . Der Name der Bevòlkerung Onastini
erscheint funf Jahrhunderte spater, a. 533, als Landschaftsname, ge-
schrieben diesmal mit e statt a : Onestmum (se. territorium), in den
Beschliissen der Bischofssynode von Salona 3 , wo es heifòt, daB es zur
Diòzese von Mùccùrum , heute Makarska 4 , zu gehoren habe.
1 Setzt voraus die Existenz eines illyrischen Ortsnamens * Nei reste, ge-
bildet mit demselben Suffix wie Bigeste, ebenfalls in Dalmatien. Vgl. noch
CJL III, 12794 ijnter Ner[... Juos et Pitunlinos termini r[...]gniti,
wo vielleicht eine andere Variante dieses Ortsnamens, etwa *Nereste, zu
postulieren wàre. Die Formen, die die antiken Geographen dafiir geben,
gehen stark auseinander, s. CJL III, p. 1499 und p. 2131.
2 Zur Interpretierung der Inschrift vgl. noch Bulic und Gatti in Bullettino
dalmate XII, 147; XIV, 9.
3 Sisic, Enchyridion fontium historiae croaticae I, 162, Thomas archi-
diaconus, historia salonitana, herausgegeben von Racki, p. 17. Batthyàn,
Leges ecclesiasticae regni Hungariae. V. I, p. 291. Farlati, Illyrici sacri
tomus II, 173, 21. Kukuljevic, Codex diplomaticus I, p. 198. Ich gebe
in der Note 1, S. 153 den vollstàndigen Satz nach meiner Auffassung.
4 Die heutige serbokroatische Form ist die adjektivische Ableitung mittels
-ìsk im Feminum vom antiken Namen. Die Ouantitàt kann aus der serbo-
kroatischen Form erschlossen werden. .
156
P. SKOK
Onastini ist eine hybride Bildung, halb illyrisch, halb lateinisch.
Das lateinische Ableitungssuffix -inus ist an das illyrische mittels
-st 1 gebildete Adjektiv getreten, erinnert daher an die Adjektiva
jadestinus von Jader a von illyr. *jadest 2 oder an lat. marrucinus
vom adj. *niarroucos von Marruvium 3 . Das illyrische Adjektiv-
suffix -st ist als Pagusbenennung in Pannonien nachweisbar: pago
Jovista CJL VI, 3297 bei Aquae Balissae; in den von Stadtnamen
abgeleiteten Bevòlkerungsnamen ist es gerade in der romischen Provinz
Dalmatien des òfteren nachgewiesen worden : von Burnum — Burnistae
CJL III, 2809 und PW III, 1068 f., von Splonum — Splonistae CJL III,
2809, 2026. Das Primitivum von Onastini ist daher zweifelsohne die
auf der Strabe Salona—Narona Legende Station 3 Ovaiov bei Ptolemàus.
Plinius, Tabula Peuting., Anonymus Ravennas, sowie auch die schon
erwahnten Akten der Bischofssynode vom Jahre 533 schreiben diesen
Namen mit dem Ùbergange ae> e 4 Oneum. In der Form Onestinum y
die in diesen Akten zu lesen ist, wurde also das urspriingliche a
durch e ersetzt, entweder nach der spateren Form Oneum oder
unter dem Einflufi des dieses Gebiet durchfliefienden Nestos, heute
Cetina 5 .
Nach dem 6. Jahrhundert erscheint weder Oneum noch Onestinum.
Die Stadt ist offenbar gleich Salona und Epidaurum bei den Einfallen
der Slaven zugrunde gegangen. Die erwahnten Akten lassen noch
1 Vgl. Jokl JF XXXVI, 125 und meine «Studije iz ilirske toponomastike»
im «Glasnik b. h. zem. muzeja» XXXI, 154 f.
2 Vgl. meine «Studije iz ilir. toponomastike» im «Glasnik b. h. zem. muzeja»
XXIX, 124 f.
3 Schulze, Zur Geschichte der lateinischen Eigennamen 29, Note 2.
4 In der Latinitàt der Provinz Dalmatien làftt sich dieser Ubergang
aus dem Jahre 14 n. Chr. belegen-, vgl. meine «Pojave vulgarno - lat.
jezika», p. 17.
5 tìber die Identitàt von Nestos und Cetina vgl. Tomaschek PW II, s. v.
Bulini, AlaCevic und Bulic in Bullettino dalmato II, 31, XIV, 46 ff., XXVII, 33,
XXXI, 7; Patsch, Ósterr. Jahreshefte X, 170. Der letztere ist in Wissensch.
Mitteilungen aus Bosnien u. Herz. IV. 119 (Sep.-Abz., p. 87) Note 1 noch
unentschieden. .Nach Miiller, Geogr. graeci minores I, 28 f., wàre es Titius,
heute Krka . Von Wichtigkeit fur diese Frage ist die Angabe von Scylax 22:
IJaQànlovg tari Ttjg BovXtr(òv ydìoag rj/ufyag pcocong tnì NÉarov noxa^òv^ Miiller,
o. c., p. 28, 29, wie Ala£evic sehr richtig a a. O. hervorgehoben hat. Da
sich Bulimia in der Nahe von Trogir— it. Trau (vgl. Bullettino dalmato II, 31)
befand, kann es sich nur um die Cetina handeln. Fiir all diese Identifizierungen
siehe jetzt auch die von Bulic entworfene archàologische Karte von Salona r
Beigabe zum Bull. dalm. XXXI.
ONASTINI
157
den SchluB zu 1 , daB in dieser Zeit der FluB Cetina, der antike Nestos,
auch Oneus 2 hieB.
DaB das lateinische Bevòlkerungs- und Landschaftsnamen ableitende
Suffix -inus nicht unmittelbar an * Onaeum , sondern an illyr. *Onastcie
(vgl. deutsch Albanesisch, Fransosisch usw.) getreten ist, laBt sich
durch die Einmischung des FluBnamens Nestos 3 oder des Bevolkerungs-
namens Nestoi 4 erklàren. Onastini konnten gewissermaBen als «die
an Nestos Wohnenden» gedeutet und gefiihlt werden. Diese Ein¬
mischung war dadurch bedingt, weil -inus gewòhnlich an die kon-
sonantisch auslautenden Stamme zu treten pflegt. Dem Berichte des
Scylax von Carjanda 22, 28 zufolge befand sich ó JSU.ozog 7 tozafnóg
sowie Néozot gerade auf dem Gebiete der Onastini. Alacevii* und
Bulic gehen in dieser Hinsicht sogar noch weiter, indem sie Onastini
als eine Ableitung von Nestos auffassen, zu vergleichen etwa mit
albanischen Landschaftsnamen Nerfandina bei den Mirditen < geg.
ner (< inter) + Fandi (Stamm- und FluBname) + lat. Suff. - inus .
Diese Ansicht scheitert aber an dem Vokal a in der Ableitung und
in dem Primitivum.
Heute sind wir in der Lage, sowohl das Territorium als auch die
Stadt und den Flufì genau zu ubizieren. Die Fundstelle des Grenz-
1 Da heifit es: Mucurìtanus namque episcopus se (hier sind offenbar
ausgelassen die Worte: non solum territoria; Batthyàn [= Sisic] ergànzt
unnotigerweise : extra fines) montanorum Delminense, Onestinum, Saloni -
tanimi dumtaxat " quidquid in insulis continetur, vel trans Oneum
noscitur esse divisimi, quod continens appellatili', sed etiam Redditicum
in dioecesim habiturum (Batthyàn [= Sisic] hat daftir habiturus, RaCki
habitarum) accipiat. Siehe Note 3 Seite 151 wegen der Literaturangaben.
2 Hier hatten wir den oft vorkommenden Fall der Identitàt des Flufi-
und des daran liegenden Siedlungsnamens ; vgl. gerade aus der Provinz
Dalmatien Naro — Narona. Nachdem aber Oneo recht spàt als FluBname
erscheint, kann es sich vielleicht um denselben Fall handeln wie in Narona ,
heute Norin , welches jetzt nicht mehr Siedlungsname wie einst, sondern ein
Bachname ist. Vgl. meinen S. 152 Note 2 erwàhnten Artikel p. 120.
3 Patsch a. a. O. hàlt diesen Namen fiir thrakisch und zwar fUr identisch
mit dem Nestos = heute Mesta (ni statt n ist der Dissimilation zwischen
zwei Dentalen n — t zuzuschreiben?) oder tiirkisch Karasu (= schwarzes
Wasser). Falls dies zutrifft, wage ich nicht Nestos und Oneum in etymo-
logische Verbindung zu setzen und in der Endung das illyr. - st zu sehen.
4 Wenn der Herausgeber des Periplus, Muller, § 23, p. 29 (Note) *Ntou,cn
oder Ntnraìoi erwartet, so geht er offenbar von der Voraussetzung aus, daB
die Volkerschaft ihren Namen vom Flusse erhalten hat, was nicht notwendig
ist, da es auch umgekehrt sein kann; vgl. in Gallien den Flufinamen Séquana,
heute Seine und den Namen der die beiden Ufer bewohnenden Volkerschaft
Sequani, wo man also gar keine Differenz im Suffix zu sehen vermag.
158
P. SKOK
steins mit der Inschrift beweist, daB sich das Territorium der Onastini
bis zum oben erwàhnten Hiigel Greben erstreckte 1 . Die Angabe der
Bischofssynode, wonach Oneus = Cetina , in Verbindung mit der
Distanzangabe der Tab. Peuting., wonach zwischen Epetium, heute
Stobrec 2 3 , und Oneum eine Entfernung von VII m. p. (c. 10,50 km)
besteht, kann man mit Sicherheit annehmen, daB Oneum dort zu
suchen ist, wo sich heute Omis, im Mittelalter Almisium*, befindet,
d. h. an der Mundung der Cetina. Nachdem aber die Bischofssynode
zwischen dem (territorium) Onestinum und dem (territorium) trans
Oneum unterscheidet, kann man wiederum folgern, datò Onastini das
rechte Ufer der unteren Cetina bewohnten.
All das bisher Gesagte beruht auf sicheren Tatsachen. Die weitere
Erklàrung, die ich zu geben versuche, griindet sich bloB auf Ver-
mutungen. Die obige Annahme, daB sich in Onastini — Onestinum
Nestos eingemischt hat, làBt die Mòglichkeit zu, o- als Prafix auf-
zufassen und mit slav. o, obu, lat. oh oder op (in operio, opacus) zu
vergleichen. Trifft dies zu, so ist Onaion als Kompositionsableitung 4
1 Siehe CJL III, 8472, AlaCevic 1. c., Bulic 1. c.
2 Die heutige serbokroatische Entsprechung Stobrec scheint auf * Extra
Epetium zuriickzugehen, mit der gewòhnlichen Metathese von r und pr > br
wie in persica > breska.
3 Ùber diesen Ortsnamen vgl. meine S. 152, Note 2 zitierte Studie im
«Glasnik b. h. zem. muzeja» XXXII, 34.
4 Eine àhnliche Kompositionsableitung habe ich in Nastavni Vjesnik XXIV,
658 f., Note 4 fiir Autariatae = «die Bewohner der beiden Ufer von Tara»
(vgl, Tomaschek PW I, 2593) angenommen. In au sah ich den illyrischen
Reflex von idg. * mbhi (vgl. gali, ambi in Ambisavi CJL III, 13 406 in
Pannonia superior, Ambidravi in Noricum, PW I, 1798) mit dem Schwund
des m vor b wie in slav. oba = lat. ambo. Idg. ambi dient noch heutzutage
fiir derlei Ableitungen im Albanischen zum Beispiel geg. miAkodràn == der
Bewohner aus der Gegend von Skutari. Als einen mòglichen Beweis fiir
die Existenz eines illyr. a?/-Pràfixes sah ich a. a. O. in der Graphie der
Tab. Peut. Ad Fasciano fiir Aufiistianis (eine Station in Dalmatien) bei
Ravennas, wo*also au- durch ad latinisiert wurde. Der Beweis ist natig¬
lieli kein zwingender, da der Verfasser der Tabula ebensogut au als lat.
Prafix au «fort, weg» auffassen konnte, und da ihm im Ortsnamen besser
ad paBte, so hatte er es durch ad ersetzt, dies um so mehr, da es sich in
Aufiistianis offenbar um einen lateinischen Ortsnamen, abgeleitet durch
-anus vom gentilicium Au fu stili s } handelt. Fiir den Ausfall von m vor
Labial im Illyrischen habe ich a. a. O. die Graphie des Ravennas Tabia
neben Tarnbia angefiihrt. Auch kein zwingender Beweis. Bario, Albano-
rumànische Studien I, 68 sieht hingegen in au idg. *obhi und vergleicht es
mit alb. a in akol\ Dazu ist nur soviet zu sagen, daB wir bisher keinen
Beweis fiir idg. o = illyr. a haben.
0NASTIN1
159
zu betrachten, und zwar mit demselben Suffix wie lat. confinium ,
Interamnium 1 oder = serbokr. Meduric, Meuric, c. Meziric. Wenn
man bei bisherigen Erklarungen der idg. Namen ftir Wasserlàufe
meistens von Begriffen wie «flietòen» usw. ausgegangen ist 2 , so ware
man versucht, in *0(p)-naàon > Oneum idg. *sna cfr. ir. snnadh
Fiutò (cfr. Walde 2 s. v. no, nave; Boisacq s. v. vaco) zu suchen. Der
illyrische Ortsname wiirde dann den vielen slav. Porcé't, -Ije, Zar eòi }
Ije, Mezdureciy -Ije, poln. Obrzycko 3 entsprechen. Fur diese Er-
klarung wiirde auch der Umstand sprechen, datò die meisten Wasser¬
laufe der óstlichen Kiiste der Adria noch heutzutage meist mit dem
Apellativum Fiutò benannt werden. Ich erinnere an Rijeka, ital. Fiume:
der Fiutò heitòt beute mit der Ableitung Rjecina, ital. Fiumara . Jadro
bei Salona heitòt auch einfach Riha; ebenso Zrnovnica 4 , im Mittel-
alter Bade / der Fiutò bei Ragusa Rijeka, sein ital. Name Ombla
beruht auf slav. Qblì°, im Altertum 14quov ivoTaiióg*, ebenso auf der
Insel Corfù FLoTafióg. Diese Erscheinung erklart sich dadurch, datò
1 Gewòhnlich geschrieben Interamna oder Interamnes ; die ital. Ent-
sprechungen Teramo und Terni beruhen aber auf dem Locat. * Intértanni
mit der Versetzung des Akzents wie in mércurl diem > it. mercoledì,
frz. mercredi usw. Davon kann der Nominativ lauten entweder Interamnium,
wie es auch des òfteren belegt ist, und worauf tatsàchlich frz. Entrain (Nièvre,
s. Saint-Martin, Nouveau dictionnaire de géogr. II, 180) zuriickgeht, oder
analogisch * Intéramnum, worauf it. Teramo beruht.
- Vgl. d’Arbois de Jubainville, Les premiers habitants de TEurope. 2. Aufl.
IL 130, 131, 134—156.
3 Vgl. Miklosich, Slavische Ortsnamen aus Appell. Denkschriften Ak.
Wien, Phil.-hist. RI. 23, Nr. 534.
4 Beides Ableitungen von slav. zerny , Muhlstein. Eine Deutung dieser
Xamen versuchte ich in Nastavni Vjesnik XXIII, 445 zu geben, wozu ich
jetzt hinzufiige, datò Zrmanj ain Dokumenten erst im Jahre 1365 vorkommt,
geschrieben Zirmana , s. SmiCiklas, Codex diplomaticus XIII, 426. Die
Benennung ist metaphorisch. Der Fiutò, gleich dem Muhlstein, brockelt
nàmlich das durchflossene Terrain allmàhlich ab. Vgl. diesbezuglich eine
anschauliche Beschreibung der Zrnovnica oder Zrnovica (bei Spalato) von
TvanUevic im Zbornik za narodni 2ivpt i obicaje Vili, 196. Wenn in Siid-
dalmatien ein mittelalterlicher Gau lat. Brennum, slav. Zrnovnica heitòt,
so handelt es sich nicht mehr um einen metaphorischen Ausdruck, sondern
um die tatsàchliche Bezeichnung der Muhlquellen am Meeresufer, cfr. Jirecek,
Handelsstratòen 8, 24. Schwieriger zu erklaren ist der Name des Berges
bei Belgrad, welcher jetzt tiirkisch Havala (s. Ak. Worterbuch III, 583
s. v. 1), friiher aber castellum Xerno Jirerek, Heerstratòe 133, Handels¬
stratòen 53 = Ìrnovanj bei Mijatovic Cupiceva Godisnjica I, 53 hietò.
5 Jirecek. Handelsstratòen, p. 8. Im Montenegrinischen ubao, gen. tibia
(Broz. Ivekovic, Hiv. rj. II, 612) = eine Grube, die als Brunnen dient, woraus
Wasser geschopft wird.
160
P. SKOK
diese Gegenden sehr arm an Wasserlàufen sind. Es besteht daher
kein Bediirfnis nach Benennungen, wodurch sich mehrere Wasserlaufe
unterscheiden wlirden. Nachdem alle diese Fltisse, ausgenommen
Narenta = slav. Neretva, fur den Verkehr von gar keiner Bedeutung
sind, kommt es vor, dafi sie nicht nur in ihren verschiedenen Teilen
noch heute verschiedene Namen tragen, sondern auch, dafi sie im
Laufe der Zeiten oft den Namen wechselten 1 2 . So hiefi beispielsweise
die heutige Zrmanja 9, im Altertum Tedanius , im Mittelalter Koprivct;
Krka im Altertum (KaTctQpàxrjg oder) Titins; die heutige Cetina
wiederum im unteren Laufe im Altertum Nestos oder Onens, im
oberen Hipp(i)us CJL III, 3202 oder Tìlur(i)us 3 4 . Der letzte Name
ist noch heute im Ortsnamen TriP geblieben.
1 Vgl. Patsch, Das obere Cetinatal in romischer Zeit. Wissensch. Mitt.
aus Bosn. u. Herz. IV, 119, Note 3.
2 Vgl. Note 4, S. 155.
3 Die Quantitàt und der Akzent ist aus der heutigen serbokroatischen
Entsprechung erschlossen. Vgl. Tragitriitm > Trògìr, welches dieselbe
Endung zeigt.
4 Die serbokroatische Form scheint wegen l statt / auf lat. gen. Tìlftri
zuriickzugehen, d. h. auf den Namen der Station Ponte Telnri (e anstatt ì
ist vulgàrlateinische Erscheinung) im It. Anton., mit ausgelassenem Apellativ,
Tilnrio Tab. Peut., Tilurion Ravennas, wie heute in Bosnien, wo das Volk
anstatt Sanski Most (= Brticke an der Sana, Kreis Banja Luka) einfach
Sana sagt, meint aber nicht den Flufì, sondern die Siedlung. I — r wurden
umgestellt wie in serbokroat. fritta < rum. filler.
P. Skok.
Etimologie italiane.
Valmagg. luguzóm, perdigiorni, fannullone, miserabile.
Tra le varie voci valmaggine, che significano «fannullone, mise¬
rabile» ecc. (p. es. bindóm, pampalilga, linèistróm, pincistróm ,
tcivabi, ecc.) una ve n’ ha, che mi viene du Broglio: liigiizóm . In
questo vocabolo io vedo il nome «Uguzzone» con V articolo concresciuto,
e credo che si tratti di S. Uguzzone, il protettore dei poveri, il patrono
dei casari, il santo venerato in Val Cavargna e in molti altri luoghi 1 .
Racconta la leggenda che Uguzzone ebbe una vita miserabile: che
scacciato dal suo padrone, sotto V imputazione di ladrocinio, vagabondò
fino a che potè mettersi al servizio di un altro padrone. Ma finì i
suoi giorni assassinato. Benché povero, egli trovava modo di fare
abbondanti elemosine di formaggio. E con un formaggio e un coltello
è rappresentato nelle statue e dipinti, che di lui si hanno in chiese e
capelle. In onor suo, si usa fare un pellegrinaggio in Val Cavargna
il 12 Luglio.
Nei dipinti è rappresentato povero, talora con un bordone da pelle¬
grino; e quando v’ ha il nome, questo è generalmente scritto: Luguzon
E chiamato anche Lucio , probabilmente, secondo me, perchè da
Lu(g)uzón si ebbe Lucóri (forma attestata : Tavordo 1628, Luzzono
Carlazzo 1498, ecc.). Da Luzón si estrasse Liiz, Lucio; ma intanto
lugiizóm ebbe in Valmaggia il senso di «fannullone, vagabondò, ecc.,
degenerazione semantica di cui altri nomi di santi dànno esempio (piem.
mafée uomo deforme, irp. cenàrro balordo, S. Gennaro, ecc.» Rend.
lst. Lomb., S. II, voi. XLIV, 809.
diva «frantumi delle bucce di castagne».
E voce di Montese (diva) e non si può staccare naturalmente dai
noti posch. diva, vicent. ulva «friscello», gen. turba «frantumi delle
scorze e delle pelurie di castagne secche». Si risale al lat. vulva,
1 E. Stuckelberg, San Lucio (S . Uguzo) patrono degli Alpigiani,
Lugano 1912. y
Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 1 Q 22.
11
162
GIULIO BERTONI
allato a VQlva. Cfr. Salvioni, «Rend. R. Ist. Lomb.», S. Il,
voi. XXXIX, 488.
Ho ricordato questo termine di Montese, perchè mi dà occasione di
spendere qualche parola intorno ai riflessi di Z + cons. nei dialetti
deir Apennino emiliano. Dirò dunque che VI in i è regolare in
óiva, in quanto a Montese ogni Z, cui segua immediatamente una
consonante labiale o ^gutturale, si fa /, p. es. póipa, cóipa , vóipa
volpe, aipa alpe, diber albero, àibe truogolo-, óim olmo, paimós
palma (della mano); sóiìz solco, dóik, morbido, dolco, ecc.; mentre
resta dinanzi a dentale: alt, kàld o cade per diss. con Tart. in (iter
altro, utem ultimo; là óter oltre. Abbiamo anche un quàink cosa
qualche cosa, che risale a un quàik con influsso, forse, di cliente.
Ricordo poi, perchè molto interessante, éólder (cfr. cóld chiodo) chiu¬
dere con sterpi le aperture della siepi». L’ l secondario è stato,
come il primario, naturalmente conservato.
Questo fenomeno di l in i dinanzi a labiale e gutturale è assai
diffuso nelle regioni, di cui qui si tocca. Già in un testo in dialetto
di Fanano del sec. XVIII (ms. Campori X, 2, 19: Intermesso di
quattro suore) itrovo : Sor Poipetta, quaich, ecc. Nel dialetto odierno'
abbiamo ormai le condizioni letterarie quando si tratta di Z + lab., ma
il fenomeno vive * ancora quando V l sia seguita da cons. gutturale,
p. es. stiik solco l . Lo stesso fatto abbiamo a Lizzano nel bolognese
e persino nelle campagne di Bologna accade di notare esempi di
Z + gutt. in i. L' Ungarelli (p. 48) cita biòik e biòica , accanto a
biòlca bibulca.
Troviamo invece Z in /, sia dinanzi a gutturale, sia dinanzi a labiale,
a Pavullo: sóik solco, fàik falco, cóip colpo, màiva malva, tdipa , ecc.;
a camatta: bióica , cóip, póira polvere, che verrà da *poira , *poivra;
a Sestola: cóip, óium olmo, sóik; a Montecreto: nini olmo, cuipa,
dìbor , aip alto (con influsso evidente di «alpe»), stiik; aMagrignana:
uim y tdipa, maiva (mà alt), ecc. Anche a Montefiorino si ha óim ,
dibjr, poipa, sóik, e così a Polignago : stiik, àibqr albero, ecc. ecc.
A Montese óiva è dunque regolare. Rispecchia un vulva dissimilato
in ulva y come avviene delle altre forme settentrionali citate.
Cavergno (Valmaggia) «snint» uno per uno.
Credo si abbia in questa voce un plurale metafonetico fossilizzatosi,
e parto perciò da siiént , dove vedrei un derivato di s i n g u 1 u con
1 Questo suik, r ho da Trentino di Fanano. A Lotta di Fanano si ha:
citipa, àlbero, suik, ecc.
. ETIMOLOGIE ITALIANE
163
V aggiunta di -entu (cfr. lomb. riizinent arrugginito, ecc.) e con
una forte risoluzione di - ng'l - nella protonica in /7. Di ancór più vi¬
gorosa risoluzione dà esempio il lomb. sajiitter (con -ngl- primario)
che rappresenta un *singlutulu (Flechia, «Arch. glott.» II, 377).
Anzi, non sarebbe impossibile che sajiitter venisse da un *salutter
per *saflutter (cfr. frane, carrillon, ant. frane, carrignon quater-
nionem). E qui siami lecito ricordare il noto sene singulu, col
senso di «semplice* nel Jura bernese.
Giulio Bertoni.
1. Ital. vita «Stunde»
ist bisher nicht erklàrt, vgl. REW 6033, wo alle bisherigen Versuche
abgewiesen werden.
Ich dachte einen Augenblick an ein habita [hora /, das in der Be-
deutung da die [richtige] Stunde sich ergibt» im Mittellatein nach
Ausweis des galiz. hàbitahora «à ver que llevas, ó traes, ensénamelo,
veremos lo que es, al momento, ahora que hay proporcion» (Pinol)
bestanden haben mutò, aber malehabitus gibt altit. malatto (umgebildet
daraus neueres ammalato ), nicht *malotto, das man bei dieser An-
nahme in moietta malora» sehen mùBte.
Die ursprùngliche Bedeutung des Wortes scheint mir nicht «Stunde»,
sondern rechte Stunde», «xaipóg» (wie schon Diez gesehen hat), und
von da ist nicht weit zu «erwùnschte Stunde». Ich gehe daher von
einer ursprùnglichen Bedeutung «Wunsch» aus: a bell ' otta, ad otta
a tempo», ursprùnglich «nach Wunsch» « wunsch gemàfi» ( viene ad
otta «er kommt wie gerufen»): aus ad otta (und vielleicht in poca d } otta)
wurde a dotta umgruppiert und danach a tua, sua dotta «a tuo, suo
beneplàcito», dotta «occasione opportuna» gebildet, wo die Bedeutung
Wunsch noch durchschimmert ; otta catotta di quando in quando»
- otta caf otta . A tua dotta entspricht in der Bedeutung a tuo
agio, a tua posta; das bello in a bell otta erinnert an a tuo belV
agio wie es dir beliebt», a bella posta «absichtlich», otta catotta
wieder an apposta apposta poco per volta». Wàhrend unter a tuo
(bellj agio, a tua dotta ein langsames, bequemes Tun unter dem
wunschgemàfien Tun mitverstanden wird, so in ad otta ein schnelles,
augenblickliches; vgl. in posta «in furia», da sua posta «subito»
(Petr. s. v. posta). Der Wunsch des Menschen strebt entweder nach
gemùtlichem Beharren oder augenblicklicher Befriedigung : Tràgheit
11 *
164
LEO SPITZER
oder Zligellosigkeit ! Ganz àhnlich hkt der Deutsche aus einem leiden-
schaftlichen ital. (auch frz.) con amore ein Àquivalent fiir a suo bell'
agio, «gemàchlich», «langsam» gemacht. Das otta *«Wunsch» ist
dann fiir mich postverbale Bildung von dem gleichzeitig (14. Jahrh.)
belegten, heute ebenso . wie Qtta veralteten, vom REW s. v. optare
eben wegen dieser geringen Verbreitung als gelehrt angegebenen
òttare «desiderare, chiedere». Ebenso gut solite dann auch otta als
gelehrt bezeichnet werden, da man ja sogar dittongo aus diphthongus
im Italienischen sagt (Meyer-Liibke Einf. 3 34). Zu optare wàre dann
noch aprov. optat «Wunsch» ( venir a son optat, Levy) und altkat.
optat «id.» (Verf. Lexik. aus d. Katal. s. v. obte ) als gelehrter Reflex
hinzuzugesellen und vielleicht mit Castro Rev. d. fil. esp. 5, 29 otar
«betrachten abzusondern.
Umgekebrt von «Stunde» zu «redhte Stunde, gute Gelegenheit» hat
sich im Romanischen hora (bona horà > afrz. buer usw.) entwickelt.
2. Ital. scaltrire .
Den Stand unseres Wissens tiber dies Wort entnimmt man aus
REW 7646 s. v. * scalpturtre «kratzen, ritzen»: «Aitai, calterire,
lucch. caltrire ,ritzen*, ital. scaltrire ,witzigen, schlau machen*,
obwald. skultri ,kàmmen* — Ableitung : ital. scaltro, friaul. sk'alterut
,schlau* Diez, Wb. 396 ist nicht annehmbar, da der Wandel von -u-
zu -e- nicht den italienischen Lautgewohnheiten entspricht, von einem
Substantiv scalptura ein Verbum auf -are, nicht auf -ire zu erwarten
wàre und auch die Bedeutung nicht recht pafit.» Ich stelle die Wort-
sippe zu griech.-lat. cauterium «Àtzmittel»; neben cauteri(s)are «àtzen»
«kauterisieren», «brandmarken» konntenach scalfire «ritzen» (REW7662)
ein * cauterire gebildet werden ; tibrigens gibt es auch ein scaltrare bei
Petrocchi, und vielleicht findet sich noch irgendwo ein *scalt(e)reggiare.
Ein scalt(e)rare -ire konnte tibrigens auch von der Form cantero (neben
cauterio Petr.) abgeleitet werden. Zum Lautlichen vergleiche rom.
calma aus kauma und besonders kat. caltiri «Feuerhaken, Àtzmittel»,
neben cauteri . Der Wechsel von c- und se- im Italienischen weist
wohl auch eher auf ursprlingliches c- als auf einen S£-Anlaut (etwa wie
in *scalpturirè). Die Bedeutung «witzigen» erklàrt sich aus «unempfind-
lich machen» (vgl. den im Dict. gén. s.iv. cantere zitierten franzosischen
Beleg aus Bossuet: Une certame insensibilité que saint Paul exprime
admirablement par le cantere qui rend les chairs insensibles en
les mortifiant, vielleicht auch deutsch das gebrannte Kind fiirchtet
das Feuer und mali, escalivarse «gewitzigt werden, sich besserm
ETIMOLOGIE ITALIANE
165
Miit. d. Sem . Hamburg 1918, S. 27), die Bedeutung «abbellire (Petr.) aus
«ritzen, schaben > (wie prov. pouli < hiibsch», frz. poli «hòflich» ursprting-
lich «poliert»). Die ursprtingliche Bedeutung ist wohl aufbewahrt im
Gergo der Sesselflechter von Belluno: scaltrì «cuocere» (Rovinelli).
Ich fiige noch aprov. escautrimen «finesse, ruse», escautridamen
«finement, adroitement» (in waldensischen Texten) an.
3. Ital. strabiliare in hòchstes Erstaunen geraten», «vor
Verwunderung ganz aus dem Hàuschen sein».
Ùber dies Wort sagt REW 8281: «Ital. strabiliare «in Erstaunen
geraten», urspriinglich «die Augen verdrehen» AGlItal. XV, 509 ist
morphologisch nicht annehmbar ; noch weniger geht *EXTR AVARI ARE
R. XXVII, 212». Ich sehe in strabiliare, neben dem strabilire in
Siena vorkommt (Petr.), einfach Ableitung von bile 1 (volkstumlich bilia)
Galle», wovon wir auch gelehrte Ableitungen wie (atra)biliario haben.
Pur die Bedeutung muB man von «schlechter Laune werden, sich
argern, zomig werden» [iiber eine bòse oder unerwartete Nachricht]
ausgehen (vgl. die entsprechenden Bedeutungen von ital. bile ); zur
Ableitung vergleiche ital. strafelarsi «sich abarbeiten», trafelare
«auBer Atem sein». Man beachte noch, daB die haufigste Wendung
ist: tu mi fai strabiliare = «du làssest mir die Galle ubergehen»,
«du bringst mich ganz aus dem Hàuschen». Gemeinsam ist dem
strabiliare wie der collera (zu gr. y y olr t «Galle») das Plòtzlic.he und
Intensive der Erregung. tJber die Galle im Volksglauben vgl. Brissaud,
Histoire d. express . popul. pass.
4. mail. zmétiga, usmetik «Geschicklichkeit, List»
leitet REW 2277 mit Schuchardt, Zeitschr. 31, 106 von cosmetica
ab, wobei dieser Einflufi von usmd «eine Spurnase haben» annimmt.
Ich glaube, einfacher ist, von arithmetica auszugehen: Sainéan, Le
langage parisien au XIX e siede zitiert S. 32 die Angabe Desgranges’
(1821): «Arusmétique , pour arithmétique f est une faute grossière»,
bemerkt dazu: «Pancienne langue ne connaìt arismétique qu’on lit
dans Brunetto Latini, dans le Roman de la Rose et dans Oresme»
und erwàhnt aus Vadé (18. Jahrh.) den Satz, der die Kenntnis der
Arithmetik als etwas Besonderes hinstellt: «C’est un fignoleux, mais
y fait trop le fendant, à cause qu'il a du bec, et qui fait la rusmétique
1 Dieselbe Deutung schlàgt, wie ich nachtraglich sehe, schon Subak,
Zeitschr. 33, 480 vor.
166
LEO SPITZER, ETIMOLOGIE ITALIANE
comme un abbé.» Auch Petrocchi hat ein arismetfrfica «arimmetica»
unter dem Strich (altkat. arismeticha). L’ari smette a, *V arusmetica >
la r]i]smetica } la rfusmetica. Valsesia. smeltola hat iibrigens nicht
dieselbe Bedeutung wie die librigen Worter (wie es nach REW
scheinen kònnte), sondern «lazzo, gesto sguajato», offenbar von «Trick,
Kunstgriff» aus. Man kann allenfalls matematica «l’arte d’indovinare»
(Petrocchi unterm Strich) vergleichen, vielleicht afrz. artimaire, falls =
ars mathematica (REW s. v. ars), besonders aber im spanischen Rot-
welsch cifra «List» ( cifra «Chiffernschrift ).
Leo Spitzer.
!
Italienische Vogelnamen \
I.
1. Ven. rovegar «klettern» leite ich von *rupicare ab, das auf
r tipico (rupex) «Steinbock» (im REW fehlend) zuriickgeht. Hier-
her gehòren auch ven. rovegarolo (G. 250), padov. rovegantin, roe -
gàntin Blauspecht» (G. 251), ferner padov. roveghin (G. 256) «Baum-
laufer». Beide Vògel sind Klettervògel. Man vergleiche ftir den
Blauspecht die Bezeichnung «Rindenkleber» zu anord. klifa «klettern»,
ferner schweiz. chlan oder klener zu klenen t «kleben, klettern»,
schliefìlich franz. grimpard von grimper «klettern». (Suolahti,
Die deutschen Vogelnamen, S. 162.) Analogien finden sich ftir den
Baumlàufer.
2. Der Wiesenknarrer heifìt auch Wachtelkònig, weil er meistens
mit den Wachteln ankommt und oft in ihrer Nàhe, noch òfter zu
Ende der Erntezeit an gleichen Orten angetroffen wird und deshalb
beim gemeinen Mann ftir deren Anfuhrer 1 2 auf der Reise gilt. (N a u -
mann-Hennicke, Die Vògel Mitteleuropas VII, 183.) Dem
deutschen «Wachtelkònig entspricht ven. requagio 3 (règem + eoa-
culam REW 2004, mit mannlicher Endung nach re), veron. requajo ,
istr. requaje (G. 537). Der schriftsprachliche Name des Vogels ist
re di quaglie, wozu Giglio! i, S. 537 dialektische Varianten ver-
zeichnet. Auch ftir das Grashuhn findet sich requajo mit dem Zusatz
negro (Vicenza, G. 533). In Feltre heifìt dieser Vogel ral, ralet
(G. 533); vgl. frz. rdle y deutsch Ralle zu *rasciare «kratzen» (REW
7072) 4 . Diese Bezeichnung bezieht sich auf den Ruf des Vogels.
1 G. — Giglioli, Avifauna italica, 1907.
2 Vergleiche die spanischen Dialektnamen guión de codornices (Màlaga),
gula de codornices (Granada, Murcia), guión de pàs-pallàs (Galicia, Aré-
valo y Baca, Aves de Espana, 298). Eine Umkehrung des sozialen Ver-
hàltnisses dieses Vogels zu den Wachteln deutet an der Name «Wachtel-
knecht» im nordlichen Bòhmen (Suolahti, a. a. O. 294).
3 Auch gen.
4 Zu dem hier verzeichneten katal. rascia noch zu stellen rasciò, ferner
span. rascón (Sevilla, Granada, Arévalo y Baca, op. cit. 300).
168
RICHARD R1EGLER
Vergleiche den deutschen Namen Wiesenknarrer (Suolatiti, 296),
dialektisch auch Wiesenschnarre, Schnarrhuhn, Schnarrwachtel, daneben
einfach Schnarre (Suolahti, a. a. 0.)
3. Dafi in venez. repéndol «Goldammer» (G. 19) eine Verschrànkung
von aurum und pendulus «schwebend» (schon im Lateinischen von
Vògeln gebraucht) vorliegt, zeigt ganz deutlich span. oropéndola
Arévalo y Baca, 253), was geradezu «goldenes Pendei» zu be-
deuten scheint. Ubrigens bezeichnet pendolino im Italienischen nach
REW 6388 die Schwanzmeise (bei G. fehlend). Schlechtweg als
Goldammer» (< aureolus REW 791) wird der Vogel nach der Farbe
seines Gefieders in vielen Mundarten Italiens und Frankreichs benannt.
(Vgl. G. 10 f. und Rolland, Faune pop. de la France, II, 230.)
4. Dafi ital. pernice «Rebhuhn» (REW 6404) auf einer Kontami-
nation von perdix und coturnix «Wachtel» beruht, ist bekannt. Un-
beachtet aber blieb bis jetzt, dafi perdix sich auch mit beccaccia
«Schnepfe» (zu becQUS «Schnabel» REW 1013) vermischt hat, wie
aus calabr. percaccia «Waldschnepfe» (Catanzaro, G. 610) ersichtlich
ist. Nicht zu ubersehen ist der Anklang an caccia «Jagd» h
5. Die Wildente heifit in Vecchiano ronco (G. 450), das wie span.-
port. ronco «heiser» eine Kontamination von rancus «heiser» und
rhonchare «schnarchen» ist. (REW 7093 und 7292.) Einfaches raucus
liegt vor in rochett (Mantua, G. 476) «Knàkente». Der Schrei dieser
Vogel klingt heiser.
6. Zu REW 7045 ranucula , wovon granoccliio «Frosch» ist hin-
zuzufiigen fior, granocchiaia, ranocchiaja «Purpurreiher» (G. 424)
eigentlich «Fróschler» (nach seiner Lieblingsnahrung).
7. Zu germ. rampa «Kralle» (REW 7032) gehòren rampichino 1 2
(Marken, G. 222) und rampinello (Ancona, a. a. O.) < Goldhàhnchen»,
aufierdem piem. rampici , r ampie ai, rampighin «Spechtmeise» (G. 255) 3 .
8. Zu pulla «Evenne» REW 6828, 2) ist zu stellen das dim. pulli-
cìda y das sich findet in bologn. poligola , puigula ) puigla , buigla «Kohl-
meise» (G. 234). Vgl. auch REW 6826 die auf *pùllius zuruckgehenden
Vogelnamen.
9. Zu REW 6732 pratum «Wiese» zu stellen lomb. prader, pra-
diroìtj pradireù «Grauammer» (G. 65, wo noch andere dialektische
Varianten). Vgl. frz. proyer. Der Vogel halt sich vorzugsweise auf
1 Vgl. dial. span. percaza «Heerschnepfe* in Alava (Baràibar, Nombres
vulgares de animales y de plantas usados en Alava, S. 7.)
2 Vgl. ital. rampicare «klettern».
3 Wo noch zahlreiche Varianten aus anderen Dialekten.
ITALIENISCHE VOGELNAMEN
169
Wiesen auf. In Piemont heifìt die Grauammer auch predicatour
Prediger» (G. 65). Dieser Name findet wohl seine Erklarung in
folgender Stelle Brehms (Tierleben IV, 1, S. 344) : Wàhrend des Singens
nimmt die Grauammer verschiedene Stellungen an und bemiiht sich
nach Moglichkeit, mit ihren Gebàrden dem mangelhaften Gesange
nachzuhelfen. In Umbrien und in den Marken bezeichnet predicatore
das Schwarzkehlchen (G. 171 f.). Benennungen nach der geistlichen
Hierarchie sind bei Vogeln in alien Sprachen sehr haufig.
10. Die Wasserralle wird wegen ihres grunzenden Lautes: uitt
(vgl. Brehm, Tierleben V, 2, S. 667) nach dem Schweine benannt,
und zwar entweder direkt ( porcellus «Schweinchen zu REW 6660)
oder indirekt (das grunzende Tier: gmndire «grunzen zu REW 3893).
So verzeichnet Gigliòli 531 fur die Wasserralle pur slanci (Boi.), pur-
sana (Romg.), porciglione, sporciglione (Marken), porcignula (Rieti);
flir das verwandte Grashuhn 533 purslana (Mod.), purslona (BoL),
pur sana (Romg.), porciglione (Marken, Umbrien) usw. Vgl. hiermit
rum. porcusor «Schweinchen» flir den zu den Regenpfeifern gehòrigen
Mornell (Hiecke im 12. Jahresbericht des Instituts f. rum. Spr. u.
Lit., S. 130). Als «Grunzerchen» erscheint die Wasserralle in der
Lombardei: grugnel 1 , griignett (G. 531).
11. Piovano (Aosta, G. 55), piouvann (Piem., G. id.) «Gimpel»
heifit eigentlich «Landgeistlicher» und gehòrt zu plébs (REW 6591),
Die Bezeichnung dieses Vogels nach dem geistlichen Berufe erklàrt
sich aus seinem Àufiern (Eindruck der Beleibtheit, schwarzer Scheitei)
und ist in vielen Sprachen ublich. (Vgl. ital. monachino , span. frai-
lecillo, port. fradinho , frz. prètre. deutsch Dompfaffe 2 [Verfasser,
Das Tier im Spiegel der Sprache, S. 167].) Fernzuhalten von diesem
piovano ist piem. piovana «Salamander», das zu plùvia Regen»
gehort (REW 6620). Dies Tier kommt bei Regenwetter zum Vor-
schein. Mit piovana lassen sich vergleichen die Salamandernamen
trent. bissa da piova «Regenschlange», tirol. Regentàtsch (Dalla
Torre, Die volkstumlichen Tiernamen in Tirol und Vorarlberg,
S. 30 f.), ferner schweiz. Regenmoler (R oli and, Faune pop., Ili,
S. 78). Nichts zu tun mit piovano haben die prov. Gimpelnamen
pivouana (Nizza), pivoino (Gard.), frz. pivoine , eigentlich Pfingst-
1 Vgl. auch Sainéan im X. Beiheft der Ztschr. f. rom. Phil., S. 104.
2 Das merkwiirdige port. Doni Fafe (A ré vaio y Baca, Aves de Espana
247) sieht aus wie eine volkstumliche Romanisierung des deutschen « Dom¬
pfaffe», wofern man an ein allerdings wenig wahrscheinliches Eindringen
des deutschen Wortes ins Portugiesische glauben darf.
170
RICHARD RIEGLER
rose» (zu paeonia REW 6140; Rolland, op. cit. II, 16ò). Tertium
comparationis ist die rote Farbe. (Fast die ganze Vorderseite des
Gimpels ist hellrot gefarbt.) Ubertragung von Blumennamen auf
Vògel sind nichts Seltenes.
12. In Bari heifit die Zwergohreule (nach G. 348) wegen ihres
klagenden Rufes lagno «Klage» (zù laniare «klagen REW 4892).
Hiermit vergleichen sich die deutschen Namen Klagevogel, Klagefrau,
Klagemutter (Suolahti, a. a. O. 321), in Tirol auch kurzweg Klag',
woraus sogar eine mythische Gestalt wurde K Ein Seitenstiick zu
lagno ist ferner frz. dial. limante, nach Rolland, Faune pop. IX,
S. 95 die Bezeichnung der Schleiereule in Genf (von se lamenter
REW 4867). Suolahti (op. cit. 321) halt es auch fiir wahrscheinlich,
daS Echel, der luxemburgische Name des Kauzes, als achila aus
mhd. achen «klagen» zu deuten ist. In weiterem Sinne gehòrt auch
hierher piansota, der veron. Name der Haubenmeise (G. 248), zu
piangere (REW 6572). Pianger bedeutet hier «in klagendem Tone
piepen». So iibersetzt Boerio in seinem Dizionario del dialetto venez.
c pianzoto » mit «pigolone» {pigolare «piepen»).
13. Zu REW 6545 pits «Spitze» ist zu stellen cors. pizmgone
«Kernbeifier» (G. 38), eine Neubildung, die das ererbte lat. frisio
(REW 3520), das sich sonst in den meisten italienischen Mundarten
erhalten, verdràngte. In Kalabrien ist fiir den Kernbeifier pizsicafirru 1 2
«Eisenpicker» iiblich (G. 39), das zu apul. speggaferr, speggafierr
«Eisenbrecher» (G. 38) stimmt.
14. Neben cuccuvaja «Sumpfeule», das auf neugriech. vLovxovftàyLa
zuriickgeht (Heldreich, Faune de Grèce 32, REW 1898), ist im
Gebiete von Otranto cnccnascia, cuccuvascia iiblich (G. 352), worin
eine Kontamination von cuccuvaja mit ascia (ascio, asciu) «Wald-
ohreule» (G. 350) zu axio (REW 843) zu sehen ist. Dieses axio
findet sich auch onomatopoetisch umgeformt (fiir den Eulenruf ist der
Vokal u charakteristisch) in florent. usciolo «Zwergohreule» (G. 348)
neben assiolo , id. (vgl. Verfasser, op. cit., S. 117). Ubrigens
findet sich cuccù auch selbstàndig in Kalabrien (G. 352) fiir die Sumpf-
1 Die Mythisierung tierischer Laute steht nicht vereinzelt da. So ist zum
Beispiel im Ótztale die «Fuchsfoche* zu Hause (vom Fauchen des Fuchses
abstrahiert), die àhnlich wie die «Kla g» Unheil und Tod bedeutet (Ritter
v. Alpenburg, Deutsche Alpensagen, S. 171).
2 pizzaferro (G. 325) bezeichnet in Kalabrien den Bienenfresser, der da-
neben auch pizzafainu, pizzifainu (G. id.) heifit. Fainu zu pagina «Buch-
ecker», REW 3143).
ITALIENISCHE VOGELNAMEN
171
eule, wahrend umgekehrt siz. bùfolo, btlfulu (G. 318), gleichsam dim.
von bufo «Waldohreule» (Pisa, G. 350), fiir den Kuckuck gebraucht
wird. Es handelt sich hier offenbar nicht um eine Verwechslung
der beiden Vògel selbst, sondern ihrer Rufe.
15. Wie einerseits ein einfàltiger, leichtglàubiger Mensch im Fran-
zosischen als «Wiedehopf» (dupe — huppe) 1 bezeicbnet wird, so heifìt
anderseits der Wiedehopf in S. Marco in Lamio «Tolpel» = baba-
lucco (G. 330) = schriftital. babbalocco , das zum Lallwort bah gehòrt
(REW 852, wo die Nebenformen bàbbèo, babbaléo, babbione, babbano
angeftihrt sind).
16. Umbrisch faluppa «Wiedehopf» (G. 330) scheint eine Kontamina-
tion zu sein von uppa aus upupa .(REW 9076) und lomb. - venez.-
emil. faloppa «Liige, dummes Zeug, Fiause» zu faluppa «Spanchen,
Strohfaser» (REW 3173) 2 . Zweifelsohne ist das umbrische Wort
identisch mit schriftital. faloppa «eitler, aufgeblasener Mensch, Prahl-
hans», wobei naturlich der Name des Vogels das Ursprtingliche ist.
Der mit seiner Federkrone scheinbar Stolz einherschreitende Wiede¬
hopf macht den Eindruck eitler Selbstbespiegelung (vgl. frz. huppé =
eingebildet; Verfasser, op. cit., S. 133). Bei dieser Gelegenheit
sei auf die ansprechende Vermutung Rollands (op. cit., II, 102)
hingewiesen, salope = femme très sale sei ursprunglich gleich sale
hoppe — (huppe), Der Wiedehopf ist bekanntlich ein sehr schmutziger
Vogel 3 4 5 , woher im Patois von Metz der Vergleich sale comme une
hoppe . Als salopé in seiner urspriinglichen Bedeutung nicht mehr
verstanden wurde, bildete man dazu das Maskulinum salop (salaud) A .
17. Nach der Spindel [fusus REW 3620) sind mit Bezug auf ihre
Gestalt benannt die Zwergrohrdommel im Piem. (G. 432) : fus 5 — so-
wie der Purpurreiher im Apul. : fuso (G. 424). Weiterbildungen
sind rum . fusar «Aal» (Hiecke, op. cit. 118), lomb . fuseli a <£ich-
hòrnchen», fusaiina «Mittelsàger» (Pavia, G. 494) fusalinon «Polar-
und Rotkehltaucher» (Pavia, G. 689 f.).
Eingemengt hat sich fusus in siz. furticchiu «Kohlmeise», «Blau-
meise» (G. 235, 251) = fusus + vèrtìculus < Wirtel» zu REW 9255.
1 Vgl. bayr.-òsterr. «Ho'pf» in derselben Bedeutung. Schuchardt, Zeitschr.
f. rom. Phil. XV, S. 98ff. und Verfasser, op. cit., S. 133f.
2 x\n Zitaten sind nachzutragen: Zeitschr. f. rom. Phil. XXIX, 327 f.,
XXXI, 71 ff. Horning) und XXXI, S. 236ff. (Schuchardt).
3 Vgl. die Namen frz. coq pliant, deutsch Kothahn, Stinkhahn usw.
4 Rolland, op. cit. IX, S. 163.
5 fus marein, fus marin «Mittelsàger», «Gànsesàger» (Pavia, G. 493f.)
172
RICHARD RIEGLER
Ebenso liegt eine Einmischung von fusus vor in apul. fusufai y fusu-
fau «Pirol (Terra d’ Otranto, G. 20) neben sicufai, sicnfau aus
neugriech. Gvyiocpdyijq, Gvxocpàg , wortlich : «Feigenfresser» (vgl. Morosi
in Arch. glott. ital. XII, S. 82, Nr. 37).
18. Teccola «Grashuhn» (Fucecchio, G. 533) ist eine Kontamination
von taccola (von langob. tahhala «Dolile»*, REW 8529) 1 2 mit tecca f
teccola «Fleck» (frank. tekka «Zeichen», REW 8534) 3 4 . (Das Gras-
huhn ist weifì getupft.) Hierher gehort auch rom. tecchia } tecca 4 als
Bezeichnung der Uferschnepfe (G. 607f.). Man vergleiche, was Brehm
(Tierleben VI, 3, S. 19) iiber die Farbung dieses Vogels sagt: «Das
Kleingefieder der Uferschnepfe ist vorherrschend rostrot, auf dem
Kopfe und Oberriicken durch breite Schaft-, auf dem Mantel durch
Pfeilflecken gezeichnet.»
19. Die gelbe Bachstelze wird in verschiedenen Mundarten Nord- und
Mittelitaliens (G. 118 f.) als Rinderhirtin ( bovarina, boarina zu boarius
REW 1180) bezeichnet. Vgl. Brehm, Tierleben IV, 1, S. 238:
Bei den Viehherden 5 stellt sie sich regelmafiig ein, bei Schafhiirden
verweilt sie oft tagelang 6 ». In den Marken findet sich nun statt bova¬
rina beverino, das durch Einmischung von bevere «trinken» zu er-
klaren ist. Die Bachstelze hàlt sich, wie schon ihr deutscher Name
sagt, an Bàchen auf, daher die naheliegende Gedankenassoziation, die
Bachstelze als «Trinkerin» 7 zu bezeichnen. (Vgl. beverino «Trink-
napfchen» im Vogelkàfig.)
Dasselbe Verhàltnis wie zwischen bovarina und beverina làfìt sich
zwischen siz. bovarotta 8 und beverotta «Brachvogel» (G. 619) fest-
stellen. Der Brachvogel halt sich auch gern an Gewàssern auf.
1 Taccola heifit «Dohle» und nicht «Elster», wie Rigutini-Bulle und
Meyer-Liibke (im REW) angeben, Vgl. die italienischen Elsternnamen
bei Giglioli, op. cit. llf.
2 Bertoni, L’ elemento germanico nella lingua italiana, S. 206.
3 Bertoni, op. cit., S. 205.
4 Dies auch fiir die Pfuhlschnepfe gebraucht (G. 608).
5 Vgl. friaul. arrnentaresse (G. 118), ferner frz. bergeronnette, bergère
(Centre), R oli and, op. cit. II, 229.
6 Vgl. die Namen guardapecora, parapecora % (Marken, G. 118), wozu
steir. Schafhalterl (Suolah ti, op. cit., S. 92).
7 Von bevanda «Getrànke» ist gebildet bevandola «Wasserspinne» (REW
1074).
s Daneben vujara = buvara , auch masc. vnjaru (buvaru) «Rinderhirt»
(G. 619) von der Vorliebe des Vogels fiir Viehweiden. (Naumann-
Hennicke, Naturgeschichte der Vògel Mitteleuropas IX, 144.)
ITALIENISCHE VOGELNAMEN
173
In Gegenden Piemonts und der Lombardei heifit die gelbe Bach-
stelze auch b aliar ina « Tanzerin» (G. 118). Dieses Wort geht gleich-
falls mit bovarina t ine Verschrànkung ein, die ein bavarina ergibt
(Basso-Piem. G., ebenda).
20. Die Spechtmeise wird in verschiedenen italienischen Mundarten
nach ihrem Ruf benannt. So finden wir nach G. 250 ciò-ciò in Cremona,
Mantua, Modena, Finale, in den Marken, in Umbrien, im Trentino, in
Rovigo, wo auch giò-giò angegeben wird. Zu bemerken ist, dafi ciò
in ganz Oberitalién als Interjektion gebraucht wird, um jemandes
Aufmerksamkeit zu erregen. Neben ciò-ciò findet sich cieu-cieu in
Piem. (G. ebenda), cià-cià (Como, G. ebenda) \ ciciott (Marken, G.
ebenda), ciaciao (Romg., G. ebenda), cui (Friaul., G. ebenda).
Die von Rolland, op. cit. II, 77 aus den Landes angefiihrten
Namen dieses Vogels: sii, tit 1 2 3 tuit scheinen nach Voigt, Exkursions-
buch zum Studium der Vogelstimmen, S. 99 f. seinem Ruf e nàherzu-
kommen.
21. Zu schallnachahmend trita, REW 8921 «Drossel» (richtiger:
«Misteldrossel») gehòrt apul. tre - tari 3 cBrachhuhn, Triel» (Lecce,
G. 555). Dieser Name behebt jeden Zweifel an der onomatopoetischen
Herkunft von deutsch Triel, die von A. Voigt, op. cit. 255, Anm.
vermutet wird, wahrend S u o 1 a h t i, op. cit. 268 eine solche bestreitet.
Triel erklàrt auch das bei Suol ah ti 267 nach Gesner fiir den
verwandten Kiebitz angefiihrte Zweiel, das offenbar eine scherzhafte
Analogiebildung nach Triel ist, das volksetymologisch an drì = drei
angelehnt wurde. Siz. trituri, trittari verzeichnet ferner G. 515 fiir
den Frankolin. Brehm, op. cit. V, 2, 545 gibt den Ruf dieses Vogels
wieder durch die Silben tschuk tschuk tititur . Hierher gehòrt wohl
auch tritillo 4 «Goldhahnchen» (Jelsi, G. 222). Vergleiche, was Voigt,
op. cit., S. 84 von dem naheverwandten Zaunkònig sagt: «Hàufig
hòrt man ein fast klirrend durchdringendes tsr, tsr.* Zu vergleichen
ist auch lothr. tritri fiir den Zaunkònig (Rolland, op. cit. II, 292).
Schliefilich beruhen einige franzòsische dialektische Namen der Mistel-
drossel (Rolland, op. cit. II, 240) auf derselben Schallnachahmung.
wie zum Beispiel trìda , irido, trie, trée, traye usw.
1 Auch Ravenna, daneben cidcaron «Schwàtzer» (G. id.). Vgl. tose.
chiacchiera (G. 251).
2 Vgl. engl. titlark «Pieper» und titmouse «Meise».
3 Daneben: turlì.
4 Wenn lat. trittilare (Georges, Walde) wirklich «schwirren» bedeutet,
wàre es von tritillo «Goldhahnchen» fernzuhalten. Solite es sich aber nicht
vielmehr auf den Ruf gewisser Vògel beziehen?
174 RICHARD RIEGLER, ITALIENISCHE VOGELNAMEN
22. Fiir die weifie Bachstelze ist in Florenz cutrettola ublich, worin
man richtig cii(las) + trèpìdus (REW 8882) gesehen hat. Der Vogel
verdankt diesen Namen der grofien Beweglichkeit seines langen
Schweifes. Flir canda ist culus eingetreten, wie wir auch neben-
einander haben coditremola (Siena, G. 116) und culitremola (Korsìka,
G. 116) zu tr emular e «zittern» (REW 8879). So haben wir analog
im Franzosischen neben hocheqneue, haussequeue , hochecul, auchecul
(Rolland, op. cit. II, S. 224).
23. Von siz. snmmuszari «untertauchen» (zu sùbpùtcare REW 8388)
sind abgeleitet neap. summuzsariello, sommussanello Zwergtaucher
(G. 700), calabr. siimbuzsature (ì) (G. ebenda),. summnz zumar tino 1
(Catanzaro, G. ebenda), summugsaturu (Rossano, Cosenza, G. ebenda).
In sumbuttu (Terra d’ Otranto, G. ebenda) scheint Einmischung von
imbùtum + buttis «Trichter» vorzuliegen (zu REW 4286). Als Analogon
zu summiigzariello ist hierherzuziehen aus dem Spanischen somorgnjo
Haubensteififufi» zu somorguj ar = *sùbmlrgii ciliare untertauchen
(REW 8381). Daneben assimiliert auch somormujo (A ré va lo y
Baca, op. cit., 432), in Màlaga £ambullidor (Arévaio y Baca,
id.) von sambullir «untertauchen» ( sepelire REW 7827).
Im Venezianischen heifit der Haubensteififub gleichfalls Taucher» =
sotarol (G. 699) zu snbtus (REW 8402). Dasselbe Wort wird in
Belluno (G. 693 und passatim) flir verschiedene SteififuBarten ge-
brauchC in Siidfrankreich finden wir es als soutairé (Var, Rolland,
op. cit. II, 404) wieder.
Richard Riegler.
1 Martino ist ein iiberaus hàufiger Vogelname.
Intorno ai Miracoli della Vergine^.
Lo studio dell’ interessante volume, che Ezio Levi ha dato in luce
nel 1917 sui Miracoli della Vergine (si veda la recenzione del
Bertoni in questo Arch. rom/ I, 268), mi ha suggerito alcune osser¬
vazioni e postille, che mi par prezzo delL opera rendere di pubblica
ragione.
Interessante in particolar modo è il miracolo del povero cavaliere
che per miseria vende al diavolo la propria moglie e che dà argo¬
mento a quel curioso poemetto lombardo, Lo Sciavo Dalmasina,
in 122 versi alessandrini che il Biadene pubblicò nel Propugnatore
(N. S., voi. VI (1893), P. II, p. 319 sgg.) e che si legge in un codice
milanese scritto tra il 1429 e iV 35. La leggenda ebbe un insperato
favore e il popolo, impadronitosene, la cantò e V ebbe cara per lungo
volgere di anni. Tanto il Libro dei cinquanta miracoli»
quanto il poemetto lombardo, parlano di un cavaliere ricco che cade
in povertà, mentre il poemetto popolare in ottava rima, il Miracolo
della Vergine del Rosario, di cui s' hanno due stampe siciliane
del settecento e quattro edizioni popolari del secolo XIX, sbocciato in
mezzo al popolo, ne fa un giuocatore, come vediamo mettendone a
raffronto i primi versi.
Redazione milanese dello
Sciavo Dalmasina.
Intendite, segnuri, se 4 ve plaxe :
d' uno bello sermone ve voyo
cuntare,
se voi ponite mente ben vi potrà
zovare.
Sempre de la morte se de’ V omo
regardare ;
chi serve Jesù Cristo no po’ mal
arivare.
Redazione del Miracolo della
Vergine del Rosario.
Stava in Catania un uomo di¬
sperato,
pieno d’ affanni e gran pena sen¬
tiva,
un giocatore, eh* è tanto ostinato
tutta la robba per giocar sen giva.
Essendo a malo termine arrivato
per il pessimo oprar d ; alma
lasciva,
176
GUIDO VITALETTI
Contare ve voyo de uno omo rico
e assiato;
10 padre suo de 1’ avere assai li
aveva lassato:
caze in povertade, molto era
desventurato.
Lo Sciavo Dalmasina per
nome era domandato;
E1 fo de la Zizilia ? in Palermo
fo nato.
11 popolo, come è stato avvertito, amò molto questa leggenda e
attraverso rapidi scorci, conservò i particolari più notevoli del primitivo
racconto, pur sacrificando, per brevità, inutili aggiunte e cambiando
soltanto il ricco uomo, caduto in povertà, in un giuocatore sfrecato,
per più aspro sapore della leggenda. Ecco infatti la redazione orale
eh’ io ho raccolto nell’ Appennino umbro-marchigiano (Val d’ Olmo)
e che mi permetto di offrire al L.
e un giorno preso da sfrenate
voglie
parti dolente e abbandonò la moglie.
Il Giuocatore.
Era vi ’n giocator tanto ostinato
Tutta la robba giocata s’ avia.
Va a casa ’na sera tutto colorito:
— Allegra, consorte mia,
5Che nel gioco so’ stato assai vincente;
U ò racquistate tutte le ricchezze
Che perse avea ne i giorni passati!
Vojo che dimatina di bon’ ora
Cavalchiamo per la selva ombrosa,
io Giàmo 1 a prende’ possesso dei danari,
Palazzi, di giardin, fior di lavori. —
— Caro consorte, son pronta a farvi compagnia 2 ;
Vojo ’na grazia. — — Me la chiederete. —
— E questa grazia m’ avete concessa :
15 Prima de parti’ scoltar la messa. —
1 Ì giàmo '• [gire] andiamo.
2 Variante: Andàmo, consorte mia, du vùe /dove voiJ volete:
So 1 sopragiunta a fàvve compagnia —
INTORNO Al «MIRACOLI DELLA VERGINE»
177
S’ incontra 'na cappella arovinata
— O cavaliere mia, fèrmete e posa:
Vo' salutà' Maria eh' è mia avvocata. —
E cavalcando la donna gioiosa
20 Per tenerezza piange e '1 cor non posa.
Se mette a fà’ orazione con affetto
E con sommo e con divoto cuore,
E co' 'na mano se batteva '1 petto.
E mentre eh' essa stava 'nginocchiata
25 Subbitamente cadde addormentata.
E fòra che ’1 marito 1' aspettava
Quella credendo che la moje sia,
— O iniquo scellerato, o iniquo tristo,
Nun sàe eh' io sono la madre de Cristo?
30 J' apparve quel sito che '1 demonio 1' aveva lasciato
E lo trovò tutto spaventato.
— Dicesti che mi portavi qua a tua moje,
Invece me porti chi me dà tormento e doje? —
— Quel don che t' ò promèrso, t' ò portato:
35 Io '1 lasso a te che mi disfacci '1 resto. —
Arispose Maria col volto suo turbato,
Je disse: — Brutta bestia, vien qua presto:
Il fijo mia è bello e feroce
Per P uomo à sparso '1 sangue su la croce.
40 Va là que la cappella arovinata
Ce troveràe tua moje addormentata.
Notevolissimo è pure quello della «Cortigiana», frammentario all'
inizio, in cui una donna dissoluta, per essere devota della Vergine
(’L mercoledì col sabbato privilegiato
s’ ariguardava de nun fà peccato),
è salvata da questa mentre sta per essere artigliata dal demonio. Una
«lacrimetta» salva Buonconte: lo scapolare con P immagine della
Vergine libera la cortigiana.
Archivurp Romanicum. — Voi. VI. — 1922.
12
178
GUIDO VITALETTI
La Cortigiana.
Sopra de mezzo a ’h prato la menòne 1
E li ’n quel sito la donna parlòne:
Tre volte al petto se senti tirane.
— Fija, que te pense de fàne,
5Che lo Nemico ’nfernal lo vòe provane 2 ?
Sappi chi porta quest’ àbbito ’n petto
Commo divoto nT à da rispettàne. —
Aritornanno a questa cortigiana
Ch’ era del sua falli’ tutta dolente,
10 Pareva li suo’ occhi ’na fontana
Tanto forte piangeva veramente.
Tutto tremante se ne parte quello
Scellerato demogno de cappello.
’Nverso la chiesa del Carmine lia volava
15 A ritrovarlo ’n bon predicatore,
Tutto quanto ’l successo je narrava
Se confessava dei suoi gravi errori.
E de ’na pompa 3 vesta se spojòne
E de ’na scura vesta s’ ammantòne.
20 E se levò da torno ogni bellezza :
I danari eh’ avea d’ oro e d’ argento
Li messe per di’ le messe nel convento.
Aringraziando la madre del Signore
Che dato j’ avea la contentezza:
25— Non più gioveni al mondo e non più amori
Sempre venga Maria, la madre del Signore.
Non più gioveni al mondo e non più amanti
Sempre venga Maria da me davanti. —
Accusi dice: — O mondo traditore
30 Ch’ accusci presto m’ avete ’ngannata:
Si nun era la madre del Signore
Io per 1’ eternità m’ ero dannata! —
1 menòne: condusse.
2 lo vòe provàne ? : lo vuoi provare?
8 pompa: pomposa.
INTORNO «AI MIRACOLI DELLA VERGINE»
179
Un altro miracolo riprende il motivo del cavaliere devoto, la
cui moglie si uccide credendolo innamorato di altra donna, mentre
invece questi si allontanava per onorare e pregare la Vergine,
talvolta anche di notte. La Madonna risuscita la moglie morta e
dannata.
Il cavaliere devoto.
Steva ’n casa un cavaliere
Che Maria divoto avea,
L’ oratorio lui solea
4 De fasse pregio notte e di.
La moje al sua marito
Tutta notte alzar sentia,
Pien di rabbia e gelosia
sje lo disse allor cosi:
— Marito mia, ami tu qualch’
altra donna? —
— L’ amo io, V amo daéro 1
Una gran (am)abile 2 signora:
12 Je donai tutto ’l mio core
Che del tènderò 3 mio amore
Notte e giorno servirò. —
Arestò muta e disperata:
16 A la notte appena udito
Che ’l marito è già partito,
Pija ’n ferro e s’ ammazzò.
Artorna a casa ’l cavaliero
20 Che la moje sua ravvisa,
Del suo sangue proprio intrisa
Nun vedia, misera, più.
Smorcia ’l lume ’l cavaliero
24 Ritornando a la cappella,
S’ anginocchia e tal favella
Sangozzando pronunziò:
— Per venirte a onorà’
28La perdi(i) la moje mia:
Cara madre mia Maria
Tu me devi provedé’. —
La Signora j’arisponne
32Che mommo 4 je viè’ la dama:
— La Signora già ve chiama
Nu’ la fate più aspettà’. —
— Marito mia, pe’ le tue preci
36Io pur m’ era dannata:
La Madonna m’ à salvata
Adesso vado a ringrazià’. —
Il racconto dei Due compari », uno dei quali, chiamato al capezzale
della madre morente, affida all’ altro la propria moglie, è denso di
dramma. Nell’ assenra la donna viene tentata e siccome resiste all’
insana passione, il compare si vendica accusandola ingiustamente al
marito che, furente, la uccide. Ma la Vergine, di cui era devota,
risuscita la donna dopo quarant’ ore/ la consegna al marito avvertendolo
del tradimento del compare, che messo alle strette, è obbligato a
1 daéro: davvero.
- Nella dizione orale si dice costantemente «abile».
* tèndevo: tenero. 4 mommo: subito, subito.
12 *
180
GUIDO VITALETTI •
giurare T per S. Giovanni. In chiesa, proprio sul punto decisivo, il
diavolo s’ impadronisce del disgraziato, il quale «in fumo se ne va».
In questa redazione, più che altrove, mancano dei versi, taluni sono
ipermetri, altri si sono sovrapposti nella recitazione orale. Pure V
elemento drammatico, nella sua povertà, le ha permesso una notevole
diffusione, e i volghi la ripetono e vi s’ indugiano con compiacenza.
I due compari.
Uno dei due compari
Ci avfa la moje bella,
Onesta, santarella,
4 De bona qualità.
Uno dei due compari
Je venne V imbasciata :
La sua madre è ammalata
8je convien de parti'.
— Men parto e men vò via:
Lascio la moje mia
Saperla ben trattà 1 —
12 — O tu compare mia
De me non dubbi tà'. —
A capo de tre giorni
'L perfido malegno
16 Co '1 suo falso disegno
Allor la gì 1 a tantà!
Arispose la donna
Col core inviperito:
20— Ancora a mio marito
Accusci 2 lo vòe 'ngannà'? —
Disse: — Que donna 'ngrata
Comm' un cane arrabbiato
24 Te vojo fà' ammazzà'. —
Va ’ncuntra 3 al suo compare,
Lo 'ncuntra pe la via,
L' abbraccia: — Caro caro,
28Sci nn 'ero 4 più che io
Ch' avevo ben trattato,
Tua moje 'n gran peccato
Con me voleva fà' —
: 3 ,2— Sci questa cosa è vera
Io mó m' arvò 5 e 1' ammazzo! -
La trovò che dormia :
— Su su, Lucrezia mia,
86 Se faccia 'na gran festa
A lodo de Maria:
Io te ce vói menà’ 6 . —
— Si si, marito mia,
40 La gran madre Maria
Giàmola 7 a visità’. —
La prende pe' 'na mano,
La mena pe' la via,
44 La scanna in fede mia
E in terra la gettò.
Doppo le quarant’ ore
La Vergine biata
48 Dal del che fu calata
E vinuta a risusscità'.
1 gì: andò. 2 accusci: cosi. 3 ’ncuntra: incontro.
4 Sci nn’ ero: se non ero. 5 arvò: tornerò.
6 voi menci’ : voglio condurre.
7 sciamola: andiamola.
INTORNO AI «MIRACOLI DELLA VERGINE»
181
— Arisuscita Lucrezia
Sopra de questo sasso:
52 V’ arisurgirà Maria
Quella eh' andé* 1 a visita*. —
La prende pe* *na mano
L* arporta dal marito:
56— Giujo 2 , dècco 3 a tua moje
Nnucente dal peccato
E *1 tuo compare ’ngrato
Iddio lo pagarà. —
60— Il giuro per la fede
Che san Giovanni vede
Che questa è verità. —
Andaveno a la chiesa
64’Scoltare una messa:
Quanno fu per giurà*
In fumo se ni va.
Curioso e diffuso, sebbene relativamente recente (fine del sec. XVIII,
quando Napoleone invase le Marche), questo prodigio della Vergine
lauretana, che si chiude con un sorriso ironico attraverso 1* inter¬
vento del Papa, il quale, se non avesse rimandato «in pace» i fran¬
cesi, «pure la Santa Casa, volla ricamminà» ! I tempi sono [assai
cambiati da quelli del secoli di mezzo, e il documento mi sembra
sopratutto significativo per questo suo sapore nuovo.
La Madonna di Loreto.
Quanno che fu a Loreto
Trovò lo ’ngegno e 1’ arte
E pue 4 lo Bonaparte
Co’ la truppa arivò.
Giranno le fortezze
Ancora li cannoni
Che sia calati giune
E portati via di qua.
Girò *ntorno a la Casa
Trovò le porte chiuse
Che nun podia nentrà* 5 .
Chiama* lo sagrestano
Che je porti le chiàe 6 .
’L povero sagrestano
Le chiave je portò.
Doppo 1* avia portate:
— Aprite do* ve pare,
Pijate quel che c* è —.
Va *n Santa Cappella
Di* 7 *no sguardo a Maria] lì
— Ma qui nun ce s* aria 8 ,1
La scala ce la vò —.
Chiama* lo sagrestano
Che je porti la scala
Lo pòro 9 sagrestano
La scala je portò.
Doppo 1* avea portata,
1 eh andé: che andavi. 2 Giujo: Giulio.
3 dècco: ecco. * pue: poi. 5 neutra’ : entrare.
6 chiàe : chiavi. 7 di’ : diede. 8 aria : arriva.
* pòro: povero.
182 GUIDO VITALETTI, INTORNO
L’ avia rizzando aritta 1 ,
De la mano sinistra
A Maria je 1’ appoggiò.
Ce munta 2 due francesi
E uno cascò ’n terra:
Queir altro stramortito
Disse: — Io me so’ pentito
Più ’n su nun posso andò’! —
Doppo de le otto ore
Ce prova ’n ’ altra ólta 3
Mango co’ ’na bon’ ora 4
Nu’ la pòlse 5 calà’.
Se parte due francesi
Co’ schioppi e ballinetti
Due preti va a trova’.
Poveri sacerdoti!
Piangendo e lagrimando
Col fazzoletto biango
J ’occhi se stea a asciutta’.
«AI MIRACOLI DELLA VERGINE»
De pena se moria(n):
— Disse(r) : — Santa Maria
Venétece a calà’. —
Doppo 1’ avea calata
Je vanno attorno attorno,
Curàje (i e perle al collo
Je le fece cavvà’.
La messe ’n t’ en cassone
Quand’ è bell’ inchiodata
Pe’ pótella ’mbarcà’.
Poveri Loretani!
Piangendo e lagrimando :
— Maria se partiranno
De nue se scordarà —.
Sci nn’ era ’l Santo Padre
Che ’n pace li mandava
Pure la Santa Casa
Volia ricamminà’!
Guido Vitaletti.
1 rizzando aritta: eretta drizzandola.
2 manta: sale (salgono). 3 òtta: volta.
4 mango co’ ’na bon 'ora: neanche con un’ ora buona {di lavoro e di sforzi).
5 pòlse: potè. 0 curàje: coralli.
Tavola del ms. jaeoponico del Marchese Viti-Molza
a Modena 1 .
O amor de pou^rtgde [165]
Pouertà inamorata [218]
Insegnatimi Yh^su Christo [107]
Uergene più che femina [204]
O nouo canto [189]
Homo de ti me lammto [119]
O alta penitenza [164]
Homo che uol parlare [121]
O amor muto [165]
Alte quatro uirtute [51]
Homo che possa lingua domar [147]
O anima che desideri [58]
Multo me sono delungato [156]
Che fai anima predata [224]
O mezo uirtuoso [188]
Assai me sforzo de guardare [81]
Signore dame la morte [241]
O Regina cortese [194.]
Or chi hauaria cordoglio [195]
Piange dolente azzima predata [213]
Amore dilecto Christo beato [54]
Amore dilecto amore [54]
Sapeti uui nouelle [235]
O jubilo del core [184]
La bontade infinita [135]
1 Su questo ms., cfr. Solerti, Giorn. stor. d. lett. ital. XV, 312, Piccolo
cart. sec. XV, proveniente dalla Bibl. di S. Francesco alla Vigna, Venezia.
Non ho potuto avere sottocchio il ms. che per un ’ora, durante la quale ho
redatta la presente tavola. Tra parentesi quadre, la pagina degli «Inizii» del
Tenneroni.
184
GIULIO BERTONI
Lo amore in lo core uol regnare [137]
La bontà se lamenta [135]
O amore diuino amore — perchè, ecc. [165]
O dolce amore — che hai, ecc. [172]
Fugo la croce che me deuora [114]
In septe modi corno pare a mi [107]
O Homo metete a pensare [121]
La superbia de laltura [140]
Auditi la bataglia — che me fa, ecc. [63]
Oldite noua patia [253]
Cinqui senni ha messo el pegno [83]
Lanima che uitiosa [138]
Lo ho mo fu creato uirtuoso [147]
Si corno fa la morte [240]
Dona del paradiso [103]
Lo amore che uennuto in carne [48]
Uoi che hauita fame de lo amore [263]
Chi ne seria credente odando dire [77]
Lo mio core e la mente [147]
Lo Y/zesu sguardo incarnato [146]
Signor mio io uo languendo [242]
Amore de caritade [54]
Nullo ho rno mai se sa ben confessare [163]
Sopra ogni lingua amore [244]
O Jesu fornace ardente [184]
Uolendo acomenciare [164]
O Christo mio diletto [170]
El dolce amatore [106]
O Jesu nostro amatore [132]
Nouo tempo de ardore [163]
O Francisco pouerello [175]
Uergene clara luce [204]
Audite una tentione (fra Onore e Vergogna) [63]
Senno me pare e cortesia [238]
Mutato han ueste li lupacini [157]
Guarda che non caschi amico [120]
Pero che alchuni ho mini domandan [212]
Non tardati peccatori [162]
Conscientia mia [169]
Alto patre nui te pregiemo [52]
O femine guardate [174]
TAVOLA DEL MS. JACOPONICO DEL MARCHESE V1TI-MOLZA A MODENA 185
O papa Bonifatio — molto hai, ecc. [191]
Auditi una tenzone — Che era fra due persone [63]
O Christo pietoso [171]
O anima fidele [166]
O castitade bel fiore [169]
Amor che ami tanto [54]
Que farai fra Iacopone [225]
Signor mio per cortesia [201?]
Ne forte aliquis patet, ecc.
Un arbor è da dio piantato [254]
0 corpo infracidato [170]
O frate briga a dio tornare [176]
O frate guarda el uiso [175]
Non se tenga amatore [162]
O Christo omnipotente [171]
O derrata 1 guarda el prezo [172]
O Christo omnipotente (rip.) [171]
0 amor che me ami [165]
Amor diuino amore — Amor che non sei amato [54]
Piange la ecclesia [213]
Jesu Christo se lamenta [131]
Frigesente caritatis
O anima mia — creata gentile [166]
O uita de Jesu [205]
O amore contrafacto [55]
O libertà subiecta [185]
La ueritade piange [144]
Or se par irà chi hauerà fidanza [196]
Poi che a dio io possa piacere [243]
Auditi una tenzone — che è fra V anima e ’l corpo [63]
O peccatore chi te ha fidato (209)
In cinqui modi appare [107]
A li ogij corporali [47]
O Francesco da Dio amato [175]
O frate Ioh anne de Aluerna [47]
Que farai Petro da Morono [225]
O papa Bonifatio-porto ecc. [191]
Lo pastore per mio peccato [106]
Lo amore che à consumato [137]
Nel ms. si direbbe stia scritto: denota.
186
GIULIO BERTONI
Jesù fazo lamento [132]
Ama Jesù anima inamorata [53]
O anima fidele — che vuoi di Dio, ecc. [l«bò]
Tropo perde el tempo [249]
O dolce amor Jesù quando sarò [173]
0 dolce amor Jesù che amato me hai [173]
Laudiamo lo amore diuino [143]
Ne la degna stalla [159]
Ciascuno amante [81]
Laudiamo Jesù el figliol de Maria [142]
Ben moro de amore [71]
Amor Jesù dilecto [56]
Anima peregrina [59]
Dilecto Jesù Christo [98]
Chi uol auer de Dio [79]
Guidarne tu Jesù guidarne tu [120]
Aue domine Jesn Christo
O cmtx fr-uctus saluificus
Lo amore a mi uenendo [137 ]
Anima benedeta [57]
Sempre te sia in dilecto [238]
Aue fuit prima salus
Stabat matcr spetiosa
Stabat mater dolorosa
Vergene benedeta [260]
Canti zogliosi [74]
Verbum caro factum est
Cum desiderio uo cercando [85]
Ochio che uede Dio
Io son Jesù dilecto [127]
Jesus dulcis memoria
Crux de te nolo conqueri
Cur mundus militat
Ave regis angelorum
Laudiamo Jesù [143]
Partete core (208)
Cristo amatore — verace intendanza
O amor non cognoscuto
Si fortemente son tracto [241]
O dolce amore che uolesti
O Jesu Christo omnipotente [184]
TAVOLA DEL MS. JACOPONICO DEL MARCHESE VITI-MOLZA A MODENA
187
Figliol de Dio nel mondo nato
Pregamo te divisto saluatore [218]
Or questo ciecho mondo
Gode gode ne le pene gode [119]
Dica el mondo ciò eh’ el vole
Lo mio signore che è nato [147]
Dura sei anima mia [104]
O gloriosa sopra li beati
Amare non uoglio te [53]
Ueniti amanti al diuino amore
L’ amore ma sì ligato [138]
Sempre sei tu laudato [238]
In uita eterna [125]
Benedetto sia lo giorno [70]
Pouertà zoiosa [193]
Non poterai fugire [162]
Doppo queste alegreze [104]
De sedatiui o peccatori ingrati
Misericordia dolcissimo Dio [155]
[O amore che facto me hai] [164]
[Poi che sei facto frate [217]
[Signore amoroso] 1
Audite una mata patia [253]
Faciamo facti or faciamo [110]
Amor J^su perche el sangue spandisti [56]
Quando talegri homo daltura [223]
Dolce uirgine Maria [103]
Per li nostri gran ualori [211]
Di Maria dolce [98]
Bon Yh^sù amor cortese [72]
Douame la morte Iesù [103]
Christo per lo tuo amore [89]
Moro damore [157]
Languisco damore [138]
Chi ci uedesse el mio dilecto [76]
Dauante ad una colonna [93]
Me uoglio in altro homo mutare.
_ Giulio Bertoni.
1 Munca una carta e perciò non si leggono nel codice i tre componimenti^
il cui principio è fra parentesi quadre. Della loro presenza nel codice, quando
era integro, mi fa accorto 1' indica in fine del manoscritto.
BIBLIOGRAFIA.
G. Dottin, La langue gauloise. Paris, C. Klincksieck 1920.
(Collection pour l’étude des antiquités nationales II).
Fur den romanischen 'Sprachforscher ist ein Buch wie dasjenige. von
Georges Dottin besonders willkòmmen: bietet das Werk doch in bequemer
Form als das ftir uns Wichtigste zunàchst die aus dem Altertum iiber-
lieferten Inschriftentexte, eine Abhandlung uber die Stellung des Gallischen
innerhalb der keltischen Familie, eine Ubersicht auch der in der tìberlieferung
herrschenden lautlichen Schwankungen einzelner Formen (p. 45—68), einen
fesselnden Abrifi der Geschichte der Irrtumer auf dem Gebiete der keltischen
Sprachwissenschaft und endlich ein Glossar der uns aus dem Altertum uber-
lieferten Worter und Wurzeln (auch solcher, die durch die romanischen
Formen gefordert sind), soweit die Eigen- und Ortsnamen uns solche klar
erkennen lassen. — Es kann nicht in meiner Aufgabe liegen, die Kapitel
zu bespréchen, welche auf der indogermanischen Seite liegen: dazu
bediirfte ich jener Kenntnisse, die gerade Dottin auf dem Gebiete des Irischen
wie des Bretonischen aufzuweisen den Vorzug hat, sondern es liegt mir daram
diejenigen Kapitel und Probleme zu streifen, die den romanischen Sprach¬
forscher interessieren mussen.
Da ist nun allerdings gleich zu bemerken, dafi Dottin auf der romanischen
Seite sich durchaus wenig selbstàndig und unternehmend erweist: Das
Kapitel: Les traces da celtique dans les Icingues rornanes , p. 72—79
wird dem neugierigen Leser, der uber die Frage des sprachlichen Einflusses
des Gallischen auf das Galloromanische orientiert sein mòchte, eher eine
fiihlbare Enttàuschung hinterlassen. Man kann nicht einmal behaupten,
datò dieser Abschnitt dem Stande der Forschung entspricht: die Entwicklung
von frz. lieu <locum wird trotz Meyer-Liibkes Widerspruch, Z. /. rom.
Phil. XXXII, 295 immer noch fast vorbehaltlos (p. 78) auf Einwirkung des
bret. ledi zuriickgeftihrt ; ob unter den Romanisten irgendeiner noch die
Ansicht vertritt, dafì der Dativus possessionis le livre à André keltischem
Einflufi zu verdanken sei, mòchte man doch bezweifeln. Auch die ganze
u—u-Frage ist merkwurdig unselbstàndig dargestellt und tràgt den in den
letzten 20 Jahren eingeleiteten Forschungen kaum Rechnungh Es ist dieser
1 Cfr. z. B. zuletzt Mever-Liibke, Zeitschv. f. frans. Spr. u. Lit. XLI,
1; XLIY 75; Gamillscheg, ibid. XLY, 341.
BIBLIOGRAFIA
189
Mangel, dem Dottin hoffentlich in einer zweiten Auflage abhilft, uni so mehr
zu bedauern, als doch gerade 6r durch die feine Kenntnis der westfran-
zòsischen Mundarten mit der romanischen Mundart- und Sprachforschung
stets lebendige Beziehungen bewahrt hatte: Der meist histstorisch und
nicht linguistisch orientierte Leser wàre ihm daher ganz besonders ver-
pflichtet, falls er sich dazu entschliefìen konnte, den Leser knapp zu in-
formieren, welches die Ergebnisse der romanischen Sprach- und speziell
Wortforschung flir die Kenntnisse des Gallischen in den letzten 50 Jahren
gewesen sind: datò dabei Ascolis beriihmte «Lettere glottologiche» hier bahn-
brechend vorgegangen sind, datò Schuchardt, Meyer-Liibke und andere hier
neue Wege eingeschlagen haben, diirfte wohl auch irgendwo im Buche Er-
wàhnung finden. Wenn Dottin uns so pràchtig den Gang der wissenschaft-
lichen Theorien uber Herkunft und Verwandtschaft des Gallischen berichtet,
warum soli hier nicht gegenuber dem Optimismus Ascolis hinsichtlich der
Spuren einer Einmischung des gallischen Lautsystems auf das Gallo-
romanische die grofiere Skepsis Meyer - Ltibkes 1 an einigen Beispielen be-
legt werden?
Sehr vermissen wird nicht nur der romanische Sprachforscher, sondern
auch der Indogermanist einen Abschnitt uber die Mittel und Wege, wie
vom Romanischen aus gallische Worter und ihre Bedeutungen rekon-
struiert werden diirfen: es ware interessane den in seiner Form auffallenden
Satz: «La présence d’un mot supposé celtique dans la péninsule ibérique,
dans^le centre et le le nord de l’Italie, dans l’Aquitaine en rend suspecte
l’origine celtique et donne au contraire, à l’origine latine, plus de vraisemblance»
(p. 72) mit Beispielen zu belegen; man mòchte aber auch wiinschen, der Ver-
fasser wiirde sich dazu entschliefien, an einigen Beispielen die Schwierig-
keiten der Rekonstruktion eines gallischen Wortes und die Fehlerquellen,
die dabei zu vermeiden sind, zu beleuchten. — Nicht mit einem einzigen
Worte werden solch groBartige Arbeitsinstrumente wie der Atlas lin-
guistique de la France oder Mistrals Trésor dou felibrige er-
wàhnt, die uber die Verbreitung von gallischen Wortern in den heutigen
romanischen Mundarten Auskunft zu geben vermòchten: ein Hinweis auf
die Arbeiten W. Schulzes 2 , auf diejenigen von P. Skok 3 oder von W. Kaspers 4 5
uber die -acwn- Namen Frankreichs, auf die bahnbrechenden Forschungen
MuretsVund Marteaux’ 6 uber die Ortsnamen der Westschweiz und
Savoyens, das Bulletin du gloss. des patois de la Suisse romande, das doch
Etymologien uber vorromanische Worter 7 mancherorts besprochen hat,
1 Cfr. z. B. Literatnrbl. f. gemi. u. rotti. Pliil. 1910, 280.
2 Zur Geschichte der lateinischen Eigennnamen, Abhandlgn.
d. Gott . Ges. d. Wiss. 1904 (wo z. B. die gallischen Orts- und Personen-
namenverhàltnisse der Gallia cisalpina mehrfach behandelt sind).
3 Beiheft d. Zeitschr. f rom. Phil . II.
4 Etymologische Untersuchungen liber die mit - acum,
-anum, -ascimi, -useuni gebildeten nordfranzòsischen Orts¬
namen, Halle, Niemeyer 1918.
5 Romania XXXVII, 1, 318, 540.
6 Reme savoisienne XXXV et ss.
7 Z. B. calvi , cfr. L. Gauchat. Bull, du gloss. de la Suisse rovi. IV, 3
(cfr. uber dieses Wort auch Berthoud et Matruchot, Étude historique et
190
J. JUD
haben bei Dottin weder Berlicksichtigung noch Benutzung erfahren. Solite
die ihrer Internationalitàt sich nihmende keltische Philologie nicht auch
auf dem Gebiete der romanischen Sprachwissenschaft dieselbe weitherzige
Gastfreundschaft uben?
Und nun zu einigen Fragen des ersten Teiles.
P. 22—26. Es wàre sehr wertvoll, wenn der Verfassser sich gleich von
Anfang an iiber den Geltungsbereich des Wortes «Gaule» klar aus-
gesprochen hatte: Gehòrt Oberitalien und die Zentral- und Westschweiz mit
dem Wallis auch zu «la Gaule»? Wenn ja, ist es dann unbescheiden zu
verlangen, dafi diese aufòerhalb Frankreichs gelegenen Gebiete weniger
stiefmtitterlich im Buche behandelt werden? So wàre wohl bei der Be-
sprechung der aus dem Altertum iiberlieferten Ortsnamen der Gallia Cisalpina
zu bemerken, dafl die Zahl der aus dem Alpengebiet iiberlieferten Namen
aus leicht begreiflichen Griinden iiberaus spàrlich sein mutò; um so wert-
voller wàre nun ein Hinweis auf Salvioni, Bollettino storico della Svizzera
italiana, XIX, 142, der auf die -dannili- Namen im tessinischen Voralpen-
gebiet hingewiesen hat: es sind Duno in Val Cu via und im Malcantone,
Solduno (bei Locamo, das auf Seudunum auf Segudunum beruhen
konnte), Gorduno, Ind u n o «m duno?). Hinsichtlich der gallischen Namen
in der alten Provinz Ràtien (umfassend die Raetia prima und secunda), wàre
auch hiergròlJere Pràzision von hohem Wert: die Raetia prima (Vindelicia)
ist r e i c h e r an gallischen Ortsnamen als die Raetia secunda, die nur unmittel-
bar stidlich des Bodensees in der dem bùndnerischen Bergland vorgelagerten
Rheinebene auftauchen: Brigantion und, wie neulich R. v. Pianta 1 nach
gewiesen hat, Vindobona (Vinomna, altromanischer urkundlicher Name
von Rankwil) (Vorarlberg); denn BQctyóóouvov (nicht -doupov?), xccooóà'ovvov
(neben xapvo-), %ccp/3ó<fovvov liegen wahrscheinlich in dem sicher von Kelten
einst bewohnten Vindelizien; *1 oovoó y ayog ist nicht der Name «d’une ville
des Alpes», sondern, soviel wir wissen, eines Ortes im schweizerischen
Kanton Wallis, in der Rhoneebene, die nur wàhrend 150 Jahreneinen
Teil der Provinz Ràtien gebildet zu haben scheint 2 . Bieten die Inschriften
von Ràtien (d. h. Raetia secunda) wirklich zahlreiche (p. 24) gallische
Personennamen 3 ?
P. 28. Uber die Sprache des Laterculus von Polemius Silvius durfte
neben der Studie von Ant. Thomas, Rom. XXXV, 161—197 diejenige von
Schuchardt, Zeitschr. f rom. Phil. XXX, 712 wie auch die meine, Bull etili
dii glossaire de la Suisse r ornati de XI, 40, Erwàhnung finden.
P. 54—71. Dottin hat hier eine ganz aufierordentlich willkommene Zu-
sammenstellung der lautlichen Varianten gewisser in den Inschriften und
Handschriften uns iiberlieferten Formen und Wòrter zur Verfiigung gestellt:
étymologique des noms de lieti de la Còte di Or 1901, I, p. 21 ss.); uber
jura, Gauchat, ibid. Ili, 14, etc.
1 Regesten von Vorarlberg und LicJitenstein bis zum Jaltre 1260,
1. Lief. 1920, p. 75.
2 Oder, wenn Dottin das Wallis als einen Teil der Provinz Ràtia betrachtet
wissen will, dann miifìte er auch Octodurum und Sedunum in die Zahl
der «ràtischen» Stàdte aufnehmen!
3 Cfr. nun den schonen Band der Inscriptiones Baivariae romanae
sire Inscriptiones provincia e Raetiae V, ed. F. Vollmer. Monaci 1915.
BIBLIOGRAFIA
191
leider wagt er nicht hier iiber die Mògliclikeit der diale ktischen
Formen innerhalb des Gallischen sich auszusprechen. Man erlaube mir
daher in diesem Punkte folgende Uberlegungen dem Leser zu unterbreiten :
Wir haben nur dann Aussicht, auf dialektische gallische Formen zu stoften,
wenn wir bei unzweifelhaft gallischen Namen oder Wòrtern in ihren
romanischen Deszendenten einen Laulwandel feststellen kònnen, der
den romanischen Mundarten in der Verbreitungszone des gallischen Wortes
fremd ist. So beobachten wir im Spanischen und Ràtischen keinen Wandel
von lat. -st- > zu (oder > -f-), wohl aber ist uns ein solcher Wandel im
Gallischen 1 sichergestellt. Wenn das gallische *ambibosta «was man mit
zwei Hànden fassen kann» als span. (dial.) mosci, embosd oder als biindnerisch
boffa erscheint, cfr. Rev. de ftl. esp. VII, 339—350, so liegt hier unzweifel¬
haft ein romanisches Beispiel fiir den gallischen Wandel von -st > fr
vor. Man kann nun entweder annehmen, datò die noch erhaltenen romanischen
-si- Formen (gasc. mousto , piem. ambosta) einen àlteren gallischen Laut-
stand, die -Jf- Formen (span. mosci , obw. boffa) einen j ti n g e r e n gallischen
Lautzustand widerspiegeln, oder man kann, so glaube ich, mit demselben
Recht voraussetzen, datò der Wandel von st > # nicht auf dem ganzen
kontinentalgallischen Gebiet sich durchgesetzt hat und in den verschiedenen
rom. Formen ein dialektischer Zug des Gallischen vorliegt. — Ein zweiter Fall
liegt in der Entwicklung des gallischen mi vor: p. 358 berichtet Dottin: il
semble que nd et nn soient des variantes phonétiques d’un mème groupe
primitif: Manda - essedum (cfr. Tarv-essedani) s’explique facilement par
mannus «petit chevai». Wer die in Frankreich bekannten Falle von
nn > nd bei Foerster. Zeitschr. f rom. Pini. XXII, 265, 509 durchmustert,
ist erstaunt, auf wie schwankender Basis der Bonner Gelehrte das Laut-
gesetz nn > nd im Franzosischen konstruiert: sehen wir von columna ab,
das ein Fall sui generis ist, so sind als solche Falle einzig zitiert die nicht-
lateinischen Namen: VAronde <L Oronna und Gìronde < Garninna 2 3 * : ob
auf einem solch unsicheren Material tiberhaupt ein romanischer Laut-
wandel von nd < nn nachweisbar ist? Ich glaube, wir diirfen ruhig die
Ansicht aussprechen, dafi -nn- in Frankreich keiner Neigung zu -nd-
verdàchtig ist.
Umgekehrt ist auch lat. -nd- nicht zu nn- geworden; auslautend -nd- ist
wohl im A 11 provenzalischen als sogenanhtes festes -n erhalten, aber durch
Ableitungen rasch als nd- erkenntlich.
Nun hatte seinerzeit Thurneysen, Keltoromanisches, p. 32, darauf
hingewiesen, dafi neben dem bei Columella bezeugten arepennis das frz.
arpent und altspan. arapende auf ein àlteres arependis weisen. Ja, ich
glaube, man geht nicht zu weit mit der Annahme, keine romanische Form
setze ein a repenne fort, sondern alle beruhen auf einem arepende 8 . Die
1 Cfr. dazu Pedersen, Gramm. I, § 49, 5.
2 Ich lasse hier den P'all Garumna beiseite : wir wissen ja heute noch nicht,
ob die Form Garunna oder Garumna als die àlteste gallische betrachtet
werden mufi; wir wissen ferner nicht, ob der Name galliseli oder
iberisch ist.
3 So altfrz. arpent und Ableitung vom Substanti v arpent er. wie altprov.
arpen , prov. mod. arpent a.
192
J. JUD
lateinische Uberlieferung der Formen zeigt uns aber ferner bei arepennis:
arpennis (mit fehlendem -e- in der Silbe are-) dasselbe Schwanken wie bei
Aremoricus und Armoricus ; ja sogar das im ausgehenden Altertum be-
legte arapennis (bei den Gromatici und bei Isidor) liegt dem span. arapende
zugrunde. Liegt hier nun dialektale Lautvariante des .bei Columella aus
einer cisalpinischen (?) Mundart entlehnten arepennem gegeniiber dem trans-
alpinischen arependem vor? Eiriem gallischen talo-penno (cfr. Rom. XLVII,
488) entspricht im franko-provenzal. tala-pent , ostfrz. talevande: darf nicht
auch hier von einer innerhalb des gallischen Frankreichs vollzogenen dia-
lektalen Entwicklung ron -nn- > -nd- genau gleich wie bei arepenne
arepende gesprochen werden? — Einem gallischen Icorarnia entsprechen
nicht nur die verschiedenen Ingrande, Yvrande usw., sondern auch In-
grannes, Eaugronne, Ingrannes 1 . — Einem sehr weitverbreiteten benna
«Korb» entspricht in den westschweizerischen Mundarten beda «ruche».
Durfen wir also nicht auf Grund dieser romanischen Beispiele von einem
gallischen dialektalen Lautwandel von nn > nd reden? Ergibt sich daraus
nicht mit zwingender Notwendigkeit die Einsicht, dafi nicht die uns uber-
lieferten (meist offiziellen) Formen der gallischen Wòrter, sondern die
romanischen die innerhalb der gallischen Umgangssprache vollzogenen
Lautwandlungen verraten kònnen 2 ?
Man gestatte mir, noch zwei Falle anzufuhren. Nach -r- schwankt die
handschriftliche IJberlieferung in bezug auf die Wiedergabe von -rg-\
vercobreto steht neben vergobreto, Argantomagus gegeniiber Arcantodan.
Dieses Schwanken findet auch im Romanischen seine Bestàtigung: ein
gallisches ver co-, vergo- in der Bedeutung «Arbeit, Ertrag, Vermogen» findet
sich nàmlich, wie ich nàchstens zu zeigen hoffe, nicht nur in siidostfrz. ver-
chère, altprov. verqneira «dot», sondern auch in dem bis heute unerklàrt
gebliebenen friihmittellat. Wort avergaria , das uns das Polyptique de Saint-
Rémy uberliefert hat 3 .
1 Vgl. dazu die beiden Artikel von Havet und Longnon, Revne archéol
t. 1892, 170, 280, die beide in Dottins Buch keine Beachtung gefunden
haben.
2 Der Wechsel von en: ou: u (cfr. Teutates, Toutatis, Totati, Tutatis)
spiegelt sich ebenfalls in den Bezeichnungen des Blitzes lene-, Ione-, Inc-
auf galloromanischem Gebiete wider; cfr. K. Gc>hri, Revne des dial. rom.
IV, 55. — Oder der Wechsel von -tt- und -t- (cfr. daruber E. N. Matto, Mato
[p. 65]) in ambilattiu > altfrz. amblais (< ambilatiu)\ das Schwanken von
s-, -ss- in sasia, *sassia: neuprov. seisseto, sisseto (rhod.), saisseto «froment
de la plus belle qualité, froment barbu, gros froment originaire de Barbarie,
avec lequel on fait la pàté de vermicelle», das ebenso wie span. jeja, catal.
xeixa, valenc. aixeixa, trotz Meyer-Liibkes Einspruch, Zeitschr. J. rom.
Phil. XVII, 566, aus semantischen Grlinden kaum mit saxeu «grau» etwas
zu tun haben. — Als Parallele von Exobnus: Exomnus, vgl. auch Vindo-
bona: Vinomna (Rankwil) bei v. Pianta, toc . cit. — Zu m : b: Cevenna:
Kf/ufjevov, vgl. samanca : span. saboga, ^axallinea : amelanco (vgl. unten).
3 Ein zweites Beispiel des Schwankens von -re-, -rg- innerhalb des Gallischen
bieten uns die romanischen Deszendenten des von Loth, Rev. celt. XXXVIII,
308 angesetzten barca «palais, *maison,» das nicht nur dem frz. barge,
sondern auch dem oberital. barc(a) (cfr. Rom. XLVI, 468) zugrunde liegt.
BIBLIOGRAFIA
193
P. 99. Uber sr>fr im Gallischen wàre wohl Meyer-Ltibkes Aufsatz
uber tessin. froda, Zeitschr. f rom. Phil. XX, 530 einzusehen. Wie auch
auf dem Gebiete der Wortbildungslehre etwa das Romanische neues Licht
in die gallischen Verhàltnisse bringen kann, kann an dem sudostfrz. vaadru
«très fertile* gezeigt werden, in dem der erste Bestandteil ver-druto nichts
anderes ist als die Intensivpartikel ver- + Adjekt (cfr. Pedersen, Gram. II,
p. 10 (vgl. den Artikel dru im nàchsten Heft des Arch. Rom.).
Zu dem sehr willkommenen gallischen Wort- und Stammverzeichnis
(p. 223 ss.) gestatte man mir, zunàchst folgende Anschauungen prinzipieller
Natur zu àufiern 1 .
I. Verhaltnis der aus dem Altertum uberlief erten Be-
deutung zu derjenigen der romanischen Deszendenten
des gallischen Wortes.
Der Artikel broga lautet bei Dottin: broga, ms. brogae «agrum» (Scholiaste
de Juvénal Vili, 234): gali. bret.: bro «pays», v. prov. broa (mit Hinweis
auf A. Thomas, Revue celtique XV, 216—219). Wer nun nicht gleich ein
altprovenzalisches Wòrterbuch zur Verfugung hat, wird nicht erkennen,
datò altprov. broa= «bord d’une rivière, d’un champ» bedeutet; er wird vor
allem nicht daraus schliefien kònnen, welch starke Verbreitung dasselbe
Wort nach (dem bei Dottin noch zu zitierenden) A. Thomas, Essais de
philol. franeaise, p. 96—102 in den heutigen neuprovenzalischen und siid-
ostfranzosischen Mundarten 2 aufweist, und zwar, was bemerkenswert ist,
stets in derselben Bedeutung «bord, rive, orée, lisiére d’un champ gami
de broussailles, talus inculte qui séparé deux champs sur le penchant d’une
montagne, haie de broussailles, haie» (en Dauphiné) 3 . Angesichts dieser
• Einstimmigkeit in der Bedeutung der romanischen Deszendenten
von broga haben wir nicht das Recht, die Bedeutung «Grenze» ftir
das Gallische anzusetzen und dabei etwa an parallele Bedeutungs-
entwicklungen wie von altprov. marca «marche, frontière» zu erinnern?
1 Herrn Dottin mòchte ich dringend nahelegen, die Verweise auf die grund-
legenden Artikel nicht zugunsten etwa eines generellen Verweises auf
REW zu unterdriicken: der Forschung ist mit einem blofien Verweis auf
die notwendig auf knappsten Umfang zusammengedràngten Formen der
Artikel der REW nicht gedient.
2 Vgl. nun auch im Supplément des ALF, s.gazon; brouo, broua «bord
gazonné d’une terre, couvert ou non de buissons».
3 Nicht nur in der Dauphiné, wie Devaux in seiner bei Ant. Thomas,
loc. cit., p. 103 abgedruckten Zuschrift betont, ist das Wort in der Bedeutung
«ados entre deux champs labourés, limite commune de deux champs» belegt,
sondern es tritt auch noch weiter im Norden auf (Mons de la Tour [H-Loire]
abró «bord» Rev. de phil. fr£. s XXV, 134), savoy. brova «talus naturel
avec pente très rapide, renflement qui se forme à la lisière inférieure d’un
champ en pente par suite de la descente de la terre» (adj. brevan «rapide d’une
pente» < -ante). REW 1323 dauph. breva mutò genauer definiert werden als
dauph. (francoprov.); ein dort ebenfalls angefiihrtes piem. bru(i)a finde ich
in dem piem. Wòrterbuch als bròa «sponda, orlo, lembo, margine, riva»;
vgl. ferner: monferrin. a broua, a ra broua «alla proda, alla riva» und
hierher vielleicht das Verbum sbrouée «schiarire la selva, tagliando qua e
là i cespugli cresciuti intorno agli alberi grossi». Vgl. auch Rom. XLVII, 482.
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 13
194
J. JUD
Unter durilo- lesen wir bei Dottin:
dumo-, terme de nom propre; irl. doni, gali, da ni «poing», bret. donni
*main«, v. frz. dor «mesure de longueur constituée par le poing ferme»,
prov. doni. — Bei REW 2754 lesen wir:
doma (gali.) «Hand»: altfrz. 1 prov. doni «eine Handvoll».
Die romanischen Formen weisen, wenn ich richtig sehe, alle auf ein dumo,
nicht auf ein doma (cfr. altprov. doni); sie bedeuten, soviel ich zu sehen
vermag, nicht eine «Handvoll», sondern «largeur du poing, largeur de la
main», es liegt also kein Hohl- sondern Làngenmafi vor (vgl. Thomas, Rom.
XLI, 455 und auch Glaser, Zeitschr. f franz. Sprache u. Lit. XXVI, 113):
nur aus dem Làngenmafi erklàrt sich Saintonge dome «giron», doniée,
douvnée «un giron plein» (Jónain), Poitou dome «giron, espace depuis la
ceinture jusqu’aux genoux quand on est assis», domale «ce que contient
une dome» (Favre, Lalanne), dome «pierres qui forment le cintre, la gueule
d’un four» (anderswo auch tablier genannt), Anjou dome «tablier, giron»,
doniée «contenu d’un tablier, ventrée (d’une femme, d’une chienne)» (Verrier
etOnillon), mittelfrz. dome, fém. «giron, espace depuis la ceinture jusqu’aux
genoux» (Godefroy), Bas-Gàtinais doniée «plein giron» ( Rev . de pini. frQ.
VII, 41), cfr. auch ALF, Suppl. s. giron, tablier 2 3 . Ist nun die Bedeutung
«Hand» oder «Faust» fiir das Gallische zu vindizieren? — Da aufierhalb
des Bretonischen das mit lat. palina urverwandte ir. Umili, cymr. ilaw als
Bezeichnung fiir «Hand» gilt, so diirfte es sich im Bretonischen eher um
eine sekundare Bedeutungsverschiebung handeln; dem gallischen dar il
ist also doch wohl die Bedeutung «Faust» zuzuschreiben s . Ich wiirde also
den Artikel bei Dottin so redigieren:
damo (probablement) «poing», irl. doni, gali, durn «poing», bret. donni
main» — : vfr£. dor, vprov. doni mesure de longueur constituée par la
largeur de la main»; poitev. saintong. angev. dome «giron, espace depuis
la ceinture jusqu'aux genoux quand on est assis».
Als weiteres Beispiel zur Beurteilung des Verhàltnisses der im Lateinischen
iiberlieferten zu den im Galloromanischen bezeugten Bedeutungen sei car-
peiitnin erwàhnt. Dottin fuhrt dariiber folgendes aus: carpentiun «char»,
mot latin emprunté aux Celtes (cfr. Arrien, Tact., 33); irl. carbat, frz. char -
pente, gali, carfan «poutre», bret. curvan «ensouple». Voir Carbanto.
Zunàchst wiirde es gewifi auch den Keltisten interessieren, dafi in einem
Teil des Biindnerromanischen, im Nidwaldischen, carpidi, obereng. crapent,
1 Existiert eine altfranzòsische Form dorn'ì
- Dagegen wird man kaum wagen, das siidfrz. dorgno «irrégularité dans
le fil, bouchon (lim.), pustule», donrgnomi «morceau de pain ou de viande;
bigarreau» (lim.), Fourgs drougne «excroissance des arbres», piem. donai
«tumore, bernoccolo» hierherzustellen, solange nicht die weiteren Beziehungen
zum weitverbreiteten brongnoco, bongno aufgeklàrt sind. — Dagegen scheint
es mir mòglich zu sein, das im Val Tournanche (Aosta) bezeugte danni
< doni + -eoln «il pezzo di tela in cui portano la razione alle bestie»,
dor noia s. f. razione contenuta nel darmi e l’una e l’altro insieme» (Merlo,
Rendiconti dell Ist. lomb. XLIV, 823) mit damo zu verbinden.
3 Zur Bedeutung von domo «Faust» > «Handbreite», vgl. altfrz. poing
(de terre) im Erec 963 (Variante), Foerster, Wórterbnch von Chrét. v. Troyes,
s. v.
BIBLIOGRAFIA
195
untereng. charpaint noch heute der Ausdruck fiir «Fuhrwerk* ist, dafi
ferner im Obwaldischen carpidi den wohl heute (meistens) verschwundenen
«Schlitten, um die Molken zu transportieren», bezeichnet (neben der all-
gemeinen Bedeutung «Feldgeràte», wohl weil sie friiher auf dem carpidi
aufs Feld hinaustransportiert wurden). Es wàre wohl ferner die Frage auf-
zuwerfen, ob die Bedeutungsiibereinstimmung von bret. carvan «ensouple»
(also eigentlich «Achse», auf der das zu Webende aufgerollt ist) nur zufàllig
ubereinstimme mit der Bedeutung «Wagenachse» im friaul. p harpint «sala,
grossa spranga di legno traversale, nelle cui estremità liscie, dette fuselli o
fusoli, girano, come in un’ asse, due ruote» (Pirona). Man darf nun aber
auch weiter der Frage nahertreten, ob die Bedeutung des frz. charpente
bereits dem Gallischen zuzuweisen sei: denn schliefilich ist uns ja die
Terminologie des gallischen Hausbaus nur fragmentarisch iiberliefert, da
wir bei den ròmischen Schriftstellern iiber Wohnungsverhàltnisse Galliens
wenig Auskunft erwarten diirfen. Zwar scheint bereits in einzelnen Belegen
des Thes. 1. lat. carpentarius eine breitere Bedeutung als diejenige von
«Wagenbauer» durchzuschimmern; sicher ist die Bedeutung von carpen¬
tarius im 7.—8. Jahrhundert (cfr. Ducange) der des frz. «charpentier» sehr
nahegeruckt. Entscheidend flir eine schon ins Gallische zuzuschreibende
Bedeutung von carpentum = «Balkenwerk des Daches» scheint mir nun aber
die Ubereinstimmung der Bedeutung innerhalb des Nordfranzosischen und
des Engadin-Veltlins: dem altfrz. charpent , charpente entspricht Bergiin
cliarpenna , obereng. crapenda «Bretterboden ob dem Heustalle fiir Feld-
friichte, Heu u. dgl.», untereng. miinst. cliarpainta (Pallioppi), puschlav.
kraphia «oberer Teil des Heustalles, Tennreife» (Michael), Bormio kraphia
tavolato o impalcato per pagliaio sopra il fienile», veltlin. crapena «impalca¬
tura sopra il fienile» (cfr. iiber dieseEinrichtungauchHunziker, DasSchweizer-
haus III, p. 259). Auffàllig ist lautlich die Erscheinung von -nt- > - nd - > -nn-
in den ràtorom.-lomb. Formen, die kaum romanisch 1 sein kann, sondern eher
auf das Gallische zuriickgehen wird: an Lenition aber von -nt > -nd zu denken
wird man so lange zogern, als nicht weitere Beispiele von - nt > -nd > -nn
beigebracht werden 2 . Ich wiirde also den Artikel carpentum bei Dottin
redigieren :
carpentum 1 . «char à deux roues à personnes, à marchandises, charrette à
fumier» ; irl. carhat «voiture»; conservé dans le rétorom.
(sousselv.) carpien(t) haut-eng. crapent, bas-eng. charpaint
«voiture» (de toutes sortes), surselv. carpidi «traineau pour
rapporter les produits de laitage dans la vallèe».
2. «charpente» (sens probablement gaulois d’après carpentarius,
attesté non seulement au sens de «charron», mais aussi comme
1 Der von Salvioni. Zeitschr. f rom.PhiL XXII, 468 postulierte Wechsel
von -enta > onda > cuna (cfr. cimi send a > obw. classena) ist eine Verlegenheits-
erklàrung, die so lange fraglich bleibt, als -nda > -una nicht in Bergiin und
Veltlin durch andere Beispiele besser bestàtigt ist (cfr. puschlav. crapena
gegeniiber tresemi,a < transienda, bormin. crapena gegeniiber ON. Tregenda,
Bergiin cliarpenna gegeniiber strabendo).
2 Ein troncante > frz tritante aber Ableitung truander und altprov.
truandar sind wohl vom Romanischen aus zu erklàren.
13
196
J- JUD
«faber ligneus» et cTaprès les formes suivantes): vfr^. citar-
peni, -e (wall. cherpeint\ fr^.-mod. charpente, haut-engad.
crapenda, bas-engad. chavpaìnta, «grenier placé dans la
grange» Valtelline cr apena «fenil au-dessus de l’étable». —
Le sens du bret. carvan «ensouple» rappelle celui du frioul.
tharpint «essieu » 1 .
Wie aber das liebe volle Studium der romanischen Familie einesgallischen
Wortes auch der Kenntnis der Bedeutung eines gallischen Wortes zu-
gute kommt, mòchte ich an zwei Beispielen zeigen: 1. frz. dru, eine Studie,
die in dem nàchsten Heft des Archivimi romanicnin erscheint, weil sie, zu
umfangreich, den fiir diese Besprechung gewàhrten Raum gesprengt hatte
und 2. die Geschichte des Wortes gulbia «bec», das bei Dottin, p. 261, ver-
zeichnet ist. Dottin stellt gouge zu gulbia «bec»; REW 3906 dagegen
reiht gonge zu der einmal belegten Nebenform gubia. Als Fortsetzer von
gnlbia làfit REW 3911 nur ital. sgorbia, San Fratello gonrb, neapol. gnlbia
gelten. Uberschauen wir die italienischen Formen, so ist zunàchst der Ein-
druck kaum zu unterdriicken, dafi der Name mit dem Werkzeug weit ge-
wandert ist. Die -rè-Formen decken fast das ganze zentrale und westliche
Oberitalien: moden. boi. veron. sgnrbia, piem. genues. mail. berg. parm.
regg. mirandol. sgorbia, bresc. sgróbia, also stets = ital. sgorbia und auch,
im Siiden finden sich als Vorposten: cal. sgnrbia, sizil. sgnrbia; eine
einzige -/-Form ist fiir das trent. sgolbia sichergestellt. Die auf gubia
zuriickgehenden Formen liegen in Italien an der Peripherie: neapol.
gubbia (nicht gulbia in dem mir zur Yerfiigung stehenden neapolitanischen
1 Der Artikel 1710 des REW ist deswegen irrefiihrend, weil der Leser
kaum ahnen wird, dafi die Bedeutungen «Korb», «Korbwagen», <-Geriist»
alle fiir carpentum erschlossen sind auf Grund der Etvmologie von
carpentwn mit corbis : es wiirde sich daher empfohlen haben, die er-
schlossenen Bedeutungen im REW der Wòrter mit einem Sternchen
zu versehen. Ein dort zitiertes obwald. carpient existiert nicht in der Be¬
deutung «Bretterboden iiber dem Heustall»; heifit neufrz. charpente «Geriist»
und nicht «Dachgebalk» ?. Ein engad. crapaint «Fuhrwerk» existiert nicht,
sondern nur ein o b e r eng. crapent, u n t e r engad. citar paini. — Da die Zweige
der Hagebuche meines Wissens nirgends in Frankreich zur Herstellung von
Korben verwendet werden, so diirfte die Etimologie der ostfr. Wòrter, die
REW auf carpinea (< carpimi ?) zuriickfiihrt, sich nicht halten lassen: denn
ein Vergleich der Karten teigne, montagne mit charpeigne zeigt, dafi
charpeigne mit -anca, nur selten mit -inea marschiert. Meyer-Ltibkes
Formen sind, wie oft, irrefiihrend: ein wallon. Hirpen ist weder Horning,
Zeitschr. f rom. Phil. XVIII, 215 noch Haillant, s. chairpaine bekannt;
auch ein lothr. kirpen ist mir nicht belegt (sondern nur charpagne); erst in
den Vogesenmundarten, da, wo mòtèn < montagne, tritt auch carpai auf,
(fiir das Horning, der beste Kenner der Vogesenmundarten, ein -anea oder
-mea [nicht -ìneu] postuliert). Da, wo die -igne -Formen (z. B. franchecomt.
citar pine, Doubs citar pigne) auftreten, diirften solche auf Riickwirkung des
charpignier «vannier* zuriickzufiihren sein: ein Gali, carp-agno (zum Suffix
-agno, Pedersen, Granim. II, p. 27) wiirde wohl am ehesten den romanischen
Formen entsprechen.
BIBLIOGRAFIA
197
Worterbuch), irp. gubbeja, tarent. gubietta 1 , venez. sgubia (auch guiba?)^
friaul. sgoibe, vicent. poles. sgubba, bellun. sgiiba, romagn. Sgobba 1 sind
mit lucches. sgabbia zusammenzubringen 2 : es scheint fast, als ob sgubia
Hohlmeifiel» einer volksetymologischen Verkniipfung mit curvo (> sgorbia)
unterlegen sei. In Frankreich liegen nun die Verhàltnisse aber wesentlich
komplizierter: Eine erste Serie von Formen mit der Bedeutung von ital.
sgorbia lautet: altprov. goja «gouge (outil)», prov. mod. goujo, boujo (gasc.),
goubio (lang. lim.), gòbio (Quercy) «gouge», sav. gozè «gouge; doloire», Suisse
rom. godja «gouge» (Bridel), Vionnaz godzè «hache à tranchant recourbé»
Hérémence(Valais) gonze «instrument tranchant»,Planches-les-Mines egoudge
«gouge», Bresse (Vosges) gouge «gouge*», frz. gouge, die alle gubia fort-
fiihren.
Dapeben taucht nun in Siidfrankreich (wo?) nach Mistral auch gourbio
«ciseau à biseau triangulaire -, tuile cannelée, tuile faitière» auf, das piemonte-
sisches Lehnwort sein kònnte.
Eine andere Serie von Formen, die nicht nur der Dict. gén ., sondern
auch RE W 3906 ohne weiteres auf gubia zuruckfiihrt, betrifft das franzòsische
Wort gouet (das iibrigens nicht «Hohlmeifiel», sondern «serpe, petit couteau
à lame fixe; arum [piante]» bedeutet), welches in die folgende Reihe von
Mundartformen hineinzustellen ist :
Siidfrankreich: Champsaur gouyart «grosse serpe», gouy «serpette à
tailler les arbres», goyarda «forte serpe à pointe recourbée et solidement
emmanchée pour fa^onner les fagots», gouyoun «petite serpe», Lallé: gonion
«serpette», gouionnar «couper le taillis, les haies avec le g.», Velay goùia
f. «forte serpette», Corrèze gouiar, -rdo «serpe» {Rom. XLII, 387), Romans
gouye, gonyet «petite serpette».
Frankoprovenzalisch: Grenoble goni «serpe de bucheron», goyetta
«serpette», -yat f. serpe plus petite que la «goyarda» (Ravanat), Isère,
Voironnais goni «serpette à tailler les arbres» Jons (Isère) goy, gaigoya,
«serpe», goy età «serpette» {Rev. de phil. frf. VII, 269, 273).
Forez. gouilla f. «serpe, serpette» goy e «serpe», gouillarde «espèce de
hache, de grande serpe pour tailler les haies», lyonn. goy et a, goy arde «petite
serpe de vigneron», Létra(Rhóne),gw m. «serpette à tailler les vignes», goyorda
«serpe», sav. (Albertville) goian f gollian f golliarda «serpe recourbée à
l extrémité dont on se sert pour l’élagage des arbres», goietta, gollietta f.
petite serpe de poche, à lame recourbée, pour tailler la vigne »(Brachet), sav.
gàie, gwé, gwéta «serpe, serpette« (Const. et Dés.), Fourgsg'cw^ «serpette»,
Yaudioux goi m. «serpe», vaud. gole «serpette du vigneron» Gignoux, Ztschr.
f. rom. Phil. XXVI, 49.
Ostfrankreich: Bresse louhannaise goyard «grosse serpe à long manche,
muni d’une fourchette sur l’autre coté du taillant, pour tailler et piacer les
ép>ines dans les bouchures», -arde «serpe en forme de faucille», Bn^e-les-
1 An die Vegetius-Stelle: «compones pedem (iumenti) ad gubiam et omnem
ungulam ad vivum allides» erinnert die Bedeutung von tarent. gubietta
«scalpello ricurvo dei maniscalchi per pulire le setole dalle unghie delle
bestie».
2 Cfr. die Resultate von fovea: fobba, foiba in Xorditalien.
198
J. JUD
Pesmes: goni «serpe», gouillà, goyà «serpe à manche long qui sert à élaguer
les arbres», Saóne-et-Loire goni «serpette de vigneron» (Fertiault), Morvan
goyar «espèce de volan ou de vouge», berrich. gonet «serpe» (Lapaire),
bourbonnais gouye, -yard, -rde, -yette «serpe, serpette» (Duchon), gouillard
«instument tranchant polir élaguer les arbres, les haies» (Choussy), Yonne
goue(t) «serpe»; Centre gonet, goy, gouy «serpette», goyart «serpe à long
manche»; Haut-Maine gouet «serpe», Bas-Maine gwé «grosse serpe de
bucheron» ; angev. gonet, gouette «couteau à lame forte et recourbée, servant
dans les étables à fendre les betteraves, petite serpe pour tailler les arbres»,
poitev. gonet «lame de couteau effilée et légèrement recourbée, emmanchée
au bout d’un morceau de bois et servant à enlever les noix de la coquille».
Dafi aber diese goni «serpe» - Formen nicht gubia sein kònnen, zeigen
meines Erachtens die Ableitungen: Petit-Noir: gwizot , Broye- les -Pesmes
gouisotte «petite serpe», Fourgs gonesse «serpe», gouesson «serpette», Vau-
dioux goyaci «serpe à long manche», neuchàt. gotieizet «serpette, petit couteau»
(Bridel), Franche-Comté£'0mss£, goisse, gouisot etc. (nebengw) «serpe, faucille,
serpette» (Dartois), Grand’ Combe gwès «serpe de bucheron», Pierrecourt
gùzitw «petite serpe pour travailler la vigne», Saóne-et-Loire gonisot, -sote
«serpette de vigneron», Sainte-Sabine gouz otte «petite serpe pour tailler la vigne,
les arbres», dijon. guisotte «serpette», Meuse guaisottc «serpette» (Cordier).
Wie sind nun aber die -sette - Ableitungen mit einer gubin :g‘oz-Form
zu vereinigen? Ich sehe vorlàufig nur einen Weg, weiterzukommen: in
Sùdfrankreich besteht nach Schuchardt, Globns LXXX, 209 1 als Be-
zeichnung fiir die «Sichel» dansso (cfr. Mistral: dansso, poudo-cn-dausso ,
endansso, endanso, dans, dan «croissant fixé au haut d’un long manche,
vouge» (wozu auch Thomas, Rom. XXXVIII, 361; XLII, 387) 2 . Die Grund-
form ist ein dausu; die ostfranzósischen Formen aber scheinen auf ein gausin
(oder gautin ?) 3 zuriickzugehen, aus der goisette , aber kaum gol zu deuten
1 An derselben Stelle fuhrt Sch. auf eine Grundform gnlbia > gurbia
(cfr. cymr, gylyf * Sichel») das neuprov. gonrb, gonerp (mars.), gonarp (aveyr.)
«espèce de serpette», vb. gourbihà, gonrbilhd (lang.) «couper avec l’étrape».
gourbiho, gonrbilho (aveyr.) (> biskayisch bask. gnrgnillu ), gonrbello (lang.)
«étrape, petite faucille, serpette pour vendanger; ibis vert» zuruck. Allein
wie erklart sich derWandel von lbi>-rbi, der jedenfalls in den Vertretern
von salvia (cfr. ALF, c. sangé) keine Stiitze findet. Dann ist ferner zu
betonen, datò keine Form belegt ist, die auf lat. -bici zuruckgehrt: die siidfrz.
gonrb, gonrbiha weisen direkt auf cnrvu, cnrbn 4- ilho hin. Ist denn diese
Bildung semantisch auffàlliger, als wenn das siidfrz. coudet «faucille» auf
den gekriimmten Ellbogen coude, das cymr. cryman «Sichel» auf crwm
«krumm» deutet? Lat. cnrvu ist nicht nur im span. corvillo «breites Messer»,
katal. corbella «breite Sichel», Chimay courbet «outil tranchant en forme de
croissant pour amincir les cercles qui doivent maintenir les parois de la
galerie». Val d'Aosta corbetta «serpette», metz. creubion, -biote «serpette des
vignerons» (Jaclot), sondern curva kann alles mógliche «Krumme» bedeuten,
so die Radfelge, krummer Haken, Knieholz, Krummholz (am Pflug) usw.
2 Steckt dieses daus in poitev. andais, andois, ondeux «petite palette
en fer, tranchante et à douiUe, que l’on adapte au pied de Faiguillon pour
nettoyer la charrue et couper les mauvaises herbes»?
3 Frz. goi(e) «serpe», gewohnlich als gota, einmal gobins bei DuC. aus
dem 13. Jahrh. Ist letzteres falsche Latinisierung?
BIBLIOGRAFIA
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ist l . Ob nun im siidfrz. daus im Anlaut eine Angleichung von àlterem gatis
etwa an dalli «faux» erfolgt ist 1 ? Auf jeden Fall darf frz. gouet > goi,
ostfrz. goisot(te) nicht mehr einfach mit gubìa zusammengebracht werden,
ehe nicht die semantischen und morphologischen Schwierigkeiten eingehend
erortert worden sind.
II. Aus dem Romanischen erschlossene Formen.
Dem prov. abelanco, fr£. amèlangier stellt Dottin auf Grund von
Schuchardts Artikel Zeitschr. f rom. Phil. XXVI, 421 ein aballinca
«nèfle des Alpes» zugrunde. Nun wàre zunàchst wohl zu betonen, dafi die
Angabe der einzigen Form prov. abelanco unter den bei Mistral verzeichneten
Formen: amelenco, amalenco, malefico, aberlenco (lang.), amelanco, abe¬
lanco, abiatico (rouerg.), amelancho, amerancho (aveyr.) durchaus w i 11 k u r -
li eh ist: willkurlich auch deswegen, weil dieses prov. abelanco, abiatico in
dem Gebiete liegt, wo lat. -v- wieder zu -b- (lavare > label) wird> so dafi also
zwischen aballinca und dem prov. abelanco fiir den nicht romanistisch
geschulten Leser eine angebliche Ubereinstimmuag des intervokalen -b- auf-
fàllt, die ihm den Gedanken nicht nahelegt, das neuprov. -b- beruhe zunàchst
auf -v-, Es wàre ferner wohl neben aballinca auch ein aballanca anzugeben.
Ein frz. amèlangier (nicht amélanchier ?) kann aber, da der Baum ja nicht
im Norden gedeiht, nur siidfranzòsisches Lehnwort sein.
Unter grauco fiihrt Dottin (nach REW 3849?) ein altfrz. groie, ein prov.
granca ohne irgendwelche Bedeutung an; nach REW 3849 gehòrt unter
graucu aber altfrz groue (nicht eher groe% groie sandiges oder sumpfiges 2
Land», prov. crauc «stèrile, aride», cranca, grauca «terre stèrile»,
Dann stellt aber REW 3851 wiederum altfrz. grotte zu grava neben
grève , ohne sich iiber das Verhàltnis der beiden Formen auszusprechen. —
Nun wàre bei einer Grundform: graucu zunàchst zu fragen, ob es andere
Beispiele fiir den Ubergang eines gali, gr- > cr- gibt: denn auf ein cr- weist
das altprov. crauc adj., crauca neben grauca wie der Ortsname der Crau 3 .
Ubergang von cr> gr ist im Franzòsischen und bei nichtlateinischen Wòrtern
hàufig; fiir den umgekehrten Vorgang dagegen sind die Beispiele zunàchst
noch beizubringen. Dottin hat aber weiter das prov. crauc auf eine Grund¬
form crauca, ein fr$. dial. guy. ente (welche Bedeutung?) auf erotica zuriick-
gefiihrt, wàhrend RE W 2340 4 fiir dasselbe guy. criic «Kopf, Scheitei» (ist
die Bedeutung «Kopf» bezeugt?) ein gali, eruca «runde Erhòhung» postuliert.
Soweit wir heute die Verhàltnisse .iibersehen, liegen die Formen folgender-
mafien :
1 Castro, Rev. hisp. V, 32 hat das span. calagozo, calabozo «Hippe»
in seiner Verbreitung untersucht: die ptg. Formen mit oti (calagouzo)
weisen auf einen Diphthongen ou (oder au , also gautio ?) zuriick: handelt es
sich nicht*'um dasselbe Wort wie in goizottel
2 In keinem Beleg bei Godefroy kann ich die Bedeutung «sumpfig» finden.
* Gehòrt hierher grati «petit canal entre un étang et la mer» (Dép. Gard)
Rev . des l. rom. XXVI, 59?
4 Schuchardt, Zeitschr. J. rom. Phil . XXVI, 316 hat die von M. L.
im REW vorgetragene Anschauung nicht gebracht, sondern er geht von
cochlea aus und deutet die Mòglichkeit eines gallischen Einflusses an.
200
J. JUD
Guyenne cruc heifìt nach Mistral «sommet de la tète», aber auch cricco,
crugo x «sinciput de la tète, sommet de la tète, cràne», ebenso im Dep. Cantal,
Punkt 717 des ALF , c. cime heifìt cricco «cime de la montagne»; in
derselben Gegend heifìt nach Rom. XXXVII, 489 cruquet ebenfalls «sommet
de la tète». Also miifìte man zunàchst die lautliche Schwierigkeit von.gali.
eruca 2 > cruco (Erhaltung des intervokalischen -c- !) beseitigen. Nun kennt
der grofìte Teil Sudfrankreichs in denselben Bedeutungen wie cricco «sommet»
ein truc, triico, ein sue, siico, ein cuc, cicco «monceau», das dem Westen
der Provence (bis ins Zentrum Frankreichs [Puy-de-Dóme] verbreitet) eigen
ist : ist nun das cruc, welches von truc, sue umgeben ist und an die cicco-
Zone anschliefìt, nicht eher ein Kontaminationsprodukt aus truc + cicco?
Auf jeden Fall ist das Problem cruc -o wesentlich zu kompliziert, um im
gallischen Lexikon bei Dottin zu figurieren. Dagegen will mir scheinen,
dafì in dem Gebiete, wo louk «Blitz» mit dem Diphthongen - au - (Mistral
iciaUj eiaic, elhaus «Blitz») erscheint, auch ein gali, crouca mit - au - in
prov. crauc nichts Auffàlliges ist. Ob nun dieses crauc mit dem bergam.
grò «grillaria, luogo sterile» (ValSeriana, Val Gandino) zusammenhàngt, bleibt
angesichts der Nebenformen wie sgrós zu untersuchen; dagegen scheint
mir dieses crauca mit den bei Godefroy in den àltesten Belegen stets unter
der Form groe figurierenden Formen ubereinzustimmen: cfr. anca, altfrz.
oe>oue. Die heutigen Formen 3 grouet (geschrieben: groie und grouas)
konnten groe -f et (cfr. vendom. grouetté) sein, wobei -et auf zwei Quellen
- etum oder -ittu zuriickgehen kann, cfr. Beszard, Noms de lieu du Bas-Maine
Index, s. -etum (cfr. fr£. gravois ), -ittum oder - aceum): falls -etum vorlage,
konnten beim Schwanken von wè und wa (cfr. ALF, K fouet, Joie) die
Doppelformen groie, grouet sich unschwer deuten lassen. Das einfache
Substantiv la gro(e) lebt aber wahrscheinlich noch in der Bedeutung «giace»
weiter, cfr. ALZ, K. giace und Bas-Maine grò «gelée; terre pierreuse
ou durcie par la gelée» 3 (Dottin). Den Artikel Dottins wurde ich demnach
so fassen:
crouc ou crauc est postulé par le v. prov. crauc «stèrile, aride» ( crauca,
grauca «terre stèrile», v. fr£. groe, qui se continue dans les dial. de l’Ouest:
p. ex. poitev. groie ( <groas ou groet) (ou groe croisée avec croie «craie»?)
«terre légère et calcaire, où il se trouve une assez grande quantité de pierres
1 enego ist nicht sicher, da Mistral als Kopfartikel cricco, crugo «eruche»
anftihrt, so dafì man nicht weifì, ob beide Formen auch fur die Bedeutung
«sinciput» gelten.
2 Bei Annahme eines Diphthonges crouca ware dagegen die Erhaltung
des -c- leichter zu erklàren, cfr. aucat < auca.
3 Da neben groie nach Lalanne, Gloss. poitev. auch groge « terrai n léger,
rempli de petites pierres» belegt ist und letzteres in Ortsnamen. des Dep.
Vienne auftreten soli, so wird man der Versuchung, in groe etwa ein gali.
grulla (< grava) zu sehen, das sich (wie gali, baica [cymr. baw «saleté»]
> siidfrz^ bouvo, altfrz. boe) zu altfrz. groe entwickelt hàtte, widerstehen
mtìssen. Der Auslaut von grog, groe (Orne), Mémoires de la Soc. des
Antiqu. IV, 236, «aspérités que présente la boue durcie par la gelée et qui
rendent le chemin raboteux», beweist natiirlich nichts fur die Etymologie
von groie.
BIBLIOGRAFIA
201
de mème nature» (God.). — Il est douteux que le prov. (guyenne) cvuc «sommet
de la tète, cime d’une montagne» entre dans la sèrie des descendants du mot
gaulois.
III. Verhàltnis des gallischen zum 1 ateinischen Wort-
sch a t z.
Im Arch. f d. Stud. d. n. Sprachen CXXVI, 117 hatte ich bei Anlafi
der Untersuchung der Karte son des ALF auf die Tatsache hingewiesen,
dafi gewisse, in den «sermo provinciali» Galliens ubergegangene gallische
Worter das Eindringen des semantisch gleichbedeutenden lateinischen
Wortes verhindert haben: gali, bren «Kleie» hat dem lat. furfur, canta -
bruni, canicae; glenare einem spiculare oder legere spicas, das gali.
multo dem lat. vervex in der Bedeutung «Hammel» 1 den Weg ver-
sperrt. Àhnlichen Widerstand seitens gallischer Worter haben lateinische
Worter in gròfierem oder kleinerem territorialen Umfang in Frankreich
sich gefallen lassen miissen: quercus hat nirgends cassanus , sulcus (cfr.
sudfrz. sou, souco ) das gali, riha nur in einem Teil Sudfrankreichs ent-
wurzeln kònnen. Ist annona wirkJich je gegeniiber blé < gali, mlato volks-
tiimlich geworden? Hat serum «Molken» das gali, mesga, das lat. terebra
das gali, taratrum «Bohrer» je nur ernstlich zu bedrangen vermocht? So
durften also gerade diese gallischen Worter bereits dem lateinischen
Wortschatz Galliens im Altertum seine bestimmte Fàrbung verliehen
haben: ein Beamter aus Italien mufite wohl, nach Gallien versetzt, manches
gallolateinische Wort im Verkehr mit Bauern und Handelsleuten ebenso
erlernen, wie wenn in der Schweiz ein Landwirtschaftslehrer plòtzlich vom
Bodensee nach Bern versetzt wird und einen Teil seiner ihm von Hause
aus vertrauten bàuerlichen Terminologie nun nach dem neuen Milieu um-
gestalten mufi!
IV. Und nun noch zu den einzelnen Wòrtern:
alausa: heifit die prov. 2 Form nicht alauso V
ambactus: zur Geschichte des Wortes wàre auch Baists Artikel, Zeitschr.
f. deutsche Wortf IX, 32 einzusehen.
ambicus: cfr. Bull, du gloss. des patois de la Suisse rom. XI, 23.
Und da Dottin einen anderen Fischnamen des Polemius Silvius, nàmlich
amulus, nicht erwàhnt, so darf ich auf dessen Nachkommen hinweisen, die
ebenfalls an gleicer Stelle, p. 38, besprochen worden sind.
anax: vielleicht wàre die Einsicht in den Artikel anax bei Ducange hier
zu empfehlen.
ancoravus : es wàre interessant zu erfahren, wie Dottin den Fischnamen
ancoravus begrifflich mit ancora verbindet.
1 Cfr. nun zu diesem Beispiel, W. v. Wartburg, Abhandlg. d. kgl.
preujì. Akad. d. TF/ss. 1918, Nr. 10.
2 Es wàre wohl im Interesse des Klarheit des Ausdrucks, wenn Dottin
statt prov. (== neuprovenzalisch) den Ausdruck prov. mod. annehmen wiirde, denn
auf deutscher Seite wird in ebenso mifiverstàndlicher Weise prov. (= alt-
provenzalisch) verwendet: wie soli da ein mit romanischen Yerhàltnissen
nicht vertrauter Keltist sich hinsichtlich der Bedeutung der Abkiirzung
prov. zurechtfinden?
202
J. jUD
aratro: Man darf sich wohl fragen, ob stidfr. araire, nordfrz. arere , die
man gewòhnlich auf lat. aratrum zurtickfuhrt, nicht eher auf das gali, aratro
cfr. auch frz. charme < carnicci) zuruckzufiihren sei, um so mehr, wenn
man bedenkt, dafi mehr als ein Pflugteil des araire gallische Bezeichnungen
tràgt: cfr. soc «soc» < socco (irl. soc, bret. soc’h «soc»), lim. chambijo «timon
d'araire, haie de charme» ( Ccamb-ìca ) (cfr. Ant. Thomas, Bull, de la Soc.
des parlers de France I, 135) 1 und slidfrz. tascoum «coin qui fixe le soc
de la charme», das, wie ich in der Romania nàchstens zu zeigen hoffe, eben-
falls gallischer Herkunft ist.
attegia: ware es fiir den Nichtromanisten nicht wiinschenswert, uber
die Verbreitung des Wortes im Wortschatz und in Ortsnamen etwas Ge-
naueres zu erfahren?
balca: existiert das altprov. terra banca, das Dottin wohl aus RE W S9 C >
kopiert hat? Nach Levy existiert altprov. terra balca , dessen Bedeutung
«terre forte (?)» jedenfalls aus der bei Levy angeftihrten Stelle kaum zu
entnehmen ist. Uber das Problem vorlàufig Gamillscheg, Zeitschr. f.
rom. Phil, XL, 135.
barino: besser v. prov. baita ; zur Verbreitung des Wortes Bull, de diai.
rom. Ili, 67 ss.
bardala: El. Richter, Die Bedeutungsgeschichte der romanischen
Wortsippe burd, p. 101 (Sitzungsber. d. Wien. Akad., Bd. 156; kennt ein
lang. bardai «Perche» (Mistral), das ich allerdings im Tresor nicht finde.
bascauda: frz. bacile «bassin» diirfte eher zu bacca zu stellen sein; cfr.
slidfrz. bacho, altprov. bacii asa «pétrin».
basi: ital. basire bedeutet jedenfalls heute nicht «sterben», sondern «von
Ohnmacht befallen werden», pistoies. basire «in Ohnmacht fallen, sterben».
Statt prov. basi ist wohl besser neuprovenzalisch zu setzen (auch poitev.
basir «disparaitre»); comasc. mail. sbasì heifit »erbleichen, schlaff, welk
werden», im tessinischen aber «sterben» (Monti), berg. sbasì «erschrecken»,
bresc. sbasì «sterben», trentin. sbasir «basir, assiderare, intirrizzire«, venez.
sbasir «morire», friaul. sbasì «impallidire per timore», mantov. sbasir
«morire», parm. sbasir «sterben», bolg. sbasè «pallido«, romagn. sbisì «che
è già morto».
bava: solite nicht besser gedruckt werden: balia, da doch ein frz. boe
ein bara voraussetzt? Vgl. dazu auch neuprov. bouvo < baua wie fon
< fagli. Das puschlav. boga, REW 1000, kann nattirlich von den Bull,
de diai. rom. Ili, 69 angeftihrten Formen nicht getrennt werden: ein bawa
geniigt aber jenen ràtischen Formen kaum, weil im Obwald, das lateinisch
au bewahrt hat, bova und nicht bauva auftritt.
1 RE IV kennt ein poitev. sambiz, limous. sambizo «Pflug», das mir
unbekannt ist: das poitev. chambige bedeutet «morceau de bois fourchu
auquel sont attelés les boeufs placés le plus près de la charme quand on
laboure avec deux paires de boeufs» ; darf man die limousinische Form
chambijo in sambizo umtranskibieren angesichts von Puybarràud (tcyàbìdzyo)
«timon d’une charme à labourer» (Rev. des patois gallorom. Ili, 201)?
Uber das Wort, das auch in der Auvergne erscheint, cfr. Dauzat, Rev. de
phil. frc. XXVL 73.
BIBLIOGRAFIA
203
beco: was unter REW 1014 angefiihrt ist, ist auch ftir altprov. belo z u
beanstanden: ein siidfrz. belho «abeille« ist wie ital. pecchia, d. h. durch
Artikeldeglutination zu erklàren: mit dem catal. bagot «Biene, Stechfliege»
verhàlt es sich folgendermafìen : es figuriert nur bei Labernia unter bagct
«gotim (= kleine Traube, die nach der Lese iibrigbleibt)*, ant. burinot,
abella». Die Bedeutung «Biene» ist also nur a 11catalanisch; burinot wird
bei Labernia wiedergegeben durch span. abejarron (Pferdepfliege, Maikàfer),
abejorro (Maikàfer), abejon, stingano «Horniss, Drohne» (ferner iibertragene
Bedeutung «Dummkopf»). Ob man nun dieses altcatal. bagot (cfr. Aguiló
s. bagot) ohne weiteres mit gali, beco «Biene« verbinden darf? — Und in
diesem Zusammenhang sei auch noch kurz das altfrz. besaine beriihrt: die
Ansetzung einer Grundform besèna «ruche» 1 fiir das frz. besaine ist zum
mindesten so lange unsicher, als nicht nachgewiesen ist, datò die-Formen
alter seien als die -tìtt-Formen: die Belege bei Godefroy und Ducange
geben in dieser Hinsicht keinen sicheren Anhaltspunkt 2 : dagegen gehen,
wie Meyer-Liibke, Misceli. Ascoli 415 richtig betont hat, die obwald.
maseina «langes Immenfafi» (Carig.), maseina, baseina «langer holzerner
Bienenkorb» (Carisch) in der Tat auf ein besèna , wobei man fiir das Schwanken
von b-, )n- die Doppelform von bascauda, mascauda anrufen kònnte. Den
Zusammenhang des frz. besaine , des obwald. baseina mit berg. bisól «bugno,
arnia» haben wohl bereits Ascoli, Arch. glott . VII, 570 und spàter Nigra.
Rom. XXXI, 511 divinatorisch erfafit: die enge Verkniipfung des Wortes
tur »Summen» und des Namens der «Hornifi und der Biene» zeigt nicht
nur die Karte ALF, c bourdonner, sondern auch ve.d «bourdon», westfrz.
vesiner, vesonner «bourdonner (des avettes, des bourdons)» 3 .
benna: Gerade bei diesem Worte hatte REW 1035 das Recht, an die
Spitze des Artikels die Bedeutungen «Korb, Korbwagen, Korbschlitten»
anzusetzen, wobei allerdings durch ein Sternchen bei den Bedeutungen
angedeutet werden solite, welche Bedeutungen erst aus dem Romanischen
erschlossen sind, und welche im Altertum belegt sind
beria: existiert ein prov. berrò bei Mistral (aufier in Ortsnamen)? Zu
gallorom. beria: wàre nicht besser zu sagen mlat. und auf die betreffenden
Artikel bei Ducange und, in bezug auf die Ausdehnung des Wortes, auf
Bull. d. dial. rom. Ili, 13 n. 7 zu verweisen?
bettiu: ist nicht die Verbreitung in Stidfrankreich genauer anzugeben
auf Grund der Karte bouleau des ALF‘Ì
bilio: Hier wàre nun wohl der Artikel von L. Spitzer iiber habiller,
Zeitschr. f. frz. Spr. u. Lit. XLV, 366, einzusehen: aufier den im REW
zitierten Formen (valses. bia, bijun «tronco d’ albero che si fa calare dai
monti sulla neve*) wàren noch in Italien hinzuzufiigen: piem. bia «troncone,
1 Auch die Bedeutung «Bienenkorb» fiir das Gallische anzusetzen scheint
mir etwas gewagt: Die Bedeutung «(wilder) Bienenschwarm oder wilder
Bienenstock» scheint, nach den Belegen bei God. zu urteilen, richtiger und
àlter.
2 Der Reim beseines :plaines beweist naturlich so lange nichts, als wir
nicht wissen, ob der betreffende Text eine : aine auseinanderhàlt.
3 Ein engad. masain «Speckseite» Misceli. Ascoli 415 ist aber nur im
Miinstertal belegt: das bundnerische Wort ist cufica.
204
j. JUD
pedale o parte del fusto d' albero % bion «tronco, fusto, pedale o stipite
d’ albero segato»: dagegen ist es lautlich nicht so leicht — was iibrigens
Nigra, Arch. glott . XV, 100 schon richtig gesehen hat — veltlin. bic (so,
nicht bicc, wie REW schreibt), mail. bic «tronco dell’ albero dalla radice
alla forcatura«, com. bic «tronco rotondo d’ albero da sega o da schiappa»
mit bilia z u verbinden, weil veltlin. bic in einem Gebiete liegt, wo -Ij-
auslautend nicht zu c wird, sondern als j bleibt (cfr. maj < malleuY. Siid-
lich des Po liegt bilia (cfr. Nigra, Arch. glott. XV, 99, das Zitat fehlt RE W)
nur in der Bedeutung «legni storti coi quali si serrano lé legature delle
some» vor im regg. bilia, Arce via bilia, ital. bilia, das vielleicht langs der
via. Romana mit den Saumtiertransporten gewandert ist.
bistlos: So verlockend auch die Gleichsetzung von bistlos (in alien
keltischen Dialekten die «Galle») mit altprov. bescle «rate» falso «Milz»),
neuprov. bescle, blesqne «rate, viscère (auch airée de gerbes qui a été foulée
par les chevaux, mais non remuée avec la fourche»), besclin «maladie de la
rate», lvonn. bekle «rate de mouton» ist, so bleibt doch der Bedeutungs-
ubergang von gali, bistlo «Galle» sehr seltsam (Zauner, Rom. Forsch. XIV,
510 kennt nur einen Fall der Verwechslung, und zwar in dem Grenzort
Malmédy rat «fiel»), wàhrend doch die keltischen Sprachen scharf auseinander-
halten: bestlo «Galle», aber spclgh-a (bret. felc’h, altir. selg ) «Milz».
bodina: Thurneysen, Keltoroman ., p. 91, hatte, da frz. b or ne ani bodina
zuriickgehe, auf die zufàllige Ubereinstimmung mit cymr. byddin «Truppe,
Armee» (< bodina) verwiesen und zwischen «Grenze» und «Truppe« als
Ubergangsbegriff «Heersàule angenommen: wird das Hypothetische dieser
Auffassung einem Leser des Artikels bodina von Dottin auch einigermafien
verstandlich?
bornia: vgl. Bull, dii gloss. de la Suisse rom. XI, 20.
borvon: frz. bourbe, vgl. Maver, Sitsgsber. d. kais. Akad. in Wien 175;
p. 156. Ware nicht hier der Ort, darauf hinzuweisen, dafi dem Schwanken
von -b- Borvo und Bornio entspricht: lim. bourbo, borbo «vase, bourbe,
lie», bourmarous «marécageux, humide où l’eau sourd, en Rouergue», bourmo
«fumier délayé, purin, bourbe (dans les Alpes)»?
braca: vgl. auch bracatns, Rom. XLV, 557.
bracem «farine de choix»: ist diese Bedeutung von brace bei Plinius
wirklich belegt? Altfrz. brais fiihrt Dottin an, dagegen REW 1253 frz.
brai, wallon. brali , picard. bra* «geschrotete Gerste»; Diez in seinem Etymol.
Wtbch. endlich bras (so auch Meyer-Liibke im Thesaurus l. lat., s. brace).
Welches ist nun die richtige Form? Zunàchst ist die gewohnliche Ortho-
graphie frz. brais, die altfranzosische Form sicher brais (nach Godefroy,
SuppL s. v.) 1 2 . Der pràchtige Artikel bei Grandgagnage, s. brà (woher hat
Meyer-Liibke sein wallonisch brah '?) 3 «blé préparé pour faire de la bière ou
1 Man mufòte jedenfalls Entlehnung des veltlin. bic aus einem Gebiete
annehmen, wo man paga «paglia» sagt.
2 Woher hat der sonst so sorgfàltige Diez die Form brasi Etwa aus dem
bei Grandgagnage zitierten altwall. bràzl
3 Diez zitiert ein wall. brah e; das will doch bei ihm walachisch = ru-
mànisch heifien ! Und meint auch Horning, Zeitschr. f. rom. Phil. XXX,
453 dieses walachische brahe, das er mit einem wallon. brahe (woher?)
gleichstellt?
BIBLIOGRAFIA
205
du genièvre, cest du grain que l’on a torréfié après l’avoir fait germer»,
brahi «torréfier le blé germé pour en faire du brà»: alle diese Formen
gehen also auf braisier zuriick, vielleicht noch heute in Malmédy brà «orge
cuit qui demeure dans le basSin après que Fon en a tiré la bière» (Villers).
Woher stammt endlich das picard. brache des RE W ? Wohl aus Corblet:
brache «brasse, mesure de longueur»? 1 Dagegen hat neulich E. Gamillscheg,
Zeitschr. f rovi. Phil. XL, 138>, Deszendenten eines bracellu sehen woilen
im poitev. bridea, brizea «orge ou seigle que l’on séme très épais avant
l’hiver et que Fon fait manger aux bestiaux au printemps, petite vesce noire»
(dazu wohl auch brizeau «toute récolte qu’on fait pàturer ou qu'on coupé
en vert pour faire manger à l’étable»), aber auch im neuprov. barjoulado,
bargelado (rhod.), bargeirado (mars.), barjalado (lang.) «dragée, tramois,
provende, mélange d’escourgeon et d’avoine et de vesce, qu’on fait manger aux
bestiaux». Ein braisel oder *brazellada (altprovenzalisch ist kein Deszendent
von brace nachgewiesen) hàtte nach G. einerseits brizel, in Sùdfrankreich
barjoulado ergeben (ergibt macella > majel im Gebiet, wo barjoulado
existiert?) 2 . Nun heifit aber die Wicke, also der Hauptbestandteil der barja¬
lado: neuprov. jarjaio, jargilho (dauph.), jarj alido (lang.), j arj a ri eies (a vey r. )
«esparcette, vesce fausse; vesce des blés, ers», altfrz. jardereau, jargerle
«ivraie», das in den nordfranzòsischen Mundarten ebenfalls weit verbreitet
ist: z. B. etwa Bas-Gàt. jerzeau «vesce», Forez jar der et, geargeai (Grasì,
Centr ejarriaujargiau «vesces qui croissentparmi les blés» 3 4 usw. Das siidfrz.
barjalado 4 kann etwaEinflufi des neuprov. balharge (lim.), baiar d, baiarge,
balharc (gasc.) «orge» erfahren haben, die dem Mengkorn beigefugt wird.
Damit ist nun naturlich noch nicht behauptet, dafi das poitev. bridail,
brideau, briseau «orge ou seigle que Fon coupé en vert pour les bestiaux»
nicht zu brace gehoren konne; doch miifite der Nachweis nun geleistet werden,
datò man briseau, brideau, das auch «petite vesce noire» bedeutet, von dem
siidfrz. barjalado trennen darf. Auf jeden Fall wird es gut sein, die weitere
sachliche und lautiiche Aufklàrung durch Gamillscheg abzuwarten, bis diese
Gruppe von Wortern unter brace eingestellt wird.
branno: darf man angesichts des siidfrz. bren und anderer Formen ein
branno «Kleie» ansetzen?
1 Dagegen solite Dottin zu brachi, die von Horning, Zeitschr. j. rovi .
Phil. XXX, 455 angefiihrten Verbalformen stellen.
2 Wir werdèn auch in der kritischen Benutzung des Worterbuches noch
Fortschritte machen miissen: ein pikardisches bralée existiert nur bei Corblet,
der anerkanntermafien unzuverlàssig ist und Wòrter aus sehr verschiedenen
Quellen zusammengeschrieben hat: kein anderes pikardisches Worterbuch
bietet bralée, auch meines Wissens kein normannisches aufier dem Val
d'Yères: brèlée: ist diese Uberlieferung und geographische Lagerung des
traditionslosen Wortes nicht ein Fingerzeig, dafi brelée ein frz.-engl. barley
repràsentiert ?
3 Weitere Formen, cfr. Rolland, Flore IV, 216.
4 Gamillscheg beruft sich fiir berjelado < barzelado auf die Formen
siidfrz. aujel < aazel des ALF, c. oiseau: aber diese letzteren Formen
sind im ganzen aufs Limousinische beschrànkt, decken sich also keines-
wegs mit der Zone der barjelado-Formen.
206
J. JUD
bris: warum vvird nicht das im Thesaurus l. hit. registrierte brisare
<brechen» angefiihrt?
brivo: woher stammt das altfrz. brif (Diez kennt nur ein altfrz. bri) c i
Das sassares. brea «Schrei», alomb. brientar «verleumden», cors. briunci
«schreien», brionu «Sdirei*, das REW zu unserem Worte stellt, hat, wie
Guarnerio, Arch. glott. XIV, 390 gesehen hat, nichts mit unserem Worte
zu tun, so langé das Verhàltnis dieses Wortes mit brigare, bregare «streiten»
der ital. Md. nicht untersucht ist.
caclavo: frz. caillou, cfr. nun mit anderer sehr beachtenswerter Begrundung
E. Gamillscheg, Zeitsclir. f rom. Phil. XL, 161.
Caio: ein altfrz eh ai existiert nur als altsiidwestfranzosisches Wort bei
Ducange, und die Bedeutung ist die von «entrepót»: cfr. ALF, c. cave,
carnbutta, Nigra, Bau steine z. rom. Phil., p. 224.
camox: worauf beruht die «Keltizitàt» von camox'ì Welcher Quelle ent-
stammt das frz. camu-s «Gemse«? Sind alle anderen Aufsàtze aufier den
von Dottin zitierten Rom. XXXV, 176 iiber camox, camociu (also z. B.
Salvioni, Rom. XXXVI, 228; Meyer-Lubke, Z.f. rom. Phil. XXXV, 503;
Schuchardt, Z. f. rom. Phil. XXXV, 718) dem Verfasser unzugànglich
geblieben 1 ?
cantherius: gallisch? nur weil Plautus von «gallicis cantheriis» spricht?
canthus: warum fehlt hier jeder Hinweis auf frz. jante und ALF, c.jante?
capanna: warum kein Hinweis auf die franzosischenOrtsnamen Chavannes
und camanna der Ostschweiz, Bull, de dial. rom. Ili, 4? Ist das Suffix
von capanna hier auffàlliger als bel cavannus «hibou»?
carnitu: irl. cani «amas de pierres». Zu cani- «amas de pierres» oder
noch besser zu bret. carr-ek, ir. carraig gehòrt wohl jenes weit verbreitete
frz. tsiron, woruber Archiv f d. Stud. d. neueren Spr. CXXIX, 234.
cattus: gallisch?
cavannus : aus den romanischen Formen (z. B. altprov. caiis, cavesca,
cavana, altfrz. cìioe; cfr. Sainean, /. Beili, d. Zeitschr. f rom. Phil.,
p. 98) liefien sich doch wohl Riickschlusse auf die Aussprache des inter-
vokalischen -v- im Gallischen wagen: solite nicht liberali von cabalimi
auszugehen sein? So ist es denn sehr wohl mòglich, dafi das bei Holder III,
Suppl., c. 1172 cavannu verzeichnete cauuam (falschlicherweise emendiert
durch den Herausgeber in canna[nnu]ni) sich auf altfrz. choe stiitzen konnte.
circius: existiert ein frz. cierce ? Solite nicht daruber ein Wort gesagt
werden, dafi man vom Romanischen aus eher zu cercius gelangt, einer Form,
die ja auch im Altertum bestàtigt ist.
condate: vgl. dazu den schonen Aufsatz von Meyer-Liibke, Mélanges
Chabaneau, p. 591 ss und Schuchardt, Zeitschr. f rom. Phil. XXXII, 78.
1 Das fiir die Geschichte des Wortes camoce vielleicht bedeutsam und
von Meyer - Liibke zum erstenmal im RE W angeftihrte Hérém. teyema
«chèvre» steht bei Lavallaz, Essai sur le palois d’Hérémence, p. 20: ich
erwàhne die genaue Stelle, weil das Auffinden der Form in der indexlosen
Arbeit nicht leicht ist; vielleicht wàre es nicht ganz iiberflussig, darauf
hinzuweisen, dafi Lavallaz fiir chèvre angibt: tcyèvra, nènia et tcyèma
(letzteres Kinderbildungen?): Welche von diesen beiden letzten Formen ist
die altere? Und ist teyema nicht = teyévra + nènia?
BIBLIOGRAFIA
’ 207
crappao: zu irl. crapaim «je serre», gali, crajf «ferme* mòchte man
gern stellen: neuprov. grapado (das neben grafado erscheint) in der Be-
deutung «jointée, poignée».
crientia: Als ich im Bull . de dial. rom. Ili, 68 gegen Salvionis Zuriick-
fuhrung von tessin. oriente »scopatura del grano» Einspruch erhob (cfr. auch
Zeitschr. f rorn. PJlil. XXXVIII, 78) und einen Typus crientia postulierte,
war mir die Glosse nicht bekannt, die im Thes. gloss . lat . s. quisquiliae
angefiihrt ist: IV, 559, 55: quisquilias: paleas vel crientas. Zu den an
den beiden obengenannten Stellen erwahnten Formen fiige ich noch hinzu:
piem. grinse «spiche o bacelli smallati, vagliatura del crivello», altfrz. es-
creances (God.), creincier (Beleg, Rom. XLI, 68), Jura criarite «mauvais grain
mélé dans le froment», écresanci «vanner de droite à gauche, rendre hargneux»
(monnier), Fourgs: creiantès f. pi. «impuretés qui dans le vannage se séparent
du grain et restent à la surface», écreuiantai «óter le mauvais grain»,
Broye-les-Pesmes : crientes «le petit blé *et la zizanie qui sont rejetés parie
vanneur», Morvan crinses «déchet des grains après le vannage» ; Bourberain
(Còte d’Or) èkrese «trier le blé* [Rev. des p. gallorom. I, 249), Sainte-Sabine
crainces «grossières et mauvaises criblures», bourg. crinse f. pi. «déchets des
grains« (Durandeau), Yonne crainces f. pi. «menues graines, déchets, résidus
provenant de grains qui viennent d’ètre criblés ou vannés» (Jossier), troy.
craincer «séparer le blé des dernières pailles» (Grosley), Centre crinser,
cranser «cribler, nettoyer avec le crible», crinse, cranse «déchet de grains»,
poitev. ccrevances «grains défectueux qu’on enlève de la cour à battre ou
qui tombént sous le crible» (Lalanne), angev. creiances, écréiances, quériances
«déchets du criblage des grains» (Verrier et Onillon). Das Verbreitungs-
gebiet von crientia im Norden Frankreichs und Oberitaliens hat Àhnlichkeit
mit demjenigen von ambilattium (> amblais ), dritto > frz. dru und sombre
«jachère« (. Arch . Rom . V 29 ss.).
crith: warum hier nicht auf das Problem craindre hinweisen?
damo: wàre nicht besser statt des nach Dict.gén. erst dem Bretonischen ent-
lehnten irz.darnedas neuprov. fltam/omitseinerreichenBedeutunganzufuhren?
derveta: solite nicht die belegte Form derbita an die Spitze des
Artikels gesetzt werden, wobei ja ohne weiteres zuzugeben ist, dafi aus
dem von Dottin auf Grund der keltischen Formen erschlossenen derveta
(aber mit Akzentuierung dérvcta ) die Form dérbita (cfr. vervex : berbex,
vervena : verbena ) leicht gewonnen werden kann. Was nun die RE JF2580
angefiihrten Formen anbetrifft, so ist man eigentlich verwundert, dafi auf
das merkwiirdige -i wie auf die -s-Formen des piem. derbi (wóneben aber
dévbes, dèrbis «impetigginé» ebenso hàufig sind), prov. mod. bèrbi, dèrbi
(rhod.), derbese, endèrbi, endèrvi Gang., gasc.) bers, dèrti masc. (aveyr.)
neben enderte (bord.), endèstre (querc.), andèr, andèn, andèl (lim.), (dauph.
derbio, berbio , aufier acht gelassen werden: das piem. derbi, neuprov. dèrbi
(rhod.), endèrbi, endèrvi (lang., gasc.) kann doch wohl kaum anders als auf
ein derbium 1 zuriickfuhren: aber wie sind die -5-Formen zu deuten? In
Oberitalien liefie sich eine Form derbicu 2 plur. der bis (cfr. sg. arni(c): plur.
1 Cfr. derbiosus, v Thes. I. lat., s. v.
2 Auf ein solches -idi scheìnt piac. derbga hinzuweisen, das auch ein
paves. monferr. derbia aus derbica wahrscheinlich macht!
208
J- Jud
amis < amicu : amici) ansetzen, aber da das siidfrz. derbese, das seinerseits
von poitev., enderce, endarde, enderde (Lalannne), Ile d’Elle onderce
«dartre» {Re v. de phil. fr$. Ili, 104), andar se «dartre» (Levrier), Bas-
Gàtinais anderce, end- «dartre laiteuse des gens» {Rev. de phil. fr$. VII,
22, 46), Centre end arce, endarde «dartre», alteres frz. enderce (bei Godefroy
spàte Belege) gestutzt wird, darf man doch kaum von einer anderen Form
als derbice 1 ausgehen. — Was nun aber REW 2580: Bournois, Grand’
Combe de f co «Hiihnerauge» (eigentlich nur Grand 1 Combe: deco «cor au pied»
Bournois décò m. «enflure produite par la piqure d’un insecte venimeux»)
anbetrifft, so ist die Zusammenstellung zu dèe «dartre» (von Boillot an-
gedeutet) deswegen nicht ohne weiteres einleuchtend, weil weder das Htihner-
auge (cfr. ALF) c. cor au pied ) noch eine Beule (vom Insektenstich her-
rtihrend) von dartre aus benannt werden : es mufì wohl hier eine nachtràg-
liche volksetymologische Verkniipfung an dartre aus einem àlteren arsion,
arson vorliegen, das zum Beispiel weit in westfrz. Mundarten (angev. arsoli
«sensation de brulure, de picotement, de démangeaison «fai des arsons au
talon») vorliegt.
dusiii: wtirde der Verfasser den Historiker nicht zu Dank verpflichten,
wenn er auf Hornings Artikel Zeitschr. f rotti. Phil . XVIII, 218 ver-
wiese ?
eburo: Steckt eburo nicht im ersten Teil von frz. « bourdaine »?
gamba «Bein» galliseli ?, cfr. aber REW, s. cainba.
garmen: guerinenter altfranzòsisch? doch gewòhnlich guaimenter , das
kaum mit gali, gami- irgendeine Beziehung hat; ebenso wird man altfrz.
gramenter eher zu ahd. grani (4- lamentare) stellen.
geusiae: darf man gense als altfranzosische Form ansprechen, wenn es
nur zweimal, und zwar in demselben Text, iiberliefert ist?
gigarus: wohl besser it. gichero (gicaro ist veraltet) einsetzen? Ist it.
gichero die gleiche Pflanze wie gigarus ?
glastuin: Das brescian. glazii, gl e ziti, gli zìi ist der Name von «Vacci-
nium myrtillus», dessen Zugehorigkeit zu glastuin lautiich und begrifflich
sehr fraglich ist.
glissoinarga: ist nicht glisomarga Iiberliefert?
gorto: solite bei lim. gorso nicht die Bedeutung angegeben werden?
gretnia: kònnte uns Dottin dariiber aufklàren, warum innerhalb des
Gallischen kelt. - en- > - an - nur im siidfrz. bano «Horn» (celt. belino > bauli-)
vorliegt, wàhrend doch die romanischen Formen alle nicht ein grattini
«Haar», sondern ein grennu (cfr. altprov. greti ) voraussetzen in Uberein-
stimmung mit ir. gretti
gluma: solite nicht die Bedeutung von altfrz. gonne angegeben werden?
halus: wer die bei Rolland Flore populaire Vili. 72 angefiihrten Formen
anugallicu , anagalicum algallico anagallis und den Artikel amigallietali
anagallis des Thes. I. lat . einsieht, wird die «Keltizitàt» von halus wenig
1 Horning, Z.f. rom. Phil . XXI, 452 n. Aber wie erklàrt sich dann das aus-
lautende -e des prov. derbese ? Die piemontesischen Formen liefien sich zur
Not ebenfalls mit derbice verbinden: derbis, das fàlschlich als Plural (cfr.
lvònn. 1 e s dartres) aufgefafit und woraus ein Sg. derbi gebildet worden wàre.
BIBLIOGRAFIA
209
gesichert finden; cfr. auch den Index p. 321 der Ausgabe des Marcellus,
De medicamentis Iiber, ed. Niedermann.
jupikellos: «genévrier» erinnert merkwurdig an den Namen desselben
Strauches in Biinden; cfr. Bull, de dial. rom. Ili, 17 ss.: die einen btindner-
romanischen Formen repràsentieren eine Basis jCippon (oberengad. giop,
tessin. giiip ), die anderen eher eine Form jtlp(i)co (untereng. gioc). Ob aber
dieser Name des Holunders wirklich keltisch ist?
juva: iiber den Namen und Verbreitung des Wortes jiira in der Topo-
nomastik wàre wohl in erster Linie ein Artikel von L. Gauchat, Bull, du
gloss. d. pai. de la Sdisse rom. Ili, 14 (1905) zu vergleichen gewesen,
fernet die Dissertation von W. Kaufmann, Die galloromanischen Be-
zeichnungcn fiir den Bcgriff «Wald», Diss. Zurich 1913, 17—21.
-late: geht gali, llaid auf -late zuriick? Und ist frz. délayer so sicher
von altprov. deslegar «Jondre» zu trennen?
mannus: vgl. REW 5309, dessen semantische Bedenken, wie ich nàchstens
zu zeigen hoffe, kaum stichhaltig sind.
manti: frz. maint darf nach dem Artikel von Schuchardt, Zeitschr. J.
rom. P/iil. XV, 241 kaum mehr mit Sicherheit zum gallischen Wort gestellt
werden.
marga, mar gita: solite nicht zu marga das cat. span. ptg. margar «mit
Mergel diingen», marga «Mergel» gestellt werden? Dazu gehort das cat.
mar gali «Mergelgrube», mar gai, mar goni (rhod.), mar galli (aveyr.),
margottili, margoulis (ìang.) «margouillis bourbier» mit der nordfranzòsischen
Wortsippe margouiller, in die sich vielleicht frz. gouille < gulja, REW
3911, eingemischt hat. Und wàre nicht im Zusammenhang mit der Plinius-
Stelle, wo iiber die Verwendung des Mergels als D unger gehandelt wird \
auf die Karte des ALF, c. funder hinzuweisen?
malora: solite hier oder in der gallischen Lautlehre nicht auf die Wieder-
gabe des intervok. durch frz. t (statt Angleichung, tr > rr und prov. t
statt -ir- cfr. fruire) hingewiesen werden?
mena: solite hier nicht in erster Linie das prov. mod. meno «filon d’une
mine» angefiihrt werden?
mercasius: warum daneben nicht die ebenso hàufige altfranzòsische Form
marchais angeben und auf westfrz. marchais hinweisen?
mesgo-: cfr. Bull, de dial. rom. Ili, 67 n.
nanto: vgl. Bull, de dial. rom. Ili, 74.
nasca: vgl. auch nache «lien qui attaché les bètes à cornes à l’étable»
(Verger, Jublains, p. 186).
ole a: wàre hier nicht auf den Artikel in Paul und Braunes Beitràge
911, 320 hinzuweisen und die Bedeutungen von altfrz. ouclie genauer
anzugeben? Vgl. nun auch Spitzer, Zeitschr. f. frz. Spr. u. Lit. XLIV,
251 und zur Bedeutung Marteaux, Revue savoisienne LX, 64.
opulum: warum feblt das Wort in dem Vocabular bei Dottin?
orlu : wàre die Form des Kasseler Glossars or digas nicht der Erwàhnung
wert?
padi: vgl. v. Ettmayers (Rom. Forsch. XIII, 380) Vermutung, es mòchte
das trenti n. pagherà auf pad-a ria zuriickgehen.
1 Bei marga fehlt der Verweis auf acaunomarga.
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922.
14
210
J. JUD
petitto: angesichts der Tatsache, datò frz. petit, aprov. petit als Bezeichnung
fur «Kind» von dem bei Rossi, Insevipt. Clivist I, 356 belegten pitinnus
(cfr. auch logud. pithinnu und pitinnus + picinnus, sp. pequeno ), pitulus
sich nicht trennen lassen kann (cfr. schon Schuchardt, Vokalismus des
Vulgdrlateins, p. 203 und Lófstedt, Philolog . Kommentar mi Peregrinatici
Aetheriae, p. 197), so werden wir von gallischer Entlehnung wohl ganz
absehen miissen.
piperatium wie 7Tf7Tfo(ixi'Ov l u «iris des marais»: haben diese Namen keine
etymològische Beziehung zu den von Ant. Thomas, Mélanges 114 auf-
gezeichneten Namen derselben Pflanze?
randa: hàtte hier nicht der auch sonst im Buche von Dottin merkwiirdiger-
weise nirgends ervvàhnte Aufsatz von J. Havet, Igoranda and Icoranda
«frontière» Revue archéologlque II. 170—75 (vgl. nun auch Ferd. Lot,
Rom. XL, 492) Platz finden sollen?
ratto: ist das allgemein romanische ratto wirklich keltischer Herkunft?
rebarrus: man hàtte es geme gesehen, wenn Dottin sich uber die inner-
keltische Verwandtschaft desWortes nàher ausgesprochen hàtte. Und ferner
wàre es nicht unangebracht, uns zu erklàren, warum die galloromanischen
Formen stets mit festem finalem -5 auftreten : also altprov. rebos, neuprov.
rebous , reboussié, frz. rebrousse\ und vielleicht wàre eine griindliche
Auseinandersetzung mit der Ansicht von El. Richter, Sitzgsber. d. Wieiu
Akad. CLVI, 31—32 nicht iiberfliissig.
reno und vino: bedeutet altfrz. rin «Quelle»?
rotta: cfr. «nom. de poisson», Schuchardt, Zeitschr. f rom. Pini. XXX,
727 und Verf., Bull, da gloss. de la Suisse rom. XI, 36.
rufiis: Bull, du gloss. de la Suisse rom. XI, 35.
rumpus: cfr. lombard. rompigli, rompami «oppio»; tessin. romp «oppio,
adoperato a^sostegno delle viti», Salvioni, Bollett. storico della Svizzera
ital. XIX, Ì65; Studi di filologia rom. VII, 222, 226.
rlisca: im Sinne von «Rinde», cfr. ALFK, c. écorce und c. clivier.
samauca ou samauca: durch die romanischen Deszendenten sp. sa boga
< sabauca, cfr. Schuchardt, Zeitschr. f. rom. Phil. XXX, 728, ist doch
wohl die Form samauca gesichert.
samolum «sene^on»: solite der gallische Name nicht in den neben seneQon
vorkommenden semefon, saninoli stecken? (cfr. ALFK, c. senecon und
Rolland, Flore VII, 23).
senoca: identisch mit altit. sellici «geschwollene Driisen», vgl. Bartoli,
Das Dalmatische II, 431 (Schriften der Balkankommission, linguistische
Abteilung V)?
sesca: existiert altfrz. sesche? Und solite nicht eher das in den Be-
deutungen den keltischen Wòrtern nàherstehende neupr. sesco «masse d'eau,
typha, piante palustre en Gascogne; glaieul commun» (Mistral und ALF,
c. roseau, Suppl. s. massette ), span. cisca «Art Schilf, womit man in Murcia
die Dàcher deckt» (auch zisca) angeftihrt werden?
socco, candosoccus: Thurneysens Vermutung, es mòchte das dem frz.
soc «Pflugschar» zugrunde liegende succu eigentlich Schweinsschnauze*
1 Daneben (a) rebus, (a) rebuzos «à rebours» bei Levy, Suppl. Wtb.
BIBLIOGRAFIA
211
irl. soc «Pflugschar, Schweinsschnauze» mit einem anderen succu «Schwein»
(cymr. kroch) identisch sein, ist gewifi sehr verlockend 1 , allein es wàre
interessant zu wissen, ob auch anderswo die Pflugschar ihren Namen
vom Schwein > Schweineschnauze > Pflugschar bezogen hatte: ich finde
vvenigstens kein àhnliches weiteres Beispiel, und unter mehr als ein Dutzend
Bezeichnungen fiir die Pflugschar eine einzige: bufere «soc» {ALF, K spc),
dessen Verkniipfung mit bufo «moue» (unbekannter Herkunft) mòglich wàre.
Ist all das ein blofler Zufall? — Dottin stellt candosoccus «margotte de
vigne» (aus cando «weifì» + soccu «Pflugschar* [?]) unbedenklich zum obigen
soccus. Wenn wir bedenken, dafl Columella fiir das gallische Flàchenmafì
candetum eine Form mit -ud- kennt, wàhrend doch allgemein dieses an-
geblich fehlerhafte candetum in cantedum {gaW.. cant «hundert») korrigiert
wird, solite da nicht die Moglichkeit bestehen, dafì das bei demselben Colu¬
mella vorkommende candosoccus in cantosoccus zu àndern wàre? Der zweite
Bestandteil wàre dann dasselbe Wort wie altprov. soca, neuprov. souco
«cep de vigne» souc-au «cépée»: canto aber wàre vielleicht gleich zu erklàren
wi e canto-(s)latta: frz. chanlatte (Du C. s. cantata , 15. Jahrh.) «planche de
biseau qui porte le derni e r rang de tuiles d’ardoises d’un comble et forme
saillie de manière à empècher les eaux pluviales de couler le long des fossés».
canto-srin 2 : frz. chanfrein «partie antérieure de la tète du chevai du
frontau naseau» (cfr. bret, tal «chanfrein» <talo «Stime»), d. h. dem canto làge
cymr. cant «Rand» zugrunde (cfr. canto-limite > Champlitte, bei Holder).
canto-soccu wàre also gewissermafìen der àufìerste Absenker (Rand) des
Weinstockes, canto-latta die Randlatte des Daches, canto-srin «Teil, der
am Rande der Nase liegt». Auf jeden Fall mtissen diese Bildungen canto +
subst. zusammen ihre Erklàrung finden.
tarbelodathion: korrigiert in tarbotabathion «langue de taureau» als
Rame fiir «plantago» kdnnte sich berufen auf Rolland IX, 93: langue de
boeuf, de brebis, d’agneau».
tantica: vgl. nun auch Spitzer, Lexikalisches aus dem Katalanischen,
Biblioteca dell ' Archivimi romanicuin, voi. I, p. 128.
lecco: warum bei frz. tacon nicht auf Ant. Thomas, Rotti. XXXV, 94
und Schuchardt, Z. XXX, 732 hinweisen?
tucceta: warum fehlt das schon bei Diez, Wòrterbuch verzeichnete ptg.
toucinhOy span. tocino ?
urta: heurter hat stets altfrz. /?-: wie soli sich dieses mit dem gallischen
Wort vereinigen lassen?
vero: was bedeutet altfrz. verge als Ableitung von véro «courbe»?
(302) scolpo: wàre hier nicht auch auf die Karte copeau des ALF hinzu-
weisen. Existiert ein modem frz. escopel ?
Ztirich. J. Jud.
1 Der Hinweis auf ir. corr, das nicht nur «Kranich», sondern auch «Kranich-
schnabel und verschiedene ihm àhnliche Gegenstànde» bedeutet, wiegt nicht
allzu schwer: auch das engl. crane, frz. grue, deutsch Kran haben sich in
ihrer technischen Bedeutung stark beeinfluftt.
2 Mit volksetymologischer Anlehnung an fremi ? Cfr. aber auch Dict. gén.
s. chanfreindre, das Gamillscheg, Zeitschr. f rotti. Phil. XL, 135 anders
auffafit.
Bibliographie roumaine 1916—1920
Brusquement interrompue le 14/27 Aoùt 1916, l’activité scientifique n'a
pas pu ètre reprise en Roumanie mème après le 7 Mai 1918; et la cherté
du papier et de la main d’oeuvre font que longtemps encore oeuvres scienti-
fiques mème de grande valeur, comme Origina Romìnilor (L’Origine des
Roumains) par A. Philippide, l’ceuvre de sa vie, ne pourront voir le jour.
A part donc quelques ouvrages parus avant la date précitée, les publi-
cations de philologie roumaine dues, aux Roumains ne reparaissent qu’avec
l’année 1920. Pour 1917—1919 on ne peut signaler qué des ouvrages dus
aux non-Roumains.
Dans les pages qui suivent je tàcherai d'en donner un tableau aussi fidèle
que possible.
1. P. Skok. NetteBeitrdge sur Kunde des romanischen Elements
in der serbokroatischen Sprache. Zeitschrift fur romanische
Philologie XXXVIII (1914 — 1915) 544 — 553, Heft 5.
(Ausgegeben den 24. Januar 1916.)
Je signale seulement les éléments roumains.
[a. Noms communs.]
Aràniui «chaudron» < roum. a nonio «chaudron de cuivre» (544). — Déjà
Hasdeu 2819 avait derive du mème mot roumain le bulg. haraniìa «chau-
dron à anse mobile».
Balànva injure, invective < roum. balàurO) «dragon; tzigane».
Tura < jeune fille» < roum. Jedoarà ; Fecor , Fitor noms de famille <
roum. fedov (545). — Ajouter: (Archiv fur slavische Philologie 33 (1912)
361) fatur «enfant bàtard * .
Mrkatin'ui, mrkatula «coing» < roum. mar «pomme» + (MALUM) cydonium, cf.
port. melgodao, maracottio (545). — Et. : mar (dr.), mer (mr.) «pomme ;
pommier » + gntue (dr.), gntime (mr.) «coing» < MALUM COTONIUM =» cydo¬
nium.
Pùìitiela, slovène puntela , puncka, punci\a, punta «jeune fille» <
*pullicella (545 n.). — Pour n < /, cf. amilanais poltella, pontella, valenc.
poncella .
Frittela, brillitela, brundzela «boucles» < *fronticella, cf. arowm. fruii-
ceaaa (545). — Dr. ancien jrunceà « front», mr./rtinteana «sourcil», pl.frun-
céle, frinite die.
Frzèli il, v.rzolin (orn.) «serinus meridionalis» < {rìouì.frandzel «pinson-
(546). — Scr. frzèlin, verzolin «serinus meridionalis», ture (G. Meyer, Tur-
BIBLIOGRAFIA
213
kische Studien, I 20) Jilorgin «pinson» < mr. *Jrindzilin , *frindznlin =
sfrindzel «milan, épervier» < fring-, c f. FRINGILLUS «pinson», frixgutire,
FRIGUTIRE, FRINGULTIRE, FRINGULIRE «chanter, en pari, du pinson; sau-
tiller»; ngr. Créte qQiyytXàyi, «nom d’un oiseau» < FRINGILLA — FRINGILLUS
[G. Meyer, Neugriechische Studien, III 72J.
Hrnkàs, rnk<'<s «bceuf à demi chàtré» < roum. rincas (547).
Krnatcì, krnatina (Istrie) «saucisson» < carnata (sic) (548). — $trekelì
Archiv fiir slavische Philologie, 28(1906)521; istrocak. krnàta , krnàtina<L
istroroum. carnai (dr. cimai , dial. cimai).
Mrdzela, grnùela «perle fausse», dém. mrdzelita,grmìelita < Marcella.
Le mot n’est pas un emprunt directe au roumain, comme le prouve le l
conservé (548). — Mrdzela < mr. mardzeana , pi. inardzeale. Le mot
forme un doublet avec mèrdzno, gén. mèrdznla «galon d’or d’un dolman»,
dérivé par l’auteur du lat. MARGELLA [Zeitschrift ftir roman. Phil. 36 (1912)
651], mais qui est toujours roum. mdrgeana (dr.), mardzeaaa, -o (mr.). Pour
scr. mrd zelila cf. dr. mar gelata.
Mocuga, mahiga «gourdin» < roum. macinai (549).
Motòruga, motoroga, matragci, màtrak, màtraka «bàton» < mattaris
«javelot* (549—550). — Cf. dr. buturuga, buturoaga.
Omsita «un certain, un individu» < roum. ins, in sa , megl. ons (550).
Skutelka «pourpoint» < roum. scurteìca (551). — Le mot roumain a passe
aussi en bulgare: skurtéìka; scr. dial. (Archiv fiir slav. Phil. 33 (1912
364) kùrtav, kurtast «coupé, courtaudé» < roum. (s)cnrt «court». Pour
scurteìca v. Sufixele Rommesti 237. y
b. Zu den rumanischen Orts- und Personennamen auf dem skr. Gebiet
Bàrbàtovti nom d’un village en Serbie, Berbàtovo nom d’un village près
de Nis, Berbatovit nom de famille < roum. barbat «homme; mari» (551)*
Bnn nom de famille, Bunóvi groupe de maisons dansle districte de Foca
(Bosnie), Bunovit nom de famille et de localité dans les Bocche di Cattaro,
Ballilo, Bnnilovit, Bnnisa noms de famille, Bnnoìevit village dans les
Bocche di Cattaro, Bnnosevat village en Serbie (districte de Yrane) < roum.
bau «bon» (551—552). — Cf. Bnnescu nom de famille.
Dimitor montagne en Bosnie, Dnrmitor montagne en Monténégro et en
Serbie < roum. dnrmitor de dormi dormir», déjà Jirecek, Geschichte der
Serben, I 156 (552).
Hrman, gén. Hrmaàa un monastère gréco-oriental abandonné, dans la
région entre Una et Unat, nommé aussi Hrmaniìa ; Romaniìa montagne
à Saraievo; Romani, Romanovti village dans le districte de Gradiska <
romanus (552). — Mr. armin , animili, arimìn, rràminu «Roumain». Cf.
aussi Romania l'empire romain d’est ainsi nommé par les Slaves et par les
Italiens avec une éxpression qui n’était pas rare depuis le III e siede [Jire¬
cek, Die Romanen in den Stàdten Dalmatiens wàhrend des Mittelalters,
I 36], Romana la piaine thrace en Bulgarie [Jirecek, ibid. I 36 n], \ 7 J wa«-
via (scil. nóhg) «Constantinople» [Passow, Popularia Carmina].
Kormata, kormatnra noms de lieux en Serbie < roum. cannata -a } cur-
malnra (552).
Kyturiti nom donné aux Vlaques du roi de Bosnie Tvrtko Tvrtkovit <
roum. dial. kitor = pici or «pied» (552). — Et.: mr. cJiéturì, pi. de clùatra
«pierre; rocher». dr. chiànrà «montagne».
214
Gl ORO E PASCU
Ligati, Ligatiti, Lìgatov han groupe de maisons dans la commune de
Ustikolina, Ligatit nom de famille < roum. legat «lié» (552).
Lupulovit nom de famille < roum. lup «loup*>, Lnpuì nom de famille
(552).
Magura lieu en Serbie < roum. magava «hauteur» et noms de hauteurs
(552).
Smederevo ville en Serbie, 2 L\\em 2 Lnà-m 2 Lgya.rSemendria<vo\im.Slmedrii,
sumedru < sanctus demetrius (552). — En roumain on dit aussi (Codin,
0 Samà de cuvinte, 69) sumendru.
§èrbolovat petit ruisseau en Bosnie, gerbillo nom de famille < roum. serb
«serf», Serbul nom de famille (553).
2. Leo Spitzer. Rum. gnm (grimi) « Hugeb . Archiv flir das
Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 134
(1916) 138.
Josef Briich. Rum. grum «Hugel». Ibidem 135(1916). 416—417.
.Spitzer: gruni, grumi «còteau» < *C(0)R0NIUM < corona «couronne».
Briich: grum, grumi (dr.) «còteau», grumi (mr.) «menton» < GRUNIUM
«groin», cf. afr. groin «hauteur d’un còteau, d’une montagne».
Je constate d’abord qu’outre le sens de «colline, còteau » le dr. grimi a
encore les sens suivants: 1. (Pascu, Cimilituri, I 163) «jeune arbre», 2. (Damò,
Terminologie, 9) «pièce de bois du char», 3. (Vichi, Glosar, 47) «pièce de
bois du trameau». La forme grufili est attestò pour le Hateg dans la Re¬
vista criticà-literarà III 156 et pour la Bucovine dans un document slavon
du 11 Nov. 1458 (I. Bogdan, Documentele lui §tefan cel Mare, I 24). Et.:
*GORONEUM < GOR-, GAR- «arbre, arbuste, forèt, montagne», cf. abulg. gora
montagne», bulg. gora «bois, forèt; mont, montagne», ,lit. gire «forèt*.
apreufi. garian, garrin «arbre», npers. gar, gir «montagne», bulg. gorùn
«chène», alb. gur «pierre», cech. pahórek , poi. pagórek, russe prigorok,.
ndgorok «hauteur, colline» (Pour les mots slaves et indo-européens v. Ber-
neker, Slav. et. Wb. 328—329 sub gora). ^
3. A. Philippide. Barangii in istoriea Romìnilor >/' in limbo
romineasco. lasi, Viafa Romlneascà. Mart 1916. 8°.
28 pg.
Les bar angue s (Bar augi, fiapayyoi) étaient les mercenaires étrangers.
Germains, qui, depuis l’empereur Constantin Monomachos (1042—1054) jus-
qu’à la conquète de Constantinople par les Turcs (1 453), ont formò la garde
des empereurs bvzantins.
Les Dacoroumains ont connu ces barangues directement, parce que, au
commencement du XIII e siècle, sur les deux rives du Danube, les Dacorou¬
mains avec les Bulgares et les Comans ont constitué l’empire roumaino-
bulgare, qui, conduit par les frères Petru et Asan et Ioanitza, a lutté avec
acharnement contre les Byzantins.
Le mot grec bdrangos a passò en dacoroumain: bar ùnga 1. «le loup Je
plus àgé d’une meute qui hurle le premier quand les loups commencent à
hurler», 2. «le taureau le plus fort qui conduit le troupeau et qui porte la
BIBLIOGRAFIA
215
sonnaille», bar unga *gladinà «barangue affamé», terme de mépris (bulg.
gldden «affamé») > baraglddinà terme de mépris à l’adresse des Tziganes-
Chemin faisant l’auteur relève plusieurs erreurs historiques et géographi-
ques commises par N. Iorga dans sa Geschichte des rumànischen Volkes.
4. A. Philippide. Prejuditji. Tasi, Viata Romìneasca, iVIaiu 1916.
8 °. 11 pg.
1. Theophylaktos Simokattes (VII e siècle) relate, qu’en Fan 587 un soldat
de Farmée de Comentiolus en guerre avec les Avares, s’apercevant que le
fardeau de la bète de somme d’un camarade à còté était sur le point de
tomber, lui a crié «dans la langue du pays» retorna , c’est-à-dire «tourne toi,
le fardeau de ta bete va tomber», ce qui a provoqué une grande confusion
et dans Farmée de Comentiolus et dans celle des Avares-
Theophanes Confessor (VIII e siècle) relate que le soldat a dit «dans la
langue paternelle» torna, torna, fratre .
Jusqu’en 1893 tout le monde était d’accord que retorna, torna torna
fratre sont les plus anciennes traces de la langue roumaine. En 1893
Jirecek (Archiv fur slav. Phil.) a affirmé que torna est un terme de com-
mande comme cede, sta, move, affirmation répétée dans Die Romanen in
den Stàdten Dalmatiens wàhrend des Mittelalters, 1902. Cette affirmation
gratuite a été adoptée sans réserve et sans critique par divers savants, der-
nièrement par N. Iorga, Bulletin de l’Institut pour Fétude de l’Europe sud¬
orientale, 1915.
A. Philippide prouve que retorna , torna torna fratre sont en effet des
mots du latin balkanique du VI e siècle, c’est-à-dire des mots roumains.
2. N. Iorga, Bulletin de l’Institut pour Fétude de l’Europe sud-orientale
1915, dit que du cóté de l’Adriatiqué les Balcha valaques fondaient l’état,
en méme temps slave, albanais, grec et valaque , de la Zenta». Mais Bolsa
est le nom d’une famille régnante serbe, et le mot Bolsa < illyrien ou
thrace bai - + le suffixe serbe - sa. Le nom de famille roumain Bolsa est
d’origine serbe.
5. Giorge Pascu. Sufixele Romìnesti. Bucuresti, Academiea
Romina, 1916. 8°, IV + 499 pg. Ouvrage couronné
par l’Académie Roumaine en 1915 avec le prix Nàsturel
de la valeur de 5000 lei.
Cest une monographie complète sur les suffixes roumains. La matière en
est classée en huit grands chapitres d’après l’origine des suffixes: les suffixes
d’origine 1. latine, 2. latino-balkanique, 3. slave, 4. albanaise (un seul),
5. néogrecque, 6. turque, 7. mag> r are, 8. néologique. Ces chapitres sont
précédés d’une introduction et suivis d’une conclusion.
Chaque chapitre distingue des suffixes substantivaux, adjectivaux, verbaux
et adverbiaux. Chaque suffixe est étudié dans son extension et ses variantes
phonétiques, dans sa fonction, son origine, ses formations analogiques, et le
genre et le pluriel des dérivés.
Le matériel a été recueilli pour les trois grands dialectes roumains: daco-
roumain (dr.), macédo-roumain (mr.) et mégléno-roumain (megl.); le dialecte
216
GIORGE PASCU
istro-roumain a été laissé de coté puisqu’il est extrèmement pauvre. Le
matériel dr. a été puisé dans 40 dictionnaires, glossaires et textes; le ma¬
tèrici mr. et megl. dans toutes les sources autorisées (6 dictionnaires). Alors
que pour le dr. l’auteur s’est borné à signaler les dérivés les plus importants,
pour le mr. et le megl. il a enregistré tous les dérivés. Le nombre des mots
étudiés est de 7400, des suffixes de 370, dont 166 simples. Parmi cesder-
niers 75 ont été relevés et discutés pour la première fois.
Nombreuses étymologies nouvelles.
6. JLetopisetn l Tàrii Mot dovei pana la Aron Vodà ( 1359-1595)
ìntocmit, dupà Grigori e Ureche vornicul, Istratie
logofàtul §i aldi, de Si mio n Dascalul. Editie critica
de Const. Giurescu, cu o prefatà de I. Bogdan. Bucuresti
1916. 8°, XV + 304 pg. — Comisiea istoricà a Romtniei.
En 1911 I. N. Popovici avait donne une édition assez correcte de l’illustre
chroniqueur moldavg, du XVII e siècle: Chroniqae de Gligorie CJreache.
Le nouvelle édition de Giurescu, publiée dans des conditions typographi-
ques excellentes, est doublement mauvaise: 1° L’éditeur a amplifié le texte
d’Ureache en concordance avec sa théorie, foncièrement fausse, que la chro"
nique d’Ureache a été absorbée dans la compilation de Simion Dascalul, et
2° il a changé la langue du manuscrit, et particulièrement le phonétisme.
7. Psaltirea Scheianà comparata cu celelalte psaltiri din
secolul XVI si XVII traduse din slavoneste. Editiune
critica de I.-A. Candrea. Bucuresti 1916, 8°. I Introducerea,
cu 11 plance, 240 pg.-, II Textul si Glosarele, 550 pg. —
Comisiea istoricà a Romìniei.
Le Psautier de 8>cheia, texte rhotacisant du XVI e siècle, a été publié
d’abord en photo-litographies et transcription latine, par I. Bianu en 1889.
La nouvelle édition de Candrea, seulement en transcription latine, est
accompagnée d’un glossaire et d’une étude introductive.
L’étude de Candrea présente des erreurs fondamentales. D’abord l’auteur
n'a pas compris le rhotacisme, c’est-à-dire le changement de n intervocalique
en r. En effet le rhotacisme présente deux phases: «. la phase nr (exemple
bulini) et p. la phase r (ex. bum). L’auteur admet que nr et r ne sont
que des graphies différentes pour nr, c’est-à-dire bum = bunru (pg. 156
à 157, 160).
L’explication donnée à ce phénomène est également fausse: «La chute de
n , après avoir nasalisé la voyelle précédente, a mis en contact deux voyelles
qui formaient l’hiatus: bùu, fidi, vee. Pour éviter l’hiatus entre les deux
voyelles s’est glissée la voyelle Semi-consonnante ti (cf. mudimi < mudila),
qui a évolué vers h (cf. ma dulia), devenu à la longue le postpalatal y, qui
s’est changé petit à petit en r. Donc pour LUNAM > làrà nous admettons les
phases intermédiafres: là a > làuti, là ha, làyà, lurti» (pg. 156).
L’explication du phénomène est tout autre: Le rhotacisme a du présenter
deux phases: «. voyelle nasale + r-+ voyelle simple, et p. voyelle simplex
BIBLIOGRAFIA
217
r + voyelle simple. Ainsi par exemple bonus a donne en roumain bun. A
un moment donné, probablement avant 1400, la voyelle accentuée, paranti-
cipation sur le n suivant, est devenue nasale: burnì ; après 1400 s’est pro-
duit le changement de il en r: bum , écrit bunru\ vers 1450 la voyelle
accentuée, n’étant plus suivie de «, a perdu la nasalisation : burli , cf. le
nom de personne Geamuru et le nom de localité Fìntivi ali dans le docu-
ment slavon de 1453.
Les deux phases du rhotacisme nous donnent ainsi la possibilité d’établir
que tous les textes rhotacisants du XVI e siècle sont des copies.
Gràce à son interprétation erronée du rhotacisme l’auteur a admis que le
Psautier Hurmuzaki est un autographe (pg. 50), tandis qu’il n’est qu’une
copie.
Une deuxième erreur fondamentale est d’avoir considéré les psautiers
rhotacisants et non-rhotacisants comme dérivant tous d’une traduction origi¬
nale faite dans la région rhotacisante de Maramures (pg. 96—97).
L’auteur remarque avec justesse que tous les psautiers présentent des
ressemblances frappantes (pg. 69—81). Mais à notre avis ces ressemblances
sont dues à roriginal slavon sur lequel a été faite la traduction, c’est-à-dire
le psautier serbe de Branko Mladenovici de 1346 (cf. pg. 112).
L’impulsion pour la traduction des livres saints au XVI e siècle n’a pas
été donnée par le mouvement hussite, comme l’affirme l’auteur (pg. 96—97),
mais bien par le courant catholique et réformé et par le contact avec la cul¬
ture serbe au sud-ouest et avec la culture polonaise au nord-ouest.
Sur toutes ces questions je parie longuement dans mon livre Histoire
de la littèrattive et de la langue roumaine au XVI e siècle (en roumain,
Bucuresti 1921).
L’opinion de Candrea que rr ne serait pas une simple graphie pour r,
mais marquerait bien une prononciation spéciale de r dans la région rhota¬
cisante (pg. 41—43, 87—88), ne tient pas.
L’auteur transcrit souvent avec erreurs. Ainsi pg. 161 il transcrit le
mot grigliti, qu’on rencontre sous cette forme une seule fois, par grinliii,
heureux d’avoir ainsi pu attraper un exemple pour l’expression de la voyelle
précedente nasalisée: grìlui (En tout cas grìului !). Le mot doit étre tran¬
scrit grìului pour les raisons données par Bàrbulescu, Fonetica alfabetului
chirilic, 243—268.
L’auteur a cru que le Psautier offrirait un exemple unique dans la langue
roumaine de rinfinitif en-^s/fV a se incu reaste < iNCALESCERE(pg. 229etGloss.J.
Le mot est employé une seule fois: «Incurescu-se fnrema mea in mere §i
intru invàtarea incinde-se focu» 74 5 . Incùrescu-se est un indicatif présent,
cf. incinde-se dans la mème phrase et plus haut «dzis: se feroseli caile
meale se nu gresescu cu limba mea . (L’auteur a cru que 'incu reseti est
un parfait simple!). Par conséquant l’infinitif est a se incuri.
Murata «pauvre, malheureux ' = mr. marat , cité parmi les mots obscurs
(pg. 230), est le participe passé du verbe perdu a se mura < bulg. maria
se soucier, s’inquiéter de*.
Le mot écrit cirmujure , que Tauteur incline à interpréter comme une
laute pour curmitrele <C *curmu < v si. krumu «victus» (pg. 233), doit étre
lu cirmojure , pi. de (Pascu, Cimilituri, 1 19) cirmoaju «croute de pain».
Parmi les mots obscurs l auteur aurait du citer Jindis.
218
CilORGE PASCI!
8. M. L. Wagner. Balkanroman. skala, niittel- und neugriech.
OY.cc/.a , tilrk. iskele, alban. $kelu, rum. schela, usw. Zeit-
schrift fiir romanische Philologie 39 (1917) 96 —101.
Heft 1 (ausgegeben den 2. Oktober 1917).
Roum. schele, schele, bulg. skélrn, srb. skela, alb. skelìi «échelle; débar-
quement, port ; échafaud, échafaudage» < ture, iskelé idem < mgr. axàhc
échelle; échafaudage» < scala «échelle*. — Pour ture iskele Je partirais plu-
tòt du ngr. nxcUié, pi. du dém. oxaXt, cf. ture iskemné «chaise» < ngr. oxauvià.
pi. de ma [a vi, defilé < ngr, óatpvrn.
9. G. Weigand. Rumànische Grommatili: 2. Auflage. Leipzig,
Barth. 1918. 12°, 248 pg.
La première édition de la Grammaire roumaine de G. Weigand, parue en
1903, a été l’objet d’une analvse minutieuse de la part de A. Philippide,
Un Specialist rornin la Lipsca, Iasi 1910, in 8°. pg. 28 — 67. Quoique
Weigand en ait tiré un très grand profit pour sa deuxième édition, il passe
sous silence le nom de A. Philippide: «Nombre d’erreurs et de fautes d’im-
pression (sic!) pour l’indication desquelles je suis redevable à Messieurs
V. Trifu et Sextil Puscariu, ont été écartées».
En réalité le professeur de Leipzig a corrigé les fautes, nombreuses et
souvent très graves, de sa Grammaire avec la critique du professeur de Iasi.
Les *40 pages de A. Philippide contiennent 115 articles. Pour faciliter
au lecteur le contròie de ce qu’il est dit plus bas, nous citerons Tarticle de
A. Philippide, la page de la première édition de la Grammaire de Weigand
en parenthèse et ensuite la page de l’édition actuelle; si les pages des deux
éditions concordent, la parenthèse est supprimée.
G. Weigand a tenu compte des observations de A. Philippide pour 72(10)
11, (13) 11 en deux endroits, (25) 24; 17 (10) 9, (12) 11, (13) 11, (19) 18.
(23) 22, (29) 28, (37) 34, (79) 78, (85) 83, (92) 90, (99) 97, (116) 114, (117)
114 en 2 endroits, (139) 137 en 2 endroits, (140) 138 en 2 endroits, (161)
160, (167) 166 en 2 endroits, (182) 181, 189, 190, 200; 18 (19) 17; 19 (19)
17; 21 (21) 20; 23 (23) 22 en 2 endroits; 24 (136) 134, (138) 136; £7 (19)
18, (41) 38, (50) 47, (60) 57; 29 (27) 26 en 3 endroits; 31 (32) 30; 33 (33)
31; 39 (39) 36; 41 (41) 39, (73) 70; 44 (47) 44, (59) 56; 45 (48) 46; 46 (49)
46, (59) 56; 47 (49) 46 en 2 endroits; 48 (50) 47; 49 (50) 47; (52) 49, (131)
129, (161) 160, (173) 172, 177, 185; 52 (60) 58; 57 (70) 67; 58 (73) 70:
64 (81) 79; 65 (82) 80; 68 (87) 85; 69 (89) 87; 70 (90) 88; 71 (90) 88; 72
(91)89; 73 (92)90; 80 (114) 111; 83 137; 98 176; 105 (185) 184, 112 195;
113 195.
Sous l’influence de la critique de A. Philippide G. Weigand a souvent
changé la forme de Texemple, ainsi: 15 (15) il écrivait tini au lieu de tiì
«tu tiens», 14 il change tinea par tacea ; 16 (18) Tinuturile de Brasov sint
frumoase, Clopotele de Putita sunà tare — 16 Tinuturile aceste sunt frumoase,
Clopotele aceste sunà tare. Il procède de la mòme manière avec 20 (21) 20 ;
22 (23) 21; 24 (25) 13; 29 (27) 26.
G. Weigand a biffe des exemples erronés: 17 (101) 99; 25 (26) 24: 29
(27) .26; 33 160; 40 (41) 38: 42 (42) 39; 45 (4S) 46; 75 (95) 92; 76 (97)
94; 93 (164) 163; 109 (181) 180; 106 187; 107 188; 200 200 et suiv.
BIBLIOGRAFIA
219
G. Weigand a remplacé les exercices et les morceaux roumains qui con-
tenaient trop de fautes par des exercices allemands ou par des passages des
auteurs roumains: 17 (35) 33 — Texercice 22, (98) 96 — morceau 69, (112)
109 — morceau 78, (162) 161 — morceau 113; 31 (32) 30 — exercice 19;
51 (56) 53 — morceau 40; 53 (61) 58 — morceau 43.
Le remplacement des exercices et des morceaux a été fatai pour G. Weigand,
car notre grammairien commet des fautes nouvelles.
Ainsi pg. 33, exercice 22:
« Marno, de ce nu vini la noi?» — correctement «Manin, de ce nu vii
la noi?»
«Fo iute si n e-adu apà calda, cà avem frig in apa aceasta rece» — «Dit te
ropede si adii apà calda, cà ni-i frig in apa asta rece».
«Oi veni indatà, nu vezi cà am de lucru!» — «Am so vili ».
« Nevasto, adà vin cà n-avem mai ce bea» — «Adà vin, nevasto, cà nu
mai avem ce bea!»
«Serveste-te institi, eu nu pot» — «Serveste-te singur, co eu nu te pot
servi ».
«Tàtucà, nu vei fi bun sà-mi cumperi o pàlàrie nouà?» — «Tatucà, fii bun
sà-mi cumperi o palàrie nouà.»
Pg. 96. «Dumiata u§or piei ràbdarea» — « Dumne(a)ta usor (ou mieux
degrabo) pierai ràbdarea».
«EI s-a dus la tirg ca sà vada pe elefante — elefantul ou bien un
elefant.
«Nido musco vrea s-o ucigo » — «Nido musco nu vrea sà ucidà».
Pg. 109. «Nu-i bine sà se legene un copil pano so adoarmo » — pano
ce adoarme.
«Ea esi din colibà ca so meargo la piràu, sà spele rufele de ai ei» —
«Esi din colibà si se duse la piràu sa spele rufe de ale ei», mieux encore
«sà-sz spele finte rufe».
«Dacà nu mà-nsel, dumiata capeti treisute de lei» — dumitale ti se
divine, ou bien dumneta ai de luat, trei sut e de lei.
«Spune-mi prezentul de a slobozi, a sari, a iubi, a pieri in indicativ si
in conjunctiv» — «Spune-mi presentili indicativului si conjiinctiviilui
dela . . .».
Ces fautes nouvelles, ajoutées aux anciennes que G. Weigand s’est obstiné
à ne pas corriger (cf. A. Philippide Nr. 1—12, 26, 36, 37, 43, 45, 54—56,
59-62, 66, 67, 74, 77, 78, 81, 82, 85-92, 95-97,99, 101-104, 108-110,
114), sont désolantes, car il ne faut pas oublier que G- Weigand étudie la
langue roumaine depuis plus de trente ans et a bénéficié pendant 23 ans
d’une subvention annuelle de 10 000 lei de la part du gouvernement roumain
(soit 230 000 lei).
Enfin je laisse au lecteur le soin de qualifier le procédé de G. Weigand,
qui corrige tant de fautes d après A. Philippide sans citer A. Philippide.
10. P. Skok. Einige Worterklarungen IL Archiv fiir slavische
Philologie, 37 (1918).
1. Eia Cberbleibsel des Rurndnischen im Serbokroatischen, pg. 81—82.
Quelques numéraux remarquables que les bergers emploient pour compter
les brebis par couples:
220
GIORGE PASCU
le premier couple dò < roum. doùà «deux».
le deuxième péto, pàto. < roum. patrie «quatre» par analogie au slave
peto .
le troisième sasto, scisto, setto, sàso < roum. sase «six» par analogie au
slave sest.
le quatrième sopte, sópti, sòrte , soti, sopì < roum. opt «huit» par analogie
à suso et z"ti.
le cinquième zèli, zèti < roum. zece «dix».
2. Décalques linguistiques, pg. 83—89.
а. Mots roumains qui ont re£u certaines acceptions sous l’influence des
mots slaves.
1. Carte t «lettre», 2 «livre» — scr. kniga 1, 2. — Je remarque que roum*
scriptum et scrisoare ont également les deux significations.
2. Codru 1. «morceau de pain», 2. «forèt; montagne» —slave deal 1. «partie»,
2. «montagne; còteau» > roum. deal «cóteau». — De tous les mots cités par
Berneker, Slav. et. Wb. 195 sub dealò «partie», il n’y en a qu’un qui a les
deux significations: scr. dìo , gén. ditela. Le ruthène din signifie seulement
«chaine de montagnes» (dém. d’ilók «bocage, broussailles»).
S’il s’agit donc d’un décalque linguistique on pourrait bien admettre le
contraire, c’est-à-dire que scr. dìo et ruthène d'ili sont empruntés au roumain
deal «cóteau» < ture, teli pi. tilal idem.
Du reste roum. codru «forèt; montagne», alb. kodrò «colline, cóteau»
< *codrum < crod-, cfr. abulg. krada «bucher, pile de bois», ruth. koróda
«arbre branchu». Un dérivé de codru — koroda est Cordun , le nom popu-
laire de la Bucovine «le pays des hètres». (L’étymologie de codru nous a
été suggéré par notre ami August Scriban).
3. Insela «tromper, séduire» < insellare < sella «selle — scr. nasa-
màriti idem < stimar «bàt». — Quoique séduisante l’étymologie insela
< INSELLARE n’est pas sure.
4. Mire «jeune gar^on le jour du mariage» < MILES «soldat» — bulg. vóìno,
volino «époux» < vom «soldat». — Mr. miràìasà = dr. mireasa «jeune fille
le jour du mariage» montre que dr. mire = mr. aulirò' «empereur < ngr.
(i/uiQag, ture, (ejmir. Puisque «le jeune gar^on le jour du mariage» est un
empereur , «le mariage» en est le couronnement: dr. cununà «couronne»,
mr. megl. curunà 1. «couronne», 2. «mariage» < CORONA 1, ngr. oréquvuv
«couronne, surtout nuptiale»; — dr. cununa 1. (ancien) «couronner», (moderne)
2. «marier», 3. «servir de parrain ou de marraine dans un mariage» < CORONARE
1, bulg. veaìvàvam 1, 2, 3 < veané{ «couronne», ngr. oTtqavCrw 1, 2, 3
< oTt(f (<rov ; — dr. cununie «couronne que l’on pose sur la tète des époux
pendant la cérémonie nuptiale», 2. «bénédiction nuptiale, mariage», bulg.
veancàvanie } veancilka, veancilo, ngr. uré(/)«rw/<« «noces, bénédiction nup¬
tiale; couronnement».
5. Tare «fort, dur» — scr. uik idem.
б. Nous n’avons pas à faire à des décalques linguistiques en des exemples
comme frigurì «fièvre» — scr. zinnia idem.
BIBLIOGRAFIA
221
b. Exemples de décalques dans la syntaxe;
7. Les expressions pour le sujet impersonnel (fran^ais on , allemand man)
sont identiques en roumain et en serbo-croate: roum. spini — scr. kazu ,
se sic e — scr. kaze se.
8. Le passif est exprimé en roumain et en serbo-croate par des formes
identiques: ma bate, te bette, il bate — scr. tuku me, tuku te, tuku ga. —
— Je ne comprends pas l’idée de l’auteur. Ma bate signifie «il me bat»,
te bate «il te bat», il bate «il le bat»; le passif en est sint batut «je suis
battu», esti batut «tu es battu», este batut «il est battu».
9. Dans les imprécatioris on répète le verbe en roumain et en serbo-croate :
roum. «mìnca-te-ar moliile sa te minince» (mot à mot: que les teignent te
rongent, qu’elles te rongent!) — scr. «vràg te napunì, nesnàga ìèdna, tè te
dà bi napunì» (que le diable te gonfie, toi, monstre, qu’il te gonfie!).
10. On répète le verbe pour insister sur l’action exprimée par le radicai:
roum. « de vasut am va sut» (s’il s’agit de voir, j’ai vu!) — scr. «ìesam li
suste, vaia ìesam « (je suis fatigué, mon Dieu, je le suis!).
11. Le conditionnel peut exprimer l’action répétée: aroum. «de vrea aduce
cineva aur, atuncea era vesel» (toutes les fois qu’il apportait de l’or, il était
gai) — scr. «pa ie redom zvao berbere, da ga briìu» (ensuite il a appelé les
coiffeurs tour à tour pour lui faire la barbe). — « De vrea aduce cineva aur,
atuncea era vesel» signifie «si quelcun lui apportait (voulait lui apporter) de
l’or, il était gai»: de vrea aduce =*= daca -ì aducea, l’imparfait de l’indicatif.
Le sens «itératif» résulte du fait que l’imparfait exprime l’actio continua
pour le passé.
3. Zu den slav . Lehnwórtern im Rumcinischen, pg. 89-92.
1. Idea «voilà» < scr. ìako «toute de suite, sur le champ».
Daca «si» < scr. dàko, dako idem. — A coté de daca on dit aussi deaca
(ancien) et de\ mr. deca «parce que». Et.: de + ca.
Iar(a) «mais» < scr. ìà, àr, are idem, dar «mais» < fakav. dàr «au moins,
du moins». — Dar < da idem (< slave da) + ìar.
2. Letica «pièce de bois courbée qui soutient la ridelle» < scr. liìevca idem.
Pour c < c cfr. colac «pain rond» < bulg. kolaé «gàteau, pàté; pastille; petit
gàteau».
3. Pirdalnic «infame, damné» < scr. prdalo «la partie postérieure» + - 'nic . —
Cf. aussi bulg. parddlka «mauvaise voiture; petit tuyau de cornemuse».
4. Scitici «pleurnicher» < scr. skuncàti idem. — Cf. aussi bulg. skimcd
idem.
11. H. Jarnik. Sur Ion Creangà Harap Alb, herausgegeben,
ubersetzt und erlautert von Gustav Weigand, Leipzig 1910.
Archiv fur das Studium der neueren Sprachen und Litera-
turen, 135 (1916) 219—224.
— 7mv Interpretation von I. Creangàs Harap Alp, ibidem,
137 (1918) 51—64, 138 (1919) 207 — 216, 139 (1919)
198—209.
Critique judicieuse des erreurs multiples commises par Gustav Weigand
dans sa traduction et interprétation de Harap Alb.
222
GIORGE PASCU
12. Ernst Gamillscheg. Oltenische Mundarten. Wien, H <31 der,
1919. 8°, 116 P£. — Akademie der Wissenschaften in
Wien, Philosophisch-historische Klàsse, Sitzungsberichte.
voi. 190, Nr. 3.
L'auteur étudie le dialecte olténien de 24 localités situées au nord-est et
au nord-ouest de Tirgu Jiu, le point de départ de la region étudiée étant
forme par le dialecte de Topesti, village au nord-ouest de Tirgu Jiu.
Les différents dialectes du nord du district de Gorj, malgré leurs nom-
breuses parties communes, forment deux groupes, le groupe d’ouest (les lo¬
calités No. 1—18) et le groupe d’est (les localités No. 19—24). La localité
No. 18 présente à plusieurs points de vue des phénomènes de transition. La
frontière entre les deux groupes est tracée par la vallèe supérieure du Jiu,
c’est-à-dire la chaussée qui mene de Tirgu Jiu au nord vers le défilé de
Surduc et de Petrosani. Une place tout à fait différente est occupée par le
dialecte de Racoti, village situé dans la partie extrème au sud-ouest de la
région étudiée, qui présente une grande ressemblance avec les dialectes à
l’est de Craiova.
La plus grande partie de la brochure est consacrée à l’étude des voyelles
(pg. 6—68). Malheureusement l’auteur a abordé l’étude des voyelles rou-
maines avec le Lehrbuch der Phonetik de Jespersen, qui est sans doute un
éminent phonétiste, mais qui se place uniquement du point de vue de la
langue anglaise et des langues du nord. Gamillscheg se figure donc que
les voyelles roumaines sont articulées avec la partie antérieure, moyenne
et postérieure de la làngue vers la partie correspondante du palais (cf. spé-
cialement pg. 6—7, 18 No. 9, 29 No. 10), ce qui est absolument faux. Les
voyelles roumaines sont articulées uniquement avec la partie postérieure de
la langue vers les différentes parties du palais. De la mème manière sont
articulées aussi les voyelles allemandes, comme l'a déjà remarqué depuis long-
femps Bremer, Deutsche Phonetik.
«fi et i se contractent en i dans strin «étranger» < strimi» (13, No. 6). —
Strin < striin, strein, stràin < *extraninus = extraneus.
«Si une voyelle qui finit un mot vient en contact avec une Vovelle qui
commence le mot suivant, alors, entre les deux voyelles, apparaìt quelque-
fois un son de transition: la-ii-olaltn < la olciltà. nwna-u-odatà < ninnar
odato, fi-ti-od atu <.fiì odati f (ex. cuminte)» (13, No. 7). — Mème dans la
langue commune la. olalta , écrit laolaltà, se prononce lanolaltti et odati*-
itodata, car en roumain o initial se prononce Ho ( om-uom , os-iosj; mima
est une forme populaire courante aussi en Moldavie; fi <fiì par assi-
milation.
Pg. 16 l’auteur ci te les formes dialectales du mot commun óorap (corap)
«bas pour les pieds» : corap , cirìàp, cirép pi. cirep. «Là où aujourd’hui nous
trouvons le pi. cirep , nous pouvons admettre que jadis entre c et o avant
l’accent s’est développé un i de transition. Cet i ensuite ou bien s’est ab-
sorbé de nouveau en c ou bien s’est changé en e». L’auteur admet donc que
pi. cirep < *ciorep, *ceorep, mais l’explication est la suivante : corap s’est
changé d’abord en coreap par l’épenthèse de e à proximité d’un r. cf. mr.
greas < gras; de corap on a fait un pluriel régulier *coreap, corep {ea — e, i
BIBLIOGRAFIA
223
> e—e, i, cf. lecitane > lettine), ensuite *curep, avec le changement de o
inaccentué en u , et cirep , avec le changement de cu- en a-, cf cintura et
cituni «seau à puiser» < *CIUTULA, xvrog; d’après le pi. cirep on a fait enfin
un sg. cirep .
«Pour litt. picioare (picòdre), pi. de pidor «pied» à Racoti et à Tìrgu Jiu
on dit picere ( picére ). La forme originaire en est * piceòdre , d’où ensuite
*picóare , avec le changement de la triphtongue eòa en óa , et *piceare, pi-
cere » (17). — La triphtonque éo# n’existe pas en roumain et n’est pas néces¬
saire non plus pour expliquer picere. Et.': picere < *picare, picuare, pi-
coare.
«A Topesti litt. cearsaf (carsaf) «drap de lit» < ture carsaf apparait sous
la forme cersaf {cersaf) comme cirepi < cìorepì» (17). — Cearsaf s’est
d ahord changé en cearsaf (còrsa/) avec le changement de a inaccentué en
a. et ensuite en cersaf par assimilation de à à c précédent, cf. mold. cerdac
(cerddk) «balcon» < ture cardale, ensuite ìetac Oetdk) «chambre à coucher»
< ture iatak.
Deate (ancien roum.) < dedit + stetit (45). — Deate < deade par dissi-
milation (d—d > d — t ).
Une forme remarquable est ieschie pi. teschi au lieu du litt. ascine «éclat
de bois» (65). — Cette forme se trouve aussi en Banat (Viciu, Glosar, 52)
et s’explique, comme megl. ìeripì < Hòripì = dr. òripì , par la prothèse de 2 -,
v. Pascu, Beitrage, 17.
Bulbui «rèver à haute voix» est certainement une formation récente de
bulbuc «tourbillon d’eau, bulle d’eau» (111). — Et.: = bilbìi «bégayer», ou
bien bìlbìi 4- buìgui «divaguer, délirer».
Desurda «envain, vainement» < surd «sourd» 4- degeaba «vainement*
(111). — Desurda = de-a sur da.
Gtnfa «gonfierà est certainement refait sur ìngìmfa (112). — Gìnja, at¬
testò aussi chez Pascu, Cimiliturù I 161, dérive de ginfla idem < con¬
fidare.
Cóbie «croupion de canard» (112). — Le mot se trouve aussi en Hateg
avec le sens général de «croupion» (Revista eristica literarà, III 119).
Mòcinis «farine de mais», litt. en général «repas (112). — Le mot mò-
cinis ne signifie jamais «repas», cf. Pascu, Sufixele Rominesti, 355.
Mijgura «bruiner», ind. pr. mijglira, vb. mpers. (113). — Hateg (Rev.
cr.-lit. Ili 161) mijgui, ind. pr. mijgue; tnizg «temps pluvieux».
Udi «rester» (113). — Le mot se trouve aussi en Hateg (Rev. cr.-lit.’Ili
172).
Virotic «verrat» (114). — Viciu, Glosar, 88: verótic , cf. Pascu, Sufixele,
175.
A se juca de-a popicu (114). — Hateg (Rev. cr.-lit. Ili 165).
13. H. Baric. Albanorumdnische Studiai I. Saralevo, Verlag
des Tnstituts fiir Balkanforschung. 1919. 8°, 142 pg.—
Zur lvunde der Balkanhalbinsel, Quellen und For-
schungen. Nr. 7.
Recueil d’étymologies albanaises et roumaines traitées d’une manière
superficielle.
224
CxIORGE PASCU
Quelques remarques:
Alb. bai «frère ainé» < alb. primitif *barts < *baràsct < bar-, cf. bari
«bète, bétail»; roum. bacili «maitre berger» < alb. (pg. 2). — Alb. bat «frère
ainé», roum. bacìa 1. «frère ainé», 2. «maitre bergere < bulg. baco 1. «frère
ainé», 2. «terme de politesse pour un homme plus àgé», cf. aussi roum. bade,
badìu «frère ainé» < bulg. bdtìu idem. Pour bulg. bathi, baco cf. Berneker,
Slav. et. Wb. 45—46; alb. bari < barr-, berr- «brebis» conservé dans les
langues romanes, cf. Meyer-Liibke, Roman, et. Wb. 1049, et en roumain, v.
Pascu, Beitrage, 8.
Alb. boia «gros serpent» < alb. primitif *baìa «mare, eau» 4- *ùars «ser¬
perli, reptile»; scr. blàvor, blàor, blòr «sorte de serpent», roum. balàar
«dragon» < alb. (3—5, 89 n.). — Alb. boia «gros serpent», roum. baia «ani¬
mai» < BELLUA «gros animai; bète sauvage; monstre»; scr. blàvor, blàor,
blòr «sorte de serpent» < roum. b(a)ldur «dragon»; alb. baiar «serpent
aquatique», mr. (Dal.) baiar «sorte de gros serpent» < *belluarius, -a, -um
= bellualis,-e «de bète» ; dr. baldar «dragon» < * baiar < *belluarius,
-A, -UM -f- Idar (bot.) «datura stramonium» (piante vénéneuse).
Roum. sarac «pauvre» (11) n’a rien à faire avec alb. ftar l'ima «éclat de
bois». — Et.- vsl. sìra/cii.
Roum. pochimb «poteau» (12) n’a rien à faire avec alb. dump «pointe,
aiguillon».
Roum. arda «sorte de fromage» < alb. *(Jt)ur$a = utiós < kher- «aigre»
(28 n.). — Ngr. (Aravantinós, Ipirotikón Glossàrion, 71) ov^óa, bulg. (h)iirda,
alb. atìós < roum. arda [G. Meyer, Neugriechische Studien, II 77; Miklo-
sich, Etym. Worterbuch der slavischen Sprachen, 372; G. Meyer, Etvm.
Wòrterbuch der albanesischen Sprache, 455] < thrace *URiDA, cf. agr. dvoóg ,
ÒQÓg «petit lait, lait aigre» [A. Philippide]. ,
Alb. lumake «éruption des arbres» < maka «colle forte, mastic» (48). —
Alb. lumake, ngr. Epirus (Aravantinós, Ipirotikón Glossàrion, 58) Xoi^udxca
pi. «branches, rameaux» < mr. {d)lumache «branche, rameau» < *RAMACA =
RAMA, RAMUS «branche, rameau». s
Alb. magala «cóteau» < garmile «motte de terre, d’herbe» < + gala-,
cf. slave mo-gyla > gomyla, gornila «tumulus» (51—52). — Alb. magala
dr. magarti < thrace *MAGULA.
Alb. magar «àne» < alb. primitif *garest, cf. garis «braire» (54). — Alb.
bulg. magar, dr. magar, mr. y amar e < ngr. youdoi. Pour ngr. a < o cf.
ngr. dial. manastiri < monastiri, d’où bulg. manastir, roum. mona stir e
«monastère», cf. aussi Foy, Lautsystem der griechischen Vulgàrsprache,
102-103.
Alb. psak fmt «village» < alb. primitif *based < scd-, cf. lat. sedeo
(76). — Et.: FOSSAtum, d’où aussi roum. sat, ancien fsat.
Roum. sta pia «maitre» < *IST0PANUS, *hospitanus < hospes (93—94). —
Et.: thrace *stapanus < stap-, sta-, cf. lat. stare, aind. sthapaìami, sia-
pana- «placement», sthapali «lieutenant, vicaire, gouverneur (d’une pro¬
vince)», alb. stapi «maison». Aslov. stopanu, bulg. stopdnùn), dial. stu-
pan{in), srb. stópan < roum.; alb. slopdn «maitre berger» < slave.
Alb. unirgli «sombre, noir» < mrg-, cf. alb. rmerguld, mìegaia «brouil-
lard» (105); — alb. maga «crépuscule» < mogli-, cf. agr. àyì.vg «obscurité,
ténèbres, brouillard» (104). — Alb. murgu < roum. murg «noir, sombre» <
BIBLIOGRAFIA
225
*moricus = morulus; alb. mugli «crépuscule» < roum. amurg idem <
murg; alb. miergulti , miegulti , roum. negarti «brouillard» < *negula =
MEBULA.
Le mot girsi (32) n’existe pas en roumain. Seul le mr. possède ghhistti
«coup de main sur la nuque».
14. Paul Haas. Assosiative Erscheimmgen in (lev Bildnng
des Verbalstanunes ini Rumdnischen. Jahresbericht des
Instituts fiir rumanische Sprache zu Leipzig, 21—25
(1919) 1-59.
L auteur s’est proposé d’étudier les changements des voyelles du radicai
des verbes produits par l’analogie, par exemple: ìnfì't au lieu de *infat <
fatti < fa cl\, caget au lieu de *coaget < COGITO, vtirs au lieu de *vìers <
VERSO.
C’est certes une question intéressante, mais malheureusement les con-
naissances de l’auteur sur le roumain sont bien insuffisantes.
Ainsi pg. 7 l’auteur cite «adap — adepti — adapa — valaque sa adape —
moldave sa adape < A da QUO; adap est plus usuel». D’abord la forme la
plus usuelle est adtip, non adap, ensuite l’indicatif présent adepì n'existe
pas. Le Dictionnaire de l’Académie cite 2 exemples pour le conjonctif sti
ad epe, dont un n'est pas probant, puisqu’il est demandò par la rime: «mur-
gule cu coama lata, n-are cine sti te-adepe, tu, murgule, mori de sete», et
le deuxième, pris de Sbiera Po vesti (Bucovina), doit ètre contrólé («s^-si
adepe vitele»).
Toujours pg. 7. «Aràt — areici — arata — sti avete et arate» — arati, sti
artite; «distram — distremì — distramà, intràm — intremì — intramà» —
distintimi , infranti; «ingràs — Ingres }—ingrasà» —ingrtisì ou ingras}\ «sàr
— seri — sarti, sti sare» — sari, sare, sti sarti ou sti sae.
Pg 15. «Turbez à coté de turbtiz, rapez < RAPio à cóté de raptiz». —
Turbtiz, rapez, raptiz n’existent pas en roumain (on dit plus souvent turb).
Le nombre de pareilles erreurs est considérable.
L’auteur cite Mussafia, Zur rumànischen Vokalisation (186% et Alimànescu,
Essai sur le vocalisme roumain (que personne n’a pris au sérieux) au lieu
de Lambrior (Carte de Cetire), H. Tiktin et A. Philippide.
15. G. Weigand. Die aromunischen Ortsnamen ini Pindns-
gebiet. Jahresbericht des Instituts fiir rumanische Sprache
zu Leipzig, 21—25 (1919) 60-64, 174-180.
L'auteur énumère les localités du Pinde habitées par les Macédo-Roumains
et il essaie de donner l’étymologie de ces noms de localités.
Turici (61) se trouve aussi en Roumanie (nom d’un arrondissement du
département de Jasi).
Btihisa (62) < * bina re < bulg. baia «user de sortilège, exorciser, exercer
la magie, dire la bonne a venture ; btiìasa = bulg. baule ka «exorciseuse,
sorciére, magicienne; diseuse de bonne aventure».
Glidzaò'es pour ngr. Chlidzaò'es, Chilidzch'ies, formation néogrecque de
yihùlu «il a un troupeau de milliers de tètes» (cfr. Hepites, Dict. grec.-frant;.); —
Archivimi Romanicum. — Voi. Vi. — 1922. 15
226
GIORGE PASCU
-àófg est un suffixe qui forme le pluriel; le sens du mot est donc «possesseur
de grands troupeaux» (174). — Et.: cf. ngr. yllvrCa «giu, mucosité», ytevr^ià^hy
» de venir gluant».
Culuflean <C cotofana (dr.) «pie» (175). — Et.: ngr. xovtCós «boiteux», dans
les compositions «écourté, mutilé» + TCóqhov «coque, écorce»?
Karpenision (177). — Et.: carpente (dr.) «charmaie».
Mósli (179). — Et.: Moasli «les vieilles femmes» < moasà «vieille femme».
Tricdla < bulg. tcirkólo «cercle» (179). — Et.: treì «trois» + cale «chemin.
route», cfr. ngr. tqi'oòos, iqióóiov, tqioóicc , tqCotqutov , lat. triviam «carrefour».
16. Walter Domaschke. Der lateinische Wortschatz des Ru-
mànischen. Jahresbericht des Instituts fur rumanische
Sprache zu Leipzig, 21—25 (1919) 65—173.
Un tableau des éléments latins du roumain classés d’après le sens et basé
seulement sur le Dictionnaire de Puscariu (1905), qui n’est qu’une réimpression
du Dictionnaire de Cihac (1870) avec des manques et des erreurs nombreuses,
v. A. Philippide, Zeitschrift fiir roman. Phil.31 (1907) 282—286, et Specialistul
Romm, Iasi 1907, pg. 59, Ovid Densusianu, Viata Nouà, 3 (1907) 114—118,
125-132. ?
17. Giorge Pascu. Gligorie Ureaclie . Izvoarele lui Ureache,
Interpolante lui Simion Dascalul si Textul lui Ureache.
Studiu de istorie literarà. Iasi, Editura autorului,'1920.
8° 42 pg.
Je reprends l’examen des questions que pose le texte de la chronique
moldave d’Ureache et la documentation du chroniqueur. Mes conclusions
s’opposent nettement à celles qu’avait présentées en 1908 Giurescu dans ses
Noni Contribntiuni la studiai cronicilor nioldovene: 1°. La source prin¬
cipale d’Ureache est une chronique de Moldavie, anonyme, écrite en slavon
et peu différente de la chronique slavone publiée par I. Bogdan sous le titre
Letopisàtul lui Azarie \ ses sources accessoires sont une chronique de Moldavie,
anonyme, écrite en polonais et qui utilisait Bielski et d’autres historiens
polonais, puis une chronique écrite en latin. — 2°. La chronique d’Ureache
nous est parvenue dans de nombreux manuscrits qui tous dérivent d’une
copie défectueuse et interpolée par un certain Simion Dascalul \ la critique
de la tradition manuscrite et l’étude de la langue permettent de dégager de
ces interpolations le véritable texte d’Ureache.
18. Ovid Densusianu. Literatura Romina Moderna I . Bucuresti
1920. 8°. 188 pg.
L’école latiniste (depuis 1780): Samuil Micu, Ghiorghe Sincai, Petru
Maior; D. Tichindeal. — Les débuts de la littérature poétique: Ienache
Vàcarescu, Alecu Vàcàrescu, Neculai Vàcàrescu, I. Budai Deleanu, V. Aaron,
I. Barac. — Les derniers chroniqueurs. — Les nouvelles directions en
Munténie et en Moldavie: Gh. Lazàr, Gh. Asachi.
BIBLIOGRAFIA
227
C’est le cours professe par l’auteur à la Faculté des Lettres de Bucarest
il y a vingt ans. «Le fond et le pian sont les mémes, et si pour certains
détails je n’ai pas tenu compte des études parues dernièrement, c’est que
fai voulu conserver le manuscrit tei qu’il était».
19. W. Meyer-Liibke. Romanisches etymologisches Wórterbuch.
Lieferung 9 (taberna-volare), 10 (volaticus -swartsel,
Wortverzeichnisse), 11—14 (Wortverzeichnisse, Ver-
besserungen, Nachwort). Heidelberg, Winter. 1916—1920.
8°, pg. 641-1092.
Nous signalons ici ce dictionnaire seulement pour sa partie roumaine.
Pour TABERNA - gwartsel v. ce que nous avons déjà dit pour a-taberna,
Beitràge, 5—13.
Obligé de garder le cadre adopté, lauteur n’a pas tenu compte des re-
marques faites pendant Fapparition des fascicules par ses récenseurs (v. la
liste pg. 735), mais, arrivò au bout de son travail, il avoue qu’il eùt fallu
recommencer.
La deuxième édition, absolument indispensable, devra ètre, à notre avis,
une refonte complète du livre: Les mots devront ètre classés d’après leur
origine (éléments latins, celtes, germaniques, arabes, etc.) et groupés par
fami Ile s étymologiques (ex. ARARE, ARATUS, ARATRUM, ARATORIUs, ad A RARE).
20. Leo Spitzer. Rum. porumb «Mais». Zeitschrift fiir ro-
manische Philologie XL (1919) 108—109, Heft 1 (aus-
gegeben den 7. August 1919).
H. Tiktin. Zu rum. porumb «i/a/s». Ibidem XL (1920)
713—715, Heft 6 (ausgegeben den 31. Dezember 1920).
Spitzer: porumb «mais» < porumb «pigeon blanc».
Tiktin: Ital. Brescia colombine et span. palomites «grains de mais rótis *
qu’on mange comme friandises» sont des acceptions métaphoriques du mot
coltjmba, palumba, la métaphore étant suggérée par la forme des pigeons
et non par leur couleur, cf. les désignations roumaines cucoseì, propr. dit
«petits coqs* et fioricele, propr. dit «petites fleurs», ensuite pnpusom «mais»
< papusà «poupée ; pelotte de ficelle, paquet de feuilles de tabac ; feuilles
qui enveloppent Fépi du mais».
21. Sextil Puscariu. Locul lirnbii rornine intre Unibile reni anice.
Bucuresti, Academiea Romina, 1920. 4°. 45 pg.
L’auteur reprend la question, souvent discutée, de la classification des
langues romanes et spécialement de la place de la langue roumaine parmi
les langues romanes, mais ses résultats ne diffèrent pas essentiellement de
ceux de ses prédécesseurs.
Les langues romanes forment deux groupes: le groupe d'est représenté
par le roumain et le dalmate, et le groupe d’ouest représenté par le rhéto-
15*
228
GIORGE PASCU
roman, l’italien, le sarde, le provenga!, le fran^ais, l’espagnol et le
portugais.
Les ressemblances constatées entre le roumain et l’italien et le sarde
présupposent, selon lauteur, un substratum commun. Entre la langue
roumaine et les autres langues romanes les différences dans la phonologie.
dans la morphologie et surtout dans le lexique sont remarquables. Ainsi
les langues romanes d’ouest possèdent des éléments latins qui manquent au
roumain (exemples: FALSUS, FORMA) et vice versa (ex. OVIS); mème pour les
mots latins conservés d’un bout à l’autre de la Romania le roumain possède
des sens pour lesquels les langues d’ouest emploient d’autres mots (ex. ANIMA
> inimct «àme», ouest COR).
Les éléments étrangers qui ont pénétré en roumain diffèrent de ceux des
langues d’ouest. Ainsi les langues d’ouest possèdent des éléments germains
et arabes, tandis que le roumain possède des éléments albanais, grecs movens
et modernes, turcs, magyars, sasses et surtout slaves.
Le grand nombre des éléments non latins du roumain n’altère pas le
caractère latin du roumain, parce que les mots les plus usuels sont toujours
les latins.
Une différence importante entre le roumain et les autres langues romanes,
non relevée par l’auteur, est l’existence en roumain d’éléments thraces et
grecs anciens. Pour ces derniers v. A. Philippide, Altgriechische Elemente
im Rumànischen, dans Bausteine zur romanischen Philologie, Halle 1905.
et Un Specialist romin la Lipsca, Iasi 1910, pg. 142—156; Pascu, Etimologii
Rommèsti, Iasi 1910. En ce qui concerne les éléments thraces je publierai
bientót une étude spéciale.
L’auteur ne se déclare pas en principe contre l’existence en roumain
d’éléments germaniques (pg. 38, 43 — 44). Autrefois il était nettement
contre.
En effet, dans Convorbiri Literare 39 (1905) 52—54, l’auteur disait: «Je
voudrais insister cette fois-ci surtout sur ce point. Un des traits caracté-
ristiques de la langue roumaine par rapport aux autres langues romanes
est Vabsence totale d’éléments germaniques, ce qui prouve que les cir-
constances historiques ont séparé les Roumains du reste de la Romania
avant que les relations entre les Roumains et les Germains devinssent
tellement étroites qu’elles puissent produire des influences réciproques.
J’insiste sur ce fait souvent relevé, puisque ces derniers temps un distingué
germaniste, R. Loewe, dans son article Altgermanische Elemente der Balkan-
sprachen, inséré dans Zeitschrift fiir vergleichende Sprachforschung, 1904.
pg. 265—334, a cru pouvoir découvrir des éléments germains anciens en
roumain. Mais cet article est dépourvu de toute valeur, car Loewe, possé-
dant très peu de connaissances sur le roumain, commet des fautes propres
à un dilettante. Le manque total d’éléments germains anciens en
roumain est tellement remarquable que, par une déduction logique,
notes pouvons affirmer que toutes les fois qu’un mot se trouve simultané-
ment dans les autres langues romanes et en roumain, son origine ne
peut pas étre germaine»
J’ai combattu cette idée précon^ue lors mème de son apparition dans
Arhiva 16 (1905) 190—195, et mon opinion contraire a eu le mérite
BIBLIOGRAFIA
229
d ébranler l’intransigeance de Puscariu, mais Puscariu, prèt à citer dans
ses notes n’importe quelle bagatelle, passe sous silence mon article, cornine
si rien n'était arrivé. '
Puscariu reconnait à présent que roum. (dr. et mr.) faro «famille» est le
langobarde far a , mais il affirme, sans raison, qu’il est introduit par les
Slaves (bulg. fava ), ou par les Albanais (alb. fava), ou par les Grecs
(ngr. 7 «(>«).
Les mots farà, pungo «bourse», mr. falcare «plusieurs familles et trou-
peaux qui se trouvent sous la dépendance d’un celnic = propriétaire de
troupeaux» [Pascu, Etimologii Rommesti, 54] sont introduits directement des
langues germaniques. V. aussi A. Philippide, Un Specialist romin la Lipsca,
147-148.
La relation que l’auteur veut établir entre le rhotacisme roumain et le
rhotacisme albanais (pg. 27) n’existe pas.
Des étymologies proposées autrefois par l’auteur et maintenues dans cette
brochure, comm e firetic «furieux» < phreneticus (pg. 17), retesa «couper
le bout d’un objet» < *RAECEDIARE , apparaissent à présent comme des
bizarreries, v. Pascu, Beitràge, 11, 12.
22. Al. Rosetti. Colindele religioase la Romìni. Bucuresti 1920.
4°. 80 pg. — Extrait des Annales de l’Académie
Roumaine, sér. II, voi. 40, Les Mémoires de la section
littéraire.
Les colindes sont «les noéls qu’on chante en allant de maison en maison
la veille du Noél». Elles sont de deux sortes: religieuses et sociales. Les
premières représentent la coutume paienne du culte du soleil dans la forme
du mithracisme, culte adopté par les Romains, et les Saturnalia et festimi
Calendarum des Romains.
Les colindes religieuses sont d’origine littéraire: du Nouveau Testament,
de la Vie des Saints, des apocryphes, des apocalypses. Elles décrivent la
naissance, la vie et la mort de Jésus Christ; la récompense des bienfaits ;
des faits de la vie des saints; l’origine du monde; motifs divers d’ordre
psvchologique, — en tout 27 types.
Le mot colindo est l’ancien slave koleda < calendae, le refrain haìléruì
Doamne < halleluiah domine (étymologies déjà connues).
On voit bien que l’auteur est un commen^ant mal guidé: explications
naives, verbiage, nombreuses citations superflues. Les quatre-vingts pages
peuvent bien se réduire de plus de la moitié.
Le mot jidov géant*, confondu avec jidov «juif», est d’origine slave:
bulg. Hd «géant, colosse», d’où aussi mr. jùdav «informe, imparfait, laid»
[Pascu, Sufixele RomTnesti, 282, 289].
Le mot lar de «sede si lar pàcurar», «sus pe plaiul muntelui sint trei
lari pàcurari» (pg. 28 note 1 ) est le fragment final du mot specular, pocurar.
De nombreux exemples ont été donnés dans mon livre Despre Cimilituri.
Bolindet «verge portée par un chanteur de noél» (pg. 20, note 1) < colindet
idem -f bot «verge».
230
GIORGE PASCU
23. lorgu lordan. Diftongarea lui e si o accentuati in positiile
à, e. Iasi, Viata Romfneascà, 1920. 8°. 352 pg.
Après une recherche minutieuse basée sur un riche matériel propre surtout
concernant les noms propres de famille et de localités et sur tout ce qu’on
avait écrit auparavant sur le mème sujet, l’auteur aboutit aux conclusions
suivantes :
1. Dans les éléments hérités, et dans les emprunts selon une norme spéciale,
tant dans les mots que dans les formes, é en position a et e se change en
ed, et ó en od.
2. En position —a e t — ea, é et ó restent intacts.
3. è suivi de n, m 4- explosive se change en i, et ó en lì .
4. Le changement 3 est antérieur au changement 1, qui tire son originq
déjà du latin populaire.
5. Dans la langue moderne ed—e est revenu à é — e.
La cause physiologique de la diphtongaison doit ètre cherchée dans la
prononciation de é et ó qui se sont transformés en une syllabe à deux
sommets: é—«>ée — e, ó—e > óo—a, et dans la dissimilation de ée, óo en
hi, ad.
La partie originale du livre consiste surtout en des détails, qu’on ne peut
pas résumer, et en des étymologies nouvelles.
L’ouvrage, présenté comme thèse pour le doctorat à la Faculté des Lettres
de Iasi, fait honneur à l’auteur et à son professeur A. Philippide.
Quelques remarques:
Dzeae (dr. PsSch) «déesse» < dea (47). — Le mot dzeae est le vocatif de
Dzea «Dieu» et devait donc ètre discutè pg. 116. Et.: DEE.
Ace chi sir e imv), pica siri (megl.) «comprendre» <capisso — capesso(64). —
Et.: mr. achicasire, acachisire, megl. pica siri «comprendre», alb. (a)pikàs
«conjecturer, présumer, supposer» < ngr. àneixciCw «entendre, comprendre;
conjecturer; voir de loin ; ètre habile à; copier, dépeindre».
Dismarm (megl.) «se reposer» < ngr. juayatra) «faner, flétrir» (66). — Et. :
*disurnariri < dis- 4- umariri «se fatiguer» < bulg. umoridvam idem.
Spirivi (megl.) «siffler, jouer» < ngr. aqvQftoj idem (68 \ — Et.: bulg. svirìa
idem.
Zghilire (mr.) «crier» < ngr. ay.uhnLcj «devenir enragé» (69). — Et.: bulg.
vikam «crier», vikliv «criard, crieur».
Ifesleaga (dr.) «le chef des bechlis» < beidia + -edga (81). — Et.: ture, besli
agd (Saineanu, Influenza Orientala).
Balacìu (dr.) nom de localité < bulg. beai «blanc» (84). — Et.: bulg. bealac
«blanchisseur >.
Corneala (dr.) nom de localité < corni «cornouillers» + -dta, c’est-à-dire
«couvert de cornouillers» (88). — Et.: CORNETA, pi. de cornetum «lieu
planté de cornouillers», cfr. Leamna < UGNA, pg. 118 n.
Franséla, frangola, fransoalà (dr.) «pain blanc de première qualité» <
ngr. <f ottvT&'Xa idem (99). — Et.: roum.franzela, ngr. (f oavT&Xa , ture (G. Meyer,
Tiirkische Studien, I 56; Iusuf) frangela, firangela, bulg. frangéla < ital.
*franz(e)scìla «pain fran^ais», cf. Ducange franciscus panis «placentae
BIBLIOGRAFIA
231
genus*; roum. frangola, fr anso ala, ngr. (Thumb, Germanistische Abhand-
lungen fur H. Paul, 247) <y.p«rr£>ól« < ital. *frans(e)suola.
Liscuvrfi (megl.) «sorte de pierre« < srb. leskov «de coudrier», leskovat
«baguette de coudrier» (131). — Et.: bulg. ledska «schiste, roche, rocher»,
ledskov «schisteux*.
Direc (dr.) «pilier, colonne» < srb. dir eh idem (145). — Dr. mr. megl. direc,
srb. bulg. alb. direk, ngr. viupy.i < ture direk.
Hàìate (mr.) «corridor, vestibuie» < srb. haiat idem (151). — Mr. haìate,
srb. bulg. alb. haìat < ture haìat.
Toalà (dr.) «couverture ordinarne», pi. «vètements, tapis des paysans» < STOLA
«robe de toilette des dames' romaines; vètement d’homme» (190). — Et.: dr.
tot «sac», mr. ciol'u «haillon», ngr. tCovài «couverture de chevai», bulg. cut
«carpette, couverture de che vai, etc.; tapis de poil de chèvre» < ture cui
«couverture de che vai; haillon; houssq».
Cloamba (dr.) «branche»—cf. éech. klamon, russe klumba idem (204).—
Et.: cloamba, croambà < *cRumba = agr. xoovupr) [Pascu, Etimologii Romi-
nesti, 47J.
Mijoarcà (dr.) «jeu de cache-cache» < miji «se cacher» (206). — La finale
-oarca s’explique sous Tinfluence de poarcà sorte de jeu à la balle.
Pohoata (dr.) «femme de mauvaise vie», obscur (206). — Et.: *potoa/ià,
*patacà, cf. palachina.
Pulpanà (dr.) «basque, pan d’un habit» <pulpa «mollet» + -dn(a) (213). —
Et.: fr. pourpoint modifié quant à la forme ' et au sens par étymologie
populaire avec pulpa.
Viroaga (dr.) «lit d’un ruisseau séché» < vbulg. vini «vortex, piscina» (218).
— Et.: bulg. vir 1. «endroit profond dans l’eau», 2. «ruisseau», d’où (Tran-
silvania, 1915, pg. 41) vir 1 + - odga sous l’influence de vuloagà (mr.) «pré,
prairie».
Vuloagà (mr.) «pré, prairie», obscur (218). — Et.: bulg. valog «endroit
creux, vallèe; lit d’une rivière», d’où aussi dr. (Noua Revistà Romina 2 , 8
(1910) 88) vàìugii, vaiala.
Tiva—gódea (megl.) «quoi que ce soit, n’importe quoi» — mr. goadà «coup»,
agudire «frapper» (249). — Et.: bulg. gódea, cf. kdvko—gódea = megl.
tiva—gódea .
Dracilà (dr.) (bot.) «lampourde épineuse» < thrace drocila «ntvTiofwUov»
(254). — Et.: asl. draci «épine, buisson épineux, buissons», bulg. draka
«broussailles, buisson, ronce», drd ,r ka «broussailles» d’où aussi ngr. tigàronov
«fruit d’aubépine», dnaranià «aubépine, épine - vinette» [G. Meyer, Neu-
griechische Studien, II 26].
Toader (dr.) «Théodore» <C asrb. Todor (277). — Et.: lat.-pop. (Inscriptions)
TODERUS.
Cartoapi (megl.) s. f. pi. (bot.) «boule de neige» < cartoafà (dr.) «pomme
de terre» (278). — Et.: ture kar-topu idem, d’où aussi bulg. kar-top.
Andupirare (mr.) «étayer, étrésillonner, appuyer» < bulg. dopirarn
«toucher, confiner à» (282). — Et.: bulg. podpiram idem [Pascu, Beitràge, 9].
Castron (dr.) *soupière» < fr. casserolle (285). — Et.: = bulg. kastrón idem,
probablement d’origine romane (fr. casserolle > bulg. kastrùlia).
232
GIORGE PASCU
24. B. A. Betzinger und Rich. Kurth. Rumcinische Spvcichbriìcke .
Einfuhrungin die rumanischeSprachlehre und Herkunfts-
worterbuch. Leipzig, Holtze. 1920. 12°. 49 pg.
C’est un petit livre de vulgarisation qui n’offre rien aux spécialistes.
Etymologies peu sérieuses comme cucitila «bonnet de fourrure» < *catteula<
catta «chat», legana « bercer» < *LIGiNARE < ligare «lier», putiti «peu» <
*putixcjs < putus «enfant», sparia «effrayer» < *expariare «dépareiller»
montrent que les auteurs ne sont pas très au courant de la philologie
roumaine.
25. Giorge Pascu. Beitrdge zar Geschichtc der rumànischen
Philologie . Leipzig, en commission chez Gustav Fock.
8°. 80 pg., prix 20 lei pour la Roumanie, 15 marks
pour PAllemagne, TAutriche, La Hongrie, la Cecho-
slovaquie et la Pologne, 10 francs franqais pour les
autres pays. >
JusquVn 1916 le public Occidental était renseigné sur les progrès de la
philologie roumaine surtout par Kritischer Jahresbericht tiber die Fort-
schritte der romanischen Philologie, publié par Vollmoller. Malheureusement
la partie roumaine de cet annuaire laissait beaucoup à désirer: le nombre
des ouvrages cités était restreint et les renseignements insuffisants et souvent
mème inexacts.
Le but de cette brochure est de donner quelques exemples de la manière
dont devrait etre renseigné le public Occidental sur le mouvement philologique
en Roumanie. Les ouvrages analysés sont: 1. Meyer-Ltibke, Romanisches
etymologisches Worterbuch-, 2. Candrea et Densusianu, Dictionarul etimo¬
logie al limbii romine; 3; Meyer-Ltibke, Rumànisch, Romanisch, Albanesisch;
4. Wendkiewicz, Zur Charakteristik der rumànischen Lehnworter im West-
slavischen; 5. Caracostea, Wortgeographisches und Wortgeschichtliches vom
Standpunkte der Homonymitàt; 6. Ticàloiu, Zum rumànischen laiu; 7. Sainéan,
La Création métaphorique en fran^ais et en roman, I et II; 8. Puscariu,
Die rumànischen Diminutivsuffixe; 9. Capidan, Die nominalen Suffixe im
Aromunischen ; 10. Jokl, Studien zur albanesischen Etymologie und Wort-
bildung.
Dans les six dernières pages je rends compte de mes principaux ouvrages.
Giulio Bertoni, l’éminent directeur de l’Archivum Romanicum, ayant pris
connaissance de cette brochure, a bien voulu me faire l’honneur de me
charger de rédiger la Bibliographie Roumaine de l’Archivum.
liinLJOGRAFIA
233
Index des mots
(Les mots, dont l’étyniologie appartient à Fauteur,
sont munis dun astérisque)
Rou mai n
fulcare* 21
scripturà 10
ginfa 12
scrisoare 10
acàchisire 23
gìnfla 12
sfiriri 23
amirà 10
GlidzaJes 15 .
sfrindzel* 1
amiràiasà* 10
godea* 23
spària 24
andupirare* 23
gruiu* 2
stàpin* 13
baciu* 13
grunu* 2
stràin* 12
bade* 13
haìlerui 22
surda 12
badiu* 13
hàìate* 23
schele 8
Balaciu* 23
iaca 10
tare 10
balaur* 13
ìar(à) 10
Toader* 23
Bai sa 3
ìaschie* 12
Tricala* 15
baragladinà 3
itisela 10
Turia 15
barangà 3
jidov* 22
toalà* 23
Bàiasa 15
judav* 22
tol* 23
besleagà 23
lar* 22
udi 12
boiindet* 22
legàna 24
umàriri* 23
bulbui* 12
leucà 10
urdà 13
bul'ar* 13
liscuveti* 23
vàìalà 23
carte 10
lumache* 13
vàiugà 23
cartoapà* 23
màcinis 12
verotic 12
castron 23
magar 13
vir* 23
càciulà 24
màgurà 13
viroagà* 23
cìol'ii* 23
màrat* 7
virotic 12
clrmoaja 7
mijgui 12
vuloagà* 23
cloambà* 23
mijgura 12
zghilire* 23
cobie 12
mijoarcà 23
Latin populaire
codru* 10
mire* 10
fratre 3
colindà 22
mireasà* 10
retorna 3
Corneata* 23
mizg 12
Romania 1
croambà* 23
Cutuflean* 15
patachinà 23
picàsiri 23
torna 3
daca 10
picere* 12
Serbo-croate
dar 10
pirdalnic 10
aràniia 1
deal* 10
pociumb 13
bai àura 1
direc 23
pohoata* 23
Bai sa 3
dismàriri* 23
popic 12
Bàrbàtovti 1
dracilà 23
porumb 20
Berbatovit 1
dzeae 23
pulpanà* 23
Berbàtovo 1
farà 21
punga 21
blàor 13
findis 7
putiti 24
blàvor 13
firetic 21
reteza 21
brundzela 1
franzelà* 23
sat 13
brun^ela 1
franzolà* 23
sàrac 13
Bun 1
fsat 13
scinci 10
Bùnilo 1
234
Bunilovit 1
Bunisa 1
Bunoìevit 1
Bunosevat 1
Bunovi 1
Bunovit 1
Dimitor 1
dìo 10
do 10
Durmitor 1
fatur* 1
Fecor 1
Ficor 1
frntela 1
frzèlin* 1
grmìela* 1
grmìelita 1
Hrman* Y
Hrmaniìa* 1
hrnkas 1
Formata 1
Formatura 1
krnata 1
krnatina 1
kùrtast* 1
kiirtav 1
F} T turiti* 1
Ligati^l
Ligatit(i) 1
Lìgatov 1
L.upulovit 1
macuga 1
Magura 1
matraga 1
màtrak(a) 1
mèrdzuo 1
moruga 1
motoroga 1
motòruga* 1
mrdzela* 1
mrdzelita 1
mrkatul'a 1
mrkatuna 1
omsita 1
lilORCF. PASCU, r.IP.LlOliRAFIA
pàto 10
pùntiela 1
rnkàs 1
Romani 1
Romaniìa 1
Romanovti 1
skela 8
Smederevo 1
stopan* 13
sàso 10
sasto 10
sàto 10
Serbolovat 1
Serbula 1
skutel'ka 1
sopi 10
sopte 10
sópti 10
soti 10
sòvte 10
tura 1
verzolin* 1
zèti 10
*eti 10
Bulgare
fui* 23
deal u 10
dracì 23
dracka 23
draka 23
haraniìa 1
hurda 13
kar-top* 23
kastron 23
kastrulìa 23
magar 13
Romana 1
skelìa 8
skurteìka* 1
stopan(in)* 13
stopanù* 13
stupan(in)* 13
urda 13
R h u t è n e
d'iu 10
A1 b a n a i s
apikas 23
bari 13
bat 13
boia 13
bular* 13
fsat 13
l'umake* 13
magar 13
magulà 13
mìergulà 13
mugu 13
murgu 13
psat 13
skela 8
stàpi* 13
udos 13
Grec
yo/u ci()c 13
()\>1(T01VOV 23
Farpenision* 15
loV/Ltaxia* 13
Mosli* 15
ovnòa 13
* Pcouui ta 1
oxùla. 8
j£ovh* 23
<f {inviala* 23
q QCtVTbÒlu* 23
(f>QiyyiXi<Qi 1
Ture
Giorgi n* 1
Grangela* 23
frantela* 23
iskele 8
A11 e m a n d -H o n g r o i s
Scmendria
Gior(;k Pascu
ARCHIVUM ROMANICUM
Voi. VI. — Xr. 2. Aprile—Giugno 1922.
Mittellateinische Wortg’esehiehten.
Proben eines Ducangius theodiscus.
Schon lange beschàftigt mich ein Pian, die mlat. Latinitàt des 1. nach-
christlichen Jahrtausends auf ihre germ. Bestandteile hin zu priifen und
lexikalisch zu isolieren. Von diesem geplanten Ducangius theodiscus habe
ich an zwei verschiedenen Stellen Proben im Druck vorgelegt, und hiermit
folgt eine 3. Reihe. Die 1. Probe habe ich veroffentlicht im Jahre 1915 in
den Sitzungsberichten der Heidelberger Akademie (I), die 2. bringt das
neueste Heft der Zeitschrift ftir roman. Philologie (II), die vorliegende Probe
ist die dritte ihrer Art (III). Der Gesamtinhalt dieser drei Proben sind
Artikel tiber folgende mlat. Worte germ. Herkunft: alesila II, ballimi II,
baita IL barca III, bargwn I, bastimi IL benda IL bicarus II, bigardiluii III,
bisttna III, blaio III, blundus II, brùnus II, dirotta I, crusca II, chrustus IL
danea I, dolcits IL d ròsea li, elcus II, e xd amar e II, faldistóla IL ga-
fòr inni III, gilstrio IL hanappus III, ìtapia I, branca IL liultia III, bu-
mitius I, hùiiiscus III. husabandilus IL isca IL liha I, lisca III, ma -
bonus III, ryiariscus III, melscare I, nastulus I. nauchus III, peri-
làsium III, ramusium II, rausuin II, reipus I, rupia I, sagiboro I,
scancio I. scerpa II, soni uni I, spentimi III, sporònus III, staupus III,
strèpa 1, suini is I, lattare IL tìdolòsa IL fila II, trabititi II, ix arac io II,
wargus I, 'windica III.
barca «Schiffsboot» (ftir Hafendienst). Fruhster Beleg nach
Mommsen (Monatsber. d. preub. Akad. 1861, S. 752) Corp. Inscr.
Lat. II 13 (siidlich Portugal um 200 n. Chr.) edito barcarum certa-
mine et pugilum. — Paulinus Nolanus (geb. in Bordeaux nach 350,
tatig in Barcelona nach 390) Carm. 24, 95 ut mox salubri barca per-
fugio foret puppi superstes obrutae. — Anthol. 21, 108 nicht vor dem
3. Jahrh. (Haupt, Opusc. 1218) ancora, lembus, barca, amus. — Theo-
dosius (um 530, vielleicht aus Nordafrika nach Gildemeister) De situ
terrae sanctae 12, 143 omnes in barcas ascendunt. — Lyd. de mag.
(zwischen 550—560) 2, 14 fiàgy.ag aizàg avvi, toc dgó(.icovctg izaxguog
sv.aleoav oi fvalaiózegoi. — Isidor (gest. 636) Orig. 19, 1, 19 barca
est, quae cuncta navis commercia ad litus portat; eamque in pelago,
propter nimias undas, in navi ipsa vehi. — Aldhelm (um 685) Car¬
mina eccles. Ili 23 (MG. auct. ant. XV) S. 15 Donec barca rudi
Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 16
232
F. KLUGE
pulsabat litora rostro — De virginitate cap. 59 (S. 320) Rimosa
namque fragilis ingenii barca dirae tempestatis turbine quassata —
De virginitatis V. 2809 (S. 467) Anchora fluctivagam nunc sistat
metrica barcam. — Conversio et Passio Afrae (MG. Ss. rer. Merov. Ili)
S. 63 Stabant autem iuxta ripam fluminis Digna et Eumenia et Eu-
prepia, quae fuerunt ancillae eius et simul que fuerunt in peccato et
tinnii a sancto Narcisso episcopo baptizatae, quae rogaverunt discen-
dentes de barcha (Var. barca barga), ut se illue transferrent. — Notae
Tir. 110 ; 13 barca barcula barcella. — Liber Monstrorum (ed. Haupt)
9. Jahrh. (Ind. lect. Berol. 1863) S. 12 ferunt monstrum aliut in quodam
loco iuxta Oceanum fuisse, quod ut barcam adlabi undis de litora
cernebat. — Nach Goetz, Thes. Gloss. unter barca ein haufiges Glossen-
wort z. B. Corp. Gloss. Lat. II 521 b barca scafos — III 205 a scafi
barca — V 347 a, 401 a barca navis (auch V 216 a) — V 635 b
lembus barca. Vgl. auch Aelfrics Glossar (um 1000) barca flotscip
Wright, Voc. I 181, 287 b und Summarium Henrici (11. Jahrh.) barca
flozscif Ahd. GL IH 216b (auch III 163 b). Mit Unrecht hat W. Wacker-
nagel ZfdA. 9, 573 germ. Ursprung angenommen : im Deutschen zeigt
sich Barke erst mit dem Rolandslied 1130, haufiger erst in der 2. Halfte
des 12. Jahrhs. ; im Engl. tritt bark erst im 15. Jahrh. auf. Auch
kelt. Ursprung ist nicht wahrscheinlich '(Thurneysen, Keltoroman.
S. 43). Nach Diez I 42 Grundwort agypt.-griech. ftàgig; vgl. auch
Bucheler, Rhein. Museum 42, 583 f. Aber nichts deutet in den alteren
Belegen auf die ostliche Halfte des Mittellandischen Meeres; der
Ursprung des Wortes mufi wohl auf der iberischen Halbinsel gesucht
werden.
bigardinm «Einhegung, Einfriedigung»! Endlichers Glossar De
nominibus Gallicis 10 (MG. auct. ant. IX 1) S. 613 caio breialo sive
bigardio (= Kuhns Zeitschr. 32, 238). Wortbildung des Typus lat.
aequinoctium biennium proverbium = got. andanahti atafmi anda-
waùrdi: zu got. gards M. «Haus, Hof» mit der Vorsilbe bi- «um,
herum». Nach Form und Inhalt vgl. man hess. Bitze «Baumgarten»
aus mhd. (hess.) biziune N. «eingezàuntes Grundstuck», avozu die
Tradit. Fuld. ein Fem. bizuna (unam bizunam) haben; vgl. mhd.
beziunen «umzaunen». S. auch das DWb. unter Bitze.
bizuna s. unter bigardinm.
blaio «grobes Leintuch;> (anord. blaeja «Bettdecke») in einer
langob. Urkunde vom Jahre 861 bei Bruckner, Sprache d. Langob.
S. 135 Similiter volo ut deveniat in ipsos rogàtores meos angos duos,
balcio uno, farsele argenteo uno, sperones argenteos duos, beramo
auro uno, curtina una, spata una, codare argentea una, busele argentea
MITTELLA.TE1N1SCHE WORTGESCHICHTEN
233
una, facitergio uno, blaiones duos usw. — Eins mit friaul. bléon «Lein-
tuch» nach Pellis ? Elementi germanici; vgl. Jud, A.S.N.S. Wohl ver-
wandt mit friihnhd. Blege Bleige DWb., woflir Alemannia 9, 57 und
14, 101, 102 Belege stehen.
gaforium «Gelegenheit»: Reichen. Gl. 1846 (= Foerster, Afrz.
Ubungsb. S. 15, 607) oportunitatem gaforium — 308 a (=._ Foerster
S. 21, 875) conpendium gaforium. Entlehnt afrz. jafuer «bequemes
Leben» (Romania 21, 293). Identisch mit asachs. gifòri N. — ahd.
gifuori N. «passende Gelegenheit, Nutzen, Vorteil»; alteste ahd. Laut-
form gafóri in der Glosse kafori conpendiun Ahd. Gl. I 77, 25 (Gl
R. um 750), das Neutr. ein gifuori Akk. da^ gifuori Otfr. II 14, 44.
V 23, 127. Vgl. Diez, Altroman. Glossare S. 32 «in einer Urkunde
aus Aquileja vom Jahre 1027 sieht man gaforium in Gesellschaft von
fodrum: per fodrum aut per ullum gaforium «Fourage oder irgend-
eine Nutung (Lieferung)»'.
hanap pus «Trinkgeschirr, Trinkgefafì» = asachs. hnap Nom
Plur. hnappos M. «Napf»: Corp. Gloss. Lat. V 583, 8 (9. Jahrh.)
anaphus vas vinarium quod rustici appellant hanappum per duo pp
rectius autem scribitur per unum p et h anaphus sicut triumphus greci
enim dicunt illud anaphos ed ymnoforos — V 564, 48 (10. Jahrh.)
cratera vas vinaria quod et galleta anappum sclalam. — Literatur-
belege: Gedicht an Hildebert in Corvey 9. Jahrh. (MG. Poetae lat.
aevi Carol. Ili) S. 327 hanappum pariter impositumque super. —
Angilbert gest. 814 De ecclesia Centulensi libellus cap. 3 (MG. Pertz SS.
XV) S. 177 hanappi argentei superaurati XIII. — Gesta abbat. Fonta-
nell. (= vita Ansegisi ASS. Juli V 94) a. 850 cap. 15 (MG. Pertz SS.
II) S. 290 hanapas argenteos deauratos duos — S. 295 hanappum
argenteum optimo opere factum habentem limaces aureos quatuor in
fundo exterius sibi annexos (u. òft. in Kircheninventaren). — In den
Kasseler Glossen des 8. Jahrhs. (Ahd. Gl. Ili 11, 22 = Foerster,
Afrz. Ubungsb. S. 42, 130) wird lat. hanap durch ahd. hnapf glossiert
(lat. hanap auch Ahd. Gl. IV 198, 24?). — Hierher die kornische GL
hanapus hanaf Zeufì-Ebel, Gramm. Celt. 2 S. 1080. — Variante hinna-
phus Ahd. Gl. Ili 642, 58 und ncippus nappa III 642, 20; die
Variante napp^ auch Ahd. Gl. I 338, 40; II 595, 1; III 643, 9, 25. —
Dazu Eckehart um 930 Waltharius V. 308 nappam arte peractam
ordine sculpturae referentem gesta priorum = Chronic. Novaliciense
zwischen 1014—1050? (MG. Pertz SS. VII) S. 89 Qui simul in verbo
nappam dedit arte peractam, gestam referentem priorum ordinem
sculture ipsius. — Regestum Volaterranum (Regesta Chartarum Italiae I)
a. 1028 S. 42 Raineri et Fraolmi fecerunt Uuidi launehilde merito
16*
234
F. KLUGE
nappo uno de argiento prò investitura seo perdonatione. — Regestum
Lucense (Regesta Chartarum Italiae VI) a. 1030 S. 46 nappo uno de
argento prò ipsa sua investituram. — Die gelehrte Schreibung anaphus
noch in der Glosse anaphus hnaep (angls.) Aelfrics Glossar ed. Zupitza
S. 316, 1 (Wright-Wiilcker Voc. I 329, 20); vgl. noch Ex sermone
de adventu SS. Wandregisili, Ansberti et Wolframni ll.Jahrh. (MG.
Pertz SS. XV) S. 628 Haec vero sunt quae de sancti Ansberti habemus
reliquiis : tunicam eius et partem ipsius casubulae, marsupium vero et
anaphum seu pyxidem atque cultelios. — Dazu èine Variante hanniba:
Wolfhard um 895 Miraculis S. Waldburgis Monheim III 5 (MG.
Pertz SS. XV) S. 550 Ubi ventum est ad pauperum Christi elemosinam
partiendam, datis cibi stipendiò congruenti, dum etiam pocula sedula
ministraret, vas quod hanniba nominatur, quo mixtio agebatur, inter
manus propinantium ita exinanitum est atque subductum, ut nullus
assistentium ullo modo potuisset scire, qua liquida ratione esse per-
ditum videretur. — 2. Die roman. Entsprechungen ital. anappo nappo,
prov. enap, afrz. hanap henap stimmen nicht zu mlat. nappa, sondern
zu vulgarlat. hanappus hanappum (fur die Bedeutungsentwicklung ist
interessant afrz. hanepier «Hirnschale»). Aus dem German. vgl. ahd.
napf (8. Jahrh. hnapf) Plur. napfa M. «Napf», asachs. hnap Plur.
hnappos M. «Napf», angls. hnaep Plur. hnaeppas M. «Napf», anord.
hnappr Plur. hnappar M. «Napf» : also alle als mannìicher o-Stamm
flektierend.
h-ultia (und hultium) «Satteldecke» = frz. housse «Satteldecke»
(Diez Ile): Salomon et Marcolfus (ed. Benary in Hilkas Sammlung
mlat. Texte) S. 13 Bene sedent ad scabiosum culum hulcia porcina.
In verschiedenen Schreibungen (Graff IV 880) ein gelaufiges Glossen-
wort des 11./12. Jahrhs. z. B. ulcia huluft Ahd. Gl. Ili 640, 7 —
ulcia hulft III 162, 33 — hulcia hulft III 443, 51 — hultia hulft
III 640, 21. — Nebenform hulcitum z. B. hulcitum huluft (9./10. Jahrh.)
Ili 690, 2 — hulcitum "hulith III 682, 6 — hulcitum hulpht III 624,
20; ini Summ. Henrici ulcia vel hulcitum hulft III 216, 22 — hulcitum
i. hulft III 241, 47 — hulcitum hulst III 301. 53 — hulcitum hulft
III 318, 46 — hulcitum satilhulft III 276, 55; in Trierer Gl. des
11./12. Jahrhs. hucitra hulut (oder hulit?) IV 203, 24 — ulcitrum
hulift IV 210, 40. Hierher gehòrt auch die allerdings unklare angls.
Glosse des 11. Jahrhs. ulcea garan Wright Voc. I 332 (unter Aus-
rustungen des Pferdes). — Verwandtschaft des mlat. Glossenwortes
mit dem es glossierenden ahd. huluft hulft fuhrt auf mhd. (z. B. Nib.)
hulft «Decke» =- mndd. hulfte «Tasche fur Bogen und Pfeile» und
wohl auch frtihnndl. holster «Reisetasche». Unsicher ist. Beziehung
MITTELLATEINISCHE WORTGE^CHICHTEN
235
auf got. hulistr «Decke» und anord. hulstr «Futteral». — Etymologie
und Wortbildung kaum zu bestimmen : ahd. hulft macht den Eindruck
eines weiblichen ti-Abstraktums (zu helfen asàchs. helpen? eigentlich
«Hlilfe» ?) und wiirde auf ein mlat. *hulftis resp. jiingeres *hulftia
(daraus mlt. hultia) hinweisen miissen. Ftir Zusammenhang mit helfen
spricht eine Stelle wie Moscheroschs A la mode Kehraufi (ed. Bobertag)
S. 118 «sie sassen nicht auff Satteln, sondern ritten auff den blossen
Pferden oline einigen andern gehiilff». Anders uber frz. housse Meyer-
Liibke, Rom. Et. Wb. Nr. 3753.
huniscvs «hunnisch» in der Verbindung equus hùniscus « Wallach»,
Vegetius um 388 Mulomedicina III 6, 2 Ad bellum Huniscorum (Var.
hunescorum, hunniscorum) longe prima docetur utilitas patientiae:
laboris, frigoris, famis — III 6, 5 Huniscis (Var. hunnuscis, unicis,
hunnicis) grande et aduncum caput, extantes oculi, angustae nares usw.
(genaue Beschreibung) — III 7, 1 Aetas longaeva Persis, Huniscis
(Var. hunnicis, unniscis), Epirotis ac Siculis, brevior Hispanis ac Nu-
midis. — Auf ein hunnisches Schwert bezogen : Karl d. Gr. an Konig
Offa v. Mercien a. 796 (xMG. Epist. IV) S. 146 Vestrae quoque dilec-
tioni ad gaudium et gratiarum actiones Deo omnipotenti dirigere
studuimus unum balteum et unum gladium Huniscum et duo pallia
sirica. — Gegenuber diesen alten Zeugnissen filr ein Adj. hunisc zeigt
sich eine deutsche Entsprechung erst im 12. Jahrh. im Summ. Henrici:
balatinae (lies balanitae) hunisc drubo Ahd. Gl. Ili 91 b; vgl. ZfdA.
23, 207. Uber das Suffix vgl. -iscus. Mit den hunnischen Pferden
der Mulomedicina vgl. die eddischen marar hunlenzkir Hamdism. 11
im Bereich der got. Sage.
lisca «Riedgras» = ahd. Mesca Riedgras>; das in mlat.' Texten
noch nicht nachgewiesene Wort ist in Glossen nicht selten: 8. Jahrh.
Reichen. Gl. 450 (= Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 7, 233) carecto
lisca. — 10. Jahrh. Ahd. Gl. IV 342, 19 carex quod communiter lisca
dicitur (Leidener Prisciangl.); Corp. Gloss. Lat. V 564, 33 carectus
quod vulgo dicitur lisac (lies lisca) unde bude fiunt (auch lisa fur
lisca III 543 b?)*, Wright-Wulcker, Voc. I 135, 14 carex vel sabium
vel lisca secg. — 11. Jahrh. Corp. Gloss. Lat. V 617, 25 carectum
est locus quo lisca crescit; Wright-Wulcker, Voc. 438, 20 lisca secg. —
Deutsche Belege wohl erst seit dem II. Jahrh.: ahd. (mfrank.) papirus
lehscha Ahd. Gl. IV 330, 2; Summ. Heinr. filix lisca Ahd. Gl. III
273, 50. — 13. Jahrh. scirpus lese Ahd. Gl. Ili 388, 9 und alga lius
III 719, 51. Aus jungeren Perioden vgl. mndd. lèsch, mndl. lies(c),
mhd. liesche. Im Deutschen scheint der Tonvokal zu schwanken
' (Grdf. liska leska?); vgl. z. B. Schweiz. Idiot. Ili 1459. Fiir die
I
236 F. KLUOE
roman. Entlehnungen (ital. lisca «Halm», frz. laiche «Riedgras») setzt
Meyer-Liibke, Rom. Et. Wb. Nr. 5082 eine Grdf. liska an. Auf-
fallig eine Variante mit r-Anlaut im Angls.: juncus rise Corp. Gloss.
ed. Hessels S. 71, 530 mit den Zusammensetzungen riscthyfil Epin.
Gl. 518 und eorisc Epin. Gl. 795. Noch auffalliger die Bedeutungs-
variante'«Brotschnitte, Fleischschnitte» ; vgl. afrz. lesche nfrz. lèche
mit der Glosse lisca sniede Ahd. Gl. Ili 372, 59 (13. Jahrh.).
mahonus mit den Nebenformen mahunus manus <Mohn» in
Pflanzenglossarien des 10./11. Jahrhs. : Corp. Gloss. Lat. Ili 589, 20,
22; 610, 37; 616 a; 626, 26 (Goetz, Thes. Gloss. unter mahunus) =
frz. (normann.) mahon; verhalt sich zu ahd. maho «Mohn» wie spo-
ronus zu sporo, humolonus zu humolo, crissonus zu crisso. Eine
Nebenform magones (Plur.) im Pian des St. Galler Klostergartens a.
820 (abgebildet bei Heyne, Hausaltert. II 82). Zu der letzten Form
stimmt ahd. . mago im Summ. Henrici papaver mago Ahd. Gl. Ili
250, 23, aber zu mlat. mahonus (resp. maho) stimmt die ndd. Glosse
papaver herba quam dicimus maho Ahd. Gl. II 726, 41. Eine in
spaten Glossenhandschriften auftretende Lautform mic(h)onus resp.
mic(h)o (Corp. Gloss. Lat. Ili 568, 37; 574, 36; 584, 35; 592, 68;
614, 41 und Ahd. Gl. IV 78, 45; 227 Anm. 10) weist wohl auf eine
Vorlage mit gr. Lirjxcjv «Mohn; hin und beansprucht keine sprachliche
Bedeutung.
maviscus «Sumpf» = mndd. mersch FN. «Marsch, fruchtbare
Niederung an Ufern von Meeren und Fliissen» (angls. merisc merscM.
«Sumpf»). Dazu marisca est coenum Corp. Gloss. Lat. V 621, 20..
Belege: Testament (d. h. Schenkungsurk. MG. SS. rer. Mejrov. VII
91 Anm. 9) des hlg. Willibrord a. 726 (v. d. Bergh, Urkundenb. v.
Holl. u. Seel. I 1 Nr. 3 S. 2) Heribaldus clericus mihi condonabat et
tradidit ecclesiam aliam in pago Marsum, ubi Mosa intrat in mare,
cum appendiciis suis et mariscum unde berbices nascuntur. — Polypt.
Irm. S. 272 Aspicit ad ipsum mansum de terra arabili in valle bunu-
aria XXX, de alia terra inculta in monte bunuaria VII, de prato
aripennos Vili, de marisco XII, de sii va bunaria III. — Polypt. Rem.
(9. Jahrh.) S. 96 a Gifardus vasallus habet mansum I in Lientia, cum
vineola, ubi colligitur vini modius I; de terra arabili mappas XVII,
ubi seminantur sigili modii XVII, de marisco mappam I — Unus ex
illis habet de terra arabili mappas X; vinea mappa dimidia, ubi colli¬
gitur modius dimidius; prati mappa I, ubi colligitur foeni carrum I;
de marisco mappa dimidia. — Urk. (bei DC.) bei Mabillon II 697 cum
terra et sii va, marisco ad integrum meam partem . . . trado atque
transfundo. — Entsprechend afrz. mareis marois «Sumpf', aber die
MITTELLATE1NISCHE WORTGESCHICHTEN
237
zugehòrige roman. Sippe macht Schwierigkeit, insofern neben piemont.-
lombard. maresk «sumpfiges Land» eine mundartliche Bedeutung
«Binse» in lombard. brisk (Salvioni, Romania 31, 286) besteht. Hier-
her stellt sich die Reichen. GL Rz (8. Jahrh.) in carecto in palustro
vel in marisco, alii canalem Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 28 b = Ger¬
mania Vili 395 und dazu wieder die fruhangls. Glosse calmetum
mersc Corp. Gloss. (ed. Hessels) S. 28a. Die Schwierigkeit des Wort-
problems besteht in lat. mariscus juncus Plinius 21, 112. Ein west-
germ. marisk «Sumpfland» wàre als Ableitung zu germ. mari «Meer»
(= angls. mere M. «Sumpf») sehr wohl denkbar. Die Ableitung wie
in got. atisk = ahd. e^isk «Saatfeld» und angls. edisc «Weideland»?
Vgl. Meyer-Ltibke, Rom. Et. Wb. Nr. 5360.
1. naaclius als nóchus in der dem 10. Jahrh. angehorigen Leidener
Prisciangl. imbrex in tecto quod rustice nochs (verschrieben fiir *nochus)
dicitur Ahd. Gl. IV 342, 21 : wohl identisch mit afrz. dial. (Marne)
nok «Dachtraufe» und mhd. (Konrad Fleck) nòch Dat. nòche M.
«Ròhre» = elsàss. nòch «Dachrinne, Abzugsgraben» Martin Lienhard,
Elsass. Wb. I 754 (schon im 12. Jahrh. Gloss. Herrad. cuniculus
foramen vel canalis nòch Ahd. Gl. Ili 417, 44). In der spàtahd. Glosse
in canalibus in nohin vel drogin Ahd. Gl. I 251, 13; 318, 24 steckt
ein germ. nauh-. Zu afrz. no «Sarg» (Meyer-Liibke, Rom. Et. Wb.
Nr. 5859) stimmt mlat. nauchus «Sarg»: Lex Sai. XVII 1 Si quis
mortuum hominem, aut in naufo (Var. noffo), aut in petra, quae vasa
ex usu sarcophagi dicuntur, super alium miserit — 55, 4 Si quis
hominem mortuum super alterum in nauco (Var. naufo) aut in poteo
miserit et ei fuerit adprobatum . . . solidos XLV culp*. ind. (im An-
schlufì an diese Stelle auch in den Gesetzen Heinrichs I. von Eng-
land 1114—1118 bei Liebermann, Gesetze d. Angelsachs. I 600 Et si
quis corpus in terra vel noffo vel petra sub pyramide vel structura
qualibet positum sceleratis infamacionibus effodere vel expoliare pre¬
su mpserit, wargus habeatur).
2. naticiiv8 «Leichendecke» nach v. Helten, Beitr. 25, 476 bei
Gregor v. Tours, Liber in Gloria confess. 20 (MG. SS. rer. Merov. I)
S. 759 Cumque sacrosancta pignora palleis ac nafis exornata in ex-
celso defereremus, pervenimus ad ostium oratorii : im German. noch
nicht nachgewiesen, aber vielleicht identisch mit finn, nauha «Band,
Binde» ?
periiàsium , per(o)1àsium «Theater» im langobard. Italien;
vgl. die Vita S. Fridiani (Hs. des 11. Jahrhs.) juxta theatrum, quod
Perlascium vocatur (aus Lucca) und als friihsten Beleg in einer Ur-
kunde aus Reate a. 791 ad perelasium bei Davidsohn, Forschg. z.
238
F. KLUGE
alteren Geschichte v. Florenz S. 15, wo weitere Literatur und Belege
zu finden sind. Ein langob. Wort fiir «Bàrenkampfplatz» (zu got.-
germ. laikan «spielen, kampfen») mufìte *berolasium lauten, wenn das
2. Wortglied dem Kompositionstypus von ahd. eigi-leihhi N. «Phalanx>
als ja-Stamm entspricht. Man vergleicht schon langst die ahd. Glosse
tumulum perleih Ahd. Gl. II 336, 13 und erinnert an den Hiigel
Perlach in Augsburg und «Auf den Berlich» in Kòln, fiir das Keussen,
Topographie d. Stadt Kòln I 13, 275 Belege aus dem 12./13. Jahrh.
als Berleich beibringt. Prof. Pio Rajna in Florenz erinnert brieflich
an Lokalitàten mit dem Namen Parlasio auf Hugeln bei Pisa. In
Augst - Vindonissa bei Basel ist Barlisgrueb eine Vertiefung des
romischen Amphitheaters (Schweiz. Idiot. II 694). Vgl. auch Bac-
meister, Alemann. Wanderungen S. 130 und Bonner Jahrb. 42, 64.
spentimi «Jagdspieb» als speltum in den St. Galler Gl. (8./9. Jahrh.)
speltum telum missele Corp. Gloss. Lat. IV 284 a, sowie in den Gloss.
Vatican. (10. Jahrh.) speltum telum missile abeo quod expellitur Corp.
Gloss. Lat. V 515, 28; aber Ahd. Gl. IV 192, 1 speudum venabulum
spiezstange erst aus dem 14. Jahrh. Entsprechend afrz. espiet espieu(t),
prov. espeut(z) < Jagdspiefì». Ahd. speo; spio; «venabulum» ist Mask.
der a-Deklination (Plur. spiova Ahd. Gl. II 454, 56, 11. Jahrh.), aber
Neutr. der a-Deklination sind anord. spiót N. «Jagdspiefi» und andd.
evurspiot PI. cvenabula, lanceae» (Ahd. Gl. II 717, 19 aus dem
10. Jahrh.). Weiteres bei DC.
sporonus Sporn» zufriihst 8. Jahrh. in den Glossae Nominum :
calcar sporonus spora Corp. Gl. Lat. II 572, 21 = Gloss. Monac.
(Thomas, Miinchn. Sitzungsber. 1868 II 373) calcaria sporonos ideo
sic dicti quia in calcanes ligantur. Die mlat. Form sporonus setzt
ein unbezeugtes mlat. *sporo Gen. *sporonis = altspan. esporon vor-
aus (vgl. humlonus unter humulus I und mahonus oben gegeniiber
maho) in Ubereinstimmung mit ahd. asàchs. sporo, angls. spora,
anord. spore schw. M. «Sporn>. Belege: Testament Graf Eberhards
v. Friaul a. 863/64 (bei d’Achér) T 1675. Spicilegium XII 491) facilum
unum de auro et gemmis, balteum unum de auro et gemmis, sporones
duos de auro et gemmis — S. 492 balteos aureos cum gemmis duos,
sporones aureos duos. — Sermo Synodalis a. 1009 Nullus cum cal-
cariis quos sporones rustici vocant, et cultellis extrinsecus depen-
dentibus missam cantet. — Auffallige Nebenform, deren Wurzelvokal
durch germ. Zeugnisse nicht erhartet, aber durch ital. sperone, frz.
éperon bestatigt wird, spero Gen. speronisi Leiden. Prudentiusgl.
calcaribus speronibus (10. Jahrh.) Ahd. Gl. IV 344, 16; calcaria
dicuntur i. sperones (11. Jahrh.) Ahd. Gl. II 365, 8; Cod. Bern. 357
MITTELLATEINISCHE WORTGESCHICHTEN
239
sperones. Zufruhst in einer lat.-langob. Urkunde a. 861 sperones
argenteos (die ganze Stelle oben unter blaio). — Eine weitere
Nebenform Chronica S. Benedicti Casinens. 9. Jahrh. (MG. SS. rer.
Langob.) S. 473 baziam argenteam I, vaucas par I, in gemmis et
smaragdis spora par I saricamque sericam de silfori cum auro et
gemmis.
staupus «Becher« (= mndd. mndl. stop M. Becher») nicht selten
in spaten Glossenhandschriften : Ahd. Gl. II 623 b (10. Jahrh.) stouppum
copp ; II 727 , 3 (10. Jahrh.) sciphus parvi staupa; III 373, 55 (13. Jahrh.)
staupus stouph* III 508, 48 (11. Jahrh.) staupus stouf; III 660, 11
(13. Jahrh.) ciphus ciatus vel staupus stouf: III 718, 14 (13. Jahrh.)
staupus stouf; IV 98, 35 (12. Jahrh.) staupes stoffe. Ferner Corp.
Gloss. Lat. Ili 604 b (10. Jahrh.) quiatus tertia pars staupi. Die
Glosse stoupus ciphus certae mensurae (Goldast, Alamannicarum rerum
script. II 100) gehort noch dem 9. Jahrh. an; ihre Herkunft ist aber
nach Singer ZfdA. 36, 89 unbekannt. Belege : 1. Basler Rezept (um
800) II putdiglas, III, si plus necessarium est . . . II stauppo (lies
staupos) in uno die (Steinmeyer, Kleinere ahd. Sprachdenkm. S. 39). —
Polypt. Irm. S. 95 Pullos III, ova XV, scindolas C, de sinapi plenum
staupum. — Formulae Imperiales zwischen 828—849 (MG. Formul.)
S. 287 sinapis staupum I. — Wurttemberg. Urkundenb. I (a. 843)
S. 125 unicuique piscatori stoupus vini . . . tribuatur. — Sedulius
Scottus um 850 De graeca: stouppum kopp Ahd. Gl. II 623 b. — Giiter-
verzeichnis d. Abtei Prum a. 893 (Beyer, Mittelrhein. Urkundenb. I)
S. 155 Uxor illius soluit de vino modios X, Moras colligit quartalem I
sinapum staupum I — S. 157 sinapum staupos LVII # — S. 171
Haistolfus . . . accipit panem I et de vino staupos II mense novem¬
bri .. . accipit in prevenda panes II, carnem porrìonem I, cervisam
staupos III. — Schenkungsurk. v. Erzbischof Poppo um 1050 (Beyer I)
S. 381 Die qua deferent ’ vinum ad naves fratrum, debetur illis sua
iusticia, unicuique staupus et duobus obolata panis.
tvindica «Beinbinde» zufruhst in den Kassel. Glossen (8. Jahrh.)
uuindicas uuintinga Ahd. Gl. Ili 11, 8 (= Foerster, Afrz. Ubungsb.
S. 41, 116); dann auch Corp. Gloss. Lat. V 513, 21 (10. Jahrh.)
sarabara tibiaria uuindices vel braca. — Mlat. Nebenform wintinga in
einer lat.-langob. Urkunde v. Jahre 861 camiso uno cum wintingas
(s. die Quelle oben unter blaio). — Eine mlat. Nebenform windingus
in dem Werd. Urb. ed. Kòtzschke (Ende d. 9. Jahrhs.) S. 38 Albward
unum kottum et duos windingos (= Philipp!, Osnabruck. Urkundenb.
I 50) — II 8 a uno anno II pallia et in altero I pallium et uuindingi
scoi (Gallee, Vorstudien S. 386). Als andd. winding in den Oxford^
240
F. KLUGE
Virgilgl. (10. Jahrh.) xxxnding (lies uuunding) vitta Ahd. Gl. II 718,
34 und in der gleichen Hs. uinning fasciola Ahd. Gl. IV 245, 35.
Im Hochdeutschen aufier dem uuintinga der Kassel. Gl. noch fasciola
uuintinga (10. Jahrh.) Ahd. Gl. Ili 618, 8; auch fascia winding Ahd.
Gl. Ili 722, 36. Aus Altengland vgl. die Glossen fascia wyningc
Wright-Wiilcker, Voc. I 125, 14 und fascellas weoningas I 234, 22
(10. Jahrh.). Aus dem Roman, vgl. afrz. guinche Diez, Altroman.
Glossare S. 109.
F. Kluge.
Parole croate di origine italiana o dalmatica.
A Hugo Schuchardt.
1. àpa = «odore disaggradevole».
Sta nel dizionario di Vuk con 1’ indicazione che si usa nel Monte-
negro. Il Resetar (Der stokavische Dialekt p. 224) ha inteso apa
non soltanto nel Montenegro, ma anche a Perzagno (accanto à gupa).
Da questa parola sarà opportuno separare vapa = «vapore, esala¬
zione, alito» che è diffusa su un’ area differente (a quanto sembra, a
Ragusa e sulle isole Curzolari: v. il dizionario dello Stulli e, per
Blato — sull’ isola Curzola —, il Castrapelli nella rivista Slovinac 1880
p. 86) e pare abbia una v- etimologica. Il Resetar 1. c. cita, bensì,
da Teodo (Bocche di Cattaro) apa od sunca «ardore [afa] del sole»;
ma, per la posizione geografica, per il significato e per la forma, si
tratterà piuttosto di un incrocio tra apa «odore» e vapa «vapore»,
che non di una variante genuina di quest’ ultima parola.
Vapa ha, nel rumeno, nell’ albanese e nei dialetti dell’ Italia meri¬
dionale, dei riscontri che furono già rilevati da altri cfr. p. e. Puscariu
1855. Ma in tutte o in alcune di queste parole 1’ incontro può essere
fortuito.
Dove invece mi pare che si debba piuttosto ricorrere all’ ipotesi di
un prestito, è per apa che riproduce, semanticamente e foneticamente,
1’ abruzzese afe = «emanazione fetida» (Finamore).
2. bereticast, agg.,
probabilmente nei dintorni di Spalato, col significato di «bianco misto
con nero». (Kolombatovic: Programma della Scuola Reale di Spalato
1888—86 p. 3.) È il ven. ber din «bigio» (REW 1117) con la sosti¬
tuzione di -icast (nella funzione di -ikast v. Leskien : Gramm. der
serbqkroatischen Sprache p. 315) al suffisso venez. -in.
3. bruito 9 gen. - (da * s. m.,
a Ragusa dice «il foro, nella soglia inferiore della finestra o della
porta, per il quale esce fuori 1’ acqua ; a Stagno — bìirnó, ala —
242
GIOVANNI MAVER
«un buco, nella barca, per il quale scorre l’acqua» (Zore: Dubrovaéke
tudinke p. 5). Ritrovo la parola a Verbenico, sull’ isola Veglia, e di
nuovo in una forma leggermente differente : brumai (Zbornik za na-
rodni zivot i obicaje VII/338 1 ). Ma anche qui significa «un forellino
fatto nella colomba delle navi».
Si tratta di un termine marinaresco che può essere giunto al croato
della Dalmazia tanto da Venezia, quanto dall’ Italia meridionale. A
Venezia brunàli significa «quell’ incurvatura eh’ è fra i ginocchi e la
colomba, e per cui l’acqua può scorrere agevolmente da prua a poppa,
riunendesi nella sentina della tromba, donde si manda fuori» (Boerio).
Per 1’ Italia meridionale si veda p. e. il dizionario di Manfredonia di
L. Pascale, dove la «stella» (delle navi) è tradotta con burnalc (p. 128,.
con la metatesi di rii in ur che ritorna a Stagno). A Napoli questi
fori delle navi sono detti imbrunali e nell’ italiano «letterario» om¬
brinali 2 .
Quale sia il rapporto tra queste parole e quale 1’ origine delle stesse,,
non saprei dirlo; ma mi pare che nell’ indagine etimologica sarà
bene non perdere di vista la parola bornèu che a Marsiglia (v. Mistral)
vale «tuyau de conduite, goulot d’une fontaine» (cfr. REW. 1338).
4. gxibe e goce s. f. pi.,
pezzi di rete (della sciabica = sabaka ) dalle maglie larghe e dal filo»
alquanto grosso» (Dalmazia meridionale: Zore: O ribanju po dubro-
vaekoj okolici, Archivio di Kukuljevic X p. 356). A Poljica — la 1’’
antica repubblica al sudest di Spalato — guài è una maglia di lana
che portano gli uomini (Zbornik Vili p. 310). In questo significato,
se ricordo bene, la parola deve essere conosciuta in una gran parte
della Dalmazia.
Proviene dal veneziano guchia che «dicesi comunemente per maglia.
Lavoro fatto cogli aghi da agucchiare» (donde, naturalmente, guchia).
Lo stesso significato ci dà il Pirona per il friulano.
5. jàra s. f. = stalla.
Dell’ etimologia di questa parola si sono occupati : Budmani
(Dizionario dell’ Accademia), [Bartoli : Dalm. 11/252], Skok (ZrPh.
XXXVIII/547) e Rohlfs (Ager, area, atrium p. 41). Il primo suggerì
un avvicinamento al serbocroato àhar, hdr] dr, jar (nel Diz. Acc.
1 Non può trattarsi di un errore di stampa, perchè la parola è ripetuta
due volte.
2 Si veda, a proposito, il «Vocabolario di marina in tre lingue « [di Straticò].
PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA
243
•senza accento, perchè sene adduce un solo esempio, tratto da un
canto popolare*, ma, per P identità con le varianti citate, deve essere
jàr)\ gli altri tre vi videro invece una parola di origine dalmatica.
Con questa differenza però, che il BartolL si limitò a citare la nostra
voce, senza indicarne la precisa origine, mentre lo Skok andò più in
là e scorgendovi il latino area = aia (REVV. 626) appoggiò questa
derivazione sulP analoga evoluzione semantica che avrebbe compiuto
V ital. aiuola. Ma «aiuola» ^(-o) non ha mai avuto il significato di
«nido d’ uccelli», bensì quello di «luogo dove si tendono le reti per
pigliare uccelli» (cioè < Vogelherd» come giustamente traduce il Meyer-
Lùbke, REW. 632, e non «Vogelnest» come, erroneamente, cita lo
Skok). Ora, da questa accezione a «stalla», la via è ancora più lunga
che non lo sia dal significato primitivo di area .
Di ciò evidentemente si accorse il Rohlfs il quale, come gentilmente
mi fa sapere Y amico Spitzer, confronta il panormitano arjj «giaciglio
del bove, ripieno di paglia [nella stalla]» e aggiunge: «Se si considera
che oggi ancora in vaste regioni orientali la stalla-è sostituita
da una specie di caniccio, senza tetto, allora V identificazione [di jhra]
con area , non ci sembrerà difficile.»
Scartata P ipotesi dello Skok, occorre esaminare più dappresso quelle
avanzate dal Budmani e dal Rohlfs. La prima delle due mi pare
insostenibile : per ragioni di indole geografica (jhra, come preciserò
subito, è limitata alla costa adriatica e alle regione prossime alla costa;
mentre àhar ecc., di origine turca, è in uso proprio nelle regioni che
non conoscono jhra = stalla), semantica (aitar significa propriamente
«la rimessa per i cavalli» e da qui «corte», mentre jhra non dice
mai e in nessun luogo «stalla per i cavalli») e, forse, morfologica (il
passaggio da jàr s. m. a jhra s. f.).
Altrettanto improbabile ritengo P etimologia proposta dal Rohlfs,
ma per dimostrarlo devo prima precisare il significato di jhra. Il
Diz. Acc. si limita a citare il dizionario di Vuk, secondo il quale jhra
è «quasi un corridoio coperto, dove d' inverno sta il bestiame» e il
Nemanic (Cakavisch-kroatische Studien I. E'ortsetzung p. 19) che
traduce «stabuli genus».
Dove Vuk e Nemanic abbiano inteso la parola non è ben chiaro;
Vuk aggiunge soltanto che si usa in Dalmazia, mentre la vasta
raccolta del Nemanic attinge ai parlari del nord-est dell ? Istria, del
litorale della Croazia e dell' isola Veglia (v. introd. al 1° fase, delle
«Studien» p. 3). Che Nemanic abbia inteso jhra piuttosto sulla terra¬
ferma, anziché sull’ isola Veglia mi pare verosimile, poiché qui appunto
(almeno a Verbenico) jhra ha preso un significato differente. Celo
244
GIOVANNI MAVER
insegna Zie nel V voi. dello «Zbornik», dove, a pag. 227 (alla quale
si riferisce il Bartoli 1. c.) jara è così definita: «Vi fu un tempo
quando specialmente i poveri fabbricavano la casa di sola pietra.
Questa casa non aveva pareti, ma soltanto quattro grossi mucchi di
sassi. Internamente la intonacavano alla meno peggio e la copri¬
vano di paglia. Alle volte la casa di questa specie era chiamata jara .»
E altrove: « jara serve per il fieno» (p. 250), 'jara è proprio come
mosuna » (< man sio REW. 5311)-— alle volte si trova alla
fine della « mosuna » (cioè, per arrivarvi, bisogna altraversare la
■ mosuna ») e alle volte accanto-» (p. 251). Probabilmente nello
stesso significato adoperava — nel sec. XVII. — la mostra parola il
notaio Stasic da Verbenicco (v. «Glagolska notarska knjiga vrbntfkoga
notara Ivana Stasica» ed. curata da R. Strohal, Zagabria 1911; sta
in «Starohrvatska glagolska knjiznica I.» v. p. 203.)
Nella Poljica invece jara dice «stalla per il bestiame minuto»
(Zbornik Vili p. 217) «luogo dove stanno le capre» (ibid. p. 273).
Più al sud ritrovo la parola in quella parte dell’ Erzegovina che
è vicina alla Dalmazia. «Nei dintorni di Hum e specialmente nella
regione narentana è noto un edificio per il bestiame — jara — che
rassomiglia molto alla stalla per gli agnelli» («janjilo» v. Srpski
etnografski zbornik V/750). Nessun indizio, dunque % negli esempi
citati-, dal quale si possa dedurre che jara sia stato originariamente
un semplice steccato circondante Y aia, o un giaciglio, entro la stalla,
per il bestiame. Tutto invece fa supporre che jara sia stata, se non
una vera e propria stalla, certo un recinto coperto per proteggere il
bestiame minuto.
Vi è un' altra ragione che contraddice alP ipotesi del Rohlfs: in
Dalmazia è ben viva tuttóra la parola « aiuola » v. Bartoli 11/288 x ,
mentre di «aia>, almeno nel croato, non vi è traccia alcuna 1 2 .
Bisognerebbe ora supporre che arca, di cui non è sicura V esistenza
nemmeno nel Dalmatico, avesse modificato (dove? nel dalmatico? nel
1 Nelle forme: ària, javida, jcrula (sconosciuta al Diz. Acc. e al Bartoli,.
ma che vive tuttora a Gelsa, sull’ isola Lesina, come mi comunica il prof.
Selem e a Cittavecchia, come assicura 1* Aranza AslPh XIV p. 78) e vària
v. Nastavni Vjesnik XXIV" (1917) p. 660 ann. — Gli accenti in ària e jarnia
non sono conciliabili nè con aréola , nè con areóla. Bisogna risalire a una
forma col proparossitono e questa non può essere che * àrnia, con la sostitu¬
zione, certo antichissima, di -ula a - eola .
2 Per il vegl. Bart. 11/368 cita come esempio di ri > r area > jara ,
ma nel lessico, a pag. 189, la parola jara è seguita da un punto inter¬
rogativo*
65 i
PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA
245
croato ?) il proprio significato a tal punto che oggi riesce difficilessimo
scoprire un tenuissimo filo che la riallacci, eventualmente, a jtira ; e
che di tutta questa evoluzione semantica non ci dicessero proprio nulla
i dialetti croati della Dalmazia, pur così conservativi nel custodire il
significato delle parole latino-dalmatico-italiane.
L’ etimo che ritengo giusto era, invece, a portata di mano. Il latino
infatti conosce bara per il quale il Forcellini dà due significati. 1. por-
corum stabulum, 2. de septo in quo includuntur anserum pulii. Da
questi due significati, nonché da quello che hanno tuttora i succedanei
italiani di banda e ^barella (REW. 4063), si può arguire che bara
designasse, nel latino volgare, una casupola o un recinto coperto che
serviva da ricovero al bestiame minuto: cioè quello che è stato, pro¬
babilmente, il significato primitivo di jara .
Che bara stesso sia sopravvissuto nei dialetti neolatini, non mi par
sicuro ad onta degli esempi che il Ducange cita per ara = «étable
à cochons (v. anche bara ), nonché il milanese ara che Meyer-Liibke
(REW. 4039) vi fa risalire. Quest’ ultimo, infatti, che ha per sinonimo
aria (e soltanto così nel pavese e nel bormino v. il Diz. di G. Longa
St. R. IX.) si scosta troppo, per il suo significato («travaglio, ordigno
in cui mettonsi le bestie fastidiose e intrattabili per medicarle o ferrarle >)
da bara perchè V etimologia, sino a nuove prove, possa esser con¬
siderata definitiva.
Ma se anche bara non avesse alcun riflesso genuino nel territorio
neolatino, jara può benissimo derivarne; e non sarebbe V unico esempio
di una parola latina tramandataci soltanto .dallo slavo dell’ altra sponda.
Altri esempi, e sicuri, di tal specie, sono p. e. * inter sellium > antrcselj
(Bart. 11/287) 1 e rckcsa precessa (REW. 7113 a).
Nessuna difficolta dunque per far risalire, jara a bara con la ben
nota prostesi della E si noti che alla stessa famiglia semantica
appartiene anche il già citato mosuna , trasmesso pure al croato dal
dalmatico. \
. Non so invece come spiegare jara «piccolo buco che si fa per giuo-
care alle noci> che Kolombatovic (o. c. p. 10) deve aver inteso nei
dintorni di Spalato.
1 La voce non è soltanto della Dalmazia del Sud, 1’ Erzegovina e il
Montenegro; ma si estende anche più al nord: a Poljica — antrseljc —
(Zbornik IX p. 104); a Bukovica, distretto di Sebenico — antresaij — (ibid.
VII p. 2); alla Lika — anterselj (Lastavica: Korenicki govor, Nastavni
vjesnik XIV p. 763). Si dice anche idre* (Ljubisa: Pripovijesti p. 29).
246
GIOVANNI MAYER
6. kàruklja s. f. «un piccolo pane dalla forma del numero 8» (a
Perzagno).
Non sarebbe il caso di parlarne, se il Resetar (Der stok. Dial. p. 240)
non avesse seguito una traccia falsa, avvicinando karuklja al ven.
caroga «grande cesto dei pescatori» con cui, naturalmente, non ha
nulla che fare.
Karuklja è tutP uno con carrucola : un pane fatto a mo’ di un S
poteva ben facilmente suggerire Pidea di due carrucole, una sotto
V altra.
7 . Ita rei ac,
a Ragusa «pezzo, scampolo di qualche panno» (Zore: Tudinke p. 9)
e a Giuppana, presso Ragusa, parte della rete» (Zore: Ribanje p. 354).
«Deriva evidentemente da qualche parola italiana o neolatina, ma non
so da quale.» Così il Budmani che nel Diz. Acc. cita soltanto il
secondo esempio. Il primo invece gli avrebbe senza dubbio rivelato
V etimo che è il venez. cavcsBO «scampolo» (REW. 1637). Da kaveca ,
gen. di un *kavec(o ), seguendo lo schema: gen. oca nom. otac ecc.,
fu fatto il nuovo nominativo kàvctac (= kavetac).
8. Kònùvli gen. Kònavftlà-
E il nome di una regione («zupa») al sud-est di Ragusa, tra Suto-
rina e Ragusavecchia. In italiano si chiama Canali , e da un canale
= acquedotto che, ai tempi romani, avrebbe fornito V acqua alla città
Epidaurum (Ragusavecchia) deriverebbero, appunto, secondo V opinione
universalmente accreditata (v. Jireeek : Die Bedeutung von Ragusa
p. 4, e Budmani nel Diz. Acc.), così il nome croato, come il nome
italiano della regione. Che ciò sia giusto per Canali nessuno lo
dubiterà e vMvalrj è già documentato, nel sec. X, in Constantino
Porfirogenito 1 .
Ma canalis avrebbe dato kònao , gen. kondla e così infatti si chiama
il «canale nei dialetti croati della Dalmazia. Il Bartoli afferma
bensì che konal (= konaó) non ha «caratteri sicuri che ne distingua¬
no T origine illiro-romana dalP italiana» (Riflessi slavi ecc. p. 35)
1 Secondo il quale xaraXr] avrebbe avuto, nello slavo, un significato speciale
(= via del carro! — «v.araXr] iQjuevevtTca 777 tcjv Infittì v óiaXfxrqì àua^(a 1 ènéitìifo
dice 7 Ò Circa tot tottov hTinetìov, 7ra<lct$ ccvtÓjv óovXefecg dia (tua'^wv txTtXovrnv.
(Rarki: Documenta historiae croaticae periodum antiquam ili. p. 408; per
r accento v. anche p. 416: xavàXij.) Di questo significato nulla sanno gli altri
documenti e nulla i dialetti odierni; ma anche se Costantino Porf. avesse
ragione (le sue informazioni di ordine linguistico sono tutt’ altro che attendi¬
bili), la derivazione della parola «slava» xardir] dal latino c. non creerebbe
gravi imbarazzi.
PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA
247
e in ciò ha ragione. Ma la certezza è cosa ben rara in questioni di
cronologia lessicale, e d’ altro lato la probabilità che konao sia giunto
al croato attraverso il dalmatico è tanto grande che io non avrei
esitato a inserire questa parola fra le tante altre che figurano nel
secondo volume del «Dalmatico». E ciò per varie ragioni: a konao
subentra in alcune parti della Dalmazia kanal che, per la sua a,
si rivela senz’ altro per un prestito recente (nel Diz. Acc. mancano
esempi di kanal per cui si rimanda a konao , dove invece tutti gli
esempi citati hanno o nella prima sillaba ; ma io ricordo di aver inteso
kanal a Spalato e a Curzola, e che sia passato al croato deir Istria
celo insegna Nemanic I p. 46) ; konao è diffusa su una area abbastanza
grande ed è noto a tutta la Dalmazia, salvo le regioni nelle quali
è stato sostituito da kanal (cfr. oltre al Diz. Acc. anche Tentor: Der
cakavische Dialekt der Stadt Cherso, Archiv. f. slav. Phil. XXX
p. 153); konao , infine, è il nome di una parte di un sobborgo di
Ragusa, attraversato da un acquedotto.
D’ altro lato un esame, per quanto accurato, non riesce a scoprire
la via che conduca da Canali a Konavli .
Si potrebbe pensare, eventualmente, all’ influenza di Konavoka su
*ìkonali. Vuk cita Konaoka per Konavoka (= la donna di Canali)
e benché Budmani (Diz. Acc.) dubiti un po’ dell’ autenticità di questa
forma, non credo che ci sia un vero motivo per rifiutarla. Ora, come
da Konavoka si potè giungere a Konaoka , così, viceversa, la - v -
potrebbe essere secondaria e Konaoka la forma primitiva x ). Da
Konavoka (e a Konavoka potrei, naturalmente, aggiungere altre forme
aggettivali, dove la stessa evoluzione fonetica non sarebbe impossibile)
la -v- si sarebbe intrusa anche lì, dove sarebbe stata affatto irrazionale
dal punto di vista fonetico.
L’ influenza del nome degli abitanti di un luogo sul nome del luogo
stesso non costituirebbe un fenomeno del tutto isolato e, pertanto,
non sarà da questo punto che dovranno muovere le obbiezioni
contro questa ipotesi che avanzo per puro debito di concienza. Ma
fra le varie obbiezioni possibili scelgo due che la scartano irrimedia¬
bilmente.
La prima si basa sul fatto che la v di Konavli è ben salda, sin da
quando, nei documenti serbocroati, appare il nome di questa regione:
cioè sin dal sec. XIV. Mentre, invece, a Ragusa e dintorni comin¬
ciano appena allora le prime prove del dileguo di l finale di sillaba.
1 E Konaoka potrebbe essere senz’ altro un derivato di konao.
Arehivum Romanicum. — Voi. VI. — 1922.
17
248
GIOVANNI MAVER
La via : *konal-ka > konaoka > konavoka > konavli è dunque crono¬
logicamente impossibile (v. per la cronologia del -/ > -u > [- o ] Leskien :
Grammatik der serbokroat. Sprache p. 111).
La seconda obbiezione riguarda Y esistenza di */tonavi- non già
come nome di luogo, ma come nome comune, nella Rjecka Nahija del
Montenegro. La parola mi è data, a due riprese, da un profondo
conoscitore di quella ragipne, A. Jovicevic. Una volta nello Zbornik
XXIII p. 152—3. «Ako je dolina lokvasta, te se preko zime na noj
kupi voda, na noj ustaje i lezi, to se preko ne iskopa bota 1 2 (konavol),
kako ce nom voda otjecati iz doline» (se una «dolina» è pantanosa e
vi si raccoglie, durante V inverno, dell' acqua che vi si ferma e giace,
allora si scava sopra la stessa una bota - konavol, attraverso la quale
r acqua potrà scorrere dalla «dolina»). Un 7 altra volta nel Srpski
etn. zbornik XV p. 434, ove dice che «innanzi al villagio è scavato
un konavol ».
Foneticamente e semanticamente questa parola concorda così bene
col lat. canabala «canale per disseccare i campi» che non può non
esserne la derivazione. E al serbocroato (con la sola modificazione
del genere) sarà giunta per il tramite del dalmatico, poiché canna-
buia non ha alcun riflesso nei dialetti italiani. Anzi mi pare che in
generale le lingue neolatine non ne serbino alcuna traccia. I due
esempi del REW. 1566 a) saranno da spiegarsi diversamente, e la
difficoltà di ricondurli a canabula non era sfuggita al Meyer-Ltibke.
Il frane, chanolc , come già ebbe a dire il Nigra (ZrPh. XXVII/129—30),
sarà da mandarsi assieme al sinonimo venez. kanaula (< *cannabula -)
e il prov. cartolo «acquedotto» dovrà pur risalire a canalis .
Konavol aumenta dunque la serie degli esempi citati a proposito
di jara .
Con konaval andrà, naturalmente, Konavli 3 , ad onta del significato
un po' differente (sempre ammettendo che i Konavli abbiano il loro nome
da un acquedotto 4 * * ) e nonostante la presenza di Canale o Canali
1 bota < volta .
2 La derivazione da canabula è difficile anche dal lato fonetico; si aspette¬
rebbe piuttosto * chenole .
3 Perchè il plur. konavli e non * konaval non è ben chiaro, ma il plur.
sarà dovuto a motivi di ordine geografico.
4 Sulla possibilità di una coesistenza sinonimica di canalis e canabula
vedi Forcellini; ma ciò che ivi è detto, non fornisce alcuna prova decisiva.
Però dal significato di canabula si poteva agevolmente giungere a quello
di canale\ d’altro lato incroci semantici tra le due parole possono essere
già avvenuti nel latino.
PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA 249
accanto al nome croato. Teoricamente, il nome croato e il nome
italiano possono essere dei tutto indipendenti P uno dall 7 altro : ma
sarà meglio supporre che a canabula , per la somiglianza formale e
semasiologica, si sia sostituito, nell 7 italiano, canale che, come celo
dimostrano il latino medievale e le lingue neolatine, ha certamente
avuto una vitalità ben più forte che non canabula presto dimenticato
nella Romania occidentale e fossilizzato nel croato dalmato-montene-
grino.
8. L'otiljati = scuotere.
È conosciuto, probabilmente, soltanto a Perzagno (Resetar: Stok.
p. 243) e a Ragusa (Budmani : Diz. Acc.). Fra i dizionari si trova in
quello dello Stulli che traduce: «dimenare, scuotere [quassare, con-
cutere, agitare, commovere] e rifl. «scuotersi, agitarsi [sese agitare,
multa agere, movere multa corpore et animo]. Budmani, 1. c., mette
kotiljati in relazione con koturati , kotrljati. Ma lo vieta, soprattutto,
il significato, perchè queste parole dicono «rotolare, ruzzolare.) e così,
con leggere varianti, tutte le parole slave derivanti da kótjo , botiti
(v. Berneker SEW. p. 591).
Si tratta invece di *excutulare (REW. 3000) e più precisamente di
un prestito recente dai dialetti subappenninici. Per i numerosissimi
riflessi di *excutulare (e - eggiare ) vedi Bart. 1/305 e specialmente
Merlo: Note di fonetica meridionale (Atti Acc. Torino XLIX p. 887
e 898). Vi ritroviamo la nostra parola tanto nel senso transitivo
quanto nel senso riflessivo. Si confrontino p. e. il cal. cuotuliare
abr. cutela «scuotere» e l 7 abr. culijd «anfanare, muoversi andando
qua e là senza costrutto».
9. maras s. m.
significa «grande coltello» a Poljica (Zbornik IX'80) e «uno stru¬
mento simile alla parte inferiore dello zappone» nei dintorni di Macarsca
(Diz. Acc., vedi per la localizzazione della parola, fornita all 7 Acc
dal Pavlinovic, il voi. VI p. 958 dello stesso Diz.). L 7 area di maras
(tnàras) è, per consequenza, limitatissima : essa abbraccia soltanto la
parte centrale della Dalmazia, al sud di Spalato, maras risale a
marasso < * marraceum (REW. 5730) e sarà giunto al croato piuttosto
dai dialetti dell 7 Italia centrale che non da Venezia, ove la parola
è sconosciuta. 11 territorio di marasso sembra essere la Lombardia
l 7 Emilia e la Toscana (e le Marche?): boi. marasàtt «coltello grosso,
adoperato dai macellai»; parm. maràzz «mannaia»; piac. e parm.
marasca «roncone, pennato, segolo» ; tose, marrancio » ecc.
17
250
GIOVANNI MAYER
10. maroka s. f. «un sasso grosso» (a Perzagno).
Resetar (Stok. 250) confronta morake «rovine d 1 un edificio» in uso
nel veneto di Veglia (Bart. 11/257), ma Y avvicinamento è senz’ altro
da scartarsi, quando si pensi che mar oli significa appunto «grosso
sasso, roccia,» nel trentino e nel veronese (qui marókolo e marugolo
v. Prati Agllt. XVII/286).
Come questa parola alpina (REW. 5369) sia giunta sino alle Bocche
di Cattaro non è ben chiaro. Che marok sia stata usata anche nel
veneziano?
Per una possibile diffusione della base marra anche nelP Italia
meridionale v. Merlo Mem. Ist. Lomb. XXIII 280. I dialetti subappenni¬
nici non serbano però alcuna traccia di marok = roccia.
11. pandil s. m. = gonna.
Melo segnala da Gelsa il prof. Selem e a Lombarda (isola Curzola)
V ha inteso il Kusar («Lumbaradsko narjecje», Nastavni Vjesnik
III/338) nella forma pendìi (ove V è risale a a v. ibid. p. 324). A
Poljica accanto a pandil (Zbornik VIII/326) vi è anche pandel (ibid.
p. 335). La struttura della nostre voce (un suffisso -il, -el non esiste
nel serbocrato) e la sua estensione geografica ci consigliano di rivol¬
gere lo sguardo alP Italia.
Scartiamo però i riflessi di pannellus che, pur dicendo «gonna» in
alcuni dialetti dell’ Italia centrale (alP ovest), non sono conciliabili
con pandil per ragioni geografiche e soprattutto fonetiche ( nn e ndl)
Ritengo invece che convenga risalire alla base, fald- (falda REW.
3162) e precisamente al tipo rappresentato dal sic. (soltanto siciliano?)
fandedda «gonna, gonnella» 1 . Da faldella, con lo scambio del genere
da femminile in maschile, non è difficile arrivare a pandil : /> p è
«normale» nei prestiti antichi e n per l sarà dovuto ad una dissimi- t
lazione tutP altro cha rara in simile posizione.
Per -eliti > -il (pandel sopra citato mi sembra un po’ sospetto ; e
non soltanto per il suo isolamento) sarà da tener presente che alP e
neolatina (aperta e chiusa, a quanto pare) corrisponde, ben spesso, nei
dialetti delP i («ikavski») un’ i\ non già per evoluzione fonetica, ma
per sostituzione di vocali, dovuta al numero grandissimo di parole che
alP ( i)je dei dialetti « jekavski » e alP e di quelli «ekavski» rispondono
con /.
1 Vi sono nel piem. e nei dialetti limitrofi francesi parecchie voci che
risalgono a *fald-ale e dicono «grembiule’. Ma da questa parola, per molte¬
plici ragioni, non v’ è alcuna possibilità di giungere a pandil.
PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA
251
Non mi nascondo le difficoltà che offre questa spiegazione; ma si
tratta di un fenomeno che è stato appena recentemente segnalato (dallo
Skok: Nastavni Vjesnik XV, 381) e al quale converrà, d 7 ora in poi,
rivolgere maggior attenzione.
12. pinjac s. m. = «specie di fringuello» (Diz. croato-ital. del
Parcic).
Nelle mie scorrerie linguistiche attraverso i dialetti croati della
Dalmazia ho incontrato questa parola soltanto sull 7 isola di Curzola :
a Blato, ove dice ?fringuilla caelebs» (Slovinac 1880 p. 86) e a Lom¬
barda [pinéte] «passero» (Nastavni Vjesnik III p. 338). Impossibile
separare la parola dai riflessi di *pincio(n) REW. 6509. Ma al « pin¬
cione » italiano i dialetti dalmati risponderebbero con un *pincan o
*pincun , mentre pinjac risale a un *pincio. Questo *pincio vive
nell 7 Italia meridionale, donde il Battisti gentilmente mi segnala: il
cal. sbrinati e spinga (= spincione, Accattatis) il regg. cal. spinga
(Malara); poi, accanto a pinzimi, il mess. e cat. spinga (N. d 7 Urso:
Diz. Sicil.-ital. e Nicotra: Manualetto dialettale). La parola dalmata
viene dunque ad ingrandire Y area di (s)pingu che può essere antico
e può anche essere un 7 estrazione di pinci-one (-one inteso come suffisso
aumentativo) 1 .
13. prhdjes s. m.
a Ragusa e dintorni: «la corda con la quale la nave si lega a terra».
«Questa posizione della barca si dice sfa# [starei na prudjcsu» (Zore:
Ribanje p. 325). '
La parola ricorre ancora (ma si riferisce evidentemente alla stessa
regione) nei proverbi raccolti dal Danicic (Poslovice p. 137, v. anche
il diz. di Broz-Ivekovic) ed è citata, una seconda volta, dallo Zore
nelle «Tudinke» p. 18 col significato «/rgiavr/Jiay.
Riproduce prodesc «ormeggio di cavo che lega la prua a terra o
ad una boa» (Premoli: Vocab. nomenclatore 11/702) «Quando si riferisce
ad una gomena diviene agg. per indicare quella di proda». (Tomm.-
Bell., v. anche proesi).
Da notare che in questo termine marinaresco, la parola croata di
Ragusa riflette il «letterario» prodese e non il ven . prove se che trovo,
1 Nel venez. il fringuello e il pincione sono detti pinco \ e da pinco, ove
si trattasse di un prestito antico (f>p), potrebbe derivare pinjac, sia per
sostituzione di ac a ak, sia partendo da pincic (che può essere un dim di
pin(j)ac e di *pin(j)ak). Ma è ben difficile che si tratti di un prestito
antico.
252
GIOVANNI MAVER
oltrecchè nel Premoli, nel «Vocabolario di marina» (I p. 371): «amarre
qui tient un vaisseau par le travers ou par son fianca.
14. surhìjati se = «rinfrescarsi al vento»
a Ragusa (Zore : Tudinke'p. b.); anche Stulli surinjati = sventolare.
Corrisponde all’ ital. sciorinare , ma col significato del ven. sorar
procurarsi refrigerio ecc.» (REW. 2941). Ad una derivazione dal
dalmatico non è il caso di pensare e così resta ancora da trovarsi la
base precisa cui possa risalire la nostra voce. Se il nap. sciaorejare
è proprio un *exauricare come vorrebbe il Mussafia (Beitrag p. 208) \
allora il tipo cxanr- si estenderebbe anche all’ Italia meridionale e
da qui, naturalmente non nella forma in cui si presenta nell’ esempio
napoletano, potrebbe essere giunto a Ragusa. Ma nei dizionari a mia
disposizione non sono riuscito a trovarne altri riflessi.
15. turanj = «torchio» (Parcic)
In quest’ accezione sembra limitato alla Dalmazia centrale, donde
parecchie parole, specialmente per opera del Pavlinovic, sono entrate
nel dizionario alquanto farraginoso del Parcic Da Poljica me lo
segnala 1’ Ivanisevic (Zbornik Vili p. 274 e IX, 74 sgg., con una
descrizione esatta di questo strettoio da vino e con una illustrazione).
Il verbo corrispondente deve essere * tur nati (e tnrnjatì ?) che non
sono riuscito a trovare, ma che certamente esiste, perché nella Poljica
vi ha pritnrnati (> spremere una seconda volta», Zbornik IX p. 138)
e a Lesina esiste il sostantivo, a sua volta deverbale, turnanje (Slo-
vinac 1880, p. 389).
Mettere questa parola in relazione col verbo slavo turati «spingere»
sarebbe troppo azzardato. Il turanj sarà piuttosto tutt’ uno col nostro
tornio (che, nella forma toranj è passato al croato di Ragusa anche
nel significato di «tornio»; vedi Zore: Tudinke p. 22).
Che da tòrnus o tornare (REW. 8794 e 8795) si sia arrivati a
torri- «strettoio» non potrà certo maravigliare; e infatti il catalano
tlirn ha preso questo significato. Strano è piuttosto che questo signi¬
ficato [manchi, o sembri mancare, ai dialetti italiani, essendo poco
probabile che da una base torri - dal senso generico di «tornare» o
«girare», il croato della Dalmazia abbia elaborato il significato di
«strettoio, torchio».
Purtroppo nelle mie fonti trovo torno «strettoio» soltanto una volta:
nel «Volgarizzamento del trattato di agricoltura» del Palladio (v. il
1 [Sarà da exaur-, ma per via di -idjare. G. B.]
PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA 253
diz. della Crusca e quello di Tomm.-Bell.) «Facciansi torni o strettoi
da spriemere secondo eh’ è usanza nel paese».
16. vijunbin
«lenza su cui è attaccato un pezzettino di ferro o di piombo» (Poljica,
Zbornik IX, 81). v- vi sta per /-, e coll’ /- « fjunbin » ritrovo la
parola a Verbenico, ma qui indica soltanto il piombo attaccato alla
lenza (Zbornik VII, 306). Nello stesso significato si usa fjunbin sulla
isola Cherso. Qui però accanto a fjnnbin vi ha anche piunbin
(Zbornik XIX, 336 e 338, 339). Il quale, naturalmente corrisponde a
«piombino». La /- (> v) sarà dovuta ad un incrocio con fionda , o
con qualche altra parola italiana. Non ricordo di aver mai inteso
«fiombin» nel veneto delle Dalmazia e per ciò è molto probabile che
T incontro delle due parole italiane sia avvenuto sul territorio croato.
P. S. Leggo ora la stessa spiegazione per Konavli in un articolo dello
Skok (Nast. Vjesnik XXIX, 330). Basato su del materiale in parte scono¬
sciuto allo Skok, il mio saggio mantiene però anche adesso il pregio dell’ or -
ginalità.
Giovanni Maver.
Lateinische Elemente im Rumànisehen
I. Wòrter.
ADÀURA (dr.).
Vb. (Parafile, Vazduh, 67). Rafraichir.
Et.: *adaurare < aura «vent léger, bise . — mr. avrare idem
< *a u r a r e.
ARIPA (aripa, aripa) (dr. mr.).
S. f. PI. aripi , aripi , dial. (Hasdeu) (h)àripi. Aile. — Nebenformen:
dr. drcpà PI. drcpl , arcdpà PI. cirépe, *arpà PI. (Densusianu, Hateg)
àrpi. — mr. aripa PI. àriclii ; arpa. — megl. aripa PI. ieripi .
Et.: Aripa und aripa sind unmittelbare Ableitungen von Vb.
a (ìn)aripa , heute nur bei Part. (dr. tnaripat , megl. iripat) gebraucht,
a se aripi 1. (Bibl. 1688 bei Tiktin Wb.) «battre des ailes», 2. (Sez.
Ili 150) «prendre le voi».
Aus aripa ist durch den Wandel des unbetonten i zu c drepà ent-
standen, wovon dann aredpà analogisch nach aripa ; arpa < dripà
durch Synkope; — megl. ieripi < / + aripi , cf. iaschie < i + aschie.
Das Verbum aripa <*alipare<ala + ip (s. Suf. Rom. 178).
Im Mr. begegnen wir auch den Nebenformen drpità , aredpità ,
ardpità PI. drpite, areapite, ardpite, die wir folgendermafien erklàren:
Der mr. Dialekt hat aus dem Neugriechischen eine Anzahl Wòrter
auf ia mit ihrer Pluralform -para entlehnt:
arma pi. armate (Pap.B.), armati (Dal.) «arme» < agita pi . agfiara.
liarismà pi. harismatc (Mih.) «gratification, présent» < yàgio^ia pi.
yctgio^iara .
lialcumà pi. halcómati (Dal.) «ustensile de cuivre, comme chaudron,
etc.*, cuivre, airain» < ycchiM^ia pi. yaiyaó^iara.
iSiumà pi. iòiómati (Dal.) «manière d’ètre, caractère» < lóiojjna pi.
idi(óf-iara «propriété, attribut; qualité».
nóimà pi. noimati (Dal.) «intelligence, conception-, sens* signe, geste»
< vór^ia pi. voìjixara.
pscvmà pi. psévmate (Pap.B.) «mensonge» < ipevfna pi. ìl^v/nara.
sirma pi. sirmati (Dal.) «soie» < ovoli a pi. oig^iara.
LATE1NTSCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN
255
sistimà pi. si stimati (Dal.) habitude» < avochila pi. otocrjucuza
«ensemble, règie, gouvernement, système».
strema pi. strémate (Pap.B.) «mesure agraire: 5,011 m. c.» < ozQéf.if.ta
pi. oiQtft tiara -arpent de terre».
#amo pi. damate (Pap.B.) «miracle, merveille» < Vau/ua pi. ttaéfnara.
Analogisch nach -mate wurde ein Singular -mata gebildet in:
clima und climatà (Dal.) «climat» < vJJf.ia pi. xUf.iaia.
isósmà (Mih.) und isósmatà (Pap.S.) «fian^ailles» < lolaof.ia «accom-
modement».
scamata (Dal.) «mousse de l’eau de savon» < oydf.if.ia pi. oxdfiuara.
Die Pluralform liegt offenbar in Bacati s. f. pi. «Sachen, die umher-
liegen, auf dem Boden hingelegte Sachen» (Dal.) < zac.
Sehr wahrscheinlich steckt dieselbe Pluralform, nur ein wenig modi-
fiziert, auch in drpite (Obed. Pap.B.), àripite (Pap.B.), Plural von
dripà (Pap.B.). Von dripà wurde der regelmafìige Plural dripe ge¬
bildet, cf. die synkopierte Form arpe (Mih.), und arichì (Pap.B.), dann
*aripate. Im Unterscbiede aber von den anderen Pluralen in -ate
verwandelte sich *aripate weiter in *anpàte und dann, durch den
Wandel des à zwischen Palatalvokalen zu e, i, in *aripete, dripite,
synkopiert drpite . Analogisch dem PI. ar(i)pite bildete man den
Sg. *aripitày arpità (Mih. Dal.). Aus *aripità y durch den Wandel
des unbetonten i zu ist *arepilà entstanden, wovon dann arèapità
(Dal. Pap.B.). Fiir den Tonwechsel cf. dr. dripà und aripà . — Wir
bemerken, dafi die Pluralform -aza sich auch in den griechischen
Dialekt von Epirus fortgepflanzt hat, in Worter wie nqootÓTiaza
= nQÓocojca , alóyaza — aloya (Aravantinos, Ipirotikon Glossarion, 13).
ARUVINARE (mr.)
Vb. Arroser.
Et.: *arroinare<*arrorinare = arrorare. — Fiir r-r > r- cf.
r o u a « rosée < r o s, r o r i s.
ASTRET (megl.)
Ad. Stèrile.
Et.: (a)strlctus, -a, -um «serré, lié, pressé, étroit». — it. stretto,
friaul. strety prov. cat. estret , fr. étroit.
AU (mr.)
Adv. lei.
Et.: ad-huc.
Aute (mr.).
Adv. lei.
Et.: ad-*hucce = huc, cf. h ucci ne*
256
GIORGE PASCU
BÀT
Dr. bàt , dial. (AnCar) bàt , (Densusianu, Hateg) bit ; ir. bàt .
S. et. Bàton.
Et.: *vìttum = vitta «branche». — Cf. auch alb. «branche»,
it. dial. vitskct «bàton».
BÌNDURARE (mr.)
Vb. Bavarder, jaser.
Et.: pandura «pandore, luth à trois cordes». — poi. bandura
«luth» (daraus russ. klr. wr. bandura) < it. p andar a (aus pandura),
Berneker, I 42.
BOT (dr.)
S. et. Mufle, museau.
Et.: *mùtum = (.ivng «naseau, trompe, museau».
CAER
Dr. caer , mr. megl. cair, ir. caler .
S. et. Filasse de la quenouille.
Et: *caìrum = v.aÌQog «fil de la trame, fil».
CÀRINTE (mr.)
S. m. Dent canine.
Et.: canlnus + dinle.
A b 1. : càruntane « bec ».
CH1PIRARE (mr.)
Vb. I. tr. Pincer. 2. intr. Gazouiller.
Et.: plp ilare «gazouiller, caqueter», v. chipitare .
ClilPITARE (mr.)
Vb. 1. tr. Becqueter. 2. intr. Ètre marqué par la petite vérole.
Et.: *plpitare, cf. pipilare «gazouiller, caqueter». — prov.
pitar «becqueter, picorer», gen. pitd «becqueter», cors. pità «prendere
un po' di cibo».
Chipita (mr.)
S. f. 1. Pointe. 2. Piume à écrire. 3. Lance. 4. Bec. 5. Pie,
crete, sommet.
Et.: *pfpTta, cf. nprov. pivo «dent de peigne ou de ràteau, four-
chon, pointe» < *plpa• nprov. pivello «scion, rejeton, pousse d’un
arbre», piveu «pivot, petite branche aigiie, brindille, argot, picot; voix
pensante, vagissement» < *plpelja, *plpellus; friaul. pipai, ital.
pippio < pTpulus, pTpulum belegt mit der Bedeutung «criadlerie,
piaulement, vagissement» [Candrea-Densusianu, 931].
Abl.: chipitos 1. «aigu, pointu», 2. «marqué par la petite vérole».
LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN
257
CHIUI (dr.)
Vb. Crier.
Et.: Chiù «cri» < *pipTum < plplre «piauler».
CÌONÀ (mr.)
S. f. (orn.). Pinson. — dorili. S. m. (orn.). Moineau.
Et.: con- ? cun-, Schallwort, cf. bulg. ciukci , megl. cifincà, cìufingà,
dr. cinterà «pinson».
Ab!.: angicà (mr.) «pinson» < * cionca.
CIRIPI (dr.)
V. filtrare.
CIUPÀ (dr.)
S. f. 1. (Sez. VII 179 a; Viciu, 31). Auge à baigner les enfants.
2. (Jarnik - Bìrseanu, Doine, Glos.). Eau chaude pour baigner les
enfants.
Et.: *ciupa = xtVr rj «creux, cavité».
CIRCÌRARE (mr.)
Vb. 1. Rire aux éclats. 2. Caqueter.
Et.: carcar-. — sic. karkariari «caqueter, crételer»; dr. circii «ca¬
queter»; ngr. ymymqlÌIu) «gazouiller, chanter», ymyymqiLco «caqueter;
bavarder» ; alb. kakaris «caqueter».
COCA (mr.)
S. f. Fruit.
Et.: coccum, wovon *coc, dann coca.
Abl. : cuculicìu (mr) 1. «strobile, fruit du pin et du sapin», 2. «épi
de mais, panouille», 3. (fig.) «nu» (< coca + -alieni, Suf. Rom. 327).
COITA (dr.)
S. f. 1. (Bud, Tiplea). Femme coquette. 2. (Viciu, 34). Femme
dépravée.
Et.: coita.
CRÀMURÀ (dr.)
S. f. (Sez. V 175 sub zurbalìc). Tumulte, vacarme.
Et.: Ducange carmula «seditio». — Fur amioàmu cf. laudani
< laudamus.
— càrmoala (mr.) «massacre, carnage» ckramola as). «seditio», bulg.
«tumulte, vacarme» (< carmula); mold. harmalde «foule tapageuse»
< kramola + -de.
CROAMBÀ (dr.)
S. f. (Popovici, Rum. Dial. I 164 b). Rameau, branche. — Neben-
form : (Popovici, ib.) cloamba.
258
GIORGE PASCL
Et.: *co rumba = zoqv^^i] «jeune branche».
Abl.: clornburele pi. «jeunes branches».
CUCUMEA
Dr. (Vircol, Vilcéa; Sez. VI 30) cucumed, ($ez. VI 30) cucuved ,
(Damé T. 98) cubed; mr. ciicuveaàà.
S. f. 1. (dr.: cucumect, cucuveci, ctibea; mr.). Chouette. 2. (dr.:
cubed), Hotte de cheminée.
Et.: *cucumella = cucuma. — Das Wort cucuma ist bei
Ducange belegt, mit der angeblich emendierten Form c u c u b a : « Cucuba
,noctua : apud Papiam. Ita emendat Meursius prò cucuma, unde
cucubare in Carmine de Philomela, quod Ovidio adscribitur. Hesychius
z.o'A'/jjfia ykavS 1 . Ita etiam emendat Meursius* hinc ■/.ovxovfialog
,caesius, noctuinus* apud Scholiastem Oppiani.» Das rumanische Wort
zeigt aber, datò die von Meursius vorgeschlagene und von Ducange
angenommene Emendierung unrichtig ist. In der Tat, im Rumanischen
schwindet intervokalisches b in den lateinischen Erbwòrtern, so dafi
ein *cucuba nur *cucuà, *cucuvà hatte ergeben kònnen, cf. vàduvà
< v adita, und das *cu cube Ila nur * cucuìa . Fiir rum. cucumea
miissen wir also von cucuma, *cucumella ausgehen. — Durch
den Wandel des m zu b: cucumea > (cu)cubea , und durch die weitere
Entwicklung des b zu v: (cu)cubea> cucirne a. — Lat. cucubare
< cucuma zeigt dense!ben Wandel des m zu b.
Auf cucuma, *cucumella weisen auch it. coccoveggia, cucu-
itieggia, calabr. kukkuvedda, sard. log. kukkumeu, kukkumiau, otrant.
sic. kukkuvaìa zuriick.
Es sind dann, durch Suffixvertauschung, die folgenden rum. Varianten
entstanden: cucuvae , cucuvaìcà, cucubeìcà, cucuveìcà, cucumeagd .
CELARE (dr.)
S. f. (Viciu, 38). Nid, tanière, gite.
Et.: *cub(i)lare, *cub(i)laria = cubile.
CELUMB (mr.)
S. m. Pigeon.
Et.: columbus, wovon direkt *curumb, dann durch Dissimilation
culumb .
Curubit (mr.)
S. m. (bot.). Églantier.
Et.: *columb!cius, cf. columbinaceus «de pigeon». — Fiir
die Bedeutungsentwicklung cf. coroabà (dr.) «prunelle» < *coroambà
ccolumba [A. Philippide, ZRPh 31 (1907) 307].
LATKINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHKN
259
DEPÀRA (dr.)
Vb. ($ez. II 225). Agiter fébrilement les mains et les pieds.
Et.: *depalare = palari «aller qa et là, courir en désordre,
ètre dispersés», cf. auch palans «qui s'égare, égaré, perdu, éperdu .
DEZBÀRA (dr.)
Vb. 1. Délivrer, rendre libre, débarrasser. 2. Déskabituer, dés-
apprendre.
Et.: de-ex-*barare «décharger, rendre plus léger» < ftagco
«charger, gre ver, accabler». — fr. débarrasser .
DIRMÀ (mr.)
Diruta, dar ma } dràmà.
S. f. 1. Branche, rameau. 2. Perche, gaule.
Et.: thrak. *drlma<dri-, dru-, dru-, cf. ai. drumds «arbre»,
gr. ÓQVf.tct pi. «bois, bocage», alb. dru «bois, arbre, perche, pieu, bois
à brùler», russ. dial. drom «taillis, forèt vierge; bois sec, ramilles»,
bui g.dràmka «arbuste, yrbrisseau, buisson», slov. drmasca «broussailles»,
bulg. danna, dràma «ràteau»; gr. òqio$ «petit bois, bosquet, taillis»;
alb. drizà «arbre, broussailles, arbrisseau».
DUNÀRE (dr.)
S. f. Le Danube.
Et.: thrak.-kelt. ^donare < *dona + kelt. -^are = ^ara, -'era,
Jiarus, -ieris, das Flufìnamen auf dem franzòsischen (v. Meyer-
Liibke, Die Betonung im Gallischen, Sitz. Wien Nr. 143, Wien 1901,
pg. 49—50) und Stàdtenamen auf dem dalmatischen Gebiete (cf. Cat¬
tarci, Solitari) bildet [Pascu].
Thrak.-kelt. *Dona<idg. dan-, cf. avest. dami-, osset. -don
«rivière». Von hier aus: got. Dunavis, ahd. Tuonouua, nhd. Donati,
cf. Miillenhof, AslPh 1 (1876) 290—298; lat. Danuvius; — Don
(skytisch Tava'ig) fleuve en Russie, Duniestr (rum. Nistru), Duniepr
(skytisch JavaitQtg , rum. Nipru ) rivières en Russie, cf. SobolevskiI,
AslPh 27 (1905) 242—248.
— skr. Diinavo, Dunavo, Dimav, Dimai; bulg. Dùnav; klr. Dunai
< got. Dunavis; magy. Duna < nhd. Donati; tiirk. Tutta < magy.
Duna .
FLOR (dr. mr.)
a. Ad. (mr.). 1. Blond, en pari, des personnes. 2. Tout blanc, en
pari, des chèvres. b. S. m. (dr.). Nom de famille.
Et.: florus, -a, -um «blond; fleuri».
260
( HORGE PASCE
Abl. : dr. (Vircol, Vìlcea) fioriu, Jluriù, (Damé T. 181) floreali pi.
(Hasdeu, 3081) fioretti «(boeuf) qui a des taches blanches», (Boceanu)
fiorati «(chien) tacheté de blanc et de noir», (Popovici, Rum. Dial. I
55 b )floarea, (Popovici, ibid.) fiorita, fioretta «noms donnés aux vaches»,
Floares, Florescti noms de famille.
FLUERA (dr.)
Vb. Siffler. — (Rev. cr. lit. Ili 154) Fin-eri . Bavarder, jaser, dé-
goiser.
Et.: *flaulare < flare «souffler», wovon direkt *flàura, *fleura,
Il euri, filiera .
Abl.: (dr.) fleros «bavard» < *fleuros .
Fluer
Dr. flùer, (Rev. cr. lit. Ili 158) filerà; mr. filiera , fluìarà, fluér,
Jìl'iodrà.
S. et. Flùte.
Et.: *f 1 au 1 um, wovon *flaur, *fleaur, fleaurà, fléurà (dr.) «trou -,
bouche; bavard ; fléorà, *flioarà, fil'ioarà (mr.) « flùte », filiera, filler
«flùte». — Filr flea <fla cf. fl'acà (mr.) «fiamme» < *flaca = fa-
cu 1 a «petite torche», fleamà (mr.) «fiamme» < f 1 a m m a, pleagà (mr.)
«plaie» < plaga, prag, preag (mr.) «seuil» < bulg. prag, pras,
preas «poireau» < agr. ttqcioov .
GÀUDIRE (mr.)
Vb. refi. Se réjouir.
Et: gaudere.
Gudura
Dr. gudura, mr. gudurire .
Vb. 1. tr. (mr.). Flatter, caresser. 2. refi. (dr.). Se réjouir, en
pari, d’un chien. 3. refi. (mr.). Se chauffer.
Et.: *gaudulare.
GREUMÌNT (dr.)
(Densusianu, Hateg) grelimini, (Popovici, Rum. Dial. I 119 ) greomint.
S. m. sg. Pois; peine; travail.
Et.: *grevamentum = gravamen, mit Anlehnung an greu.
GRIER (dr.)
Grier , grecr(e), greore, griore , grel, mold. griir.
S. m. Grillon.
Et.: Aus gryllus, gesprochen grillus (cf. it. grillo ), ist durch
Suffixvertauschung *g r e 11 u s entstanden, wovon rum. grel, pg. grelo,
LA l'EINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN
261
pv. greti. Aus der Form grel pi. grel (dial.) + -tir ist dann greìur,
greir, grier entstanden.
LUTISOR (dr.)
S. m. Ocre (Sert à teindre en jaune).
Et.: lutum «gaude, piante qui sert à teindre en jaune; couleur
jaune» + -isór.
MÀRUNCÀ (dr.)
S. f. (bot.). Tenacetum vulgare (Possède des propriétés amères).
Et: *amàrancà < amar «amer» < amarus, -a 7 -um.
MÌERIU
Dr. mìeriu, mr. niilr .
Ad. 1. (dr.). Bleu foncé, bleu noir; bleu. 2. (mr.). Bleu.
Et: *nibulus = nubilus,,-a, -um «couvert de nuages, nuageux;
noir, de couleur foncée», wovon *niur y niùr , *nier, niér, dann durch
Anfiigung des Suffixes -ni, *nìeriu t mìeriu. — Fiir -lev < -mr cf. crier
(dr.) < *criur; fur -in cf. cilbàstriìi (dr.) < albcistru.
NEIOS (dr.)
S. m. (Alecsandri, Poez. Pop. 2 34). Mois de Décembre.
Et.: nivosus, -a, -um «abondant en neige, mèlé de neige,» wo¬
von *neos , bewahrt in a se neosa «se couvrir de neige », dann neìos
unter dem Einflufi von ploìos «pluvieux». — Fiir die Bedeutungs-
entwicklung cf. ningàu 1. ($ez. V 114) «grande abondance de neige
qui tombe», 2. (Damé T. Glos.) mois de Décembre».
NESTIMATÀ (dr.)
Ad. Das Wort wird nur in den Marchen gebraucht: pìatvà nesti-
matà «pierre précieuse».
Et.: inaestimatus, -a, um «qui n’a pas été estimé ou évalué».
NGORDU (mr.)
Ad. Engourdi par le froid.
Et.: gurdus, -a, -um «grossier, sot». — fr. gourd «raide», prov.
calai, gort, sp. pg. gordo «gros, gras».
ORCA (mr.)
Adv. Isoliert in der Redensart orca du-te «va-t-en au diable».
Et.: Orcus «dieu de Penfer». — it. orco «fantóme, épouvantail»,
sp. aereo enfer».
PAPARUDÀ (dr.)
S. f. Jeune fille que Pon masque en temps de sécheresse avec de
feuilles d’arbres et d’autres herbes et qui court, tout en dansant et
262
GIORGE PASCU
en chantant, de maison en maison, où les vieilles femmes versent de
Teau sur elle, en pronongant une formule magique afin d'amener la
pluie». — dr. paparudà, pàpàrudà (Sez. IX 29), papalugà (Cantemir,
Descriptio Moldaviae), pàpàlugà (Sez. VI 127); megl. paparudà .
Et.: papalugà, papalugà < *pàpàrugà, paparudà < pàpàrudà ;
pàpàrudà, *pàpàrugà < peper-, papar-, wovon auch die folgenden
balkanischen und romanischen Wòrter:
bulg. peperuda 1. (bot.) «pavot», 2. (zool.) «papillon», 3. «jeune
fille habillée de feuilles».
bulg. peperuga, megl. pipirugà, piperugà, piperigà (zool.) «pa¬
pillon».
ngr. jTEneQOvòa «jeune fille habillée de feuilles» (G. Meyer, Ngr.
St. II 86).
alb. peperonà, bulg. peperuna «jeune fille habillée de feuilles».
bulg. perperuga (zool.) «papillon».
ngr. TTEQnEQOvvct «jeune fille habillée de feuilles» (G. Meyer, Ngr.
St. II 86 und Alb. Wb. 327 unter peperoni!).
ngr. Thessalien nEQntQi (zool.) «papillon» (G. Meyer, Ngr. St. Ili 53),
(Passow, Pop. Carm.) nEQTcEQid «jeune fille habillée de feuilles».
mr. pirpirunà 1. (bot.) «pavot», 2. (zool.) «papillon», 3. «jeune fille
habillée de feuilles», ngr. (Passow, Pop. Carm.) nEQKEQOvva «jeune
fille habillée de feuilles».
bulg. preapcruda, preaperuska, srb. prpor usa «jeune fille habillée
de feuilles».
bulg. paparuna 1. (bot.) «pavot», 2. (zool.) «papillon», 3. «jeune
fille habillée de feuilles», paparonka (bot.) «pavot».
ngr. nanaQOiva (bot.) «pavot».
kalabr. pappar uhi «épouvantail», abruzz. papar otta «épouvantail,
fantòme», prov. papalaudo, paparraugae «épouvantail, fantóme»
(Meyer-Lubke, Roman. Et. Wb. 6214).
Folglich wurden die paparude nach den Blumen, mit denen sie
sich schmiicken, namèntlich nach den Mohnblumen, genannt. Papa-
hagi, Din Literatura popularà a Arominilor, 725, sagt: «Bei den
Mazedo-Rumanen bedecken sich die paparude tiber den ganzen Kòrper
und besonders bis an den Gtirtel mit Sterndolde, Farnkraut, Zwerg-
holunder, Mohnblumen, pirpirune genannt, und mit allerlei Krautern».
In Hatzeg (Densusianu, Ha^eg) wird «papanida» boz (Zwergholunder)
genannt.
LATEIN1SCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN
263
Was die Beziehung zwischen den romanischen und balkanischen
Wórtern anlangt (romanisch «épouvantail, fantòme» — balkanisch
«jeune fille habilée de feuilles qui invoque la pluie»), cf. auch megl.
diidulety bulg. srb. dodola «jeune fille habillée de feuilles» = alb.
dordoVet 1. «jeune fille habillée de feuilles», 2. «épouvantail» (bulg.
dudulét «panouille, épi de mais»).
Da die paparude von Haus zu Haus gehen, bedeutet in Moldau
pàpàlugà auch «eine Frau, die liberali umhergeht» (§ez. II 126).
PAPULÙ (mr.)
a. S. ni. Jeune fille habilée de feuilles qui invoque la pluie. —
b. Ad. Ud pàpul’u . Tout mouillé.
Et.: *pupuleus = pupulus «petit ganpon», cf. paparudà .
PÀSCARE (dr.)
S. f. (Mateescu, Balade, 47). Pacage, pàturage.
Et.: pascalis «qu’on fait paitre».
PÀSCURÀ (dr.)
S. f. (Ciobanu-Plenita, Cintece, Glos.). Pacage, pàturage.
Et.: ^pascura < pascuum, cf. pastura.
PASTURA (dr.)
S. f. Propolis (substance insalubre).
Et.: *pestula<pestis, cf. auch pesti 1 ens «pestilentiel, em-
pesté, insalubre», pestilenza «virulence, venin».
Abl. : (Damé T. 120) pàstrar idem < pastura + - ar .
PIDURITÀ
Megl. piduriìà, mr. padurita .
S. f. Marchepied d’un métier.
Et.: p e d u 1 i s «qui est fait pour les pieds».
PIRIDARE (mr.)
Vb. Gazouiller.
Et. *pipilidare = pipilare.
PÌNZÀ
Dr. pinza t mr. pìndzà, megl. pqndza.
S. f. Toile.
Et.: thrak. *penza<pen-, cf. gr. nrjvrj.
P1RGHIE (dr.)
S. f. 1. (Pascu, Cimilituri, I 189; Saghinescu, 99). Perche. 2. Armon
d'une balance.
Et.: perg(u)la 1.
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922.
18
264
GIOROE PASCU
PRIOR, PROUR (dr. mr.)
S. m. sg. Le temps avant le midi depuis deux heures du matin :
dr. (Viciu, 71) priór, (Hasdeu, 1107—1108) pror, nàpràor, ampróor,
mr. Pindus (Hasdeu, 1108) pror, próur . — (Hasdeu, 1108; $ez. VI 53)
próor, (Hasdeu, 1108) ìmprónr, próol, s. m. «la veille de la Saint
Georges». — (Viciu, 52) ìmplóur, s. m. «action de verser de Peau
sur qn le jour de la Saint-Georges, coutùme populaire». — (Hasdeu,
1108) ìmpreorà, improord, (Densusianu, Hateg, 269, 275) ìmpràord,
vb. tr. «verser de Peau sur qn le jour de la Saint-Georges», (Densu¬
sianu, Hateg, 269, 275) impràord, vb. tr. «verser de Peau sur qn». —
(Densusianu, Hateg) impràurcit, s. m. «action de verser de Peau le
jour de la Saint-Georges». — (Slavici, Scormon) priór, ad. «(agneau)
premier né».
Et.: *priulus = prior «qui précède, précedent, antérieur, passé,
dernier», wovon *préur, préor und preór (cf. popór < *pópor ), be-
wahrt in ìmpreorà, dann priór und pràór. — nàpràor < (i)mprour;
— pronr, proor, pror < *pruor, *pruàr, * pruer < *preur durch
Metathesis; — prool, proor durch Dissimilation.
PUSPURARE (mr.)
Auch pi spur are.
Vb. Chuchoter.
Et.: *puspulare zu psp, bsb Schallwort. — ital. pispigliare,
bisbigliare «chuchoter» [Meyer-Liibke, Roman, et. Wb. 1350].
PUTÀ
S. f. Largane génitale des petits enfants, des jeunes femmes, des
vieillards, des petits animaux.
Et: *pubucea < pubis.
Abl.: putoìu augm. (Cimilituri, I 195).
RÀCOARE
S. f. Fraìcheur, air frais. — mr. ar(à)coare .
Et: *recor, -oris< ree- zu recens.
RÀURÀ
S. f. (Sez. Ili 87). Sorte de broderie.
Et.: rivulus «petit ruisseau».
RONTÀI (dr.)
Vb. tr. Grignoter.
Et.: ront-. — sp. ronzar «grincer les dents», it. ronzare «bour-
donner» (Meyer-Liibke, Roman. Et. Wb. 7372).
LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMAN'ISCHEN
265
SCULA (dr. mr.)
Vb. Lever.
Et.: *excub(i)lare < cubile «nid, tanière, gite», wovon auch
ciliare idem.
SPÀRIA
Dr. spària } speria , mr. (Papahagi, Not. Et. 10) aspàirare .
Vb. Effrayer.
Et.: *expavilare = expavere, wovon spàira und durch Meta-
thesis spària .
SPES (mr.)
Ad. Set ré, resserré.
Et.: spissus, -a, -um. — it. spesso, prov. cat. espes, fr. épais,
sp. espeso, pg. espesso.
stràghìatà
Dr. stràghìatà, (Densusianu, Ha^eg) stragiata, st radiata, strediatà ,
(Noua Rev. Rom. Vili 88) stràghìatà, (Bocancea, 21) strighiatà; mr.
strtgTaià; megl. strigi'atà .
S. f. Lait caillé.
Et.: *extraglata = *extracoagulata «coagulée», cf. chiag
(dr.), cl'ag (mr.) < *clagum = coagulum. — -ea\à < -eatà ana-
logisch nach den Wòrtern auf -eatà.
Abl.: (Bocancea, 21) a se streghe{a, (Noua Rev. Rom Vili 88)
a se stràgheti «se coaguler».
STRIGA (dr. mr.)
Vb. Crier, appeler qn en criant.
Et.: *str!ggare<*strld(i)gare= *strldùlare<strldù-
lus, -a, -um «qui crie». — ital .strillare «crier» < *str id (u) lare;
ital. strigolare «crier» <*stridulare + *striggare.
STRÌOCL U (mr.)
Ad. Louche.
Et.: strabus + oculus. — ital. dial. stralocchio [Wartburg,
Revue Dial. Rom. Ili 485].
SUERI (dr.)
V. ^uera.
SIR
Dr. sir, megl. sor.
S. et. File, rangée.
Et.: Unmittelbare Ableitung von Vb. *inser - ìnsird < ser ies. —
ìnsir < *inscr durch Analogie der unbetonten Formen.
18
26 ò
GIORGE PASCU
SUERA
Dr. siterà , mr. mirare, durare.
Vb. Siffler.
Et.: *slbulare = sibilare, wovon dura, dann durch Metathesib
mira, mera.
Sueri (dr.)
Vb. (Pascu, Cimilituri, I 118). Siffler.
Et.: *subil!re, cf. dalm. sublar, ven. subiar < *s ubila re.
TICUT (megl.)
S. et. Cri.
Et.: cik-. — dalm. tig »cri»; ven. {ig w «siffler», it. cigolare
«craquer, crier».
TINZUR (mr.)
Tingiti', {indzir.
S. m. 1. Chardonneret. 2. Grillon, cigale.
Et.: *zinzu 1 us, *zinzTlus zu zinziare, zinzitare «crier, en
pari, de la grive», zinzilulare «chanter, jaser, en pari, de certains
oiseaux», cf. auch ngr. xUvzìiiQag «cigale».
TIPA
Ind. pr. dr. tip , megl. top.
Vb. Crier, pousser des cris.
Et.: tinnipo, -are «rendre un son clair, tinter, retentir, crier». —
Diese Etymologie zeigt uns, dafi die Moglichkeit des Lautwandels
ti > ti, bis nach der Mouillierung und Verschwinden des n vor /, ge-
dauert hat. — Cf. auch tjur, - ciré (mr.) «gazouiller» < *t!nniulo.
TIURARE (mr.)
Ind. pr. tiur.
Vb. Gazouiller.
Et.: *trnniulo, -are — tinnire.
Abl.: ciripi, ($ez. II 87) cilipchi (dr.) «gazouiller » c *tìuripi
< tiara + dp.
Lehnw.: magy. csiripelni, csirib eliti, c sir ipoini, csirikolni «ga¬
zouiller », csiripelés «gazouillement», slov. in Ungarn (Strekelj, Lehnw.
14) ciripetati, Hripécem «gazouiller».
TUCUIRE
Mr. {acuire, megl. tucniri.
Vb. Sucer.
Et.: cok-. — it. docciare, fr. sucer , pv. pg. chuchar.
Abl.: ciucili «nourrisson, enfant à la mantelle» (mr.), tue (mr.) interj.
LATEINISCHE ELEMENTE IM RUA1AN1SCHEN
267
URCA (dr.)
Vb. Monter.
Et.: *oricare<gr. opog «mont», cf. fr. monter < moni, bulg.
vàrvìd na górea «monter», górniste «montée, pente» < gora «mont».
VÀTÀROG (dr.)
S. m. (Codin, 79). Levraut.
Et.: vitulus «petit d’un animai qcq» + -óg, cf. va tuia «levraut»
< *vituleus = vitulus.
VESTU (mr.)
S. et. Drap.
Et.: vestis «étoffe». — Ftir sii < sti cf. anvestimint , anvesmint
(megl.) «habit, vétement», vesmint (dr.) «vètement sacerdotal» < vesti-
m entu m.
VIRGHE (dr.)
S. f. (Pascu, Cimilituri, I 219). Verge, baguette.
Et.: vTrg(u)la.
ZDRUMINARE (mr.)
Vb. 1. Ecraser. 2. Presser (une éponge). 3. Emietter.
Et.: *exderuminare, cf. aruminare (mr.) «ruminerà < ru¬
minare.
ZDRUNCINA (dr. mr.)
Vb. 1. (dr.). Cahoter, secouer. 2. (mr.). Écraser, réduire en poudre.
Et.: ex-dèruncinare «raboter», cf. auch dTruncinare «sarcler»,
oder *extruncinare ctruncus «tronqué, mutile; retranché, coupé,
privé de qc, écourté» cf. extruncis, -e «coupé».
ZGII (dr.)
Vb. Ecarquiller les yeux.
Et.: *excavire = excavare «creuser, rendre creux», cf. ggàura
idem <*excavulare.
Die Nebenformen (Rev. cr. lit. Ili 168) zgìmboi und (Sez. VII 185)
zglimboìa bedtirfen noch der Erklàrung.
Abl.: (Rev. cr. lit. Ili 169) stàura «regarder avec convoitise» < sta
«rester» + sgànra.
ZGÌRIA
Dr. 3giria, sgària, megl. 8gairari .
Vb. Gratter.
Et.: *scab!lare = scabere, wovon zgàira, dann durch Meta-
thesis zgàira, zgìria, cf. spària < spàira.
268
GIORGE PASCU
IL Eine Klasse von Wòrtern.
Das Schicksal der durch den Schwund der inter-
vokalischen b und v im Hiat zusammentrefferiden Yokale.
Wir unterscheiden zwei Falle:
I. Die Vokale sind verschieden:
a . Die Vokale bilden zwei Silben.
db e, abé\ abe > de, aé, ae
Zgair (megl.) 7 b giriti (dr.) «je gratte» < *scabilo.*
Aem (Pap.B.) < habemus.
Aeti (Pap.B.) < h a betis.
Aiare (Pap.B.) < h a bere.
Zgàirari (rnegl.), Bgìriare (dr.) «gratter» <*scabilare.
abó > aó '
Tàuri <*tabonus = tabanus.
Striocl’u (mr.) douche» < *straboculus < strabus
+ o cui us.
abii > au
Aviti < * aìmi, *aui < ha bui.
Avut < *aùut, *aut <*habutus. — Der Laut v von den
anderen Formen wurde durch die Analogie dieser zwei
eingefiihrt: avem c aem, aveti < aeti, avere < aiare ,
avind < *aend.
Salica (Mih.), smig (Nic.) < sabucus. — Mr. (Mih.)
astica < *soucii < sàlica; dr. soc. < *sàuc — sane; mr.
(Nic.) sag < suiig.
ebd > ed
Baili <*bebui = bibi.
< *bebutus = bibitus.
ibe, ibéibe > ie, ié, ie
Serie < *scribet = scribit, serietà < *scribemus
= scribimus^, scrieti < *scribetis = scribitis 7
scriere < scribere.
Sie < *sibe = sibi.
Tie < *tibe = tibi.
Scriind < scribendus.
ibu, iba > hi, iu
Siur (mr.), suir, suer (dr.) <*sibulo = sibilo.
Siurare (mr.) 7 suer a (dr.) <*sibulare.
LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN
269
óbe < 6e
Noùà < *noe <*nobe = nobis.
Vouà < *voe <*vobe = vobis.
uba, uba > ila, ud
Buàr (p> buor, bour) < bubalus.
Soarà (megl. mr.) «aisselle» < *suarà < subala.
Suptuarà «aisselle» < sub-subala.
ube, ube > ile, ue
Coi < *cuàt, *cuel < cubitum. Flir o < uà cf. nor
< *rìiiàr, naàr.
Desghìoc «écasser, écaler, égrener» < *desghìùàc, *des -
ghinee < *d i s g 1 u b i c o.
Ino (mr.) «où» < *uuà, *uà, *ue < *ube = ubi.
Nuàr (> nuor , nour) < *nuer < *nubelum = nu-
bilum,
Sog «je pétris» < *suàg, *sueg < subigo.
Sneri «siffler» <*subilire = sibilare.
ubi, ubi, ubi < ili, ui, ui
Suini <subimus, suiti < subitis, suire < subire.
Suiiu ind. pr. ps. 1 sg. «tondre les brebis autour de la
queue» (Dal.) < *s u b i 1 i o.
Slittare inf. < *subiliare.
dve, ave, ave > de, ac, ac
Chee < *cJfiae < c 1 a v i s.
Spair (> sparili) < *expavilo.
Spala < expavere.
Spair a <*expavilare.
dvu, avil, avu > du, ati, au
Gaurà < *g a v u 1 a.
Zgàur < *e x g a v u 1 o.
Unchlii < *aunchlii <avunculus.
Zgàur a < *exgavulare.
iva > ia
Gingie < *gingià < g i n g i v a.
Lede < *1 e x i v a = 1 i x i v a.
imi > in
Ràurà csorte de broderie» crivulus.
270
GIORGE PASCU
ÓVCl > ÓCl
Nona < *noà < n o v a.
óve, ové, ove > óe, oé, oe
June «jeune, jeune homme», mr. gioite «jeune; vaillant»
< *gìoàn, *gìoen < *j o v e n i s = j u v e n i s.
No uà < *noà, *noe < no vem.
Oae < ovis.
Plouà <il pleut> < *p 1 o v e t = plovit.
Nula «verge, baguette, gaule» < novella.
Nularcà (mr.) < noverca.
Plointe temps pluvieux» < plovens, -entis.
Noutate <*nouetate, *noetate < *novetate = novitate.
ovi < ni
Pluinà (mr.) «temps pluvieux» <*plovina, *pluvina.
Uin (mr.) de brebis» < ovinus.
uva > ua
Alia (mr.) «raisin» <uva.
u vé > né
Junc < * juinc, *juenc < *j u v e n c u s.
J. Die Yokale bilden einen Diphthong.
1. Auslautende Vokale.
cibi > di
Al < *habis = habes.
ébi > di
Bel < *bebis = bibis.
ébn > éu
Bea <*bebu = bibo, bibunt.
ibu > ih
Scria <scribo, scribunt.
ubi > ili
Sulu < *subio — subeo.
Sul < s ubis.
LATEIN1SCHE ELEMENTE IM RUMANISCHEN
271
avi > ài
Pf. -di < - a v i.
Lai < *1 a vis = lavas.
Spaia < *e x p a v i o = expaveo.
Spai < e x p a v i s.
àivu > dìi
Am < *ait < a v u s + -iis.
éva > ed
Grea < *greva = gravis.
évi > éi
ici < *levis = levas. *
évu > éu *
leu > levo.
Greti <*grevus = gravi s. — Greutate < *grevi-
tate = gravitate, und greumint < *grevamen-
tum = gravamen mit Anlehnung an greti .
ivu > ih
Ria < r i v u s.
Betiv, betta «ivrogne» <*bebetivus, *bibitivus.
Cimpiti «uni, pian ; de piaine» ccampivus.
Via < vivus.
évi > ói
Boi <*bovi = boves.
Joi < j o v i s.
óvu > Oli
Boa < *bo vus.
Nou < n o v u s.
Oii < o v u m.
2. Anlautende Vokale.
ibé, ibe > ié, ie
iert < 1 iberto.
iertare <libertare.
éva > idi
ia > *iea < 1 e vai
iaìì < *ieaà < levant + -a.
272
GIORGE PASCU
3. Inlautende Vokale.
ovi > ol
Buyìar (mr.) «bouvier» < boviarius.
Ploìos <*ploviosus = pluviosus.
avi> dì
Spalma < * spaimo. < *expavimen.
4. Die Formen des Imperfekts: -eba ->èd, -iba-> la. -
II. Die Vokale sind gleich. Sie werden kontrahiert.
% db a, ab a > a
Impf. a < àba ? abà (làuda < laudabat, làudani < lauda-
b amus).
*Ba PI. baie «bave» <*baba.
Cai < c a b a 11 u s.
ébc, ebé, cbe > e
Zte<*bebet = bibit. — Die gegenwartige Form bea
ist analogisch nach taclevat entstanden.
Beni < *bebemus = bibimus.
Bet> <*bebetis = bibitis.
Bere <*bebere = bibere.
hubàt < *imbel <*imbebeto. ^imbibito.
Biud < *bcnd <*bebendus — bibendus.
fama <*heberna = hiberna.
Detor (> datov) <*debetorius, *debitorius.
ìmbàtare < *ìmbetare <*imbebetare, *i m b i b i t a r e.
ibi > i
Es fchlen Beispiele.
Scrii < seri bis, analogisch den anderen Verben der IV. Kon-
jugation, deren 2 p. s. Ind. Pr. auf -l lautet (ansie audis). Ebenso
stil < *sti < s c i s.
ubiì > u
Pitta < *p u b u c e a, pubis.
ava, ava, ava > a
Za <
La(re) < 1 a v a r e.
LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN
273
Spàla(re) < *expellavare.
Làturà < bavatura, cf. lotura.
éve, evé, eve > e
Nea <*neve = nix, nivis, wovon *ne, dann nea
analogisch dea Wòrtern vom Typus stea .
Greatà «nausée, dégout»; (arum.) «poids; difficulté» < *gre-
vetia, *grevitia.
Grecìoasà (arum.) «enceinte» <*grevetiosa, *gre¬
viti osa.
Ingreca(re) «rendre enceinte», mr. angricari «charger,
peser» <*ingrevecare, *ingrevicare.
ivi > i
Zinà < fée» < d i v i n a.
Bei den oben behandelten Beispielen haben wir gesehen, dafi inter-
vokale b und v spurlos verschwunden sind. Dennoch erscheint v in
einigen Beispielen als u bewahrt:
Ind. Pr. luàm < levamus, luafi < levatis, Impf. Inani etc. < le¬
va barn, Part. luat < le va tus, Inf. luare c levare; ferner in der
Ableitung aluat «levain, ferment, pàté» < *allevatum, und in preut
«prètre» <*previtus = prebiter.
In einigen Wortern sind intervokale v und b durch g vertreten;
es sind die folgenden: fagur (dr.) «rayon de miei» < *favu 1 us,
favus, neg(el) (dr.) «verrue» < naevus, negurà (dr. mr.) «brouil-
lard» < ne bui a, rug (dr. mr.) «ronce» < r u bus und uger (dr.),
udzire (mr.) <pis»<uber. Wie erklàrt sich der Lautwandel b ,
v >g?
Candrea - Densu^ianu, Dic^. sagen: « fagur < *favulus. Die
normale Form solite *fa(ìi)iir sein, aber u zwischen Vokale im Hiat
wurde zu//, das spàter zu g wurde, genau wie in negurà < nehura,
ne(u)urà < n e b u 1 a, Banat màdugà < maciulla, màdu(u)à < m e d u 11 a »
(541)*, — «^<naevus. Die normale Form solite *neti sein; das
Vorhandensein eines g ist der verschwundenen Form * negur < nae-
vulus (cf .fagur) zu verdanken, zu dessen Plural ^neguri ein Sin-
gular neg neu gebildet wurde, der mit der Zeit *neu ersetzte» (1215);
— «negurà < ne bu 1 a ; fiir die Lautform cf. fagur» (1222). Wahr-
scheinlich ebenso werden sich die Verfasser auch rug und uger er-
klàren.
274
GIORGE PASCU
Wir bemerken zuerst, datò banat. màdugà, màdidià gar nicht aus
màduuàj mit dem Wandel des u zu h und dann zu g, herriihrt,
sondern dafi alle drei Formen sich parallel aus màduà < me dui la
entwickelt haben. In derselben Weise erklart sich banat. nuhàr,
rumar < nu(u)or, Dobrogea bohor < boor, bour. Das Nichtvorhanden-
sein einer Form wie *nugàr, *bogor zeigt uns gerade, dafi die Neben-
form màdugà sich aus màduhà, unter dem Einflufi der Wòrter auf
-ugà, entwickeln konnte. Jedenfalls ist màdugà eine ganz junge Form,
und auch wenn das g unmittelbar, ohne irgendeinen Einflufi, aus h
entstanden ware, kann auch der Wandel g > li nur jung sein.
Anderseits bemerken wir, dafi au, eu, uu > av, ev, uv. Beispiele :
adavgu (mr.) < adaugeo, alavdu (mr.) < laudo, avrà (mr.) < aura,
caftu, cavtu (mr.) < *cauto, dàneavra (mr.) = adineaurì (dr .),favur,
favru (mr.) < *faàru < faber, gavrà (mr.) = gaurà (dr.), liiavrà
(mr.) < * hlaàrà < *febra; preftu, prevtu (mr.) < *preàtu < *pre-
vitus; màduvà (dr.), mìduvà (mr.) < màdiiuà < medulla, vàduvà
(dr.), veduvà (mr.) < *veduàà < vidua. In diesem Falle hatten
*favulus nur *faur, *fauur, * favru, naevulus > *neur,
*neàur, *nevru; nebula > *7 leurà, ^ ne aura, *nevurà ergeben
kónnen.
Nach dem, was wir oben schon iestgestellt haben, hàtte u b e r
u b e r i s * iter (e), *uàer, *uver ergeben; r u b u s ware zu *ru
und dann, wahrscheinlich, *ruu, da die rumanische Sprache keine
Deklination auf -ir hat, geworden.
Sen. Arce via niego «verme», mr. negar à, alb. negai; mr. rag, it.
rogo; mr. udsire zeigen uns, dafi der Wandel von v und b zu g in
*favulus, naevus, nebula, rubusunduber schon dem Vulgar-
latein angehòrt. Es ist vielleicht ein kombinatorischer Lautwandel.
Sextil Puscariu, ZRPh 28 (1904) 617, sagt: «;^ < naevus. Ich
habe Conv. Lit. 35 (1901) 825 das Wort als Ruckbildung aus negel
gedeutet und dies entweder durch eine Kreuzung von *naevellus
mit nigellus oder direkt von diesem abgeleitet. Dem niger ver-
dankt auch negarà < nebula sein g. Auch ftir uger < uber konnte
man an den Einflufi von suge ,sucer‘ denken»! Uber fagur und rag
sagt Puscariu nichts. Unter den von ihm angefiihrten Einflussen
scheint uns nur der Einflufi von nigellus, recte niger, uber nebula,
wahrscheinlich.
Das oben Festgestellte hilft uns einige Etymologien zu berichtigen :
Ainte (arum.) < abante (Candrea-Densu§ianu, 882), a(d) + abante
(S. Puscariu, ZRPh 28 (1904) 616). — Abante und ad + abante
LATEINISCHE ELEMENTE 1M RUMANISCHEN
275
hatten *ante ergeben. Fiir ainle miissen wir also eine Urform *a b i n t e
annehmen.
Alunà «noisette» <*abellona = abellana, avellana (Can-
drea-Densusianu, 51). — *Abellona wiirde *aelunà ergeben haben ;
alunà fordert *a v a 11 o n a, *a b a 11 o n a = avellana.
Beat «ivre» < b i b i t u s (Candrea-Densu§ianu, 153). — Aus b i b i t u s,
*bebetus haben wir zuerst *bet, fem. beata bekommen; analogisch
wurde dann zum Femininum das Maskulinum beat neugebildet.
Bàuturà < bibitura (Meyer-Liibke, Roman. Et. Wb. 1079). —
Et.: *bebutura, *bibutura = bibitura.
Bàntor < bibitor (Meyer-Liibke, Roman. Et. Wb. 1077). — Et.:
*bebutor, *bibutor = bibitor.
*Cavitare solite càta ergeben (Candrea-Densusianu, 295). — Es
hatte *càeta ergeben.
Cheer «serrurier, celui qui fait de's clefs» < clavarius, zu *cl'aar,
*cl'euar, *cheuar geworden, wovon chetar unter dem Einflufi von chee^
(Candrea-Densu^ianu, 325). — Clavarius hatte *cl'aar, *cl'ar, *chtar
ergeben, cf. chetoare < *chiatoare < *c 1 avatoria. Et.: *clavia_
rius = clavarius.
Incheìa «dorè, cloturer, fermer» < in eia vare, zu * ìncVeua ge-
worden, das nach chee zu incheìa modifiziert wurde (Candrea-Densu-
sianu, 327). — Et.: *inclaviare = inclavare.
Crier, creer f dial. crel y crer «cervelle; cerveau». — Candrea-Densu-
§ianu, 406 gehen von c(e)rebellum aus, woraus crei, dann, durch
Assimilation, crer sich ergeben batte; in Etim. Rom. 22 war ich von
*creberum = cerebrum ausgegangen, woraus 'crer, dann, durch
Dissimilation, crei sich ergeben hatte. In beiden Fàllen wiirden die
Formen creer, crier unerklart bleiben. Also miissen wir immer von
c(e)rebrum> * crear, woraus, durch Assimilation, creer } ausgehen,
cf. auch greer, greir < *greur; creer > crer durch Kontraktion und
dann crei , durch Dissimilation; creer >creir, wovon crier, durch
Metathesis, cf. grier < greir, greer.
Desfàca «égrener le mais, le blé, etc.» < *disfabicare zu faba
(Candrea-Densu:?ianu, 568). — *Disfabicare wiirde *desfàeca er¬
geben haben; desfàca = dàsvoca «écosser, écaler» (von Candrea-
Densusianu unter 474 angefiihrt) + desfac «défaire».
Fauà (mr.) «haricot» < faba, wovon *fa und dann fauà durch den
Ubertritt zu den Sub^tantiva auf -(e)aàà.
Ghìoagà «massue» < *clavica zu clava (Meyer-Liibke, Roman.
Et. Wb. 1978). — *Clavica hatte *chiaecà, *cheecà ergeben sollen.
276
(ilORGE PASCU
Ingreuna «charger, rendre pesant; rendre enceinte» < *ingrena
<*ingrevinare + ingreuìa .
Oae «brebis» < ovis, das *oaùà hatte ergeben sollen, aber zum PI.
oì wurde der Sg. oae neugebildet (Candrea - Densusianu, 1265). —
Der Lautwandel ist normal, cf. naia < nove 11 a, nuìarcà <noverca.
Pat lit; crosse de fusil», mr. (Pap.B) «lit; batic; étage; grande
salle à Pétage où Pon travaille ; pot à fleurs», alb. pat «étage», napoP
patti «suolo, strato, solajo», ven. pato «soglia della porta; pianerottolo;
predella ) <gr. nazog «pas; cheminbattu» (Candrea-Densu§ianu, 1356).—
Et.: *pavatum = pavitum «plancher, carreau, dalles».
Ptimìnt, arum. pement, mr. pimintu, megl. pimint «terre» < pavi¬
menta m (Candrea-Densu^ianu, 1313; Meyer-Ltibke, Roman. Et. Wb.
6312). — Pavimentum hatte *ptiemìnt ergeben. Rum. ptimìnt,
sard. log. pamentu «pavimento», it. palmento «Ort, wo gekeltert oder
gemahlen wird» verlangen *pavamentum = pavimentum, cf.
oben pat < *pavatum = pavitum. — «Die mit pem-, pini- an-
lautenden rumanischen Formen sind unerklart» (Candrea-Densusianu,
ibid.). Pimint(u) < pement durch den Ubergang des unbetonten e
zu i; und pement < *ptiment durch Assimilation, cf. pcrete < ptirete
(<paries, -etis), pcreche <.ptireche (<paricula).
Ruginà «rouille) < aerugo, -inis. — (Rubigo, -inis hatte
*ruigina ergeben). — ruginos «couvert de rouille» < aeruginosus,
rugini «se rouiller» < aeruginare.
Sa ti «ou» < *se < *seve = si ve + ati < a ut.
III. Formen.
Das Istrorumànische Imperfektum
Hier sind die Paradigmata:
I
II
III
IV
canta* Tarn
sedé-iam
vindé-iam
durmì*Tam
cantà-Tai
sedé-iai
vindé-iai
durmi-Tai
cantà-ia
sedé-ia
vindé-ia
durmi-ia
canta-ian
sedé-ian
vindé-Tan
durrm-ian
càntà-Tat
sedé-ial
vindé-iat
durmi-iat
canta-Ta
$edé-ia
vindé-ia
durmi-ìa
Aus dieser Tabelle ist zu ersehen, datò fur die I., II. und III. Kon-
jugation die Formen des istrorumanischen Imperfektums sich von den
entsprechenden dakorumanischen durch das Vorhandensein eines i
zwischen dem Stamm und der Endung und durch den Akzent, der
immer auf den Stamm fàllt, unterscheiden: ir. ctintà-iam — dr. ctintd-(a)m,
LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN
277
sedé-ìarn — §ede-àm, vinde-iam — vinde-dm. Die Form durmi-lam
entspricht nicht mehr der dr. Form dormi-dm, adr. dormi-ìàm. Wahrend
die dr. Form dormi-arn, dormi-iarn aus der gewohnlichen, lateinischen
Form dormiebam stammt, entspringt die ir. der Nebenform dor¬
mi barn. In der Tat, Stolz und Schmalz, Lat. Gramm. in Iwan
Mullers Handbuch 4 II 2 289, bemerken: «Bei den alteren Dichtern
findet sich hàufig von den Verben auf -ire Nebenformen des Im-
perfekts auf -ibam (z. B. bei Plautus aibam 24, aiebam 30), aber
auch bei den Dichtern der klassischen und spateren Zeit finden sie
sich nicht selten (vgl. das Verzeichnis bei Neue-Wagener III 3 317ff.).»
Also : s
dnrmiiarn < * durmiam < dormlba(m) + m
durniiiai < *durmiai < dormiba(s) + i
durmiia < *durmia < d o r m i b a (t)
durmiian < *dnrrnidm < dormibàmu(s)
durili fìat < *durmidt. < d o r m i b à t i (s)
durmiia < durmia <dormìba(nt)
Der Laut 1 (ila < ia) ist epenthetisch ; und bei der 1. und 2. Pers. PI.
hat sich der Akzent auf den Stamm verschoben unter dem EinfluB
der anderen Personen.
In dieser Weise entstanden, wurden die Formen -ilam, -iial> -ila,
-ilari, -Hat, -ila des Impf. als i-lam, i-iai, i-la, i-ian, i-lat, i-la gefuhlt,
namlich als der Infinitivstamm des Verbums + -ìarn, -lai, -la, -lari,
-lat, -la. In der Zeit lautete das Imperfektum der Verba der I., IL
und III. Konjugation a-ani , c-aru, etc. < a-bam, e-barn, namlich der
Infinitivstamm + -ani, -al, -a, -an, -at, -a. Unter dem EinfluB der
Formen der IV. Konjugation, -lam, -lai, -la, -lan, -lai, da, wurden
auch die Formen der I., II. und III. Konjugation zu -ìam, -lai, -ia,
-lan, -lat, ia.
Der EinfluB der IV. Konjugation iiber die andere ist auch bei den
ladino-venetianischen Dialekten zu bemerken. Antonio Ive, I Dialetti
ladino-veneti dell’ Istria, StraBburg, Trtibner, 1900, S. 53, Nr. 165,
sagt: Imperfetto. Già al nm. 2 s’ è accennato all’ assimilazione
fonetica di tutte e tre conjugazioni, per qui queste, in causa del pro¬
pagarsi dell’ -iva della IV ital., si riducono tutte alL unico tipo
-,iva , ecc.
Da der Laut i beim Imperfekt der L, II. und III. Konjugation
fcàntà-i-am, sede-i-am, vinde-i-am) zwischen den Stamm und die
Endung eingeschoben wurde, bevor daB -aa < a(b)a und -ea < e(b)a
in a und ea kontrahiert wurden, so stellt er eine charakteristischc
dialektische Erscheinung flir die urrumànische Sprache dar.
278
GIORGE PASCU
Einige Numeralia
Sese - seispresece - seiseci . — Patru — paispresece - patruseci .
Das lat. Zahlwort sex solite im Rum. zwei Formen ergeben:
1. sese <*sexe<sex + -e analogisch nach quinque, septe (m)
und 2. sei c sex durch den Sehwund des Auslautskonsonants und
Hinzufugung eines analogischen Plurals i, cf. it. sei, rum. doì < *dui
< duo + 4, treì < tre(s) + -i. Die Form sese wurde als einfaches
Zahlwort, die Form sei nur isoliert in den zusammengesetzten Zahl-
wòrtern sei sprese ce und seiseci bewahrt.
Andererseits mit patru wurden regelmàfiig patruseci, patruspresece
(arum. und dial.) zusammengcsetzt, aber auch paispresece analogisch
nach doispresece, treispresece.
Der Grund, warum man sese, aber seispresece und seiseci, patru
und patruseci, aber paispresece sagt, ist der Rhythmus. In der Tat
sind die Zahlwòrter unspresece, doispresece, treispresece, cinspresece
(etymologisch geschrieben : cinclspresece ), septlspresece (etymologisch
geschrieben : septespresece ), optspresece, noùspresece (etymologisch
geschrieben: noùàspresece) alle viersilbig. Indem die Zahlwòrter
patruspresece (Densusianu, Ha^eg, 51 : patruspràsece; Bibl. 100 1/12:
a pdtra sprà zeàcea sì; mr. Pap.B. patruspràdscite) und sesespre-
sece (mr. Pap.S. §aspràdsate) fiinf Silben hatten, wurden sie durch
den viersilbigen paìspresece und seìspresece ersetzt.
Auch um des Rhythmus willen sagt man patruseci und nicht
*palsecl, aber seìsecì und nicht * seseseci, aber in diesem Falle wegen
einer anderen Symmetrie : von douusecì bis nouàsecl wird die Sym-
metrie abwechselnd durch drei- und zweisilbige Worter gebildet, und
zwar folgenderweise: doudsecl — drei Silben, treìsecì — zwei Silben,
patruseci — drei Silben, cinsecì — zwei Silben, dann seiseci — zwei
Silben, septeseci — drei Silben, obseci (geschrieben optseci) — zwei
Silben, noiiàseci — drei Silben. Die Zahlwòrter patruseci und
seiseci nehmen gerade den Platz ein, wo drei- bzw. zweisilbige Worter
stehen muBten.
Schliefilich bewahrt sich selbst sese im rumànischen Zahlen diese
Form, auch nur des Rhythmus halber. In der Tat reihen sich auch
die Zahlwòrter cinci-sece symmetrisch einander an, indem die Sym¬
metrie aus abwechselnden Gruppen zu je ein und zwei Silben besteht :
ciuci — eine Silbe, sese — zwei Silben, septe — zwei Silben, dann
wieder opt — eine Silbe, nona — zwei Silben, sece — zwei Silben.
Auch wenn wir annehmen wurden, dafi seispresece < *§es(e)spresecc
(cf. mr. saspràdsate ), wie paispresece < *patspresece (mr. paspradsa\é)
LATEINISCHE ELE.MENTE LM RUUA.M.SCHEN
279
< putmspresece und Rìseci < *ses(ejsecì analogisch nach xelspresece
(cf. saìsute Hasdeu Cuv. I 304 = sese suté) wtirde sie doch ihre
Form dem Rhythmus verdanken.
Die Zahlwòrter unspresece — nouàspresece lauten volkstumlich :
unsprece, (Sevastos, Poez. Pop. 302) doìsprecc, treìsprece, paisprece
(Bibicescu, Poez. Pop. 167) cinsprece, ; e'ts prece, xeptìsprece, optsprecc,
nonsprece, alle dreisilbig.
Giorge Pasco.
Archivimi Romanicum. - Voi. VI. — 192-J.
19
VARIETÀ E ANEDDOTI,
Di alcuni nomi dell’ Iris fiorentina e di altre
specie affini.
Un valente linguista mi domandava tempo fa ragguagli sul nome
di pianta iride e sulla sua relazione con il nome giaggiolo. Egli
aveva osservato un’ instabilità di forme nei vocabolari della lingua
viva (di fatti essi rivelano una grande incertezza fra le forme iris,
ireos y iride) e una non chiara distinzione tra i due nomi iride e
giaggiolo. Qualche vocabolario attribuisce in realtà i due nomi a
una stessa pianta.
La mia risposta non poteva esser contenuta in limiti più ristretti
che quelli di quest’ articolo. Presuppongo in chi legge tali cognizioni
elementari di botanica da risparmiarmi la descrizione delle piante che
scientificamente portano i nomi di Iris fiorentina, Iris germanica r
Iris pseudo-acorus e Gladiolus commnnis e prendo per base delle
mie ricerche la carta iris » (nr. 1599) dell’ «Atlas linguistique ».
Essa appare nettamente divisa in due zone lessicali : 1’ una del nord
con iris, V altra del sud, propria del Languedoc, con Untela f., ormai
bucherellata qui e lì [ai punti 743, 757, 758, 779, 784, 787, 861, 873,
878, 882, 883, 885, 897, 899] da rappresentanti del primo tipo. Am¬
bedue i tipi, tanto iris quanto Untela, varcano il confine della Francia
e penetrano al di qua delle Alpi (oltre che nella Svizzera^, nel Pie¬
monte, nella Lombardia, nella Liguria, nel Trentino e fino nel Friuli;
il primo appare evidentemente come un termine dotto, il secondo come
un termine popolare. Quali sono le vicende di tempo che regolano
i due tipi? In quale relazione stanno col nome usato'dai Romani per
designare questa specie di piante? Secondo il Daremberg-Saglio
(Dictionnaire des antiquités grecqnes-romaines , 1896, pag. 293) nel-
P antichità classica V iris (come il giaggiolo, il narciso, 1’ anemone e il
papavero) era molto in uso come pianta ornamentale nei giardini.
I Greci facevano distinzione fra Yoig (Theophr. 4, 5, 2; Diosc.
1, 1), che corrispondeva probabilmente all’ Iris germanica di Linneo,
e £nfloi’ (Diosc. 4, 20), che era il Gladiolus commnnis di Linneo, e
CvQig (Diosc. 4, 22) eh’ era una specie di iris non ancor identificata con
certezza. Pare invece che i Romani comprendessero sotto lo stesso nome
DI ALCUNI NOMI DELL* IRIS I LORENTINA E DI ALTRE SPECIE AFFINI 281
•
gladioliis varie specie affini che avevano, come nota comune, le foglie
a forma di piccola spada ( gladiola! ). Sembra perciò che il nome
iris già presso i Romani fosse di solo dominio letterario; i glossari
latini lo traducono conseguentemente con gladiohis [CGL III, 546, 65
hyrius . . . gladiolo ; 583, 32 hyrius . . i . . gladiohis ; 591, 25
gladiohis irins ; 632, 23 ireus gladiolo ; 579, 44 xiris i . . gladiohis ;
591, 36 irisilirica gladiohis hortensis\ 562, 29 iris africae . . gla-
diohts]. Il Capitulare di Carlo Magno (70, 17) conosce pure un
gladiolum per più specie di iris; Walafridus Strabus (f 849) e S.
Ildegarda (f 1179) attribuiscono il nome di gladiola air Iris ger-
manica ; Albertus Magnus (f 1280) confonde sotto lo stesso nome
gladiohis due specie differenti di iris ( Iris germanica L. e Iris
Pseudacorus L.) mentre col nome Yreos egli intende V Iris fioren¬
tina di Linneo. Il latino gladiohis sopravvisse quasi esclusivamente
come nome di una sola pianta, del nostro giaggiolo; come nome del-
T iris invece andò lentamente estinguendosi, lasciando su un vasto terri¬
torio degli eredi semantici ( spatha — ciiltellus — sabel — scliwert
ecc.). Le ultime tracce di gladiohis fanno capolino ai capi estremi
della Francia [ai punti: 876, Basses-Alpes; 989 Svizzera rom. Vailese ;
531, nella Vendée] neir accezione iris, e a Bournois nel Doubs \yàyà,
Roussey, 1894, che va con V antico frane, glais (cgladiu)] nel
r accezione « iris > e «colchico». Ora i continuatori semantici di gladiohis
devono colmare le lacune da esso lasciate scomparendo e sopperire ai
bisogni onomastici di parecchie piante (di tutte le specie di iris, del
Sparganhun ramosum di Hudson, del Butomus iimbellatus di Linneo).
Per la denominazione dell’ iris si assunse una parte di questo com¬
pito spatha per quasi tutta P Italia [toscano spadacciòla , spaderella ,
venez. spad ambia (Boerio), veron. trevis. bellun. spade (Monti, Sac-
cardo II) 1 trevis. spadon de S. Piero (Saccardo II), carn. spddes
(Gortani), trent. spade, spadóni, spadóci, (r. p.) poles. bresc. spadine
(Mazzucchi, Melchiori), locarn. spad (Franzoni), bergam. spadii (Tira-
boschi), com. valtellin. spadée (Monti), piemont. erba spd (Colla),
genov. erba spàa (Penzig), Sarzana nella Liguria spade (Mezzana),
reggiano speda, spadòun (Casali), abruzz. spata (Finamore), pugliese
spatola (Dom. Saccardo), 1 napolet. spatella (Dom. Saccardo), sicil.
1 Con Saccardo II intendo la «Flora tarrisana renovata (in Atti del
R. Istit. Veneto, LXXVI, Serie IX) che serve a completare la «Flora
trevigiana» (in Atti del R. Istit. Veneto, 1864, Serie III e V) dello stesso
autore (Saccardo I). Il figlio Domenico Saccardo pubblicò un elenco di nomi
volgari di piante medicinali nell’ Archivio di farmacognosia e scienze
affini (Anno VI, No. 8, Roma 1917).
19*
282
VITTORIO BERTOLDI
spatulidda (Albo) \ sardo spadóni (Vacca-Concas) 1 2 * ; un’ altra parte dei
compito se Y assunse cui t eli u s, che occupò tutta la Provenza e
parte dell’ alta Italia, formando così un’ area compatta di voci che
va dai Pirenei fino alle Alpi [veron. cortelasso (Goiran), bresc. cortelàs
(Melchiori), renden. kortéi m. pi. (r. p.), Carnia ctirtis (Gortani),
Liguria a Mentone cotele ) a Sella erba ditela (Lagomaggiore e Mez¬
zana), crescent. diteli (Ferraris), piemont. erba cotcla (Zalli), coutel,
colitele , cauteline (Colla)] ; ed infine in Francia vi portò il suo aiuto
anche il medio alto tedesco sabel , che concorse a completare semantica-
mente la zona di kutela [Puy-de-Dome, al p. 805: sabre; Cantal al
p. 709: sabre; Haute - Garonne al p. 763: sàbrès / Basses-Alpes al
p. 875 Vaino de sàbró).
In Germania la sostituzione avvenne per mezzo di derivati del medio
alto tedesco sivert «spada»*, Konrad von Megenberg (f 1374) nel
suo <Buch der Natur» traduce il latino gladiolus per swertlinch o
swertelkraut; il nome gladiola di S. Ildegarda nell 7 edizione di
Strasburgo del 1533 è tradotto con swertala, in altri documenti
di diversa età il latino gladiolus è riprodotto col ted. swerdilla f.,
swertala , sivertele, swertclla f. (cfr. Weigand, Deutsches Wòrter-
buch).
La coltivazione dell 7 iris come pianta ornamentale, che specialmente
all’ epoca del rinascimento assunse proporzioni vastissime, favorì la
diffusione del nome iris, il quale venne a trovarsi di fronte a que¬
st’ esercito di vocaboli armato di «spade», di «coltelli» e di «sciabole» e
dalla lotta ne uscì qualche volta vincitore. Riportò vittoria completa
in gran parte della Francia, meno che nel Languedoc dove riuscì
però ad aprire larghe brecce. In ispecial modo lungo la costa, dove
la coltivazione a scopo ornamentale e a scopo di commercio è più
fervida, la denominazione kutela fu respinta verso 1’ interno (cfr. p. 899
e p. 897 nelle Alpes maritimes, p. 883 e p. 872, p. 873 Bouche-du-
Rhóne*, p. 861 nel Gard* p. 779 nell’ Hérault; p. 787 nell’ Aude).
Anche nell’ alta Italia il nome iris contende il terreno ai derivati di
«coltello» o di «spada» [nella Liguria, a Genova irios (Lagom.
Mezzana), nel Piemonte iris, ireos (Colla), nel contado di Parma
ireos (Passerini), a Verona trio, riòsse (Monti), a Venezia irios (Boerio),
nella parte montana del Reggiano ariòss, nei dintorni di Reggio Em.
ireos (Casali)].
1 Giacomo Albo, La vita delle piante vascolari nella Sicilia mer.-orient.,
Ragusa 1919.
2 Salvatore Vacca-Concas, Manuale della fauna e della flora popolare
sarda ecc. in dialetto del Campidano di Cagliari, Falconi 1916.
DI ALCUNI NOMI DELL* IRIS FLORENTINA E DI ALTRE SPECIE AFFINI 283
Nel dipartimento di Gard al punto 841 della carta «iris» (1599) in
mezzo all 7 area kntelci si trova sperduto un lirgó , f., che certo è la
stessa voce che a Bagnères de Luchon [Hautes-Pyrénées] "designa il
colchico, cioè Ihérgo , f. (Rolland). Nel Mistral trovo: dirgo » «iris
germanique, iris jaune, plantes, dans le Haut-Languedoc glaieul»; il
«Dictionnaire languedocien» del 1759 porta pure un lirgo «glaieul».
Che cos' è lirgó? Si potrebbe pensare ad un nesso con le forme
molto diffuse del tipo tiri < liliit + gr. lirion (cfr. REW nr. 5040);
ma se quest' ipotesi va per il concetto, incontra difficoltà morfologiche;
perchè si dovrebbe ammettere come base una forma femminile mai
documentata *lilica > liriga > lirga, che avrebbe molto dell' arti¬
ficioso? E non credo c' entri qui neppure quel bergam. antico lerega,
terga, lirga «capogiro, vertigine» citato da Lorck, Altberg . Sprach-
denìz. pag. 181, che risale a un lirga «zizzania, loglio che mangiato
stordisce», perchè non vedrei il motivo ideologico che giustifichi un
tal nome per V iris. 1 Teofrasto (IX, 7) afferma che 1' iris è 1' unico
aroma che cresca in Europa e particolarmente nell' Illiria; Plinio (21,
20, 83) parla di una specie esotica di iris, che i Romani importarono
dall' Illiria per il profumo aromatico della sua radice, la quale aveva
varie virtù medicinali; fra il resto si appendeva al collo dei bambini
contro i dolori dei primi denti. Questa specie, che Plinio chiama iris
illirica, sembra esser stata la più nota come specie coltivata; è ri¬
cordata daColumella: iris illirica, 12, 20, 5; i glossari la identificano
per una specie di giglio o di giaggiolo: iris illirica idest liliam
celinum CGL III, 539, 52 ; iris illirica idest lilium purpureum 539,
66; iris ilirica gladioliis hortensis 591, 36; iris illirica idest solPa¬
gine 540, 5.
Il provenzale lirgo f. al punto 841 dell' Atlas continuerà dunque
una base il] Urie a e il colchico avrà avuto questo nome di seconda
mano, come n' ebbe già altri dall' iris.
Nell' Aveyron al punto 737 della stessa carta «iris» appare un
tùlìmpó f. e nell’ Ardèche al punto 833 un tuVipó, f.; sono due nomi
del tulipano e secondo il Glossane patois di Duboul, Las plantos
as carnps, Toulouse 1890 nel Languedoc anche il colchico è detto
tidipo de pratty f. Benché il tulipano fosse una pianta esotica, origi-
1 [Si sa che a queste forme alto-ital. il Salvioni {Romania, XLIII, 390)
dava per base un * li gola; ma non si può negare in via assoluta che l’etimo
sia il medesimo che il Bertoldi ha trovato per il prov. lirgo , tanto più che
nell’ alta Italia il senso primitivo è quello di «convolvolo, loglio» non di
«capogiro». Lomb. liriga (Monti), lirga, berg. Icrgheta , loglio, ecc. Non
è da escludersi, però, un incrocio con «legare». G. B.]
234
VITTORIO BERTOLDI
naria delle steppe delP Asia occidentale, introdotta in Europa dai
Turchi appena verso il XVI 0 secolo, pure il suo nome fu usato ben
presto popolarmente in tutta la Provenza a designare parecchie piante
selvatiche: oltre il colchico e 1' iris, anche il papavero e Panemone
[la carta N° 321 «coquelicot» delP Atlas porta al punto 882 (Bouches-
du-Rhone) tiilipà , Vayssier cita un toiilipo rongeo f. «papavero» per
P Aveyron, Rolland un tulipan «papavero» per Forcalquier, Mistral
porta un tulipo «anémone à fleur rouge» ecc. Per la diffusione in
Francia della voce ttilipe f. cfr. la carta 1344 delP Atlas]. Que¬
st' insolita fortuna eh' ebbe il nome d' una pianta di recente importazione
nella Francia meridionale, non à nulla di sorprendente. Nella Provenza,
in quel magnifico regno dei fiori, ogni pianta esotica ben presto
cresce spontana sulle colline e nelle vallate e si confonde nella vita,
nell' aspetto, nel nome con le piante indigene.
Il nome unico iris finisce con ottenere vieppiù una supremazia
evidente sui succedanei lessicali di gladiolus. Ciò è possibile solo
dopoché P iris non è più la pianta selvatica, umile ed oscura, dei
campi, ma dopoché essa è divenuta la pianta ornamentale padrona di
tutti i giardini di città, dopoché essa à invaso tutti i centri abitati,
spingendosi fino nelle sale di danza, nei banchetti, nei «boudoirs». In
questi casi ogni cittadina diventa un nuovo centro d' irradiazione e
di attrazione lessicale e il timido campagnolo, che volesse esser fedele
al suo vocabolo antico, si sente quasi scoraggiato e piega di fronte
alle esigenze della terminologia urbana e mondana.
Vittorio Bertoldi.
Due rappresentazioni sacre di Lodovico Castel-
vetro e Gio. Maria Barbieri.
«Rappresentazioni sacre» chiamo due spettacoli religiosi, ai quali colla-
borarono a Modena il Castelvetro nel 1556 e il Barbieri nel 1573.
Li chiamo così, sapendo che la mia designazione non indurrà il lettore
a sospettare che si celino due veri e propri drammi — due «Sacre
Rappresentazioni» — in questi spettacoli imaginati e preparati, con
grande sfarzo decorativo, per la processione del Corpo di Cristo. In
feste di tale natura, V arte più che la letteratura era chiamata a fare
le sue prove. Tuttavia, alcuni versi furono dettati dai due cinque¬
centisti modenesi, non estranei alla ideazione dei soggetti, come risulta
da una cronaca manoscritta, che ci offre parecchi ragguagli curiosi
su questi spettacoli edificanti x . Dei quali il primo, quello del 4 Giugno
1556, «fu la inmitacione (lascio parlare uno dei cronisti, certo Gandolfo
Si gonio) de Nabuccodonosor, con un caro belisimo adornato con li soi
teloni depinto a figure grande de colori fini inmitando pur la istoria
de detto Re depinto per mano de m ro Giovano Tarascho». Sul carro
era stata posta una statua dorata, opera del celebre Begarelli. Anche
v’ era dipinta una fornace, nella quale (come di leggeri si imagina)
furon gettati «tre giovani, che il fuoco non toccò». E questi tre
giovani cantarono versi composti da «messer Lodovico Castelvetro».
Il cronista non ci dà questi versi. Ci riferisce invece quelli composti
da Gio. M. Barbieri nel 1573, pochi mesi prima di morire, per un’
altra rappresentazione da lui «trovata». Il soggetto fu «il fondamento
della Santa Chiesa». La quale fu ritratta per allegoria in una nave
bianca, sopra un carro trionfale, guidata da un grifone d’ oro (Gesù).
Entro la nave erano : i quattro Evangelisti, un vecchio appoggiato ad
un libro (S. Giovanni, autore dell’ Apocalisse) e una donna, raffigurante
la Teologia, con «sottana rossa, con manto verde, con velo in testa
1 La cronaca, dovuta a più autori, abbraccia gli anni 1537— 1603. E con¬
servata nell’ Archivio della confraternita di S. Pietro Martire depositato nella
Chiesa di S ta Eufemia in Modena.
286 G. BERTONI. DEE RAPPRESENTAZIONI SACRE DI LODOVICO CASTELVETRO
bianco e coronata cP oliva». Ai due lati del carro erano due grandi
ruote (il Vecchio e il Nuovo Testamento). Alla ruota destra stavano
tre donne vestite rispettivamente di bianco, di rosso e di verde
(Fede Carità e Speranza); alla sinistra altre quattro donne vestite di
porpora (Prudenza, Giustizia, Fortezza, Temperanza). U imitazione di
Dante è evidente in questa allegoria. Il carro era tirato da quattro
cavalli e preceduto da sette angeli, che portavano sette candelabri (i
sette doni dello Spirito Santo). La Teologia cantava alcune strofe
in dichiarazione di tutto V argomento» scritte dal magn. co messer
Gio. Maria Barbieri canceliero della magn. ca Comunità». Le strofe
erano in numero di dodici. La prima diceva:
Gente divota, i’ son dal ciel venuta
Per rivelarvi V argomento vero
Che sotto alto mistero
Di velata figura or vi si mostra.
Le altre non erano migliori della prima, anzi peggiori. Epperò io
non le riferisco, pago di aver presentati il Castelvetro e il Barbieri
nella veste, che non conoscevamo, di ideatori di rappresentazioni religiose.
G. Bertoni.
BIBLIOGRAFIA.
Leo Spitzer. Die Umschreibungen des Begriffes «Hunger» im
Italienischen. Stilistisch - onomasiologische Studie auf
Grund von unveroffentlichtem Zensurmaterial. Halle a. S-
Verlag von Max Niemej'er 1921. (Heft 68 der Beihefte
zur Zeitschrift fiir romanische Philologie.) Vili u. 345 S.
Nachdem der Verf. in einer ausfiihrlichen Einleitung die Art der Ge-
winnung des Belegmaterials dargelegt hat, wird dieses selbst in 21 Kapiteln
kommentiert vorgefiihrt. Es ist erstaunlich, welchen Phantasiereichtum die
Hungerklagen der Kriegsgefangenen aufweisen.
Da es ihnen untersagt ist, sie offen auszusprechen, miissen sie zu Um¬
schreibungen greifen, von denen die meisten, sei es ein linguistisches, sei es
ein volkskundliches, Interesse haben.
Die einfachste Form der Verhiillung ist die anagrammatische Behandlung
des Wortes «fame»: z. B. mefa (S 14).
Mehr Phantasie verràt schon die Personifikation des Hungergefiihls, so
wenn z B. Sarden in ihren Briefen von dem Kameraden Famine Meda
(= molta fame) sprechen (S. 22), der ihnen nicht von der Seite weicht. Als
Euphemismus ftir fame tritt auch appetito auf (hàufig personifiziert : signor
Petito) (S. 37).
Interessant ist die Feststellung, dafi appetito nicht mehr als gelehrtes
Wort gelten kann, wie die verschiedenen dialektischen Varianten zeigen,
weshalb Verf. einen Artikel appetitus im REW mit Recht vermifìt (S. 36,
Anm. 2).
Die besondere Aufmerksamkeit der Volkskundler und Mythologen ver-
dient der Ersatz des Wortes «Hunger» durch Personifikationen wie: la
Signora, la Vedova, la Striga, la Bruna, la Negra, la Leggera, la Granda
dial. fiir Grande), la Morosa (== Amorosa), la Lorda (S. 40ff.). Schwieriger
zu erklàren sind Ausdriicke wie (s)boia, faloppa, barloca, basina u. a. m.
(S. 45 ff.).
Wer wenig iBt, hat keine Verdauungsstorungen zu befiirchten, daher
salute bzw. troppa salute hàufig in ironischem Sinne fiir «Fame» erscheint
(S. 50 ff.). Irrig scheint mir die Erklàrung der Eidechsenkur (qua facciamo
la cura delle lucertole, S. 53), womit nicht das Sichsonnen gemeint ist. Hier
kommt wohl die volkstiimliche Anschauung zur Geltung, durch den GenuB
eines Tieres bekomme man dessen Eigenschaften. Wer Eidechsen ifit, wird
mager. Vgl. franz. von einem Magern ironisch gras comme un lézard;
288
R. RIEGLER
maniria-lezerta (Basse-Auvergne) = personne maigre. Rollanti, Faune pop.
XI, S. 10.
Der bekannte Hungerkunstler Succi muB auch zur Verhiillung der
Hungerklage herhalten: fare la cura del S. (S. 53 f.). Ebenso ist die Luft-
kur (cura dell’ aria) eine ironische Umschreibung ftir die Nichterfiillung
gastronomischer Wiinsche (S. 55 f). Hinter den verschiedensten Krank-
heiten birgt sich gleichfalls die Hungerklage. So leiden die Kriegsgefangenen
an der Kamelkrankheit (malattia del camelo, S. 59), an der patatitis und
fagiolitis (vom vielen Erdapfel- und Bohnenessen a. a O.), oder es quàlt sie
der vermo salutare, der eine interessante Volksetymologie von verme soli¬
tario «Bandwurm» darstellt (S. 60). In alien Tonarten erschallen die Klagen
iiber Zahnweh, denn die Zàhne beginnen infolge von Beschàftigungslosigkeit
zu schmerzen (S. 63 ff.).
Eine merkwilrdige Verhiillung flir die Hungerklage ist die Redensart:
il fianco batte (vgl. franz. battre du flanc), vom herzschlàchtigen Pferde her-
genommen, das (infolge schlechter ’Ernahrung) mtihsam atmet (S. 67 f.). 11
battente al fianco, il battifianco wird dann geradezu fiir «fame» gebraucht
(S. 68). Haufig wird zu fianco destro «rechts» hinzugesetzt. Anstatt il fianco
batte heiBt es auch personlich: batto il fianco. Daneben treten flir fianco
verschiedene Hungersymbole auf, wie: segala, mula, freddo, camelo usw.
(S. 72ff.).
Da sich der Abgemàgerte den Giirtel enger stecken muB, wird cinghia
(S. 79) geradezu zum Synonym von fame. Haufig sind auch Klagen iiber
das Zuweitwerden und Herabfallen der Hosen (S. 80 f.). — Die durch das
Abmagern hervorgerufenen physischen Verànderungen des Kòrpers geben
zu verschiedenen Vergleichen AnlaB. So, wenn «la lunga» fiir fame ge¬
braucht wird (Magerkeit laBt lang erscheinen); ferner kommen vor baionetta,
stanghetta, stecchetto, scopa (Besen), chiodo (Nagel), von Tieren Auster,
Stieglitz und Sardine (S. 83). Der magere Korper scheut den Wind, er
kònnte ja davongeblasen werden, hingegen fiihlt er sich zu gewissen Berufen
besonders geeignet (Seiltànzer, Luftschiffer). Komische Personennamen
tauchen auf, wie: Signor Magrini, Magredis, Piangipane (S. 85), Denti, Ossi
(S. 86). Fasten verdammt den Mund zur unfreiwilligen Ruhe, daher ho
sempre molto sonno sotto il naso = ho fame (S. 88). Im selben Sinne: F osso
della barba lavora poco (a. a. O.). — EBlust treibt den Speichel in den Mund,
deshalb vielfach bava fiir fame gesetzt wird (S. 90) Nicht selten ist Kontami-
nation dieses Wortes mit anderen Ausdriicken (S. 91 f.). Ein hàufiges Hunger-
symptom ist ferner das Gàhnen: lo sbadiglio, wofiir auch sbaviglio vorkommt,
was entweder durch Einmischung von bava oder organiseli zu erklaren ist,
wie padiglione = paviglione (S. 95). Auch Schwindelerscheinungen erzeugt
der Hunger, daher veder lucciche, le sette lune (S- 96) Synonyme von
«Hungerleiden» sind. Hierher gehort ferner das Zittern der Hand (mi trema
la mano) und das Lateinreden (parlar latino), wobei Latein = Kauderwelsch
ist (S. 97). Der Hungrige traumt von tippigen Mahlzeiten (S. 98 fA Das
«Magenknurren» ist eine dringende Mahnung, die nicht iiberhort werden
darf, wie auch Anspielungen auf die Leere, Unbeschaftigtheit, Lànge und
Diinne der Gedàrme recht haufig sind (S. 99 f.).
Der Magen wird mit einem leeren Sack, einem Blasebalg, einer Lade
oder einem FaB verglichen (S. 102 f.). Unklar ist die Bezeichnung ghirba
BIBLIOGRAFIA
289
(S. 104). Ironisch wird das gezwungene Fasten als freiwillige religiose
tìbung gedeutet (S. 105). Ftir den Kriegsgefangenen ist es immer Kar-
freitag (S. 106). Durch sein gottgefàlliges, alien materiellen Genùssen ab-
gewandtes Leben verdient er sich das Paradies (S. 107), durch seine Virtuositàt
im Fasten erwirbt er sich die Eignung zum Klosterbruder (S. 107 ff.). Eine
gewisse Rolle spielt naturgemàfi die vierte Bitte des Vaterunsers, von deren
Materialisierung ein Beispiel vorliegt in irg. paneme nostro (S. 110).
Grofì ist die Anzahl der «Hungerheiligen» (S. Ili), deren Bezi.ehung zum
Hungerleiden allerdings nicht immer klargelegt werden kann. Am hàufigsten
genannt ist S. Lucia (S. 112), ferner kommen vor die hi. Anna, Agatha,
Katharina, Klara usw., von mànnlichen Heiligen der hi. Rochus, Gabriel,
Martin, Josef, Pantaleon usw. (S. 121 ff.). Mit dem sard. mastru Giuanne
= mastro Giovanni diirfte jedoch kein Heiliger gemeint sein (S. 126;.
Interessanter sind die vom Volkshumor konstruierten Hungerheiligen, wie
S. Potito, S. Appetitus (S. 128), S. Misirina (von miseria), S. Pacchiano,
zu dem man um «pacchi» betet, schliefìlich S. Cripofan (crepo di fame). Hier
reiht sich an die Bezeichnung des Hungers als cattolica, entstanden aus accatto-
lica (accattare «betteln» -f Suffix olica). Nach Analogie dieses Wortes wurde
gebildet boccolica (bocca «Mund»), bocconica (boccone «Bissen») beccolica
(becco «Schnabel»), magnifica (Dial. magnar «essen») usw. S. 180 ff.). — Das
Rumoren des hungrigen Magens wird mit Musik verglichen. Bauch und
Gedàrme beginnen zu singen, wenn sie leer sind (S. 134 f.). Das Singen
wird manchmal in den Kopf verlegt; cicoria = (testa, capo) canta S. 137,
oder es ruft die Vorstellung eines im Magen versteckten Vogels hervor
(S. 37). Kuckuck, Nachtigall, Amsel erscheinen hierbei als Singvogel par
excellence.
An Stelle des Vogels treten auch Frosch und Zikade (S. 138 f.). An-
spielungen an den Kirchengesang (S. 140) und an verschiedene Opernarien
kommen haufig vor, wobei namentlich die Bohème (bekannte Oper) als
Hungersymbol verwendet wird (vgl franz- une vie de bohème) Von Kriegs¬
gefangenen in Bòhmen (Boemia) wird das Wort zu Wortspielen beniitzt
(S. 140). Auch einzelne volkstiimliche Lieder miissen zur Verhiillung der
Hungerklage herhalten (S. 144). An Stelle des Gesanges tritt zuweilen
Instrumentalmusik, und zwar tauchen neben der Orgel Gitarre und Mando-
line als typische Instrumente des Siidens am hàufigsten auf (S. 145 ff.). Auch
mit dem Pfeifen (S. 148 f.) wird ab und zu das Knurren des Magens ver¬
glichen. — Eine nicht ganz klare Verhiillung des Hungergefiihls ist das
Springen = saltare, wobei es Verf. dahingestellt sein làfit, ob von der
Redensart saltare il pasto «ein Mahl uberspringen» oder vom Schlottern
(saltare) der Rippen auszugehen ist (S. 149). Mehr rhythmisch veranlagte
Gemiiter sprechen von einem Tanze (tango, tarantella), der sich gelegentlich
zu einem Balle erweitert (S. 151). Schwieriger zu erklàren sind die Hunger-
metaphern, die sich hinter gewissen Kartenspielen verbergen. Oft wird in
diesem Sinne das populàre trentuno-^Spiel genannt, wàhrend «quarantotto»'
richtig als Anspielung auf die Revolution vom Jahre 48 gedeutet wird.
(Aufruhr im Magen infolge des Hungergefiihls) (S. 153 f.) — Um den nagen-
den Hunger zu vergessen, vertiefen sich viele Kriegsgefangene in Lektiire,
daher leggere il foglio, il libriccino, soviel wie «hungern» bedeutet
(S. 156 f A
290
R. RIEGLER
Auch Sprachstudien werden betrieben, die offenbar in den Soldaten die
Lust zu Wortspielen erwecken, mit denen man gelegentlich die Zensur-
behòrde zu tàuschen versucht. So, wenn zum Beispiel in fingierter Un-
kenntnis des Deutschen ftir «Kriegsgefangenenlager» geschrieben wird Krist-
chefamenlader, was in gutem ltalienisch heifit: Cristo, che fame di ladro
(S. 158). Literarische Reminiszenzen sind nicht allzu hàufig, nur der Conte
Ugolino wird aus Dantes Commedia divina oft heraufbeschworen (S. 160 fi).
Ja sogar ein ugolinare «Hungern» ist einmal belegt (S. 163). Als historische
Erinnerung steht vereinzelt da der Vergleich mit dem als Martyrer des
Freisinnes populàr gewordenen Papst Pius IX. (siamo ridotti come Pio nono
S. 168). —
Das Verhàltnis des Menschen zum gestirnten Himmel dient auch dazu,
die Hungerklage zu verschleiern. Ein erzwungener Idealismus lafit den
Hungernden in ironischem Sinne die Raabesche Mahnung «Blick 1 auf zu
den Sternen» befolgen (S. 169). Mond und Sonne spenden ihr Licht, von
dem der arme Gefangene aber nicht satt wird. «Mangiasole» unterzeichnet
sich mit traurigem Sarkasmus einer der Hungerleider. Die Sonne làfit sich
nicht dem Bauche einverleiben, wohl aber kann man im Gegenteil — metter
la pancia al sole (S. 170), wie es der Lazzarone in Neapel tut.
Besonders interessant sind die Hungertiere; eine ganze Menagerie zieht
vor uns voruber. Da sind zunàchst die fleischfressenden Raubtiere, wie
Hyàne, Tiger, Bar, Lowe, Wolf (S. 1-75). An letzteren schliefien sich seine
harmloseren Vettern Hund und Fuchs an (S. ISO ff.). Wo Reineke erscheint,
ist auch dessen Opfer, der Hase, nicht weit, der insofern ein Hungertier ist,
als ihn das Nahrungsbediirfnis aus dem Walde treibt (S. 183 f.). In den
Bereich uralter mythischer Vorstellungen ftìhrt uns die weifie Stute (S. 184 {.),
wahrend Ziege und Kuh als schwache Tiere den Hunger versinnbilden
(S. 187 f.). Das Kamel, ein Virtuos im Fasten, wird besonders oft beschworen
(S. 193 ff.). Insekten, wie Fliege und Mticke, deuten auf Schwindel, ein be-
kanntes Hungersymptom (S. 186 f.). Die durch das Fasten hervorgerufenen
Magengeràusche erinnern bald an das Froschgequake (S. 192), bald an die
Stimmen verschiedener Vògel, wie Adler, Kuckuck, Wiedehopf, Kràhe,
Drossel (S. 188 ff.). Die Nachtigall (S. 191) geh'òrt jedoch nicht in diesen
Zusammenhang, denn sie ist das Symbol des Todes. Zu der S. 137 zitierten
Stelle: Vi prego di avere cura di me, se no vado.dove Filomena
findet sich eine auffallende Parallele aus dem bayerischen Lechrain bei
Bastian, Das Tier in seiner mythologischen Bedeutung (Ztschr. f. Ethnologie
I S. 53): ~ /
«Wenn nur die Nachtigall kàni und tat’ uns auflosen.» So klagt der auf
dem Siechbett liegende Bauer., der sich den Tod wtinscht (nach Panzer).
Schliefilich ist die Sardine als Sinnbild der Magerkeit ein beliebtes Deck-
wort fiir «Hunger» (S. 192).
Einen mehr niichternen, auf das Reale gerichteten Sinn verràt es, wenn
der Kriegsgefangene sich mit einer Maschine vergleicht, die Kohle und Ol
braucht, um zu funktionieren (S. 196 f.). Manchmal begegnet auch der Ver¬
gleich mit der verloschenden Kerze oder Lampe (S. 198). Ofen, Automobil,
Fahrrad, Schifi Bahnzug, Aeroplan, Mtifile, Hanfbreche miissen der Reihe
nach zur Umschreibung des Hungerbegriffes herhalten (S. 198 ff.). Das
Bild wechselt — offenbar mit dem Beruf des Schreibers. Sehr haufig ist
BIBLIOGRAFIA
291
ganz allgemein die Bezeichnung des Magens als fabbrica dell appetito —
im Magen wird Appetit erzeugt (S. 199 f.\ — Von den verschiedenen ln-
strumenten, die das Hungergefuhl symbolisieren (S. 201 ff.), ist das Sieb
besonders hervorzuheben (S. 203). Die Verwendung von «Sieb» als Vogel-
name in nordital. und prov. Mundarten geht aber nicht auf den Raubtier-
charakter dieser Vogel zurtick, wie Verf. meint, sondern beruht auf Schall-
nachahmung (vgl. Schuchardt in Ztschr. f. rom. Phil XXXV S. 739).
Hàufiger noch als das Sieb erscheint die Biirste, wofiir die Zahl der Belege
nach dem Verf. Legion ist. Er lafit es ubrigens dahingestellt, ob dieses
Symbol durch Ankniipfung an die franz. Redensart se brosser le ventre
(faute de pouvoir le remplir) zu erklàren ist, oder ob es auf die zur Magen-
reinigung verwendete spazzola del ventricolo (deren Beschreibung auf S. 206 f.
zuriickgeht.
Auch Làndernamen dienen als Deckworter fiir «Hunger». Dafi Frank-
reich, das Land des Wohllebens und des Uberflusses (vgl. die deutsche
Redensart: leben wie Gott in Frankreich), als Hungersymbol verwendet
wird (S. 209 f.), ist verwunderlich. Finen Fingerzeig gibt hochstens die
sizilianische Herkunft dieser Hungermetapher, die dahinter politische Ge-
hàssigkeit vermuten lafit (Bourbonenherrschaft S. 210). Mit mehr Recht
erscheint das ehemals so arme Spanien als Hungersymbol. — Bei dieser
Gelegenheit mochte ich darauf hinweisen, dafi auch heute noch der Fremde
gut tut, die echt spanischen Verpflegsstàtten (posadas und fondas) zu meiden.
Die geringe Begabung der Spanier fiir das Wirtsgewerbe ist bekannt, alle
guten Hotels in Spanien befinden sich in den Handen von Auslàndern,
namentlich Italienern. Wenn schliefilich die Schweiz als Hungerland er¬
scheint (S- 211 f.), so tut man diesem Land nicht minder Unrecht als Frank¬
reich. Man konnte hochstens an die argotfrz. Redensart «faire suisse» allein,
knickerig leben, ankniipfen 1 .
Wehren mochte ich mich gegen die Festlegung des Nationalcharakters
durch ein stehendes Epitheton. Den «heiteren» Italiener und «sparsamene
Schweizer mag man noch hingehen lassen, der «finstere» Spanier aber gehort
zum Urvàterhausrat in die Rumpelkammer. Diese falsche Auffassung vom
spanischen Wesen verdanken wir den Habsburgern, vor allem Philipp IL
und seinem allerdings wenig heiteren Hof.
In etwas loserem Zusammenhange zum eigentlichen Thema stehen die
Falle, in denen die Kriegsgefangenen ihren Tod prophezeien im Falle des
Ausbleibens von Paketen (S. 212 ff.). Diese Voraussagungen geben Anlafi
zu mehr oder minder poetischen Bildern (z. B- far la fine della cicala, esser
buoni per ingrassare i campi, lasciare le ossa usw.). Sehr gelàufig sind die
Vorstellungen vom Balancieren auf einem Messerrucken und dem An-einem-
Faden-Hàngen (S. 214). Mit iippiger Phantasie malt sich der Hungernde
die herrlichen Mahlzeiten aus, die er nach seiner Heimkehr in seinem Vater-
land halten wird; nicht selten bereut er seine friihere Unzufriedenheit mit
dem heimatlichen Essen und verspricht Besserung (S. 215f.). Hàufig kehrt
1 Dafi die Schweizer nichts weniger als Knicker sind, zumai, wenn es sich
um den Mitmenschen handelt, haben sie zur Geniige durch ihre grofiherzigen
Hilfsaktionen in Ósterreich und anderen notleidenden Làndern bewiesen.
292
R. RIEGLER
die Versicherung wieder, jetzt wiirde er geme verzehren, was die Schweine
librig lassen (S. 217). Manchmal wlinscht der Gefangene ein Vòglein zìi
sein, um die Brosamen unter dem Tisch in seines Vaters Hause aufpicken
zu kònnen, wie iiberhaupt auch sonst Vergleiche mit Vogeln, namentlich
als Sinnbild des Wenigessens oft vorkommen (S. 218). Nahe liegt besonders
der Hinweis auf den Kàfigvogel (uccello in gabbia, S. 219). Im folgen-
den Kapitel (Lebensmittelbeschreibung — Wirkung der Pakete, S. 220 f.)
spielt wieder die Personifikation eine grofie Rolle. Es ist da die Rede von
amico Polenta, amico Fava Cavallo (Pferdebohnen), amico Pane, amico Semola*
ordinanza Brodo usw. (S. 2221.). Griifie an Bàcker, Backofen und Backtrog
kehren als Winke mit dem Zaunpfahl immer wieder (S. 224 f.) — Die zur
Verhiillung fiir «Brot» gebrauchten Argotwòrter wie marocco, strisio, coccone,
artibi(a) geben dem Veri. Anlafi zu lehrreichen etymologischen Exkursen
(S. 227 ff.). — Parallel mit der Hungerklage geht die Klage iiber die Wasser-
kur, die dem an die heimatliche bevanda gewòhnten Italiener nicht zusagt.
Personifikationen wie St. Bibbiena (vom lat. bibere), Mrs. Beveridge, Bevi-
acqua verhullen die Beschwerden der Wassergegner (S. 225f.). Hingegen
ist das S. 229 Anm. 1 angefuhrte suf nicht das deutsche YVort «Suff», sondern
das friaul. iibrigens auch in Istrien gebrauchte Zuf, eine Art Maisbrei, zu
langob. supfa REW 8464). — Riihrend sind die Aufierungen der Freude
iiber den Empfang heimatlicher Pakete, die als manna del cielo oder grazia
del cielo bezeichnet werden (S. 230 f.). Den lokalen Anspielungen ist ein
besonderes Kapitel gewidmet (S. 231—234). Es liegt in der Natur der Sache,
datò sich der Verf. darauf beschrànken muB, die betreffenden Stellen anzu-
fiihren. Eine Deutung ist in den wenigsten Fallen mòglich. Immerhin
lassen sich einige Anspielungen auf Strafhauser unschwer verstehen (S. 232
gegen SchluB, S. 233 f.). Manchmal bedient sich der Gefangene einer nega-
tiven Ausdrucksweise, indem er mitteilt, im Kriegsgefangenenlager sei die
Behandlung durchaus nicht so wie in diesem oder jenem Hotel (S. 234).
Die Anwendung lokaler Dialektausdriicke (S. 234 ff.), die in dem schrift-
sprachlichen Text eingestreut sind, beruht auf der im allgemeinen richtigen
Voraussetzung, der Zensor sei nur der Schriftsprache machtig. Denselben
Zweck der Verhiillung verfolgen Ausdriicke aus der Gaunersprache (il
furbesco), wie sghissa, sgagnosa «Hunger», smorfia «Mund \ sgnocola «Speise»*
lanza «Messer» usw. (S. 237). Andere Verbergungsmittel sind Ellipsen, die
durch Punkte oder Gedankenstriche angedeutet werden (S. 238). Ein etwas
plumpes Mittel ist das Abbrechen oder die Abkiirzung des Wortes. Syn-
taktische Kompression — eine Art Telegrammstil — soli auch zur Ver¬
hiillung dienen. So werden Zeitwòrter entweder weggelassen oder in den
Infinitiv gesetzt, z. B. salute ottima vita infelice mangiare dentro il fiasco
e bere nel paniere, was an die Fabel vom Fuchs und Stordì ermnert (S. 238).
Ebenso sind Einklammerungen und Durchstreichungen verpònter Wòrter
nicht selten. Verf. erwahnt auch einige Beispiele von Zeichensprache (Mund
mit gefletschten Zahnen, bittend ausgestreckte Hand), obwohl dies eigentlich
aus dem Rahmen seiner Arbeit herausfallt. S. 241—251 werden vereinzelte
Typen angefiihrt, deren Etymologie nicht immer klar ist; so sghissa, sguiscia,
sgescia, sgagnosa u. dgl., ferner musoco, fogna, luscia, cobina, vivatella*
smoffa, fringalla, battere la diana, berloca, polenta* filippina, simona,-
carolina.
BIBLIOGRAFIA
293
Im SchluBkapitel S. 252—303) fafit Verf. die Ergebnisse seiner Unter-
suchungen zusammen. Als solche hebt er hervor die Erkenntnis von dem
geringen Unterschied in der Ausdrucksweise der Gebildeten und Minder-
gebildéten, ferner das Mifilingen der beabsichtigten Verhiillungen, haupt-
sachlich infolge eines gewissen Spieltriebes, der der urspriinglichen Absicht
der Verheimlichung entgegenwirkt. Wertvolle Aufschlusse gibt uns das
Studium der Hungerumschreibungen iiber die Entstehung der Geheim-
sprachen, deren Schopferkraft Verf. gegeniiber den Ansichten von Schwob,
Guieysse und Sainéan ins rechte Licht setzt. Mit Recht weist er auf die
Verwandtschaft der Hungerklagen mit volkstumlichen Ràtseln hin. — Un-
verkennbar ist ein Uberwiegen der Phantasie iiber die Logik, wobei die
Unfàhigkeit, ein Bild festzuhalten, zu interessanten Kontaminationen fiihrt.
Wird einerseits ein soldatensprachlich unifizierender Zug in den Hunger¬
umschreibungen festgestellt, so wird andererseits der Soldatenargot als eine
ephemere Erscheinung bezeichnet, die weder auf Sprachbau noch auf Syntax
EinfluB hat.
Interessant ist ein Vergleich der soldatischen Geheimsprache mit den
Zauber- und Geistersprachen der Wilden. Desgleichen wird auf die Identitat
der Hungerumschreibungen mit den mythologischen Krankheitsnamen alterer
Kulturperioden hingewiesen. — Glùcklich war der Gedanke des Verf., drei
literarische Darstellungen des Hungers (Roman de la Rose, Rabelais: Messer
Gaster und die Novelle «Saar» von Barbusse) vorzufiihren und so den Ver¬
gleich mit den Hungerumschreibungen der Kriegsgefangenen zu ermòglichen,
wobei Verf. zu dem iiberraschenden Ergebnis kommt, daB die modernen
Hungerperiphrasen der Kriegsgefangenen der synthetischen mittelalterlich-
naiven Darstellungsweise jener àlteren Dichtungen viel naher stehen als
der wissenschaftlich-analytischen Leistung des zeitgenòssischen Autors.
Nach dem Vorgebrachten wird ein Gesamturteil iiber das Buch, dessen
Beniitzung durch ein Wortregister erleichtert wird, nicht schwer fallen. Der
Autor selbst spricht die Hoffnung aus, seine Arbeit werde dazu beitragen,
*der literarischen Unterschatzung des volkstumlichen Schrifttums zu steuern*.
Liegt darin die ethische Bedeutung des Werkes, so ist sein wissenschaft-
licher Wert offenkundig. Nicht nur die Sprachwissenschaft (Semasiologie),
auch andere Disziplinen, wie Volkskunde, Psychologie, Anthropologie usw.
werden aus ihm reiche Belehrung schopfen.
R. Riegler.
Giacomo De Gregorio, Contributi al lessico etimologico romanzo
con particolare considerazione al dialetto e ai subdialetti
siciliani. Torino, Loescher. 1920. 462 p. L. 50.—.
(= Studi glottologici italiani VII.)
Die vorliegenden Contributi» bilden eine interessante Studie zu den
wichtigsten Problemen der sizilianischen Wortgeschichte, die um so
freudiger zu begriifien ist, als gerade auf dem steinigen Gebiet der sud-
ìtalienischen Mundarten der Linguistik noch mannigfache Ratsel gestellt
sfnd. DaB die einzelnen Artikel nicht immer auf der Hohe der heutigen
294
GERHARD ROHLFS
Forschung stehen 1 , ist zu bedauern, erklàrt sich aber durch De Gregorios
Abgeschlossenheit von den grofien Bibliotheken und anderen modernen
Hilfsmitteln, dann aber auch durch den Krieg, der nun einmal in dem inter-
nationalen Austausch wissenschaftlicher Ergebnisse eine empfindliche Kluft
gerissen hat. Bei alledem ist es zu bewundern, mit welcher Zàhigkeit
De Gregorio trotz Mifigriffe und wissenschaftlicher Entbehrungen die Er-
forschung der sizilianischen Mundarten weiter verfolgt. Freilich hat De
Gregorio auch manchen Vorteil: Er ist selbst Sizilianer und sitzt unmittel- .
bar an der Fundgrube. Doch mochte es scheinen, als ob Verf. diese Vor-
teile nicht immer ausgentitzt hat. Selten werden mundartliche Spielarten
angeftihrt, und doch hatten gerade die Formen der «subdialetti», die hier
wie auch sonst in De Gregorios Arbeiten nicht den gebiihrenden Platz ein-
nehmen, vieles aufklàren und Verf. vor manchem Mifiverstàndnis be-
wahren konnen. Bedauerlicher aber ist es, dafì Verf. sich, anstatt rundweg
ein «ignoramus» auszusprechen, zu oft zu Deutungsversuchen hinreifien lafit,
denen jedwede lautliche und bedeutungsgeschichtliche Grundjage fehlt, und
die man nicht anders als phantastische Kombinationen beze^ichnen kann 2 .
Wenn aber Verf. so weit geht, die wunderlichen Einfàlle eines palermitanischen
Orientalisten, der die Windnamen aus lateinischem Material ( sub-dius '> sud,
novus arctns > nord, angustimi > est, ob-augustum > ovest) zu erklàren
versucht hat, zu verteidigen (S. 370), so làuft er damit doch Gefahr, nun
auch in anderen Dingen nicht immer recht ernst genommen zu werden.
S. 27: Fiir siz. arvanu «Silberpappel» arbor anzusetzen, ist aus lautlichen
und begrifflichen Griinden undenkbar. Das Typische ist doch nun einmal
die weifie Farbe des Baumes: also dibarus , was tibrigens auch durch neugr.
iH'xn (zu Xeixóg «weifi») * Silberpappel» bestàtigt wird. 3 — S. 12: Siz. abbraccili
«grober Wollstoff», zu dem noch kalabr. arbasu und sard. arbaéi zu stellen
wàre, wird ansprechend als arabischer Import {al baz) erklàrt. — S. 82: gat-
tugghiare (mundartl. Varianten: grattugghiaru cutugghiari , atillicà usw.)
«kitzeln» ist auch kalabresisch. Was auch immer dessen Etymon ist, mit
cattus «Katze» hat es gewifi nichts zu tun. — S. 92: end dura «rundes
Brot» kann nicht auf collimi zuriickgehen, so wenig wie auf corolla , zu
dem es Meyer-Liibke (Nr. 2243) unter Berufung auf kalabr. kurudda stellt.
Die gelàufige Form in Kalabrien ist nàmlich kuddura\ kurudda tritt nur
ganz sporadisch auf und ist Umstellung aus kuddura , bei der corona aller-
dings seine Hànde im Spiel haben kann. Das Wort geht, wie schon
G. Meyer (Arch. glott. XII. 139) festgestellt hat, auf gr. xoUov^a zuriick. —
S. 81 : catascia «Kleister» mit taxus zusammenzubringen, geht doch wohl
nicht an; vgl. jetzt M. L. Wagner, Worter und Sachen, Beiheft 4, S. 134. —
S. 184: Siidital. gregna ist nicht crernia , welches nur «Reisig» bedeutet,
1 Vgl. S. 374 sulla «Art Rotklee», das schon ZRPh. 39. 729 von
M. L.* Wagner als lat. sylla (bei Plinius) erkannt ist, S. 163 granfa «cru¬
schello», das Jud (Rom. 43. 454) mit dem in Glossen belegten grandia (se.
farra) identifiziert hat, usw.
2 Vgl. sceccu zu equus (S. 117), nca «also» zu dum quid (S. 112), gira
«Riibe’ zu beta > abjeta > aggita > gira (!) (S. 53), sparapaulu zu pauper
+ 7iccv{)os (S. 271), zitti «Verlobter» zu situs (S. 352) usw.
3 Vgl. jetzt auch W. v. Wartburg, Franz. Etym. Wòrterb. s. v. dlbaruS.
BIBLIOGRAFIA
295
sondern gehort zu dem bei Plinius belegten gremitali «Garbe» (M. L. Wagner,
a. a. 0. S. 29). — S. 117: altsiz. hacca kann doch unmoglich ein equa wider-
spiegeln; es ist naturlich identisch mit span. baca. — S. 140 : filinia «Spinn-
gewebe» hat nichts mit filimi zu tun, sondern gehort zu fuligo «Rufi»; das
«tertium comparationis» ist «ekelhafter Uberzug». Kalabr. (Cotrone, Nicotera,
Sersale, Giffone) fulijina hat tatsàchlich beide Bedeutungen. — S. 141:
Siz. ciaccari «spalten», mit dem noch kalabr. jaccare, laccare und ital.
fiaccare zusammengehoren, zu fiaccare «schlaff machen» (so auch Et. Wb.
Nr. 3343) zu stellen, ist begrifflich bedenklich. Ich mochte *facni are > fiaccare
vorschlagen, das Ableitung von lat .facula «kleiner Holzsplitter zum Leuchten»
wàre. Die Erklàrung hàngt mit den alten Beleuchtungsmitteln zusammen.
Der Kienspan ersetzte einst die moderne Lampe 1 . Wer einmal die Gebirgs-
dòrfer Unteritaliens bereist hat, weifi, welch grofie Rolle der harzhaltige
Holzsplitter noch heute in den primitiven Hiitten der Hirten und Bauern
als Beleuchtungsmittel spielt. So darf es nicht uberraschen, dafì die Sprache
hier ein eigenes Wort fiir die Herstellung dieses so notwendigen Lebens-
bedarfes auspràgte. — S. 166: jina «Riile in der Fafidaube» kann nicht
gr. yvrr] sein 2 . Es gehort vielmehr mit Castrovillari jena «ciglione che segna
il limite di un campo» zu lat. gena «Augenwimper», das also dieselbe Be-
deutungsentwicklunggenommén hàtte wie cilium «Augenbraue» zu «Furchen-
kamm» (kalabr. ciglili , sard. cillu \ Es handelt sich beide Male um einen
furchenartigen Streifen, dort (jina) um die Rinne, hier (jena) um den Rucken
der Furche. — S. 174: Siz. zoccu ist doch wohl einfach ciò che in siid-
italienischer Lautform. — S. 182: nni (kalabr. ndi, uni) «uns» ist nicht von
inde zu trennen (wie soli nni, ndi aus nobis entstanden sein !) so wenig wie
ci «uns» von ci «dort». — S. 205: Schwierigkeit macht siz. zimma «Schweine-
stall». Es kann wohl schwerlich griech. xv/jpq sein, das cimba oder cumba
hàtte ergeben mtissen. Das Wort findet sich auch in Kalabrien (zimba,
zimma), bezeichnet hier aber nicht den gedeckten Schweinestall, der catuoju ,
paraciddu oder grulla genannt wird, sondern einen kleinen hurdenartigen
unbedeckten Verschlag, in den zwei oder drei Schweine zusammengesperrt
werden. Dieses ist wohl die urspriingliche Bedeutung. Daneben findet sich
das Wort hier noch in einem ganz anderen Sinne: Simbario zimma, Mon-
giana zimbu «die Menge Getreide, die von einem Paar zusammengekoppelter
Ochsen auf einmal gedroschen wird». Das fiihrt uns auf griech. My^ia «Zu-
sammenjochung», «Koppelung» 3 (vgl. Bova zimma «Joch», Pellegrini, Dial.
grec.-cal. S. 248). Dann wàre kal.-siz. zimma urspriinglich eine «Koppel
Schweine», die zunàchst auf ganz primitive Weise in einer Art Gehege fest-
gehalten wurden. Zum Bedeutungsubergang vergleiche norddeutsch Koppel
(= Zusammenpaarung) > Koppel (Gehege, eingehegte Weide). — S. 235:
Das Etymon von siz. vignami «Terrasse» ist nicht moenianum , sondern
maenianum (zu Maenius). — S. 249: Ein nasche existiert in Lecce nicht.
1 Vgl. kalabr. jaie ber a (Casole-Bruzio) «Kienholzsplitter, der als Wind-
fackel dient».
2 Ebensowenig befriedigen die bei Meyer-Liibke (Et. Wb. Nr. 281) an-
gegebenen Deutungsversuche (*agina, zinne).
3 Zur lautlichen Entwicklung vgl. griech. «Einschnitt» > kalabr.
Qavamba «Spalt», grieeh. oqàyfxa > bov. spamma etc.
Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 20
296
GERHARD ROHLFS
P. WAGNER
Die Form lautet nasca. — S. 254: In mici di hi coddu «Nacken» (eigentl.
«Halswirbel»), das auch kalabresisch und apulisch (Manfredonia noce de
cueddu) ist, kann man mit De Gregorio wohl zweifellos nux sehen; ob damit
aber auch ital. mica und franz. nnque ohne weiteres zu verbinden ist, bedarf
doch noch genauerer Untersuchung. — S. 269: papiciddu «fratello maggiore»
auf pater + picei ddu «klein» (das iibrigens in Sizilien gar nicht existiert)
zuriickzufuhren, ist wohl ganz unmóglich. Es ist vielmehr Schallwort, vgl.
Zeitschr. f. rom. Phil. 37. 105. — S. 272: W ie.pitarru «ungehobelter Mensch»
mit griech. netOo) "tiberreden» zusammenhangen soli, sieht man schwer ein.
Es gehòrt nattirlich mit kalabr. pitarra «grobes, roh bearbeitetes Olgefàb»
zu griech. mfrnQiov «Fab», «Topf». — S. 273: piddata «Getreidemenge, die
auf einmal gedroschen wird» hat nichts mit pellis zu tun, sondern ist Ab-
leitung von pillare impilare) «zerstampfen», vgl. in derselben Bedeutung
kalabr. pisera zu pinsare «zerstampfen». — S. 355: Der Form soira «Nord-
wind» entspricht auch im Kalabresischen ein suójira, das ich in Cerisano
notiert habe. Solite volkstumliche Umgestaltung aus einem scherzhaften
oder euphemistischen (Furcht vor dem dàmonischen Wind?) za vuojira
«Tante Boreas» 1 vorliegen? — S. 387 : Siz. tannii ist nicht tamde (!), sondern
Korrelativbildung zu quannii . — S. 413: verrina «Bohrer» kann nicht von
veru «Spiefi» kommen, sondern gehort, wie ich Arch. Rom. IV, 382ff. ge-
zeigt habe, mit franz. verrou «Riegei» zu verrcs «mànnliches Schwein»
(phallischer Vergleich). — S. 416: Zu vi ir ricari «begraben» ist wohl
auch siz. drivocari zu stellen, das bei Pitré (Fiabe III. 118) belegt ist,
ferner Foggia trobokà, Martano prucare, kalabresisch dirvucare, dur -
vicare (Terranova di Sibari, Luzzi), korvicare (Casino, Cotrone usw.), por-
vicare (Cacuri), orvicarc (Prov. Cosenza), r ubicar e (Corigliano), cruvicà
(Morano, Cassano, Scalea). Gegeniiber volvicare «walzen», das begrifflich
Schwierigkeiten macht, und dem unwahrscheinlichen obruicarc (Etym. Wb.
Nr. 6018) verdient das von Ri bezzo (Il dialetto di Francavilla Fontana,
S. 73) vorgeschlagene coopericare , zumai wenn apulisch pricare, prucare
und kalabr. korvicare, kruvikà die Urformen darstellen, wohl am meisten
Anspruch auf Anerkennung. Alle anderen Formen waren dann sekundare
Umgestaltungen, die wohl euphemistischen Verhullungsabsichten ihr Leben
verdanken.
Gerhard Rohlfs.
Gérold, Théodore. Le Manuscrit de Bciyeux, Texte et musique
cTim récueil de chansons du XV e siècle. Strasbourg
1921. p. LIV dTntroduction, deux pages phototypiées.
128.p.
Dafi bei Dichtungen, die zum Gesange bestimmt waren, eine restiose Er-
fassung und Erkenntnis sogar des poetischen Baues und der Struktur nur
unter steter Rticksichtnahme auf die Singweise erreichbar sind, diese tJber-
zeugung greift neuerdings um sich und hat auch ftir die romanische Philo-
1 Vgl. kalabr. sa Làura «Wolf», sa Rosa «Fuchs».
BIBLIOGRAFIA
297
logie zu dankenswerten Ergebnissen gefiihrt. Unter diesem Gesichtspunkte
mutò die vorliegende Veròffentlichung begriifit werden, da sie eine unmittel-
bare und ausgiebige Wiirdigung der Hs. Bayeux nach Text und Melodie
ermóglicht. Die 103 Chansons sind in ihren Melodien zum ersten Male vor^
gelegt in einer den heutigen Anschauungen angepafiten Kiirzung der rhyth-
mischen Werte des Originals. Eine ausfiihrliche Introduction verbreitet
sich zumai iiber die Stellung der Chansons in der musikgeschichtlichen Ent-
wicklung. Merkwurdigerweise bietet die Hs. nicht immer die Original-
fassung cfer Chansons, sondern ihre Bearbeitung fiir den mehrstimmigen
Satz, fiir den bekanntlich die Komponisten sich allerlei Verànderungen ge-
statteten. Aber auch so enthalten sie des Interessanten vieles, und Gérold
hat in dieser Beziehung manche gute Beobachtung gemacht. Besonders
dankenswert sind die beiden Tafeln, welche einen direkten Einblick in die
Originalnotierung gestatten.
Einige Kleinigkpiten seien hier noch vermerkt: S. 29 Notenlinie 4 ist der
Taktstrich nicht richtig gesetzt.
S. 35 Notenlinie 3 fehlt im vorletzten Takte eine Viertelnote e.
S 12 ist dieselbe melismatische Figur einmal, in Notenlinie 2, instrumentai
gedeutet, das andere Mal, am Ende, vokal.
Nicht gleichmafiig ist die graphische Behandlung der Anfànge der Chansons.
Bald sind bei unvollstàndigem Takte Pausezeichen gesetzt, so S. 24, 58, 59,
67, 72, 108, 114, 117 usw., bald nicht, so S. 10, 12, 32, 33, 37, 50, 55, 66,
90, 93 usw.
P. Wagner.
ARCHIVUM ROMANICUM
Voi. VI. — Nr. 3-4.
Luglio—Dicembre 1922.
Zum Corpus Glossariorum Latinorum.
Weitere Proben eines Ducangius theodiscus .
Eben erscheint der erste und damit zugleich der letzte Band des Corpus
Glossariorum Latinorum. Das Werk hat fiir das Lateinstudium eine imraer
steigende Bedeutung erlangt, seit im Jahre 1888 sein zweiter Band das
Licht der Welt erblickte. Prof. G. Goetz in Jena hat mit Hingebung und
Tatkraft unermudlich gearbeitet, und wir freuen uns, datò er den Abschlutò
seines Werkes nun erlebt. Wir begluckwiinschen ihn und haben zu be^
kennen, datò das groftartige Unternehmen weit iiber den Bereich der klassi-
schen Philologie hinaus Bedeutung besitzt und schon durch Jahrzehnte er-
wiesen hat. Schon im Jahre 1901 habe ich in der zweiten Auflage von
Pauls Grundrifì der germ. Philologie I 832 auf die Bedeutung von Goetzens
Glossenwerk fiir die germ-rom. Wortforschung unter Beziehung auf Glossen-
worte wie garba boltio sporonus blavus britischa usw. hingewiesen. Ich habe
schon damals betont, dafì das Problem eine gesonderte Behandlung in
grófierem Stil verlangt; aber Mit- und Nachstrebende haben die Winke un-
beachtet gelassen. Ich selber habe durch die Jahrzehnte von 1888 bis jetzt
das germ. Wortgut aus dem Corp. Gloss. Lat. weiter gesammelt, und dabei
reifte in mir schon lange der Pian eines Ducangius theodiscus, von dem ich
in den letzten Jahren drei Proben im Druck vorlegte.
Soeben habe ich in Bertonis Archivum Romanicum VI 1 eine Liste von
60 Worten aufstellen kònnen, die meinen Pian eines Ducangius theodiscus
alien Interessenten veranschaulichen soli. Und mit der vierten Probe, die
ich hiermit der Fachwelt vorlege, habe ich das erste Hundert von selb-
stàndigen mlat. Artikeln im Sinne meines zukunftigen Ducangius theodiscus
nahezu voli gemacht. In den zwei Jahrzehnten der Ausarbeitung hat mir
die stete Hilfsbereitschaft meiner Freunde G. Goetz und G. Gundermann,.
F. Burg und F. Mentz vielfache Hilfe geleistet bei der Feststellung und
Einschàtzung der Belege. Wird das ganze Werk einmal vollendet vorliegen,
so werde ich meinen Dank an diese Mitarbeiter mit Freuden vor der breiten
Óffentlichkeit wiederholen.
atjgripare ‘betasten 5 : in langobard. Glossenlatinitat zum Edict.
Rothari 214 Vatican. Glosse des 10. Jahrhs. (Corp. Gloss. Lat. V
491 a) anagrip agrippare cameni feminae cum manu = Madrider
Gl. (MG. Pertz Leg. IV 652) anagrip id est marni aggripare cameni .
Wohl eigentlich *adgripare = germ. atgripan ‘handgreiflich werden 5 ,
worauf angels. cetgr&pe ‘handgreiflich’ (Beowulf V. 1269) hinweist.
Archivum Romanicum. — Voi. VT. — 1922. 21
300
F. KLUGE
ala ‘Alant* = span. port. ala ‘Alant 3 : Isidor Etym. XVII 11, 9
inula quam alam rustici vocant. Vgl. auch die Glosse (10. Jahrh.)
elenium i. enula sive ala Corp. Gloss. Lat. Ili 560, 71. Germ. Ur-
sprung wird nahegelegt durch das gleichbedeutende ahd. alani . Vgl.
Diez I unter enola.
alabardati ‘Klette 5 ein Glossenwort des 10./11. Jahrhs.: gigaronc
alabardan Corp. Gloss. Lat. Ili 587a, 591 a, 612 b, 6t6b, 624b
(adabardane III 543 a). Verwandt mit mlat. bardana ‘lappa 5 Mat-
thaeus Silvaticus c. 387, wozu vielleicht die Glosse dardana i. per -
sonatia Corp. Gloss. Lat. Ili 559 b und dardana huslethte Ahd.
Gl. Ili 528 b.
alce c Elch’ in der Glosse cervus alce weist Goetz Corp. Gloss.
Lat. I 86 aus Cod. Harlei. 5792 (7. Jahrh.) nach. — Dazu elcus (fiir
*elchus) Corp. Gloss. Lat. II p. XII tragelaphus bestia quam elcum
vocamus. — Hierher auch alcus verschrieben fur elcus: Arbeo, Vita
et Passio Haimhrammi (MG. SS. rer. Merov. IV) S. 478 Regionis
montana fruttifera, pascuis dedita , herbis habundantia, feris saltus
et fructeta cervis , aids, bubulis, capraeis, ibicum et omnium bestia-
rum atque ferarum genenbus ornata . Das mlat. Wortmaterial bei
Holder, Altcelt. Sprachschatz I 87, III 558, wo auch ein abgeleitetes
Adj. alcìnus (ex cornibus alcinis) inschriftlich (Corp. Inscr. XIII 5708)
aus dem 1. nachchristlichen Jahrhundert bezeugt ist.
aloxinum, ‘Wermut 5 = frz. aluine ‘Wermut 5 : zuerst bei dem
meroving. Leibarzt Anthimus (6. Jahrh.), De obs. cib. cap. 15 cervisa
bibendo et medus vel aloxinum quam maxime omnibus congruum
est. Hierzu stimmt die Reichen. Gl. 116 a (= Foerster, Afrz. Ubungsb.
S. 20, 850) absintio aloxino . Vgl. auch noch die Glossen (10. Jahrh.)
absinthius i. aloxinus Corp. Gloss. Lat. Ili 587 a — absencius idest
alosanus III 608 a — absentius idest aloxanus III 616 b. Im Alt-
germ. entspricht nur die dem 10. Jahrh. angehòrige Gl. absinthium
alahsan (aber iiber dem 5 steht noch ein n) Ahd. Gl. II 623 a; dazu
mndd. mndl. alsen(e ) F. ‘Wermut 5 (im 16. Jahrh. wird Alsen als mosel-
frankisch fur Trier bezeugt ; vgl. mein Et. Wb. unter Alsem). Aus
dem Roman. (Diez, Altroman. Glossare S. 40) vgl. afrz. aprov. aluisne
M. ‘Wermut 5 . Die Germanitàt des sicher mlat. Wortes und der ganzen
Wortsippe ist nicht zu erweisen. Innerhalb der Wortgruppe bleiben
manche Schwierigkeiten ilbrig, zumai ein hàufiges Glossenwort mlat.
alosantus ‘Wermut" (Bjòrkman, ZfdW. 2, 231) anklingt und vielleicht
auch fiir Corp. Gloss. Lat. Ili 608 a, 616 b anzunehmen ist. Und ist
fiir das ahd. Wort ein Fem. *alahsna mit Rucksicht auf mndl. alsene
F. anzunehmen? Ist auch das i in mlat. aloxinum echt oder sekundàr?
ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM
301
— Uber ein Wermutgetrànk vgl. Gregor v. Tours, Hist. Frane. 8, 31
(MG. SS. rer. Merov. I) S. 347 bibit absentium cum vino et melle
mixtum, ut mos barbarorum habet.
amistrum, (amostrum) mit der Nebenform anstrum "Mistel 5 bis-
her nur als Glossenwort bekannt : Corp. Gloss. Lat. Ili 596, 22 ; 630,
29 viscus et anstrus in arbore — III 552, 47 amostro pomula de
visco . — Als Ubersetzung von ahd. mistil steht in den Ahd. Gl.
anstrum (anstra) III 292, 10; 294, 33; 353, 20 — amstrum III 493,
28 — amistrum III 485, 24; 514, 27; 570, 12: alle 11./12. Jahrh.
Nach J. Jud lebt das Wort noch in ostfrz. wallon. Maa. Im German.
noch nicht nachgewiesen, erscheint aber auf Grund des lit. àmalas
‘MisteP mbglich, da auch die Wortbildung amistrum nicht als un-
germanisch bezeichnet werden kann.
ango ‘Wurfspeer mit Widerhaken’ als griech. bei Agathias (6. Jahrh.)
Hist. II 5 ayycoveg. — Dazu die Glosse anconos uncenos Corp. Gloss.
Lat. V 340a, sowie die spatahd. Gl. ancones uncinos hdkin Ahd.
Gl. IV 167 b (Gl. Saloni.).
becavius ‘orceoli genus’ Corp. Gloss. Lat. IV 591 a. Vgl. Ahd.
Gl. Ili 642 b becharii pechara — III 644 a pecharius bechari — III
666 b peccarius — III 659 a pecarium — III 401 a beccharium . Das
Verhaltnis zu dem fruher bezeugten mlat. bacarium bacario ( bacrio )
Loewe Prodromus S. 55, 292 und Goetz Thes. Gloss. I 124 ist unklar.
bitus l Pfahl, SchandpfahP (?) in der Erfurt. Gl. (8. Jahrh.) bitus
lignum quo vincti flagellantur Corp. Gloss. Lat. II 570, 3. Die ver-
wandten mhd. bine (schweiz. bissen Idiot. IV 1698) c HolzkeiP und
anord. bite N. ‘Querbalken 5 deuten auf ein *bito Akk. *bitonem mit
einfachem /. Uber weiteren Zusammenhang von anord. bite c Quer~
balken 5 mit anord. beit , angls. bdt ‘BooP (eigentlich c Einbaum 5 ?)
vgl. Lidén Uppsalastudier S. 34. — Frz. bitte ‘Ankerbeting 3 sowie
engl. bitt(s) und mndl. betinghout , ndd. beting sind altgerm. Ursprungs
(Grundbedeutung ‘Querbalken’).
blàvus Adj. c blau’ in alten Glossen des 8./9. Jahrhs. : Corp. Gloss.
Lat. II 570a blatapigrnentum haviblavum\ Ahd. Gl. I 364a (Reichen.
Gl. Rz = Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 30, 75) jacinctina plawas\
Wright, Voc. I 196 a blavum color est vestis bleo. Zufrtihst Isidor,
Etymol. XIX 28, 8 masticinum, quod colorem masticis habeat, blaU
teum, blavum, mesticium. Entsprechend afrz. blou Fem. bleve und
aprov. blau Fem. biava l blau\ Quelle westgerm. bldwo-, in ahd.
asachs. bldo Adj. c blau\ — Dazu eine nach DC. seit dem 13. Jahrh.
bezeugte Nebenform blaveus als Vermutung M. Haupts eingesetzt im
Gedicht Àdilwalds vor 706 (MG. Epist. Ili 244 = MG. Auct. ant. XV
21 *
302
F. KLUGK
532) Syricorum insignia, pulchre pietà perniveo colore atque croceo ;
viridi, fulvo, fioreo fucata atque blaveo (Hdsch. laneo).
borda clavia (Streifen, Besatz) Corp. Gloss. Lat. V 596, 9; 627, 4
= Ahd. GL IV 113 Anni. 28 (Gloss. Salom.). Entsprechend ahd.
torto l Borde 5 ; vgl. prov. bordar ‘einfassen, sticken\
bordimi "Brett 5 in der Glosse (10. Jahrh.) scolembos vel pinax
bordus Corp. Gloss. Lat. Ili 586, 10. Aus dem Altgerm. entsprechen
die Neutra got. baùrd , .asachs. angls. bord l Brett\ Der zum Singular
gewordene Plural mlat. *borda steckt im altital. borda c Hiitte\
britischa in der 876 verfafiten Glosse setae hiemales sunt domus
hiemales quae calidae effìciuntur subductis flammis quod vero est
melius set a e hiemales sunt britischae austro apposita e setae aesti _
vales sunt britischae aquiloni appositae dictae a similitudine sete
litterae* Corp. Gloss. Lat. V 586 b. — Uberwiegend in der jungeren
Lautform bertiscci l eine Vorrichtung bei Befestigungswerken 5 ; vgl.
Urkunde Berengars I. von Italien a. 906 bei Schiaparelli 1903 Diplomi
di Berengario I (Fonti 35) S. 177 in prenominato loco et fundo eum-
dem Audebertum diaconum castrum aedificare permisimus eumque
ciim bertiscis, merulorum propugnaculis atque argmnento affìrmare
ime inscriptione decrevimus, qualenus ipsum castrum nostra regali
fìsus auctoritate bertiscis circumdet — a. 911 S. 209 Quorum peti -
cionibus prò Dei amore nostreque anime mercede assensum pre-
bentes, ut castrum, propiignacida , bertiscas ad expugnandum,
prout volimi, hedificent concessimns — a. 912 S. 225 edifìcandi
castella in oportunis locis licentiam attribuimus una cum bertiscis,
merulorum, propugnaculis , aggeribus atque fossatis — zwischen
912—913 S. 249 mertdos, fossata y bertiscas (Var. britiscas ) atque
spisatas (auch um 915 S. 266, 267; a. 916 S. 282; a. 922 S. 353).
Jiìngere Belege bei DC. un ter bretachiae, berthesca und balitrisca.
Quellwort zu afrz. bretesche, aprov. bertresca . Nach Foerster Zfrom-
Phil. 6, 113 eigentlich wohl l die Brittische oder Bretonische 5 unter
Hinweis auf ital. saracinesca ‘Fallgitter 5 von Saracene (vgl. angls.
brittisc C brittisch 5 ).
bultlo (Akk. -onera ) "PfeiP =- afrz. bousson , aprov. boson, ital.
bolsone ‘PfeiL (auch c Mauerbrecher 5 ). Vgl. die Gloss. Nominum
iactus boliio scigitta sciutil Corp. Gloss. Lat. II 582, 8, die Gloss.
Salom. bulcio pois Ahd. Gl. IV 41, 27 und das Summ. Heinr. pideio
{Var. bulcio) bols Ahd. Gl. Ili 161, 42; 215, 67; 267, 26; 295, 36.
Dazu die spaten Nebenformen bultius pulcium : Ahd. Gl. Ili 718, 51
(13. Jahrh.) bulteus vel pidtio bolso und III 635 a (11./12. Jahrh.)
pulcium pois . Innerhalb des Altgerm. fehlt eine formell genaue Ent-
ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM
303
sprechung zu mlat. bultionem = afrz. bousson , die aber sicher fur
das Altfrànk. vorausgesetzt werden mu6. Die altgerm. Entsprechung
zeigt ein auf mlat. *bultus deutenden ohne j gebildeten reinen a-Stamm
ahd. bols , angls. bolt M. "Bolzen, Pfeil 5 mit einer seltenen schwach-
flektierenden Nebenform ahd. bolso M. Ahd. Gl. Ili 683 a, 718b. An
der Germanitàt der ganzen YVortfamilie ist nicht zu zweifeln. — Nicht
hierher gehòrt eine Bezeichnung des "Ranzens 5 als bulsia mit dem
Diminutivum bulsiola Reichen. Gl. 1013, 1487 a (=Foerster, Afrz.
Ubungsb. S. 11, 20; 26, 1098), worin Diez, Altrom. Glossare S. 50
Verwandtschaft mit bulga "Tasche" vermutet (vgl. DC. unter bulcia ).
cofia "Haube 5 : Ven. Fort, (bald nach 587) Vita Radegundis (MG.
SS. rer. Merov. II 369) Radegundis accedens ad cellani Sancti Iu-
meris die uno , quo se ornabat jelix regina , composito , sermone ut
loquar barbaro, sta pione, camisas, manicas, coflas, fibulas, cuncta
auro, quaedam gemmis exornata sancto tradit altario. — Alcuin,
Offic. divin. (bei DC.) pileos, id est , cuphias gestare in capite, dum
assistunt altaribus . — Glossenbelege : Reichen. (il. 321 (= Foerster,
Afrz. Ubungsb. S. 5, 169) teristrum genus ornamentum mulieris
quidam dicunt quod sii enfia vel vitta . — Corp. Gloss. Lat. V 584, 8
(9. Jahrh.) cedaris et tiara et mitra unum sunt scilicet pilleus cala-
maucus capeleus enfia sive galerum. — Pariser Danielgl. (9. Jahrh.)
tyaris vesti sacerdotali ad similitudinem cufie habens vittam
(Holtzmann, Germania Vili 393). — Ahd. Gl. IV 342 Anm. 8 (Leidener
Prisciangl. des 10. Jahrhs.) tiaras, tiara in capite sacerdoti quam
coffiam dicimus vel mitrimi . — Ahd. Gl. II 347 Anm. 14 quod vulgo
dicitur cuphia. — Vgl. frz. coijfe , aprov. cofa und ital. cuffia . Die
Germanitàt von mlat. cofia ist nicht zu erweisen, jedenfalls Zusammen-
hang mit ahd. li liba unmòglich.
crisso ( criso ) M. "Kresse 5 mit der Nebenform cris(s)onns ein
Glossenwort des 10./11. Jahrhs. fiir lat. nasturcium : crisson Corp.
Gloss. Lat. Ili 593a — crison III 614b — crissonus III 581 b —
crisonus III 570b; 626 b — erisinus (lies crisinus) III 582 b (Goetz,
Thes. Gloss. Lat. I 726). Vgl. Vita S. Amalbergae (gest. 772) 27
(ASS. Juli III) S. 97 iussit , ut herbam quam vulgo crisonium (lies
crisonum?) vocant, circa irrigua Sennae decerperet — Die mlat.
Form cris(s)onus weist auf eine altere Latinisierung cris(s)o cris(s)onem
(vgl. mahonus neben maho und sporonus neben sporo ). Entsprechend
afrz. cresson "Eresse 5 (eine spàtmlat. Nebenform cresso bei Lieber-
mann, Gesetze d. Angls. I 417 ieiunium in pane videlicet azymo puri
ordei et aqua et sale et cressone aquatico). Aus dem Westgerm. ist
fruhangls. cressa M. "Eresse 5 schon im 8. Jahrh. bezeugt in den
304
F. KLUGE
Erfurt. GL (Corp. Gloss. Lat. V 3l2b) und den Epinal. Gl. 676
nasturcium tauncressa . Hierher auch die kornische Gl. carista l.
kerso, beler Zeufi-Ebel, Gramm. Celt. 2 S. 1076? Man beachte den
/-Vokal von ahd. (mittelfrank.) crisso in den Trierer Gl. nasturcium
crisso Ahd. Gl. Ili 571 a, IV 206a und in einer Hs. des Summ. Heinr.
Ahd. Gl. Ili 109 b (auch III 505a). Gegenuber diesen alteren Wort-
zeugnissen fallt die spatmlat. Form cresco in iElfrics Glossar (Zupitza
S. 311 = Wright, Voc. I 135, auch I 323) als Anlehnung an lat.
crescere ‘wachsen 5 nicht schwer (vgl. die Glosse sinapiones cressa
saxonice qui in aqua crescil Corp. Gloss. Lat. V 333 a). Durch die
Gleichung friihangls. cressa M. = ahd. (Gl. Ili 490a; 512b) cresso
M. wird die Existenz des germ. Wortes fur das 4./5. nachchristl. Jahrh.
gesichert, und mlat. crisso M. ‘Kresse 5 ist die Bestatigung dafiir (d. h.
55 kann nicht auf germ. sj zuriickweisen).
dravoca L Unkraut 5 als Glosse zu lat. lappa und personacia Corp.
Gl. Lat. Ili 585b; 592a; 594a; 613a* 615b; 626a; 627b (10. Jahrh.);
dazu die spate Glosse (13. Jahrh.) dravoca vel lappa clivestruc cletc
Ahd. Gl. Ili 719 b. Schon bei Papias a. 1053 gisania quam poetae
infelix lolium diclini , drauca — gyson sernper via drauca ides
certa et vera. Nach Thomas, Romania (1912) S. 70 (vgl. auch
Schuchardt, ZfromPhil. 1908 S. 477) ideatiseli mit mittelengl. drauk,
mndl. dravic t Trespe > sowie mit afrz. droe l Lolch\
falvus ‘falb 5 im Abavus-Glossar (9. Jahrh.) falbus (Var. falvus)
fulbus helbus Corp. Gloss. Lat. IV 341 a — Julbus falbus (Var.
falvus) hellus IV 345a; danach Papias a. 1053 falvus fulvus elvus
color. Unsicher falvus (Var. flavus) Ahd. Gl. ITI 274 Anm. 9. Vgl.
auch die Glosse (10. Jahrh.) alopicia nuda cutis per partem capitis
in se habens albos pilos et falvos Corp. Gl. Lat. Ili 596b. Erst
spiite Literaturbelege bei DC. — Entsprechend einerseits ahd. falò
Plur. falawe und angls. fealo Plur. fealwe (germ. Stamm fahva -)
und anderseits ital. falbo , frz. fauve. Zu den germ. Farbenbezeich
nungen vgl. blancus bldvus br.unus gravus grisus.
flado c Kuchen 5 in der von G. Goetz mitgeteilten, dem 10. Jahrh.
angehòrenden Glossarhandschrift Cod. Bern. 243 placenta genus eduln
vel panis qui vulgo dicitur fiat (lies flado?). Belege: Ven. Fort,
(bald nach 587) Vita S. Radegundis (MG. SS. rer. Merov. II) S. 369
Quod in mensa sub fladone sigilatium panem absconsum vel or -
deatium manducabat occulte , sic ut nemo pcrciperet — S. 371 Panis
vero deliciarum sigilatium fuit aut or deatium y quem absconsum sub
fladone sumebat , ne quis perciperet . — Anscher um 1100 Mira-
cula S. Angilberti (ASS. Febr. Ili) S. 105 b Suni ibi clibana tredecim y
ZUM CORPUS GLOSSARIORUxM LATINORUM
305
qime reddunt unumquodque per annum decem solidos, et panes
trecentos, flatones in litaniis unumquodque triginta. — Entsprechend
ahd.j ?ado (aus *filathó) — afrz. flaon c Fladen\
garba ( Garbe 5 (prov. span. garba ‘Garbe 5 = afrz. garbe jarbe =
ahd. garba c Garbe 5 ). Belege: Aldheltn um 685 De virginitate V. 124
(MG. SS. auct. ant. XV) S. 358 Sed demum decies metens ex aequore
garbas ternas accipiet , qui vincla jugalia nectit. — Adalhard a. 822
Statuita Corb. II 9 (Le Moyen-Age 13) S. 371 omnis illa quantitas
vel qualitas laborationis , qiiac in longioribus locis adcreverit et ab
hoc, quamvis in spelta fieri possit , in garbas tamen et fieno im¬
possibile fillerit. — Formulae Imperiales um 830 (MG. Formul.) S. 287
annona ad caballos modios L, garbas D , de Ugni mensuras L . —
Werdener Urbar (ed. Kòtzschke) Ende des 9. Jahrhs. S. 18 Unam
garbam lini debet in agro colligere , quam debet ad plenum procu¬
rare et semen bene paratum presentare . — Giiterverzeichnis d. Abtei
Priirn a. 893 (Beyer, Mittelrhein. Urkundenb. I) S. 160 ex his pre-
dictis mansis tenet Tietfridus fi soluit de vino modios XIII et di -
midiurn , garbas Ifi faculas X, pullos III, ova XV. — Rectitudines
singularum personarum (1. Hàlfte des 11. Jahrhs.) bei Liebermann,
Gesetze d Angls. I 445 habeat garbam suam , quam prepositus vel
minister domini dabit ei. — Urkunde von 1063 (Merseburg. Ur¬
kundenb. I) S. 66 similas XII... et C ova . . . fotri cum palea
garbas sexies LX } sine palea modios VI. — Herzebrocker Hebe-
rolle (hrsg. von Eickhoff, Progr. Wandsbeck 1882) aufgezeichnet
zwischen 1082—1096, aber ni eh alterer Vorlage S. 18 li scoc gar-
barum. — Trier. Zinsvergleich a. 1083 (Beyer I) S. 436 Everberonis
et Adelmanni qui deputati cultoribus reddunt ad messuram tertiam
garbam. — Haufiger in alteren lat.-lat. Glossen: Reichen. Gl. 379
(= Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 6, 203) in manipulos redacte in
garbas collecte — 3103 (= Foerster S. 20, 816) manipulos segetes
garbas. — Epinal. Gl. 468 (= Corp. Gloss. Lat. V 363 a) garbas
sceabas. — Leidener Prisciangl. d. 10. Jahrhs. (Ahd. Gl. IV 342 a)
merges quod rustice garba. — Berner Hs. 243 aus d. 10. Jahrh.
(Mitteilung von G. Goetz) merges collecti in unum manipuli, quod
garbam dicimus. — Ahd. Gl. IV 336b (11. Jahrh.) maniplos id est
garbas (zu Juvenal). — Wright Voc. I 517 (11. Jahrh.) garbas
manipulas sceafias. — Aus dem Westgerm. vgl. ahd garba , asàchs.
*garba im Gen. Plur. garvano (tein scok garvano Freck. Heber. 15),
anfrank. garva (garavon manipulos Gl. Lips. 285). Im Angls. fehlt
unser Wort, das bei Aldhelm daheraus festlàndischem Mlat. stammen mufì.
hairo c Reiher 5 : Miracula S. Helenae 11. Jahrh. (ASS. Aug. Ili)
306
F. KLUGE
S. 619 b Nec dissimile illud extitit, quod advenientes ad loca sane-
torum quidam peregriniin prato , quod eidem monasterio subjacet ,
considentes , volucres sunt contemplati, quas hairones nuncupat lo-
cutio vulgaris. — Nach Schlutter auch in den Gloss. Aynardi (11. Jahrh.)
ardea est avis idest karon (Corp. Gloss. Lat. V 615 b). Entsprechend
afrz. hairon nfrz. héron (daher mittelengl. heiroun engl. heron) bei
Diez I 8 und Meyer-Lubke Rom. Et. Wb. Nr. 3991. Dem voraus-
zusetzenden vulgarlat. *hai(g)iro entspricht mit Abweichung im Mittel-
vokal ahd. lia'garo, das durch die finn. Entlehnung haikara ‘Reiher*
bestàtigt wird. Uber Ursprung und Wortformen von ahd. haigaro
vgl. Suolatiti, Die deutschen Vogelnamen S. 377.
latta ‘Latte 5 im Liber Glossarum c. 750 assares lattas (Corp.
Gloss. Lat. V 169, 7); dann wohl auch im 10. Jahrh. in den I .eidener
Prisciangl. lat.-lat. (Ahd. Gl. IV 342, 17) asser latta in tecto (auch
lat.-lat. Ahd. Gl. II 726, 44?). Dazu einerseits die roman. Sippe von
ital. latta (Diez I), anderseits angls. Icet Plur. Icetta F. ‘Latte 5 , andd.
latta Plur. lattan Ahd. Gl. II 351, 8; III 722, 4 und mit richtiger
hd. Lautverschiebung ahd. (mfrank.) lat sa tigna Ahd. Gl. Ili 683, 27
(= ZfdW. 10, 96) — latsa tigillum Ahd. Gl. IV 179, 19 und in der
Neuzeit lats bezeugt z. B. fiir Aachen und in Siebenburgen filr Mediaseli.
Unklar bleibt die Abweichung von ahd. latta (mit der Nebenform
mhd. lade c Brett 5 ?) = spatmengl. (15. Jahrh.) laththe engl. lath.
laubia ‘Laubhtitte 1 in Glossen sehr selten: obumbraculum laubia
Corp. Gloss. Lat. II 558 Anm. 2. — (schemis) quod nos dicimus
laubias. laop dicitur germanice folium. inde laubia facta tecia ex
foliis Ahd. Gl. IV 340, 1 (9. Jahrh.). In einem alphabet. Glossar
zuerst bei Papias 1143 lempes laubia vulgo dicitur (er gebraueht
unter scaena auch die Lautform lobia). — lobias als Glosse zu scaenas
auch bei Abbo a. 896 De bell. Paris. 366 (MG. Pertz SS. II 785 =
MG. Poetae lat. aevi Karol. IV 90). Vgl. Goetz, Bayr. Sitzungsber.
1903 S. 278. Unsicher ist die Hergehorigkeit der Form louba (statt
laubia) Ahd. Gl. IV 342, 5. Belege: Gefalschte Urkunde des
frankischen Kònigs Gunthram I. von 584 (MG. Diplom. I 129}
censemus ergo regalique authoritate roboramus, ut ibi manentes
servi hospitale construant: solarium vero cum cantinata, illi de
Gergiaco et de Alciaco faciant: illi autem de Mercureis ed de
Canobis lobiam aedificent . — Polypt. S. Remigii Remensis S. 7 a
habet mansmn dominicatum, casam cum laubia et cellario et carni-
nata et quoquinam — S. 13 a In Trielongum habet mansum do¬
minicatum, casam cum solario et cellario et caminata, laubia , hor~
rea IL — Urk. Berengars I. von Italien zwischen 906—910 bei
ZUM CORPUS GL0SSAR10RUM LATINORUM
307
Schiaparelli 1903 Diplomi di Berengario I. (Fonti 35) S. 189 civitate
Papia in sacro palacio hubi domnus Berengarius rex preerat , in
laubia magiore ubi sub Teuderico dicitnr — S. 191 villa Bellano
in laubia soiarii Sancii Ambrosii curtis (auch a. 913 S. 235, a. 915>
S. 256). — Regesto Mantovano I (Regesta Chartarum Italiae XII)
a. 962 S. 19 Regio , in domo Regensis eccl., in sala propria ipsius
domili in laubia maiore . . . [resejdisset Vuarmundus index et
missus imp . — Urk. Otto I. a. 972 (MG. Dipi. reg. et imp. I) S. 568
laubia. — Belege aus langob. Latinitat (a. 892, 896, 901, 918) bei
Bruckner, Sprache d. Langob. S. 22, 208. — Zur Sache und zur
Etymologie vergleicht das DWb. untcr Laube Gregor von Tours 5, 19
stabat rex juxta tabernaculum ramis factum — 8, 33 oratorium
. . . intextis virgultis in sublime construxerat. — Dem mlat. laubia
entspricht einerseits die roman. Sippe von loggia (Diez I) sowie finn.
laupio c inneres Dach 5 als altgerm. Entlehnung (vgl. Toivonen 1920
Neuphil. Mitteil. 123), anderseits mit pp vor j spatahd. louppa (Ahd.
Gl. IV 120, 39 Gloss. Salom.). Die Umlautslosigkeit in mhd. loube
ist gesetzlich wie in gelouben = got. galaubjan. Md. ndd. Maa.
zeigen hinwieder richtigen Umlaut, z. B. hess. laube c oberes Stock-
werk 3 und brem. love.
liciscus c eine Hundeart 3 mit dem hàufigeren Fem. licisca (vgl.
afrz. leisse , prov. leisa c Hundin 3 Diez Ile S. 626): ein haufiges
Glossenwort ; vgl. Isidor, Etym. XII 2, 28 lycisci canes nati ex lupis
et canibus. Danach in den Erfurt. Gl. 8. Jahrh. lycisca canis ex
lupo et cane natus Corp. Gl. Lat. V 370, 2 ; in Miinchen. Gl. d,
9. Jahrhs. braccus vel liciscus braccho — licisca rudisoha Ahd.
Gl. Ili 449, 33. 34; licisca pracho Ahd. Gl. Ili 451, 37 (11. Jahrh.);
Gloss. Salom. (10. Jahrh.) licisca, bracche Ahd. Gl. IV 116b; Trier.
Gl. licissa et sparta brekkin Ahd. Gl. IV 211, 19 (11. Jahrh.); Summ.
Heinr. (c. 1100) liciscus wolfbiso ex lupe et cane maire — licisci
wolfbiszen — licisca rnistpella vel bracken Ahd. Gl. Ili 79, 55 ; 80,
46f. Belege: Acta Ezonis (ed. Mai V) S. 57. — Erzbischof Eugenius
von Toledo gest. 657 Carmina 42 (MG. auct. ant. XIV) S. 258 ad
lupus et cattila formant coeundo lyciscam. — Ursprunglich vielleicht
c Hund aus dem Lechgebiet 3 (lat. Licus c LeclT und vgl. -iscus unter
brilischa francisca hùniscus). Die mittelalterliche Orthographie
lycisca beruht auf gelehrter Ankntipfung an gr. hr/.óg c Wolf 5 , aber
die Identitat mit Lycisce als Hundename bei Hygin Fab. 181 ist rein
zufallig. Erinnert sei noch an den deutschen Namen des Pinschers ,
falls dieser vom Pinzgau im Salzachgebiet den Namen hat.
masca 1. c Maske 5 in friihangls. Glossen: musca (lies masca) eges-
308
F. KLUGE
grinta Corp. Gloss. ed. Hessels S. 80, 358; mascus grinta Epinal.
Gl. 646; marcus (lies mascus) grima (Erf.) Corp. Gloss. Lat. V
372, 8 ; dazu muscus grimo Ahd. Gl. IV 245, 12. Vgl. Aldhelm
(um 685) De Virginitate V* 2858/9 (MG. SS. auct. ant. XV) S. 469
Sic quoque mascarum facies crisiata facessit, cum larbam*et mas-
cani miles non horreat andax, qui proprio fretus praesumit fidere
cestii (danach die Glosse masca faciem habet crisiatam 10. Jahrh.
Corp. Gloss. Lat. V 652, 50; auch Ahd. Gl. II 23, 61 masca cristata
moke und Napier, Old Engl. Glosses S. 190 mascarum egesgrimana).
— Karpf, Wòrter und Sachen V 120 verknupft das friihmlat. masca
c Maske’ durch eine Zwischenbedeutung c Netz’ mit ahd. asachs. màsca
‘Masche 1 . — 2. masca c Hexe 5 : Edict. Rothari 197 (MG. Pertz Leg. IV)
S. 48 Si quis mundium de puella libera aut midiere habens eam-
que strigam, quod est mascam, clamaverit — 376 (S. 87) Nullus
presumat aldiam (Hs. haldiam) alienam aut ancillam quasi strigam,
quem dicunt mascam, occidere. — Aus dem Rom. vgl. piemont.
maska, nprov. masko *Hexe\ Nach Kògel, Literaturgesch. I 2, 249
Anm. stammt die Bedeutung 4 Hexe 5 vielleicht aus der alten Zusammen-
setzung ihalamasca dalamasca c Hexe\
scarpa ‘Eierschale 5 im Corp. Gloss. Lat. Ili 553, 15 (10. Jahrh.)
aceptabulum scarfia de ovo — III 586, 22 acceptabulum scarpa ovi
— Ili 607, 15 (11. Jahrh.) acetabulum id est scrafia de ovo — III
616, 22 (10./11. Jahrh.) acceptabulum id est scarpa de ovo . Hierher
auch Ahd. Gl. IV 96 a (10. Jahrh. Gloss. Salom.) scrafìa skelva. —
Vgl. mndd. scherve ‘Schale 5 = nhd. Scherben c Topf 5 ; bei Schiller*
Liibben IV 81 ist mndd. scirbe auch fur ‘Apfelschale 5 bezeugt. Die
mlat. Form hat f in grammatischem Wechsel mit b\ ein vorgerm. p
wird durch das urverwandte aslav. èrepìi c Scherbe 5 bestatigt.
spitas (sekundar spidus) 'BratspieB 5 in lat.-lat. Glossaren: Reichen.
Gl. ( 8 . Jahrh.) 1357 (=Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 12, 475) veru
spidus ferreus\ Gloss. Vatic. (10. Jahrh.) im Corp. Gloss. Lat. V
518, 32 veru spilli ; Gloss. Cambron. (DC.) assium, veru, id est spi¬
llimi aber die Glosse sudes spites Ahd. Gl. I 375 Anm. 6 aus dem
Reichen. Gl. Rz (= Foerster S, 31, 96) beruht nach Mafigabe von
Isidor auf sudes stipites. Beleg: Herbertus, Lib. de mirac. cap. 5
Is vero qui praecedebat , gallinam assatam in spico (lies spito) por-
tabat . — Die g^rm. Bedeutung l BratspieB 5 haftet im Roman, an den
entlehnten neap. spito, span. portug. espeto, bergam. spit f neuvenez.
spi(d)o . Das entsprechende ahd. mhd.- sptB' Gen. spiszes M. *Brat-
spieB 5 hat 55 nach Mafigabe des Reimes spille M. Helmbrecht
V. 874, und dazu stimmt angls. spitu c Bratspiefi\ Das ahd. spiz,
ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM
309
zeigt Ahd. Gl. II 656, 68 den Plur. spizza capita montis nach der
^-Deklination, aber ging ursprunglich wohl nach der w-Deklination,
und gleiches ware flir angls. spitli ‘Bratspiefi 5 anzunehmen. Das west-
germ. Subst. beruht auf Substantivierung des Adj. ahd. spitzi c spitz\
das aus der w-Deklination in die y#-Deklination ubergegangen ist und
westgerm. Konsonantendehnung angenommen hat : germ. spitu-z Adj.
‘spitz 5 — Subst. ‘spitzer Gegenstand 5 (wegen der Bedeutung vgl. ahd.
spizza 'capita montis 5 ).
strava 'Grabhiigel 5 in lat. Glossen des 10. Jahrhs. stravam (stra¬
bavi) tumulum sepulchrum Corp. Gloss. Lat. V 516, 9; 578, 43.
Mit abweichender Bedeutung Jordanes 551 De origine actibusque Ge-
tarum (MG. auct. ant. V 1) S. 124 stravam super tumulum eius quam
appellant ipsi [Hunni] ingenti comessatione concelebranti also
‘Leichenschmaus, Totenmahl 5 ? Wieder abweichend 'ein aus feindlichen
Waffen und Rustungen errichteter Siegeshugel 5 bei dem sogenannten
Lactantius Placidus (6. Jahrh.?) in Scholien zu des Statius Thebais 12,
64 strava: acervos: exuviarum hostilium moles; exuviis enim
hostium exstruebatur regibus mortuis pyra, quem ritum sepulturae
hodieque barbari servare dicuntur, quae strabas dicunt lingua sua .
Vgl. Kempf, Jahrb. f. klass. Philol. Suppl. Bd. 26, 350. 373, wo die Ab-
hangigkeit des Lactantius von Jordanes und Zusammenhang mit slav.
Strava 'Speise 5 gegen Miklosich, Et. W. S. 325 geleugnet wird.
stranitts c Kot 5 in der dem 9. Jahrh. angehòrigen Gl. strundius
sive strunms O7celettoq Corp. Gloss. Lat. II l#9b: in Ubereinstimmung
mit afrz. estront (nfrz. étron) = aprov. estron 'Kot 5 zu mndl. stront
= mndd.~s trunt M. c Kot 5 . Das in derselben lat. griech. Glosse er-
scheinende Synonymum strundius erklàrt Meyer-Liibke, Et. Wb.
Nr. 8 22 auf Grund von ital stronzo c Kot 5 ftir ein langob.-lat.
*strunzus. — Fur struntus findet sich spat (12. Jahrh ) eine fran-
zOsisierte Schreibung strontus in Salomon et Marcolfus (ed. Benary
in Hilkas Sammlg. mlat. Texte) S. 8 duodecim bombi faciunt unum
strontum — duodecim stronfi faciunt unam paladam — S. 20 bene
decet strontus iuxta sepem me am.
svpa F. 'eingetunkte Brotschnitte 5 (= portug. sopa 'Brotschnitte
in Fleischbruhe und V ein eingetaucht 5 ) erst spat bezeugt : Glossae
Aynardi (il. Jahrh.) fol. 16b (mitgeteilt von G. Goetz) bibiles sunt
suppae\ Summ. Beinr. (c. 1100) suppa merata Ahd. Gl. Ili 154, 67
— suppa merda 111 259, 36 (zu mlat. merda merata merenda, vgl.
im DWb. Mdhrte, das auch 'eingetunkte Brotschnitte 5 bedeutet). Dazu
Papias (a. 1053) sopa supa (vgl. Goetz, Papias und seine Quellen,
Bayr. Akad. 1903 S. 285); auch suppa suppe im Vocab. Optimus
310
F. KLUGE
10 141 des 1.4. Jahrhs. (hrsg. v. Wackernagel, Basel 1847). Vereinzelter
friiher Literaturbeleg (nach A. Thomas in den Mélanges Louis Havet
S. 525) in einer dem 5. 6 Jahrh. angehòrigen lat. Oribasius Bearbeitung
(CEuvres d'Oribase ed. Bussemaker et Daremberg VI 304) Postquam
biberit, panem calidum in bullentem [aquam] mittis et mox dabis
manducare calidas suppas (Originai V 493 # egiuovg %ocg cpwjnovg).
— Spater Beleg auch (12. Jahrh.) Salomon et Marcolfus (ed. Benary'
in Hilkas Sammlg. mlat. Texte) S. 15 bonum convivium malumque
convivium suppis decoraiuni ; suppe faciunt teneras buccas et culum
viscosum. — Innerhalb des Altgerm. zeigt sich eine Entspreehung
einer Grdf. * stipa (mit einfachem p) zufriihst in der dem 9. Jahrh.
angehòrigen Bibelglosse sorbitiuncula sofmuas Ahd. Gl. I 292, 75
mit den jiingeren Nebenformen safmitosi sufmuosili I 419, 14
(11. Jahrh.)* dazu ferner die Diminutiva suffilì N. und suffìla F.
Ahd. Gl. I 419. 14; vgl. auch Summ. Heinr. (11. Jahrh.) sorbiciun -
cala sufin III 155, 34. In diesen ahd. Wortzeugnissen ist f = jf
Vertreter von einfachem p 1 so daB die Existenz einer Grdf. * stipa vor
der 2. Lautverschiebung, also etwa 5. Jahrh., sicher ist. Im Andd.
fehlt eine Entspreehung; ebenso im Angls., wo eine Glosse offiila sopp
(Napier, Old Engl. Gloss. S. 222, 10) erst c. 1100, also vielleicht unter
franzòsischem EinfluB, erscheint. Aus dem Altgerm. stellt sich zu
unserer Wortgruppe wohl noch got. supòn gasupòn ‘wiirzen’ = ahd.
suffòn gisuffòn c wurzen\
tubroca Art Hose: Beda (um 700?)~Vita Cuthberti n. 31 in tan¬
tum a cultu sui corporis animimi substulerat, ut semel calceatus
tibracis, quas pelliceas habere solebat , sic menses perduraret iute-
gros. — Paul. Diac. (um 790) Hist. Langob. (MG. SS. rer. Langob.)
S. 124 calcei vero eis erant usque ad summum pollicem pene aperti
et alternatini laqueis corrigiarum retenti . postea vero coeperunt
osis uti , super quas equitantes tubrugos (Var. tubrucos trubugos
trubucos tribugos) birreos mittebant. — Zufriihst bei Isidor 19, 22, 30
tubruci dicti quod tibias braccasque tegant\ danach mit gleicher
Glossierung tnibuci (10: Jahrh.) Corp. Gloss. Lat. V 517 b; 582 a.
Das Wort steht in den Schreibungen tribuenas trubuena trabuena
Ahd. Gloss. Ili 618a (10./11. Jahrh.) — tribrugne IV 246b als Glosse
zu ahd. diohbruoh (thiebruoch) eigentlich ‘Schenkelhose", das im Summ.
Heinr. Ahd. Gl. Ili 278 b als Ubersetzung von lat. lumbare dient.
In Altengland zeigt iElfrics Glossar (um 1000) die Glosse tubroces
vel brace strapulas Wright-Wulcker, Voc. I 125 b; vgl. auch tu¬
broces st(r)apulas Anglia Vili 450. Falsche Buchung bei Osbern
(12. Jahrh.) Panormia S. 594 b tubinces quae tibias tegunt sicut ca-
ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM
311
ilgae . Nach Jac. Grimm GDS. S. 482 und Diez, Altroman. Glossare
5. 108 stellt sich das mlat. Wort zu ahd. diohbruoh eigentlich c Schenkel-
hose\ Vgl. auch brdx und deiirus. Uber das romanische Fortleben
xies mlat. Wortes siehe die eingehende Eròrterung von Bertoni, Kluba,
tubrucus in den Atti e Memorie della R. Deputazione di Storia Patria
per le Provincie Modenesi X (1916).
waisdus AVaidkrauP mit der Nebenform waisdo Gen. waisdonis:
Capit. de villis (c. 800) § 43 Ad genicia nostra, sicut institutum est,
opera ad tempas dare faciant , id est Unum , lanam , waisdo vermi¬
caio, warentia . — Macer Floridus (10. Jahrh.), De viribus herbarum
(ed. Choulant, Leipzig 1832) S. 101 Isatis a Grecis est vulgo gaisdo
vocata. — Ein griech.-lat. Glossar des 10. Jahrhs. verzeichnet isatis
id est ivasdus unde tingunt persnm Corp. Gloss. Lat. Ili 583, 48 ;
das aus dem 12. Jahrh. stammende Glossar Sub silentio legende ent-
halt die Glosse Isatis waisdus : diese Belege nach A. Thomas, Ro¬
mania 36, 436 in einer Besprechung von afrz. guesde nfrz. guede
mit der dialektischen Nebenform (Anjou 17. Jahrh.) guesdon . Eine
Nebenform mlat. waido Gen. waidonis in der Schlettstadter Gl.
J12. Jahrh.) sandix est herba unde tinguitur vestis que vulgo waido
dicitur Ahd. Gl. IV 194 a. — 1. Der lautliche Zusammenhang mit ital.
guado guadone AVaidkraut 5 einerseits, und ahd. weit M., angls. wàd
N. c Waidkraut 5 anderseits lafìt sich nicht genau bestimmen: zwar kann
angls. wàd einen s-Laut eingebiifit haben wie angls. rnéd ‘Lohn 5 neben
meord L Lohn 5 (got. misdò)\ aber eine solche Entwicklung ist fiir ahd.
mhd. weit nicht wahrscheinlich, weil vor einem aus s (s) entstandenen
r è fiir germ. ai hatte eintreten miissen. — 2. Die Echtheit des
inneren -sd- von mlat. waisdus wird erwiesen durch ein bei Ulfilas
fehlendes got. wisdil wisdila in einer lat. Oribasiusbearbeitung des
6. Jahrhs. (Gundermann, ZfdW. 8, 114); ist dies ein /-Diminitivum
mit Ablaut zu germ. waisdo -? — 3. Eine mlat. Nebenform guattum
‘Waid 5 belegt Diels (Die Entdeckung des Alkohols S. 8) in der Karo-
linger Zeit aus dem Malerbiichlein Mappae clavicuia; aber das ti dieser
Form ist noch unerklart (fruhndl. weete neben weede bei Kilian 1599).
warantia (jiingere Schreibung warentia) c FàrbkrauP = frz. ga
rance (afrz. guarance Ahd. Gl. IV 228, 2): im Corp. Gloss. Lat.
(Thesaurus unter rubia sandyx varantia) oft aus frlihmlat. Pflanzen-
glossaren des 10. Jahrhs. in den Schreibungen uuarantia uuarentia
barentia uarancia uuarancia\ im Capit. de villis 43, 70 warentia\
garantia in einer Urkunde von Kònig Dagobert a. 629 (MG.
Diplom. I 141) wohl Fàlschung? — Nach meiner Vermutung (ZfdW.
14, 160) eins mit ahd. ressa (fiir germ. wratja ) c FarbkrauB
312
F. KLUGE, ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM
Grafi II 559; vgl. die Glosse warentia ressa Ahd. Gl. Ili 511, 7;
517, 35 (lO.'ll. Jahrh.); daraus entstellt varesa in den Not. Tiron,
77, 56? Dazu nach Schlutter, Anglia N. F. 18, 248 angls. wrcet-
baso und wrcetteréad ‘waidbraun, waidrot 5 neben sehr seltenem Sing.
wrcette (Pflanzenname). Aus germ. wratja stammt auch durch EnG
lehnung aslav. brosti l Purpur\ — Ein zugehòriges mlat> Diminutivum
warentilla mit der iibertragenen Bedeutung c rote Pustei 5 vermutet
Steinmeyer Ahd. Gl. Ili 429 Anm. 7.
F. Kluge.
Zur Geschichte und Herkunft von frz. dru 1 .
I.
Es ist immer fesselnd, die wechselnden Anschauungen iiber die Her-
kunft eines gallischen Wortes nachzupriifen : sie spiegeln den Werde-
gang unserer etymologischen Forschung getreu und eindringlich wider
und geben einen Gradmesser fur den Fortschritt unserer Methoden.
I. In der 4. Auflage seines etymol. Wòrterbuches der rom.
Sprachen finden wir p. 123 folgenden Gedankengang von Diez:
lìal. drudo, altptg. prov. drut, fem. druda, afrz. dru(t), drue «Freund,
-in, Geliebter, -te», altfrz. druiun «Vertrauter» stehen an der Grenze
zwischen germ. u. keltisch: gael. drùth «Dirne» steht gegeniiber ahd.
trùt , drùt , auch drùd «Liebling, Freund, Gefàhrte» (Otfried). Da
das roman. Wort in seiner Bedeutung dem vornehmen Sinn des
ahd. Wortes (trùt) nàhersteht als dem pejorativen des gael. drùth
«Dirne», so schliefit Diez das rom. Wort an das deutsche an: das bei
Otfried auftretende gotes drut «Gott lieb» liefie sich, meint Diez r
wohl durch dru(t) dieu wiedergeben. Neben dru «traut, lieb»,.
existiert ital. drudo «verliebt, artig, wacker», frz. dru «munter, iippig» r
genues. druo «dicht, dick», piem. neuprov. dru «uppig, fruchtbar»,
(v. Boden). Wenn, so meint Diez, die Ideenfolge «vertraut, verliebt,
lippig» an sich nichts Auffallendes hatte (wonach also g e r ma n isch e
Herkunft der dru- Familie semantisch mòglich ware), so werde man
doch auf kelt. Adjektive (wie gael. drùth mutwillig, cymr. drud
«kràftig, kiihn») oder auf altnord. driugr , schwed. dryg «derb, voli»
hingefiihrt.
Gegen die Diezsche Argumentation, die uns heute noch klar und
sauber anmutet, kònnen jetzt folgende Einwande erhoben werden:
a) altfrz. dru(e) «Geliebter, -e» weisen nach der Durchsicht aller
mir zur Verfiigung stehenden Stellen in mindestens drei Viertel der
Belege einen mehr oder weniger ausgepràgten pejorativen Sinn auf:
nie und nimmer habe ich etwa in der r e 1 i g i ò s e n Sprache des alten
1 Damit lose ich das Versprechen ein, das ich im Archivum VI 197
gegeben habe.
314
J. JUD
Frankreich (wie Diez anzunehmen geneigt ist) eia dru de (à) Dieu
entdecken kònnen, wahrend amour, cher durchaus auch der religiosen
Sprache gelaufig sind. Die Bedeutungsweite des frz. dru ist also
wesentlich enger als die des deutschen tnìt y das — man braucht nur
€twa den Wortgebrauch bei Otfried zu studierei! — in der altdeutschen
Kirchensprache stark verwurzelt ist.
b) Ein ahd. dvut mit d- existiert nicht, aufier bei Otfried, bei dem,
wie die Germanisten langst erkannt haben, das anlaut. d- sekundar aus
altererà t- entstanden sein kann und demnach aus trut gedeutet wird 1 ).
Ein germanisches druto 2 ) (mit dr-) beruht also nur auf der Annahme,
dafi frz. dru «Geliebter» german. Herkunft sei; umgekehrt leitet die
roman. Etymologie von einem nicht belegten germ. druto «treu, lieb»
das frz. dru «Geliebterab: offenbar ein unhaltbarer circulus vitiosus.
c) Nordische Herkunft (altnord. driugr) diirfen wir wohl angesichts
der Verbreitung von frz. dru «fruchtbar^, das typisch das alt¬
gai lische Sprachgebiet deckt, fiir ausgeschlossen betrachten.
II. Littrés Auffassung, wie sie im Anhang des Artikels dru
formuliert wird, deckt sich im ganzen mit der Diezschen; nur findet
sich bei ihm die ftir die weitere Forschung fatale Angabe, dafi «le
scns primitif en fran^ais, d’après les textes, est celui d’herbe drue,
•c’est par extension que dru s’est applique aux personnes».
Wie wir unten sehen werden, ist das Zentrum der Bedeutung von
dru nicht «dicht», sondern «kraftig, stark, uppig» 3 ).
1 Cf. Franck, Altfrankische Grammatik, S. 124, cf. Otfried drost <
trost (got. trausteis genet.). Und ebensowenig, um hier gleich hinzuzufiigen,
ist auf ags- drut Verlafi, das mit einem einzigen Beleg in Be Domas
Daege (Anfang des 11. Jahrh.) auftritt: es ist derselbe Text, der, weil er
das nicht angels. Wort jrovo a «Frau» (neben drut «traut») aufweist, als
mòglicherweise auf einem kontinental deutschen Originai fufiend betrachtet
wird; cf. Kluge, Paul und Braunes Beitrage IX 446.
2 Bei den germ. Eigennamen, die auf ahd. drud «stark», germ. prup-s
stark» und ahd. trùt , germ. dhruto beruhen, sind die beiden Elemente in
der Gruppe der Personennamen bei den Goten, Franken, Langobarden sehr
schwer ?u scheiden: 1. weil die Wiedergabe des germ. p in der mlat. Form
meistens ungenau ist; 2. weil germ. dr- (z. B. in Namen wie langob. Age-
druda) in roman. Munde als dr auftreten kann (latrone > ladrone): ich mochte
es daher den Germanisten iiberlassen, den Nachweis anzutreten, ob ein
dritto «lieb» aus Eigennamen zu gewinnenist; meine diesbeziigliche Unter-
suchung hat mit einem non liquet geendigt.
3 Scheler, Dict. d’Etymol. frc. s. dru ist nun oline weitere Begriindung
geneigt, die Bedeutungen des afrz. dru auf drei Quellen zuruckzufuhren:
1. dru «Geliebter» sei germanisch; 2. dru «dicht, wohlgenahrt» sei altnord.
driugr ; 3. dru «gai Hard» sei cymr. drud «vigoureux». Scheler hat auf
das griech. caloóg «robuste, fort, gras, serre, dense, abondant, luxuriant» hin-
ZUR GESCH1CHTE UNI) HERKUNFT VON FRZ. DRU
315
III. In seinem Buche: Keltoromanisches p. 16 berichtigt
R. Thurneysen die Bedeutung und Form folgender bei Diez erwahnter
keltischer VVorter:
1. es gibt kein neuirisch druth «mutwillig*, sondern nur ein altir.
driith ctoll, verruckt». Die Bedeutung «Hure» ist zweifelhaft.
2. Dem altir. driith steht gegenuber cymr. drud «audax, fortis,
strenuus», ursprunglich «tollkiihn» : mit diesem kelt. Wort kònne drudo
«Freund, Geiiebter» nichts zu tun haben. Corn. druth «Hure» sei
wohl aus frz. dm(th)e entlehnt; ebenso sei cymr. drud «carusi das
romanische Wort. Somit sei die german. Herkunft von frz. dru
«Geiiebter» gesichert.
3. Lautlich solite einem altir. druth ein cymr. i (nicht drud ) ent-
sprechen : es habe also eine Entlehnung des Wortes in der einen oder
anderen Richtung stattgefunden. Begrifflich decke sich die Bedeutung
des frz. Wortes dru «dicht, dick, iippig» nicht mit den keltischen
Wortern: das liege zu weit ab vom kelt. «toll, verwegen » 1 .
4. Altnord. driugr sei als Etymon auszuschliefien wegen bret. drus,
dru «fett (von der Suppe, Fleisch, Boden)», welches das auf druth
zurtickweise, das wohl dem afrz. dru(th)e entlehnt sei.
5. Als Grundbedeutung setzt Th. (wie oben Littré) ein rom. druto
«dicht» an; diesem wiirde ein gallisches dlùio «dicht» (nur im irischen
Zweig erhalten, altir. dlinth «dicht») entsprechen: di sei als ein den
Galloròmern unbekannter Konsonantennexus durch dr- ersetzt worden.
Die Auffassung Th. ist beherrscht von der Annahme, dem gallorom.
druto sei als Grundbedeutung diejenige von herbe drue eigen: daft
aber im Gegenteil die Grundbedeutung von rom. drudo dem cymr.
drud «stark» sich sehr nahert, wird die Ubersicht der rom. Formen
unten zeigen. Damit failen nattirlich die semantischen Bedenken
Thurn. dahin.
Die Ansetzung dliito «dicht» wird so semantisch nur dem frz. herbe
drue gerecht, nicht aber den anderen Bedeutungen von galloromanisch
druto : da aber keine Notwendigkeit vorliegt, herbe drue von den
anderen Bedeutungen von galloromanisch druto zu trennen, so fallt
dialo ebenfalls weg, das schon lautlich (di > dr) Bedenken erregen mufi.
gewiesen, aber nicht gewagt, daraus fiir das frz. dru die etymologische Ein-
heit zu postulieren. Was er tiber druge «pousse surabondante» vortragt,
ist semantisch durchaus annehmbar, lautlich aber nicht haltbar (< drugo ?).
1 Uber die Bedeutung des alten druth Tool, buffon, juggler» in altirischer
Zeit Joyce, A social history of Ancient Ireland li 482 ff. — Dafi die Be¬
deutung «toll, verriickt» mit «verwegen, stark, tippig, dicht (gewachsen)» sich
sehr gut vertragt, zeigen die p. 836 angegebenen Parallelen.
Archivum Romanicum. — Voi. VT. — 1922.
22
316
J. JUD
IV. Die Darlegungen von Thurn. wurden nun in den folgenden
25 Jahren 1 unbestritten ubernommen: noch im Jahre 19(<9 fafit Meyer-
Liibke, Einfiihrung, §36 die Anschauung Thurn. zusammen in;
dluto «iippig wachsend», air. dluitìi «dicht» : frz. dm , altgen. druo .
V. In der Besprechung der Einfiihrung Meyer-Liibkes (Arch. flir das-
Stud. CXXIV, 391/92 [1910]) machte ich auf das im Arch. flir lat.
Lex. XIII, 288 belegte spatlat. indruticàre «iippig sein» aufmerksam
und verwies in diesem Zusammenhang auf die siidostfrz. drnge-ziuvcner»-
Formen: ich meinte, dafi dieser Hinweis die Ansetzung der Grundform
dluto erschiittern miifite, wie dafi auch die Verkntipfung.von ( in)druticare
mit druge (cf. sed icu > siège) genugend angedeutet sei. Im Bulletin
de dialect. romane III, 68 ss (1911) stellte ich dann noch einmai
die Vertreter von dru(d) druge in den Westalpen zusammen.
VI. In dem Rom. Etymol. Wtbuch. Nr. 2780 (1912) reiht Meyer-
Liibke das ital. druto , altfrz. prov. drut «Geliebter» unter got. drups
«traut, lieb», das, weil nicht mit Sternchen versehen, den Leser in der
Illusion làfit, es sei belegt: ein got. drups , das weder in got* Eigen-
namen 2 noch im got. Wortschatz eine Sttìtze hat, ist offenbar nur
angesetzt, weil die Verbreitung des Wortes (ital.*frz.) eine frankische
Herkunft auszuschliefien scheint. Merkwtirdig ist, dafi zur Stiitze
der got. Herkunft REW das schon bei Diez angefiihrte altportg.
drudo nicht erwahnt wird.
Unter Nr. 2700 fiihrt REW die Nachkommenschaft 3 von dlutos an,
1 Allerdings nicht von J. Loth, der sehr frlih die Auffassung, die cymr.-
corn. Formen seien dem Altfrz. entlehnt, abgelehnt hat. vgl. nun zuletzt
Revue celtique XXXVII! 174. In Bezug auf die Verknupfung der Be-
deutungen innerhalb des Keltischen werden gerade auch die roman. Formen
ein Wort mitzusprechen haben.
2 cf. Meyer-Liibke, Roman. Namenstudien I 80 (Sitzungsber. der Wien,
Akademie, Bd. 149).
3 Auf die roman. Formen, die Meyer-Liibke anfiihrt, gehe ich hier
nicht weiter ein : seine ins Deutsche iibersetzten Bedeutungen mussen stets mit
grofier Vorsicht akzeptiert werden: ftìr lyonnes. adriizi «iippig sein, hiipfen r
sich unterhalten, betrugen *, fiihrt Huitspelu an: drugi, adrugi «bondir, sauter,
s’amuser par des sauts précipités, tromper» : wenn man diese Bedeutungen
deutsch wiedergeben wollte, so wàre doch am ehesten die von «umhertollen,
mutwillig umherspringen, betrugen» denen von Puitspelu am nàchsten. Com.
driid soli heifien «iippig (von Bàumen)», aber Monti fiihrt den Artikel an:
drudd «vegeto, vigoroso, si dice di persona giovane e ben vegnente,di alberie
di piante vegete » (bedeutet vegeto "iippig» und nicht «gut gedeihend» ?)*, im
Anhang fiihrt Monti drudo «vegeto, vigoroso, vivace» an. Vallanzasca soli
die Form drùw «wohlgenàhrt, kràftig» haben; nach Monti heifit diese Form
aber drov .und bedeutet «fanciullo vegeto e ben in carne»; existiert ein
altprov. dru (nicht drilli) = dick? (Levy gibt an drut = dru.)
ZUR GESCHICHTE UNI) HERKUNFT VON FRZ. DRU 317
bemerkt aber, dafi das Etymon sehr zweifelhaft sei, namentlich auch
wegen der Ableitungen, die eher auf einen german. dj- Stamm wiesen.
Vielleicht bestehe doch Zusammenhang dru «dicht» mit got. drups:
frz. dru «lieb».
Wie Gamillscheg (s. unten) vermag ich das Epitheton «sehr zweifel¬
haft» nicht zu verstehen: kann ein germ. drudjan also drudjare
(oder > drudjire?) lauti ich zu drugier werden? Denn nimmt man
ein dluto einmal fiir dru mit Thurneysen als gegeben an, dann sieht
man nicht ein, warum eine Form dluticare eìner drugier- Form nicht
geniigen solite.
VII. In der Z. f. rom. Phil. XL, S. 535 hat neuerdings Gamill¬
scheg in beachtenswerter Weise das dru-druge- Problem angepackt.
Er unterscheidet drei drugier :
a) druger x «iippig sprieiBen» ist ^dluticare in der Bildung einem
alticare , nigricare, crispicare gleichzustellen.
b) drugier «hiipfen, springen», dann «sich freuen» : die Form des
Forez drigd, drigauda «sauter, gambader en Forez» (Mistral), von
denen nach G. die drtiger «hiipfen, springen» nicht getrennt werden
kònnten, verlangten ein *driucare, * drivicare, das auf einem schon
im Galloromanischen umgestellten * druicare beruhe, das zu gali.
*driuo «springen» gehòre und durch bret. dreò «heiter», ir. dredn
«Zaunkomg» fiirs Gallische gesichert sei: Das è der druger- Formen
fiihre wenigstens zum Teil auf alteres i zuruck, wobei auf Val d’Yères
dragie, poitev. drogée < dragata (Z. f. rom. Phil. XL, S. 530—31),
poitev. beuge «Krug* (s. altfrz. buie), chambige<cambica 1 2 hingewiesen
wird: dieses druicare sei friihzeitig mit druticare «spriefien» ver-
schmolzen. — Zu druicare sei ein druiculare gebildet worden, das
gesichert sei durch Morvan dreuiller «ums Nest herumhiipfen», dann
aber auch durch das ostfrz. driller «schnell laufen, Durchfall haben»,
zentralfrz. drouiller «Durchfall haben».
c) Endlich gingen altfrz. drugier «betriigen» (belegt im Leben von
Gregor von Tours) wie lyonn. drugi «tromper» auf ahd. driugan
oder auf eine burgundisch entsprechende Form zuruck.
1 Gamillscheg vindiziert dluticare fiir ganz Frankreich: das Verb fehlt
aber, soviel ich sehe, der Wallonie, der Picardie wie der Gascogne.
2 Dieses ganze Raisonnement scheint mir allerdings nicht haltbar: im
Poitev -z- sehe ich Relikt eines àlteren «provenzalischen» Sprachzustandes
wie in anderen Fàllen: cf. poitev. cube , prov. cuba , poitev. ayii «eu» und
noch vieles andere. Und beim Problem von dragée versteht man nicht
recht, warum Gamillscheg sich mit Ant. Thomas, Rom. XLI p. 62, dessen
Gedankengang mir sehr beachtenswert erscheint, nicht auseinandersetzt.
22 *
318
J. JUD
Mit der Zuriickfuhrung von dmger iippig spriefien <dluticare
vermag ich um so inehr einig zu gehen, als ich tereits‘vor zehn Jahren,
wie oben skizziert, nicht auf (liuticare, sondern auf das im 6. Jahrh.
belegte indriiticare 1 hingewiesen hatte.
Dagegen scheint mir die Konstruktion eines hypothetischen driucare,
druicare fur dmger «hupfen, springen so lange nicht nótig, als der
Nachweis unterlassen wird, dafi semantisch dmger «up h 'ig sein» und
dntgcr «herumspringenF auf ein und dieselbe Grundbedeutung zurlick-
gehen kònnen. Was nun Forez driga, -alida «sauter, gambader» an-
betrifft, so stammt diese bei Mistral gebuchte Form aus dem Worterbuch
von Gras, also aus-einer francoprov. Mundart (Forez): Gamillscheg wird
mit mir einig gehen, wenn ich sage, &<\Q4gd im Frankoprovenzalischen als
Wiedergabe einer Infinitivendung -icore etwas ganz Aufiergewohnliches.
ware (>ayi< secare «faucher>). Damit falli aUo wohl driga 1 2 als
Naehkomme vo.n einem druicare , driucare weg. Aber auch das
dreuiller des IVI or va n ist wohl lautlich nicht scharf genug erfafit;
dreuiller heifit bei Chambure: «jouer, folatrer avec entrain, avec vi-
vacité, se dit principalement des petits oiseaux qui sautillent autour
de leur nid avant de s'envoler et aussi des enfants» : die Bedeutung
von dreuiller beruhrt sich mit der von Doubs dmger cbondir sauter,
cabrioler» (Beauquier), Blonay drudzéyi (sé) s’ébattre en parlant du
bitaib, tyonn. drugi, adrugi «bondir, s’amuser par des sauts précipités»
usw., so dafi ein druiculare zu rekonstruieren nur dann gestattet ware,
wenn sich die Fui m des Morvan dreni.ter nicht mit drugier oder
moiv. dreu vtrbinden liefie: dritto lautet nun im Morvan dreu : im
Vokal von dreuiller ist also nichts Auffalliges: was nun dreuiller (wohl
zu lesen : dròyé) anbetrifft, so diirfen wir nicht vergessen, dafi ein Teil
1 Schlutter, Arch. f. lat. Lex. XIII 288 fiihrt eine Stelle. des ags.
Schriftstellers Al dhelm von Malmesbury (f 706) an, die seinem Werke:
de laude virginitatis, c. 17, entstammt: Aid. fiihrt an dieser Stelle das
Thema aus, die geweihte Jungfrau wolle in Kleidung und Gebaren Gott ge-
fallen, die Weltdame aber suche oem Manne zu gefallen: ista solidis orna¬
mentar um pompis injruticans . . . pulchrum pariter et perniciosum cer-
nentibus spectaculum praestat. An dieser oft kommentierten Stelle wird
aber in den Glossen stets indruticans (statt infruticans) geschrieben und ags.
oder lat. glossiert «geckig sein, luxuriari, scurriliter agere».
2 Was nun hinter diejem driga, drigauda steckt, bleibt noch zu unter-
suchen: sicher scheint mir, dafi drigaudcr gehort zu Lallé rigououdar
«danser le rigodou», rprov. rigandomi «air et danse de Rigaud» (Mistral):
das d von danse 'd e Rigaud kònnte falschlich als zum Eigernamen gehòrig
empfunden sein, vgl. aber auch triquer , sauter, danser lourdement»
Ghambure).
ZUR GESCH1CHTE UND HERKUNFT VON FkZ. DRU
319
des Morvan (im Umkreis der Punkte 106, 105, 108 ALF) besondere
Verhaltnisse aufweist.
Inlautendes -5- (frz. -z'-) ergibt hier: ceri se: certe Morvan (Cham-
bure), sriy (P. 6), srij (106), ALF , cerège Saint * Germani - des-
Champs, Dép. Yonne (Jossien. — cenise «cendre• : cenie Morvan
(Chambure). — chaise = caie, chée «chaise» (Chambure). - che-
mise: cemie , eh e mie, chemillole «veste ronde en boge», -Mot «brassière
d’enfant» (Chamb.). P. 105 smi yèt , P. 8, semi im ALF\ Yonne
(ohne genauere Ortsangabe) chemiotte «sorte de veste etc.» (Jossier).
— ci se ait x: Morvan: ciais, chtsas «ciseaux» (Chambure), P. 105
siyó (ALF, c. ciseau ), Yonne: cihiaux , cijas, cijais, cirias, cisias
(Jossier).— comparaisem : comparatori (Chambure). complaisance :
compì tliance (Chambure). — elio is ir: ;oaéhi (Chambure). — coi-
sier: «se taire»: Morvan: cóyer, couyer (Chambure), P. 106 kvje
P. 8 kuye (ALF 7 c. se taire). — cren se «écale de noix, coquille
d’oeuf» : Morvan: creuge, crettille (Chambure), Yonne: eretiche ,
creuge, crettille , crettse «coquille» (Jossier). — ereuser: Morvan:
erettiler (Chambure). — croiser, croisette , Morvan: crotthcr, crottllhi
vb., croujotte «petite croix bénite le jour de Plnvention de la sainte-
Croix», Yonne: crouée «croix» (Jossier). — désastre: ciéaste (Cham¬
bure). — écraser: éeràger (Chambure)L — /user: Morvan: éfuger
. «infuser» (Chambure). — église: Morvan: e glie (Chambure), P. 8 égyi
«église» ALF c. église .— e m poi so n ri e r : Morvan: empouillener, cf.
pottillon poison» (Chambure), P.8. 12, 7, der Typus « poyon », P. 16 pojon,
ALF, c. poison. — puiser: Morvan: pottier, pottjer, époiiìer (Cham¬
bure), Poyaudin «habitant de la Puisaye» (Jossier), pouéer , poiger ,
poiser «s’enfoncer dans la boue, prendre l’eau dans les chaussures» (Jos¬
sier), cf. derselbe Typus P. 7, 8, 11, 12 16, 106 ALF, c. puiser . —
«r e priser» : erpriger , erprige «reprise» (Chambure). — atti se r:
éteujotte «tige de fer ou de bois avec laquelle on acommode la mèche
des lampes rustiques», aiteujer «tisonner», teujon, tuion «tison» (Cham¬
bure), Yonne aitiger (neben aitiver < ad ver) «attiser» (Jossier). —
fu se ait: Morvan: feniliau, feujali, fttjà .— foison: Morvan: fòion,
fottion. — fraise: Morva n: freilotte, frile, frijotte\ P. 106, 105, fri fot,
P. 104 Jriybt ALF; Yonne : friotte, fréjott e (p Athie) i Jossier).— frison:
«copeaux»: Morvan: frillon, Yonne: frion «copeaux» 1 2 . —fusili
Morvan : filiti, Yonne : filiti (Jossier), P. 105 f&ì, P. 104 fui ALF, c.fusil.
1 Ich lasse die Falle mit -r- (> -z- > 0) beiseite, wie écuhier écurer»,
écuhie «écurie», éhiter «hériter», équiller «écurer», ertiher «retirer» usw.
2 Vgl. inJessen ALF, K. copeaux, wo volksetymol. Umdeutung nach
vrillon mògi ich ist.
320
J. JUD
— Ich verzichte hier auf alle Beispiele vom Fall des -5- {noisette >
nouotte > nouillotte ) oder Ubergang von s > j im Morvan (Nord)
noujotte anzufuhren; dagegen ist es interessante dafi altfrz. -y- (notiert
durch -ili-) auch in j iibergeht:
conreilli (— altfrz. conre(i)er) «disposer en ordre, avec som». —
enroyer «ouvrir un sillon» : Morvan: enrier , enréger (cf. aber enroi
subst.). — essayer : Morvan: essàier , essaiger (Chambure).— es-
suyer: Morvan :essuger (Chambure). — foyer : Morvan: fongé (Cham¬
bure). — frayer : Morvan: freiller «effleurer», Yonne: fréger «frayer»
(Jossier). — moyeu «jaune d’oeaf»: Morvan: moujotte (Chambure),
Yonne: moijette, moiette y moijotte , mdiotte, moujotte (Jossier). — net-
toyer: Morvan: nétéger y noteìer, néteyer y Yonne: nétéger (à Jussy).
— noyer: Morvan : noujé «noyer» (arbre), Yonne nomeraiouhier y nonhier
(à Malay-le-Vicomte, Villiers-Bonneux), cf. ALF c. noyer : Typus noujé\
Auch hier durfte der Beweis ohne weitcre Beispiele erbracht sein,
dafi in derselben Gegend, wo chemie y chemije auch urspriinglich franz.
-y- (geschrieben i oder -ili-) zu z werden kann.
Mit anderen Worten : dreuiller kann auf einem alteren dreuser druser
oder auf dreuyer druyer beruhen. Ob nun druser als eine Ableitung
von einst im Zentrum 1 existierendem dru , fem. - se (cf. pie. dru-sé)
oder auf eine Ableitung druyer zuriickgeht, das kann ich hier nicht
entscheiden : es liefie sich auch denken, dafi ein druger zu druser m
geworden ist (cf. charger\ parser, manger : méger y miger y niser ),
und dieses druser dasselbe Schicksal gehabt hat wi z puiser >pouìer.
Was nun die driller-, drouiller-, drailler-Formen anbetrifft, die mit
der Bedeutung alaufen, Durchfall haben» auf druiculare zuruckgehen
sollen, so gestehe ich, dafi ich bei einem Worte, das nach Godefroy erst
Ende des 15. Jahrh. auftaucht, etwas skeptisch hinsichtlich dessen
gallischem Ursprung bleibe. solange die Wortsippen von trouiller
«péter», von drille , drouille «chiffon, lambeau» nicht untersucht worden
sind, mòchte ich solch fernliegender Ankniipfung von driller «Durchfall
haben» an ein sonst schon wenig wahrscheinliches druiculare wenig
Vertrauen entgegenbringen. Und dies um so mehr, als auch die Ver-
knupfung von bret. dreò «à moitié ivre», die Gamillscheg nach Henry
s. dreo ansetzt, mit einem kelt. dritto nach L o t h, Revue celtique XX
342 sehr unsicher ist.
Was nun endlich das altfrz. drugier «betrugen» betrifft, so ist
die Ubersetzung «betrugen» durchaus nicht sicher: la vie de Saint-
1 Heute lautet das Feminin drusse nach gras gros: grasse, grosse, cf.
aber unmittelbar siidlich bourb. drusine, das doch auf altes druse hin-
weist.
ZUR GESCHICHTE UND RERKUNFT VON FRZ. DRU 321
<jrégoire-le-Grand, welche Montaiglon, Romania Vili 5l9ss. publiziert
hat, bietet das Wort druge, drugier an zwei Stellen. Der Dichter
erzàhlt die Episode von der unbeugsamen Gerechtigkeit Trajans, der
filler armen Frau gegen einen mdchtigen Grofien volle Gerechtigkeit
widerfahren Jiefì : nun ermahnt er, mit dem Hinweis auf das letzte
Gericht, die zeitgenòssischen Richter:
v. 1477 ceulx qui encor(e) jugiez seront
des jugemens que ci feront
devent bien et a bien jugier
sans felonie et sans drugier
aussi comme Trajan juga ;
Die Stelle diirfte am ehesten den Sinn von deutschem «ohne (mit
der Gerechtigkeit) zu scherzen» 1 haben, und es scheint mir unmoglich,
druger von druge zu trennen, das im selben Text v. 2062 belegt ist:
2047 Quer j’ai esté, c’est chose ferme,
accusé tout en I. soul terme,
devant le pere esperitale,
2050 de vous, sachiez, et du deable,
qui du tout me vouloit confondre.
Si ne Savoie auquel respondre,
et, se jamès peut avenir*
que vous voiez aucun fenir,
2055 qui qu’il soit ne de quelz merites,
gardez bien que de li ne dites
paroles de detraction,
mès de vraie compassion,
ne de celi meesmement
2060 qui va pour oyr jugement
et sentence devant tei juge
qui ne veut ne bourde ne druge,
et qui va o son adversaire
2064 pour oir son jugement faire;
Hier hat wohl druge im Zusammenhang mit bourde denselben Sinn
vron «Scherz, Spafì» wie oben, und damit reiht sich dieses druge durchaus
richtig in die Familie des nordwestfrz. druger. Dlirfen wir nun das
ganz vereinzelte, geschichtslose lyonn. drugi «tromper» auf eine alt-
frankische oder bu rg und isc h e Form mit dr-{driugan) zurtick-
fuhren, ohne vorher alle Mòglichkeiten zu erwagen, wie etwa
druger «betriigen an druger «courir, sautera angeknupft werden kònnte?
1 Cf. unten westfrz. druger «s’amuser, badiner».
322
J. JUD
IL
Ich gebe nun zunachst mein Material geographisch geordnet, und
zwar 1. dru, und seine substantivischen wie verbalen Ableitungen,.
2. drugier (< drnticare).
1. dru .
No r d f ra n kreicb.
Picardie. dru «fort, bien portant, vigoureux» (Jou. et Devauch);
èdrué «se dit d'un enfant devenu assez grand pour pouvoir se passer de
soins de toute nature» ; gadru «on dit d'un tout jeune enfant qui est
vif, éveillé, gaillard, bh n portant, qu’il est bien gcidru\ dédrnir, dé-
drussir «éclaircir, rendre moins dru» (ibid.); Saint-Pol dru, -t f. «serré,
en grande quantité», esme dru «semer dru», sa clytv dru «ga se lève
dru», ed l'avàn byc dr'ut «Pavoine est bien drue» (Edmont); boulon-
nais dru «serré» (blé), semer dru (Haigneré); rouchi drudé subsE
«qualité de ce qui est dru», drnesse «druité, druté, qualité de ce qui
est dru t état de ce qui est serré en toile, en touffes de végétaux» ;
druté d'une toile, d'une étoffe «est. lorsque le fil est serré»; la druté
«du blé est, lorsque les plantes sont semées trop dru* (Hécart); Lille
dru ce mot qui autrefois signifiait «épais, serré, pressé, gras, bien
portant», ne s’emploie plus à Lille que dans le sens de ,beaucoup { et
encore bien rarement» (Vermesse), Demuin drusse fém. de dru , dédruir
«éclaircir des légumes ou autres plantes qui sont trop drus» (Ltdieu).
Wallonie. Couvinois dru «emplumé, capable de prendre son voi»
(Marchot).
Ncrmandie: Havre: dru 1. en bonne santé, vigoureux; 2. emplumé
(Je sais un nid de mèle, les petits sont drus) (Mazé), Guernesey dru
«fort, épais» (d’où: i plleut dru, fouitte-le dru «il pleut fort, fouette-
le fort») (Métivier); Bonneval dru «serré, nombreux, opposé à ,clair‘« \
semer dru f semer clair (Desgranges), Eure dru 1. vigoureux, dispos
«dans le sens des mots latins ,acer, strenuus, et non ,gaillard, vif,
gai‘» (comme le voudrait PAcadémie), mal dru «mal portant» ; 2. = lat.
«densus», s'applique aux objets serrés, rapprochés (Robin, ebenso bei
Du Méril); Louviers: drti «vigoureux, bien venant, grands, en parlant
des enfants et des poulets», semer dru «serré» (Barbe). Villette
(Calvados) dru «bien portant» (Rev. des parlers pop. 1, 48) b
Maine, Anjou, Bre'agne frangaise: mane, dru(e) «en santé, solide r
jeu de bouebon, gaillard (Dagnet); Bas-Maine dru «robuste, en bonne
santé», ét dru «ètre dru» (Dottin); Perche: jeu de drue (Vallefranche),
1 Dazu wohl auch: Bra> r druire «des oiseaux commengant à avoir des
plumes» (Decorde).
ZUR GESCH1CHTE UND HEKKUNFT VON FRZ. DRU
323
jouer à la tinte, drussir «atteindre son développement» (oiseaux) (Pe-
schot); 11-le et-Vilaine: drue «jeu de bouchon ; la drue, c’est le bouchon
ou mieux le morceau de bois taillé surlequel on place la monnaie» (Orain);
Rennes drue «jeu du bouchon» (Beschreibung) (Coulabin); angev. dru
«fort, vigoureux, bien portant, gaillard; fort, croisé, adulte» (canetons,
oisillons), dru com. «pere et mère» (à Briollay) (Verrier et Onillon).
Poitou, Saintonge: Le Dru , nom de famille (Eveillé).
Centre : Gatinais: drussir «despetits oiseaux qui prennant des plumes r
qui d viennent drus»; d’un terrain ensemencé qui pousse dru, d’un-
gars qui devient fort et vaillant. N’a pas un mot qui le remplace
exactement ni aussi brièvement dans la langue off delle» (Roux); Yonne:
drusse, fém. de dru. (Eh ben! Coument que va vout’ femme? —
A n’est toujou gué drusse); drue «sorte de jeu, consistant en une
petite pièce de bois à trois pieds qui porte les enjeux et qu’on abat
avec un palet» ; drumelle , terme de mépris, syn. de fumelle, drussir
«prendre de la force, devenir dru» (se dit partic. des petits oiseaux),
drussiti, -ssol «poussière qui reste dans un nid, quand les petits ont
pris leur volée» (Jossier); Centre dru, -te c’ie fille a ben grandi, la
vlà tonte dritte (à Amognes) (Jaubert); bourb. (Varennes) dru Bine f-
«vigueur alerte, état d’une persoi.ne, d’une piante ou d’un animai qui
est dru, engrais qui donne de la vigueur aux plantes» (Duchon), bourb.
dru Bine adv. «en parlant des récoltes, ce qui pousse vite: £a pousse
de dr usine \ dru Bine «gaieté, enjouement» (Choussy).
Bourgogne, Franche-Comté, Morvan: bourg. dru : hommes drus
«fermes, rebondis» (Durandeau); Doubs: druesse «fumier, gadoue
qu’on met au pied des plantes pour les faire pousser drw> ; 2. «fécon-
dité du sol»: on dira d’une terre affaiblie, usée, «quelle a perdu sa
druesse » (Beauquier), montbél. dru «dru» (des petits oiseaux, quand ìls
ont assez de force pour quitter le nid), drua'e «poussières et ordures
qui restent dans un nid récemment abandonné», Saóne-et-Loire : dreù
«dru, fort, touffu», Montret: adrusené «gami de plumes», vaudru
«poussant trop dru» (Gaspard), Damprichard : drui fém. «putain»-
(Grammont), Bournois dru , -u fem. «dru, des petits oiseaux dont les*
ailes sont assez développées pour leur permettre de voler; état pros¬
père des végétaux» : le bya so dru «les blés sont drus, ils sont à’uw
beau vert et en train de pousser très vite», druyòs «qualité de ce qui
est dru; sortes de pellicules blanchàtres qui restent au tond du nid
d’où les oiseaux sont nouvellement'envolés» (Roussey); Grand’Combe
dru «gaillard, vif, allégre» (Boillot); Petit Noir: dru, -3 fém. «bien>
portant (terre, personne)», vadru «très fertile» (Richenet); Bioye-les-
Pesmes: dru «bien venant», oiseaux drus comme pére et mère, quand ils
324
j. JUD
ont leurs plumes (Perron); Saóne-et-Loire : vaudru «qui pousse vigou-
rèusement, presque avec excès» (se dit des plantes), vaudruger «pousser
dru»; màchedru «màche-ferme», qui mange avec avidité, gourmand»
(Fertiault); Beaune: dm «solide, vigoureux , taper dru «se battre vail-
lamment» ; vigoureux (surtout des oiseaux nouvellement éclos) (Bi¬
game); Bresse louhannaise: dru «gaillard, vif, alerte, bien venant,
ayant toute sa force; serré, épais»: fa pousse dru » (des oiseaux) quand
ils ont leurs plumes et assez de forces pour quitter le nid : dru comme
pére et mère« (Guillemaut), Saint-Germain du Bois: moineau dru «lors-
qu’on peut l'enlever et qu’il est assez fort pour étre élevé», vaudru «se
dit d’une piante qui pousse avec trop de vigueur» ; Beaune : druesse «vie,
sève abondante dans les plantes; épais, serré: Pou ce temps qui tot
à pliain de druesse , to pousse ai piatili; les denrées que jaunissaint ces
jors derrés, les voiqui qu’al airant beintot trop de druesse* (Denizot);
Morvan: dreu, drti, - e «gaillard, robuste, ayant toute sa force (des per-
sonnes, mais surtout des oiseaux près de quitter le nid)», dreudler
«jouer, falàtrer avec entrain, avec vivacité (se dit principalement des
petits oiseaux qui sautillent autour de leur nid avant de s'envoler et
aussi des enfants)», enjaudreuiller «mettre en train, amuser, dissiper
(des enfants)», maiidru «le plus petit oiseau de la couvée», dreuler
«prendre des forces, de la vigueur, de l’énergie», rendreuiller «ranimer,
rendre vif, dispos, dru», se rendr - «se ranimer, redevenir alerte, se
remettre en train» (Chambure).
Alsace-Lorraine : Chàtenois: dru «bien emplumé», druanche «crasses
^t pellicules laissées dans le nid que les oiseaux ont délaissé» (Vautherin);
Vosges mérid.: drnòs, -às «engrais» (Bloch», Cleurie (Vosges): druasse
f. «amendements végétaux, tels que récoltes enfouies», enne bouonne
druasse «une bonne terre, une bonne fertilité» (Thiriat); Vosges:
dru(e). Ventron: drux «qui commence à engraisser», Savigny dru -sse
«gras, épais» : nof soppe de pois ast drusse «notre soupe de pois
est drue, épaisse», Yald'Ajol: in temps dru «temps fertile» ; Vosges
druosse «ce qui est dru; sue de Tengrais» (Haillant); lorr. drouance
«matière fertilisante dans les engrais» àLeTholy; druasse «amende-
ments végétaux tels que récoltes enfouies» à Saint-Amé; dru «tendre»,
Landremont druyàt «un peu mou, tendre, gras» (Adam); mess. dru
drowe «tendre, mou, molle» (Jaclot), mess. driiya, «weich» (Zéliqzon),
druyat «un peu mou, tendre, gras», drouance «état de ce qui est dru»
(Lorrain); Bresse (Vosges) dru, -e «dru», druya de «gras, dodu»,
-y asse f. «qualité d’étre gras; embonpoint; fertilité» (Hingre).
Champagne: Esternay: drussir «devenir dru, enforcir, grandiren par-
lant des jeunes oiseaux» (Pietrement); Reims: avale-dru (un) «glouton»
ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU
325
{Saubinet), Courtisols didruti', Vertus dédrussir «arracher un certain
nombre de sujets, de tiges dans un semis trop gami, trop touffu»(Guénard).
FrancoprovenQal : Suisse rom. dru adv. «fort, raide» : Leiva
dru «il y va tout de bon», dru -(v)a adj. «vif, gai, bien portant; gras,
fertile» (Bridel), vaud. dru «fréquemment, souvent, gaillardement,
rudement» (JSiv. di filol. rom . I, 107), Leysin: drii, drwà «fett, gut
gediingt (z. B. von einer Wiese), bien portante (Jaberg, Die assoz.
Ersch . 90).; Blonay: drii, -uva «dru», tsavó dril «chevai vigoureux»,
piate driivè «plantes drues, serrées» ; grasse (de la terre), éipioti drii
«il pleut dru» (Odin), Vionnaz drii-Uva «vif, gai» (Gilliéron), Gruyère
drii - a «en santé» (Rom. IV, 242), Vaudioux: dru, -ya «dru(e)», tèrra
druya, tsamp dru «fertile par Pengrais»; dru «rieur, joyeux * (The-
venin), Fourgs: dru, druio[t) f. «gaillard, vif, allégre» (Tissot), sav.
dru -rwà «gai, éveillé; dru» ntrà cavala é drwà «notre jument est en
chaleur», l'èrba ere dru «l’herbe pousse dru» ; dru «bien fumé, nourri
d'engrais» (Const. et Dés.), Albertville: dru (adj.) «chevai, boeuf, ne
travaillant pas depuis quelques jours, qui sautille, gambade; terrain
gras bien fumé» ; tapd dru «frapper fort» (Brachet); sav. dru, -a , droa
«gai, bien formé» (Fenouillet); Val d'Aosta: dru, -ya «gras», tsan
dru «champ bien engraissé» (Cerlogne); lyonnes. vadru -uà «se dit d'un
enfant, d’un végétal qui grandit ou pousse rapidement» (Puitspelu); Saint-
Etienne : drut *dru» (que nere pas si drut qu'un poulin que reguince «qui
n'était pas si dru qu'un poulain qui rue» (Vey, texte du 17 e s. v.); Gre¬
noble: drieu «drues, vigoureuses», drio, drua «drue, vigoureuse, fertile»,
driaille «amas d'épluchures» (Ravanat), dauph. drio, drieu, drua «drue»
(Devaux).
Slid fran kre ich.
Provenga!: prov. mod. drud, dru (dauph.), drude (lang.), druge
(lang. lim.) «dru, luxuriant; fertile, plantureux; riche, opulent; bien
nourri, vigoureux, gaillard, robuste; adulte, nubile; rude (en limous.),
délicat (dans les Alpes)», blad drud «blé dru, touffu et vigoureux»^
terrò drudo «fertile», aigo drudo «grasse», ome drud «riche», aucèu
drud «prét à s'envoler», pied dmge «frapper dru», drudarié «gaillar-
dise, galanterie, cajolerie, caresses d’amour», drtideja «devenir dru,
fort, adulte (oiseaux)», -damen «vigoureusement», -deso, -die (mars.) etc.
«fertilité, graisse de la terre, engrais, dépót de la bourbe, limon; luxuriance,
vigueur, pléthore; opulence», vigno an drudiero en pieine force», -det
«aisé, assez riche, enfant bien portant, gaillard et sain», -dige gi- (lang.)
«abondance de sève, vigueur, bonne santé, richesse» (Mistral), Alpes:
Lallé: dru, -a «terrain fécond», druiara, -eira «animai gras à Pen-
grais, état prospère d'une personne», endruar «engraisser les trou-
326
j. JUD
peaux, la terre», druanda , -enda «animaux ou personnes bien soignées r
endrueira «troupeaux gras», deidruar «appauvrir une terre» (Martin);
Champsaur dru «(homme) bien portant, gras (terrain)»; Barcelon-
nette dniisa «engrais» (Arnaud et Morin), endruisar> endruar «en-
graisser les terre avec du fumier» (ibid.) ; Vinzeìles: dru, -dà «fort,
robuste» (Dauzat); Ambert dru, -udo «bien portant, de croissance
vig.oureuse», ìimous. drut,-da «dru, bien portant, bien nourri» (Laborde);
périg. dru , - ucho f -uco «dru , drucà , drujà «étre, devenir dru» (Daniel);
Castrais dru «dru, fort, en grande quantité» (Couzinè).
Italien: piem. driì «grasso, fertile, rigoglioso (terreno), schifo, incon¬
tentabile nel mangiare, talvolta leccardo», Viverone: druwi f. pi.
«grasce» {Ardi, glott. 14. 114), Viverone: druwi «fertili» [Mise. -ìscoli
250), valses. driì «si applica all’ erba del prato che cresce rigogliosa»,
druvci «sostanziosa, si applica alla minestra quando è fatta con broda
concentrato», Castellinaldo : driivni «buon tempo, uzzo, vivacità deri¬
vante da benessere, schifiltà di persona ben pasciuta» (Toppino), i on-
ferr. dri «uomo, animale ben pasciuto, arzillo, superbo di sua forza»,.
driueira «baldanza che nasce dal troppo bene stare», Carpineta d’Acqui :
driv «forte, temerario, ardito» (Ferrari): altgenues. druo «ricco, fornita
(di beni), prosperoso, benestante», drueza «rigoglio, prosperità, benes¬
sere» {Ardi, glott . Vili, 349), gen druo «grosso (di panno, muro),,
rozzo, grossolano (di persona)», drua «moietta: intestino o budello
polputo delle vitelle da latte che assieme allo strigolo si cuoce in vi¬
vanda» (Casaccia); altmail. drudo «vegeto, prosperoso, florido, ricco»,.
drneza «rigoglio, benessere, floridezza» (auch von Bàumen : floriscen
con drueza , cf. Seifert und Riadene, Il libro delle tre scritt., glossi) ;
com. drudd «vegeto, vigoroso» (di persona giovane e ben vegnente,
di alberi e piante vegete); ValF Anzasca drov «fanciullo vegeto e
ben in carne» «Monti); Arbedo: driid «verde, semicrudo».
Atlas ling.: Karte 472: il a les sourcils épais : P. 121 (Haute-Marne):
dru neben d’epe.
Karte 1391: vif, vive: P. 107 (Yonne) : dru, drut, 104 (Nièvre) :
dru, f. dru.
Altfranzòsisch: dru: orgière (Caritè et Miserere), erbe (Ch. de Ro¬
land, Cristal et Claride etc.). — Li Vers le Mort, 13. Jhd. : Péciés
les eles ta tondues: Savoir veus noveles et drues, quier consei de
te maladie! Il fait boin croire entroes qu’on prie. CXL11I, v. 4—7*
dru: (li Regrès nostre Dame) estre dru d’avoir = «plein»; pais dru
«pays fertile» (God.); sain et dru (God.); bien estes d’eur comble et
drue quant de vous veut faire sa drue (Adenet, Cleomades). — Messire
Carles et ses gens se saisirent de la ville et trouverent les maisons
ZUR G ESC HI CH TE UNI) HERKUNFT VON FRZ. DRV
327
iirues et remplies (Froiss.), Adont estoit li rc^aulmes de France gras,
plains et drus\ ville piaine, lime et bien gamie (Froiss.).
dru(e)ment «dicht, reichlich, sehr» : traire, lancer des flèches, dards
dru(e)ment; semer le chenevis druement ou rarement; et molt le lui-
denge drument. la bele a de l’avoir asses qui les fait vivre druement ;
si estoit drument belle; druerie cadeau galant, bijoux et ornements
de toilette» (Laborde).
Altprov. drud «dru» (Levy) (dessen Belege mir nicht zuganglich sind).
2. tlrugier , dì iHjir .
Normandie: druger «agiter, remuer, troubler, bouleverser» : il ne
faut pas faire vie qui druge, mais vie qui dure. Dicton norm. (Moisy);
drugeon «drageon, rejeton, pousse surabondante sur la tige d’un
arbre» (ibid.) ; norm. druger «s’amuser, se réjouir», avo ir les druges
«ne pas tenir en place», drugir ' courir de coté et d’autre» (Duméril),
Vire: avo ir les druges «remuer constamment» [Rev. des p. pop. I,
102). Bessin drujié «s’amuser, mener une vie de dissipation» (i fo fere
vie qui dure é non vie qui druje>> (Joret); Villette (Calvados) drugi
«remuer» ( Rev . des pari. pop. 1, 48); La Hague: drugiei «sauter,
courir, cornine les jeunes veaux, folatrer, badiner, s’amuser bruyamment»
(Fleury), Dole: drujctte amie, compagne, maitresse» (Lecompte).
Maine, Anjou, Bretagne franqaise. Haut-Maine drugir «devenir dru,
grand, fort, bien portant» (Montesson) ; Jublains: drugir «se dit en
parlant des oiseaux. li s’applique aussi aux personnes, revenir en
sante», redrugir «se dit des hommes et des animaux qui reviennent
en sante> (Verger); mane, drugi «prendre de la force» (Dagnet),
Bas-Maine: drujé «druger, s’amuser», druji(r) «devenir dru, bien
portant, robuste», druj f. pi. «démangeaison», drusi(r) «devenir dru»
(Dottin): vendòmois drugir «grandir, pousser dru» (Martellière) ; blat-
sois druge «drageon, nouvelle pousse qui naìt à la racine d un
végétal; brin de jonc qui se place entre les douelles d’une futaille pour
la rendre étanche, quand elle a du ,trop fond 4 » (Thibault); Coglais
druj è «jouer, s’amuser bruyamment» (Dagnet) ; Ille-et-Vilaine : druger
«jouer, s’amuser, lutter surtout». -— (Veux-tu druger o ma? — Vére. —
ils vont se faire du ma. — Nenni, j’ drugeons.) drugette « lit de jeunes
mariés (à Fougeray) (Orain); Rennes; druger «jouer, s’amuser.», assez
drugé (je suis) lassé» ; quand le chat n’est pas là, la souris druge
(Coulabin); Mée druger «jouer, folatrer» (Leroux), Pléchàtel druj'e
s’amuser*, drujèt «jeune fille un peu légère», drujó, fém. -wèr «qui aime
il druger; qui est en train de druger», drujriy «action de druger»,
xmgev. drucher «sauter: (Ex.: vous venez trop tard à la chasse, il faut
328
J. JUD
arriver à la piqué du jour, les lièvres druchant avec les chevai),
drugir «devenir fort, se développer, se dit des canetons, des oisillons»,
drusir «devenir dru» (Verrier et Onillon), tourang. drurgir (se) «se
sortir d’embarras, payer ses dettes, devenir plus fort» (Rongé).
Poitou, Saintonge: poitev. druge adj. «vif, actif, ombrageux, se dit
des animaux et des hommes lestes et Iqgers de corps», drugeai «se
distraire, s'amuser», drugesse «vivacité, activité» (Beauchet-Filleau,
Lalanne); poitev. drugesse «activité d’esprit, rapidité de conception,
vivacité dans les mouvements de F esprit et du corps», druge «leste
de corps, actif d’esprit», druger «ètre ardent au plaisir» (Favre).
Centre: Yonne: drugée «matière bianche, écailleuse qui reste dans
le nid abandonné des petits oiseaux, et qui consiste sans doute en des
particules de peau, d'épiderme provenant de la mue» (Jossier); mau-
druger «mal venir, mal pousser» (animaux, semences) (Jaubert). —
Bourgogne, Franche-Comté, Morvan, Doubs: Jura: druger «sauter,
bondir, cabrioler» (Beauquier), druger «cabrioler, sauter avec gaité»
(les élèves drugent au sortir de la classe, les animaux drugent dans
la neige), adrugeons «pellicules qui enveloppent les plumes naissantes
des oiseaux, au fig. quitter ses adrugeons «prendre un essor, devenir
assez raisonnable pour se conduire soi-mème» (Monnier), Saint-Germain-
des-Bois drugeóle = adrugeons (Guillemin).
Àlsace-Lorraine: La Baroche: drcègi, futur: sa drcègr# «von Getreide,
Hafer, Kartoffeln, die gedeihen, dicht stehen», inbesondere «lorsque
deux tiges sortent de la mème graine», Belmont truci «von der Feld-
frucht, die gedeiht, dicht steht», tritò «pied de salade, de seigle, sur
lequel plusieurs tiges sont réunies» (Horning), zur Form mit tr-
Horning, p. 172.
Francoproven^al: Suisse rom. : drudje, drudse fém. «fumier, engrais;
abondance, bien-ètre», La drudje tor lo cou «Tabondance est fatale»
(proverbe de la Gruyère); drudjon y drudson «fille forte et robuste
pour le travail» (Genève) (Bridel), Noiraigue (Neuchàtel) eytr y
édroiidji «ètre enrhumé» (Urtel, Bull, du gloss. 12, 15,'«cornine si
la matière qui encombrait le nez pesait du fumier»), Val dllliez:
driids d «pré gras dans les montagnes» {Rev. diai . rom. Ili, 45),
Vionnaz driidsó «herbe qui croìt sur la ,drudze‘», driidsè «pré bien
fumé dans le voisinage d’un chalet», édriidyé «fumer un terrain»
(Gilliéron), Chàble endriidjyé «engraisser du terrain, y mettre du
fumier» {Rom. VI, 371), Hérémence druse «fumier» (Lavallaz 148);
Blonay: driidsè «tout engrais qui sert à augmenter la lécondité de
la terre; aisance, bien-ètre», driìdséyi (sé) «s'ébattre» (en parlant du
bétail); Idriidsi «engraisser les terres; prendre de Tembonpoint» (Odin);
ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU
329
Fourgs: endredsi «fumer, amender» (Tissot); Vaudioux: drudse «en-
grais de toutes sortes», drudsi «gambader, folàtrer», endrudsi «mettre
de l'engrais» ; sav. drujhè f. «engrais (fumier, purin), la première herbe
qui pousse apiès la fumure d'un champ», druge «pré en montagne,
situé en contrebas d'un chalet». Ce pré donne de bon foin ; il est
ainsi appelé prob*, parce qu’il regoit la drage de l'étable» (Const. et
Dés.); Albertville: druse «engrais, fumure», édruger , édrusier «met¬
tre de Tengrais, fumer un terrain» (Brachet), sav. drujhe ’gaìté,.
abondance, engrais, fumier», endrujhi «rendre gai, dru (des pers.), en-
graisser (de la terre)», endrujhia «bien fumé» (Fenouillet), genev.
(frg. pop.) druge «engrais, fumier», drugeon «femme, fille forte, la-
borieuse» (Humbert); Val d'Aosta dreudse «engrais, fumier» (Ceri.);
lyonn. se plaindre de druge «se plaindre de trop de bien-ètre» (iro-
nique), le miron est in druge «se dit de chats lorsqu'ils sont dans ces
états nerveux où ìls ne font que bondir», drugeon «rejeton au pied d'um
arbre», drugeou -sa «trompeur, -euse», drugi «pousse excessive, sur-
abondante» (der Sinn von «provision» sei trotz Godefroy unbekannt),,
«fumier, engrais», drugi, adr- «bondir, sauter, s’amuser par des sauts
précipités» : la mira druge «se dit des chats quand ils soufflent, quand
ils font des bonds désordonnés; tromper» ; Forez drugi «ètre joyeux, sauter,
jouer, en parlant des entants, des chats, des chevaux», drugi s. fém.
«surabondance, profusion de bien; fumier, engrais», endruged «fumer,
rendre, ,druge l », (Gras); Saint-Btienne: drugie «faire bonne chère»
(Veyi, (cf. aussi Onofrio: «faire bombance»), Grenoble endrugié «fumer
la terre», drugeié «se réjouir, sauter de joie», drugeyé «faire bom¬
bance, faire bonne chère, mener joyeuse vie», drugi f. «abondance, bien-
ètre», se grusié de drugi «se plaindre de trop d'abondance, sans
aucun motif» (Ravanat); Voironnais: druge, avoir de la druge «ètre
dru», se pla ndre de druge «se plaindre que la fille est trop belle»,
endrugier la terre «lui donner plus de vigueur par l engrais» (Blanchet) ;
drugeié «se réjouir, danser, ètre de belle humeur, sauter» (Charbot);
Usseglio: drugi «sterco» (Terracini, Arch. gioii . XVII, 324).
Provenga!: lang. lim. druge = drud (v. oben); dauph. drugeia y
drujà (périg.) = drudejà, drujo (aveyr.) = drudeso (Mistral) ; péri-
gourd. druge , -jo «dru, -e», drujà «devenir, ètre dru» (Daniel), lim.
druge, drujà «dru, bien portant, bien nourri» (Laborde), Ambert
(Puy-de-Dòme) : drudjà «croìtre vigoureusement; montrer une exubé-
rance de vie excessive», drujo, avi la drujo «montrer la joie de
vivre», périg. drujà «devenir dur (?) (sic! Colas), Briangonn. drujo
«vase, bourbe deposée dans un réservoir», endrugiar «engraisser la
terre» (Chabrand et Rochas).
330
J. JUD
Italien: piem. andriigia «letame, concime», driigia «letame, concime»,
valses. druggia «concime» (Tonetti), monferr. druggia «letame» (Ferraro).
Alias ling. : Typus: drudzd «fumier», K. 618: P. 988 (Valais), 975,
966 (Val d'Aosta), 964, 965 (Savoie), 982 (Piemont); K. 1285: tas de
fumier: 986 (Val d'Aosta). — K. 1447: averse: P. 191 (Wallonie)
druslè (vieilli) «averse» zu dru?
Material ien des Atlante linguistico svizzero-italiano,
aufgenommen von P. Scheuermeier : driigia in folgenden im Piemont
gelegenen Punkten : Asti, Pancalieri, Torino, Pramollo, Ostana, Villa-
falletto, Cuneo, drii in den Alpen von Giaveno, das Verb: Typus
andriigé , -gì, -gd i kamp : Pettinengo, Pancalieri, Villafalletto, Corte-
milia, Corneliano, Bruzolo, Torino, Pramollo, Giaveno, Ostana.
Altfranzosiscii : Godefroy : drugier (Vie Saint-Grég., sens incertain),
driiger «pousser abondamment» (16 c s ). druge «piagenterie, jeu, risée,
moquerie». druge de veel ne d.ure pas tuz jourz (proverbe de France).
druge as truffe a dainty, round, and russet root. thats all inclosed
within, but not on any part fastened unto thè ground; by thè bulking
oat whereof tis found (Cotgrave).
IH.
Zunachst bespreche ich die formai e n Probleme, die sich an die
frz. Formen kniipfen :
Femininbildung: Die Wòrterbucher geben se 1 ten das Femini-
num. — pie. dru -se, cf. in demselben pican. Sprachgebiet bleu, - se ,
na } -se. — Saint-Poi dru, 4 findet seine Entsprechung in erti, 4
{cf. ALF. c. crii), — Demuin, Yonne, Savigny — dru , drusse nach
.gro(s), gra(s), roit(x): grosse , grasse, rolisse. — lothr. dru : drowe
geht mit vendii: vendowe Lothringens J . — Blonay, Vionnaz: dru, -uva
^ntspricht cru ì cruwa «cru -e», cf. J ab erg, Uber die assoziativen
Erscheinungen in der Verbalflexion einer siidostfrz. Dialektgruppe, S. 90.
Und ebenso entspricht dem piem. driiva die criiva «crue» Form. Wohl
unter dem EinfluB einer Adjektivbildung wie etwa pauru(c) -co «peu-
reux» ist ein dru druco gebildet worden, wie umgekehrt nach Mistral
zu patirne auch ein Fém. pannalo existieren soli, oder wie zu cru(t)
(nach sa sano) ein erutto auf der Karte des ALF., c. cru figuriert 1 2 .
Verba 1 ableitung: - er und -ir Ableitungen von dru stehen
nebeneinander, wobei nicht zu entscheiden ist, ob bei den -er Ab¬
leitungen die druticare: drugier Bildungen mitgewirkt haben. Inter-
1 Dazu z. B. Bruneau, Etude phonétique des patois d’Ardenne, p. 203,
2 Die Adverbialwendung von dru in pleuvoir dru findet ihre reich-
lichen Parallelen in voir clair, porter haut usw.
ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU
331
essant sind die Ableitungen, die nicht dru -e (Typus druir ), sondern
einen Stamm druss-, drus- (vom Fém. : dru -ss£) voraussetzen : solche
Bildungen sind besonders im Zentrum Frankreichs gut belegt, drusir-
Formen im Westen, wobei lautlich allerdings dragar (<dru) und
drugir und drugier sich beeinfluBt zu haben scheinen, so dafl ich sie
nicht zu trennen wagte 1 .
Substantjvbildung: Es konkurrieren -itici (-esse , haupt-
sachlich ostfrz. -osse, -asse , stidfrz. -eso, -isó, altoberital. -esa), -té
(drueté =eher imNorden), -ance (lothr. drouance)\ -iero- Ableitungen
scheinen im prov. mod. drudiero endrueira, monferr. driueira vorzu-
liegen. tìber draanda «animaux ou personnes bien soignés» ist die
Entscheidung erst mòglich, nachdem einmal die -anda-Bì\d\ingen im
Suden Frankreichs (victnda) und (die eher kelt. Bildungen v. Typus
truan, -dar) «betteln» zusammengestellt sind. — Ein vereinzeltes Yonne
drumelle «terme de mépris» ist natiirlich nach femette (wie Jossier
richtig gesehen hat) gebildet. — In der Endung von Yonne : drussin
kann -interi, aber auch ein anderes Suffix stecken.
Zusammensetzungen: Eure: maldnt ist klar; mdchedru «qui
mange avec avidi té, gourmand» ist eine Zusammensetzung von mdchedru,
die reiche Parallelen in den frz. Mundarten hat*, uber vaudru vgl. unten.
druger- Ableitungen: Zu dem Verbum druger ist im poitev.
ein Verbaladjektiv druge «vif, actif, ombrageux«, das seine Ent-
sprechung im limous. lang. drage hat, gebildet worden: zu solchen
Bildungen vgl. die Liste bei Speich, Z. f. rom. Phil. XXXIII, 277,
wo druge allerdings fehlt. Auf weitem Gebiet, d. h. auf dem franko-
prov.-piemontes. Gebiet ist wohl von dem schon im Galloròmischen
existierenden druticare «misten» ein ^drittica «Dunger, Mista gebildet
worden.
IV.
Semantische Probleme: Es gibt wohl keinen besseren Weg,
die Einheit der ganzen <frW“Familie wahrscheinlich zu machen, als
wenn wir zunachst von der uns im Cymrischen tiberlieferten Bedeutung
«stark, kriiftiga (mit der Nuance ins Tollktihne) ausgehen und neben
die Bedeutungsverzweigung von dru die von deutsch geil und engl.
wanton, lust, lat. luxuriari, laetus 2 , petutans, gurdus wie auch
anderer bedeutungsverwandter WÒrter setzen. Im Anschlufi daran
werden wir einzelne isolierte, regional eng begrenzte semantische
Auslaufer besprechen.
1 tourang.: drurgir (p. 328) ist dies Druckfehler in dem Wòrterbuch?
2 Auf die Parallele von laetus batte mich seinerzeit im Gespràch K. J a -
berg hingewiesen.
Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 28
332
J. JUD
Doch mòge gleich im Anfang die Beobachtung nicht unterdriickt
werden, da!3 die reichste Bedeutungsweite der dru- Sippe in Sud-
und Sudostfrankreich und im westlichen Oberitalien vorliegt,
wàhrend geographisch das dru Nordfrankreichs eher als semantisch
frohlich, lustig
Deutsch:
mhd. vró und geil , mhd.
• geile subst. « Frohlich-
keit», got. gailjan «froh
machen»
Englisch:
wanton engl. «lu¬
stig, frohlich»,
engl. lusty «mun-
ter,keck,gesund»
naturfrisch, von fri-
schem Lebens-
mute, der aus
strotzender Kraft-
ftìlle fliefìt
mhd. geil , fruhnhd. geil
werden «vom erwachen-
den Selbstgefuhl derKraft
(bei der jugend)»
ags. lusty «kraftig»
iiberfroh,tiberlustig,
toll (bei Liebe,
Fest, Gelage)
werden
froh, bereit zu etwas
sein, kampfesfreu-
dig, tollkuhn
mhd. sich geilen, geil wer¬
den, Schwab, geil «uber-
froh », fruhnhd.g^/7 c Uber-
mut», mhd. geilen «sich
lustig machen»
ahd. geila muot «feroces
animos», mhd. se strìte
gail «todfreudig» ; geil -
heit des 1 alken «froher
Ubermut»
ags. ealo-gal , win-
gal «bier-, wein-
fròhlich,bier-,wein-
trunken». ags. ge¬
lati «insuperbire»
ausgelassen, iiber-
mlitig (von Tanz,
von Ziegen und
Fullen beim
Springen), lustig
t&ndeln,scherzen 1
mhd. geile Sprunge; nhd.
geiles Fullen i Luther),
schles. geil lustig, ausge¬
lassen (vom Vieti und von
Pferden), nhd. geilen (von
Katzen,Fùchsen, Màusen,
Fischen, Vògeln), «Pos-
sen treiben» (von Men-
schen), hess. geilen «Mut-
willen treiben, sich im
Scherze balgen»
engl. to wanton
«umhertàndeln,
scherzen, liebeln,
buhlen»
1 Cf. iiber das Spielen in der Liebe einige psychologisch feine Bemerkungen
bei Leo Spitzer, Uber einige Wòrter der Liebessprache, p. 47.
ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU
333
verarmtes Relikt des Gallischen zu betrachten ist. Wollen wir
die Zentralbedeutung von gali, druto kennenlernen, so werden wir
uns nicht an das schr iftfranzòs. dru, sondern besser an die siidfrz.
westfrz. Mundarten wenden 1 . ,
Lateinisch-Romanisch:
lat. petulari «mutwillig sein», lat.
laetus «fròhlich, heiter»
lat. luxuriari «strotzen, schwellen»
(membra), sp. gordo «grofi,
stark», ital. rigoglioso (bambino
rigoglioso)
at . petulari,petulans «ausgelassen
sein» (feminae), lat. laetitia
«Liebe, Freude, Liebesgluck»
lat. luxuriari «in Ausgelassenheit
verfallen, hiipfen, springen» (ser-
pens, pecus, leo), lat. petulari
(ammalia), sudfrz. gourdejd
«folàtrer», s’ébattre, bondir (en
parlant des bètes à laine ou à
cornes)», lat. lascivus «schakernd,
lose», lascivire «uppig sein,
schàkern, hin und her springen,
sich gehen lassen»
1 Und man bemerke besonders die
unzerstorbare Einheit der Bedeu-
tungen von druto - und der Ableitung
druticare (drugiev, druge).
Grand'Combe dru «gaillard, vif,
allégre», Vionnaz dru «vif, gai»;
norm. druger «s’amuser, se ré-
jouir», sav. drujhè «gaité, abon-
dance»
Bresse louhannaise dru «gaillard,
alerte, ayant toute sa force»,
Beaune druesse «séve abondante
dans les plantes», prov. mod.
drud «plantureux, luxuriant»,
monferr. drt «arzillo, superbo di
sua forza», poi te v. druge «vif,
actif, ombrageux» *
(ir. druth toll), monferr. drio «te¬
merario, ardito, forte»
cymr. drut «fortis, strenuus, au-
dax», pie. dru «fort, bien por-*
tant», mane, dru «solide gail-
lard», Blonay drii «vigoureux»,
neuprov. dru «vigoureux»,Suisse
rom. drudjon «fille forte et ro¬
buste pouf le travail»
spatlat. indruticare «herausfor-
dernd iippig sein», sav. dru
«chevai qui sautille, qui gam-
bade», monferr. dri «arzillo»,.
Morvan dreuiller «jouer, folàtrer
avec entrain» (des petits oiseaux,.
des enfants), norm. drugie(r)
«s’amuser, mener une vie de
dissipation, folàtrer, courir comme
les jeunes veaux», Doubs driiger
«sauter, bondir, cabrioler», Blo¬
nay sé driidséyi «s'ébattre (du
bétail)», Saint - Etienne drugie
«faire bonne chère»
. 23*
334
J. JUD
zu iibermiitig, un-
keusch, lascivus,
briinstig
fròhlicher Mensch,
lustiger Schelm,
verliebter Narr,
ausgelassenes
Madchen, Buhle-
rin ; Kosewort:
Liebling, Lieb-
chen
frech, unverschamt
gierig
fruchtbar von Pflan-
zen, uppig wach-
send
Deutsch:
ahd. keili «petulanza car-
nis», nhd. geil (geiles
Huhn, Hahn), nhd .geilen
«unkeusch, briinstig sein»,
bayr. gailern «verliebt
tun, schakern» (zwischen
Personen verschiedenen
Geschlechtes)
meine lust auf die Geliebte
bezogen
nhd. frech und geil , ahd.
geili «arroganza, jactan-
tia», nhd geiles Feuer
«gefrafiiges Feuer», geile
Neider «gierige Neider»,
friihnhd. geilen «frech
sein»
niedd. neuhd. (15. Jahrh.)
geiler Acker (— ager opi-
• mus), geiler Boden «der
sehr stark treibt», geiles
Gras «Iippig, fast zu stark
wachsend», d ie Saat wàchst
* zu geil «zu schnell, zu
dick», geiler Weizen «der
zu sehr indieFIalme treibt»,
elsass. geilen «iippig auf-
schieBent
Engiisòh :
ags. gal «luxuria,
^ libido ,engl .wan-
ton adj., ags. lust
«Wollust» (dtsch.
liistern)
engl. wanton subst.
engl. wanton adj.
engl. dial. goal
«rank as grass»
(Wright s. gole) y
angl. wanton ,
adj.; to wanton
«iippig wuchern»
ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT- VON FRZ. DRU
335
Lateinisch-Romanisch:
lat. luxuriari «in Ausgelassenheit
verfallen», lat. peiulantia (ocu-
lorum), Ambert (neuprov.)^owr-
dio «ardeur amoureuse», Centre
gourdir «faire l’amour». it.:
questo fremito universale di ri¬
goglio d’amore; marchig. ri-
gugghiari «far gallorie, ralle¬
grarsi soverchiamente»
mon galani «Liebhaber» (zu
afrz. se galer «s’amuser, se ré-
jouir»), galer esse «femme ga¬
lante», faire la gale «se livrer
à une joie débordante»; cf.
ferneraltprov./oALiebesfreude»,
personifiziert (auf Mann und
Frau ubertragen): mon joi-\ neu-
prov. lesto «maitresse, amante»
(< «dispos, en bonne santé, jolie»)
lat. lascivus «frech, iibermlitig,
geil», ital. rigoglioso
lat. luxuriari «iippig wachsen»,
petulari (von Zweigen), laetus
(ager, pascua, gramen), laetitia
«iippige Fruchtbarkeit ♦, lat. la-
xivus «iippig wachsend»
frumenta luxuriosa «zu iippig»,
(armenta) laeta «feist, wohlge-
nahrt t.gurdus «dick, fett»; auch
etwa Aunis folle «cépage très
productif et qui donne les meil-
leures eaux-de-vie»
sav. dru «en chaleur» (jument),
prov. mod. drudarié «gaillar-
dise. caresses d’amour», poitev.
druger «ètre ardent au plaisir»
afrz. dru(e) «amant(e)», altprov.
drut -da «amant(e)» 1
Dole drujette «amie, compagne,
maitresse», Fougeray drugette
«lit des jeunes mariés», Pléchàtel
drujèt «fille un peu légère»
limous. dru «rude», genues. druo
«rozzo, grossolano»
piem. dru «fertile», prov. drud
«fertile, plantureux», afrz. pie.
dru «serré, en grande quanVité»,
Val d’Illiez driidsd «pré gras
de la montagne», norm. drugeon
«pousse surabondante sur la tige»
^Meringer, Wòrter und Sachen V, 148 denkt anlàfìlich der Besprechung
der Herkunft von pulcher an ein andersgerichtetes Schónheitsideal (fett =*
schòn = lieb), und man kònnte dafUr auf metz. gaye «grosse femme, joyeuse,
gagui, galoise» (Lorrain) hinweisen und so auch dru «lieb» mit dru «gras»,
«en bonne santé» semantisch verkniipfen.
336
J. JUD
Deutsch: Englisch :
das, womit man òsterreich. gali «Diinger*,
den Acker geil gailen «diingen»
« fruchtbamnacht
«zuiippig, unfrucht-
bar»
nhd. geiles Fleisch «wildes
Fleisch»
engl. wanton adj.
«zu uppig»
vom Geruch, Ge-
schmack: widrig,
fade, doch auch
lobend «fett, gut,
weich, zart»
nhd. geile> «silfio , geil
schmecken», aber niederl.
geil «fett» (von Butter,
Austern, Fischen), bair.
gali 1 «weich, zart»
V.
Wer die erste Tabelle mit den rom. Formen von dru und drugier
und die zweite mit der semantischen Parallelisierung durchmustert,
wird kaum mehr geneigt sein, ohne zwingende Notwendigkeit, die
weder lautlich noch begrifflich vorliegt, die dru Familie in zwei oder
drei Teile zerfallen zu lassen. Genetisch dargestellt, scheint mir die
Bedeutungsgeschichte von drut folgendermafien zusammengefafit werden
zu kònnen:
kelt. druto «stark, tollkiihn, iippig» (cymr. drut) 1
stìdfrz. dru(t ), piem. dru, westfrz.
dru «vigoureux, gaillard, solide»,
monferr. driv «temerario»
voli Lebenslust, schakernd, ver-
liebt, iibermiitig, ausgelassen,
frech, briinstig, dru: druger
landwirtschaft. Terminus:
« star ker, gesunder, f ruchtbarer
Boden, fruchtbare, iippige
Pflanze» (dru)
iippig, fruchtbar machen (dlingen)
(druger)
iippig, dicht, dick, weich, zart
(lothr. dru , prov. mod. drud)
Die wenigen Bedeutungen, die in der Tabelle fur dru , drugier nicht
figurieren, lassen sich fast alle ohne grofie Schwierigkeit mit der Grund-
bedeutung der drut- Sippe vereinigen:
1 Cf. auch die Bedeutungsfiille von griech. «voli, ausgewachsen, reif,
stark dicht, schwulstig»; span. locano «iippig, dicht belaubt; lustig, fròhlich,
munter; frisch, lebhaft, rtistig», portg. lou^ao «kostlich, pràchtig, zierlich,
elegant; belaubt, griin; heiter, fròhlich, niedlich, artig, hiibsch, fein, angenehm ;
fig. frisch, munter, gesund, kràftig, stark ; span. guapo «mutig, kiihn, tapfer,
brav; schòn, wohl aussehend, schòn gekleidet; galant, verliebt; Mann von
Mut; Raufbold, Liebhaber, Geliebter*.
ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU
337
Lateinisch-Romanisch:
laetare «diingen» (obwalcfc ladar\
laetamen «Diinger» (it. letame),
laetifitare «diingen» (agrum) ;
sp. engordar «màsten»
laetus «fett» (pabula, tellus), ital.
rigoglioso «zu tippig, zu starkes
Treiben der Pflanzen» ; imol.
argòi «soverchio vigore delle
piante»
Doubs druesse «fumier, gadoue
qu’on met au pied des plantes
pour les faire passer dru* *, prov.
mod. endruar «engraisser»,
francoprov. drudad «fumier»
Savigny dru «gras, épais» *, Lan-
dremont druyàt «un peu mou,
tendre, gras», Metz dru «tendre,
mou», prov. mod. (Alpes) drud
«délicat», prov. mod. drudeso
«luxuriance, pjéthore»
1. dru «emplumé» : Havre dru , cf. aber montbél. dru «des petits
oiseaux quand ils ont asses de force pour quitter le nid».
2. dru «heikel» : piem. dru «schifo, incontentabile nel mangiare,
talvolta leccardo», Castellinaldo dfuveri «buon tempo, uzzo, vivacità
derivante da benessere, schifiltà di persona ben pasciuta» knupft wohl
an die Bedeutung von «weich, zart» an: cf. prov. (Alpes) drud «délicat»
(vgl. etwa frz. une viande délicate , un enfant délicat , un estomac
délicat ): wer zu gut genàhrt ist, verliert leicht den Appetit und wird
im Essen heikel.
3. Arbedo drud «semicrudo, verde», an der àufìersten Grenze des
Wortgebietes von drud zeigt, wie dies oft in Grenzgebieten von
Wortzonen zu beobachten ist, Bedeutungsverengerung, die iibrigens
unschwer zu verstehen ist: drud heifit lomb. «vegeto, prosperoso»,
im Val Anzasca drov vom Kind «vegeto e ben in carne» : man spricht
nun ja auch von einer persona verde «frisch, lebhaft, riistig», aber
anderseits von frutta verde «unreife Fruchte» : ein àhnlicher Be-
deutungsiibergang wird wohl auch in der Form von Arbedo vorliegen.
1 Das Wort dru «amant» und besonders drue «amante», einmal dem
Kodex der hofischen Literatursprache einverleibt, ist mit anderen AusdrUcken
aus derselben Gesellschaftssphàre gewandert nach Italien (cf. it. gioja < joie,
drudo < prov. drudo ì cf. auch altpaves. drua , altvenez. drudo, -da, istr.
druga ), nach Spanien (akat. joy, drut, drudo , aptg. drudo) und bei der
raschen affektischen Entwertung all dieser Ausdrtìcke (cf. Spitzer, op. cit.
p. 7 ss.) ist es nicht weiter auffàllig, dafi drue in den frz. Mundarten unter-
gegangen ist: ich kenne nur Damprichard dru\ «putaine», Broye-les-Pesmes
druerie "galanterie obscène», und bezeichnenderweise hat sich das Wort drudo
*Hure» nur an der Peripherie des frz. Einflufìgebietes halten kònnen:
kat. drilt-da «Ehebrecher-in», unterengad. druda «Hure» « aven. druda).
Tosk. drusiana , pis. trusiana kònnen mancherlei Quellen haben.
338
J. JUD
4. genues. drua «molletta, intestina o budello polputo delle vitelle
da latte che assieme allo strigolo si cuoce in vivanda» kntipft wohl,
wie ital. molletta (molle «weich, schiaffa), an die Bedeutung von drud
weich, zart» an (cf. oben unter 2).
5. In Westfrankreich (Perche : jeu de drue\ Vilaine: drue , Rennes:
drue, Yonne: drue ) ist die Bezeichnung des «jeu du bouchon», cf. dazu
I. mire «morceau de bois placé debout ou bouchon sur lequel ou au pied
duquel on place la monnaie formant Penjeu. La mere abattue, Penjeu
se partage entre les joueurs dont les palets sont le plus près des
pièces de monnaie» (Verrier et Onillon, Anjou p. 464). — II. Thaon
yMormandie) : godiche «jeu de bouchon» (Guerhn de Guer, p. 301) ge-
hòrt offenbar zu frz. godiche «nigaud -de». III. In einer grofien Anzahl
von ostfrz. Mundarten(Aube, Lothringen, Belfort, Saóne et-Loire, Pierre-
court, Doubs, Petit-Noir, Franche-Comté, Savoie, Dauphiné) heiBt dasSpiel
gaiine , cf. z. B. Belfort gaiine «bouchon, ou petite quille servant desupport
aux enjeux et de but, dans le jeu dit du bouchon». Das Etymon gallina
wird in vielen Patois-Wtb. wiederholt: allein erstens stimmt die Form
gaiine mit ihrem g - nirgends mit den Patois-Formen von gallina
«Huhn» tiberein, zweitens kennt weder Siidfrankreich, noch, soweit
meine Quellen reichen, Oberitalien das bouchon-Spiel als gaiina, so dafi
eine Entlehnung des ostfrz. Wortes aus dem Siiden ausgeschlossen
scheint. Dagegen legen die semantische Parallele angev. mere «femelle :
quille du jeu du bouchon», Thaon. godiche «femme nigaude» : godiche
«bouchon», drue «femme légère, putain» : jeu dela^r^esnahe, dasSubst.
gaiine an galer «faire la noce», galie , galeresse «femme de plaisir» :
f'aire le galin gallant «mener joyeuse vie» (God.) anzuknupfen x .
6. Yonne drussin, - ssot , Bournois druyòs «poussière qui reste dans
un nid, quand les petits ont pris leur volée», drugé «matière bianche,
écailleuse, qui reste dans le nid abandonné des petits oiseaux et qui con¬
siste sans doute en des particules de peau d'épiderme provenant de la
mue», Jura adrudson , Saint-Germain des Bois drugeòle «pellicules qui en-
veloppent les plumes naissantes des oiseaux», oiseau «emplqmé, prèt à
^envoler» ist das, was im Nest von den oiseaux drus zurtickgeblieben ist 1 2 .
7. Bas-Maine druge «démangeai'son» schliefit sich semantisch an avoir
les druges «remuer constamment» an und findet etwa seine Parallele im
mess .frec’hin «s. m. farcin, gale, démangeaison, fig. femme brouillonne
et remuante».
1 Mit gaiine konkurriert auch ga^oche (jeu de galoche ). von dessen Ein-
fuhrungin Paris durchdie Bretonen Daudetin seinem EnfantEspion berichtet,
2 Das bei Cotgrave belegte druge «truffe» vermag ich nicht welter nach-
zuweisen.
ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRV 339
8. Lyonn. drugi , adrugi «tromper» kann leicht verkniipft werden
mit druger «sauter, bondir, s’amuser» : amuser qn. heifìt im afrz.
«tromper quelqu’un», oder man kònnte erinnern an «ètre fou (d’amour)»,
aber altfrz. cifoler «tromper» (cf. Grenoble drugier «faire bonne chère»,
Forez. drugi «jouer» [en parlant des’enfants] ) : also foli (vor Freude)
sein. Sagt man nicht auch jouer qn. «jem betriigen» ? Und gewift
sind noch andere Ankniipfungspunkte vorhanden, die alle zu erwagen
waren, bevor man an die Aufstellung eines burgundischen Etymons
denken darf.
VI.
Einen letzten Beweis fur die gallische Herkunft von dritto habe
ich zum Schlufi aufgespart: namlich die Erklàrung der Formen vaudru.
Ich stelle sie hier noch einmal zusammen:
Petit-Noir vadru «très fertile», Saòne et Loire vaudrn «qui pousse
vigoureusement, presque avec éxcès. se dit des plantes», vaudrager
«pousser dru»; Bresse Chalonnaise (Saint-Germain des Bois) vaudru
«se dit d’une piante qui pousse avec trop de vigueur»; Montret (Còte
d J Or) vaudru «poussant trop dru», sav. vadru «fertile» (Const. et Dés.);
lyonnes. vadru «se dit d’un enfant, d’un végétal qui grandit ou pousse
rapidement» (Puitspelu), dazu gehòrt fast sicher auch pik. gadru 1 «on
dit d’un jeune enfant qui est vif, eveillé, gaillard, bien portant, qu’il est
bien gadru : die Bedeutung «très fertile» schimmert deutlich durch.
vadru oder vaudru kònnen einem gali, ver-druto entsprechen mit jener
Vorsilbe ver-, die wir in ver-nemetis «fanum ingens», cymr. gor frwd
«sehr heifi», bret . gour-gamm «très boiteux» usw. (cf. Pedersen, Gramm .
II, 10) : durch Dissimilation, worauf mich mein Freund J. U. Hubschmied
aufmerksam macht, konnte ver-druto im Romanischen zu vel-druto
werden, wie vertragus > veliragu (ital. veltro) : welches Resultat ein
vel-druto in den ostfrz. und frankoprov. Mundarten hat ergeben mussen,
durfte kaum zu bestimmen sein, da el + cons . sehr selten in vor-
toniger Silbe bei lat. Wòrtern (die im Roman, iiberliefert sind) auf-
tritt. Auf jeden Fall haben wir eine gallische Zusammensetzung
vor uns, die sich ins Romanische hiniibergerettet hat.
Unsere Studie hat so, wenn ich mich nicht irre, dem gali, druto 7
das uns zwar aus dem Altertum nicht Iiberliefert ist, wohl aber in
den inselkeltischen Dialekten fortlebt, seine Familie und seine Be-
deutungen wieder geschenkt; ein totgeglaubter Zeuge des Gallischen
ist zu neuem Leben erwacht. Die Galloromanen allerdings haben
diesem gallischen Wort seit 2000 Jahren niemals die Treue gebrochen.
1 Das pik. ga - statt va- wirft die^Frage auf, ob nicht gali, v- strichweise
zu g- (in gali. Dialekten oder im Romanischen) geworden ist.
J. JUD.
Les verbes forts en wallon prélittéraire.
La guerre a interrompu la publication d’une étude du wallon pré¬
littéraire que j’avais entreprise dans une revue d'Allemagne, la Zeit-
schrift fiir franzosische Sprache und Literatur . Deux articles
avaient été imprimés, le premier, Les principaux traits phonétiques
du wallon prélittéraire ou préhistorique , dans le tome XXXIX 2
(pp. 145—153 % comprenant les numéros 1—10 de l’ensemble, le deu-
xieme, Les principaux traits morphologiques du wallon prélittéraire
ou préhistorique , qui comportait la première partie de la flexion
(jusqu'aux veibes forts) et comprenait les numéros 11—34 de l’en-
semble, dans le tome XLI (pp. 233 — 256).
De commuti accord avec le directeur de la revue, M. le professeur
Behrens, je suis rentré en possession de la partie non imprimée du
manuscrit avec la faculté d’en disposer à ma guise, si je désirais la
publier.
C’est cette partie qu’on trouvera ci-après sous un titre à part J’ai
préféré commencer une nouvelle numérotation des faits examinés à Laide
des chiffres romains.
I. Les verbes dits forts, c’est-à-dire présentant des irrégularités ou
des anomalies, les présentent, pour la très grande majorité d’entre
eux tout au moins, au parfait et au participe passé, ainsi qu’aux temps
qui sont avec le parfait dans une étroite relation de dépendance, le
plus-que-parfait et l’imparfait du subjonctif
Dans cette étude, j’envisagerai pour commencer le parfait et les
deux temps qui en dépendent étroitement; le participe passé fera
l’objet d'un examen à part, qui viendra après.
II. Je considérerai, en premier lieu, trois parfaits forts, qui sont
seuls de leur espèce: vidi , veni , feci.
Le premier, vidi , pour l’époque prélittéraire, ne donne lieu à au-
cune remarque particulìère: son tr^gement, en wallon, est le mème
qu’en francien. Mais, comme en wallon son infinitif était vedir (no 25),
LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
341
il a regu, à l’époque historique, un parfait faible: chez J. de Hemri-
court on trouve veys , veyt , veyrentK
Veni ne présente de différence avec le traitement du francien qu’à
3 pi. parf. qui est vinrent et à toutes les personnes du plus-que-
parfait, qui est vinre , vinres , etc., cela en vertu de la règie phoné-
tique énoncée au no 3. On rencontre vinrent à 3 pi. parf. dans les
Sermons de carème et dans les Moralités sur Job 1 2 .
Feci est beaucoup plus compliqué. Dès avant Pépoque du Jonas ,
en vertu des règles énoncées aux nos 6 et 34, il devait se conjuguer,
au parfait, au plus-que-parfait, et au subj. imparfait, de la facon
suivante, où j’ai noté par Pitalique les formes propres au wallon:
Parfait: fis*, fesds, fist, fesHmes, fesdstes, firent.
Plus-que-parfait: fire, etc.
Subj. imparfait: Jesdsse, etc.
Les textes d’òil du.X e siede connaissent le plus-que-parfait, qui a
disparii par la suite: ce temps n’est donc pas une particularité du
wallon. Au subj. imparfait, Jonas fournit une 3 s g.fesist, qui, comme
on Pa déjà vu (nos 6 et 34), doit ètre lu Jesdst. On sait qu’au par¬
fait Jonas présente, au lieu de la forme phonétique Jirent à 3 pi.,
une forme assez singulière Jisient , répétée 4 fois. Si Pon jette un
simple coup d’oeil sur les autres personnes du parfait, il n’est pas
difficile de voir que ce Jisient n’est autre chose que le phonétique
firent qui a été influencé par 1 et 2 sg. et 1 et 2 pi. et a troqué
son r contre le son si que ces quatre formes renferment. Ce qui a
été dit de Jisient au no 4 doit donc ètre considéré comme erroné.
III. L’examen des verbes forts dont le parfait est en -si me donnera
Poccasion de rectifier une grosse erreur que j’ai commise au no 4 (et
répétée au no 34), à propos du traitement du groupe (S)s-r en wallon:
je n’y ai pas admis Pépenthèse d e t, d euphonique. • Je reconnais
maintenant que c’est un paradoxe de vouloir faire des formes astreiet ,
astreient ì distrent , fréquentes dans le Jonas , des formes dues
Panalogie et non primitives. C’est ce que montrent d’abord les an-
ciens textes wallons postérieurs les plus autorisés: par exemple, les
Vers del jtìise ont creistront (v. 144); les Sermons de carème ont pai-
steroit 3 ; les Moralités sur Job ont conistrai , conisiront ) creistre 4 .
Certains mots de l’onomastique sont une preuve certaine que Pépen¬
thèse de /, d a eu lieu en wallon dans le groupe (s)s-r : par exemple,
1 G. Doutrepont, Et ... sur J. de Hemricourt, p. 79.
2 Wiese, Sprache der Dialoge Gregor, pp. 112 et 183.
8 id., ib., p. 114.
4 id., ib„ p. 187.
342
P. MARCHOT
à Goé (prov. de Liège\ . on a une dépendance Le Vesdray , qui est
un diminutif de v?s la Vesdre < Ve sera] l’endroit est situé au
bord d’un minuscule affluent de la Vesdre, qui a dù s’appeler le
Vesdrei.
IV. Les verbes à parfait en -si soni fort nombreux, plus d’une
cinquantaine ; une moitié environ est en -xi. Il n’y a que ceux en
-xi qui, en vertu de la règie énoncée ci-dessus, au no III, offrent des
différences de traitement avec le francien au parfait et à l’imparfait
du fcubjonctif, le plus-que-parfait étant le mème dans les-deux dialectes.
On trouvera un modèle de verbe en -xi ( duxi ) conjugué au no 34:
la 3 pi. parfait doit y ètre corrigée en duistrent , et le plus-que-par-
fait en daistre , en vertu de la règie du n° III 1 .
Tous les principaux parfaits en -xi sont: disi, benedi'si, dusi, lus '
-strusi, trasi , tesi, despesi (despexi), lesi (*lexi), estesi, delesi (di-
lexi), così, ados* ( ad-anxi), censi , estrensiestensi (ex stiri xi),
fensi , tensi (tinxi), pensi, piansi, fransi, atansi (ad- Hanxi ),
jonsi y onsi , pons* (punxi).
Une anomalie aussi singulière, dans le Jonas , que celle du pf.
fìsient est celle du pf. permessient au lieu d z permesdrent. Je pense
qu’il faut ramener permessient à permesient (avec 5 sonore) et y
voir une action de fìsient sur permesdrent . on a, en effet, une prò-
portion mesient: mest : : fìsient : fist . L’auteur du Jonas confond
souvent les sourdes et les sonores: preliet pour prediet (predica ^
tu ni), jholt (2 fois), acheder , achederent.
V. Le traitement en wallon prélittéraire des verbes à parfait en
■ui donne lieu à des divergences très caractéristiques avec le francien,
plus importantes et plus nombreuses que celles qui ont été relevées
dans Texamen du traitement des verbes à parfait en -xi. J’étudierai
d’abord ces divergences au parfait et à Timparfait du subjonctif, temps
où elles sont analogues; celles qui se produisent au plus-que-parfait
ne seront examinées qu’ensuite dans un no à part.
VI. Parmi les parfaits en -ui, volili constitue un type particulier
et doit ètre étudié isolément. Il ne donne lieu en wallon qu’ à une
légère différence de traitement par rapport au francien, analogue à
celle qu’on trouve dans le traitement de veni (v. plus haut, no II).
A la 3 e p. pi. du parfait et à toutes les personnes du plus que-par-
fait, il n’y a pas en wallon épenthèse de d en vertu de la règie
énoncée au no 3: on a volrent et volre. La mème différence existait
1 On corrigera de mème à ce n° la conjugaison de croitre ainsi: fut. et
condii, creistrai -eie, infin. creistre.
LES VERTÌES FORTS EN WALLON FRÉLITTÉRAIRE
343
dans un parfait nolui , car l’ancien frangais a possédé un continuateur
d’un verbe *nolere (v. n° 26). Peut-ètre en wallon avec volili et
n olili allàit solili , qui offrait en ce cas la mcme particularité : en
effet, il y a dans Jonas un soli qui peut ètre regardé comme une
3 e sg. parf. et qui montrerait un parfait conjugué comme volili
(habuit misericordiam si curn il semper solt haveir de peccatore).
VII. Les parfaits forts en -ili, en frangais, se classent d’après trois
types habui, debili, *connovui; le wallon en distingue un quatrième,
très particulier, pour lequel tenui peut servir d’exemple. Pour ces
quatre types, voici la conjugaison en wallon du parfait et de l’impar-
fait du subjonctif, les formes qui sont propres au wallon étant notées
en italique:
Parfait :
OH
*diu
*COHll
tinve
awis
deivis
conowis
tenvis
out
diut
con ut
tinvet
awirnes
dewimes
conowimes *
tenvimes
awistes
dewistes
conowistes
tenvistes
ourent
diiirent
conurent
tinrent
Impf.
du subj. :
awisse
dewisse
conowisse
tenvisse
On
sait qu’en
franQais,
k coté de
ces trois types, il y en
quatrième qui est faible et qu’on s’accorde à considérer comme de¬
terminò par fui et calqué sur lui; pour ces parfaits faibles valili
se rt ordinairement d’exemple. Le wallon les connaìt également et
voici, notées par l’italique, les divergences qu’il y offre avec le fran-
-cien au parfait et h l’imparfait du subjonctif:
Parfait: valui valuis valut valuimes valuistes valurent
Impf. du subj. : valuisse.
Voici la liste de tous les principaux parfaits. qui se conjuguent
d’après les modèles donnés ci-dessus:
D’après li ab ni (type I): sapui f *pavui (* pascer e), placiti,
t a cu i.
D’après debui (type II): *bibui, *credili, *cr eviti, * recepiti,
*decepui, ^concepiti , *aper cepui. * jecui , *secui, licuit f
Hegui (legete), *elegui, * stetui .
D’après *connovui (type III): * moviti, *plyvuit 7 *esto-
puit, no cui,
D’après tenui (type IV): probablement (les textes ne fournissent
pas d’exemples) *(r e)ponui, submonui , *manui.
D’après valui (type V): caluit, molili . dolili, parili,
* morui, * curvili .
344
P. MARCHOT
VITI. Dans les verbes du type I, le wallon n' a pas traité F i final
de 1 sg. comme le francien, où cet i joue le róle d’un yod (oi ) ; le
wallon Fa considéré comme un i final et Fa amui; les Vers del juise
ont ou (v. 390), ainsi que les Sermons de caréme 1 et le Pohne
Moral 2 ; les Moralités sur Job ont tou 3 . Hemricourt a awymes 4 .
Au subjonctif, on trouve auuisset dans Eulalie, awist awissent dans
le Boème Moral 5 , auist auissent dans les chartes namuroises 6 , avisse
awiest awist sawissent chez Hemricourt 7 .
On trouve dans les chartes liégeoises et namuroises 8 9 des formes
irrégulières owins, owist , owissent , ouist dans Job*\ elles doivent
leur o à 1 et 3 sg. et 3 pi. du parfait: ou, out et ourent \
Il se rencontre également des formes ewissent dans les chartes
liégeoises 10 , ewist sewist dans des chartes de Dinant en 1340 et de
Namur en 1377 11 ; ces anomalies ont sans doute leur explication dans
Fanalogie: des verbes du type I auront parfois modelé certaines de
leurs formes sur celles des verbes du type II, qui sont beaucoup plus
nombreux.
IX. Dans les verbes du type II, à 1 sg. parf., la forme n’est attestée
par aucun texte, mais, à en juger par le traitement des verbes du
type I {ou), on peut conjecturer quelle devait ètre *diu avec amuis-
sement de Y i final, et en plus une inflexion qui avait élevé F e à i
cette inflexion étant attestée à 3 sg. et 3 pi. (diut, diurent). A 2 sg. r
1 pi. et 2 pi., dewis, dewimes, deimstes sont connus comme une
particularité du dialecte wallon et mentionnés comme tels dans les
grammaires historiques du francate 12 ; il serait donc superflu d’en
relever des exemples; Fon peut en dire autant du subj. dewisse , qui
se trouve dans des conditions phonétiques identiques et se rencontre
fréquemment. Pour 3 sg. et 3 pi., le Poème Moral fournit les
exemples siut, diut, biut, criut 13 , et le Job les exemples giut, reciut,
1 Wiese, op. cit., p. 114. %
2 éd. Cloetta, p. 114.
8 Wiese, op cit., p. 186.
4 G. Doutrepont, op. cit, p. 80.
5 p. 114.
6 Wilmotte, Romania, XIX, p. §4.
7 G. Doutrepont, op. cit., p. 30.
8 Wilmott e, Romania, XVII, p. 568, et XIX, p. 84.
9 Wiese, op. cit., p. 186
10 Wilmotte, Romania, XVII, p. 568.
11 Niederlànder, Zeitschr. flir rom. Phil., XXIV, p. 283.
12 Schwan-Behrens, Altfranz. Gramm., 6 e éd., § 342 fin; Bourciez,
Elém. de linguist. rom., p. 359.
13 p. 115-116.
LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
345
estiut , ainsi que des variantes très voisines recieut , ellieut, estieut,
estieurent l 1 dans lesquelles la graphie ieu représente sans doute une
prononciation très ouverte de V u. Dès Tépoque des chartes, cet iu,
dans toute la région liégeoise, commengait à passer à ai par méta-
thèse: les chartes liégeoises fournissent déjà deux exemples duit,
suirent 2 ; Hemricourt n' a plus que rechayt, prochuyt 3 . Cette méta-
thèse devait amener à Tétape moderne, qui est a dans les variétés
du liégeois: rii ruisseau, siti (partic.) = a. w. stiut.
Une petite anomalie se rencontre parfois dans des formes qui pré-
sentent à 3 sg. et 3 pi. eu au lieu de iu , ainsi jeut dans le Poème
Moral: il faut vraisemblablement y voir un remaniement de 3 sg. et
3 pi. d'après 2 sg., 1 pi. et 2 pi. ( jeut d'après jewis , jewimes r
jewistes);
Une autre anomalie, qui paraìt déroutante à première vue, se pré¬
sente à 2 sg., I pi., 2 pi. et au subjonctif, où Ton est parfois surpris
de trouver -ewi - remplacé par -ui-: ainsi suimes ì duiens et au subj.
recuist dans les chartes liégeoises 4 5 6 , duins et au subj. elluist, buissent
dans Job*. A y regarder d'un peu près, on s'apenpoit que cette
bizarrerie, en vertu de laquelle -ewi- est parfois contracté en -ui- , a
dù prendre naissance dans certains verbes où les formes étaient
trisyllabiques, comme eslewis -imes -istes -isse, et où Y e , placé au
milieu du mot et ne recevant aucune espèce d’accent, offrait un mini¬
mum de résistance à la contraction. Le cas de formes trisyllabiques
se présente dans les parfaits esliu , reciu, deciu , concia ; on a mème
des formes de quatre syllabes dans aperciu.
Dès le XIIl e siècle, dans le wallon autre que les variétés liégeoises 8 ,
on avait, à 3 sg. et 3 pi. parf., déjà atteint une étape ie provenant
de iu : les Sermons de carème 7 ont diet t giet, rechiet.\ cet ie a abouti
de nos jours a i\ sauf les variétés du liégeois et Textrème sud-est,
le wallon de nos jours dit ri ruisseau, sti (partic.) = a. w. stiut.
X. Dans les verbes du type III, la 1 sg. parf. n’est attestée nulle
part, mais je crois qu'en se basant sur Tanalogie de ou habui et
1 Wiese, op. cit., p. 187—188.
2 Romania, XVII, p. 568.
3 G. Doutrepont, op. cit.. p. 79.
4 Romania, XVII, p. 568.
5 Wiese, op. cit., p. 187.
6 On trouve cependant aussi le traitement ie, voisinant avec iu, dans les
chartes liégeoises (ainsi diet)\ c’est sans doute le fait de scribes non liégeois.
Le traitement moderne ii ( stii\ rii) se retrouve aussi dans Textréme coin
sud-est du wallon.
7 Wiese, op. cit., p. 115.
346
P. MARCHOT
de *diu debui , on peut rétablir un *conu , dans lequel Vi final a
été amui et où par inflexion Po est devenu u: on a eu ainsi * conuu ,
qui s'est réduit à *conu\ c'est Pévolution qui est postulée par 3 sg.
et 3 pi., qui sont conut, conurent: les Sermons de carème 1 ont conut,
reconnut, et le Job 2 3 a conut, conurent, nmt. A 2 sg., 1 pi., 2 pi.
parf., et au subjonctif, les formes conowis , etc. me paraissent appuyées
d'abord par les analogies de awis , etc., dewis , etc., (types I et II),
et en outre par un subj. prornovist , qu'on trouve dans /oò 8 et qu’il
faut lire promouist . Il y a aussi un movist chez Hemricourt 4 * * , mais
il est sans portée, puisqu'il figure à coté d’un parf. faible emmovyt ,
refait sur la conjugaison en -ir. Les formes conowis , etc., que je
restitue, sont encore postulées par des formes contractes conuis, etc.,
qui sont à conowis ce que duis est à dewis (no IX): on relève un
conuimes dans Job b .
XI. Le modèle de parfait des verbes du type IV,* tenui , à Pé-
poque du wallon prélittéraire, n’était peut-ètre qu'un simple parfait
isolé, qui n'était pas unite ou chef de file dans une classe de parfaits :
en effet, si Pon trouve tinvet dans le Job *, retinue dans une charte
namuroise 7 (qu'il faut lire retinve), retinve ztdetinve chez Hemricourt 8 ,
il est impossible de rencontrer jamais dans les textes wallons des
Xll c —XIII e siècles des (re)ponve, somonve , manve pour les parfaits
*(re)poniti, submonui, manui. Ce traitement tinve en wallon
est le méme pour la phonétique que*celui de tenve, anvel, janvier .
A 3 pi. parf. on a tinrent sans épenthèse de d (n° 3).
C J est au XV e siècle que paraìt commencer en wallon le succès du
parf. tinve . Il détermine d'abord un vinve , qui est dans J. d'Outre-
meuse et dans J. de Stavelot, et un pove, qui est dans J. d’Outre-
meuse et a survécu 9 ; ce pove produit un vove, relevé par Wilmotte
sous la graphie vóf dans un texte de 1634 10 ; un JdJ est constaté
en 1700 11 ; et, à Pépoque moderne, c'est un dvof (debere) qui ap-
1 Wiese, op. cit., p. 114.
2 id., ib., pp. 186—187.
3 id., ib, p. 187.
4 G Doutrepont, op. cit, p. 79.
* Wiese, op. cit., p 186
* Wiese, op. cit., p. 183.
7 Romania, XIX, p. 84.
* G. Doutrepont, p. 79.
9 G. Doutrepont, La conjug. dans le wallon liégeois, p. 72.
19 Wilmotte, Zeitschr. f. franz. Sprache u. Literatur, XX, p. 78.
J1 id , ib., 1. cit.
LES VERBES FORTS EX WALLON PRÉLITTÉRAIRE
347
parait en verviétois 1 , un vaf et un dcémaf (de-nianere) en mal-
médien 2 3 .
XII. Les verbes du type V (type faible) le maintiennent jusque
dans le cours du XIV e siècle. Les textes ne fournissent comme
exemples que corut dans les Sermons de carème 8 , recorut , corurent
morurent dans Job 4 * . Hemricourt a encore un morut à còté de
morti, morirent, corit , corirent, vaiti, doliti.
XIII. Au plus-que-parfait, seuls les verbes en -ni fournissent quel-
ques différences avec le dialecte francien; c'est dans les verbes des
types II et IV. Voici les plus-que-parfaits des cinq types, Pitalique
servant à noter les différences:
oure diure conure tinre valure.
Ces plus-que-parfaits présentent le méme traitement que 3 pi. parf. à
tous les types.
Dans le type I, la forme auret d’Eulalie (vv. 2 et 20) parait
contradictoire à oure , mais elle s’expliquera aisément, si Fon veut
se rappeler que au pour gii est une graphie familière à la fois au
wallon Occidental et au picard orientai: c’est ainsi que Bouffioulx
(Hainaut) = bell uni fagii m est écrit en 1244 B i a u f a u 6 , que
pou paucum est écrit pau un grand riombre de fois dans Job,
une fois dans le Fragment d’homélie 7 . Au n° 31, YEulalie a été
localisée au point de contact des trois dialectes picard, wallon et
champenois.
Au type IV {tinre), on remarque l’absence d’épenthèse.
Le type V {valure) peut se déduire pour tout le domaine d'oi’i
/de ftir et qui est dans Eulalie (v. 19).
XIV. A propos du plus que-parfait, je dirai ici que mon opinion
présente est qu’il n’a pas survécu en wallon, pas plus que dans n'im-
porte quel dialecte d'oil (v. n° 23 fin). Je pense que les parfaits
défectifs actuels qui pourraient ètre rattachés à Pancien plus-que parfait,
tirent leur origine de troisièmes personnes pi. parf. telles que ourent,
tur ent , vo(l)rent , vinrent , etc. : car il est remarquable que dans le
wallon malmédien ce genre de parfait moderne de quelques verbes
1 G. Doutrepont, La conj. dans le w. liégeois, 1. cit.
2 Bastin, Morphol. du parler de Faymonville, § 76. Dìemàf pourrait à la
rigueur ètre regardé comme une forme primitive, ayant survécu en malmédien.
3 Wiese, op. cit., p. 115.
4 id., ib., p. 188.
7t G. Doutrepont, Et ... sur J. de Hemricourt, p. 80.
6 Grignard, Phon. et morph. des dialectes de l’Ouest-wallon, p. 19,
7 Wiese, op. cit., pp. 159 et 194.
.Archivum Romanicum, — Voi. VI. — 1922.
24
348
P. MARCHOT
n’existe précisément qu’aux trois personnes du pluriel avec les flexions
ri à 1 et 2 et -rò à 3, par exemple d^ri d$rò> fin fìrb 1 ; il semble
qu’on a affaire à une extension de la flexion -rent de 3 à 1 et 2,
avec modification appropriée de la voyelle finale selon les règles de
conjugaison locale, comme croyait déjà Stiirzinger (v. Zeitschr. f. roms
Phil., XX, 510).
XV. La question des participes passés des verbes à parfait ètP'-Sfi
est difficile.
A Tépoque de Jonas y il y avait déjà des parfaits en -si altérés f
puisqu’on y rencontre pennessient, qui a été expliqué comme un
permesient déterminé par fisient (n° IV). Il se pourrait donc que la
langue de Jonas eùt déjà un certain nombre parfaits. en -si refaits
analogiquement comme permesient, par ex pus*, sis *, misK Comme les
parfaits forts ont souvent influencé les participes passés, il se pourrait aussi*
que jusqu’à cette époque lointaine remontassent des participes passés
comme pri f. pris , f. sis ou sis (employé seulement substantivement au
sens de «veillée»), mi f. mis (sporadique), qui sont des participes usitéS :
dans le wallon fréquemment. Mais il se pourrait également qu’ils’
fussent plus récents et déterminés _par certaines personnes des parfaits
en -xi: dis\ desHs , des i imes ì etc. Ils sont encore inexpliqués 2 .
A propos des participes des verbes à parfait en -xi, je n’ai qu'une
remarque à faire à propos d’un. liégeois deis deit «dit> d J une cbarte
de 1279, qui aurait déjà existé à Tépoque prélittéraire d’après G. Doutre-^
pont 3 , puisqu’il continuerai le lat. dictus. Mais qui ne voit qu’à
la fin du XIII e siècle un dictus aurait atteint depuis longtemps
Tétape dotti Ce deit liégeois n’est pas autre chose qu’une analogie
au liég. leit <lectus, régulier dans ce dialecte: dire, lire, comme
aussi écrire y réactionnent facilement Tun sur l’autre.
XVI. Au participe des verbes à parfait en -ui, il n'y avait pas de
différence entre le wallon et le francien dans les types II, III, IV et
V (detti, conoiit, tenui, valut).
Dans le type II, à Tépoque des textes littéraires, comme on Ta déjà
fait remarquer 4 , le participe est très fréquemment refait en -hit d’après
le parfait (en -iet dans les textes qui ont -iet): ainsi concine dans le
Poeme Moral, reciut recieus ellieut dans Job 5 , enliut rechiute rechies
1 Bastin, Morph. du parler de Faymonville, § 76.
2 Voir Grignard, op. cit., § 69, qui mentionne un skris (écrite) analo-
gique ($ 129).
3 Conjug. dans le w. liégeois, p. 71.
4 Cloetta, Poème Moral, p. 112.
6 Wiese, op. cit., p. 187.
LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
349
porsiet lietes dans les chartes liégeoises et dans une charte de Huy
li crìuB «le surcroìt» 1 . Les chartes liégeoises fournissent déjà des
exemples de la métathèse dont il a été parlé à propos du parfait au
n° IX: buis, esluis , enluit (liég. mod. stii, bii à coté d’une reconstruc-
tion moderne bqvu\ à Weismes (Malmédy) sili bii sii 2 3 , qui refont en
-il tous les participes en -utum et éliminent le phonétique -u a .
Dans le type III aussi, naturellement, le participe est fréquemment
refait sur le parfait: reconnut dans les Sermons de carème 4 * , connz
conute, commuz comutes dans Job*.
Mais au participe des verbes du type 1, il y avait une différence
sensible entre le traitement wallon et le traitement francien à Tépoque
prélittéraire : le wallon a aiit et non eiit (sauf tout Textrème Ouest,
qui se comporte comme le fran^ais: on peut ici délimiter les aires à
l’aide des représentants de sabucus, qui est dans des conditions
phonétiques absolument semblables à celles à’*habutum, lequel
sabucus se dit sau sawu en liégeois, salii en namurois (Nieder-
lSnder) et s§iii à TOuest (Grignard), ce qui représente un primitif saie
d’un cóté, seii de Tautre 6 7 ). Les*traitements modernes sont: à Fay-
monville (Malmédy) awu 1 ; à Liège au awu , à cóté de avu (refait
sur T inf. aveer) et de avii (refait sur stii «été») 8 ; dans Textrème
Ouest tee IJx (et sai sii «su») 9 .
Il àrrive, ce qui n’a rien de surprenant, que les participes du type I
se refont parfois d'après ceux du type II (-eiit) ou ceux du type III
(-oiit): dans Job 10 out oue poute et moderne passim qììì sgiii , à Namur
ice sce (Niederlander) ll .
XVII. Il reste encore, parmi les verbes forts, à en examiner une
demi-douzaine, dont les irregularités ou anomalies existent tantót au
parfait (et temps dépendants), tantót à des temps autres que ceux-là
1 Romania, XVIII, p. 192.
2 Sur stij stii , v. Atlas Linguist., 521—522. Il y a une petite zone
analogique stu (analogie à au awu < h ab ut uni) embrassant l’est et le
sud de la province de Liége et le Nord du Luxembourg (d’après G. Do ut re
pont, Conj. dans le w. liég., p. 116).
3 Marichal, Mundart von Geuzaine-Weismes, trouve bizarrement que
c’est un «Einflufi des Franzósischen» (p. 43).
4 Wiese, op. cit., p. 114.
* id., ib., p 186-187.
6 Voir du reste Atl. Linguist., 1270.
7 Bastin, op. cit., § 39.
8 G. Doutrepont, Conj. dans le w. liég., pp. 112, 106 et 69.
9 Grignard, op. cit., § 51.
10 Wiese, op cit., p. 186.
11 Voir aussi Atlas, 102—103, 1203.
24 *
350
P. MARCHOT
seulement. Les plus importauts de ces verbes à étudier sont les re-
présentants de * potere , facete, debere , * sapere, * èssere ,
* all are. Les deuxième, troisième, et quatrième ont déjà été exa-
minés partiellement.
X Vili. Dans * poter e, le wallon primitif offrait un traitement différent
à 1 sg. ind. pr. et au subj. presenti pos* <*possio et poss*e <*pos-
siam, Vi restant en place d’après la règie du n° 6; la chose est mise
hors de conteste par posciomes de Jonas , où sci a la valeur ssi
comme dans pescion.
Au parfait, plus-que-parfait et subj. imparf., on a les divergences
suivantes notées par Pitalique:
Parfait: pou powis pout powìmes powistes pourent
P.-que-p. : poure
Subj. impf. : powisse
A 1 sg. parf. un poti résulte de la non-action de Vi comme dans
ou, din, comi. Le plus-que-parf. est prouvé par pouret d’ Eulalie.
Un powist est dans les chartes liégeoises 1 .
Les verbes ponvoir et vottloir réagissent facilément et souvent l’un
sur Pautre. C’est par une analogie à volisse qu’il faut expliquer un
subj. impf. podisse qui est dans Jonas (podist)\ podisse est à podeir
comme volisse à voleir. C’est Paction inverse de ponvoir sur vottloir
qu’on trouve dans un vowist de Hemricourt 2 3 refait sur powist. Le subj.
analogique podisse est abondamment attestò dans les textes littéraires du
XIII C siede: poisse poist dans le Poeme Moral 8 , po'isse poist pois -
scnt dans les Sermons de carème 4 , poist poissent dans Job . 5 * .
XIX. Pour facete , il a déjà été fait mention au no 8 d’une
singulière forme feent < * faant à 3 pi. ind. pr., laquelle est dans
Jonas: faunt n’a pas été traité comme possédant une diphtongue
au, mais comme composé d'un radicai verbal fa et d’une flexion -unt,
qui dans la règie devient - ent . J’ai jadis requis Pattention sur les
continuateurs en wallon de feent G ; ils existent dans toute la moitié
occidentale du domaine wallon; toutefois feent y voisine, selon les ré-
gions, avec font; Grignard 7 met les deux formes sur le mème pied et
1 Romania, XVII, 568.
2 G. Doutrepont, Et. . . . sur J. de Hemricourt, p. 79.
3 p. 117.
4 Wiese, op. cit., p. 113.
5 id., ib., p. 183.
Zeitschr. f. rom. Phil., XXII, p. 401.
1 op. cit., § 116.
LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 351
leur attribue la mème importance pour l’Ouest sans ajouter de détails ;
VAtlas (c. 282) peut donner une idée de l’aire actuelle de feent .
Au futur et au conditionnel, il n’y avait pas de différence entre le
wallon et le francien: le Jonas a fereiet .
XX. Sur la foi de Jonas , on serait tenté de croi re que debere a,
en wallon prélittéraire, une 3 pi. ind. pr. deent: «chi sii feent curri
faire lo deent». On ferait erreur. Il n’y a pas trace de deent en
wallon pàr la suite et on ne retrouve pas non plus deent dans les
patois. Les textes attestent toujours doient: le Poème Moral\ les
Sermons de carème, Job 1 2 3 , J. de Hemricourt 8 . Ce deent ne doit étre
en réalité qu’une mauvaise graphie, une faute pour deient, amenée
par le feent qui précède. On peut relever dans Jonas les fautes sui-
vantes: jholt (2 fois), cheve pour chieve (un abl. capite?) ou chief y
verme pour verni (verme serait en w. viqm, qui n’existe nulle part 4 ),
eedre pour edre ailleurs, achederent, peer pour per, acheder ,
XXI. En vertu de la règie énoncée au no 9, * sapere présente,
au subjonctif présent et au participe présent, une différence notable
avec les formes du francien: subj. sapie en face du francien sache r
partic. sapiant en face du francien sachant. Le phénomène, qu’on
ne saurait d’ailleurs contester, est attesté par un exemple des gloses
de Darmstadt: seps — sapias 40 vo 10. Les exemples de ce traite-
ment de pi que j’ai cités au no 9 et pour lesquels j’ai fait les renvois
appropriés à VAtlas, montrent qu’il est absolument général en wallon
et dépasse mème les frontières de ce dialecte à la fois du còté sud
(lorrain) et du coté ouest (picard); Grignard 5 * * confirme absolument
les faits pour la zone ouest du wallon. Beaucoup de chartes wallonnes
présentent à leur début la formule sachent tnit, mais ce n’est qu’une
formule consacrée de chancellerie, qui n’est pas wallonne. Tous les
textes littéraires nont que la forme proprement* frangaise, le Poème
Moral 6 2 fois, les Sermons de carème 2 fois, le Job 7 6 fois. Cela
ne fait que confirmer, ce que l’on savait déjà, que les textes littéraires
sont fortement influencés par le frangais centrai.
Pour le verbe savoir, comme pour avoir et ètre, le subjonctif a,
depuis l’époque prélittéraire, assumé les fonctions d’impératif : le wallon
1 p. 116.
2 Wiese, op. cit., pp 115 et 187.
3 G. Doutrepont, Et. .. . sur J. de Hemricourt, p. 80.
4 Voir Atlas, 1371.
6 op. cit., § 90.
p. 117.
1 Wiese, op. cit., pp. 114 et 186.
352
P. MARCHOT
malmédien a conservé Pimpératif complet: 2 sg. sap , 1 pi. 5 a/>a,
2 pi. J .
Certains wallons ont créé par ci par là une forme analogique en
scip- * à Namur, saputi à 3 pi. ind. pr. 1 2 .
XXII. Dans * essere, à 1 sg. ind. pr., le wallon prélittéraire ne
présentait pas de différence avec le francien; il disait, comme lui, soit
sor (avec un i emprunté à ai), soit sui refait sur fui. Le premier
est continué par le so actuel, qui existe dans tout le domaine wallon,
sauf TOuest ; le second survit dans l’Ouest, où il est devenu régulière-
ment sii, et aussi scb, ce qui dénote alors une légère déviation de
traitement en proelise. Le so du wallon commun s'explique aussi
par le traitement de proelise, qui a ramené la diphtongue oi (à Pétape
qì) à un simple q: wallon vosi vola (voici, voilà ou ici, là), drgsi
drqla (droit-ici, droit-là), vgrmQ = a. fr. voirement 3 4 .
Au futur et .au conditionnel, le wallon offrait parfois .une différence
avec le francien en disant astrai , asireie: on a de cette fapon asireiet
astreient dans Jonas ; le francien n’a jamais comme deuxième forme
de. futur et conditionnel que estrai, estreie. En wallon, les formes de
ètte qui, présentent est- et ast- sont assez fortement emmèlées, sauf
dans les variétés, des parlers liégeois (prov. de Liège, pa} r s de Mal-
médy, nord de;.la prov. de Luxembourg), qui ne connaissent que est-;
on . peut voir à ce propos ce que pour .l'Quest dit Grignard (§ 118
fin); le Sud a. ast- (dans les Versions de la Parabole : Walcourt,
Dinant, Beauraing, Neufchàteau, Bastogne). Pour la localisation des
anciens textes wallons,. il sera prudent de n^attribuer au critère ast-
qu’une valeur negative, à sa voir qu’il est exclusif des variétés liége-
oises. . :
Au parfait, certaines personnes. en wallon différaient de celles du
francien, comme ori l'a déjà constaté dans Tétude des verbes du
type V (no XII). Ce parfait était, les différences étant notées en
italique :
fui fuis fut fuimes fuistes furent.
L'impf. du subj. était fuisse . On trouye au subj. fui si dans le Poeme
MoraP , fuist fuissent dans. les Sermons de carème 5 , fuise juist
fuistes chez Hemricourt 6 .
1 Bastin, op. cit., § 80.
2 Niederlànder, Zeitschr. f rom. Phil., XXIV, p, 292.
3 Sur les représentants de suis, v. Atlas, 803.
4 p. 114.
5 Wiese, op. cit., p 110.
6 G. Doutrepont, Et. . .. sur J. de Hemricourt, p. 80.
LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
353
XXIII. On peut dire que, vers 800, le verbe aler était constitué
tei. ou à peu près, qu’il a existé en ancien fran$ais. Les gloses de
Reichenau le donnent dans quatre de ses temps (infinitif, parfait, plus-
.que-parfait, partecipe passé), dont deux temps du composé tresaler :
transgredere : ultra alare 1124,
transilivit: transalavit 1133,
transfretavit : transalaret 1032,
profectus: alatus, factus 1030.
Dans la dernière glose, factus est seulement un synonyme d ; alatus,
le participe d'un frangais prélittéraire faire , non attesté ailleurs, qui
correspond à l’ancien italien (classique) farsi «aller, faire route».
■Les deux mots, dont l’un mis à la voix réfléchie, ne doivent ètre autre
chose qu’un intransitif facere , simple ellipse de facere iter , comp. Pin-
transitif pondre tiré de pondrc ues. Quant à factus , il est à
facere ce que venutus est à venire. Dante dit: «dinanzi mi
si fece un pien di fango», Inf. L’allemand dit aussi sich macheti
pour «se rendre, aller».
XXIV. A 1 sg. ind. pr. de aler, le fran^ais, dès Pépoque prélit¬
téraire, a vois, qui a déterminé estois , et en plus *dois, lequel, infecté
de Y n de doner, produisit Pa. fr. doins. Il y a déjà longtemps 1 ,
fai tenté d’expliquer vois par Taction sur *vao de *trasio, peutétre
^vec l’aide d’ exio; depuis on n’a pas trouvé de meilleure explication :
la Hist. Gramm. der fransos. Sprache de Meyer-Liibke se bérne
à la mentionner avec la réserve «Marchot hat aber die Schwierig-
keit, daÓ das haufigere Verbum durch das seltene umgestaltet worden
ware» (I, § 324). Pour la lettre, Pexplication est satisfaisante : le
monosyllabe *vao, trop court et manquant de corps, devait mani-
lester de la tendance à un allongement, à un étoffement. Pour le sens‘
•je dirai que le verbe trasire devait ètre fort proche de ire, la valeur
de tras en composition s’étant fortement affaiblie: en ancien frangàis,
tres - Se limite à indiquer Paction accomplie jusqu’au bout (trespchser,
irèspercier) 2 et tresaler n'est pas sensiblement différent de «ter.
‘Enfin, il y avait une grande symétrie en frangais prélittéraire éritrè
les conjugaisóns d’ir et de tresir:
Infin. Participe Imparf. Pl.-que-p. Futur Conditionnel Impf. du subj.
ir is ive ire irai ir eie issjC
tresir tresis tresive tresir e tresir ai tresir eie tresisse
1 Studj di filologia romanza, Vili, p. 514.
2 Bourciez, El. de linguist. romane, § 282, ; .
354
P. MARCHOT
Je m’en tiens donc toujours à mon ancienne opinion, et, s’il est vrat?
que vois remonte à un *vao-sio, il y avait alors une différence
entre le wallon et le fran$ais prélittéraires à 1 sg. ind. pr. et au subj..
présent des verbes aler, ester et doner. Conformément à la règie
du no 6 ? le wallon disait :
Indie, prés. : vos*, stos^, dos>'.
Subj. prés.: vos<e, stos^e, dos*'e.
Phénomène remarquable, les formes du dernier verbe ont parfois
subsisté en wallon sans s’infecter de Yn de doner: les Sermons de carème,,
par exemple, ont à 3 subj. un doist, à propos duquel Wiese 1 se de-
mande s’il est dù à une omission du trait paléographique, sans savoir
que Wilmotte avait déjà auparavant donné du phénomène un exemple,,
un doisent d’une charte des Dominicains de Liège (1283) 2 , en ea
rapprochant le verbe actuel liégeois dose «donner, livrer malgré soi*
(Grandgagnage). On s’attendrait certes à d oyn, puisque s* est devenu
X en liégeois; toutefois il ne serait pas impossible de le rattacher à.
3 sg. subj. doistj qui, en ancien liégeois, a été dces 3 4 5 et a pu se croiser
avec do% < dos<e, de manière à donner un dose (il faut qu’il d($s,
il faut que je do%, d^où: il faut qu’il dos, puis un infin. dose).
Au cours du moyen age, quand s final s’amuit, il en fut de mème
de 5* final: c’est ainsi que stesi six, diesi dix sont devenus si (ou si) t
di dans le corps de la phrase devant consonne. De mème vosi, stos f ' r
dosi devinrent vo, sto, do. C'est par un vo qu’il faut expliquer un.
subj. prés. en namurois vyi A .
XXV. Quelle qu’en soit l’origine, il y a eu, en wallon prélittéraire,.
un verbe (défectif) jir «aller», qui est le mème que l’italien gire. Il
était usité à 1 et 2 pi. ind. pr. et impér. pr.
- Au X e siècle, la 1 pi. était jomes jons , comme montre posciornes
du Jonas. Elle existe toujours dans les variétés du liégeois, mais
comme la finale -ons est devenue -a dans à peu près tout le territoire
wallon (liégeois compris), dès avant le XVII e siècle, on dit dzà de
nos jours comme dans tous les autres verbes: ainsi en wallon mal-
médien ri$ dzà «nous partons» 6 , dans un texte cilé par Grandgagnage 6
ni dzà’ti n$ kg? «ne partons-nous pas encore?»; à l'impér., on trouve
1 op. cit., p. 111.
2 Romania, XVIII, p. 192.
8 Comme aus < * agustum , etc.
4 Niederl Ander, Zeitschr. f. rom. Phil., XXIV, p. 285. — Voir aussi
Atlas, 30.
5 Bastin, op. cit., § 79.
6 Dictionn. de la langue wallonne, I, p. 251.
LES VERIJES FORJS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
355
dzà et dzà3-Q (en malmédien, en liégeois, à Marche, prov. de Luxem-
bourg ) l . — Dès le haut moyen àge, jons a dù s’employer à Pimpéra-
tif comme exclamation ou exhortation au sens de «allons! voyons!»
Dans cet emploi, il n’a plus été senti comme verbe lors de la per-
turbation qui a éliminé -ons au profit d’une création nouvelle -ans 2 y
et, en tant qu’exclamation, il survit sous la forme de dzò dans les varie-
tés du liégeois, banal et très fréquent; beaucoup de personnes Pintro-
duisent mème dans leur francate.
La 2 pi. ind. pr. de jir était en wallon prélittéraire jeis, puisque, dans
le domaine francate, dès Pépoque prélittéraire, -ìtis avait été éliminé par
Jtis\ et, au commencement du XII e siècle, jeiz passa à joig. En liégeois
proprement dit, antérieurement à la date de tout document linguistique (en
Pespèce les chartes), la terminaison -ois disparut devant -e3 de la 1 © conjug.;,
il n’y a pas trace de -OÌ3 dans les chartes. Il est probable que, lors
de cette extension de -es, le monosyllabe jois, qui n’était sans doute
déjà plus usité que comme impératif et comme interjection (comme
c'est le cas de nos jours), ne fut pas senti comme une forme verbale
en -OÌ8 et échappa à Paction de la force nivelante qui supprimait les
-oig. Car il survit en liégeois sous la forme dzQ au sens de «allez»,
p. ex.: dz<}\ rpte «allez! marehez». Cest, en effet, sous la forme -p*
que survit Pancien -ois, là où il vit encore aux alentours de Lièger.
ainsi dans les environs de Verviers, dans POuest 3 et le Sud de la pro¬
vince 4 , en wallon malmédien 5 .
En liégeois moderne, il y a en outre une 3 pi. ind. pr. dzò, qui a
été découverte à Moirtrou, au N.-E. de Liège 6 . Mais son caractère
isolé doit plutòt la faire considérer comme une création récente, tirée
de (no) dzà «nous allonsj> d'après vò «vont».
Paul Marchot.
1 Bastin, Grandgagnage, et fpour Marche) Marchot, Zeitschr. f.
rom. Phil., XVI, p. 381. — Wilmotte a relevé un impér. dzà sous la forme
j07is dans un texte de 1634 (qui a jombes à la rime, et est de POuest lié¬
geois, où an > o), Zeitschr. f. franz. Spr. u Lit, XX, p. 77.
2 On ignore l’origine de cet -ans, qui s’est implanté tant au futur qu’au
présent et a évincé -ons qu’on trouve uniformément dans les textes et les
documents du XIII e siècle; peut-ètre stas , stat ont-ils déterminé les premiers
un stans (au lieu de stons, ; ou bien - as, -a des futurs ont-ils déclenché
un -aws?
3 Niederlander, Zeitschr. f. rom. Phil., XXIV, p. 280.
4 Doutrepont, Conj. dans le w. liég., p. 46.
6 Bastin, op. cit., § 44. lei -$> est en train de disparaltre devant ~C et ne-
persiste que dans pouvoir, vouloir et atre.
0 De lai te, Essai de grammaire wallonne, II, p. 49.
La formation des mots en wallon prélittéraire*
Dans la présente étude, c’est d'un point de vue «différenciatib que
j’envisagerai les faits et je ne citerai que des exemples de dérivation
et de composition qui manquent au francien ou fran^ais proprement
dit ou bien qui accusent en wallon un traitement phonétique par-
ticulier.
I. Dérivation.
t. Lés suffixes se répartissent en suffixes nominaux et en suffixes
verbaux; j’examinerai successivement les plus importants des deux
catégories; pour cet examen j’ai adopté simplement Tordre alphabétique,
qui offre l’avantage de rendre faciles les recherches sur tei ou tei point
spécial.
2. Comme types particuliers formés à Taide du suff. -alis on peut
mentionner *axalis et *nidale [ovum\. Le premier est dans
le glossarne de Reichenau (axis : ascialis, 824); il se rencòhtre, en
wallon, dans une aire constituée par la région namuroise et le Sud
(asì) ainsi que par la région de Vielsalm (c%ì) l \ le wallon primitif a dit
asdel (s sourde). Quant à * nid ale, il est général au sens de «nichet»
€t il offre cette particularité, comme certains noms en - alis> d’avoir
gardé son a intact: w. niia, niw.
Un autre nom en - alis qui a conserve Va est * ti n alis «barre
de bois pour porter des seilles ou des tines», qui survit sous la forme
tina (dictionn. de Grandgagnage), différente de linei fran^ais; le
mot se rencontre dans le glossaire de Reichenau (yectnm : tinalum
1157). .
Jusqu’au wallon prélittéraire doit remonter un nivalhe «neige*, qui
survit dans l’aire liégeoise et qui est déjà attesté par Jean d’Qutre-
meuse (dictionn. de Godefroy); c'est un adjectif nivalià, au'plur.
neutre, devenu substantif avec un sens collectif; mod. nivai 2 . ;j
» 3. Un suff. - aricilis se rencontre en latin à la basse époque (p. ex.
.annulus sigili aricius) et plus tard en bas latin (p. ex. canis
1 Alias linguist, 484. L’Atlas donne à tort ici certaines formes en -ì.
3 Atlas, 903.
LA FORMATION DES MOTS EN WAI.LON PRÉLITTÉRAIRE 357
porcaricius dans les Leges Alamannorum). On peut signaler
l’emploi, en wallon primitif, de ce suffixe avec des noms de plantes
pòur former des adjectifs marquant une particularité, une propriété:
ainsi jonkeres «qui se distingue par des ajoncs», lescheres «qui pré¬
sente des laiches». Cette formation est conservée dans les noms de
lieux: Joncret (Hainaut), qui est Joinkerech en 1352 1 , Lescheret
(c^e de Juseret, prov. de Luxembourg), qui est Lesserei en 1469 2 3 .
Dans les Notes de philologie wallonne de J. Feller, on trouve
? une étude sur le suff. -aricius en wallon et un essai d’inventaire
de tous les mots wallons paraissant présenter ce suffixe. Comme
il y a, en ancien franpais, un suffixe composite - eret (p. ex. sen -
teret ), il est probable que le relevé de Feller contient plus d’une
erreur. Par exemple, le mot liégeois norp «mouchoir», que j’ai essayé
d’expliquer par un anc. wallon *oreres (orariani)' 0 , peut aussi bien
remonter à *oreret ; seuls, des exemples anciens du mot peuvent, dans
lès cas difficiles, fournir la bonne explication.
4. Le suff. -arius peut, en wallon primitif comme en francate,
s’adapter à des noms de plantes pour former des adjectifs; bon nombre
de ceux-ci ;sont conservés dans la toponymie; on trouve toute une
Sèrie de ces dénominations dans les Noms de lieti de la France de
Longnon (n os 587 et ss.). Au wallon primitif on peut restituer, entpe
autres adjectifs de cette espèce, colrier «qui se rapporte au coudrier*,
soler «qui .se rapporte au sureau» < *sa bucar ius, devenu *san-
carius en latin vulgaire, tasder (s sourd) «qui se rapporte à Fif 2 >_.
Ces adjectifs ont été conservés dans les noms de lieux Courrièrp
(prov. de Namur), Sohier (prov. de Luxembourg) 4 , Tahier (c»p
de Goesnes, prov. de Namur) 5 .
En latin déjà, la forme fémmine - aria pouvait s’adapter à des noms
de choses signifiant un produit fabriqué quelconque et former des ad¬
jectifs qui, le mot officina étant sous-entendu, désignaient le genre
d’atelier, de fabriqué ou d’établissement d’où sortait le produit fabriqué;
e’est ainsi qu’en latin on a un calcarla qui veut dire «chaufour»
et qui se trouve deux fois comme nom de lieu dans l’Itinéraire d’
Antonin. Comme mots de cette catégorie, le wallon prélittéraire.pos-
sédait cholkiere «chaufour», tiuliere «tuilerie», claviere «clouterie», qui
1 Borgnet et Bormans, C.artul. de Namur, II, p. 21.
2 Wiirth-Paquet et van Werveke, Publications de l’Institut de-
Luxembourg, XXXVI, p. 270.
3 Romania, XLVII. p. 116.
4 Voir Marchot, Le Musée Belge, XXVI, p. 123.
3 Roland, Toponymie Namuroise, I, p. 576.
358
P. MARCHOT
survivent dans les noms de lieux C h o k i e r 1 2 (prov. de Liège), T i 11 i e r e
(prov. de Namur), Clavier 3 (prov. de Liège).
Les noms de cette espèce font découvrir la véritable étymologie du
mot hastière , nom d’une localité de la province de Namur. Le
nom n’a rien à voir avec hasta «lance», contrairement à ce qu’a
supposé le chanoine Roland 4 ; c’est un ancien wallon hastiere qui veut
simplement dire «atelier qui produit les hastes ou broches de cuisine».
5. Le suff. composite -atictus a été tire, à l’époque de la deca-
dence, d’adjectifs dérivés de participes passés de la première conjugaison,
ainsi veti aticius. Il eut par la suite la portée et les fonctions d’un
vrai suffixe et servit à former des appellatifs en s’ajoutant à des thèmes
verbaux. Il faut sans doute faire remonter à un prélittéraire stediz
un anc. wallon steis , qui a le sens de «obstacle, retard» dans une
expression «sans avoir steis ou difficulté», relevée par J. Feller dans
ses Notes de philologie wallonne (p. 265). Feller a bien vu le sens
de ce mot et sa parente avec la famille du verbe ester , mais il n’a
pas expliqué son mode de dérivation.
6. A lorigine, le suff. - attas n’était que diminutif, mais il acquit en-
suite une portée péjorative. Il faut lui attribuer cette signification dans l’a*
wall. corbat «corbeau» et dans l’a. wall. berrat «bélier», qui remontent
selon toute apparence jusqu’à l’époque prélittéraire. Le premier se
rencontre dans Gautier de Coinci h la rime (dictionn. de Godefroy)».
Le second est dérivé d’un lat. vulg. *berres, dont l’origine n’est pas
encore élucidée 5 . Les appellations du corbeau et du bélier furent sans
doute munies en wallon du suffixe dépréciatif -at, la première comme
dénommant un oiseau de mauvais augure, la seconde comme dénom-
mant un animai réputé lascif. Sur les aires respectives en wallon de
corbat et de berrat. v. YAtl. linguist., 324 et 124.
7. En ce qui concerne le suff. - ellns , il y a lieu de faire remarquer
que le wallon possedè les types *lacticellns, *ossicellus et *solellus, w
Atl . linguist 746, 953 et 1241. Le premier existe du reste dans la
partie orientale du domaine fran^ais. Le deuxième est seul connu en
wallon pour dire «os». Le troisième se partage l’aire wallonne avec
un curieux *soluculus , qui sera étudié plus loin au no 13.
1 En pat. tfykìr. En 1330, Chokiers (Bormans et Scholmeesters^
Cart. de l’église Saint Lambert, III, p. 340).
2 Roland, op. cit., I, p. 577.
8 Clavieres en 1067 (Halkin et Roland, Chartes de l’abbaye de
Stavelot, I, p. 237).
4 Op. cit., I, p. 572—573: Hasteria vers 910.
6 Meyer-Liibke, REW, 1049.
LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
359
Les gloses de Reichenau, poyr dire «punaise», ont un diminutif fé-
minin en - ella , cimcellci ( cimex : cimcella , 870), qui jusqu’ici n’a été
retrouvé qu’en champenois moderne au sens de «ciron » l . Comme
équivalents de «punaise» , le wallon offre des mots qui paraissent de
création relativement récente 2 * ; les variétés liégeoises disent ucidil 5, mot
d’origine germanique, tire de uà «paroi» ou «pignon»; le namurois
dit Icévrc, diminutif d’un ancien *leuvre , déverbal sorti de lucubrare
«travailler de nuit». Par conséquent, il ne serait nullement surprenant
que le wallon prélittéraire eùt connu le mot citicele.
8. Les suff. -eoius et -iolus s’étaient confondus en latin vulgaire
en - iolus .
Un thème particulier qui présente ce suffixe en wallon prélittéraire
est un vilernol «très petite exploitation rurale», qui remonte à un
*villar e olii s de l’époque latine. Il survit dans un grand nombre
de noms de localités (généralement hameaux ou dépendances), dans
quelques-unes desquelles on a retrouvé des antiquités romaines: A
Villeroux (Sibret, prov. de Luxembourg), on a mis au jour une petite
villa romaine, des substructions, des fragments de tuiles, des débris
de poteries, etc. 8 . A Vireux-Molhain, des trouvailles d’antiquités ro¬
maines ont été faites en 1827, en 1861, en 1862, en 1865; à Vireux-
Wallerand, des sépultures romaines ont éte mises au jour en 19IO 4 .
Or, les formes anciennes du nom de Vireux sont Vileruel de 1171 à
1178 et Viruel en 1292 5 , qui s’explique bien par une dissimilation
de Vil(e)ruel. C’est à tort que dans sa Limite des dialectes (p. 52)
Bruneau a voulu faire de Vireux un nom gaulois ou indoeuropéen
dérivé du radicai vir-.
Un type étrange en -eottis propre au wallon primitif (sauf le Sud)
est un spiruol «écureuil», mod. spini 6 , dont le nom de famille Spirlet
(— Spirolet) n’est qu’un diminutif; le p y semble inexplicable. ’Gauchat
a voulu autrefois y voir une influence de piti «drehen», mais Meyer-
Ltibke a fait observer que pirl n’existe pas dans la France du Nord 7 .
L’aire de spini , qui ne'comporte mème pas tout un dialecte, est l’ex-
tréme angle nord-est du domaine frangais; par deux còtés elle touche
1 Hetzer, Die Reichenauer Glossen, p. 31.
2 Voir Atlas, 1105.
8 Schuermans, Annales de Plnstitut archéol. du Luxembourg, XXXIV,
3). 111.
4 Bruneau, Limite des dialectes . . ., p. 58.
5 i d., Et. phonét. des pat. d’Ardenne, p. 47.
Voir Atlas, 450.
7 REW, 8003.
360
P. MARCHOT
au monde germanique. Je verrais dans spiru une action soit du frane
*springan «sauter», qui aurait d'abord déterminé un *spriruol dissi-
milé presque aussitòt en spiruol , soit du latin spira «hélice, spirale»,
qui a peut-ètre été le nom de la roue à palettes qu'òn fixait aux deuX
parois longitudinales de la cage de Técureuil en captivité, ròué sur
laquelle Laminai tournait à une grande vitesse 1 .
Pour lusciniùlus, le représentant en wallon primitif est roski-
gnuol (ou raskignuol\ qui se continue dans les variétés modernes du
liégeois ( raskinii ) 2 . Le fait que le c latin ne s'est pas. assibilé dans
ce mot parait à première vue surprenant, mais si Pon réfléchit que
le c était suivi d'un i (dans la syllabe tonique), le phénomène n'est
pas incompréhensible, en tant que dissimilation.
9. Comme thème spécial dérivé à Faide du suff. -etum, on peut
citer vignit «vignoble», qui s'oppose au frangais vineit (vinetum)
et provient d'un vulgaire vinietum , procédant de vinia\ vignit
se retrouve dans le nom de lieu Vivegnis (prov. de Liège), qui veut
dire «vieux vignoble» et se trouve sous la forme Vinetum dans les
chartes latines les plus anciennes.
Un plan^oneit , qui a le sens de «jeune plantation, pépinière», n'existe
pas non plus en frangais ; il est attesté par le nom de lieu Plancenoit
(prov. de Brabant).
Enfin, on ne saurait se dispenser de citer un bizarre asteneit , dont
la signification exacte reste encore à trouver. Les noms de lieux qui
continuent en wallon cet asteneit sont nombreux et désignent soit uri
bois ou une forèt, soit une locali té, hameau ou commune. Je pense
qu'il y a eu, au Nord de la Gaule, dans la langue technique forestière;
un terme (peut-ètre peu répandu) * hastanus [arbor] au sens de
«jeune arbre qui commence à avoir une tige», «jeune plant», «baliveaml
Des bois entiers pouvaient présenter cet aspect uniforme de très jeune
futaie à la suite d'une coupé et d'une exploitation systématique en vue
dobtenir de la haute futaie. Le sens primordial de basta en latin est
«tige, fùt». Le mot *hastanus n'a pas, en tout cas, survécu enroman,
peut-ètre à cause de son sens général et un peu flottant. L’explicatiori
de asteneit qu'a tentée récemment J. Feller par «forèt de bois de lance»,
d où «jeune futaie» 3 , arrive bien au mème résultat que la mienne, mais
par une voie qui ne me parait pas la bonne. Un mot signifiant «bois
de lance» devait ètre un mot usuel et très répandu; or, il ne reste
pas trace dun *hastanus ou *hasiana «bois de lance».
1 Des cages ainsi ageneées se rencontrent encore parfois en pays wallon,
2 Voir Atlas, 1168.
3 Revue belge de philol. et d’histoire, I, p. 44.
LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
36 t
Le type Vtastaneturn du latin vulgaire ne dépassait pas les;
limites de Textrème Nord delaGaule: les Asnois (Nièvre, Vienne),-
l’Assenay (Aube), qu'invoque Feller *, ont une autre origine: une
loi phonétique bien connue veut que, dans les dialectes frangais autres*
que le wallon, s dans le corps du mot devant t s’amuisse dès le haut
moyen àge.
Quant à Stenay (Meuse), que J. Feller discute longuement 1 2 , dont
la plus ancienne mention est Satanacum villani en 876, il n’a rien
non plus, cela va de soi, à voir avec *hastanetum.
Dans les noms en - etuni, il me reste à mentionner un *albuletum
«endroit où croissent des peupliers blancs», qui a un tout autre traite-
ment qu'en francien, où il est cóntinué par un anbroi ou aubroie
(dictionn. de Godefroy), qu’on retrouve dans le nom de lieu Les-
Aubrais (dép. du Loiret). Cet *albuletum provenait d'un
vulgaire *albula «peuplier bianca, ayant supplanté le classique ;
[populus] alba, d'après le modèle \populus\ tremula . En
wallo np*alb(u)letum devint *abletum par suppression, en vertu'
d^une dissimilation, de 17 de Pfnitiale, et il donna un avleit , qu'ori
retrouve dans le nom de lieu Auvelais (prov. de Namur). A coté
d’avleity il* a dù exister aussi une forme secondaire aveleit , qui re-
présentait un a(l)belletum (cp. a.fr. aubel «peuplier bianca). Les
plus anciens exemples du nom d ? Auvelais sont hésitants: on a Navloys
en 1113, Avoloit en 1113, Aveloiz en 1182 3 4 . Le chanoine Roland ar
voulu tirer ce nom de lieu d’un gallo-romain, hybride, *aballetum
«pommeraie». Mais on peut lui objecter qu'en ce cas on aurait cer-
tainement Avaloit dans les anciens textes, comp. chevalier, Avalleur
(Aube) < Aballoduros*.
10. Le suff. - icius en latin, s'ajoutant à des thèmes nominaux,
marquait la relation, le rapport. Comme formations jde ce genre, on
peut citer en wallon prélittéraire chastres «qui se rattache à un camp
ou, par extension, à un castellami, boves «qui a rapport aux boeufsn.
C’est la toponymie qui permet de restituer ces mots : on a un Chastrès-
lez-Walcourt et un Dovesse (prov. de Namur), dont les plus anciens
exemples sont Castritium (868—869), Castrece (XII e siècle) 5 , Boveck
(1352) 6 . On voit que le genre est, dans le principe, hésitant dans
1 ibid., p. 45.
2 ibid., pp. 47 ss.
3 Roland, op cit., I, p. 302—303.
4 Longnon, Les noms de lieu de la France, p. 36.
6 Roland, op. cit., I, p. 546.
6 Borgnet et Bormans, op. cit., II, p. 19.
362
f\ MARCHOI
ces noms qui sont des adjectifs à Torigine: on sous-entendait indiffé-
remment sans doute tantòt fundus, tantòt villa . *
Sous l'influence d'un autre suff. -ìctus qui formait des adjectifs en
s'adaptant à des participes passés, comme dans le fr. pdtis ì le suff.
-icins a fréquemment donné -iz, fém. -ice. Un cheniz «propre au
chien, canin», formé de cette fa^on, doit sans doute remonter jusqu'au
wallon prélittéraire, car il est connu par presque toutes les variétés
de wallon: mod. tsinis (pi.), «ordures, saletés» (Grandgagnage).
11. Comme exemple du suff. - oneni , on peut, je pense, retenir un
grongnon , correspondant à Fa. fran^ais groing «groin», qui est uni-
versellement répandu en wallon : mod. grgnd.
Comme exemple du suff. -io ne ni , il faut citer mossion «moineau»
ou «petit oiseau quelconqueprovenant d'un lat. vulg. muscio \
Ce thème appartient aussi au picard, au normand et au fran$ais
Occidental 1 2 . Il est mentionné dans le glossaire de Reichenau (passer :
musco vel omnes minate aves, 1057), où il a le sens restreint
de «moineau», ce qui ne se retrouve en wallon que dans les diverses
variétés du liégeois. Le glossaire ?crit à tort musco , comme il
écrit toxa pour tossia dans la glose lena : toxci (986), car dans .^ce
toxa on a un mot, d'origine gauloise, tossia «manteau», qui nous a
été attesté par les anciens au moins pour le celtique de Grande-
Bretagne 3 . Il ne faut donc pas rattacher toxa à un tnsca «manteau
étrusque» avec Hetzer 4 . Sur l'aire de muscio , Atlas 866, 938, 939.
12. Pour le suff. - torius , il y a lieu de mentionner un curieux artoir,
artoire, qui a dù signifier de bonne heure «terre de laboura. Il con¬
tinue un latin de la basse époque aratorias «relatif au labourage»,
qui ne se retrouve • qu'en roumain, en ancien véronais et en ancien
portugais 5 6 . En wallon, le mot remonte à un vulg. * aretorius ,
sans doute dissimilé; il survit dans le liégeois Qrtu (Grandgagnage)
et dans le wallon du pays de Malmédy ariti ou artur c .
13. Pour le suff. ncalus , il faut mentionner un type assez étrange
-soloily seloil tiré de *soluculus , qui, avec *solellus , se partage
le domaine wallon; mais *soluculus n'existe que dans des variétés
liégeoises (so/p) et dans le sud-est (s/o) 7 . Les Sermons de carème
1 Meyer-Lubke, REW, 5769.
2 Hetzer, Die Reichenauer Glossen, p. 56.
3 Dottin, La langue gauloise, p. 81.
4 op. cit., p. 118.
5 Meyer*Lubke, REW, 601.
6 Bastin, Vocab. de Favmonville; le sens est «guéret».
7 Atlas, 1241.
LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
363
ont solos (nom.; 1 exemple), sololh (1 exemple) 1 ; Job a un exemple
de soleilh et deux exemples de soloilh 2 3 . Le mot a évolué comme
genoil et fenoil (dzin% fn$).
C'est par A. Horning que fut, il y a déjà longtemps, établie la
base *soluculus pour Pexplication du w. sqIq, et Pexplication fut
Poccasion d'une polémique entre Pauteur et Wilmotte, voy. Rev. des
pat.- gallo-romans, I, 226, Zeitschr. f rotti. Philol., XII, 258, Ro
mania , XVIII, 192, Zeitschr . /. frans. Sprachè u. Literatur,
XXII 2 , 191.
On trouvera étrange que Feller, dans ses Notes de philologie
wallonne* , en soit encore à croire à une base *soliculus, sous
le prétexte que - eclu-, -eliti- donneraient -eil ou -oil «suivant les régions».
L'affirmation n'est vraie que si Pon envisage toute Pétendue du
domaine francate et non la seule aire wallonne. Aucun texte wallon
ancien ne donne des formes telles que somoil, paroil, consoil, et
il n'existe aucun patois wallon qui dise spnipi, parQÌ y kòSQt ou sqiho,
parg 7 kósg.
Il y a bien une exception, mais plus apparente que réelle: c’est
celle du représentant de vigilare , qui, dans le domaine wallon
(sauf POuest, qui a régulièrement ven), est un ancien voilier ou
voilhier, continué par le verviétois vedi , le liégeois vceil, le malmédien
VcBiPj le namurois iiqtì (où la combinaison voi- s'est simplifiée en w£-), etc. 4 5
Les textes anciens attestent cette exception: les Sermons de carème
ont voilent; le Job a voilet (3 fois), esvoilhes, voilhier, voilans,
vo(i)lanment , a còté de esveilhiet (1 fois) 6 . Je pense qu’il faut voir
dans ce mot singulier un mot savant, d'origine cléricale, remontant
très haut, au moins au VII e siècle. Le latin mérovingien (avant la
réforme du latin.par Charlemagne) pronongait veyilare. Vers 500,
dans la langue vulgaire, on était à l'étape y pour le son qui est
devenu plus tard dz, dans des mots comme yelare, yente f puisque le j
germanique initial s'est rencontré avec ce son y initial et a évolué
avec lui. La chronique de Frédégaire présente des exemples comme
Pompegi y Tragani, Troga* 7 qui attestent cette prononciation par
y de g latin (devant e, i). Ce mot savant veyilare serait un mot
des milieux monastiques, au sens de «veiller en priant», «passer la
1 Wiese, op. cit., p. 102.
Id., ibid., p. 166.
3 p. 358.
4 Atlas, 1355.
5 Wiese, op. cit., pp. 102, 166, 168.
0 Haag, Roman. Forschungen, X, p. 867.
Archivum Romanìcum. — Voi. VT. — 1922. 2i>
364
P. MARCHOT
nuit en prières», qui aurait réussi à supplanter le mot héréditaire
veilare, au moins à Lextrémité nord-est du domaine francate, et aurait
produit dans la suite tantót voil-ier sans mouillure (comme en ver-
viétoisj, tantót voilh-ier .
14. Le suffixe verbal - are formait des verbes en s'adaptant soit à
un thème nominai (plantare), soit à des supins \cantar e).
Comme verbe de la première catégorie, on peut mentionner un très
intéressant bolkier «bourrer, tasser» et par extension «gaver, gorger»,
qui est attesté par le glossarne de Reichenau ( ebitatnm : bilicatimi 894).
Hetzer, dans son étude du glossaire, n'a pas connu Texistence en
wallon de ce mot, qui a la forme baki ou btiki aux sens de «pousser
sur un objet pour le rendre dense» (dict. de Grandgagnage), «entasser,
presser, pousser» (dict. manuscrit de Zoude), «surcharger» (dict.
manuscrit de De Jaer), «remplir jusqu'à la limite, beaucoup» (dict.
de Pirsoul). Le sens dérivé, attesté dans le glossaire et omis
par les dictionnaires, existe encore à peu près partout. Hetzer 1 a
expliqué Lorigine de bilicatimi , qui est apparenté à Langlais bulk
«masse, volume, bloc» et au moyen néerl. bulck , m. signific. Je'
pense que ces deux derniers mots autorisent à rétablir un frane *bulk
«masse».
Un autre exemple de dérivation en -are est un saimier «aiguiser»,
mod. semi , qui remonte à un samiare, qu’on trouve dans une'lettre
d’Aurélien à Vopiscus et qui dérive de Tadjectif samitis [lapis]
«pierre de Samos»*, cf. le dictionn. de Grandgagnage. Voir aussi
Atìas, 16.
A titre d'exemple de verbes dérivés de supins, je citerai un curieux
stadrer «épandre, étendre, étaler», qui est général en wallon: mod.
stare, stare\ il est tiré de stratum et a subi une métathèse: *sta-
trare 2 3 .
15. Un suffixe verbal -iare s’est formé par Tadjonction de -are
à des adjectifs en -is, ainsi alleviare (\ r ulgate); par la suite, il
s’adapta à toute espèce d'adjectif et aux participes passés.
Comme dérivation de la première manière, signalons un relignicr y
verbe impersonnel, qui a la signification de «dégeler» et qui représente
un lat. vulg. V eleniare (lenis)\ il est attesté en anc. wall. 8 et
en anc. frane, dialectal (dictionn. de Godefroy)*, w. mod. rilqni .
Dans les formations avec participe passé, je relèverai un masstier
1 p. 29.
2 Marchot, Revista lusitana, XVIII, p. 174.
3 Dans J. de Stavelot.
LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
365
«mèler, mélanger*, qui continue un lat. vulg. *mixtiare , dans
lequel ì'x a été traité comme dans juxta, exteras, etc.; mod. masi ,
mayi (Atlas, 172).
16. Le suffixe verbal - icare , à Porigine, s’ajoute à des verbes,
ainsi fodicare de fodere ; puis il passa à des noms (adjectifs ou
appellatifs).
Voici des formations avec un appellatif: fongnier «fouger, fouir»,
tiré d’un vulg. *fundic ar e (fundus), mod ,funl\ nasHer (s sourd)
«fureter, fouiner», tiré de *nasicare (nasus), mod. nHi, nayt 7
qui se dit à Mons ernancher (dict. de Sigart) et en picard ancien et
moderne naquer «flairer»; peut*ètre pediier «marcher sur, fouler»,
tiré de *pedicar e , mod. piie en «ardennais» (cité par Feller, Notes
de phil . watt., p. 262).
II. Composition.
17. Comme type de composition par coordination, on peut citer,
formé à Paide d’un participe passé, un curieux pals fi 2 «pieux, pi-
quets» survivant dans un pafìs (masc.) «palissade» du wallon de
Pextrème nord est *.
Comme exemple formé à Paide d’un adjectif et d’un pronom, il y a
à mentionner un singulier mei tant ou mi tant «demi, moitié», qui a
pris naissance de la fagon suivante: En anc. wallon, les adjectifs
numéraux qui expriment la multiplication se sont formés d’après un
mode particulier, à Paide du nombre Cardinal suivi du pronom indéfini
tant ; au IX e siècle déjà on trouve une glose decuplum : decem
tantum 1 2 , et chez Hemricourt G. Doutrepont a relevé un dois tans
— deux fois autant, le doublé 3 . On disait donc, d’après ce procédé:
fo ai dous tant, treis tant com tu «j’ai le doublé, le triple
de toi». Et par conséquent aussi, très naturellement, jo ai tant
com tu «j’ai autant que toi», et, pour exprimer «j'ai une demi
fois ce que tu as», jo ai mei tant com tu, autrement dit: j’ai «la
moitié» de ce que tu as. En moderne, ce mità «moitié» est fort
courant; il est souvent au genre -féminin, sans doute à cause de
Péquivalent muftì «moitié». On trouve aussi mitant dans le picard
septentrional, ancien et moderne, et Godefroy en fournit un exemple,
de genre féminin.
1 Bastin, Vocab. de Faymonville, s. v.
2 Hetzer, Die Reichenauer Glossen, § 102.
3 Et. sur J. de Hemricourt, p. 81.
25*
366
P. MARCHOT
Il ne faut pas confondre mitant «moitié» avec mitant «milieu»,
qui a une aire beaucoup plus vaste et est resté du fran^ais usuel
jusqu’au XVII e siècle, survivant en fran^ais canadien (cf. Godefroy,
qui mèle du reste les deux vocables dans son article, et pour Taire
de mitant «milieu», YAtlas, 856 B). Ce mitant «milieu» est général
en wall. moderne. Je crois qiTil a bien .pu prendre naissance dans
une locution adverbiale emmi tant «dans Tentrefaite, dans Tinter-
valle», équivalent de Tadverbe entretant (cp. Tit. frattanto).
Meyer-Liibke a certainement tort de tirer ce mitant «milieu» de
mediani t empii s x . Il est arrivé qu’il a été influencé dans sa finale
par le représentant de temps , comme en lorrain, mais c’est là un
phénomène très naturel: il y a un rapport d’id.ées entre entretant et
temps, et c’est bien ce que prouve Torthographe actuelle entretemps;
en wallon aussi Tadverbe bien connu dismità «dans Tentrefaite» est
devenu irrégulièrement diismiU à Limbourg età Aubel (Parabole,
verset 25).
18. Dans les compositions par subordination un très intéressant mot
fodide (*fodita) «monticule de taupe, taupinière», qui survit sous la
forme diminutive myfird (-e ola) — * mg forni dans la région de Spa 1 2 3 ,
mentre qu’un mol «taupe», de provenance franque, a existé en wallon
et que la glose de Reichenau talpas: muli qui terroni fodunt (1121)
plaide pour une origine wallonne du glossairc. Le moyen bas alle-
mand a mol , nini (masc.), le moyen néerl. mol, moli et molle (masc.) s ^
.je pense donc qiTil faut restituer un frane *molle ou *mollo. (A Tépo-
que du glossaire, les voi'elles finales étaient tombées, on était donc
à Tétape mol.)
Je mentionnerai en outre: araigne crins «fils d’araignée», qui a
un équivalent arnitoile dans le dialecte montois (dict. de Sigart), mod.
ar?krt\ piet pas «sentier», mod. pipasti sous forme diminutive en
liégeois 4 .
19. Les compositions par croisement donnent quelques produits curieux,
notamment un thème vulgaire *collyramen «marmelade destinée
à la garniture des tartes, gàteaux, etc.», hybride tire de collyris
(Vulgate) «gaiette», et de liqu amen «confiture»: en wall. primitif
*colraim, mod. Pare.
Comme exemple de croisement de verbes, on peut, je crois, en-
1 REW, 5462.
J Le mot est enregistré au Vocabulaire de Body.
3 Voir le dictionn. moyen-néerl. de Verwijs et Verdam.
4 Sur toile d'araignée, sentier , v. Atlas, 1722, 1218.
LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 367
registrer un chaboter «bouter, pousser de manière à obtenir une petite
cavité», résultant du croisement de chaver et de boter, mod. tsabqte
«creuser légèrement, faire un petit trou* (Grandgagnage).
20. J’étudierai le mode de composition à Paide des préfixes, en pas-*
sant en revue les principaux de ceux-ci selon Pordre alphabétique.
Ainsi seront rendues plus aisées les recherches sur tei ou tei point
particulier.
21. A propos du préf. con- en wallon, G. Doutrepont 1 dit:
«Outre sa valeur étymologique ( kidure , conduire . . .), le préfixe ki
sert aussi pour marquer fortement la réciprocité: skibalte (se battre) ...,
et pour exprimer Pintensité d’une action: kihagni (mordre). Ainsi a
souvent lieu la création individuelle de mots nouveaux.» De mème
Feller 2 dit à ce sujet: «Co- n’est pas chez nous un préfixe mort comme
en frangais, il est très vivant, il peut s’adjoindre à tout verbe en qui
il est possible de marquer Pintensité de Paction par répétition de
Pacte initial.»
Phénomène digne de remarque, les deux emplois de con- (réciprocité,
intensité) se rencontrent dans le glossarne de Reichenau; le premier
dans congratulanles : congaudentes 417, congratnlabant : congau-
debant 668, in commutalione : in concambiis 772; le second dans
convertantur : conturnent 883, quatiuntnr : conquassantur 1058,
sculpare : contcìliare 1106. En mod. on a encore ko- ou kilurnc
«tourner en différents sens», ko- ou kitaii «tailler de ci de là, de divers
cótés» (dict. de Pirsoul).
En wallon, le préf. con- reste intact, semble-t-il, jusqu’au XII e ou
XIII e siècle. Sans faire état de concreidre à’Eulalie> qui n’est
pas à proprement parler un texte wallon, on peut citer comburir de
Jonas, qu’il ne faut pas considérer comme un mot savant et qui se
retrouve dans les Vers del juise 3 . Mais, au XIII e siècle, on trouve
cobatte dans les gloses de Darmstadt, qui sont un texte de la région
• namuroise, et au XIV e siècle Hemricourt présente ke- pour la région
liégeoise 4 . Tout POuest et le Centre wallons sont restés à Pétape
co- y les variétés du liégeois ont développé ke- jusqu’à ki- ou kii *.
22. Une bizarrerie est la transformation du préf. co- en ca- dans
une douzaine de verbes, dont beaucuup répandus dans tout le domaine,
notamment dans kabirlàsc «balancer», kabqsi «cabosser^, kabur «faire
1 Conjug. dans le w. liégeois, p. 84 note.
2 Notes de philol. wall., p. 233.
3 Ed. v. Feilitzen, v. 267.
4 Wilmotte, Et romanes dédiées à G. Paris, p, 243.
368
P. MARCHOT
bouillir» (avec dérivé kabglei «soupe pour bestiaux»), kafufii et kafuii
«chiffonner» ( *fundicare et f odicare), kahgse «hocher, secouer»,
kabuie «faire des bosselures» (bui < bulla). C’est J. Feller qui a ras-
semblé une liste de ces verbes dans un article de Notes de philol.
Wall., mais Fauteur semble ne pas avoir aper^u la raison de cette
anomalie. Il va sans dire qu’elle est postérieure à la réduction de
con- à co-. Si Fon met à part kabirlàsi , qui est un plus ancien
cabalancier } où Va initial peut étre le résultat d’une assimilation, on
remarque que tous les autres verbes possèdent la voyelle o dans le
radicai et Pon est porté à croire que la transformation de co—6 en
ca—ó est vraisemblablement un phénomène de dissimilation, qui a d&
se produire dans les formes accentuées sur le radicai, comme dans
coboce devenant caboce, cobolt devenant cabolt, cofongne devenant
cafongne , etc. Une dissimilation de cette nature n’est peut-ètre pas
très commune; toutefois elle se rencontre, p. ex. dans Fa. fr. la-
oste <locusta (je ne crois pas ici à une action de lacus, la lan-
gouste étant un crustacé marin), dans le w. monoie devenant mangi
dans Pa. ix. anot.
Feller a cru qu’il était le premier à dire que le préf. ca - provenait
de con- (sauf une brève indication de Grandgagnage, qui avait ex-
pliqué cafougni par cofougni): en finale de son article, il déclare
avec satisfaction : «nous ne voulions que dégager ca - de son mystère».
Vingt ans auparavant (en 1892), dans ma Phonol. détaillée d!un
pat. Wall. (§ 138), amplifiant Pindication relative à cafougni, j’avais
déjà expliqué par con-: kabQlci, kalbòs cbalan^oire», kapis «fourmu
(insecte qui se «compisse» par la sécrétion d’un liquide acide) 2 ; je
tirais seulement, à tort, ca- de Pétape k$-:
Il y a, à peu près général en wallon, un verbe tsamgsi ou tsamgse
«moisir», qui donne Pillusion d’ètre un compose de «moisir» avec
con-; il a un correspondant camousser en montois (dict. de Sigart).
Feller a été dupe de la ressemblance existant entre tsamgsi et «moisir»^
11 apparait immédiatement polirti!nt que si «moisir» avait un équi-
valent en wallon, il serait m gyi en liégeois et mgzi en namurois. On
ne peut pas non plus invoquer, comme je Pai fait dans ma Phono-
logie (§ 90), un lat. vulg. *muccire, réclamé par le verbe catalan
(d'après la Granimaire des langues romanes de Meyer-Liibke), car
alors le montois dirait camouchi ou camoucher. Dans t.amgsi, tèa-
est-il le préf. con- qui aurait subi la palatalisation du c? beller
1 Sur monnaie, v. Atlas, 873.
3 Sur fourmi, v. Atlas. 605.
LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 369
Pa cru et il a été ainsi amené à admettre une transformation en ca-
plus ancienne dans ce verbe que dans les autres étudiés plus haut.
Mais les faits sont tout différents.
. TsamQsi, en montois camonsser , est en réalité le résultat d’une
contamination, et j’aurais pu piacer ce verbe au no 19, à còté de
chaboter . Cest le verbe chancir, remanié, refondu sous Paction de
mosse f mousse . Le peuple croit que les végétations cryptogamiques
ne sont qu’une espèce de mousse. Et cela est si vrai que Pirsoul,
Pauteur du dictionnaire namurois, un lexicographe autodidacte, par-
tage cette erreur et définit ainsi le verbe chamosser : «moisir, se
couvrir d’une mousse (sic) blanchàtre ou verdàtre, qui marque un
commencement de corruption». En fait, du reste, il y a certaines
sortes de mousses qui donnent véritablement Pillusion de la moisis-
sure: c’est ainsi que dans Pextrème nord-est «sphaigne» se dit tsamQSé,
tsamusir ! .
23. Les préf. dis - et ex-, qui seront ici traités ensemble, soulèvent
un problème des plus ardus (non pas relativement à la composition,
mais pour ce qui regarde Pévolution phonétique) dans les composés
radicaux commengant par c-, Le traitement dans cette catégorie de
composés est tout à fait particulier et vraiment déroutant.
En wallon, tous les mots du lat. vulg. commen^ant par ( e)sc - ou
par desc- sont traités absolument de la méme facon, indépendamment
de la voyelle qui vient après (e)sc- ou desc- t que ce soit e , i, ou que
ce soit a , ou que ce soit o, u. Et ce traitement est identique à celui
des mots en sk- empruntés du germanique, traitement qui est aussi
uniforme et ne dépend nullement de la voyelle qui suit.
J'examinerai successivement les trois cas, selon que la voyelle est
e , /, ou bien a , ou bien o, li. Dans tous les cas uniformément, pour
les mots francs comme pour les mots latins, le traitement est in-
variablement sk dans POuest wallon, % dans les variétés liégeoises,
è dans les autres wallons.
Voici un premier tableau, comprenant deux subdivisions, une pour
les mots francs, une pour les mots latins, qui montre les destinées de
(e) se- et de desc- devant les voyelles e ou /:
Mots francs
Ouest
Variétés liégeoises
Autres wallons
*skeran
d^skire
lire
èire , siire
*skit , morceau de bois
sfyt
X(-t
Sft
menu
skitan
skite
yìte
lite
1 Bastin, Vocab. de Faymonville. Sur moisir, v. Atlas, 869,
370
P. MARCHOT
Mots latins
Ouest
Variétés liégeoises
Autres wallons^
*sciscire (cl. sci -
manque
X$U\ s'enquérir
manque
scere ) 1
*scissiare (sciti -
manque
yiil 2 , lacérer
manque
dere)
descender e
dgskgt
diyjt
distf
Le tableau ci-après montrera les
destinées des deux groupes devant
la voyelle a .
Mots francs
Ouest
Variétés liégeoises
Autres wallons
*skard , entaille
skardc
yarde
sorde
*skaban 7 rader
manque
yav , cosse
spfj m. sign.
skar a
manque
Xir^i, file
stlei , m. sign.
Mots latins
scala
skpLgskil.etc. ycd
spi
scaninuni
skatma
yam
sarti
* scolpire , démanger
skppi
y\ i pi
sopì
*excappare
skape
yùpe
sape
*excandir e
rgskàdi
rgyadi
risàdi
discalceare
manque
diy a sì
manque
[pedes] *discalceos
dgsko
òiya
dgso
*discar ricare
dgskgrdzi
diyigrdzi
manque
^discantare
manque
diyarne
manque
*discandir c
manque
manque
disàdi
*discavare
manque
manque [(Fléron) 8
disave
*discalcar c
manque
diyQtsi, désagréger
manque
Le troisième et dernier tableau
desc - devant les voyelles o, u.
montrera les destinées de (e)sc- T
Mots francs
Ouest
Variétés liégeoises
Autres wallons-
*skòt , giron
gsku
W
èu
skutn + a
eskimi
yutti
siim, Urti
Mots latins
scopa
skuvlgt
XQVlft
SQVlgt
excutere
skeer
X cer
Icer
*e s cultar e
askute
yute
ènte
*discombor ar e
manque
si diyObre
si dilobre
disi ooperire
dgskuvri
diygvri
manque
1 Sci se ere, encore dans Plaute, a été éliminé par sciscitari. yjii
est, selon moi, une dissimilation d’un régulier yi < *scescire, qui pré¬
sente le mème phénomène que *devinus, *devisat, etc.
2 Dissimilé, selon moi, d’un régulier < *xhexhier. L7 initial peut
venir de /ir?, déchirer.
3 Communio, de Marguerite Capiez. couturière, de Fléron (rue Saint-
Lazare, 9, à Bruxelles, en 1915).
LA FORMA TION DES MOTS EN WALLON PRÉL1TTÉRAIRE SI l
Un mot de commentarne à propos de ces trois tableaux ne sera pas
superfìu.
Les exemples pour l'Ouest sont empruntés à Grignard ( Phon . et
morph . des dial. de l’Oaest Wall.), pour les variétés liégeoises à
Grandgagnage, pour les autres wallons à Pirsoul (beaucoup d'exemples
sont aussi dans Pétude de Niederlander) et au patois de Saint-Hubert,
que je connais. Les mQts remontant au frane *skaban «rader» sont
pris à la Parabole (verset 16).
Les verbes en desc- des trois tableaux sont sensiblement moins
bien représentés par des continuateurs phonétiques que les verbes en
(e)sc-\ ce sont les débris fossiles d'une loi qui a du ètre générale,
Les formes insérées dans la colonne «autres wallons» (diset, disàdi,
dièave, si dilóbre) sont de Namur et dues à une communication orale 1 .
Pour ces verbes, Pirsoul ne donne que des variantes en disch - (donc
phonét. disè-): dischiude y dischandi, dischaver, si dischombrer , qui
ne sont simplement que des reformations récentes analogiques aux
nombreux autres verbes en dis- : disumisi, disfe, displér , etc.). Chez
Niederlander, je pouvais déjà trouver le phonét. diset , et chez Grand-
gagnage le phonét disòbre , gour Namur. Si les formes phonétiques
sont devenues rares, cela tient uniquement à Paction des nombreux
autres verbes en dis- et ainsi ont été éliminés les types * disosi,
*dil$rdzi, * dis aruc, *dis$vri (découvrir).
11 y a lieu de faire remarquer que les variétés liégeoises vont plus
loin que les autres variétés de wallon dans le traitement du groupe
initial (e)sc-\ elles altèrent de la fa£Oti connue non seulement le groupe
initial ( e)sc - suivi de voyelle, mais en plus les groupes initiaux (e)scl-
et (é)scr-\ ainsi on a, en vertu de ce traitement, ylor , éclore, %rulc }
faire sortir en tamisant (*excribrare), etc. 2 .
Quelle peut bien ètre la raison de ce traitement fort originai des
groupes ( e)sc - et desc - en wallon? Le problème n’a pas encore, ce
semble, suffisamment attiré Pattention. L’on n'a mème pas fait re¬
marquer jusqu'ici que, dans la règie, les groupes initiaux ( e)sc - et
desc- du wallon ne font pas Passibilation de c devant e et i (voir le
tableau I). Et dans la direction Ouest, l'aire du traitement particulier
de (e)se- et desc- dépasse certainement les limites de la zone wallonne
proprement dite, car on a une forme dckqd, que Meyer-Lubke déclare
inexpliquée 3 , qui va jusqu'aux rives de PEscaut.
1 M mtì Bonnarens, serveuse de brasserie, Namuroise (rue du Progrès*
53, à Bruxelles, en 1914).
2 Feller, Notes de philol. wall., p. 330.
3 Gram. des langues romanes, I, § 473. Voir Atlas, 393.
372
P. MARCHOT
Il me parait que, dans une vaste aire du Nord de la Gaule, dès
avant la fin du lVe siècle, de nombreux Francs ont du vivre, s’assi-
miler aux populations belgo - romaines et se romaniser. Leur nombre
a dù ètre assez considérable pour leur permettre, dans certain cas,
d’exercer une action sur le gallo-romain. On a des traces historiques
d’un royaume frane à Tournai, par exemple, tout au moins pour le
commencement du V e siècle, la défaite de Clodion par Aétiufe (Gré-
goire de Tours) étant des environs de 431. Et plus à l’Est, au cours
du IV e siècle, à une date impossible à préciser, les Romains s’étaient
repliés sur une ligne Signy-le-Petit-Florenville, à Fabri d’une large
bande de forèt, et y avaient établi la frontière effective de FEmpire
par la construction d’innombrables postes fortifiés, dont on retrouve
aujourd’hui les traces l .
Je pense que le groupe initial gallo romain (e)sc- a été influencé,
au IV e siècle, par le sk - initial frane 2 , qui se pronongait 5%, pronon-
ciation qu’il a gardée chez les Hollandais et les Flamands; le groupe
(e)sc- a dù entraìner à sa suite les verbes commencant par desc -, parce
qu’il y a souvent une grande similitude de sens entre Còmposés en
esc - et composés en desc-: ainsi descavare est très proche pour le
sens de escavare, descarnare de escamare, etc.
Aux alentours de 400, lorsque s'opéra en gallo-romain Passibilation
du c devant e et /, les groupes (e)sc - et desc - ne pouvaient plus Feffec-
tuer, puisqu’ils étaient à Fétape (e)s%- et des%-.
Et aux alentours de 700, lorsque s’opéra (dans une partie du do¬
maine frangais) la palatalisation de c devant a, e et i, les deux groupes
ne purent pas non plus y prendre part, puisqu’ils possédaient non un
C , mais un /.
Dans les variétés du liégeois, les groupes (e)s%- et des%- sont restés
tels quels, en amuissant seulement Vs. Dans le namurois et espèces
similaires, l’évolution en s a dù se faire par les étapes 5/, si: sxnme y
spinte , siume , sìim Enfin, à FOuest, les groupes (e)s%- et desy-
auront rétrogradé à leur point de départ (e)sk- et desk -, parce que le
son k était dans la langue un son beaucoup plus commun que le
son y.
Le liégeois, dans le principe, représente toujours le son composite
1 Bruneau, Limite des dialectes . . . en Ardenne, p. 70. La ligne de
repli est restée de nos jours la limite du watlon et du lorrain d’un còté, du
wallon et du champenois de lautre. La bande de forèt est Fobstacle qui a
déterminé la frontière dialectale.
2 Les Gallo-Romains, de mème, ont gardé seulement Vh germanique
initial, non h intérieur.
LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE
373
Sx par la graphie se ou sk , qui se trouve dans les mots latins et
francs et était donc étymologique (exemples dans des noms de lieu des
chartes); au XlII e siècle commence à apparaitre une graphie xh
(généralisée au XIVe siècle), dont là valeur est sans doute /, Pélément
initial étant amui. L’étape moderne § du namurois et similaires était
atteinte dès le XIII e siècle: Niederlànder remarque (§ 71 b) que les
chartes «haben hàufig Formen wie . . . deseliendoiU ).
Je n’ai pas parlé à suffisance jusqu’ici des prétendues exceptions à la
loi qui règie le sort de (e)sc-, dese- en wallon. Elles sont apparentes.
Ce sont pour la plupart des compositions postérieures à l’époque où la
loi a agi. Les suffixes (e)s- et des- étaient restés vivants et productifs,
puisqu’ils existaient dans nombre d’autres verbes comme (e)siordre,
(iejstendre , (e)straire, (e)slever, (e)sforcier, (e)smovoir y destorner.
desclore f destenir , desjoindre, etc., où le mode de composition était
facilement per^u. J’ai déjà parlé plus haut des exceptions en dis-
telles que dischaver , dischandi, etc. du namurois; il y en a d’autres
comme distserdzi , distsosi , diskovrii. En voici pour le groupe (e)se- ,
prises dans le dictionnaire de Pirsoul: skeue sans queue, skuarne privé
d’une come, skiir cuire à l’excès. D’autres exceptions sont*dues au
fait qu’un yod existait dans la suite du mot, comme sk^uar mèche
du fouet 1 , skaio échelon, sk$rii = (*exeorrigiata) fouet; d’autres
sont des mots savants comme skql école 2 .
24. Le numéro ci-dessus m’oblige à rectifier ce que j’ai dit, en traitant
la phonétique du wallon prélittéraire, « dans la Zeitschr. fiir frans.
Sprache und Literatur XXXIX 2 , p. 148: au n<> 6 de l’exposé des
transformations phonétiques , j’avais, en effet, admis, pour des mots
tels que (e)scotere, une évolution (e)esotere, (e)siodre , sqer ou
et pour des mots tels que *scuma y seamnum, une évolution
(e)esuma, (e)siama, siim ou yiim. Au n° 6 de la partie phonétique,
le cas 8 doit donc étre entièrement retranché, et le cas 7 partiellement.
25. Comme composition particulière avec le préf. dis- y je segnalerai
discriminar e «séparer, départir», continué par un verbe diskratm
♦séparer, démèler, débrouiller». Ce verbe a mème donne lieu à un
contraire akrarni «emméler, enchevètrer, embrouiller, entortiller? d’après
des couples tels que disrèdzì — arèdzì, disàmine ~ abituo, disiasi —
alala, dislQil — al$il. C’est donc inexactement que, dans ma Pho-
nologie § 109, j’ai rattaché les deux verbes au néerl . kram «crochet?.
1 C’est à tort que Haust fait d’un sk'Snòr (Ciney) un «picardisme» (La
Vie Wallonne, li, p. 483): Ciney est à quelque 70 kil. de la frontière ea, ga.
2 Pour tout ce numéro, voir Atlas, 319, 588, 393, 436, 479 3 674, 1274,
448, 444, 599, 441.
374
P. MAKCHOf
C’est plutòt dans le wallon Occidental et méridional qu’ils sont ré-
pandus. Leur finale répond à un frangais -iller ( entortiller ): on a
aussi les formes diskramii , akrcernii. Un distir ami pour *diskr$mi
n’est pas particulièrement surprenant, cf. Fancien samaine, stirarne
«écrèmer ». Un emploi de discriminar e (crine ni) = déméler,
commun en wallon, est déjà dans la Vulgate 1 .
26. Voici, formés avec le préf. ex-, des types intéressants qui
n’existent pas dans le frangais proprement dit ; ce sont des composés
de verbes simples commengant par s-, composés dans lesquels ex - ne
s’est pas réduit en lat. vulg. à es-, mais s’est maintenu.
Variétés
Wallon commun liégeoises
*exsorbire birbi , birba , nettoyer XQ r bi, m. sign.
*exsifilare Uf e , èiifle yitfk
*exsibilare silc, siffler, bruire (se dit du vent) /zVà, m. sign. 2
*exsaccare manque xtfb, tirer, ex-
traire
Le dé ve loppe ment phonétique a été Adsorbir, (e)siorbir, dans lequel
le groupe si s’est résolu en $ ou en % selon régions. Les Morale
sur Job offrent trois exemples eschielement . schielement , schieule-
ment correspondant au lat. sibilas 3 , qui militent contre une attri-
bution du texte à la région liégeoise 4 .
27. Un préfixe a été emprujité par le wallon prélittéraire à la langue
franque: c’est for-, qui est péjoratif et marque l’excès, la surabondance,
et qui répond à ver- néerlandais et flamand. La forme de ce préfixe
est toujours ver- en moyen néerlandais, mais toujours vor - en moyen
bas allemand et for- en anglo-saxon; da chose s’explique sans doute
par le fait que le bas allemand primitif a dù posséder une doublé
forme comme le saxon primitif, qui avait à la fois far- et for-. Les
Francs étaient des bas Allemands; en néerlandais V une forme aurait
prévalu; en wallon prélittéraire, Tautre forme, favorisée par sa par-
onymie avec foris , de provenance sans doute ripuaire.
L’origine du préfixe date de Tépoque primitive: les Francs, en ap~
prenant le gallo-romain, traduisirent tout à fait littéralement certains
de leurs verbes composés avec for- (en gardant le préfixe), composés
pour lesquels un correspondant exact manquait en gallo-romain. Voici
des exemples:
1 Thes. linguae latinae.
2 Bastin, Voc. de Faymonville; Haust, Voc. de Stavelot, au SuppK
3 Wiese, op. cit., p. 190.
4 Sur nettoyer, siffler, v. Atlas 905, 1231.
LA FORM ATI ON DES MOTS EN T WALLON PRÉLITTÉRAIRE 375
frane *st'c forsldpan (m. bas all. sich vorslapen , w. si fordu^rmi
trop dormir),
« *forwakson (m. bas all. vorwassen, trop w. fyrkrqS
grandir),
« *forduon (m. bas all. vordón, dissiper, w. forfè
dépenser),
Le préfixe fut dans la suite parfaitement vivace dans la langue et
devint productif en s'adaptant à des mots romans: ainsi w. moderne
formivi «pétulant*, forsule «trop enivréx», F^rl^tè^ nom du renard dans
des contes d'animaux ( *forlechiere = ultra-gourmand) \
Le fran^ais prélittéraire (comme le provenni) connait bien un préf.
/or-, mais le sens en est différent, ainsi que Porigine, qui est forisi
ir. forfaire ì forclore , fourvoyer , a. fr. forborc.
1 Ma mère, née à Hannut (prov. de Liége) v connaissait des contes de
l’espèce.
Paul Marchot.
Notes on Dante’s Inferno.
I.
The Suicides. •
(Inf. XIII.)
Attention has repeatedly been called to thè similarity of Inf. XIII,
31—39 with Virgili Aeneid, III, 22 ff.where thè dolorous meeting
of Aeneas with Polydore assassinated and metamorphosed into a tree
is deseribed. Also it has been pointed out by studénts of popular
superstitionsthat thè episode of thè Aeneid as well as certain passages
of Ovid's Metamorphoses is based upon an ancient and wide-spread
belief which assumes trees animated by a spirit, either its naturai
dryad or thè soul of a dead hero 1 2 . But it has never been shown,
heretofore, from where Dante took thè idea of enclosing thè souls of
suicides in trees. Can thè poet have invented thè motif? This is
doubtful, and I hope to show that he owes it to classical antiquity,
as he does so many others which make up thè immense amount of
material embodied in thè Divine Comedy.
Pausanias narrates that near Thebes there was thè tomb of Menoe-
ceus, thè son of Creon, who slew himself in obedience to thè Delphic
1 Cf. Stanislao Prato, La pena dei suicidi nella Divina Commedia e
la tradizione popolare, Giornale Dantesco, XV, 1907, pp 24 and 162; XVI,
1908, p. 27; De Chiara, La pena dei suicidi, Giornale Dantesco, III, 1895,
p. 143; Edward Moore, Studies in Dante, First Series: Scripture and
Classical Authors in Dante, Oxford, 1896. The work of Vincenzo Messeri,
I suicidi nel canto XIII dell’Inferno, in Luce e Amore, III, 838; 892 etc.
has unfortunately been inaccessible to me.
2 Cf. Rohde, Der griechische Roman und seine Vorlaufer, Leipzig, 1900 T
p. 169; Grimm, Deutsche Mythologie, ed. by E. H. Meyer, Berlin,
1875—1878, II, 689; W. Henderson, Notes on thè Folklore of thè
Northern Counties of England and thè Border, London, 1879, p. 50;
R Kòhler, K1 Sdir., ed. by J. Boi te, Berlin, 1900, III, 274; W. Mann-
hardt, Wald- und Feldkulte, Berlin, 1904-1905, I, 3; 39; II, 20;
O. Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, Mtìnchen,
1905, pp. 85; 210; 790.
NOTES ON DANTE S INFERNO
377
Oracle. On that tomb grew a pomegranate tree; whenever thè outer
husk of thè ripe fruit was broken, thè inside was found like blood x .
Of stili closer resemblance with thè famous passage of thè Inferno
is a story told by Servius in his Virgil commentary 1 2 . It reads as
follows :
Phyllis, Sithonis filia, regina Thracum fuit. haec Demophoontem,
Thesii filium, regem Atheniensium, redeuntem de Troiano proelio,
dilexit et in coniugium suum rogavit. ille ait, ante se ordinaturum
rem suam et sic ad eius nuptias reversurum, profectus itaque cum
tardaret, Phyllis et amoris impatientia et doloris impulsu, quod
se spretam esse credebat, laqueo vitam finivit et conversa est in
arborem amygdalum sine foliis ....
In his work on thè classical sources of Dante 3 , Edward Moore
pointed out that thè poet was acquainted with Virgili Eclogues 4 and
that in all probability he also drew on Servius' famous commentary 5 .
The passage quoted above will strengthen thè evidence adduced by
thè English scholar in support of thè latter theory, for it is certain
that Dante could not know Pausanias, while on thè other hand thè
§tory of Phyllis' suicide and transformation into an almond tree is
found only in Servius 6 .
II.
The Names of thè Demons.
(inf. XXI—XXII.)
Arturo Graf 7 noted that thè strange names given by thè poet to
thè demons in charge of thè fifth bolgia show great similarity with
names given to devils in thè mystery and more lity plays. He con-
1 Descr. Gr., IX, 25, 1; Frazer’s Commentary, III, 360.
2 Servius, Comm. in Verg. Bue. ree. G. Thilo, Lipsiae, 1887, III, l y
p. 55.
8 Op. cit.
4 Ibid., p, 9.
6 Ibid., pp ,174 and 189.
6 It is narrated in Ovid’s Heroides, but without thè incident of thè sui¬
cide, as here thè heroine is stili alive and writing to her lover. In Hygi-
nus’ Fabulae thè story is told in charter 59, where thè suicide is not men-
tioned, and is alluded to in chapter 2-13, where thè suicide is told but without
thè metamorphosis. It is not likely that Dante should bave drawn on two
different passages of Hyginus, combining their readings. On thè other hand.
it is certain that he knew some version of thè tale, as he alludes to it in
Paradiso IX, 100: Quella Rodopeia, che delusa Fu da Demofoonte; cf,
Moore, p. 207.
7 Miti, leggende e superstizioni del medio evo, Toriho, 1892—1893, II, 141.
378
A. H. KRAPPE
jectured tbat thè poet may have seen such plays acted, either in
France or in Italy. Edward Moore 1 sees in those names hidden
allusions to contemporary personages whom Dante desired to satirize.
Both observations may be correct. The resemblance of thè names of
Dante’s demons with thè names occurring in thè dramatis per¬
so nae of mediaeval plays is incontestable. The device of hitting an
enemy in thè way suggested by thè English scholar is by no means
modern. We have a parallel in thè Chanson de Roland, where
thè name of thè Saracen Turgis de Tortelose very probably serves
to cast odium on a certain bishop of Bayeux 2 3 * . But thè admission
of those two suggestions does not solve thè problem in its entirety.
As regards Dante's stay in France, it is wholly hypothetical, while
thè Italian sacra rappresentazione is posterior to thè poet’s
time. Furthermore granting Dante’s intention to attack some personal
enemies in this manner, thè question remains to be answered, Why
did he choose such strange-sounding names for this purpose? I think
that Graf was right in assuming imitation from a foreign literature;
thè improbability of his theory lies in thè genre which Dante is
supposed to have imitated.
Old names of thè kind used by thè poet occur in Old French
literature, not'only in thè mystery play but in a literary form far
earlier than dramatic literature, thè chanson de geste, where they
are borne by Saracens. A large number of Dante’s demon names
have their paraliels in Langlois’ index 8 , and thè similarity in sound
and meaning is striking. I shall give a list of them.
Alichino (Inf. XXI, 118): Aligant, Alipantin. The first
syllable is decisively Arabie in character.
Barbariccia (Inf. XXI, 120): Barbarans, Barbamusche
(borse of Climorin, Rol. 1491).
Draghinazzo (Inf. XXI, 121): Dragolant. The word may
be a derivative of dragon, thè coat of arms of thè Saracens in
thè Roland.
Farfarello (Inf. XXI, 123): Faramont, Faussabré, Fal-
sarun (Rol. 1213), Fauseron.
Rubicante (Inf. XXI, 123): Rubieant,.Rubica i re, Rubion.
1 Studies in Dante, Second Series; Miscellaneous Essays, Oxford, 1899,
p. 116.
% 3 W. Tavernier, Zeitschr. f. franz. Spr. u. Lit., XXXVII*, 1911, p. 123.
3 E. Langlois, Tableau des noms propres de toute nature compris dans
les chansons de geste imprimées, Paris, 1904.
NOTES ON DANTE’s INFERNO
379
Malebranche (Inf. XXI, 37): Malabrun, Malachar, Mala-
gus, Malapris, Malachin.
Malacoda (Inf. XXI, 76): Malcuidant etc. The list of this
series might be extended almost indefinitely.
It should be noted that thè name Malebranche is a French, not
an Italian form; thè latter would be Ma labranca. It is true,
Dante did not take over any name literally; but it must be borne
in mind that thè majority of thè names of epic heroes, Christian as
well as Saraceri, undergo thè strangest distortions and transformations
in thè Italian versions, for which numerous examples could be adduced
from thè Storie Nerbonesi and thè Spagna. Often it is even
difficult to recognize thè originai French form in its Italian garb.
Furthermore, large allowences must certainly be made for Dante’s
own creative imagination and aesthetic feeling, which undoubtedly
caused him to italianize most of thè French forms.
The Saracen names of thè chansons de geste were imitated in
other forms of Old French literature, during thè later middle ages.
Thus we have quite a list of them conferred upon thè dogs of thè
farmer Constant de Noes in Branche V of thè Roman de
Renard h, a fact which has been recognized by Lucien Foulet 1 2 ,
when he writes:
Ce ne sont pas des chiens qui donnent la chasse à un goupil.
Mais lisez cette énumération de noms retentissants, Espinars et
Hurtevilein, Passe-avant et Outrelevrjers, arrètez-vous à ces épi-
thètes bizarres, Escorchelande li barbez et Violez li malflorez,
représentez-vous ces trois félons, Trenchant, Bruamont et Faiz
qui débouchent soudainement à Torée d’un bois, peignez-vous à
la tète de ces hordes Roonel, le chien dant Frobert qui chevauche
furieusement, lance levée sor le fautre, et vous croirez voir toute
un armée de traìtres Sarrasins, acharnés à barrer la route à
Guillaume qui fuit vers Orange.
The author of that part of thè Roman de Renard was cer¬
tainly not thè only one to use this device. The miracle plays in their
turn borrowed such names from thè chansons de geste, and so
did thè great Fiorentine poet whose knowledge of French literature
in generai and of thè popular epic in particular enabled him to see
thè possibilities of such a borrowing and its adaptation to thè new
milieu in thè fifth bolgia.
1 Ed. Martin, vv. 1185—1272, t. I, pp. 193—196.
2 L. Foulet, Le Roman de Renard, Paris, 1914, p. 215.
Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 192?.
26
380
A. H. KRAPPE
III.
Guido da Montefeltro.
(Inf. XXVII.)
The touching story of Guido da Montèfeltro, thè warrior and states-
man who withdrew from thè worid, donning thè humble cowl of
Saint Francis of Assisi and who would have saved his soul but for
his fatai relapse into his former ways, at thè instigation of Pope
Boniface Vili, is too well known to need recounting. • What has not
been pointed out by modern commentators (thè mediaeval ones took
it for granted) is, I think, thè fact that in this episode of thè Divine
Poem Dante is dealing with a problem which appeared extremely
vital to thè middle ages, that is, thè necessity imposed upon a man
who withdrew into a monastery of guarding against relapses which
might undo his whole effort and snatch from him thè fruit of years
of repentance. This will be made clear by two stories which occur
in most, if not all, of thè mediaeval collections of ex empi a and
which thè preachers never seem to have tired of repeating to their
audiences. I quote both of them from thè work of Jacques de Vitry x .
They read as follows:
Audivi etiam de quodam nobili milite quod relictis magnis
possessionibus quas habebat, factus est monachus, ut in pace et
humilitate Deo serviret. Attendens autem abbas quod fuisset
industrius in secolo, misit eum ad forum ut asinos et asinas
monasterii, que jam senes erant, venderet et emeret juniores.
Licet autem viro nobili displiceret voluit obedire. Illis vero qui
emere volebant interrogantibus si bone essent asine et juvenes,
noluit abscondere veritatem sed respondebat: «Creditis quod
monasterium nostrum ad tantam inopiam devenerit quod asinos
juvenes et domui utiles vendere voluerit?» Cum autem quere-
retur ab eo quare asini ita caudas haberent depilatas respondit :
«Quia frequenter sub onere decidunt et ideo, dum per caudas eos
sublevamos, depilantur caude eorum.» Cum autem nichil vendi-
disset et ad claustram fuisset reversus conversus quidam, qui cum
eo abierat, accusavit eum in capitula. Abbas autem et monachi
incandescentes in eum, quasi prò gravi culpa, ipsum disciplinare
ceperunt. Quibus ille ait: «Ego multos asinos et magnas pos-
sessiones in seculo reliqui, nolui prò asinabus vestris mentiri et
1 Th. F. Grane, The Exempla or Illustrative Stories from thè Sermones
Vulgares of Jacques de Vitry, London, Folk-Lore Society, 1890.
NOTES ON DANTE S INFERN.0
381
ledere animam meam circumveniendo proximos.> Et ita post-
modum ad exteriora et secularia negocia non miserunt eum.
Miles iste nobilis genere sed mori bus nobilior noluit lapides pre-
ciosos prò Ugno putrido relinquere, id est claustri quietem prò
tumultu seculari, ne assimilaretur asino qui rosis et violis spretis
ad carduum cucurrit, et rana si ponatur super culcitram pictam
prosilit et quam citius potest luto se immergit 1 .
Audivi de quodam magno clerico qui fuerat advocatus in seculo
et fere in omnibus causis obtinebat, cum suscepisset habitum
monachorum frequenter mittebatur ad causas procurandas, et in
omni causa succumbebat. Verum abbas et monachi indignati
dixerunt ei : Quomodo in causis nostris semper succumbis qui
cum esses in seculo semper obtinebas in causis alienis.» At ille
respondit: «Cum essem secularis mentiri non timebam sed per
mendatia et fraudes adversarios superabam; nunc autem, quia
non audeo dicere nisi verum, semper accidit mihi contrarìum.» Et
ita permissus est in claustri pace quiescere nec amplius missus est
ad litigandum 2 .
The resemblance of thè first of these two exempla with thè
episode of Guido da Montefeltro is quite striking and not perhaps
entirely fortuitous. In both cases thè hero is a knight who had left
large earthly possessions for thè sake of his salvation. In both his
spiritual superior is precisely thè one who endangers thè knight’s
work of repentance. In both, finally, thè hero is reluctant to obey
thè orders of thè disloyal shepherd. However, Guido succumbs, while
thè unnamed hero of thè exemplum remains firm. It is by no
means impossible that this wide-spread story became attached to
Guido da Montefeltro by thè Colonna party and that Dante merely
took it over, making use of it to propound thè lesson it contains.
Be that as it may, it is certain that in devoting a whole canto to
this episode, Dante was conscious of thè fact that he was dealing
with a grave problem, and an attentive reading of thè canto conveys
thè impression that it is Dante’s marvelous power as a moralist which
more than any other factor sheds over this episode this sombre grandor
that makes it one of thè most impressive of thè whole work.
1 Op. cit., cap. LIII, p. 21. For an enumeration of thè other versions cf.
Pauli, Schimpf und Ernst, ed- by H. Oesterley, Bibl. d. Lit. Vereinsi
Bd. LXXXV, Stuttgart, 1866, cap. Ili, p. 485.
2 Cap. LII, p. 20. Cf. Pauli, op. cit., cap. 127, p. 488.
26 *
382
A. H. KRAPPE
IV.
Gianni Schicchi.
(Inf. XXX, 32-33.)
In thè tenth bolgia Dante finds, among different types of forgerers,
one Gianni Schicchi. Of this personage thè commentator Francesco
da Buti narrates thè following anecdote 1 .
. . . questo Gianni Schicchi fu de’ Cavalcanti da Fiorenza, et
era gran compagno di Simone parente di messer Buoso Donati
ancora fiorentino* lo qual messer Buoso era molto ricco, e venendo
a caso di morte per infermità, non fece testamento, o che questo
Simone non gliel lasciasse fare, o eh’ elli si morisse in tal modo
che noi facesse, come per negligenzia spesse volte addiviene.
Onde questo Simone, inanzi che niuno sapesse che messer Buoso
fosse morto, ordinò che questo suo compagno Gianni Schicchi
stesse nel letto in persona di messer Buoso, e.contrafacesse messer
Buoso con la voce tremante e debile come di malato, e facesse
testamento e lasciasse lui suo erede; elli li promise di darli per
questo una cavalla eh’ avea messer Buoso in una sua torma,
eh’ era bellissima e d’ un grande pregio, la quale si chiamava
la donna della torma. Et ordinato questo si mandò per lo Notaio,
e questo Gianni si acconciò nel letto col capo fasciato, nella camera,
e con le finestre socchiuse e feciono stare il notaio un poco di
lungi; e questi fece il testamento in persona di messer Buoso e
lasciò a cui questo Simone volle*; e lui, cioè Simone erede, nel
testamento. E rogato il testamento, indi a poco stante, sparsono
la voce come messer Buoso era morto e attesuono alla sepultura,
e così si rimase erede il detto Simone.
The same story is recorded by most Dante commentators with a
number of variants. Thus, according to one group of versions, Simone
does not make any promise to Gianni, but thè latter takes care to
provide for himself in thè will 2 . According to another, Simone and
Gianni Schicchi kill Old Buoso 3 . All commentators seem to agree,
however, in assuming thè story to be based on an actual occurrence.
While this may have been thè case, it is certain that thè tale bears
novelistic features which make it probable that in this form at least
1 Commento di Francesco da Buti sopra la Divina Commedia di Dante
Allighieri, p. p. Crescentino Giannini, t. I, Pisa, 1858, p. 766.
2 Cf. G. A. Scartazzini’s sixth edition of thè Commedia, p. 294—295.
3 Ibid., p. 295.
NOTES ON DANTE’S INFERNO
383
it was a current story which in some manner had become attached
to thè two Florentines Simone Donati and Gianni Schicchi. What
would confirm this hypothesis is thè fact that thè narrative is found
in two ancient writers, where it is told of Queen Laodice, first wife
of thè Seleucid King Antiochus IL The first author who records it
is Valerius Maximus L His version reads as follows:
Regi Antiocho unus ex aequalibus et ipse regiae stirpis nomine
Artemo perquam similis fuisse traditur. quem Laodice, uxor
Antiochi, interfecto uiro dissimulandi sceleris gratia in lectulo
perinde quasi ipsum regem aegrum conlocauit admissumque uni-
uefsum populum et sermone eius et uultu consimili fefellit, credi-
deruntque homines ab Antiocho moriente Laodicen et natos eius
sibi conmendari.
The same story is told by Pliny Secundus 1 2 . There it presents this
reading :
Antiocho regi Syriae e plebe nomine Artemo in tantum similis
fuit, ut Laodice coniunx regia necato ìam Antiocho mimum per
eum commendationis regnique successionis peregerit.
It is of course very doubtful whether this narrative has any more
historical foundation than so many other stories mentioned by either
Valerius Maximus or Pliny. It is most probable that we have to
deal with one of those floating tales which are found everywhere and
nowhere, which can be attached to any historical personage that
enjoys an unenviable reputation of trickiness, such as fell to thè lot
of Queen Laodice and to thè two Fiorentine citizens Simone Donati
and Gianni Schicchi 3 .
V.
Frate Alberigo.
(Inf. XXXIII, 109 — 135.)
Passing from Antenora to Tolomea in thè lowest abyss of Hell,
thè two poets find, deep in thè ice, Alberigo de’ Manfredi, frate
gaudente, who implores Dante to open his eyes, which are closed
with frozen tears, and thè poet says:
1 De dictis factisque memorabilibus, IX, 14, ext. 1.
2 Nat. Hist. VII, 53.
3 The story soon found favor with thè Italian novelists. It is contained
in thè collection of Marco Cademosto da Lodi and in thè Piacevoli Notte of
Granucci; cf. Dunlop, History of Prose Fiction, ed. Wilson, London, 1896,
II, 192.
384
A. H. KRAPPE
149 ed io non gliele apersi,
E cortesia fu lui esser villano.
Concerning this Alberigo Francesco da Buti makes thè following
comment 1 :
. . . questo frate Alberigo fu de' Manfredi da Faenza di Romagna,
et in sua vecchiezza si fece cavaliere gaudente, e però fu chiamato
frate, et avea guerra con certi suoi consorti, e non potendo avere
copia di loro, pensò uno grandissimo tradimento; cioè di paci¬
ficarsi con loro e poi nella pace ucciderli, e così fece; e mise
mezzani a far la pace e, fatta la pace, disse che si volea ritro¬
vare con loro, et ordinò uno bèllo convito et invitò tutti questi
suoi consorti co’ quali avea fatta la pace; e quando essi ebbono
desinato tutte le vivande, elli comandò che venessero le frutta; et
allora venne la sua famiglia armata, com' elli avea ordinato, et
uccisono tutti costoro alle mense coni’ erano a sedere; e però s’
usa di dire: Elli ebbe delle frutta di frate Alberigo.
This story, with a few minor variants, is also reported by Giovanni
Villani 2 . The event is said to have taken place toward thè end of
thè thirteenth century. What has never been pointed out before is
that a similar episode is told by Paulus Diaconus 3 . The text reads
as follows :
Germanus Rodulfi regis ad Tatonem serendae pacis gratia
venerat. Qui cum expleta legatione patriam repeteret, contigit,
ut ante regis filiae domum, quae Rumetruda dicebatur, transitum
haberet. Illa multitudinem virorum nobilemquè comitatum aspi-
ciens, interrogat, quis iste esse possit, qui tam sublime obsequium
haberet. Dictumque illi est, Rodulfi regis germanum legatione
perfuncta patriam regredì. Mittit puella, qui eum invitaret, ut
vini poculum dignaretur accipere. Ille corde simplici, ut invitatus
fuerat, venit; et quia erat statura pusillus, eum factu superbiae
puella despexit, verbaque adversus eum invisoria protulit. At
ille verecundia pariter et indignatione perfusus talia rursus verba
respondit, quae ampliorem puellae confusionem adferrent. Tunc
illa furore femineo succensa, dolorem cordis cohibere non valens
scelus quod mente conciperat explere contendit. Simulat patientiam,
vultum exhilarat, eumque verbis iocundioribus demulcens, ad
sedendum invitat, talique eum in loco sedere constituit, quo
1 Op. cit., I, 839.
2 Hist, X, 27.
3 Hist. Lang., I, 20.
NOTES ON DANTE’S INFERNO
385
parietis fenestram ad scapulas haberet. Quam fenestram quasi
ob hospitis honorem, re autem vera ne eum aliqua pulsaret
suscipio, velamine texerat pretioso, praecipiens atrocissima belna
propriis pueris, ut, cum ipsa quasi ad pincernam loquens «Misce»
dixisset, illi eum a tergo lanceis perforarent. Factumque est; et,
mox crudelis femina signum dedit, iniqua mandata, perficiuntur,
ipseque vulneribus transfixus in terram corruens expiravit.
The similarity of this episode with thè tale Qf Frate Alberigo as
it is reported by Villani and most of thè Dante còmmentators is
striking. Not only thè fatai banquet and thè ambiguous words which
give thè signal for thè unholy deed are found in both; there is also
a tradition according to which Alberigo was provoked by a box' on
thè ear, inflicted upon him by his relative, and that he could never
forget this insult and therefore revenged himself in such a treach-
erous manner. This trait finds its parallel in thè story of thè Lango-
bard historian, where thè princess is similarly provoked by thè insults
she has to suffer from her guest and enemy.
Again we must question thè historicity of thè account as told by
Villani and as it was doubtless current in Dante’s time 1 2 3 . A treach-
erous murder perpetrated by an Italian nobleman lent itself easily
for a convenient point d* attaché of a floating tale which would
make thè event stili more gruesome in thè eyes of thè contemporaries,
and Dante, whether or not he believed it, certainly made use of it
to heighten thè gloom which hangs over thè thirty-third canto of his
immortaf work.
1 Mon. Germ. Hist. Scriptores rerum Langobar. et Italie, saec. VI—IX,
Hannover, 1878, pp. 57—58.
2 Div. Com. ed. cit., p. 333.
3 The story was a favorite theme of thè Italian novelists of thè fourteenth
century. It is found in thè Pecorone, VII, 1, and in thè Libro di Novelle.
Cf. Kohler, Kl. Schr., ed. by J. Bolte, Berlin, 1900, II, 566.
Alexander Haggerty Krappe.
Le fonti- del canzoniere del Boiardo,
Fra i poeti imitati dal Boiardo il primo posto spetta a Francesco
Petrarca. Ma se il Boiardo s* ispira al cantore di Laura, come sole -
vano fare tutti i poeti del suo tempo, la sua imitazione ha qualche
cosa di profondamente diverso da quella dei suoi contemporanei. Alla
fine del quattrocento P imitazione petrarchesca presenta un aspetto
nuovo; la lirica rifugiandosi nelle Corti, perde ogni ombra di senti¬
mento, diviene un vuoto giuoco di parole ; i pensieri del Petrarca sono
trasformati in concetti falsi e artificiosi. Solo pochi si mantengono
fedeli al petrarchismo puro dei lirici del trecento, le cui poesie (benché
fredde e vuote) ci sembrano talvolta gioielli di grazia e di semplicità
in confronto ai brutti versi del Serafino, del Tebaldeo e dei loro se¬
guaci. Era impossibile che il Boiardo non sentisse Y influsso del suo
grande predecessore, al quale i migliori poeti non riuscirono a sottrarsi.
Egli ebbe infatti un’ ammirazione infinita per il poeta di Vaichiusa e
10 studiò profondamente. Esiste un codice del Canzoniere del Petrarca
tutto postillato dal Boiardo 1 . Ma se il Boiardo é petrarchista, se
petrarchista vuol dire ammiratore ed imitatore del Petrarca, non é
tale certamente, se petrarchista vuol dire poeta senza originalità. Se noi
togliamo quelle poche liriche scritte quando Y animo suo é stanco, quando
imita freddamente, e quelle pochissime nelle quali deturpa i pensieri
petrarcheschi con concetti falsi e artificiosi, si può dire che il Boiardo
dà una vita nuova, un sentimento nuovo anche ai motivi più vecchi.
Il Conte di Scandiano apre e chiude il suo Canzoniere sempre imitando
11 cantore di Laura. Nel primo Sonetto vi sono molti ricordi del primo
Sonetto del Canzoniere del Petrarca. Ambedue sono stati composti come
prefazione alla raccolta di rime. L* uno e Y altro parlano di un tempo
lontano nel quale, la sorte dei poeti era diversa dalla presente e altri
gioie, e altre speranze fiorivano nel cuore. Il Petrarca chiama jl suo
amore «giovanile errore» : il Boiardo «puerile errore ». In ambedue
1 Paolo Giorgi, Sonetti e Canzoni di Matteo Maria Boiardo in:
Studi su* M. M. Boiardo, Bologna, 1894, p. 179.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
387
vi é rimpianto per il bel tempo lontano. Ma mentre il Petrarca vecchio e
dedicato ormai alla religione, si vergogna di questo amore e ne parla
come di una cosa passata, ecco che il Boiardo non rinnega la sua
passione perché é viva ancora nel cuo cuore, e. dice che V uomo che
non ama non é vivo, e «se in vista é vivo, vivo é senza core ».
Nell’ ultimo sonetto il Boiardo cerca di far risorgere nella sua anima
il sentimento del Maestro. Certamente petrarchesca é l’idea di finire
le proprie rime con una poesia religiosa.
In alcune liriche il Boiardo trasforma completamente il pensiero del
Maestro. Così nel quinto sonetto riprende 1’ immagine petrarchesca
di amore con Y arco sempre teso verso il cuore degli uomini per col¬
pirli colla sua freccia • ma la rappresenta sotto un aspetto del tutto
nuovo. Per il Petrarca amore é un’ insidia, per il Boiardo é una delle
più belle creazioni dell’ universo. Dice il Petrarca 1 :
Celatamente amor 1’ arco riprese,
Com’ uom eh’ a nuocer lungo tempo aspetta.
Era la mia virtute al cor ristretta
Per far ivi e negli occhi sue difese:
Ed il Boiardo 2 :
Amor, che le dorate sue quadrelle
Più tien forbite e il suo potere in cima
Questa beltà, non mai veduta in prima
Vuol dimostrar con 1’ altre cose belle.
Al primo impeto di dolore dice il poeta (Poesie, p. 180):
Chi crederebbe ascosa
Mai crudeltade in forme sì divine.
Pensiero che troviamo in questi versi del Petrarca (Le Rime , cit.,
p. 238):
Questa umil fera, un cor di tigre o d’ orsa,
Che ’n vista umana e ’n forma d’ angel vane.
In un’ altra lirica il Boiardo paragona la sua vita ad una nave
1 Francesco Petrarca, Le Rime di sugli originali commentate da
Giosuè Carducci e Severino Ferrari, Firenze, 1899, p. 4.
2 Matteo Maria Boiardo, Le Poesie volgari e Latine riscontrate
sui Codici e sulle prime Stampe da Angelo Solerti, Bologna, 1894, p. 7.
388
E. FERNANDES
d’ oro, che naviga nel mare tranquillo guidata da amore, cullata da
un vento soave ( Poesie , p. 25) :
De avorio e d’ oro e de corali é ordita
La navicella che mia vita porta;
Vento soave e fresco me conforta,
E il mar tranquillo a navigar m’invita.
Vago desir co’ i remi a gir me aita;
Governa il temo amor, che é la mia scorta ;
Speranza tiene in man la fune intorta
Per porre il ferro adunco a la ferrita.
11 paragone é petrarchesco. Il poeta aretino in un sonetto im¬
magina che la nave, simbolo della sua vita, passi attraverso la tem¬
pesta e la lotta con le onde sia tanto forte da disperare di giungere
al porto {Rime, cit., p. 273) :
Passa la nave mia colma d* oblio
Per aspro mare a mezzanotte il verno
Infra Scilla e Cariddi; ed al Governo
Siede ’l Signor, anzi ’l nemico mio.
A ciascun remo un pensier pronto e rio,
Che la tempesta e ’l fin par eh’ abbia a scherno :
La vela rompe un vento umido eterno
Di sospir, di speranze e di desio.
Solo l’idea é ispirata dal Petrarca. La concezione della vita appare
nel sonetto del Boiardo profondamente diversa da quella del Petrarca.
Una nota del tutto nuova vibra nei versi del nostro poeta e ravviva
l’immagine e il pensiero: la nota della gioia serena.
Nell’epoca felice il Boiardo canta, in una stanza di canzone, come
dalla sua donna si irraggi una grande beatitudine su tutte le cose che
la circondano 1 {Poesie, p. 61):
Beato il cielo, e felice quel clima
Sotto al qual nacque, e [beata] regione.
Beata la stagione
A cui tanto di ben pervenne in sorte!
Beato te, che a la reai pregione
1 Per T origine di questo pensiero tanto comune ai Poeti di Amore, cfr.
Vitaletti, Benedizione d’ Amore in questo Archivimi, voi. Ili, 206.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
389
Per te stesso sei chiuso entro alle porte
Che non pregion ma corte,
Questa se de 7 nomar, se ben se stima.
Beati gli ochii toi, che veder prima
Quel nero aguto e quel bianco soave
Che all' amorosa zoglia apre la via.
Beato’il cor che ogni altra cosa oblia
Né altro diletto né pensier non ave.
La benedizione a tutte le cose che circondano la donna amata, la
troviamo nel Petrarca (Le Rime , cit., p. 15):
Benedetto sia 7 1 giorno e 7 1 mese e l 7 anno
E la stagione e 7 1 tempo e l 7 ora e 7 1 punto
E ’1 bel paese e '1 loco ov 7 io fui giunto
Da duo begli occhi che legato m 7 hanno,
E benedetto il primo dolce affanno
Ch 7 io. ebbi ad esser con amor congiunto,
E P arco e le saette ond 7 io fui punto
E le piaghe eh’ infin al cor mi vanno.
Benedette le voci tante eh 7 io,
Chiamando il nome di mia donna, ho sparte
E i sospiri e le lacrime e 7 1 desio;
E benedette sien tutte le carte
Ov 7 io fama ne acquisto e 7 1 pensier mio,
Ch 7 é sol di lei, si eh 7 altra non v 7 ha parte l .
I versi del Boiardo hanno qualche cosa di solenne e di grandioso,
sembrano un inno di beatitudine. L 7 imitazione petrarchesca é una
reminiscenza lontana che si perde fra la nuova messe di affetti e di
pensieri originali, che sorge dal cuore del poeta ebbro di amore e
di gioia.
Noi vediamo così come il Boiardo non solo trasformi pensieri pe¬
trarcheschi, ma riesca talvolta a superare il maestro. Questa specie
di imitazione prevale nel primo libro, ma si nota anche in alcune liriche
del secondo e del terzo. Il poeta di Antonia nella disperazione del-
l 7 abbandono chiede insistentemente pietà alla sua donna (Poesie,
p. 10):
1 II Petrarca in un altro Sonetto dice {Le Rime , cit., p. 90):
Io benedico il loco 1 tempo e Y ora
Che sì alto miraron gli occhi miei.
390
E. FERNANDES
Se mai pietade per servir se acquista
Per ben servir con amore e con fede
Acquistata 1’ ha ben quest’ alma trista
E se ne Y ha acquistata sua mercede
Gli é retenuta e domanda ragione
A chi la tene ed aver se la crede.
Lo stesso pensiero troviamo in un sonetto del Petrarca, ove prega
Laura morta di apparirgli in visione (Le Rime , cit., p. 466):
S’ onesto amor può meritar mercede
E se pietà ancor può quant’ ella suole,
Mercede avrò, che più chiara che ’l sole
A Madonna ed al mondo é la mia fede.
Il Boiardo trasforma, con arte veramente personale, il pensiero
petrarchesco uniformandolo alla nuova situazione anche nelle piccole
sfumature e ravvivandolo col suo dolore. Il Petrarca ricorda alla pura
Laura, che vive fra i beati, il suo onesto amore per avere la grazia.
Il Boiardo sapientemente tralascia quest’ aggettivo ed insiste sul suo
grande e fedele amore.
Il Conte Matteo Maria quando deve partire per Roma, lascia 1’ amata
piangendo, e domanda a se stesso ( Poesie , p. 228):
Come viver potrò da te lontano,
Gentil mio viso umano,
Che solo eri cagione di mia vita
Che sbigotita a te se aresta in mano.
Lo stesso pensiero troviamo nel Petrarca in un sonetto ove si la¬
menta di doversi allontanare da Laura (Le Rime , cit., p. 17):
Talor m’ assale in mezzo a’ tristi pianti,
Un dubbio, come posson queste membra
Dallo spirito lor viver lontane.
I versi imitati sono molto sentiti come fossero originali.. Il presen¬
timento del poeta di non poter vivere lontano dall’ amata perchè ella
è la fiaccola che illumina la sua vita nel Petrarca é un pensiero arti¬
ficioso, nfel Boiardo un grido disperato 1 .
1 Qualche cosa di nuovo aggiunge il Boiardo anche in questi versi, sebbene
il pensiero sia preso completamente dal Petrarca. Amore apparso in visione
al Poeta gli dice (Poesie , cit., p. 124) :
Tu sei tradita ed io dal più bel volto
Che al mondo dimostrasse mai natura
Questa a te il core a me lo strale ha tolto.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
391
Il poeta pensando alla brevità della vita scrive ( Poesie, p. 250):
Il ciel veloce ne raggira intorno
E menacia volando a morte oscura.
Il Petrarca dice in un sonetto {Le Rime, cit., p. 385)
La vita fugge e non s'arresta un’ora-,
E la morte vien dietro a gran giornate ;
Il Boiardo ha imitato il lirico trecentista, ma nei suoi versi é
qualche cosa che non troviamo nell’ altro poeta. Non é il solo terrore
della morte che turba 1' autore dell'Orlando Innamorato, ma della
morte senza gloria, il timore di non potere compiere niente di grande
prima della fine della vita * 1 11 .
In alcuni versi il Boiardo non soltanto accoglie il pensiero pe¬
trarchesco ma v’ infonde un’ intonazione di vero dolore. Il poeta di
Scandiano dice in un momento di dolore ( Poesie, p. 106) :
10 ho sì colma Y alma de lamenti
Formati da lo estremo mio dolore
Che .se io potessi ben monstrarli fore
Gli occhi piagner faria che morte ha spenti.
Anche il Petrarca pensa che tutti sentirebbero pietà delle sue pene,
se egli potesse mostrare ciò che é nel suo cuore {Le Rime , cit., p. 138):
Cosi potess' io ben chiuder in versi
I miei pensier come nel cor li chiudo
Ch’ animo al mondo non fu mai si crudo,
Ch' i’ non facessi per pietà dolersi.
Lo stesso elegio di Laura immagina il Petrarca che gli faccia amore {Le
Rime, cit., p. 490):
Forma par non fu mai dal dì eh’ Adamo
Aperse gli occhi in prima e basti or questo.
I Anche nelle immagini meno belle, il Boiardo riesce talvolta ad aggiun¬
gere una nota sentita ( Poesie, p. 78):
11 volger dolce e tardo
Del suave splendor fra il nero e il bianco.
II Petrarca dice che origine della sua vita dolorosa furono il giorno e l’ora
che apri gli occhi {Le Rime , p. 45):
Nel bel nero e nel bianco
ed in una canzone dice {Le Rime , p. Ili):
Quando voi alcuna volta
Soavemente tra’ 1 bel nero e’ 1 bianco
Volgete il lume in cui amor si trastulla.
392
E. FERNANDES
Talvolta il Boiardo prende dal Petrarca Y idea di una lirica e la
rielabora in modo completamente diverso. Ad esempio, una volta si
paragona ad alcuni animali che muoiono volontariamente ( Poesie , cit.,
p. 186), imitando la Canzone del Petrarca (Rime, cit., p. 213) : -
Qual più diversa e nova
Cosa fu mai in qualche stranio clima.
Ambedue le liriche hanno inoltre il paragone con la fenice. Il
Giorgi 1 crede che il Boiardo abbia imitato solo questa idea, ma invece
é evidente eh’ egli ha preso dal cantore di Laura il pensiero generale
della Canzone.
Alcuni pensieri che predominano nel Canzoniere del Petrarca pre¬
dominano anche nei Libri degli Amori. L’ espressione del Boiardo é
però così nuova che questa strana relazione fra i due Canzonieri
potrebbe sembrare una mèra combinazione, se la somiglianza di alcuni
versi non attestasse V ispirazione petrarchesca. L’ idea di chiamare
la propria donna « fenice » la troviamo frequentemente nel Petrarca e
nel Boiardo ma con una forma completamente diversa (Poesie, cit.,
p. 26):
Che augello è quello amor che batte Y ale
Tieco nel cielo ed ha la piuma d’oro?
(Le Rime, cit., p. 270) : #
Questa fenice dall’ alata piuma
Al suo bel collo candido e gentile 2 .
Un altro motivo che predomina nei due Canzonieri, è il desiderio
che la morte ponga fine alle pene di amore. Quando il dolore co¬
mincia a penetrare nel cuore del Boiardo, il desiderio della morte si
affaccia alla sua mente (Poesie, cit., p. 92) :
Tempo é ben da morire, anci è passato:
Morir dovea in quel ponto
Che da me se divise 1’ alma mia.
Il Petrarca, morta Laura, chiede (Le Rime, cit., p. 371):
1 Paolo Giorgi, Sonetti e Canzoni, cit., p. 180.
2 Forse ricorda anche questi versi del Petrarca {Rime, cit., p. 442):
Una strania fenicie ambedue 1’ ale
Di porpora vestita e 1 capo d’oro.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
393
Che debb’io far che mi consigli, amore?
Tempo é ben di morire;
Ed ho tardato più eh’ i’ non vorrei.
Ed in un’ altra lirica dice il Boiardo ( Poesie, p. 105) :
Ben felice e fortunato é quello
Che po’ fuggir per morte tanti affanni.
Il Petrarca così chiude una sua Canzone {Rime, cit., p. 4ó0) :
Canzon s’ uom trovi in suo amor viver queto
Di: muor mentre se' lieto:
Che morte a tempo é non duol ma refugio.
E chi ben può morir non cerchi indugio.
Ambedue i poeti in più liriche si lamentano perché le pene di amore,
non cessano mai, nemmeno quando tutto riposa. Ma 1’ imitazione
è veramente palese soltanto in queste terzine del Boiardo ( Poesie ,
p. 127):
Quiete universal degli animali
Che domi e tigry e rigidi leoni
Non poi domar un amoroso core:
Come la notte sempre me abbandoni
Com’ ei dal petto mio bandito fore
Per eh’ io non abbia sosta ne mie’ mali.
che ricordano i versi del Petrarca {Le Rime, cit., p. 309):
Tutto '1 di piango; e poi la notte, quando
Prendon riposo i miseri mortali
Trovom’ in pianto e raddopiansi i mali,
Così spendo il mio tempo lagrimando.
Qualche volta l’ispirazione petrarchesca si rivela quasi improvvisa¬
mente. In alcune liriche, un motivo petrarchesco appare una volta
sola e con una forma così nuova che l’imitazione non si avvertirebbe
neppure se la somiglianza dell’ espressione di un verso non ne facesse
scorgere 1’ origine.
In un sonetto il poeta prega il sogno di mostrargli il volto dell’ a-
mata. Questo motivo lo troviamo più volte nel Petrarca, ma il Boiardo
1’ esprime con un forma così nuova che non potremmo considerarlo
un’imitazione petrarchesca, se non ci fosse questo verso {Poesie,
p. 235):
Deh! qual tanta pietade a me t’.invia
394
E. FERNANDES
imitato dal Petrarca (Le Rime , cit., p. 474) :
Deh ! qual pietà, qual angel fu si presto l .
Talvolta siamo colpiti da una lieve somiglianza di espressione, e
analizzando le liriche troviamo una corrispondenza di pensiero che
conferma Y origine petrarchesca del frammento. Un sonetto del Boiardo
comincia ( Poesie , p. 197) :
Nel mar tyreno en contro a la Gorgona.
Quasi come questo del Petrarca {Le Rime, cit., p. 97) :
Del mar tirreno a la sinistra riva.
La sola somiglianza delle due parole sarebbe ben poco per affer¬
mare che il Boiardo avesse in mente i versi del Petrarca quando seri
veva la sua lirica. Ma se osserviamo attentamente i due sonetti, ve¬
diamo che essi hanno fra di loro un più profondo legame. Il sonetto
del Boiardo é un’ allegoria : il poeta parla della sua donna cantando
il bello e crudo scoglio di Caprara. Il Petrarca nel sonetto citato
canta allegoricamente di Laura parlando di un alloro. Questa analogia
fa credere che il Boiardo iniziando il suo sonetto pensasse a quello
del Petrarca.
In alcune liriche scritte quando il suo amore era ormai tramontato
e non suggeriva più nulla alla sua fantasia, il Boiardo imita fredda¬
mente e servilmente il Petrarca. Qualche volta, considerando attenta¬
mente il pensiero del nostro poeta, sentiamo che egli lo ha preso
dal cantore di Laura, senza aggiungervi niente di personale. Questa
quartina non é che una vuota espressione di un pensiero petrarchesco
{Poesie, p. 176):
Dal lato orientale or sorge il sole
Che ai miseri mortali il giorno mena;
Et io ritorno a raccontar mia pena
E dare al ciel V usate mie parole.
1 Lo stesso possiamo dire per questi versi. Il Boiardo canta dopo il di¬
singanno ( Poesie, cit., p. 242):
Come poss’ io sperar giammai sicura
La mia promessa? Che io non credo appena
Che un giorno intero amore in donna dura.
L’ ultimo verso ricorda nell’ espressione e nel pensiero questi versi pe¬
trarcheschi (Le Rime, cit., p. 268):
Femmina é cosa mobil per natura
Ond 1 io so ben che un amoroso stato
In cor di donna piccol tempo dura.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
395
Il Petrarca esprimendo questo pensiero descrive più minutamente i
sorgere deir aurora ( Rime, p. 334) :
La ver V aurora, che si dolce V aura
Al tempo novo suol muover i fiori
E gli augelletti incominciar lor versi;
Si dolcemente i pensier dentro all' alma
Mover mi sento a chi gli ha tutti in forza
Che ritornar convienmi alle mie note.
Anche questi versi lasciano trasparire chiaramente T origine pura¬
mente petrarchesca (Poesie, p. 223):
Chi segue e dura un tempo, vince al fine,
Non é cor si feroce,
Che amando e lamentando non se piegi.
Il Petrarca dice che spera ancora perché (Le Rime, cit., p. 365) :
Non é si duro cor, che lagrimando,
Pregando amando, talor non si smova,
Ne si freddo voler che non si scalde.
Talvolta, sebbene il Boiardo trasformi lievemente Y espressione
verbale, lò spirito petrarchesco predomina nei suoi versi, poiché la
sua anima stanca sembra non aver la forza di infondere una nota
personale nella lirica. Ecco come il Boiardo descrive V addio dal-
T amata (. Poesie , p. 235) :
Io vidi quel bel viso impalidire
Per la crudiel partita come sòie
Da sera on da matina avanti al sole
La luce un nuvoletto ricopriee.
Il pensiero e V immagine ricordano la quartina del Petrarca (Le
Rime, cit., p. 177) :
Quel vago impallidir che '1 dolce riso •
D' un’ amorosa nebbia ricoperse,
Con tanta maestade al cor s' offerse,
Che li si fece incontro a mezzo '1 viso 1 II .
I Possiamo menzionare fra i versi di fredda imitazione petrarchesca anche
questi ove il Boiardo si duole di essere lontano dalla sua donna e dal suo
Signore {Poesie, p. 247):
Doe cose for mia speme, e sono ancora:
Ercule, 1’ una il mio signor zentile,
L’altra il bel volto ove anco il cor se posa.
E questa e quella a un tempo m’ é nascosa
II Petrarca tornato e Vaichiusa dice che due sono le cose che egli desi-
Archivum Rpmanicum. — Voi. VI. — 1922. 27
396
E. FERNANDES
Talvolta l’imitazione petrarchesca più che nel pensiero é nell’ es¬
pressione. In questi versi il Boiardo descrive V amata lontana, ripe¬
tendo le stesse parole del Petrarca (Poesie, p. 231) :
Da 7 più begli occhij e dal più dolce riso
Dalla più dolcie vista e meno oscura,
Che in terra dimostrasse mai natura
Né immaginasse altrui nel paradiso;
cfr. Petrarca (Le Rime, p. 482):
Da’ più begli occhi e dal più chiaro viso
Che mai splendesse, e da 7 più bei capelli
Che facean l 7 oro e 7 1 sol parer men belli
Dal più dolce parlar e dolce riso.
Il Boiardo canta nel dolore (Poesie, p. 134):
Fu forsi in altro tempo in donna amore,
ed il Petrarca (Le Rime cit., p. 477) :
Fu forse un tempo dolce cosa amore.
Il poeta in un’ ora triste pensa che sarebbe stato meglio morire
(Poesie, p. 105):
.quando fiorire
Vidi mia spene e lo amor mio novello.
Sono parole petrarchesche (Le Rime, cit., p. 447):
Amor, quando fioria
Mia speme e ’1 guiderdon di tanta fede.
dera ardentemente, Laura mito con lui e la stima del Cardinale Colonna
(Le Rime , p. 165):
Sol due persone chieggio, e vorrei 1’ una
Col cor ver me pacificato e umile
L’ altro col pié, si come mai fu saldo.
In un’ altro sonetto là situazione é più simile a quella del Boiardo. Il
poeta lontano dalla sua donna e dal suo signore si lamenta delle pene amo¬
rese e finisce dicendo [Le Rime , p. 365):
Carità di Signore, amor di donna
Son le catene, ove con molti affanni
Legato son perdi’ io stesso mi strinsi.
Un lauro verde, una gentil colonna
Quindici 1’ una e l’altro diciott’ anni
Portato ho in seno, e giammai non mi scinsi.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
397
Volendo esaltare V amata, il Boiardo dice che ella ha il potere di:
Scoprire in terra a mezzanotte un giorno.
Dice il Petrarca che la bellezza di Laura {Rime, p. 309):
Può far chiara la notte e oscuro il giorno.
Cosi il Boiardo descrive la luce che irraggia dallo sguardo della
sua donna ( Poesie, p. 58):
. . . quel guardo
Che, come strai .di foco, il lato manco
Sovente incende e mette fiame al core.
Cfr. Petrarca {Le Rime, p. 322):
Amor con la man destra il lato manco
IVP aperse e pianto vv* entro in mezzo ? 1 core
Un lauro verde.
Il Panizzi crede che il Boiardo abbia imitato i seguenti versi de
Petrarca {Le Rime , p. 322) :
Lagrime adunque che dagli occhi versi
Per quelle che nel manco
Lato mi bagna, chi primier s’ accorse
Quadrella del voler mio non mi svoglia.
Può essere benissimo che il Boiardo scrivendo pensasse anche a.quella
canzone ma a me pare che i versi del sonetto ricordino molto più da
vicino quelli del Boiardo. In ambedue i sonetti un verso finisce con
T espressione dato manco » e quello seguente con la parola «core
mentre dei versi della canzone solo l’espressione «lato manco » trova
analogia nel passo boiardesco.
Il Boiardo nelP ora del dolore rimpiange di non aver lasciato questa
terra quando lieta sorrideva la vita {Poesie, p. 166):
Quando lo amor mio stava in summa forza:
ed a noi viene subito alla memoria questo verso del Petrarca {Le
Rime, p. 391):
Quando aver suol amor in noi più forza 1 .
1 Talvolta l’espressione del Boiardo, benché non sia simile a quella del
Petrarca (come nei versi citati) si sente che é suggerita dal Cantore di Laura.
Nel tempo felice esclama il Boiardo ( Poesie , cit. p. 14):
Non fia mai sciolto dalle treze bionde
Crespe, lunghe legiadre e peregrine.
27 *
398
E. FERNANDES
Ma non solo qui giunge V imitazione del Boiardo. Il Conte di
Scandiano sebbene emerga sopra tutti i contemporanei per la sua
originalità e per la verità del sentimento, non rimane immune da
quella specie di sècentismo che irrompeva alla fine del quattrocento.
Il Boiardo imita dal Petrarca anche i motivi più lambiccati. Egli
dice ( Poesie , p. 185):
Come puote esser che da quella giazza
Venga la fiamma che m’incende il core.
Cfr. Petrarca. {Le Rime , cit., p. 287) : •
D’ un bel, chiaro, polito e vivo ghiaccio
Move la fiamma che m’incende e strugge,
E si le vene e '1 cor m' asciuga e sugge
Che ’nvisibilmente P mi disfaccio.
In una ballata parlando della sua donna dice [Poesie, p. 126):
Fu creato in eterno da natura
Mai voler tanto immane
Fra T onde caspe on ne le selve ircane?
Qual tygre è in terra, on quaP orca in mare,
Che tanto crudel sia,
Che a costei ben si possa assomigliare?
Pensiero che troviamo nel Petrarca in questo sonetto {Le Rime,
cit., p. 302) :
Dice il Petrarca ( Le Rime , cit., p. 381):
Dal laccio d’or non sia mai chi me scioglia
Negletto ad arte inanellato et irto.
Talvolta la somiglianza di espressione si riduce alla somiglianza di due
parole. In una Canzone dice il Boiardo che la sua donna {Poesie, cit., p. 17):
Sopra 1’ altre cose belle è bella .
Cfr. Petrarca {Le Rime, cit., p. 401):
L’ alma mia fiamma oltre le belle bella .
Dice il Boiardo in un sonetto ( Poesie , cit., p. 211):
Solea cantar nei mei versi di prima
Quel crespo lacio d’ or che il cor mi prese.
Cfr. Petrarca {Le Rime , cit., p. 283):
Dico le chiome bionde e il crespo laccio
Che si suavemente lega e stringe.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
399
Non dall' ispano ibero all* indo idaspe
Ricercando del mar ogni pendice,
Né dal lito vermiglio all 7 onde caspe,
Ne 7 n ciel ne ’n terra é più d 7 una fenice,
Qual destro corvo o qual manca cornice
Canti '1 mio fato? o qual parca Pinnaspe?
Che sol trova pietà sorda com 7 aspe.
Il Boiardo in alcuni suoi versi trasforma in vuote espressioni, in im¬
magini scialbe, alcune magnifiche immagini del Petrarca. Nei primi
versi dell’ ultima Canzone del terzo libro il Boiardo deturpa una bella
immagine petrarchesca, la rende fredda e artificiosa. Il Poeta canta
la primavera, il fiorire dei prati; ma le sue rime sono fredde, le sue
immagini senza colore ( Poesie , p. 252) :
Zefiro torna che de amore aspira
Naturalmente desioso instinto,
E la sua moglie co 7 1 viso dipinto
Piglia qualunque e soi bei fiori amira.
Pare quasi impossibile che questi versi siano ispirati dalla bella
quartina petrarchesca (Le Rime , p. 424):
Zefiro torna, e 7 1 bel tempo rimena,
E i fiori e P erbe, sua dolce famiglia,
E garrir Progne e pianger Filomena
E primavera candida e vermiglia. '
Dopo questi esempi noi non possiamo negare che il Boiardo sia
petrarchista ma nemmeno affermare che egli imitò servilmente il Pe¬
trarca. La vera imitazione petrarchesca si ha soltanto nelle liriche
scritte negli ultimi anni, quando il suo amore non era ormai che un
sogno svanito, quando il suo cuore stanco non suggeriva più nulla.
Allora sotto P influenza del Cantore di Laura pensò di riordinare il
Canzoniere e compose il primo e P ultimo sonetto. Egli cercò di
trasformare il suo amore secondo la concezione petrarchesca e di cantare
la docezza delle pene di amore, ma non vi riuscì: la sua indole era
troppo differente da quella del Petrarca.
Ma tolti questi pochi versi scritti in un triste periodo per la sua
vita e per la sua arte, il Boiardo imitò il Petrarca da grande poeta.
Egli non imitò coscientemente, ma avendo una ammirazione profonda
per le rime del Petrarca, ripetè spontaneamente le parole, le espressioni,
le idee del Maestro perchè erano divenute una parte dell’ anima sua
e formavano un armonia sola con i pensieri originali.
400
E. FERNANDES
IL
Se nelle ultime liriche del Canzoniere boiardesco vi sono molte
imitazioni del Petrarca, nelle prime predomina V imitazione del
« dolce stil nuovo ». Nel trecento e nel quattrocento la lirica del
«Dolce stil nuovo» e la Divina Commedia hanno ammiratori appas¬
sionati , seguaci pieni di entusiamo e di ardore 1 . Ma fra i poeti
dell Italia settentrionale del sec. XV P unico imitatore di Dante e
dei poeti della sua scuola, veramente degno di nota, é Matteo Maria
Boiardo. Il Boiardo nei suoi anni giovanili sognò un amore puro e
celeste come quello di Dante per Beatrice e questo sogno ideale fu
la méta delle sue prime liriche. Infatti nei primi componimenti del
Canzoniere, la concezione della donna amata, le varie impressioni che
la sua apparizione suscita nel poeta innamorato, il modo stesso di can¬
tare P amore, ricordano le rime del « Dolce stil nuovo».
In un sonetto il Boiardo descrive V apparazione di uno spirito al
primo sorgere del sole (Poesie, p. 57) :
Questa mattina nel scoprir del giorno
Il ciel s ? aperse e giù dal terzo coro
Discese un spiritei con V ale d’ oro
Di fiame vive e di splendore adorno.
L’ apparizione di uno spirito al primo sorgere del sole é uno dei
motivi più comuni della scuola fiorentina. In una Canzone il Boiardo
descrive V amata come, una « Imiterà » che illumina colla sua virtù
il mondo (Poesie, p. 18) :
Come la luna illumina tutta la terra
Cosi splende quagiù questa lumera
E lei sola contiene
Valor beltade e gentileza intera.
Non diversamente Dante concepiva la celeste creatura, che fu la
sua guida attraverso i cieli.
Per Beatrice o per un’ altra delle angeliche donne cantate dai poeti
del dolce stil nuovo» sembrano scritti questi versi (Poesie, p. 50):
A voi una umiltà neli occhij appare
Che di pietade ogn ? alma rassicura.
1 Per l’imitazione dantesca nel trecento v. Elisabetta Cavallari,
La fortuna di Dante nel trecento , Firenze 1921, p. 370. E per la diffu¬
sione della Divina Commedia del quattrocento v. Barbi, Della fortuna
di Dante nel secolo XVI \ Firenze 1890. p. 42.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
401
Cercare, la fonte di questi componimenti é difficile, sia perché molte
idee dei poeti del « dolce stil nuovo » sono rielaborate e umanizzate
dal nostro poeta, sia perchè egli cercò più di imitare la loro con¬
cezione dell 7 amore e della donna che le singole liriche.
Il Boiardo non imitò soltanto le rime di amore, ma in special modo
la divina opera di Dante. Troviamo nelle sue liriche alcuni pensieri
che sono senza dubbio inspirati dalla Commedia. Ecco ad esempio
questi versi di una Canzone allegorica ( Poesie , p. 255) :
Lassati adunque al basso ogni vii cura,
Dricciati ad erto la animosa fronte.
Avanti aveti il monte
Che nella cima tien vita secura.
Ma non sempre Y imitazione é cosi vaga e generale, che svanisce
quando cerchiamo di determinarla.
Alcune delle più note espressioni dantesche rivivono nelle liriche del
Boiardo. In una Canzone descrivendo il sorgere del giorno dice che
il sole ( Poesie, p. 21) :
Va tremolando sopra il suol marino;
L'espressione ricorda il verso di Dante ( Purg . II v. 15):
Giù nel ponente sopra il suol marino.
In un’ altro sonetto dice ( Poesie , p. 28):
Nè il vago tremolar della marina.
Imitando la magnifica espressione (Purg. I v. 117):
Conobbi il tremolar della marina 1 .
In una canzone Febo apparso in sogno al Boiardo gli predice un
grande dolore (Poesie, cit., p. 63):
Che te farà tremar Y osse e la polpa.
1 Sebbene il pensiero sia differente é certamente suggerito da Dante
questo verso ( Poesie , p. 5):
No più non se rallegra el summo Giove.
La nota espressione dantesca si trova in questi versi {Purg. VI v. 118):
E se licito m’ é o sommo Giove
Che fosti in terra per noi crucifisso.
402
E. FERNANDES
L'espressione ricorda questo verso di Dante {Inf. XXVII v. 73):.
Mentre eh' io forma fui d' ossa e di polpe.
Parlando del volto di Antonia dice il Boiardo ( Poesie, p. 249) :
Questi non sarà mai da me diviso.
Il verso ricorda le parole di Francesca ( Inf\ V v. 135):
Questi, che mai da me non fia diviso.
L'espressione del Boiardo {Poesie, p. 118):
Che nul zafiro a quel termine ariva.
Sembra ricalcata sopra questa dantesca {Paracl. XXXI v. 15):
Che nulla neve a quel termine arriva.
Ancor più palese é l'imitazione dantesca in questi versi {Poesie,
p. 115):
Di bianche rose e zigli
E d' altri fior vermigli.
Cfr. Purgatorio (XXIX v. 148):
Anzi di rose e d' altri fior vermigli.
Non solo nell' espressione, ma anche nel pensiero il verso del Boiardo
( Poesie , p. 37):
Per te sum, rosa mia dal vulgo uscito
è ispirato da questo di Dante {Inf. II v. 10) :
Che uscio per te dalla volgare schiera?
Con quell' intuito che é un dono speciale dei grandi poeti, il Boiardo
seppe trovare fra la gran messe di rime del «dolce stil nuovo » i versi
della Vita Nova e seppe apprezzarli nel loro immenso valore. Quando
volle cantare la sua donna come una creatura ideale il primo modello
che certamente si presentò alla sua fantasia fu Beatrice, la donna
ideale per eccellenza. Infatti tutte le più belle virtù che il poeta vide
in Antonia nel primo periodo del loro amore, Dante le vide in Beatrice
quando scriveva la Vita Nova. Il Boiardo dice che la cortesia é dis¬
cesa dal cielo con la sua donna {Poesie, p. 6):
Sieco dal ciel discese cortesia
Che de le umane genti era fugita.
Lo stesso pensiero troviamo in questi versi ove Dante canta 1' ascen¬
sione al cielo di una gentile donna morta, amica di Beatrice:
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
403
Dal secolo hai partita cortesia
E ciò eh’ è in donna da pregiar vertute
In gaia gioventute
Distrutta hai Y amorosa leggiadria l .
Dice il Boiardo che la sua donna ( Poesie, p. 6) :
Al senso mio non par cosa mortale.
Nella Canzone « Donne che avete intelletto di amore» :
Dice di lei amor: Cosa mortale
Come esser po’ si adorna e si pura 2 ?
In un altro sonetto il Boiardo immagina di aver avuto la visione di
uno spirito, che cosi gli abbia parlato della sua donna (Poesie, p. 57):
Quando abblandisse il cielo a voi mortali
Che v’ ha donato questa cosa bella.
Cfr. ( Vita Nova, s. XV):
E par 'che sia una cosa venuta
* Da cielo in terra a miraeoi mostrare.
Il Boiardo in un sonetto descrive P apparizione di amore in com¬
pagnia della sua donna (Poesie, p. 41) :
E de P altre doe belle onde tenea
La cima di sua forza e il summo impero.
Quando Dante rivede Beatrice per la seconda volta, ella é «In mezzo
di due gentilidonne le quali erano di più lunga etade».
Il Boiardo descrive P impressione che suscita in lui la visione
delP amata, come un tremito che invade tutto P essere suo (Poesie,
p. 30):
Io non ho sangue in core o indosso pelo
Che non mi tremi de amorosa zoglia.
Cfr. (Vita Nova, s. IX)
1 Dante Alighieri, Vita Nova col commento di G. L. Passerini .
Firenze 1919, p. 38.
2 E in un’altro paragrafo Dante dice ch’ella gli apparvé «Di si nobili e
laudabili portamenti che certo di lei si poteva dire quella parola del poeta
Omero: Ella non parea figliuola d’uomo, ma di Deo».
404
E. FERNANDES
se io levo li occhi per guardare
Nel cor mi si comincia uno tremoto
Che fa de '1 polsi V anima partire 1 m
Ma non sempre il Conte di Scandiano riesce a riprodurre lo spirito
ideale della lirica dantesca.
In alcuni versi del Boiardo il pensiero dantesco perde completamente
il suo intimo profumo ideale per assumere una concezione più umana.
Il Boiardo vede nel volto deir amata un potere meraviglioso ( Poesie,
P- 79):
Fiammelle d’ oro fuor quel viso piove
Di gentilezza e di beltà si vive
Che puòn svegliare ogni sopito core.
Miracolo che ricorda V effetto degli occhi di Beatrice sui cuori
umani (Vita Nova , Canz. I):
Da li occhi suoi come eh' ella li mova
Escono spirti di amore infiammati
Che feron gli occhi a qual che allor la guati
E passon si che '1 cor ciascun re trova:
Qualche volta il Boiardo ripete un’ espressione verbale della Vita
Nova, ma trasforma il pensiero secondo il suo modo di sentire e di
concepire Y amore (Poesie, p. 8) :
Devunque e passi move, on gira il viso
Fiamegia un spirto si vivo et amore
Che avanti a la stagione el caldo mena
Cfr. ( Vita Nova , s. XV):
E par che da la sua labbia si mova
Un spirito soave pien d amore
Che va dicendo a Y anima: Sospira.
Il Boiardo in questi versi ne ricorda alcuni dei più belli della Vita
Nova (. Poesie , p. 182):
La fiamma che me intrò per gli occhi al core
Consuma Y alma mia sì dolcemente.
Dante dice che tanto piacente é la sua donna (Vita Nova ì s. XV):
1 In un’ altro paragrafo della Vita Nova Dante dice: «mi parve di sentire
uno mirabile tremore incominciare nel mio petto dalla sinistra parte e disten¬
dersi di subito per tutte le parti del mio core.»
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
405
Che da per li occhi una dolcezza al core,
Che ’ntender non la può chi non la prova :
Qualche volta la somiglianza è soltantò nel suono delle parole. Il
Conte di Scandiano in un momento di dolore esclama (Poesie, p. 203):
Ahai lasso che non sciò quel che io me dica.
Dante dice che tale é la battaglia dei diversi pensieri d' amore, che
egli non sa come esprimerli ( Vita Nova, s. XVI):
E vorrei dire e non so ch ? io mi dica :
L ’imitazione boiardesca della Vita Nova appare anche sotto un
altro aspetto. Il Boiardo in alcuni versi imita da Dante non il pen¬
siero, non T espressione, ma V immagine ( Poesie, p. 124) :
Qual possanza inaudita on qual destino
Fa signor mio che te rivegia tale,
Che hai li occhij al petto e al tergo'messo Tale,
E fuor d’ usanza porti il viso chino?
Dante cosi descrive V apparizione di amore ( Vita Nova , s. V):
Ne .la sembianza mi parea meschino
Come avesse perduta segnoria :
E sospirando pensoso venia
Per non veder la gente a capo chino.
Del Canzoniere dantesco troviamo nei Libri degli amori soltanto poche
reminiscenze. Il Boiardo dice che nel giorno più bello del suo amore
(Poesie, p. 207):
Piovea da tutti e cieli amore in terra.
Dante dice che in primavera:
. . . piove
Amore in terra da tutti li cieli 1 .
Torturato da amore il poeta paragona la sua triste vita ad una rosa
troncata sul suo stelo (. Poesie , p. 21):
Come è succisa rosa e colto fiore
E ? languida toa vita.
Nella canzone « Tre donne intorno al cor mi son venute% Dante
paragona la giustizia dolente alla rosa succisa :
Dolesi V una con parole molte
E in sulla man si posa
Come succisa rosa.
1 Dante Alighieri, Tutte le opere rivedute nel testo da E . Moore.
Oxford 1894, p. 148.
406
E. FERNANDES
Le Rime di Guido Cavalcanti cosi piene di grazia e di musicalità
ci ricordano I Libri degli amori. — La freschezza e la semplicità id
dilica nelle descrizioni della natura, che ammiriamo nel Canzoniere
del Cavalcanti, sono pregi che adornano anche le liriche del Boiardo.
Ma se noi confrontiamo minutamente i due Canzonieri, ci accorgiamo
che nel Boiardo non esistono vere reminiscenze del Cavacalcanti.
Nell' intonazione più che nel pensiero i versi del Conte di Scan¬
diano (Poesie y p. 106):
Io ho si colma V alma de lamenti
Formati da lo extremo mio dolore.
Ricordano i seguenti del Cavalcanti.
Tu m’ ha’ si piena di dolor la mente
Che T anima si briga di partire 1 .
Dopo Dante, il poeta del «dolce stil novo » maggiormente imitato
nel Canzoniere del Boiardo, è Cino da Pistoia. Alcuni pensieri
comuni a Cino e al nostro poeta gli abbiamo già veduti nel Petrarca
e sono arrivati nelle rime del Boiardo indirettamente invece. Altre
Rime di Cino da Pistoia sono state imitate direttamente dal Boiardo.
Dice il poeta pistoiese:
O giorno di tristizia e pien di danno
E ora e punto reo eh* io nato fui
E venni al mondo per dare ad altrui
Di pene esempio d’ amore e d' affanno 2 .
Anche il Boiardo nel dolore delP abbandono maledice il giorno della
sua nascita ( Poesie, p. 110):
O cielo! o stelle! o mio destin fatale
O sole ai due germani insieme giunto,
Che in ora infausta et infelice punto
Me solvisti dalP alvo maternale!
In un sonetto il Boiardo dice (Poesie, p. 11):
. . . m' hai Signor già tanto inceso
Per un suave e mansueto guardo
Che in altra sorte vita non mi piace.
1 Guido Cavacalcanti. Le Rime a cura di Ercole Rivolta. Bologna
1902, p. 71.
2 Cino da Pistoia,- Le Rime con una prefazione di Giosuè Carducci,
p. 100.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
407
Il pensiero Boiardesco é ispirato da questi versi di Cino {Le Rime,
cit. p. 65):
Poscia eh' io vidi gli occhi di costei
Non ebbi altro intelletto che di amore.
Dice il Boiardo {Poesie, p. 79):
Sazio non sono ancora e già son lasso
De riguardar il bel viso lucente.
Un pensiero simile espresso con parole simili troviamo in Cino da
Pistoia {Le Rime, p. 86):
Perché saziar non posso gli occhi miei
Di guardare a Madonna il suo bel viso.
Un fenomeno strano si avverte nell’ imitazione boiardesca. In alcuni
versi il Boiardo imita due liriche differenti di Cino. Nella terzina
(Poesie , p. 28):
.la dolce vista e graziosa
Di quei begli occhi che amor volve e gira
E chi no '1 crede de mirar non li osa.
Il pensiero é ispirato da questa terzina di Cino {Le Rime, p. 75) :
Quando amor gli occhi rilucenti e belli
Che han d' alto fuoco la sembianza vera
Volge ne' miei si arder mi fanno.
Mentre Y espressione ricorda i versi {Le Rime , p. 107) :
La dolce vista e '1 bel guardo soave
De' più begli occhi che si vider mai L
Degli altri poeti del « dolce stil nuovo* non vi sono reminiscenze
notevoli nel Canzoniere del Boiardo.
Possiamo citare questo verso {Poesie , p. 126):
Tanto più P amo, quanto più m’ é dura,
imitato da un sonetto di Gianni Alfani:
Quanto più mi disdegni più mi piaci 1 2 .
1 Troviamo nel Boiardo oltre a queste imitazioni altre espressioni, che
ricordano Cino da Pistoia. In un sonetto il Boiardo chiama la sua donna
(Poesie, p. 200):
Questa legiadra e fugitiva fera.
Le prime due parole ricordano questi versi di Cino {Le Rime, cit., p. 93):
Questa leggiadra donna che d’.io sento *
Per lo suo bel piacer nell’ alma entrata.
2 Ercole Rivalta, Liriche del * Dolce stil nuovo» ., Venezia 1906, p. 57.
408
E. FERNANDES
E chiudiamo il nostro studio mostrando V imitazione del primo verso
della nota Canzone di Guido Guinicelli :
Al cor gentil ripara sempre amore \
Dice il Boiardo in un sonetto: come non possiamo togliere il canto
agli uccelli, il colore ai fiori, non si ( Poesie , p. 39):
Puote a un cor gentil togliere amore.
Noi vediamo come V imitazione di Dante e dei poeti del dolce stil
nuovo nel Canzoniere del Boiardo sia assai importante.
Il nostro poeta prese versi, parole, pensieri. Ma più ancora di
questa imitazione di parole, di espressioni e di pensieri, é interessante
e notevole per lo studio del Canzoniere boiardesco, V ispirazione gio¬
vanile del poeta di innalzare il suo amore e la sua donna alle con¬
cezioni ideali dei poeti del «dolce stil nuovo». In un gruppo di liriche
scritte nella sua giovinezza, egli vuol cantare un’ amore puro e ideale
che ricordi la lirica delP Alighieri, del Cavalcanti e di Cino, e ripete
i motivi più caratteristici delle loro rime.
Da questa duplice imitazione deriva che alcune liriche del Boiardo
hanno una dolcezza iddiliaca, un profumo ideale che ricordano le rime
del « dolce stil nuovo » ma non presentano una vera imitazione. Altre in¬
vece ricordando particolarmente pensieri e espressioni dei poeti del « dolce
stil nuovo» hanno qualche cosa di più umano che proviene dalla natura
del poeta non troppo proclive ad un amore ideale, per una donna ignota.
Fra tante le gemme che la mente assimilatrice del Boiardo raccolse
per adornare le sue liriche, ve ne è una parte non indifferente che
proviene dalla lirica classica. Il Boiardo visse quando V umanesimo
era nel suo più rigoglioso fiorire, e a Ferrara si studiavano appassionata¬
mente le lingue classiche; vi accorrevano i dotti ad insegnare Greco
e Latino chiamati dai principi, e alla Corte Estense numerosi poeti
cantavano in latino imitando Orazio, Catullo e specialmente Virgilio.
Ed il Boiardo stesso fu un umanista insigne ; fanciullo segui a Ferrara
le lezioni di Soccino Bensì e quelle del Guarino 1 2 . Sembra però che
non arrivasse mai a conoscere bene il greco, perché in tutte le sue
traduzioni dalla lingua ellenica non segui V originale, ma una tradu¬
zione latina. Conosceva invece perfettamente la lingua latina nella
quale ha composto notevoli opere poetiche.
1 Tommaso Casini, Le Rime dei poeti Bolognesi nel secolo XIII.
Bologna 1884, p. 15.
2 Giammaria Barotti, Memorie storiche di Letterati ferraresi .
Ferrara 1777, p. 68.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
409
Delle opere latine del Boiardo a noi interessano soltanto le egioche,
e particolarmente quelle dedicate ad amore, perché hanno molti punti
di contatto col Canzoniere . Citiamo ad esempio i seguenti versi delle
Egloghe che ricordano il madrigale del secondo libro del Canzoniere .
(Egl II, v. 14):
Vos eritis, silvae, testes, vos flumina, vosque
Numina silvarum, tuque o clarissime Titan
Vos eritis testes, mortem quod demores ultra
Invitus, pigeat quod tristem ducere vitam.
{Egl II, v. 34): »
At me durus Amor, rubru seu littore Phoebus
Tollitur hesperiis idem seu conditur oris,
Urget, et in nostro fixi stant pectore vultus
Et flavi crines, et candida colla puellae.
Illam ego per silvas, illam per saxa nivesque
Aspicio: ah puris quotiens offertur in undis
Montibus ah quotiens viridique sub arboris umbra.
{Egl II, v. 27) :
Scitis enim, querquus celsoque cacumine fagi,
Fraxinemeque nemus viridantisque illicis arbor,
Scitis, enim quales gemitus quae carmina fundam,
Quam repetam vestro signatum in cortice nomen;
Dunque vagor solus, quae condita pectoris edam
Vulnera: ceu quondam fallaci perfida vultu
Peosisit misero, starent quod sidera, quod sol
Ureret obliquis immotam cursibus aecton,
Cum possem immoto tandem de pectore labi.
Il Boiardo dotato di una potenza assimilatrice meravigliosa conoscendo
cosi bene i poeti latini, inconcientemente ripete nel Canzoniere versi
e pensieri. Egli aveva letto i Classici, non colla freddezza delP eru¬
dito, ma col calore del poeta, e ne aveva provata una profonda im¬
pressione, che dovrà certamente influire sulla composizione delle sue
rime. Un' immagine del Boiardo, che troviamo nei poeti classici é
quella della rosa unita al giglio. «On trouve la rose et le lis cons-
tentement reunis dans les champs des poétes grecs et latins. Comme
dans les jardins dont ces fleurs étaient l'un et Pautre Pornement. Le
constrast si doux offert par les couleurs differents des fleurs frappa
les anciennes, il virent dans la blancheure du lis Pimmage de la
teinte immaculé de la vierge, dans la rose celle de Pincarnat de ses
410
E. FERNANDES
joues ou de la rouger provoqué sur son front par la puder nive ou
offensée 1 . ^
Virgilio é il poeta latino più noto al Boiardo e al quale si é
maggiormente inspirato. Deir Eneide però noi troviamo pochissime
ed incerte reminiscenze nei Libri degli amori . Il verso (Poesie.
p. 146):
La fiamma che m' ha roso i nervi e Y ossa,
ricorda la descrizione virgiliana dell' amore di Didone ( Aeneidos IV ? 10) :
Ardet amans Dido, traxitque per ossa furorem.
In una canzone allegorica il poeta cantando 4e bellezze della sua
donna dice: Poesie, p. 117):
Che mai più bella cosa vide il sole,
Benché ogni giorno intorno al mondo vole.
Didone avanti di morire si rivolge al sole (Aeneidos f IV, 475) :
Sol qui terrarum flammis opera omnia lustras.
L' imitazione delle georgiche é più importante, ma sempre assai
vaga e indeterminata. Quest' opera virgiliana ha ispirato al Boiardo
soltanto qualche immagine e qualche espressione. Da due descrizioni
delle georgiche é probabilmente stata suggerita la descrizione di
Venere che -al mattino appare (Poesie, p. 19):
.Rorando splendido liquore
Da T umida sua chioma onde se bagna
La verde erbetta e il colorito fiore
Fa rogiadosa tutta la campagna.
La parola rorando ci fa pensare a questo verso (Georgiche, I. 288) :
Aut cum sole novo terras inrorat Eous
ma T immagine ricorda invece questi altri (Libro, III, 324):
Luciferi primo cum sidere frigida rura
Carpamus, dum mane novum, dum gramina canent
Et ros in tenera pecori graditissimus erba.
Da due espressioni virgiliane deve essere stata imitata questa boiardesca
(Poesie, cit. p. 116) :
Un destrier fremente e arguto.
Dice Virgilio ( Georgiche, I, 12 e III, 79) un simile pensiero con
parole quasi simili.
1 Charles Joret, La Rose dans Vantiquitè et au moyen àge. Paris
1892, p. 55.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
411
Ma P opera virgiliana che ha avuto veramente un’ influenza note¬
vole sulle rime boiardesche é la Bucolica. Dall’ egloghe il Boiardo
prende pensieri e versi quasi senza accorgersene, perché gli erano già
servite di modello quando componeva le egloghe latine. Un verso di
queste che il Boiardo ha preso come suo motto « Omnia vincit amor
et nos cedamus amori », lo troviamo tante volte tradotto nel Can¬
zoniere. Ad esempio citiamo il seguente ( Poesie , p. 169) :
Dica chi vuole, il tutto vince amore.
Nel Boiardo e in Virgilio Lucifero appare come apportatore del
giorno ( Poesie , p. 56):
Rendece il giorno, e 1’ alba rinovella
Ch’ io possa riveder la luce mia,
Stella d’ amor che sei benigna e pia;
Rendece il giorno che la notte cella.
Il poeta latino dice a Lucifero (. Egl. Vili, 17):
Nascere, proque diem veniensage, Lucifer, almum,
Coniugis indigno Nysae deceptus amore
Dun queror.
Ma in alcune rime del Boiardo 1’ imitazione virgiliana non é solo
nel pensiero, ma anche nell’ espressione. Nell’ ultima canzone alle¬
gorica il Boiardo dice di non avvicinarsi ai fiori, perché ( Poesie ,
p. 254):
Un’ angue ascoso sta tra 1’ erbe e’ fiori.
Il verso ricorda questi, virgiliani (Egl. Ili, 92):
Qui legitis flores et huminascentia fraga
Frigidus, o pueri, fugite bine latet anguis in herba
ed in un altro sonetto quasi traducendo il verso virgiliano (Egl.
VII, 69):
Carmina vel cielo possunt deducere Lunam.
Dice (Poesie, p. 95) :
Dal ciel la luna pon detrare e versi,
Suggeriti da Virgilio sono molto probabilmente anche gli ultimi
versi di questa quartina (Poesie, p. 220):.
Àrchivum Romamcum. — Voi. VI. — 1922.
28
412
E. FERNANDES
Ecco la pastorella mena al piano
La bianca torma che é sotto sua guarda
Vegendo il sol calare e P ora tarda
E fumar V alte ville di luntano
il poeta latino in un egloga dice (I, 82) :
Et iam summa procul Villarum culmina fumant
Marioresque cadunt altis de montibus umbrae 1 .
Da Orazio il nostro poeta imita soltanto qualche pensiero generale,
qualche descrizione della natura. Dice P Albini 2 che oraziano é questo
verso ( Poesie, p. 137):
E stiasi in signoria
Di, te, poiché de onor nulla ti cale.
Anche il pensiero espressoin questo sonetto e Oraziano ( Poesie,
p. 65):
Chi cosi visse al mondo, visse assai
Se ben nel fior de gli anni il suo fin colse;
Che più assai quel campa che ben vive
Passata zoglia non se lassa mai;
Ma chi potè ben vivere e non volse
Par che anzi tempo la sua vita arive.
Molto probabilmente il paragone boiardesco dell' amata colla luna,
che signoreggia nel cielo «Intra le stelle rade » é suggerito da questi
versi di Orazio {Libro 1, Ode XII)
.micat inter omnes
Julium sidus velut inter ignes
Luna minores.
Fra le imitazioni latine del Canzoniere del„Boiardo hanno una note¬
vole importanza le imitazioni delle elegie ovidiane {Poesie , p. 59) :
1 Ma l’intera quartina del Boiardo ricorda questa di Giusto dei Conti
(La Bella mano in: Lirici Antichi, serii e giocosi fino al secolo XVI.
Venezia 1784, p. 143):
Rimena il villanel fiaccato e stanco
Le schiere sue donde il mattin partille
Vedendo di lontan fumar le ville
E il giorno a poco a poco venir manco.
Siccome la quartina di Giusto dei Conti é cosi simile a quella del Boiardo
probabilmente P imitazione virgiliana é questa volta indiretta.
2 Giuseppe Albini, M. M. Boiardo , Nuova Antologia, Voi. LXIX, p. 45.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
413
Quando Y aurora il suo vecchio abandona
E dele stelle a se richiama il coro
Poi che la porta vuole aprire al giorno
Ovidio {Libro I, elegia XIII):
Jam super ocenaum venit a seniore marito
Flave proinoso quae vehit axe diem.
L’ intonazione bacchica di questi versi del Boiardo, che alla prima
lettura sembra originale, é invece inspirata da Ovidio ( Poesie, p. 77) :
Cingete il capo a me di verde foglia
Che grande é il mio trionfo, e viè maggiore
Che quel de Augusto on d' altro imperatore
Ch ? ornar^di verde lauro il crin si soglia.
Ottenuta Corinna, Ovidio chiede il lauro (Libro II, elegia XII):
Ite triumphales circum mea tempora lauri,
Vicimus; in nostro est ecce Corinna sinu
Quam vir, quam custos, quam Janua firma tot hostes.
Servabant: ne qua posset ab arte capi:
Haec est praecipuo victoria digna triumho.
Troviamo nel Boiardo anche qualche reminiscenza di Properzio,
un grande poeta di amore, sia per il calore del sentimento, sia per
lo splendore della forma. Dice il Boiardo parlando dell’ amata : {Poesie,
p. 12):
Natura tal beltà non può creare ;
Ma quel tuo gentil lustro vien da amore
Che sol, che tanto puote te 4 po dare.
Questo pensiero lo troviamo in un ? elegia di Properzio {Libro II,
Elegia XXIV):
Mixtam te varia laudavi saepe figura
Ut, quod non esses, esse putaret amor 1 .
Talvolta nei versi del Boiardo un pensiero di Properzio rivive con
una forma completamente nuova. 11 Boiardo esclama nella disperazione,
che ogni sforzo é vano per liberarsi da amore {Poesie, p. 138): }
1 Lo stesso pensiero esprime Properzio anche in questi versi {Libro IL
El. XXIX):
Quae cum Sidoniae nocturna ligamina mitrae
Solverit, atque oculos moverit illa graves
Adflabunt tibi non Arabum de gramine odores
Sed quod ipse suis fecit Amor manibus.
28 *
414
E. FERNANDES
Misero quivi e sconsolato e solo
Mi son radutto per fugire amore,
Se fuggir posse quel che si ha nel core.
Dice Properzio in una simile condizione di spirito (Libro II, elegia XXX) :
Quo fugis, a demens! nulla est fuga: Tu licet usque
Ad Tanain fugias, usque sequetur amor.
In alcuni versi 1* imitazione non solo é nel pensiero ma anche nel-'
T espressione. Il Boiardo dice alla sua donna che il suo cuore
{Poesie, p. 49):
Vostro fu vivo, e vostro sarà morto.
Il verso può ricordare questo di Properzio {Libro II, elegia XV):
*
Huius ero vivus, mortus huius ero.
Dice il Boiardo {Poesie, p. Ili)
Tanto crudel la fece e tanto bella?
e Properzio {Libro I, elegia XVII)
Quamvis dura tamen rara puella fuit.
Anche Tibullo suggerì al Boiardo pensieri di amore e di dolore.
I versi {Poesie, p. 154) :
Ma il canto mio fu sempre doloroso
A noglia, a pianti, a lamentare inteso;
E se lieto il mostrai quando io fui preso
Fumé al principio il mio dolor nascoso.
sono ispirati da Tibullo {Libro I, elegia VI):
Semper, ut inducar, blandos offers mihi voltus,
Post tamen es misero tristis et asper, Amor.
E' una reminiscenza del poeta latino anche questa terzina {Poesie,
p. 130):
Hai donato ad altrui quel guardo fiso
Che era sì mio ed io tanto di lui
Che, per star sieco son da me diviso.
Canta Tibullo {Libro I, elegia IX):
Blanditiasne meas aliis tu vendere es ausus?
La realtà del sentimento, il dolore del disinganno infondono nei
versi del Boiardo qualche cosa di originale.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
415
Una reminiscenza tibuliana, dice il Panizzi, é probabilmente questa
allusione a Circe e a Medea che troviamo in alcuni versi boiardeschi
{Poesie, p. 69):
QuaP erbe mai da Pindo ebbe Medea?
Qual di Gargano la figlia del sole?
Infatti vi é la stessa immagine nel poeta latino {Libro II, elegia IV) :
Quidquid habet Circe, quidquid Medea veneni
Quidquid et herbarum Thessala terra gerit.
Fra tutte le riminiscenze classiche che abbiamo visto rivivere nel
Canzoniere del Boiardo, la più importante e la più interessante é
V imitazione di una elegia del terzo libro delle elegie tibulliane,
(attribuite a Ligdamo). Il Boiardo in una canzone ci descrive un
sogno deir alba: Febo suonando una lira canta le meravigliose virtù
di Antonia ed il gaudio di tutta la natura quando ella discese dal
cielo. E finisce il suo canto predicendo al poeta una triste epoca di
dolore e di affanni. L’ amore, che forma ora la gioia della sua vita,
sarà un giorno la sua corona di spine.
La canzone, una delle più belle dei libri degli amori, sembra
originale ma invece, eccettuato pochi versi, é tutta imitata dall’ elegia
latina. Di una simile imitazione non abbiamo altri esempi nel Can¬
zoniere.
Cosi descrive il Boiardo Febo ( Poesie, p. 59):
Veder me parve un giovenetto adorno
Che avea facia di rose e capei d’ oro,
D’ oro e di rose avea la veste intorno.
La stessa immagine vediamo apparire da questi versi di Ligdamo
{Libro III, elegia IV):
Candor erat qualem praefert Latonia Luna,
Et color in niveo corpore purpureus
Ut iuveni primun virgo deducta marito
Inficitur teneras ore rubente genas,
Ed aggiunge il Boiardo:
Cinta la chioma ave a di verde aloro
verso quasi uguale a questo latino:
Hic iuvenis casta redimitus tempora lauro.
Il nostro poeta dice:
416
E. FERNANDES
Indi movendo il plectro su le corde
Si come far si sole
La voce sciolse poi con tal parole
Dice il poeta latino:
Hanc primum veniens plectro modulatus eburno
Felices cantus ore sonante dedit.
Seguono quindi nella lirica del Boiardo alcuno magnifiche stanze
originali. Il poeta canta la beatitudine che emana da tutte le cose che
vedono e circondano la sua donna. Dopo quest' esaltazione dell' amata
Febo dice:
Mal fo per te creata, il ver ragiono;
Sciai chio so Febo e non soglio mentire
Per farti al fin languire
Venuta è in terra questa cosa bella.
Qui 1’ imitazione classica ritorna 1 . Dice Ligdamo:
Quare ego quae dico non fallax accipe vates
Quodque deus vero Cynthius ore feram.
Anche il pensiero espresso negli ultimi due versi é ispirato dal
poeta latino :
Carminibus celebrata tuis formosa Neaera
Alterius mavolt esse puella viri,
Diversasque suas agitat mens inpia curas,
Nec gaudet casta nupta Neaera domo.
Ed il Boiardo finisce la sua lirica dicendo:
Ma ben che io sia sciolto da paura
Il mio cor già non crede
Aver del suo servir cotal merzede.
Anche la spontanea ribellione al funesto presagio, è ispirata dal
poeta latino:
Nec tibi crediderim votis contraria vota
Nec tantum crimen pector inesse tuo.
Fra le imitazioni latine del Canzoniere del Boiardo troviamo remini¬
scenze di alcune liriche di autori incerti. Dinnanzi ad un fiore ap¬
passito scrive il Boiardo ( Poesie, p. 67):
1 Giuseppe Albini, M. M. Boiardo, cit., p. 44.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
417
Ben se assumi glia a un fior la nostra etade,
Che stato cangia da matina a sera,
E sempre va scemando sua beltade.
A questa guarda disdegnosa e altera:
Abbi, se non di me di te pietade,
A ciò che indarno tua beltà non pera.
Questi versi ricordano (Dice giustamente il Panizzi) 1 il bellissimo
Iddilium de rosa attribuito a Virgilio, ad Ovidio, ad Ausonio.
Vedendo la sera appassita una rosa che era sbocciata all’ alba il
poeta latino dice :
Sed bene, quod, paucis licet interitura diebus
Succedens aevum prorogat ipsa suum.
Collige virgo, rosas dum flos novus et nova pubes,
Et memor esto, aevum sic properare tuum.
Nel Canzoniere del Boiardo abbiamo trovato imitazioni classiche
anche nelle liriche più belle, e più vivaci, ma siamo ben lontani dalle
pedisseque imitazioni delle egloghe latine. Il poeta ripete pensieri e
immagini classiche perché ormai sono divenute una parte dell’ anima
sua. trasformandole col suo sentimento, plasmandole secondo la sua
indole moderna. L’ influenza della lirica classica non si limita però
a questa imitazione di singoli versi. Lo spirito classico aleggia nel
Cannoniere del Boiardo dalla prima all’ ultima pagina. La perfezione
della lirica latina non fu la mèta del Cannoniere ne quella di un gruppo
di liriche. L’ imitazione classica non é mai cosciente come lo sono
talvolta quella del «dolce siti nuovo » e quella petrarchesca, ma non
per questo é meno importante. Lo studio lungo e appassionato della
poesia latina influì sulla forma e sul pensiero del Cannoniere , portò
una nota vivace ed umana nei libri degli amori , insegnò al Boiardo
a conoscere la bellezza della natura, gli mostrò una concezione terrena
de la vita che forse meglio di ogni altra corrispondeva alla sua
indole.
Dopo avere accennato alle fonti principali del Canzoniere Bojardesco,
possiamo ancora .mostrarne alcune, che se sono meno importanti di
quelle già citate, perché hanno ispirato poche liriche e qualche volta
pochi versi, sono .però notevoli, perché mostrano come il Boiardo abbia
preso da poeti quasi contemporanei il germe di pensieri e di immagini
creduti finora originali. Fra queste imitazioni, la più importante e
1 Note al Sonetto in: M. M. Boiardo, Sonetto e Cannoni a cura di An¬
tonio Paninni. Londra 183.5.
418
E. FERNANDES
singolare é quella delle rime boccacesche. Le liriche dei due poeti
hanno alcuni punti di contatto, forse perché tanto il Boiardo che il
Boccaccio hanno imitato Dante e il Petrarca, e forse anche perché
più di Laura e di Beatrice, Fiammetta ricorda Antonia. Ma vi sono
alcuni versi ove é evidente che il Boiardo si é direttamente ispirato
al poeta certaldese.
Per mostrare la suprema bellezza deir amata dice il Boiardo {Poesie,
p. 29):
Ciò che odo e vedo suave et ornato
A lo amoroso viso rasumiglio
E convenirse al tutto V ho trovato
Più volte già nel rogiadoso prato
Ora a la rosa P hagio, ed ora al ziglio,
Ora ad entrambi, insieme acomperato.
I versi sono di una dolcezza straordinaria, sembrano ispirati dai
poeti del «dolce stil nuovo » l . Ma P immagine che si delinea ai nostri
occhi così squisitamente graziosa é boccaccesca.
Io vo per verdi prati riguardando
I bianchi, i gialli ed i vermigli
. Le rose in su li spini e i bianchi gigli
E tutti quanti li vo somigliando
Al viso di colui che me amando 2 .
Nella dolcezza delP amore il Boiardo chiama le trecce d' oro della
sua donna (Poesie, p. 177):
.Il bel lacio d* or che il cor me anoda.
Lo stesso pensiero troviamo nel Boccaccio:
La treccia d ; or che il cor m’ ha legato 3 .
1 La prima impressione é che questi versi siano una reminiscenza de’ i se¬
guenti del Guinizelli:
Voglio del ver la mia donna laudare
Et a sembrargli la rosa e lo ziglio.
Ma la grande somiglianza con le rime boccaccesche ci afferma che Y es¬
pressione Guinicelliana é giunta al Boiardo attraverso il Boccaccio.
2 Giosuè G ardue ci, Cantilene e Ballate, Strambotti e Madrigali
nei secoli XIII e XIV. Sesto S. Giovanni 1912, p. 74.
3 Giovanni Boccaccio, La caccia di Diana e le Rime con avver¬
tenze e note di Aldo Francesco Massera. Città di Castello 1914, p. 177.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL EOIARDO
419
Qualche volta nei versi del Boiardo il pensiero e Y espressione sono
imitati dal poeta certaldese. In un momento di felicità il Boiardo
chiede ( Poesie, p. 52):
Datime e fiori e candidi e vermigli:
In una ballata del Decamerone dice il Boccaccio:
Io voglio
Di bianchi fiori ornarmi e di vermigli 1 .
Il Boiardo in un sonetto paragona V amata (Poesie, p. 7):
Con bianchi zigli e con vermiglie rose.
Gli stessi fiori, gli stessi colori troviamo in questo verso (Le Rime,
cit. p. 58):
E con vermiglie rose i bianchi gigli.
Gli aggettivi del seguente verso del Boiardo (Poesie, p. 66):
Che nulla teme il fredo aspro e noglioso.
Ricordano questo del Boccaccio (Le Rime , cit. p. 170):
Chi crederia che ’1 freddo aspro e noioso.
E chiudiamo il nostro paragone con un verso del nostro poeta
perfettamente uguale ad uno del Boccaccio: Dice il Boiardo (Poesie,
P. 77):
Non potendo capervi, esce di ffor
ed il poeta di Fiammetta in una ballata del Decamerone:
Non potendo capervi esce di fuori 2 .
Nessuno aveva forse mai pensato che esistesse nel Canzoniere del
Boiardo Y imitazione delle liriche boccaccesche, ma questi esempi ce
la mostrano nella sua grande importanza.
Noi vediamo cosi fin dal 300 quelle immagini vivaci di fiori e
di colori, che raggiungeranno un secolo dopo la loro perfezione e
la lora massima diffusione nel Canzoniere di Matteo Maria Boiardo.
Qualche bagliore di questa luce d’ oro che scintilla vivacemente
dando alle liriche un sapore orientale, il Boiardo Y ha forse presa
da Leonardo Giustinian, il grande poeta veneziano, le cui leggiadre
1 Giosuè Carducci, Cantilene e Ballate, cit., p. 171.
- Giosuè Carducci, Cantilene e Ballate, cit., p. 173.
420
E. FERNANDES
rime scritte per il popolo sembrano riflettere tutti i colori della
laguna.
Quella profusione di fiori e di colori, che é una delle bellezze del
Canzoniere boiardesco, la troviamo in forma rudimentale nelle poesie
del poeta veneziano. Le liriche di Leonardo Giustinian non ispirarono
al Boiardo soltanto immagini floreali, visioni dai vivaci colori, ma
gli suggerirono alcune delle più belle liriche del Canzoniere .
In un momento di fecilità esclama il Boiardo ( Poesie, p. 31):
Qual felice destin, qual dextro fato
Tanto ablandisse alla fortuna mia?
Con un impeto simile inneggia alla gioia Leonardo Giustian.
Or non so qual mia stella e mio destino,
Qual sorte e mia fortuna,
Me conducer e innanzi al tuo cospetto
Quando mirai el to dolze aspeto
Da capo a piedi tutto m ? infiammai 1 .
Partita la Caprara, il Boiardo così si rivolge al terrazzo della sua
donna (Poesie, p. 197):
Ligiadro veroncello, ov’ é colei
Che de sua luce aluminar te sole?
Ben vedo che il tuo danno a te non dole;
Ma quanto meco lamentar te dei.
Che senza sua vaghezza nulla sei
Deserti e fiori e seche le viole;
Al veder nostro il giorno non ha sole,
La notte non ha stelle senza lei.
L’ idea é stata molte probabilmente, suggerita al nostro poeta da
questi versi di Leonardo Giustinian.
O fenestrela dolze, oh zelosia
Che seggir me solevi in tanta festa
Dov* é quel volto pien de lezadria
Dove i bei ochi e quella bionda testa
Dov J é la donna e la speranza mia 2 .
1 Guido Mazzoni, Le Rime profane di un manoscritto del secolo
XV : Padova 1891, p. 16.
2 Guido Mazzoni, Le Rime profane, cit.. p. 29.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
421
Il Boiardo non portò vere innovazioni nella lirica d J amore, ma col
suo intuito geniale, seppe scoprire fra la gran messe di rime degli
imitatori di Dante e del Petrarca quelle poche scintille di vera poesia,
che brillavano debolmente nelle tenebre e seppe ravvivarle e creare
liriche originali.
Il Boiardo imitò anche i poeti petrarchisti che prima di lui avevano
saputo ravvivare i pensieri del maestro con una luce nuova.
Nel dolore canta il Boiardo che la notte non reca alcuna tregua ai
suoi mali ( Poesie , p. 151):
Tu notte le fatiche a zascun cali;
Et io nell’ umbra tua disteso in terra;
Non prendo posa dai miei eterni mali.
Ma allor più si rinfresca a la mia guerra,
Quando per te si copre il nostro polo
Che sotto il suo emispero il giorno serra
Allor mi vedo sconsolato e solo.
Il concetto é petrarchesco, ma il Boiardo deve averlo imitato in-
direttamentte da Giusto dei Conti, perché P espressione é molto simile
a questi versi:
Quando mi vedo sconsolato e solo
Più volte mi vedeste per gran voglia
Di lacrimar giacer tra i fiori e P erba 1 .
In un momento di dolore dice il Boiardo {Poesie y p. 83):
Ribella di pietade or che più chiedi?
E Giusto dei Conti:
Ben sei crudel contenta che più chiedi 2 ?
Queste imitazioni hanno importanza, perché fanno vedere come
alcune delle più belle immagini del Boiardo, non siano una creazione
originale, ma siano state vagamente ispirate da altri poeti. Ci mo¬
strano come il Boiardo non sia il primo che tentò di ravvivare le
vecchie e scialbe immagini, ma P ultimo, il più fortunato e il più geniale
di una serie di poeti che cercavano di staccarsi dai vecchi concetti e
creare una lirica più vivace e sentita. Certamente ciò che in questi
poeti é un germe é nel Boiardo un rigoglioso fiorire, ciò che in essi
1 Giusto dei Conti, La Bella Mano , cit., p. 171.
2 Giusto dei Conti, La Bella Mano, cit., p. 28.
422
E. FERNANDES
é un tentativo incerto diviene in lui una creazione piena di arte e di
originalità.
Nei Libri degli amori come abbiamo veduto, molteplici e varie sono
P imitazioni. Sono rare le liriche che non ricordino in un pensiero,
ili un verso in un’ espressione, un* altro poeta. Il Boiardo imitò le
Rime del « Dolce Stil nuovo » il Petrarca e i poeti classici, non rimase
immune a qùella specie di secentismo che trionfara alla fine del quattro-
cento, ma il suo Canzoniere é originale perché la più potente di tutte
le ispirazioni sorge dal sub cuore.
Il sentimento del poeta porta una luce nuova, che trasforma le vecchie
immagini e i vecchi pensieri, in versi appassionati di amore, di dolore
e fonde le molteplici voci, che sorgono dai poeti di epoche diverse, di
idealità diverse, in una creazione originale.
Appendice.
Quando il Solerti compilò la sua edizione del Canzoniere del Boiardo
conosceva un solo manoscritto, L’ Edgerton 1999 del Museo Bri¬
tannico (gli altri due non hanno nessun valore perché non sono che
una copia delle edizioni). Ed egli su questo manoscritto, quasi es¬
clusivamente , si basò per la sua edizione. Ma noi sappiamo che
esiste ad Oxford un’ altro Codice del Canzoniere del Boiardo. Il
Can: It: 47 1 un manoscritto membranaceo del secolo XV Ex.
mm. 230 X 148, cc. 11—42 scritto da due mani con poche correzioni
della prima della seconda e di una terza mano più tarda. La prima
mano scrisse cc. 1—36; la seconda cc. 37—42. Le rime scritte dalla
prima mano hanno il titolo in capitali rosse, V indicazione del primo
verso in bianco (ma parrebbe che il colore turchino già dipintovi sia
scomparso) e un’ intreccio di buon disegno, ma frettolosa esecuzione,
in punta di penna. Le altre iniziali delle liriche sono alternatamente
rosse e turchine. Quà e là vi sono titoli in capitali rosse nel principio,
poi semplicemente distinte nel colore. Air inizio del secondo Libro
c. 29 il titolo è in capitale turchine e V iniziale è turchina, colore
molto sfaldato e fregio a C. I. Non c’ é numerazione antica, se non
le cc. 37—42 numerate E, 4, 5, 6, 8, 2. La numerazione moderna
é a matita di cinque in cinque coste. Le membrane sono : quaderno,
1 Ne accennano il Rossi in: Recenzione dei due Libri M. M. Boiardo,
Poesie, cit., e Studi , cit., in: Giornale Storico della Letteratura Italiana,
Voi. XXV, p. 40, e Bertoni, Nuovi Studii su AL AL. Boiardo . Bologna
1894, p. 95. Ma io ho potuto avere notizie più precise per la cortesia del
Prof. Cesare Foligno.
LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
423
quinterno, quinterno, quaderno (nuovamente quinterno che ha perduto
il foglio centrale cc. 32 e 33). L 7 ultimo doveva essere quinterno;
sono ritagliate le carte mancanti. I due fogli di guardia sono cartacei,
dal secondo fu ritagliato un quadratalo, che certo conteneva il nome del
proprietario del codice e ne rimane un lungo svolazzo a spirale che
finisce a pié di pagina.
La legatura é in pergamena antica su cartoncino pieghevole. La
carta 32 finisce col quattordicesimo verso della terza stanza della
canzone LXXI *, la c. 33 comincia col secondo verso del sonetto
LXXII, la c. 36 finisce cil verso terz’ ultimo della terza stanza del
componimento LXXXII. La c. 37 (scritta dalla seconda mano)
comincia colla settima lirica del terzo Libro (Componimento CXXVII)
poi segue conforme all’ edizione Solerti fino alla c. 40. Questa finisce
col tredicesimo verso del sonetto CXXXV, la c. 41 comincia col
componimento CXXXIX e segue come V edizione Solerti fino alla
c. 41, la quale finisce con questi versi del Componimento CXLII:
Fior scoloriti e pallide viole
Che si suavemente il vento move.
Questa é realmente la carta ultima del Codice, essendo il verso di
c. 8 aggiunto dalla seconda mano. Segue la c. 42 scritta dalla terza
mano che contiene i componimenti CXXIV, CXXV, CXXVI e il
CXXVII troncato al quarto verso. Ogni facciata del Codice scritta
dalla prima mano contiene 23 righe scritte o saltate e quelle scritte
dalla seconda mano, ventiquattro righe scritte o saltate.
L’ ortografia del Codice é press’ a poco identica a quella dell’ edi¬
zione del 1499, ma non é da supporsi affatto che questo derivi da
questa. Infatti a c. 35 all’ inizio del Sonetto: « Statevi altrove poiché
’l mio gran dolo » il copista avevà omesso V iniziale e incominciato
la lirica con «levi», ma più tarda mano supplì la sillaba omessa «sta
T errore di lettura non si comprenderebbe se il copista avesse avuto
sott’ occhio il Codice. Le iniziale a c. 39 della seconda stampa ( Dove
la forcia più del sol si aduna) e della terza stanza {Sotto la tra¬
montana al breve giorno ) della Canzone « Novo diletto a ragionar
m invita» , accuratamente raschiate e riscritte da una tarda mano in
semplice inchiostro dovevano essere errate. Anche tale errore sembra
improbabile da parte di copista accurato come quello del Codice
Can: 47 se avesse avuto fra mano la stampa. Il Codice Can: 47 deve
essere antecedente a quello Edgerton 1999, sia perché la grafia é in
1 Citiamo i numeri corrispondenti ai componimenti dell 1 edizione Solerti.
424 E. FERNANDES, LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO
questo prevalentemente emiliana*, sia perché alcune lezioni del Codice
Can: 47 diverse da quello Edgerton 1999 sono state posteriormente
scancellate. Ciò é interessante perchè quésto codice ci fa ci conoscere
il Canzoniere del Boiardo quando il lavore di lima non era ancora
compiuto interamente. Inoltre la conoscenza di questo Codice ci per¬
mette di modificare alcune lezioni assai oscure delP Edizione Solerti,
che falsano il pensiero del poeta e talvolta turbano Y armonia del
verso. Noi ci auguriamo che collazionando i due Codici si possa avere
in un tempo non lontano una nuova edizione più chiara ed esatta del
Canzoniere del Boiardo, che prenda il posto di quella del Solerti
divenuta ormai rara, e permetta a tutti di leggere i Libri degli Amori ,
che ben meritano di essere conosciuti.
Elsa Fernandes.
Die Sprache des Folengo.
Beitràge zu einer Stilphysiognomie des Grotesk-Komischen.
* Einleitung’.
Kurz nach 1310, als ein Funfzigjàhriger, ist Cecco Angiolieri, jener
grofie komische Dichter, gestorben. Unversòhnt in seiner anarchischen
Sturmergoliardie ? aber mlid und verfallen, in stòhnender, weltleerer
Verzweiflung, noch immer im Kampf mit seiner ganzen ihm nichtig
diinkenden Umwelt, ist er an den Rand des Lebens gedruckt und er-
schauert vor der Ode des Abgrunds, der ihn schwindeln macht. Kurz
vor seinem Ende mag er jenes Sonett geschrieben haben, das, der ein-
samen Lebensmtidigkeit Ausdruck verleihend, den ganzen Zusammen-
bruch dieses tyrannischen Menschen ergreifend und erschiitternd vor
sich hin klagt:
A cosa fatta non vale ; 1 pentere
nè dicier può’ : — così vorre* aver fatto —
chè ’l senn' di dietro poco può valere;
però s ? aveggia V uomo ’nnanzi tratto.
Chè, quando Y uomo comincia a cadere,
e’ non ritorna in istato di ratto:
io che non seppi chella via tenere,
là dove non mi prude sì mi gratto.
Ch ? i’ so' caduto e non posso levarmi,
e non ho al mondo parente sì stretto
che pur la man mi des^e per atarmi.
Or non abbiate a beffa chesto detto
chè così piacci , alla mie' donna amarmi,
come non fu giammai me’ ver sonetto k
1 «Le rime di Cecco Angiolieri» a cura di Domenico Giuliotti, ed. com¬
pleta, Siena 1914 (S. 296).
426
CURT SIGMAR GUTKIND
Die Welt, die er angerufen, blieb stumm. Zumai in Italien, so scheint
es, hat Cecco Angiolieri keinen Nachhall hinterlassen, ist sei ne
komische Welt mit ihm dahingesunken. Wohl hat uns Burckhardt
in seinem Kanon «Kultur der Renaissance in Italien» intellektuale
Àufierungen der Komik vorgefuhrt: seine individualisierte
Bildungsgesellschaft gab Raum ftir Witz, Calembour, Satire und
Parodie. Einzig diese inhaltlich bisweilen wohl sehr scharfe, aber an
wahrem komischem Gehalt doch sehr diinne, hòf isch kul t ivierte
Komik ist von Burckhardt erschlossen worden: er hat mehr die
Genese des modernen Witzes im Auge gehabt als eine auch rtick-
schauende Traditionierung des Komischen.
Aber auch in Italien ist eine ungebrochene Ùberlieferung volk-
hafter Komik — wie sie Cecco grofiartig darstellt — aufweisbar.
Weniger deutlich als in Frankreich, zumeist iiberdeckt von dem
Bildungsflitter des kurz nach Ceccos Tod einsetzenden Humanismus,
wird sie in allerdings bescheidenem Ausmafi fortgeleitet von der
fròhlich-derben Komik der Florentiner Btirgersleute, wie z. B. des
Antonio Pucci, des Franco Sacchetti mit seiner burlesken »la battaglia
delle belle donne di Firenze colle vecchie«, aber ohne die Kraft eines
anarchischen Willens, und ohne je die Grenzen von Kreuz und Themis
zu iiberspringen.
Inmitten des Quattrocento aber taucht auf die Gestalt des seltsamen
Burchiello, jenes Florentiner Bartschabers; in seiner tiefsinnigen
Zeichensprachdichtung 1 , deren phantastische Komik und
satirische Tagesverbundenheit, aus welchen Elementen sie sich haupt-
sachlich zusammensetzen dlirfte, noch nie gebiihrend gewlirdigt und
deren wahres Wesen noch unerklàrt geblieben ist, ersteht ein wildes,
weitverzweigtes, wirres, grotesk-komisches Produkt, das — wie eine
weitere Arbeit darzutun versuchen wird — innige Gemeinsamkeiten
mit der Konzeption des Cecco Angiolieri hat. Aber gerade die mon-
struòse Dunkelheit des Burchiello muBte seine Zukunftswirkung
1 «Sonetti del Burchiello, del Bellincioni e d’altri poeti fiorentini alla
burchiellesca», Londra 1757.
Fiir die Berechtigung des Ausdrucks «Zeichensprachdichtung» moge
hier vorlaufig folgende Stelle zeugen:
«Virtù raffrena in sè 1* ultimo effetto
Per la virtù, che mai non si trasforma;
Onde per Dio, Lettor, fa che non dorma
Trasfigurando in te questo Sonetto;
E pensa ben, V uccel, quel che figura . . .
1. c. S. 52 (Vers 5—9).
DIE SPKACME DES FOLENGO
427
schwàchen: es ist dagegen bekannt, wie gut ihn seine Umwelt ver-
standen und gewiirdigt hat, und wie viele Nachahmer er gezeitigt hat :
sie alle spielen mit den Motiven, die er so scheinbar kunstlos hin-
improvisiert. Eines hingegen ist gewifi : dem Burchiello fehlt wohl der
Zug personlicher Urkraft und dàrponisch umspannenden Willens.
Die Zeichensprache als Medium seineV bedeutsamen Verlautbarungen
bleibt dem Spielerischen, Exklusiv-Kuriosen, nur Grotesken zu nah
verhaftet. Seine Seele hatte keine Membran, um die Tòne des Cecco
aufzufangeu und widerklingen zu lassen. Auf die Blasphemien und’
heroischen Verhòre des Senesen gab er die Antwort und das Echo
nicht.
Erst — wenig spàter — in den Anfàngen des sechszehnten Jahr-
hunderts hòrt man aus Italien rufen:
Non aliud nos, aliud non numen habemus,
quam cor magnanimum, spadam, mazzamque ferratam.
XXI, ‘223—224
Ducitur in nihilum, meritoque chimera vocatur,
quae parit oh magnos montes nascitque fasolus!
und am Ende
XXV, 554—555
Tange peroptatum, navis stracchissima, portum,
tange, quod amisi longinqua per aequora remos:
he heu, quid volui, misero mihi, perditus Austrum
floribus et liquidis immisi fontibus apros.
XXV, 655 bis SchluB.
Diese Stimine, die jene wilden, diese mtiden Verse, von welchen
die letzten zwei wie im Gefiihl des Zusammenbruchs und der Selbst-
aufgabe fast wortlich aus Vergils 2. Ekloge 58—59 iibernommen sind,
dem Cecco gleichsam zuzurufen scheint, gehòrt dem Maccheroneedichter
Teofilo Folengo, und sie tont aus seinem grofien komischen Epos
Baldus, in dieser Form um 1530.
Und gerade Teofilo Folengo oder Merlino Cocai, wie er sich als
Dichter seiner Maccheronee zu nennen beliebt, ist wie keiner neben
Cecco in Italien jener urtumliche Volksriese, jener faunisch-orgiastische
Dàmon volkhafter Komik. Denn : nicht intellektuale Komik — Satire
und Parodie, nicht der anekdotische Witz und das blendende Wort-
spiel, nicht die launenhafte Indiskretion oder die gelehrte Zote (eines
Poggio z. B.) sind einseitig bestimmende Faktoren seiner Komik
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 29
428
CURI* SIGMAR GUTK1ND
— wiewohl sie da und dort vereinzelt aufblitzen mògen in seinem
Werk — sondern seines Teils ist die Urweiten und Urtiefen um-
greifende grofie Komik: die auffahrt aus einer auf brechenden, zer-
fallenden Welt: die Nietzsche im 8. Kapitel seiner »Geburt der
Tragòdie« fiir ewig eingetauft hat als «die kunstlerische Ent-
ladung vom Ekel des Absurden».
1. Ausblicke.
Der literarhistorische Rahmen, in dem Folengo steht, ist weit-
schichtig und tiefgreifender, als die Literaturgeschichte, die ihn an
und fiir sich schon ungebiihrlich vernachlàssigt hat \ bisher ausgeforscht
hatte. Ihre Angaben stellen fest, dafi Folengo das Gerippe der àufieren
Form, jenes studentenfrohe Sprachgemisch von Latein und Italienisch,
eben das Maccheronische, von Leuten wie Tifi Odasi und anderen
Lombarden ubernommen habe in einer ausgesprochenen Gegnerschaft
gegen das herrschende Ciceronianische Latein und das Toskanische
Hochitalienisch. Damit ist tiber das Sprachphanomen an sich gar
nichts ausgesagt. Und inhaltlich? Vor ihm hat kein Italiener die
Welt des niederen, ja untersten Volkes, der Bauernschaft z. B., fiir
eine Dichtung auszuniitzen versucht. Darauf schweigt die Literatur¬
geschichte vòllig. Ein seltsamer Hinweis aber findet sich in dem
«Sonetto de l’autore», das den 1526 veròffentlichten «Orlandino» ein-
leitet 1 2 :
1 An Monographien existieren nur die reichlich feuilletonistisch gehaltenen
Arbeiten von:
F. Biondolillo: «La Macaronea» saggio critico, Palermo 1911.
Tommaso Parodi: «Poesia e letteratura», Bari 1916.
Wesentliches in Teilarbeiten haben beigesteuert :
Alessandro Luzio: «studi folenghiani», Firenze 1899.
Benvenuto Zumbini: «il Folengo precursore del Cervantes» in «studi
di letteratura italiana», Firenze 1894.
id. : Recensione della edizione Laterza in «Giorn. stor. d. lett. ital.» LV,
p. 225 ss.
id. : «Vita paesana e cittadina nel poema del Folengo» Mise. d’Ancona 1901.
id.: L’astrologia e la mitologia nel Pontano e nel Folengo» in Rass.
crit. d. lett. ital. II, 1—14.
B. Cestaro;.«Vita Mantovana nel Baldus», Mantova 1919.
L. Messedaglia: «L’Italia e gli stranieri nel pensiero di Teofilo Fo¬
lengo» estr. d. Atti d. R. Ist. Veneto di S. S. LL ed AA. Tomo XXVIII,
Parte II, pp. 27 ss.
A. Momigliano: «La critica e la fama del Folengo sino al De Sanctis»
Giorn. stor. d. lett ital., Fase. 230/31, Voi. LXXVII, 2/3.
E. G. Parodi: «Marzocco» 21. V. 1911.
Con ti nel li: Il «Baldus» di M. Cocai, Città di Castello, 1904.
2 Folengo: «Opere italiane», 3 voi. a cura di U. Renda, Bari 1914.
DIE SPRACHE DES FOLENGO
429
Volsi por man in trasmutar metallo,
senz’ arte, onci' è chi mi disnervi e spolpe.
Cotesta mercanzia mi vien di Fiandra,
ove lo seme nacque de’ pedocchi,
che musico gentil m’ han fatto d’ arpa.
Der Sinn dieser eigenartig dunklen Stelle dlirfte folgender sein:
Folengo hat die Drahte seiner Leier anders als sonst iiblich ein-
gestimmt, und zwar scheinbar ohne Kunst, weshalb man ihn tadelt und
herunterreifit ; die Ware fiir diese neuen Melodien kann ihm aus
Flandern, wo die niedere Welt des schmutzigen Volkes zum ersten
Male gezeigt wurdè, die ihm eine seltsam lieblich anregende Musik
vorgespielt hat. Was kann nun mit dieser Ware* aus Flandern ge-
meint sein? Flàmische Landsknechte haben sich nicht oder doch nur
ganz vereinzelt in den Heeren Franz’ I. oder Karls V. befunden.
Flàmische Kaufleute mògen Folengo aufgefallen sein- Aber — flàmische
Kunst? Hugo van der Goes mit seinen veitstanzenden Hirten, viel-
leicht schon Kunde vom Hieronymus Bosch, mag ihm in Rom oder
Venedig begegnet sein. Sie haben jene Unlerwelt des niederen Volkes
und die damonische Phantastik, die ihnen Folengo wesensverwandt
macht. Weit liefien sich die Gesichtskreise ausziehen ftir einen An-
regungseinflufi fr uher niederlandischer Kunst auf die Dichtung Italiens,
wo der Boden des Verstandnisses ja bereitet war. Indes, ehe nicht
die Kunsthistorik ihre Datenbestatigung gegeben hat, sei es nicht ge-
wagt, mehr als nur den interessanten Fund zu registrieren l .
So wenig die Literaturgeschichtschreibung iiber das Wachstums-
phanomen Folengoscher Kunst auszusagen weifi, um so mehr kònnte sie
bei aufmerksamer Beobachtung Daten fiir dieReichweite seines Einflusses
liefern : In Italien, den heroisch-komischenEpiker Tassoni in seiner «Secchia
rapita» Vili, 24 und 25, den giftigen Murtola in den «Risate» 13
und 27 seiner «Marinéide», in Frankreich den grofien Rabelais, der
dem Folengo im IL Buch, Kap. VII seines Pantagruel in der » Librairie
1 In dem Buche «Le genre satirique dans la peinture flamande» von Louis
Maeterlinck, Bruxelles 1903 (Mémoires couronnés , . . publiés par L’Aca*
démie Royalé ... de Belgique, Tome LXII, IV e fase., Beaux-Arts) finde ich
auf Seite 235: «L’anonyme da Morelli, dès 1521. mentionne trois tableaux
de Bosch (Van Aken) appartenant au Cardinal Grimani, à Venise, et re-
présentant des sujets fantastiques. Ce sont un «Enfer», les Songes» et un
«Jonas englouti par la baieine». Da Folengo sich um diese Zeit mehrfach
in Venedig aufgehalten haben dlirfte. so liegt die Vermutung nahe, datò er
die Bilder kennen gelernt hat.
29 *
430
CURI' SIGMAR GUTK1ND
de Saint Victor* am SchluB seines Bucherkatalogs ein ruhmvolles
Denkmal gesetzt hat, um anderer Stellen ganz zu geschweigen. Wie
sehr jene Zeit selbst den starken Einflufi des Folengo auf Rabelais
verspiirt hat, tut unwiderleglich der Titel einer im Jahre 1606 er-
schienenen anonymen franzòsischen Prosaiibersetzung der «Maccheronee»
kund; «Histoire Maccaronique de Merlin Coccaie, Prototype de Rabe¬
lais» *. In Deutschland, wo die Ketzereien und der Widermut Folengos
mit Freuden angenommen wurden, hat insbesondere Fischart an Cocais
Geist sich belebt (er mag ihn in Italien schatzen gelernt haben). In
seiner «Geschichtsklitterung(Gargantua)» Kap. I erwahnter 1 2 : «Schreibt
doch Merlin Coccai inn seinen Nuttelversen (!) . . .» um nur ein Bei-
spiel hier anzufiihren. Fiir Spanien hat Benvenuto Zumbini bei Cervantes
deutliche motivisch-inhaltliche Beeinflussungen aufgespiirt. Und
fiir die auBerordentliche Wertschatzung, die man gerade in diesem
Lande dem Folengo entgegenbrachte, daruber hinaus aber noch fiir
die zu tiefst erfuhlte Wesensverwandschaft des Italieners mit dem
Hieronymus Bosclr, dafur gibt ein geradezu unschatzbarer Beleg
Zeugnis: in der «Historia de la Orden de San Jerónimo» por Fr.
José de Sigtienza, 2<* ed. pubi, por D. Juan Catalina Garcia,
Madrid 1909 in der «Nueva biblioteca de Autores Espanoles» Tomo II,
Libro IV, disc. XVII pp. 635 ss. findet sich foìgende Stelle, die der
Wichtigkeit wegen nahezu ganz wiedergegeben sei:
«Entre las pinturas destos Alemanes y Flamencos, que corno digo
son muchas, estan repartidas por toda la casa muchas de un Geró-
nimo Bosco , de que quiero hablar un poco mas largo por algunas
razones: porque lo merece su grande ingenio, porque comunmente
las llaman los disparates de Geronimo Bosque gente que repara poco
en lo que mira, y porque pienso que sin razon le tienen infamado de
herege * . . y los pintó en muchas veras y con gran consideracion, que
si fuera herege no lo hiziera, y de los misterios de nuestra redencion
hizo lo mismo. Quiero mostrar agora que sus pinturas no son dis-
paratos, sino unos libros de gran prudencia y artificio, y si disparates
son, son los nuestros, no los suyos, y por decirlo de una vez, es una
satyra pintada de los pecados y desuarios de los hombres ... la dife-
rencia que a mi parecer ay de las pinturas deste hombre a las de los
otros es que los demas procuraron pintar al hombre . qual parece
por de fuera; este solo se atrevio a piutarie citai es dentro; pro-
1 Paris, Garnier, 1876, éd. P. L. Jacob.
2 Johann Fischarts «Geschichtsklitterung (Gargantua)», herausgegeben von
A. Alsleben, Ncudrucke deutscher Literaturwerke, Halle 1891 (S. 31).
DIE SPRACHE DES FOLENGO
43 i
cedio para esto con un singular motivo, que declarè con este exemplo :
los poetas y los pintores son muy vezinos a juyzio de todos; las facul-
tades tan hermanas, que no distan mas que el pinzel y la piuma,-que
casi son una cosa; los sugetos, los fines, los colores, los licencias y
otras partes son tan unas, que apenas se distinguan sino con las for-
malidades de nuestros metafisicos. Entre los poetas Latinos, se halla
de uno (y no de otro que merezca nombre) que pareciendole no podia
ygualar en lo heroyco con Virgilio, ni en lo comico ó tragico llegar
a Terencio ó Seneca, ni en lo lyrico a Orazio, y aunque mas exce-
lente fuesse, y su espiritu le prometiesse mucho, auian de ser estos
los primeros, cicordó hazer camino nueuo / inuentó lina poesia ridi¬
cala que llamó Macarromca ; junto con ser assi, que tuuiesse tanto
primor, tanta inuencion e ingenio, que fuesse siempre principe y cabega
deste estilo, y assi le leyessen todos los buenos ingenios, y no le
desechasen los no tales, y corno el dixo: ,Me legat quisquis legit
omnia/ Y porque su estado y profession no parece admitia bien està
ocupacion (era religioso, no dire su nombre pues el le cattò) fingio
un vocablo ridiculo y llamose Merlin Cocayo, que quadra bien con
la superficie de la obra, corno el otro que se llamó Ysopo; en sus
poemas descubre con singular artificio quanto bueno se puede dessear
y coger en los mas preciados poetas, assi en cosas morales corno en
las de la naturaleza, y si huuiera de hazer aqui oficio de Crytico
mostrara la verdad desto, con el cotejo y contraposicion des muches
lugares. A este poeta tengo por cierto quiso parecerse el pini or
Geronimo Bosco , no porque le vio, porque creo pintó primero estotro
cocase, sino que el tocó el mismo pensamiento y motivo; conocio tener
gran naturai para la pintura, y que por mucho que hiziesse le auuian
de yr delante Alberto Durerò, Micael Angel, Urbino y otros; hizo un
camino nueuo, con que los demas fuessen tras el y el no tras ninguno,
y boluies.se los ojos de todos assi; una pintura corno de burla y
maccaronica , poniendo en medio de aquellas burlas muchos primores
y estranezas, assi en la inuencion corno en la execucion y pintura,
descubriendo algunas vezes quanto valia en aquel arte, corno tambien
lo hazia Cocayo hablando de veras ...»
Und doch hat fast dritthalb Jahrhunderte lang kaum jemand sich
bemttfiigt gefuhlt, eine Lebensbeschreibung 1 dieses einflufireichen grofien
1 Fischart z. B. sagt (1. c. S. 38): «Unsers Pantagruels Noachischer Stamm
aber, der auss dem Seethurn Saturni herkommet, ist eben so wunderlich
als des Henrich von Soliaco Kónig Ar'turs Grab gefunden, oder die
Koccayschen . .
432
CURT SIGMAR GUTK1ND
Dichters zu verfassen. Vielleicht schreckte die Pseudonymitat seiner
Dichtungen ab. Erst aus einer Sphare wissenschaftlicher Biirgerlich-
keit, die in spielerischem Trotz gegen die verflachende Rationalistik
einer akademischen Bildungsschicht mit einer seltenen Parasitenfreude
an alien Eigenstandigkeiten des 16. Jahrhunderts herumgeschmeckt
hat 7 aus diesen Kreisen entstanden die ersten Lebensbeschreibungen.
Sie konnten nicht mehr bieten als Legende. Die wahre Geschichte
seines Lebens ist im wesentlichen auszuklauben aus gelegentlìchen
Selbstzeugnissen in seinen Dichtungen und ganz vereinzelten Àufie-
rungen von Zeitgenossen. So bleibt die Lebensgestalt Folengos in
einem fahlen Halbdunkel vernebelt: Im Schofi einer burgerlichen
Familie der Vorstadt Mantuas, Cipada, ist er an einem Novembertag
des Jahres 1491 geboren worden. Den neunzehnjahrigen Jungling
trifft wieder der suchende Blick als philosophiebeflissenen Schiiler des
Pomponazzi inmitten der bacchisch-schwarmenden, toll ausgelassenen
Studentenschaft der Universitat Bologna. Innere Unruhe, Skepsis,
seelischer Niederbruch treiben ihn als Benediktinerfrater in ein Kloster.
Ekel vor dem verrotteten Mònchstum, Mifihandlungen des Abtes,
Abenteuerlust zuvòrderst jagt ihn hinaus, er kommt nach Venedig;
ein losgebundenes Freudenleben lòst ab die Kummerlichkeiten der
Klosterzelle. Neue Gewissensqualen fuhren den mehr als Dreifiig-
jahrigen ins Kloster zuruck, wo er reuig seine «Maccheronee» abschwòrt
und hilflose geistliche Dichtungen zur Pònitenz zusammenreimt. Aber
wieder bricht der Damon aus. In langer Streife begegnen wir dem
Ruhelosen als Kardinalssòldling zu Rom, als Pflegebefohlenen am Hofe
des aus Mantua stammenden Vizekònigs von Neapel, Ferrante Gonzaga.
Es ist die Zeit seiner tiefsten religiòsen Ketzereien, da er Luther
lobpreist und den Papst verspottet 1 . Die Gewissensskrupel stellen
sich von neuem ein; angewidert von der Leere der Welt, von der
absurden Sinnlosigkeit alles Seins kehrt er als verfallener, spater,
friedsuchender Mann in die bergenae Ruhe klòsterlicher Mauern zuruck.
Noch einmal schwort er dem Teufel ab: so finden wir ihn zum letzten
Male, als er kurz vor seinem Tode, wahrscheinlich zur Pònitenz, ge-
zwungen wurde, den ruhsam schònen Klostersitz S. Maria delle Ciambre
bei Palermo zu verlassen, um das Kloster S. Martino delle Scale als
Pilger aufzusuchen. Damals schrieb er jene innig melodische, sterbens-
mtide, lebenszerfallene, feierlich lateinische Elegie, mit der er vom
Leben Abschied nimmt, an die Wand seiner Zelle:
1 «Opere italiane» 1. c. (siehe «Caos del Triperuno» Sonett «Papa, Luna,
Appicato . . . .»).
DIE SPRACHE DES FOLENGO
433
Dulce solum, patriaeque instar, mea cura Ciambrae,
Accipe supremum, cogor abire, vale.
Vos rupes atque antra, cari gratique recessus,
Quodque horrore nemus, sylva virore places;
Vos vitrei fontes et amoris conscia nostri
Murmura perpetuo vere cadentis aquae :
Tuque mei testata gravem vix longa laborem,
Tuque olim sancto, Cellula, culta seni;
Si vestri curam gessi, quidquamve peregi
Quo facti auctorem fas sit amare boni,
Mantoum aeternis memorate Theofilon annis,
Sitque meae vobis causa sepulta fugae.
Auf dieser Fahrt ist er irgendwo am Fieber zugrunde gegangen, am
9. Dezember des Jahres 1544.
Deutlicher aber, gewaltvoll plastisch ersteht die Gestalt des Dichters
Folengo aus seinem Werk : zerspalten durch Zweifel am Sinn der Welt,
erweist diese Seele Dogmenunterwlirfigkeit neben anarchisch-blas-
phemischem Protest, neben faunisch entfesseltem Sinnentaumel bis zur
grotesken Phantastik. Und tief hinein in den Grund der Eigenpersòn-
lichkeit reifit sich diese Spaltung. In mystagogischer Verràtseluug liebt
es dieser Mensch, sein Ich auszumerzen durch Selbstteilung: in der
Leere der Welt, im ungeheuren Chaos, wo er im furchtbaren Gefuhl
einer verfallenden Zeit Anfang und Ende sich wieder vereinigen und
zusammenrinnen sieht, da schreibt er um 1525 ein seltsam-dunkles
Allegorem, die Geschichte seiner geistigen Erschaffung : das «Caos
del Triperuno». Hier tritt er auf in Dreigestalt und in Dreisprachen-
gewand :
1. als der maccheronisch redende Dichter Merlino Cocai — unter
diesem Namen verfafite er seine «Maccheronee» ;
2. als der italienisch vortragende Dichter Limerno Pitocco — dieses
Pseudonym deckte seine italienisch geschriebenen Werke;
3. als der lateinisch sprechende Fulica — dies war der Name vor
seinen lateinischen Dichtungen.
Der chiliastisch-evangelistischen Grundstimmung dieses «Caos del
Triperuno» entspricht eine Persònlichkeitsspaltung in die Trinitat —
•wer hatte im Mittelalter Àhnliches gewagt, ja nur ersonnen? Es sind
dies dunkelste Schliifte menschlicher Verfallsgefuhle, die im Boden
dieser Zeit plòtzlich aufklaffen. Schwankend fuhlt der Mensch sich
gleichsam an den Rand eines Abgrunds hingedrangt: der Dichter
schutzt sich vor dem vòlligen Nieder- und Auseinanderbruch durch
434
CURT SIGMAR GUTKIND
systematische Selbstzerteilung und durch Selbstverratselung : damit
stehen wir unmittelbar in dem psychologischen Problem der lch-
verdoppelung, das sich hier in ganz erstaunlicher Wildheit und Be-
tontheit darbietet. (Nicht minder auch in dem auf Seite 436 zitierten
Passus der «Laudes Merlini» «. . . et insuper eludentem secum . . .»).
Aber damit nicht genug: jeder einzelne dieser pseudonymischen Namen
ist selbst zwei-gesichtig und doppeldeutig :
Limerno Pitocco.
Limerno ist kunstliches Anagramm aus Merlino. Pitocco bedeutet
Bettelsmann» und aufierdem figurativ »diinner, tiber der eigentlichen
Rustung getragener Rock«. Es ist unmòglich, sich der Symbolik
dieser Selbstbenamsung zu entziehen. Folengos dichterisches Fun-
dament ist die maccheronische Sprache, Legierung aus Latein und
Italienisch. Schreibt er nun reines Italienisch, so verzerrt er das Mac-
cheronipseudonym Merlino noch einmal ins Anagramm; er ftìhlt sich als
Fremdling im Bereich dieser »toskanischen« Sprache, gleichsam als
Bettler, sie ist ihm wie ein diinner, fadenscheiniger Rock iiber seiner
eigentlichen Sprachrtistung.
Fulica.
Fulica ist lateinisch und heifit »schwarzes Wasserhuhn.« Folengo
hat uns im »Caos del Triperuno« selbst bezeugt, dafi er damit eine
Ubersetzung seines Namens Folengo (fulica = ital. folaga) zu geben
beabsichtigte. Diese ihm gewisse Grundetymologie seines Namens
lieferte ihm einen neuen Namen, unter dem er als Herausgeber
seiner «Maccheronee» in den fruhen Redaktionen von 1520 und 1521
zeichnet :
Magister Acquarius Lodola.
Acquarius Lodola zu deutsch etwa Meister Wasserlerche.
Was mag aber hinter dem seltsamen Hauptpseudonym
Merlino Cocai
stecken? In der Ausgabe von 1520 (verkurzt auch in der von 1521)
findet sich eine komische Vorrede des Herausgebers Magister Acquarius
Lodola zum Lob des Merlino Cocai (Laudes Merlini). Dort gibt
Lodola = Folengo = Merlino Cocai folgende burleske Namens-
ausdeutung :
DIE SFRACHE DES FOLENGO
435
Si (scil. queris) nomen: Cocaius ego Merlinus apellor.
Cocaius nomen, titulus Merlinus, in agro
Dum mater pregnans cocaium forte botazzi
Quaereret amissum, peperit me, nomen et istud
Sortior: utque scias Merlini significatum
Quotidie ad cunas tulerat mihi merla beccatam,
Nam mea se in vino genitrix me infante negavit.
Cocaius vocor hinc, Merlinus nominor illinc.
Die manifeste Sexualsymbolik dieser Worte soli hier aus nahe-
liegenden GrUnden nur angezeigt, nicht aber vollig gedeutet werden.
In Wirklichkeit durfte folgendes hinterlistig in die Namen hinein-
geheimnist sein:
«Cocai» ist ein heute noch im mantuanischen Dialekt gebrauchlicher
Ausdruck und bedeutet Spund, Stòpsel am Fatò. Ingleichen besagt
im selben Patois: «far di cocai» Narreteien treiben *. In drastisch
lebensvoller Verbindung deute ich Cocai = besoffener Possenreifóer.
[Damit ist gleichzeitig ein ebenbiirtiges Pendant geschaffen zu der
Bezeichnung «maccheronee» fur die Dichtung: Maccheroni sind eine
besondere Sorte Nudeln, bekannt als italienische Nationalspeise, also
ein Wirtshaus- und Kuchenausdruck. Andrerseits bedeutet auch heute
noch «macaron(e)» im Venezianischen eine Art ungeschiachter, un-
gebildeter Kerl, Grobian, Tòlpel 1 2 3 * * . Folengo selbst gebraucht das
Wort in diesem Sinn òfters 8 . Beide Bedeutungen verschmelzen zu
einer neuen, die unter deutlichem Vorwiegen der ersten zur Bezeich¬
nung der ganzen Dichtung, des ganzen Stils dient].
«Merlino» ist ein Verkleinerungswort des ital. merlo (Schwarzamsel).
In dieser Bedeutung verwendet es Folengo oben. Aufierdem aber
heifit es familiar so etwas wie Schlaumeier. Mehr noch : Merlin ist
jener Held und Zauberer der Artussage, eine unzahlige Male in den
Epen des Mittelalters bis ins 17. Jahrhundert wiederkehrende Haupt-
gestalt, die Folengo ohne jeden Zweifel vertraut war. Dafiir blirgt
seine Kenntnis der grofien Epenliteratur. Merlino ist also der schlaue,
pfiffige Sanger, der sich seine Sprache zurechtgezaubert hat.
Diesen Merlino Cocai, den Sprachzauberer und schwàrmenden Narren,
ftihrt Folengo am Schlufi seines »Baldus« zuerst mit vollem Namen,
1 Nach der Angabe Luzios in den «studi folenghiani» S. 5 Anm. 1.
2 Boerio: «Dizionario del Dialetto Veneziano», Venezia 1856.
3 «Baldus» XI 130.
. . Tognazzus tunc furiosus,
sic, sic, o macaroriy docui facere ante? gridabat.
436
CURT SIGMAR GUTKIND
danti als tanzenden, hupfenden »buffonus« mitten in die Handlung des
Epos hinein, d. h. der Dichter sich selbst. Uber diesen buffonus
kiindet Folengo in der Gestalt des Magister Acquarius Lodola in den
bereits erwahnten «Laudes Merlini» von 1520 und 1521 erschutternd
deutlich sich aus: •
Magister Lodola geht auf die Suche nach den wahren Werken des
Merlino Cocai, die ein anderer verstummelt unter Plagiat heraus-
gebracht hat, und trifft auf einer einsamen Insel das Grab des Merlin
Cocai (also sein eigenes!). «Obstupefacti prò hujusmodi Epitaphio de-
liberamus evolvere petram instar Cocai stopantem os Urnae, quo
facto, cernimus en hominem magrefactum barbatumque usque ad
umbilicum, et insuper ludentem secum more bagatellantis cum gallis,
bechiris, nonnullisque frasckulis. Quid me, inquit, molestatis des-
viatisque? ad quem nos, qualis et cuias es tu? et illé, sum qui fui,
sed ero qui non eremi, si dederetis quod non dedistis. Nos verbum
aenigmatizatum et dignum oedipodensi splanatione admirati retulimus,
die clarius. Tum ille suspirans: Nulla gratia datur in coelo buffonibus,
buffonus extiti, quo nec coelum, nec infernus possunt me suscipere, in
vobis tamen humanis hoc pendet arbitrium, si boni aliquid prò me
feceritis ad caelum pergam, si malum imprecabimini prestiter in in-
ferum strassinabor, videte vos. At nos, quid vis? bonum aut malum :
et ille quod naturaliter homo desiderat, quo dicto sic mutus conticuit,
ut ab eius unquam bucca potuimus nientum ulterius accipere . . . Nec
pockinum imparavimus , homines bufones partem nec in coelo , nec
in inferno tenere, sed nostrum est orare prò illis, qui nostras buffo-
nizando melenconias eripiunt .
Das sind wahrhaft abgrundig - diistere Weltschmerz- und Welt-
leerheitsgedanken, deren Doppelgangertiefsinn in die Seele dringt.
Ganz konform und nicht minder groBartig wirft der grofie Komiker
dieses Jenseits von Gut und Bòse auf in dem «Caos del Triperuno»,
wo er von sich sagt:
«... e giunto nel paradiso terrestre, gli vien ivi comandato che
non mangi de l'arbore de la scienza del bene e male, ma solamente
si pasca e nudrisca di legno vitale, per darci sopra ciò un bell’ avviso»
(p. 178, Ausgabe Renda, «Opere italiane di T. F.», 1. c.)
Wahrlich! Eine im Anarchischen freischwebende
Zwischenschicht der Seele!
Dieser buffonus, dieser gottahnliche Zauberer, dieser verwunsehene
Narr, dieser Mimus Merlino Cocai fiihrt den Reigen der 25 Biicher
seiner Epopòe »Baldus«, des einzigen, groBen, wirklich volkhaften,
grotesk-komischen Epos, dessen sich die gewiB epenreiche italienische
DIE SPRACHE DES FOLENGO
437
Literatur riihmen darf. Der von seinen Maccheronimusen gefutterte
Dichter erzahlt die Geschichte seines Helden Baldus und seiner
Schar. Hier sei versucht, in gedràngter Skizze den Gang der Fabel
nachzuzeichnen :
Ritter Guido, Nachkomme jenes in fast alien Rittererzahlungen so
hochgeriihmten Rinald von Montalban, verliebt sich in Baldovina, die
Tochter des Kònigs von Frankreich, entfuhrt sie, flieht mit ihr vor
dem Zorn des Vaters und gelangt selbzweit arm und zerschroben nach
Cipada, dem Vordorf von Mantua, wo sein Weib in der Hlitte eines
(prachtig verlebendigten ) Bauern Bertus ihm einen Knaben gebiert
und stirbt, wahrend er als echter fahrender Ritter von dannen zieht.
Jenes Kind, dem der Name Baldus (der Hochgemute) gegeben ward,
lebt bei dem Bauer und wird von ihm in aller Freiheit aufgezogen,
wachst heran zu einem unbandig-wilden, kraftgemuten Jiingling, der
allerlei tolle Streiche in der Stadt Mantua veriibt. Von seiner hohen
Abkunft weiB er nichts. Um sich versammelt er einige ehrenwerte
Kumpane : den Giganten Fracasso von der Rasse des Pulcischen
Morgante (wie Folengo sagt), den listenreichen Cingar, den Nach-
fahren des Pulcischen Margutte (gleichfalls Worte Folengos), den
Schlofiknacker, den Kirchenrauber, den unheilig-unkeuschen, den
anarchischen Atheisten und Biasphemiker, das Urbild und Vorbild des
Rabelaisischen Panurg, — und andere mehr, deren fast jeder eine eigene
phantastisch - groteske Individualitat ist. Durch ihre Gaunereien und
wilden Streiche geht im Mantuanischen alles drunter und drtiber: in
urkomischen Episoden hagelt es hin und her Betrugereien und
Schlage: Bauern, Wirte, Monche, Juden, Handler, Richter, Àrzte,
Stadtrate und Weibergelichter, kurz das ganze niedere Volk aus Stadt
und Land tritt plastisch in Szene. Schliefilich landet Baldus im Man-
tuaner Gefangnis. Cingar besucht ihn im Gewand eines Bettelmonchs,
um dem Todeskandidaten die Beichte abzunehmen, und befreit ihn.
Schlagende Rache lohnt den Mantuaern ihre Frechheit, den Helden
einzusperren. Durch Berge von Toten, mit tausend Listen bahnen
sich Baldus und seine Schar den Weg aus der Stadt. Das Bild
wechselt ins Abenteuerliche. Baldus sticht mit den Genossen in See,
durchfahrt ferne Lande und Meere, besteht riesenhafte Heldentaten,
wlirdig eines Hrrenden Ritters«, zerstòrt Korsare, beseitigt Hexen und
Zauberer und besteht einen grandiosen Teufelskampf : nie ward Ahn-
liches in grotesk-komischerer Form erzahlt. Er findet seinen Vater
auf einsamer Insel als Eremiten wieder und erfahrt von ihm die Ge¬
schichte seiner Geburt. Der Greis stirbt mit der Prophezeiung von
den hohen Geschicken des Baldus auf den Lippen. Er kommt nach
438
CURT SlGMAR GUTKIND
Afrika und zu den Quellen des Nils, dringt schliefilich bis in die Hòlle
selbst hinein. Das Bild wechselt ins Phantastische. Er und seine
Schar diinken den Hòllengeistern andere Teufel. Was ihnen dort zu-
stòfit, ist von ungeheuerlich-grofiartiger Phantastik. Und der Ab-
schlufi so unerhòrter Abenteuer ist der Eintritt der Helden in einen
riesigen Kiirbis; der Dichter in der Maske des buffonus (Merlino Cocai)
fuhrt sie in hòchsteigener Person dort ein und an : der Kiirbis ist der
Aufenthaltsort der Dichter und Astrologen, der Hauptliigner und
-charlatane unter jden Menschen; die bekommen hier von hóllischen
Barbieren fiir jede Ltige einen Zahn herausgerissen, der sofort wieder
schmerzhaft nachwachst. Merlino Cocai gesteht nun, dafi er. nicht
mehr weiter kann; da er als Dichter selbst in dem Kiirbis zuriick-
bleiben mufi, verabschiedet er sich von Baldus in wirklich schmerz-
voll elegischen Worten 1 von der Sinnlosigkeit alles Trachtens, durch-
schiittert vom Horror vacui, in der Hoffnung, dafi ein anderer Dichter
den Baldus einmal wieder emporfuhre «a riveder le stelle.»
Die Wesensspaltungeii, die wir im Persònlichkeitsbewufitsein Folengos
feststellten, kehren nicht minder deutlich abgespiegelt auch im Werke
wieder. Der aufmerkliche Beobachter wird selbst aus diesem nur
fliichtig skizzierten Inhalt ersehen. wie Ritterromane, realistische Niede-
rungsschilderung, Abenteuergeschichte und schliefilich als Einigungs-
gipfel phantastisch-groteske Damonomanie neben-, ja durcheinander-
geschichtet im Werke daliegen. Und nicht nur inhaltlich : die Sprache
selbst ist Ergebnis jener inneren Verfallsspaltung, deren seltsam natur-
notweudige Zwangslosigkeit und tiefere Wirklichkeit nur dem hin-
gegebenen Blicke sich entschleiert.
Die maccheronische Dichtsprache, als Ausdrucksform der Phantasie-
vorgange, als in sich im ganzen einheitliche Vermòglichkeit dichteri-
scher Formung, bedarf darum einer griindlichen Untersuchung. Es
gilt der Physiognomie des maccheronischen Stils selbst habhaft zu
werden, um dadurch das wahre Wesen der ^grofien Komik Folengos
zu erkennen. Dazu kann uns nur die Sprache selbst verhelfen. Viel-
leicht, dafi mit diesem Nachspuren auf beobachtbaren und kontrollier-
baren Stegen: lateinisch und italienisch: neue Angriffsmòglichkeiten
fiir die sprachlich fast unbeaufsichtbaren Dunkelheiten des Burchiello
und des Rabelais, ja fiir viele der sogenannten »kiinstlichen Sprachenc
sich ergeben. Wir steigen nunmehr prtifend hinunter in die Schachte
des «gergo maccheronico», und versuchen einzudringen bis in den
Kern jeder Wortzelle.
1 Baldus XXV, 651 bis Schlufi.
DIE SPRACHE DES FOLENGO
439
2. Oberflàche.
Also hebt das Archipoema Macaronicorum des Merlino Cocai, das
Epos «Baldus», an 1 :
Phantasia mihi plus quam phantastica venit,
Historiam Baldi grassis cantare Camoenis.
1 Unserer Untersuchung liegt als Standardtext zugrunde: Merlin Cocai:
‘Le Maccheronee» a cura di A. Luzio, 2 voi. Bari 1911.
1. Ausgabe: «Baldus» (Venetiis in aedibus Alexandri Paganini, Kal.
ian. 1517.) P.
2. « «Bafdus*, Venedig 1520 bei Cesare Arrivabene. (Enthalt
die vollstandigen «Laudes Merlini»). A.
3. « «Opus Merlini Cocaii, poetae mantuani, macaronicorum»
(Tusculani apud locum benacensem, Alexander Paganinus
1521 die V. ian.) T.
Fiir diese Arbeit wurde der Neudruck der T von 1692
Amstelodami apud Abraham à Someren verwendet.
4 « «Macaronicorum poema ... — Cipadae, apud magistrum
Acquarium Lodolam) C.
Nach der Angabe Luzios in der «Nota» seiner Ausgabe
der « Maccheronee», Bd. II, S. 364, sei diese Ausgabe bei
Alessandro Paganini gedruckt, und zwar, wie aus ver-
schiedenen in dieser Ausgabe erwàhnten Zeitereignissen
hervorgehe, zwischen 1539 und 1540. Ich glaube jedoch,
friiher ansetzen zu diirfen wegen der lutherischen Ketze-
reien in Buch IX. Die Ausgabe selbst mag aus ver-
schiedenen Grunden erst 5—6 Jahre spater gedruckt worden
sein, wobei die Huldigungen fiir die Gonzaga noch inter-
kaliert worden sind. Der Gesamttenor der Redaktion C
entspricht der geistigen Verfassung Folengos zur Zeit der
Verfertigung des «Caos del Triperuno», also von 1526,
nicht aber der Haltung eines sterbensnahen Greisen, der
1544 verschied.
Von der Redaktion C existieren nur noch wenige
Exemplare. Ihre Ketzereien werden nicht zum wenigsten
zu ihrer Vernichtung be ; getragen haben. Luzio in seiner
Nota S. 365 spricht von vier Exemplaren: zwei im British
Museum, eins in der Vittorio Emanuele zu Rom, eins in
der Comunale zu Mantua. Es ist mir gelungen, in
der Landesbibliothek zuKarlsruhe ein weiteres
Exemplar aufzufinden.
5 « Merlini Cocalii poetae mantuani Macaronicorum poemata.
' Venetiis 1552, Herausgeber Giovanni Varisco. Sogenannte
Ausgabe Vigaso Cocaio. VC.
Diese Redaktion liegt der Ausgabe Luzios zugrunde.
440
CURT SIGMAR GU1K1ND
In prunkvollem Pathos rauschen zwei lateinische Verse dahin; ihr
stolzer Wohllaut nimmt den Leser in Bann. Noch unbefangen, horcht
èr auf den durchaus klassisch-erhabenen Ton dieses «phantasia», das er
mit geneigter Reminiscenz an die Vergil, Lucan und Statius sofort als
invocatio, als Anrufung der Musen zu deuten sich beeilt. Das folgende
«mihi» gibt dieser Auffassung wohl recht: Stolz ftìgt der Dichter sein
Persònliches neben das Gottliche, als wolle er damit gultig seinen
Wert und seine Berufung andeuten. Es reiht sich an ein «plus quam»,
das sich noch ganz leidlich an das «mihi» sinngemaB anhaften làfit.
Phantasia mihi plus quam.
Eine gewisse- Spannung ist erreicht, der Leser- erwartet eine Aus-
einandersetzung mit der Muse, die Erwahnung anderer Dichter oder
dergleichen mehr: wie er dies von den antiken Schulvorbildern her
gewòhnt ist. Er denkt an:
Musa mihi causas memora .... Aeneis I, 8
wo ersichtlich der phraseologische Aufbau àhnlich ist. Aber heran-
poltert ein
.... phantastica venit.
Der Vers ist zum Beschlufi gelangt. Alles stiirzt um und verwirrt
sich, Vergil verfliichtigt, der Leser wendet sich besturzt zum Anfang
zuriick, um sich Klarheit zu holen, was eigentlich geschehen ist.
Das Wort
phantastica
ist seinem Ohre verhaftet geblieben; beim rucklaufigen Lesen des
phantasia
stellt sich sofort assoziativ jetzt das «phantastica» zuneben. Dieses
Wortes ist aber die ganze goldene und silberne Latinitat bar; erst
die spàt mittelalterliche weist es auf. Nun kommen die Zweifel auch
an das «phantasia» selbst heran. Es ist ein ursprunglich griechisches
Wort. Bei Seneca wird es einmal (in den Suasorien II, § 14) er-
kennbar fremdwortlich in der Bedeutung «Einfall» — genau ent-
sprechend dem eigentlichen Sinn des griechischen cpavzaoia — ver-
wendet. Der Leser wird genótigt, abzuheben von der Wesensfulle
des modernen Fremdwortes. Langsam lòst sich das Prunkhafte ab.
«Phantasia phantastica» ist wahrlich keine Invokation. Aber der Leser
denkt an das italienische
racconto fantastico
DIE SPRACHE DES FOLENGO
441
und stutzt, greift nach «plus quam» und beginnt zu verstehen. Der
Rhythmus der Phrase làuft anders. «Mihi» ordnet sich «venit» bei
und verliert all die Hoheit, die es in der ersten Uberschlagsauffassung
einmal gewonnen batte. «Mihi venit» ist simple Erzahiung. Der
Satz, der mit «phantasia» rauschend begonnen hat, versandet gurgelnd
im flachen «venite.- Das «plus quam», das starken Akzent und
Hòhepunkt in der Versmitte zu bilden schien, verstàrkt jetzt nur das
Rumpeln und Rumoren des «phantastica» — und statt des Erhabenen
afft das Groteske. Die Worte entkleiden sich ihres Stolzes, der Rhythmus
verdampft, und iibrig bleibt ein ganz bescheidener Satz :
Es kam mir der mehr als erfindungsreiche (oder abenteuer-
liche) Einfall.
Aber das grofiartige Gehabe der aufóeren Form, das unbeirrbar
heroische Rollen der klar gebauten Hexameter lassen erneut auf-
merken. Das «plus quam phantastica» kònnte eine ganz neue Be-
deutung gewinnen : vielleicht versucht Folengo flir seine Dichtart
eine gewisse Charakterisierung programmatischer Natur, vielleicht
foppt er den Leser, den er zuerst mit klassischer Reminiscenz und
pompòsem Schwung gefangengenommen, um ihm all das sofort wieder
umzufegen. Das «plus quam phantastica» lafit nicht locker. Eine
neue Spannung, gemiscbt aus peinlicher Verwunderung und leichter
Heiterkeit, stellt sich ein. Noch ist alles ungeklart:
Phantasia mihi plus quam phantastica venit,
historiam Baldi.
Ist dies ein properzisches oder ein suetonisches oder ein mittelalterliches
Chronisten-historiam? Seltsam genug ist dieser wichtigtuerische Aus-
druck. Doch es knistert etwas zwischen dem «plus quam phantastica»
und dem «historiam». Ein klassisch lateinisches Wort «historiam» ist
durch ein ebenso klassisches «venit» verbunden mit einem neuartigen
Wort latinisierender Italianitat.
.... grassis cantare Camoenis.
Und «grassis» ist iiberhaupt nicht mehr lateinisch: «cantare Camoenis»
aber doch stolzester Stil der klassischen Epopòe. Syntaktisch gehòrt
«grassis» zu «Camoenis». «Phantastica» gibt den Fingerzeig: es ist
das italienische
grasso
mit lateinischer Endung: also ein Ktichenausdruck, ein animalisches
Wort, das zu gebrauchen sich ein Ariosto an einer solchen Stelle wohl
sehr tiberlegt haben wtirde!
442
CURT SIGMAR GUTKIND
Phantasia mihi plus quam phantastica venit.
Historiam Baldi grassis cantare Camoenis.
Nun wird es klar: in dem Spiel liegt unverkennbare Methode. Der
Leser spiirt, dafi ihn eine Hand leitet, die Worte vereinigen, Rhythmen
meistern, Wirkungen aufblitzen, dàmpfen und yerblasen kann, die
ganz klarsichtig - zielbewufót vorgeht und arbeitet. Das «grassis?
schafft Durchsicht. Von ihm aus riickwtirts bekommen sowohl «hi¬
storiam» wie «phantastica» wie schliefilich auch «phantasia» neue Be-
lichtung, von ihm aus vorwarts rangieren sich die «Camoenen» neu
ein : Der ganze zweiversig einleitende Satz erhUlt eine charakteristisch
unvergefiliche, ja programmatisch deutliche Einstimmung. Es klingt
unerhòrt: der hohe Kothurn, die stolze klassische Mythologie vereint
mit dem Hausmannston des italienischen Volkslebens. Und seltsam:
dieser Bastard aus Kothurn und Barflifiigkeit ist erquicklich, diese
Amalgamierung zweier Sprachen ist zwanglos und ohne Liicke: sie
ist grotesk.
Wie beim grofien Heldenepos mufi eine «phantasia» dabei sein;
aber sie ist «plus quam phantastica». Wo Vergil «arma virumque»
sagt, stellt der Zauberer Cocai ein chronikenhaft verwinkeltes und
grofispurig hohles «historiam» hin. Wo Dante Apoll anruft (Parad. I,
13) wendet sich Folengo an die fetten Musen.
Der Satz verkiindet. des Dichters Programmi
Zuerst tauscht er den Leser und gaukelt ihm trugerisch listenreich
klassische Weisen vor ? um ihn dann ruckweise aus dem klassischen
Himmel in die Wolken der Verwunderung und Unglaubigkeit herunter-
fallen zu lassen. Dann ruft er eine frische Neugierdespannung durch
das fahle und undeutliche «historiam» hervor und setzt schliefìlich mit
dem derben Vulgarismus «grassis» grinsend und lachend mit beiden
Fufien auf atmend lebendige Erde. Und rlickwarts drehend lafit
ihn dieser erstaunliche Dichter mit den «Camoenis» noch einmal
den ganzen Raum zwischen klàssisch - erhabenem, lateinischem Stil
und fetter, italienisch - neuzeitiger Erdensprache durchmessen: bis
■endlich — wie ein Fahnenwimpel — im Zusammenspiel und Wider-
spiel des Adligen und Vulgaren eine dichte irdische Kdmik iiber
das Ganze als Einheitsstimmung sich ausbreitet. Und diesen neuen
unerhòrten sprachlichen Zusammenklang nennt Folengo sein «Mac-
cheronilatein».
Bringen wir gemafi den bisher gewonnenen Erkenntnissen das
sprachliche Phanomen auf eine vorlaufige Formel, so mag sie lauten:
DIE SPRACHE DES FOLENGO
443
Der «gergo maccheronico» ist eine Mischung von lateinischen und
italienischen Worten, bei lateinischer Flexion und Rhythmik 1 * * .
Hier gilt es eine Weile innezuhalten : ein methodisch prinzipieller
Einwand muB vòllig aus dem Feld geschlagen werden: und dies von
der gleichen Denkebene ber, von der aus er den Angriff unter-
nommen. (Die weitere Untersuchung wird aufzeigen, datò auf einem
spater zu gewinnenden Feld der Betrachtung dieses Stilphanomens
der ganze Einwand gegenstandslos wird.)
Der unbefangene sowohl wie der textkritisch geschulte Leser wird sich
des Eindrucks nicht haben erwehren konnen, als sei mit dieser mikro-
skopierenden Betrachtungsweise so gar manches in die Verse, ja in
die Ausdriicke hineininterpretiert oder aus ihnen herausgedeutet, was
ihres Wesens nicht sei. Zum Beweis und zur Bekraftigung der hier
dargebotenen Anschauungsart und Ausdeutung, nicht zuletzt aber ftir
1 Leonardo Olschki in seinem sehr gelehrten weitschichtigen Buch
«Bildung und Wissenschaft im Zeitalter der Renaissance in Italien»
Leipzig 1922, sagt S. 150: «Bei den makaronischen Poeten ist die groteske
Lateinverhunzung Zweck. Man erkennt dies nicht nur in ihren Gedichten,
sondern vor allem in Folengos Bestreben, eine Grammatik und Metrik seiner
Sprache aufzustellen, die urspriinglichen iibermutigen Launen in feste
Regeln zu schliefien.» Und fiigt in einer Anmerkung bei: «Vgl. Folengos
,Normula macaronica de sillabis . . .‘ Mit dieser grammatisch metrischen
Fixierung war die makaronische Poesie naturlich zu Ende.» Ich mochte
dartun, dafi diese i\nsicht bei genauer Priifung der in Frage kommenden
Stelle nicht mehr aufrechterhalten werden kann.
Die «Normula» gehort zu den «prefazioni« der T. Von einer gramma-
tischen Fixierung ist hier (wie auch anderswo) nicht die Rede. Was die
Metrik anbelangt, so bekennt sich Folengo nur, soweit er rein lateinischc
Worte verwendet, als an die lateinischen Regeln gebunden «latina vero
vocabula suam observant quantitatem». Aber auch dies mit alien moglichen
weitlaufigen Einschrankungen («quaelibet adverbia terminantia in ,a‘, aut in
,e\ aut in ,o 4 latine sunt longa, quamvis multa in ,e‘ excipiuntur; sed maca-
ronice sunt ad placitum, ut ,valde‘, ,longe\ ,retro 4 , ,ultra 4 , ,erga 4 et cetera.
Sind das nicht aber lauter rein lateinische Worte? Wo kann da von einer
ernstgemejnten Regulierung die Rede sein, wenri alles «macaronice ad pla-
citum»? Und nach weiteren Einschrankungen sagt F. zumSchlufì: «Tamen
de principio ad finem libri repperies me latinae poesiae et regulae summa
cum diligentia adhaerere. Reliqua vero non bene tibi quadrantia aequo
animo feras et haec bastabilia sunt quantum ad sillabarum macaronearum
regulam.» Es diirfte doch kaum zweifelhaft sein, datò die ganze «Normula»,
deren «Regeln» Folengo selbst ja nicht im entferntesten respektiert, ein
spottischer Scherz und eine nicht ubel gelungene Selbstsatire ist. Um aber
ganz sicher zu gehen, geniigt es, den Tenor der tibrigen Teile der «prae-
fatio» sich zu vergegenwàrtigen, um der «Normula» jegliche Ernsthaftigkeit
abzusprechen.
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922 . 30
444
CURT SIGMAR GUTKINL)
ein intimeres Verstàndnis des Folengischen Arbeitsprozesses, ist es
notwendig, einmal die verschiedenen in der Zeitsphare des Dichters
erschienenen Ausgaben auf ihre gegenseitige Ubereinstimmung hin
anzuschauen \
Wir sehen ab von der P-Ausgabe von 1517 ? die nur 17 Bùcher mit
5000 Versen umfaBt, der ersten Jugendniederschrift des Bologneser
Studenten Folengo; sie ist nur in ganz wenigen Exemplaren erhalten
und dem Verfasser augenblicklich nicht zugànglich gewesen. Nach
Luzios Urteil, des vorzuglichsten archivarischen Kenners Folengischer
Dichtung, in einer Nota seiner Ausgabe Bd. II, S. 363 ist sie «poco
più di un abbozzo di adolescente precoce. Ci dà i canti goliardici
sbocciati a Bologna, tra la gaja baraonda universitaria; ritoccati dal
Folengo, con segreto rimpianto delle sue scapestrerie studentesche,
negli inizi della clausura monastica (? d. V.). Benché il volumetto
contenga embrionalmente tutti i germi fecondi dell’ arte folenghiana.
può nondimeno esser lasciato affatto in disparte.
Zur Verfùgung stehen :
T von 1521,
C von 1533 (?) oder 39,
VC von 1552 (Posthum).
Alle drei enthalten Redaktionen von der Hand Folengos. Sie liefern
gerade in den zwei Anfangsversen des ganzen Epos iiberaus deutliche
Nichtiibereinstimmungen. Ihre zeitliche Distanz, je etwa zehn Jahre.
gibt Spielraum genug, an Hand der Ànderungen, die Folengo selbst
getroffen hat, die Richtigkeit unserer Erkundung und Einstellung zu
bestàtigen.
Schauen wir Vers 1 in T und C an. Beide besagen :
Phantasia mihi quaedem phantastica venit
Dieses quaedam ist flach und dùrftig, es gibt dem Vers keine
Ausdrucksmòglichkeit der inneren Steigerung. Phantasia .... quaedam
zerreifit gleich zu Anfang schon den heroischen Schwung des ein-
leitenden Verses, beziehungsweise es hemmt ihn zu friih. Der Vers
bleibt saftlos: wir haben dagegen gesehen, welche Wirkung die von
Folengo in VC vorgenommene Korrektur «plus quam» erzielt.
Vers 2 heifit in T :
historiam Baldi grossi cantare Camoenis.
Die Fruhredaktion T (in 25 Buchera) ist auch weitaus die schwàchste:
«Baldi grossi» ist derb, aber kraftlos, weil der wirkliche szenische
1 Siehe Anmerkung auf S. 439.
DIE SPRACHE DES FOLENGO
445
Hintergrund noch fehlt. Das Bedurfnis, hier ein Vulgarwort pro-
grammatisch auszuspielen, war bei dem Dichter schon damals vor-
handen, aber der Wurf ging fehl und traf nicht ins Komische. Warum,
so mufì man fragen, ist dieser Baldus, den noch niemand kennt, denn
grossus? Als Held ist dieser Kerl damit in jeder Hinsicht von An-
fang an verunmoglicht, und das Camoenis hangt bedeutungslos und
beziehungslos in der Luft, einzig gehalten durch die klassische Re-
miniszenz. Beide Anfangsverse sind nicht komisch und wurzig, weil
das durch ein fahles quaedam geschwachte Phantasia — phantastica —
historiam keinen Eckpfeiler und keine Krònung in einer besonders
ausgestatteten Bedeutsamkeit der Camoenen findet.
In C hat Cocai schon retuschiert:
historiam Baldi grossis cantare Camoenis.
Sein labor limae spiirte den Leerlauf des T-Verses und hat mit
feinstem Vermogen durch die Anfiigung des dativischen s das grossi
als grossis auf Camoenis bezogen. Damit bekam der Vers komische
Bedeutung und sinnlich ausstrahlende Kraft. Aber «grossis» wurde
wegen des Nebensinnes, den femina grossa eben hat, unpassend. Es
kam ein Sinn in den Vers, der weit iiber das Ziel hinausschofi und
Vorstellungen erwecken muBte, die keinerlei Beziehung hatten. Aufier-
dem mufite die Schroffheit des Ausdrucks den wirklich komischen
Eindruck zerreifien und als geschmacklos, liberstark-hybrid bedenklich
abschwachen (wenn wir in Betracht ziehen, dafi es sich doch immer
um die erhabenen Camoenen der Lateiner handelte). Darum anderte
Folengo in V C mit selten gliicklichem Verbesserergriff das o in a
um und erreichte so mit grassis ein Attribut, das von unmittelbar
einleuchtender Komik und lebendigster Pragnanz ist.
Wir haben Folengo mit diesen beiden Versen ein wenig ins Hand-
werk gesehen. Seine Gliederung und Staffelung ist durchsichtig
und klar. Die einzelnen Teile haben Beziehung, Vor- und Rtick-
wirkung, Ausdehnung und Bestimmtheit : unerlafiliche Elemente eines
wahrhaft komischen Stils. Die architektonische Disziplin in diesem
ftir den Dichter doch zweifellos bedeutsamen Anfang ist streng. Das
schlechthin HandwerksmaBige beim antiken Eposbau ist in ahnlicher
Stetigkeit auch hier zu finden. Der komische Unterton oder Gesamt-
ton des Ganzen darf uns nicht abhalten, die einzelnen Teile scharf
zur Analyse zu sondern, im Gegenteil: die Ergrundung der Wesenheit
des Stiles macht die Mikroskopie zur Pflicht, zur Notwendigkeit.
30 *
446
CURI SIGMAR GUTKIND
3. Zellenbau.
Damit hat sich das Programm unserer ganzen Untersuchung auf-
gedeckt: Der Versuch soli gemacht werden, tief hineinzudringen in
die Zentrale der dichterischen Sprache des Folengo bis gar in den
Kern jeder Wortzelle. Sie wird auf ihren Gehalt gepruft. Die Ver-
bindung und Relation mit den vor- oder riickliegenden Worten wird
hergestellt. Von dieser Zentralstellung aus das ganze Gebàu der
ckiinstlichen Sprache» durchmustert. Das Ergebnis ausgewertet fur
das Phànomen des Stiles iiberhaupt und gleichzeitig damit fiir das
Wesen der Komik bei 'Folengo. Solite dieser Versuch gelingen, so
muBten wir am Ende der ganzen Untersuchung in der Lage sein,
eine grofiztigige Zeichnung der ganzen Stilphysiognomie zu ent-
werfen.
Von Voreinstellungen irgendwelcher Art frei, nur an Hand sachlich-
methodischen Apparats, mag die Arbeit nun ihren Weg gehen. Wir
wàhlen als ebenso charakteristisches wie kunstlerisch glanzvolles Stuck
zur Untersuchung einen Teil der SchluBepisode des ganzen Epos im
25. Buch, Vers 600 ff. Die Wahl gerade dieser Stelle ist rein will-
kurlich und fakultativ, jede andere, gleichgultig welche Partie des
ganzen Epos, gabe die gleichen Moglichkeiten der Ausdeutung an die
Hand. Sie hat den rein technischen Vorteil fiir sich, dafi sie uns in
ihrer gipfelnden Einmaligkeit und Besonderheit ohne Weiterung jeg-
liche ausschweifende Einfiihrung erspart. Es ist die Episode, in der
Merlino Cocai als buffonus seine Helden in den Kiirbis fiihrt und
dort sitzen làfit:
600 Post aliquod spatium, comparet machina grandis,
grandilitas cuius montem superabat Olympi.
Et quid erat moles tanta haec? erat una cococchia,
sive vocas zuccam, seccam, busamque dedentrum,
quae, quando tenerina fuit, mangiabili atque,
605 certe omni mundo portuisset fare menestram.
Ad latus ipsius, prò porta grande foramen
panditur, hincve intrat buffonus, Baldus et altri.
Stanza poetarum est, cantorum, astrologorum,
qui fingunt, cantant, dovinant somnia genti,
610 complevere libros follis vanisque novelli.
Sed quales habeant poenas, audite, poetae;
DIE SPRACHE DES FOLENGO
447
621 Zucca le vis, sbusata ,intus, similisque sonaio,
in qua sicca sonant huc illue semina dentrum,
astrologis merito, cantoribus atque poetis,
est domus; ut, veluti petra iacta retornat abassum,
ò25 utque focus per se supremum tendit, ad ignem,
sic leve cum levibus meschientur, vanaque vanis.
Stant ibi barberi, numero tres mille, periti,
est quibus officium non dico radere barbas,
sed de massellis dentes stirpare tenais,
630 hisque per ognannum sua dat sallaria Pluto.
Quisque poeta, uhi, seu cantor, sive strolecchus,
barbero subiectus, ibi saepe oyme frequentai
Barberus, dum complet opus, stat supra cadregam,
atque rei testam tenet inter crura ficatam.
635 Hic nunquam cessat nunc descalzare tremendis
cum ferris dentes, nuuc extirpare tenais,
unde infinitos audis simul ire cridores
ad coelum, nunquamve opera cessatur ab ista.
Quottidie quantas illi fecere bosias,
640 quottidie tantos bisognat perdere dentes,
qui quo plus streppantur ibi, plus denno nascunt.
In unserer Untersuchung werden wir die ersten zehn Verse durch-
sprechen.
600 Post aliquod spatium comparet machina grandis
grandilitas cuius montem superabat Olympi.
Vers 600 ist an sich kaum auffallend : nur das vòllige Fehlen
italienischer Worte und Wendungen kónnte in Erstaunen setzen.
Zwar sind die letzten drei, sogar vier Worte auch im Italienischen
mòglich: «compare una macchina grande», aber der Leser durfte
nach den verseinleitenden lateinischen Worten kaum direkt auf eine
vulgarsprachliche Lesung der drei (vier) letzten Worte verfallen.
Schauen wir auf die vokalische Struktur: so uberrascht sicherlich,
den Akzent jedes Wortes auf einenì a ruhen zu sehen, bei deutlicher
Haufung desselben Vokals gegen Schluss des Verses. (Wir miissen
uns dabei stets das prosodierende Hexameterlesen des Italieners vor
Augen halten!) Lautphysiologisch ist der Vokal a Ausdruck des
Staunens, Uberraschtseins. Wichtiger noch erscheint der innere
Rhythmus des Verses : zwei Dakt}den durchschreiten in raschem
Lauf das «aliquod spatium», zwei pregnante Spondeen «comparet»
brechen den schnellen FluB mit heftiger Dàmmung : Zeit des Er-
448
CURT SIGMAR GUTKIND
starrens und Aufsehens, Schauens und Bewufitwerdens ; ein neuer
schallender Dactylus zeigt die Erregung iiber die «machina», und mit
der breiten Sohle des «gran(dis)» betritt ein letzter Versfufi regel-
mafiiger Bauart den Gipfel des ganzen Hexameterverses : Rhythmus,
Vokalismus, Wortinhalt sind aufs einheitlichste verschmolzen : das
grandis» thront in pràchtiger Betontheit.
«Grandilitas» (mit dem prosodisch zu betonenden ersten i) nimmt
gleich einem Echo die Lautwucht des grandis in der ersten, diesmal
nur nebenbetonten Silbe auf. Aber das Wort selbst: es ist weder
lateinisch noch italienisch. Es ist eine hybride Neuform — bei ent-
fernter Analogie an mittelalterliche Neubildungen wie «praestabilitas,
volubilitas» aus den Adjektiven praestabilis, volubilis» —, aber ohne
innere Sprachgesetzmafiigkeit : im Bediirfnis, der Aufierordentlichkeit
und Einzigartigkeit dieser Anschauungsgròfie sprachbegrifflich ent-
gegenzukommen, erwàcbst dem Dichter aus dem vorliegenden «gran¬
dis» ein einmalig-neuartiges «grandilitas», das mit seltsam lateinischen
Alluren auftritt und dadurch den Satzlaut im urspriinglichen, ge-
hobenen Sinne aufs prachtigste weiterfiihrt. Dafi Folengo wirklich
das Bediirfnis hatte, den Hall und Widerhall des «grandis» und «gran¬
dilitas» zu nutzen, dafi er gerade deshalb zu einem klangvoll hybriden
Wort greift, erhellt ohne weiteres aus folgender Erwàgung: Vers-
techniscb ebenso richtig, syntaktisch sogar einwandfreier, sprachlich
(normativ) selbstverstandlicher ware folgende Diktion gewesen : «cuius
grandilitas montem . . .»; also miissen es tiefere Griinde gewesen sein,
die den Sprachkiinstler Cocai das «grandilitas» an den Versanfang
und damit in unmittelbare Verbindung mit dem Schlufi des vergangenen
Verses setzen liefien. Der Abgesang des Verses 601 ist klar und
sauberlich lateinisch.
Wir haben also das eigenartige Phànomen, dafi bei diesen zwei die
wichtige Schlufiepisode des ganzen Epos anschaulich einleitenden Versen
mit einer merkwiirdigen Ausnahme alle Worte dem Bereich derklassisch
lateinischen Sprache angehoren. Horen wir, was der Dichter dazu
sagt, und erinnern wir uns dabei der in § 2 gewonnenen Erkenntnisse
seines maccheronischen Sprachstils! In der T von 1521 findet sich
eine in Maccheronilatein geschriebene Prosaeinleitung «Merlini Cocaii
Apologetica in sui excusationem» : «Hoc parlandi genus rusticanum
rusticis* convenit. Parlatio vero minus grossa Tempestatibus maritimis,
bellorum descriptionibus, et quibusvis rebus non rusticanis applicanda
est. Si tamen in aliquibus locis succurrit loqui aut de Sanctis, in-
dignum et vituperabile esset non uti latinitate aliqua, non tamen tam
alta, quod videatur lapis preciosus limo sepultus, et gemma porcis
DIE SPRACHE DES FOLENGO
449
anteposta. Ideo post Musarum macaronicarum suffragia quandoque
Thaliam invocare libi condecet voluimus . . . Sed quoniam aliud ser¬
vandomi est in Eglogis, aliud in Elegiis, aliud in heroum gestis di-
versimode necessarium est canere.»
Es gilt dem nichts mehr hinzuzuftigen.
602 Et quid erat moles tanta haec? erat una cococchia.
Dem ersten, hupfend fragenden Daktylus folgen drei lastende, vokalisch
schwer fundierte, trachtige Spondeen : breit das «moles», staunend das
tant(a)^, aufgeregt das «haec». Der Gang der Phrase ist in hdchstem
Mafie lebendig. Es ist gleichsam ein erstauntes langsames Naher- und
Nahertreten : et quid erat . . . moles . . . tanta . . . haec»: Die
Helden sind angelangt : polternd lòst sich die Erkenntnis daktylisch
los: «erat una cococchia». Als letztes Wort des sonst rein klassisch
lateinisch gestuften Verses erscheint ein Wort aus der niedersten
mantuanisch-provinziellen Umgangssprache, mit dem neckischen «co-
coc ...» dem lateinischen Geròll lustig sich entschwingend. Und was
kann psychologisch einleuchtender sein, als dafi der Dichter an diesem
Punkte dem Staunen im Mutterlaut der saftigsten Vulgàrsprache sich
Luft machen lafit? Unverkennbar ist nunmehr die virtuose Absicht-
lichkeit ? die sinnliche Methode dieses Sprachspiels, deutlich die prach-
tige Abwagung des jeweils notwendigen Sprachbezirks. Es ist die
lebendigste Mit tei punktst ellung , die zentralste Ver*
mòglichkeit sinnlicher Gestal tungskraft, diedemDich-.
ter die Sprachmittel, die Verlautbarungen seiner sinn-
lich geschauten und erlebten Bi 1 dwirklichkeit an die
Hand geben.
603 sive vocas zuccam, seccam busamque dedentrum,
quae, quando tenerina fuit, mangiabilis atque,
certe omni mundo potuisset fare menestram.
Vom «Olympus» herabgestiirzt, sind wir in den Niederungen der
mantuanischen Bauerngarten angelangt. Schon aber scheint Folengo
wieder aufwiirts zu stilisieren: «sive vocas zuccam». Zucca ist ge-
mein-italienisch = Kiirbis: aber ein Wort ? geladen mit alien mòglichen
Nebenbedeutungen aus der menschlichen Leibessphare bis zur zotischen
Eindeutigkeit. (Es hat eine starke Symbolahnlichkeit mit dem im
frànkischen Sprachbezirk heute noch lebendigen deutschen Dialektwort
Schwelles».) Die ganze italienische komische Literatur vom Cecco
Angiolieri iiber die blirgerlichen Florentiner des ausgehenden Tre¬
cento, iiber Burchiello, Iiber die Bernesken bis zu Marini 1 verwendet
1 «Murtoleide» Fischiata 9 u. 13.
450
CURI SIGMAR GUTKIND
«zucca» in unmitòverstandlicher Bedeutung. Lassen wir vorlaufig die
sexuell verankerte Zwischenschicht aufier Betracht, so bleibt die eine
oft wiederholte Bedeutung = Kopf mit herabwurdigendem Sinn.
Wir ziehen auch jetzt noch nicht die Weiterungen aus dieser Er-
kenntnis, begniigen uns hingegen, die Tatsache selbst festgelegt zu
haben.
Schuchtern heben zwei lateinische Worte den Vers 603 an ; sie sind
sehr unbedeutsam, lassen gleichsam noch den Schwung der voran-
gegangenen lateinischen Diktion, der an die Scholle des «cococchia;
gebrandet war, verebben. Und nun ubersturzen sich Vulgarismen:
«zucca, secca, busa (mant. = buca), tenerina, mangiabile.» Die paar
beilàufigen lateinischen Worte «quae, quando, fuit, atque» dienen nur
noch als syntaktische, lockere Gelenke. Die bauerliche Kleinwelt er-
scheint. Busa , ein vieldeutiges und bis ins Obszòne belastetes Wort,
tenerina, ein bei Kindern gebrauchter Ausdruck, mangiabile, ein reines
Wort der italienischen koivìu
Folgt Vers 605 mit seinem stolzen klassischen Latein und den ge-
wichtig tuenden Spondeen. Wieder scheint alles in eine andere Sphare
geriickt, die derjenigen von Vers 600 ff. mehr entspricht. Aber so
recht will das alles sich nicht mehr fiigen. Das Berg und Tal
der Diktion hat ruhige Betrachtung verunmoglicht. Und nun schlagt
der vulgare Abschlufi des Verses alle Erhabenheitsstilisierung end-
gliltig in die Winde. «Fare menestram» mit dem Dialekt-e statt
des xoivij -i placiert das ganze Bild an den Horizont der maccheroni-
schen Musen, die ihren Liebling durch ihre Maccaroni zum Leib- und
Magendichter gemacht haben. («hic [im lacus maccaronicus] nracaro-
nescam pescavi primior artem, hic me pancificum fecit Mafelina [eine
seiner Musen] poetam [Baldus liber I, Vers 64—65]). «fare le mi¬
nestre heifit «Suppe austeilen», aber in ubertragener Bedeutung auch
seine Hand im Spiele haben», «den Herrn spielen», «nach Belieben
schalten und walten». Die symbolische Bedeutsamkeit wird binnen
kurzem erhellen.
Wir sind auf den Àckern der Komik, und zwar der grotesken Komik.
Der gespreizte Kothurn der Sprache in den Versen 600—602 wird
peinlich verlàcherlicht durch das Bild vom Kiirbis*, das Bild des Kiirbis
erniedrigt durch die barfufiige Sprache der Verse 603—605 mit den
abseitigen Attributen. Vers 605 erhebt jedoch das Ganze wieder in
das Gefilde einer deutlich fiihlbaren, komischen Erhabenheit, die in
polarem Gegensatz steht zu der heroischen Erhabenheit der Anfangs-
verse 600 ff. Die Sichtkluft zwischen diesen beiden Polen ist eben
das Groteske. Die Briicke der Verstandigung und Einfiigung bildet
DIE SPRACHE DES FOLENGO
451
die maccheronische Sprache selbst. Sie enthàlt in sichdurch
die fakultative Verwendung lateinischer, mundartlich-
provinzieller und gemeinitalienischer Worte bei flexi-
vischem und syntaktischem Ùb erwiegen des Lateins
die Amalgamationsfermente zu dem Bild. Anschauung
und Sprache stehen in unmittelbarer Wechselwirkung.
(Als Bestatigung dafur gentigt es an und ftir sich schon, die fran-
zòsische Prosaiibersetzung von 1606 oder die italienische des Landoni
1819 [Milano] irgendwo auf ihre Wirkung nachzulesen.)
Durch diese neuerliche Erkenntnis sind wir in der Betrachtung dieser
kiinstlichen» Sprache ein gut Stiick vorangekommen.
606 ad latus ipsius, prò porta grande foramen
panditur, hincve intrat buffonus, Baldus et altri.
Auch hier vollzieht sich der wichtige Akt des Eintritts im Parade-
schritt lateinischer Phraseologie. Aber der Bildner Folengo ist listig
und jeglichen Mifitrauens wiirdig : das scheinbar so glattlaufende Wort
Toramen» gibt zu denken: «foramen» heifit fast stets im klassischen
Latein «jede kleine Offnung, z. B. bei Livius operculi foramina:
oder bei Horaz «tibia foramine pauco»; wie reimt sich also das <grande
foramen»? Solite hier nur ein burleskes Wortspiel vorliegen? Auch
das Italienische ist dieses Wortes nicht bar: bei Dante steht forame
ebenso noch in der Bedeutung = kleines Loch , findet sich anderswo
noch = kleine Mauerspalte ; heute ist es im lebendigen Sprachgebrauch
ausgestorben : im wesentlichen ist hier der Wortsinn identisch mit dem
lateinischen. Schauen wir weiter: das eng mit «foramen» verbundene
«panditur» von 607 hat ebenso einen eigenen Sinn. Aus dem italie-
nischen Sprachbereich stammt das Wort hier sicher nicht-, heute aus¬
gestorben, existierte es zur Zeit Folengos wenn iiberhaupt noch, dann
nur in der abgezogenen Bedeutung «erklaren, darlegen». Die latei-
nische Bedeutungssphàre : «agros pandere» (Verg.), rupem ferro
pandere» (Liv.), dann wieder bei Vergil, dem klassischen Vorbild
Folengos «portae panduntur« = Tore klaffen auf: weist also auf ein
Klaffen, Rifi u. a. Da zunachst, bei der sonst ruhigen Diktion, kein
Anlafi vorliegt in Vers 606/607 ftir ein so briiskes Offnen einer Tur,
so muB ein anderes dahinterstecken. Nehmen wir nun unsere oben
gewonnene Erkenntnis von der Wesenskongruénz von Anschauung
und Sprache bei Cocai zu Hilfe, so ergibt sich eine iiberraschende
Lòsung, die von einer anderen Seite her noch gestiitzt werden kann :
wir miissen «grande» adverbial auffassen und zu «panditur» beziehen,
eine Prozedur, die ja s)mtaktisch vòllig einwandfrei ist. Die Uber-
452
CURT SIGMAR GUTK1ND
setzung hat also zu lauten: «Anstatt einer Tur klafft gewichtig auf,
spreizt sich gewichtig ein Lòchelchen» mit einem (wie auch bei Vergilj
medialen Bewegungsrhythmus. Dann steht auch foramen als Haupt-
sache (wie 601 Olympi, 602 cococchia, 605 menestram) isoliert am
VersschluB, entsprechend Folengischem Sprachgebrauch. Nun wird
es auch wirklich, der zucca konform, ein erklecklicher Eingang. Denn
mehr noch:
Boerio gibt in seinem «Dizionario del dialetto veneziano» fur forame
die Bedeutung = buso del c . . . . Damit ist gleichzeitig das «busa»
von Vers 603 lokalisiert. Die «zucca», das Lieblingsemblem der gro-
tesken Barockornamentisten, erhalt seine Tiefenbedeutung. Und mi
nestra? Aus «Baldus» Buch VI, der ergòtzlichen Episode vom Kampf
der zwei Bauernweiber miteinander, sei folgende aquivalente Stelle
zitiert, die jede weitere Deutung erspart:
320 Tandem perveniens ad quandam Berta masonem,
altorium vocitat, vultque altram scandere sepem
contextam stroppis salicum, plenamque rovidis.
Utque salita fuit, propter saltare delaium,
se se cum socca spinis gathiavit in illis •
325 stantibus in susum pedibus vilupata remansit.
fecit scoperto solem tenebrare quaderno,
contraque naturam superavit luna maritum.
Non stetit indarnum, sed caldani Laena conocchiam
mersit in ecclypsim, qui iam scuraverat orbem.
330 Quando focum sensit coxas bona donna brovantem,
vieta dolore simul, fumantem supra menestram
sopiat, atque altro mollat simul ore corezam,
quae potuit vento roccam smorzare gaiardo.
Deutlich wird nun der latente obszone Nebensinn und Untersinn der
Verse 602 ff. Wir kònnten weitergehen: aber es wiirde den Rahmen
dieser Arbeit sprengen, solite hier das Problem der Sexualsymbolik,
auf das wir schon in § 1 einmal gestofien sind, in seiner ganzen folgen-
schweren Bedeutsamkeit behandelt werden. Es soli hier nur fest-
gestellt werden und zur Bereicherung des physiognomischen Bildes
dienen. Wir sehen jetzt, wie die in Frege stehenden Worte einen
richtigen Gesamtsitz. bekommen: Die groteske Anschauungs-
kraft Folengos hat zur gleichen Zeit den passenden
Ausdrucksbegriff gefafit. So nur wird in gegenseitiger Er-
ganzung Anschauung und Sprache der wirklich maccheronischen Form
— Einheit von Schau und Ausdruck im Doppeldeutigen bei schein-
DIE SPRACHE DES FOLENGO
453
barer Diskrepanz im eindeutig Unmittelbaren — gewifi. Als schltis-
siger philologischer Beweis sei dieselbe Stelle in der Fruhredaktion T
dargeboten :
Post curtum spatium retrovarunt denique zuccam,
Grandilitate parem Montagnae Valcamoneghae
Quae toti mundo potuisset fare manestram,
Ad latus ipsius zuccae stat grande foramen,
Per quod cum stulto Baldus comitesque subintrant.
Unnòtig, tiber die geringere Wertigkeit dieser Verse gegenuber der
spateren Redaktion ein Wort zu verlieren: weder ist das Anschau-
liche klar geschichtet noch der sprachliche Bau adaquat: eins mufite
eben das andere bedingen. Keine innere Bewegung ist vorhanden.
Die «zucca» durch kein cococchia eingeleitet, ohne weitere Attribute und
Beziehungen, kann zunachst nur in ihrem eigentlichen Sinne als
Kiirbis : verstanden werden. Wir finden hier : «stat grande foramen» ;
ein Widersinn, lòsbar nur wieder durch die Nebenbedeutung des
«foramen» als obzòne Groteske. Der mangelnde Bewegungsrhythmus
im Anschaulichen in all diesen fiinf Versen der T macht offenbar, dafi
die bildliche Schau- und Vorstellungskraft ihrer selbst noch nicht ge-
recht geworden ist und noch keine Anschauungseinheit gefunden hat.
Daher naturgemafi auch die Flachheit der Diktion. Nun gilt es nur
noch einmal zu vergleichen, wie ftinfzehn Jahre spàter der reife Folengo
aufgeformt hat. Und mit erneuter Evidenz wird klar, wie
innig Anschauung und Sprache einander verhaftetsind,
wie ihr Quell aus gleichem, gemeinsamem Grund ent-
springt: es ist ih re «mythische» Wurzeleinheit, die an
der Oberflache als gleiche Unitat'sich darbietet in der
Selbstverfctandlichjceit und Unabanderlichkeitdes
maccheronischen Stils.
Noch eines aus Vers 607 : der lat. «stultus» der T, ist dem «buf-
fonus» gewichen. Die Welt der italienischen Komòdie tut sich auf.
Und mehr noch: wir wissen, dafi Folengo in seiner Grammatik
unter buffonus den komischen Dichter iiberhaupt versteht, d. h. dafi
er selber der «buffonus» ist: groteske Eigenheroisierung, deren Wesens-
merkmale wir bereits kennen. Dieser buffonus Folengo fiihrt seine
Helden selbst in die «zucca» hinein.
608 stanza poetarum est, cantorum, astrologorum,
qui fingunt, cantant, dovinant somnia genti,
complevere libros follis vanisqué novellis.
454
CURT SIGMAR GUTK1ND
Breit thront an dieser grofiartigen Stelle das italienische Wort
stanza» = Logis, Zimmer. Und doch heifit «stanza» auch Stanze =
Strophe in acht wechselweis gereimten Versen, weiter gefafit = Dich-
tung iiberhaupt. Alles beginnt sich durcheinanderzuschieben : rein
anschaulich = Zimmer, zur gleichen Zeit wird aber die ganze Sicht
als Ausgeburt der innewohnenden Dichter und Deuter stilisiert ; ein
wahrer Gallimatthias von Anschaulichkeit : und doch nur scheinbar:
denn diese Durcheinanderschiebung und Uberschneidung von Vor-
stellungskomplexen, dieser groteske Wirbel von Bildern und Spharen
ist erlebt; denn Folengo identifiziert sich ja, gehòrt als der buffonus
Merlino Cocai zu den Dichtern, ist ja selbst der Dichter des Ganzen,
der das Gebilde schafft, zunachst aus der Sichtdistanz heraus spricht
und dann plòtzlich mit phantastischer Volte hineintritt in sein eigenes
Bild die Sichtdistanz iiberspringend, und von dort aus antwortet : beide
Stimmen treffen sich und hohnen einander, ein Bildschnittpunkt
ist geschaffen, der ein groteskes X ist. Die Wahlverwandt-
schaft mit dem Hieronymus Bosch wird manifest.
Und was sagt Cocai von den drei Vertretern?
609 qui fingunt, cantant, dovinant somnia genti.
fingo bedeutet lateinisch «gestalten, erschaffen»,
italienisch nur «austiifteln, heucheln, sich verstellen».
Canto bedeutet lateinisch «singen»,
italienisch auch schreien, làrmen, krahen, dudeln.
Do vino : latein. divino = ahnen, prophezeihen, deuten ;
ital. indovino = erraten.
Jedes dieser drei Worte hat also im Lateinischen eine triftige und
erhabene Bedeutung, im Italienischen daneben noch eine herab-
gewurdigte und erniedrigte. Besonders deutlich und ^eweisschlussig
wird dieses Uberkreuzspiel der Bedeutungen in den zwei Sprachen
bei dem «dovinare». In dieser Form existiert das Wort nur hier.
Es ist also eine eigenartige Kontamination aus indovinare und divinare :
im Sprachbewufitsein des Dichters aber ein neues Wort, ein selb-
standiges Wort mit selbstàndiger Bedeutung, die dem Sinne gema®
eben die schillernde Mitte zwischen der erhabenen, pompòsen iateini-
nischen und der undeutlich fahlen italienischen Bedeutung halt. Ein
Sprachschnittpunkt also.
Halten wir nun das Element, das wir oben als Bildschnittpunkt be-
zeichneten, neben das hier als Sprachschnittpunkt bezeichnete, so
kommen wir zu einem neuen SchluBresultat :
DIE SPRACHE DES FOLENGO
455
Das formende Bewufitsein des Dichters steht zwischen heroisch-
klassischer Anschauung und burlesk-vulgarer Anschauung in der Mitte.
Das formende BewuStsein des Dichters steht zwischen klassisch-
lateinischer Sprachgestaltung und vulgar-italienischer Sprachgestaltung
in der Mitte.
Fassen wir zum Schlusse nochmals alle gewonnenen Erkenntnisse
zusammen, und vergegenwartigen wir uns dabei gleichzeitig die Biologie
des ganzen Stils:
I. Ein Darstellungsanreiz aus der Beobachtungssphare dringt in die
Anschauung des Dichters. Er stofit zunachst auf die konventionelle
Bildungsschicht im BewuBtseinskomplex. Alle Vorstellungen klassisch-
konventioneller Art werden aufgefangen und von dem dort lagernden
Sprachschatz absorbiert. Also Ivonventionalvorstellung = Konven-
tionalausdruck im Sprachlichen.
IL Darstellungsanreize von so elementarer Art dringen ein, dafi sie
durch das Bildungsbewufitsein Folengos durchstofiend einmtinden in
animalische Natur (die vollsaftìge Sinnlichkeit, die ungeschlachte
bauerliche Brutalitat, die faunische Urlust, die dàmonisch aufgewuhlte
Orgiastik).
III. Darstellungsanreize — Formverwirklichungen : Dort, wo diese
Darstellungsanreize die konventionelle Bildungsschicht des Latein zer-
schlugen, an diesen Durchbruchsstellen treten die Depravationsphanomene
des Lateinischen ein. Der Blitz der uberstarken Anregung zerschmilzt
die Metallschicht des Latein, die niederrinnend auftrifft auf die von
unten emporsteigenden sprachlichen Vulgàrsubstanzen : das Amal-
gamationsprodukt dieser beiden Elemente lagert sich in einer Zwischen-
schicht des Folengischen Bewufitseinkomplexes und wird verlautbart
als der wahre stile maccheronico.
CuRT SlGMAR GuTKIND.
L’ accentazione
degli allotropi italiani di base greca.
Per quanto concerne Y accentazione dei nomi greci passati nella
lingua latina, i grammatici antichi, tra i quali eccelle Quintiliano, for¬
mulavano con precisione la regola che essi nomi dovevano conservare
V accentazione originaria qualora non fossero alterati per nulla nella
loro composizione fono-morfologica, soggiacendo per contro alt im¬
pero delle leggi toniche latine quando risultassero comunque deformati
in modo da perdere il loro aspetto esotico. Si pronunciava adunque
Acarnàn, Mantùs, Or pili, Pallds , Al ledo, aéra, Titanós, Heléne,
ma Lydia, Hélena f litànis e via dicendo. A questo proposito, fra
le numerose testimonianze delle quali ho discusso particolarmente in
altra occasione, mi basti citare come in sommo grado significativa
quella di Servio 1 : «Sane Epiros graece profertur, unde etiam E
habet accentum; nam si latinum esset Epirus , pi haberet [accentum],
quia longa est.»
Più aggrovigliata è la questione sull' accento delle parole di origine
greca nelle lingue romanze in genere e nella nostra in ispecie. Senza,
per il momento, propormi la soluzione deli" interessantissimo problema
nella complessità delle sue manifestazioni, mi voglio ridurre a studiare
la varietà tonica in un gruppo di allotropi 2 italiani derivati dal greco,
di quelle coppie di vocaboli, cioè, i quali, comechè risalenti ad una base
comune, si sono venuti sviluppando in più modi riuscendo ad esiti vari
caratterizzati in generale dalP accento differente, non solo in contrade
diverse, ma nella cerchia delle stesse mura, e distinti altresì nella co¬
scienza dei parlanti per il valore semantico divergente. Osserva il
Canello relativamente appunto agli allotropi che la naturale tendenza
di chi parla a schivare gli equivoci, deve aver spinto ad assegnare, per
inconscio accordo, di due sensi che avesse la parola originale, Puno ad
1 Ad Georg . I, 59.
2 Così il Canello «Arch. glott.» Ili, p. 285, ha chiamato i doppioni © dit¬
tologie note solitamente in tedesco col nome di Doppelf ormen o Scheide¬
forme n e in francese con quello di doublets, doubles formes. Anche
la denominazione polimorfie, prescelta da Adolfo Tobler, non dispiace.
l’ accentazione degli allotropi italiani di base greca
457
una e P altro alP altra delle sue trasformazioni volgari’ x . Ma ciò
forse non è completamente esatto; è risaputo infatti che i vocaboli
nella loro vita restringono o allargano il loro significato perchè non
riescono mai ad adeguare una determinata rappresentazione. Il che
meno si scorge in chi parla, quando ogni parola prende un valore
speciale nelP insieme delle altre parole e in relazione alP intenzione
percepibile del discorso, ma invece è evidente ove si accostino per
confronto i significati assunti da un medesimo vocabolo a distanza di
secoli. Ciò non sfugge, chi, per esempio, traduca dal latino in italiano.
In genere per ogni vocabolo latino si affaccia subito alla mente
quello di suono corrispondente nella lingua nostra, ma il significato
d’ ognuno è mutato sicché nasce una particolare difficoltà a trovare la
voce che non tradisca il pensiero. Si vede adunque come il tempo lasci
una traccia inalterabile anche nelle parole che, .sebbene costituite dalla
stessa sostanza, si consumano nel quotidiano attrito dell uso. E co-
testa constatazione è tanto più vera per gli allotropi. Infatti mentre
Palterazione fonetica che hanno subito nasconde i reciproci loro rap¬
porti, favorisce altresì il singolarizzarsi di ciascun vocabolo e attenua la
coscienza delP etimologia primitiva, sicché essi divergono dal significato
o dai significati della base da cui furono attinti senza che avvenga
ciò che suppone il Canello e cioè che uno assuma un senso e P altro
P altro della base stessa. Qualche esempio sarà più opportuno di
un lungo discorso. Da chartularius archivista si ha cartolaio , -ro
chi vende carta o libri da scrivere; cartolavo -re libro di memorie e
il riprovato cartolario , archivio 1 2 . Vediamo quindi che le due elabora¬
zioni diverse di una medesima base hanno sortito significati tra loro
diversi: cartolavo e cartolaio ed entrambi con significato diverso dalla
base chartularius . In quanto al riprovato cartolario archivio è parola
dotta la quale, come ben vide il Canello, postulerebbe piuttosto un
chartularium . Da cibaria commestibili si ha civaja legumi «con
evoluzione ideologica caratteristica in rapporto alla dieta toscana», e
civéra, civéa portantina, in origine portantina da cibi. Ed anche qui
gli allotropi presentano significati diversi e divergenti entrambi dal
vocabolo da cui derivano.
Se non che il processo che ha generato i doppioni non è sempre
spontaneo e sulla formazione loro non è da escludere P influenza delle
persone colte. Riducendoci alla categoria di allotropi di fonte greca,
certo è che il precetto oraziano:
1 Op cit., p. 287.
2 Tolgo questo esempio e il seguente dal Canello op. cit., p. 306, traendoli
tuttavia *ad altra sentenza eh’ ei non tenne.
458
MASSIMO LENCHANTIN DE GUBERNATIS
Et nova fictaque nuper habebunt verba fidem, si
Graeco fonte cadent parce detorta,
non rimase senza efficacia specialmente quando, in relazione alla
cresciuta coltura, le nuove idee e le nuove invenzioni richiesero Y uso
di parole nuove; sicché non ci dobbiamo meravigliare se nel linguag¬
gio tecnico si siano prima introdotti, venendo gradatamente assimilati
dall' universalità dei parlanti, vocaboli che costituiscono quasi come un
duplicato di altri che evolvendosi spontaneamente avevano subito tras¬
formazioni che ne mascheravano Y aspetto esteriore.
Nelle coppie di allotropi che seguono, noi osserviamo che 1 uno as¬
sume T accento che gli spetta secondo la prosodia latina, quello cioè
fissato in rapporto alla quantità della penultima, e Y altro Y accento deir
originale greco. In generale si può affermare che Y accentazione
greca è indizio di introduzione più recente del vocabolo relativo anche
se non abbia impresso il carattere di parola dotta, ma di voce volgare l .
àxaxia: acdcia la mimosa nilotica di Linneo, lat. acacia (Cels. VI,
6; Plin/XX, 109), volg. cascia per *cacia , come cascio per cacio;
gaggia P acacia farnesiana indigena nell’ ìsola di S. Domingo donde
fu portata Y anno 1611 a Roma nel giardino del cardinale Farnese.
In gaggia, oltre all’ aferesi che ricorre pure in cascia, troviamo, come
al solito, il x greco protonico = lat. c reso con g 2 * '. Acdcia e gag¬
gia restarono per i parlanti come due nomi fra di loro distinti e si¬
gnificanti specie diverse. Il primo, ereditato dalla tradizione latina, si
mantenne inalterato nella compagine fonetica nonché nell 'accentazione
che è quella di parola acclimatatasi completamente nella lingua di
Roma; il secondo costituì in origine un neologismo tratto dal greco
per designare, in base ai caratteri esteriori, la nuova pianta, e nella
propagazione orale, pur andando soggetta alle normali trasformazioni
fonetiche, mantenne Y accento della base greca.
aTtóu/^a: apóssima, apostema decotto di materie vegetali aroma¬
tiche, addolcito con miele o zucchero, lat. aposema (Theod. Prisc. Ili,
8; Plin. Val. I, 6; II, 30): bozzima intriso di cruschello, d’untume
e d’ acqua che i tessitori adoperano per ammorbidire i fili della tela
perchè passino più facilmente per i licci e il pettine del telaio ; bósmina,
bozzima nel Pataffio per "cottura 5 . Apostema, parola dotta, passò
1 Gli allotropi qui studiati trovansi già raccolti nel Canello op. cit.,
p. 388 sgg. Naturalmente alle indicazioni date da lui, aggiungo quelle che
assumono speciale importanza in rapporto al fine che mi sono proposto con
lo studio presente.
2 Meyer-Lubke, Italienische Grammatik, p. 103, della traduzione
italiana.
L' ACCENTAZIONE DEGLI ALLOTROPI ITALIANI DI BASE GRECA 459
nel linguaggio tecnico dei tessitori e andò soggetta alla aferesi, poten¬
dosi la iniziale facilmente confondere con la vocale deir articolo. Il pas¬
saggio da apOBBima decotto a boBrinci cottura, cioè il cambiamento
di significato da passivo in attivo non è insolito. In latino, per esem¬
pio, decoctio significa Y atto di cuocere e la stessa cosa cotta. Il paros-
sitono boBBima è forse dovuto all 7 analogia con le nostre voci in -ina.
yu&aQa : citerà, cétera , cetra, lat. cithàra (Lucr. II, 28) e chitarra.
Cétera e, con la sincope della vocale mediana inaccentata, cetra con¬
tinuano la forma classica di cui mantengono V accento; chitarra ripro¬
duce invece, anche nell' accentazione, il greco Kittaga che entrò nell 7 uso
con l 7 omonimo strumento apparso in Italia verso la fine del secolo XII
e il principio del XIII. Chitarra talvolta si disse anche per cetra: cfr.
Voc. Crusca s. v. Ma la confusione non deve far specie: anche in
scrittori vicini a noi e in qualche dialetto si usa, per esempio, *clavi-
cembalo c o ^cembalo* per 5 pianoforte c che sono due strumenti diversi.
YMfrédQa : cattedra, cdtedra luogo elevato donde parlano i profes¬
sori, gli oratori e simili (lat. cathedra, Hor. sat . I, 10, 91) ; cadréga,
sedia reale (usato dal Cecchi) con la metatesi di r e il mutamento
del nesso -ir- in -dr-. Cadréga, caréga seggiolone, poltrona è d 7 ori¬
gine settentrionale. In Toscana non è spiegabile come succedaneo
diretto di cathedra per ragione essenzialmente di -g-. Il suo centro
di irradiazione è in special modo il Veneto h
crcufavua 1 2 : epifania, pifania, befania la festa dell’ apparizione,
lat. epiplianla: (Amm. XXI, 2, 4; cod. Inst. Ili, 12, 2); befana fantoccio
di cenci che si portava attorno la vigilia della epifania, ed essere
fantastico in forma di vecchia. In befdna si ha il mutamento di p in
b normale dopo aferesi e invece di -ia finale si ha -a. Epifania o
con aferesi pifania o con il mutamento regolare della consonante e
della vocale iniziale befania è accentato alla latina; in befdna invece
ricorre l 7 accento greco.
jActvla: smania brama ardente, eccessiva agitazione prodotta da
causa fisica o morale (lat. manìa Cael. Ili, 12, 107) : mania esalta¬
zione morbosa della mente. In smania da notare la prostesi di s.
Mania è di origine dotta e evidentemente fu introdotto nel linguaggio
tecnico della medicina.
deanóz^g: dèspota, principe che governa come padrone assoluto e
1 Cfr. Bertoni, Italia dialettale, p. 25. [Non si dimentichi 1' influsso
di quadriga. G. B.J
2 Cotesta e non, come voleva il Canello op. cit., p. 889, hnyaviu è la base
greca di epifania e befana. Partendo da Inufavta non si potrebbe spiegare
r accento di befdna.
Archivum Romanicum. —- Voi. VI. — 1922.
31
460
MASSIMO LENCHANT1N DE GUBERNATIS
chi si diporta con prepotenza nell' esercitare la propria‘autorità* de-
spóto titolo dei governanti vassalli dell’ impero bizantino e poi del
turco. Che despóto fosse accentato sulla penultima 1 è, se non pro¬
prio sicuro, assai verosimile, trattandosi di titolo che prese ad essere
noto con Y istituzione del funzionario greco omonimo.
avfÀCftùvia : sampogna, zampogna, lat. symphonia (Cic. Verr. II, 3,
44*, 105); sinfonia concerto di più voci o strumenti, pezzo stru¬
mentale che fa da preludio all’ opere musicali. Sinfonia sembra, non
occorre dire perchè, d’introduzione recente.
XoleQct: còllera ira improvvisa, lat. cholera (Cels. II, 13; IV, 11;
Plin. XXIV, 73) ; colèra male epidemico. ’Nell’ uso ordinario', os¬
serva il Tommaseo Diz . il. s. v. c gP Italiani dicono collera non cholera
anco il morbo violento così chiamato .... e la distinzione tra esso e
la collera è fatta dal genere diverso’. Dai medici dei tempi andati
picevasi colera, voce riproducete il lat. cholera , una specie di colica
biliosa accompagnata da vomito, contrazioni e altri gravi sconcerti.
È evidente che, data la somiglianza degli effetti, colera e colèra
erano mali che potevano andar confusi ; V omofonia colera e collera
è poi tanto grande che non è singolare non venissero distinti volgar¬
mente. Ai tempi nostri, anche a causa della cresciuta cultura gene¬
rale, la differenza tra còllera e colèra è osservata. Il termine scien¬
tifico recente colèra, come si vede, mantiene V accento originale 2 .
Quindi riguardo alla accentazione nelle coppie di allotropi di base
greca, ci è lecito pervenire alle seguenti conclusioni:
1. Sono accentati alla latina i vocaboli che avevano già la citta¬
dinanza romana e che Y italiano ereditò dal latino. Tali acacia (lat.
acacia ), apòzzema (lat. apozlma ), cétera, cetra (lat. cithàra), cat¬
tedra (lat. cathedra), epifania , befania (lat. epiphama ), smània (lat.
manìa), despota (lat. med. despota?), sampogna, zampogna (lat.
symphonia), còllera (lat. cholera).
2. Sono accentati secondo Y accento originale : a) i vocaboli entrati
in uso nell’ età medievale o moderna, cioè quelli non passati nella
lingua nostra per il tramite del latino ancor vivo, ma direttamente
desunti dal greco medio o moderno; b) i termini introdotti dagli eru¬
diti che li toglievano quasi sempre dal greco antico. Alla prima di
1 Tale accentazione è postulata dal Canello op. cit., p, 389, mentre i di¬
zionari più autorevoli danno déspoto.
2 Epitema e epittima, pittima non sono allotropi come crede il Canello
op. cit., p. 392, ma omofonie: epitèma infatti risale a tm'Orjua, ciò che è
sovrapposto, coperchio; epittima e con l’aferesi pittima deriva per contro
compressa. •
l’ accentazione degli allotropi italiani di base greca 461
coteste classi, caratterizzata dall’ evoluzione fonetica spontanea, appar¬
tengono gaggia (à'/MvJa) nome della pianta importata nel 1600; bòz¬
zima (anóief-ia) voce in uso tra i tessitori, chitdrra (vtidccQcc) stru¬
mento ’ introdotto forse dall’ Oriente verso la fine del secolo XII, de
spóto ( Ó£07tózrjg ), cadvéga, caréga (xafo'dga), befdna (èmcpàveta) in
opposizione a befania accentato alla latina (epiphama). Nella se¬
conda categoria che ha per carattere distintivo la conservazione dei
tratti fonetici originali rientrano: mania (fiavia), sinfonia (aijucfcovla),
colèra (yyoléQa).
Tali risultati discordano in parte dalle regole che il Meyer-Liibke
ha determinato per le voci greche dell’italiano 1 . Egli, fatta distin¬
zione tra le parole penetrate nel latino dal greco antico e quelle che
1 ; italiano tolse immediatamente dal greco medio e moderno, stabilisce
per regola generale che le voci del greco antico non ossitone
passate nel latino «vi conservano il loro accento anche quando le
regole dell’ accentazione latina non lo permetterebbero in voci indigene
di condizioni analoghe» 2 : il che per altro non si avvera nelle poli-
morfìe sopra esaminate. Abbiamo infatti constatato che nelle voci
entrate nel latino dal greco antico V accento è regolato
dalle leggi della accentazione latina, nè ciò riesce singolare, chi
pensi che, come osserva giudiziosamente L. Valmaggi, «non è la par¬
lata del volgo ma si bene quella dei dotti la più proclive ad adottare
forme forestiere; il volgo quando accoglie vocaboli stranieri li rifoggia
e specialmente li accentua secondo Y indole della sua propria lingua» 3 .
Tuttavia il Meyer-Liibke intravvedeva la verità osservando che gli
imprestiti più antichi sono accentati alla latina ( talentimi da zaXavvov),
non meno dei vocaboli dotti ( abyssus afivooog) 4 . Per contro esatto
risulta quanto il Meyer-Liibke stesso dice relativamente alle voci en¬
trate per via diretta in italiano dal greco medio e dal moderno le
quali conservano tutte il loro accento originale 5 .
Massimo Lenchantin de Gubernatis.
1 Grammatica italiana , p. 84, Grammatik der romanischen Sprachen
1 p. 85 della traduzione francese.
2 Grammatica italiana , p. 84.
3 «Riv. di fil.. XXXVIII T1910), p. 63.
4 Per altro è anche attestata l 1 accentazione abyssus : cfr. eod. Beni . 83
An. Helv.% p. 176, 35sgg.; similiter (cioè come Sàffirus, Epìrus si accen¬
tano) abyssus, bdptisma , quorum paenultima positione cognoscitur esse
longa: sed acuitur antepaenultima . .
5 Nei doppioni, di cui sopra, disgraziatamente mancano quelli risalenti a
base ossitona che sarebbero stati utilissimi per saggiare su di essi le regole
che il Meyer-Liibke ha esposto riguardo agli ossitoni entrati in italiano
per via mediata et! immediata.
31 *
VARIETÀ E ANEDDOTI.
Il «Polemii Silvii Laterculus».
Nei ' Monumenta Germaniae historica; Auctores antiquissimi IX,
Chron. minores /.» 1892, trovasi pubblicato un interessantissimo
documento dal titolo « Polemii Silvii Laterculus » in cui fra i vari
argomenti trattati, figura (art. Ili, pp. 543—544) un elenco di 487
nomi di animali.
Il Mommsen, al quale si deve la pubblicazione (in un primo tempo
in: Abhandlungen der Philologisch-historischen Klasse der K. Sachs.
Gesellschaft der Wissenschaften, Leipzig, T. II 1857, p. 233—278,
di poi in: Monum. Germaniae, sopra citat.) del prezioso documento
(manoscritto del XII secolo, attualmente conservato nella Biblioteca
di Bruxelles) à potuto dimostrare ' che il Laterculus deve essere stato
redatto nel 449, giacché Y autore : Silvius Polemius, di cui solo si sa
che visse in Gallia, lo aveva dedicato ad Eucherio, vescovo di Lione
morto il 10 novembre 450. La stampa, curata con ogni più meticolosa
attenzione, dell’ elenco degli animali incluso nel Laterculus è ac¬
compagnata dalle seguenti parole del Mommsen: «Questi elenchi sono
così al di fuori della cerchia dei miei studi che mi sono semplicemente
limitato a riprodurre il testo con tutte le sue inesattezze, giacché è
possibile che qualche lessicografo o qualche illustratore di Plinio ne
possa trarre vantaggio (Abhand. 1857, p. 238)».
L’ipotesi del Mommsen si è, almeno in parte, già avverata, chè in¬
fatti assai di recente alcuni filologi 1 si sono occupati degli elenchi di
animali contenuti nel Laterculus di Silvius Polemius, ma, conT era
naturale, dal punto di vista prevalentemente linguistico; pressoché,
nulla invece è stato compiuto nel campo prettamente zoologico, in
1 Thomas, A., Le laterculus de Polemius Silvius et le vocabulaire
zoologique roman. Romania. T. XXXV, 1906, p. 161—197.
Schuchardt, H., Zu den Fischnamen des Polemius Silvius. Zeitschr.
f. rom. Philologie. Bd. XXX, 1906, p. 712-732.
Jud, J., Les noms des Poissos du Lac Léman. Bulletin du Glossaire
des Patois de la Suisse Romande. XI Ann. 1912. p. 2—38.
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS»
463 -
quanto che 1' unico autore che li ricordi è, per quanto ò potuto vedere,
il Keller \ soltanto però incidentalmente sparsamente e parzialmente
a proposito di alcune specie animali da lui illustrate, senza darne uno
studio completo, ma semplicemente, come appare manifesto, sulla sola
base dei lavori del Schuchardt.
La mancanza quindi di uno studio esauriente dal punto di vista
zoologico del Laterculus e la quasi completa dimenticanza da parte
degli storici della zoologia di un documento pur così interessante,
dimenticanza del resto facilmente spiegabile qualora si pensi che il
Laterculus è pubblicato in una collezione, che pur essendo d' impor¬
tanza capitale è per il suo contenuto strettamente storico del tutto
al di fuori delle opere abitualmente consultate dagli studiosi della
storia della zoologia, mi anno invogliato a tentare un' analisi completa
degli elenchi degli animali di Polemius Silvius, parendomi che essi
presentino dal punto di vista della storia della zoologia un interesse
grandissimo, giacché per essere stato sicuramente redatto nel quinto
secolo il Laterculus costituisce uno dei documenti zoologici più antichi
noti di tutto il medio evo e quindi serve sia ad illuminarci sulle cono¬
scenze zoologiche che sia avevano in quei tempi, sia a fornirci alcuni
preziosi elementi e per la storia dei molti bestiari apparsi in gran
numero e sparsamente durante tutto il medio evo, e principalmente
per la ricerca delle fonti del Physiologus sopra tutto nelle sue re¬
dazioni nordiche.
Il compito era, ne convengo subito, molto arduo, perchè presup¬
poneva oltre ad un’ estesa conoscenza della nomenclatura zoologica
antica e moderna, un corredo di conoscenze linguistiche e delle leggi
che governano la filologia eh' io non potevo possedere 1 2 , consequente-
mente le interpretazioni di certe voci eh' io propongo dovranno essere
vagliate e rivedute in base a questi ultimi criteri ed eventualmente
potranno anche non essere del tutto accolte; ciò nulla di meno io
spero che questo mio tentativo non sia del tutto inutile e che possa
sopra tutto servire a richiamare Y attenzione degli studiosi su di
un testo veramente prezioso e rimasto invece pressoché totalmente
ignorato.
* *
*
1 Keller, O., Die antikejTierwelt. Leipzig 1909—1913.
2 A questo proposito mi è gradito dovere ringraziare i Proff. Giulio
Bertoni e Benvenuto Terracini della R. Università di Torino, i quali mi
anno cortesemente fornite alcune indicazioni bibliografiche ed alcuni chiari¬
menti a me utilissimi.
464
EDOARDO ZAVATTARI
L’ elenco degli animali contenuto nel Laterculus è partito, come
risulta dalla edizione del Mommsen, in sei sezioni e cioè: Nomina
cnnctarum (sic) spirancinm atque quadrupedum in numero di 108,
et volucrum in numero di 131, Item eorum que se non movencium
in numero di 12 Item colubrarum in numero di 26, Nomina in -
sectornm sive reptancium in numero di 62, Item natancium in numero
di 148, in tutto quindi 487 voci; va tuttavia subito rilevato che non
si tratta effettivamente di 487 animali differenti, poiché .alcune voci
sono ripetute due volte sia nella stessa forma come: elefans, strixf
pietea, scarus , sia con due o più dizioni diverse come : biber (per beber
forma germanica) e feber (per fiber forma latina) per il castoro ecc.,
mentre d’ altra parte sono anche intercalati fra i nomi di animali
reali, nomi di animali immaginari e favolosi e vocaboli che non ànno
alcun vero significato zoologico.
Rimettendo a più innanzi qualche osservazione generale sui rag¬
gruppamenti delle voci elencate, sull’ uso di nomi differenti per indi¬
care uno stesso animale o voci uguali per indicarne due diversi, sulle
interposizioni di alcuni animali in certi raggruppamenti mentre logi¬
camente avrebbero dovuto essere collocati in altri, dirò per ora soltanto
del criterio usato nel redigere 1’ elenco che segue, e nel tentare Y espli¬
cazione delle voci citate da Polemius Silvius .
Scientificamente sarebbe stato più corretto elencare gli animali citati
secondo V ordine sistematico, ma ciò avrebbe creata in ultima analisi
un’ inutile confusione ed una notevole difficoltà nel litrovare le voci
negli elenchi dell’ antico autore, perciò ò conservato Y ordinamento
primitivo numerando le voci progressivamente; un indice alfabetico
posto in fine permetterà facilmente di ritrovare la voce che si desi¬
dera raffrontare. Accolto questo principio, ò adottato il sistema
seguente :
Nella prima colonna stanno i nomi di Polemius Silvius, nella se¬
conda le voci che costituiscono la fonte presumibile di detti nomi
o quelle altre voci che possono servire ad illustrare Y origine della
terminologia usata dall’ autore, nella terza la corrispondente termino¬
logia moderna ; per Y uso di quest’ ultima ò creduto conveniente se¬
guire due criteri differenti: nei casi in cui la primitiva nomenclatura
ilnneana corrisponde anche graficamente a quella antica ò conservata
la dizione di Linneo anche se attualmente non è più in vigore, perchè
con questo metodo appare subito evidente la consonanza fra i due
autori, nei casi invece in cui non era possibile una tale corrispondenza
ò adottata la nomenclatura zoologica moderna senza però ingombrarla
di un’ inutile sinonimia, aggiungendo per quei nomi antichi che se
IL « PO LEM II SILV1I LATERCULUS >
4Ó5
non trovano corrispondenza di grafia con la terminologia scientifica
moderna la presentano invece con qualche lingua o dialetto moderno,
anche la nomenclatura volgare.
*
*
Nomina cunctarum (sic) spirancium atque quadrupedum.
, 5
Elefans
elephas PI. 1
Elephas L . 1
2
tauro
taurus PI.
Bos taurus L.
3
cameloparda
camelopardalis PI.
Camelopardalis L.
4
orix
oryx PI.
Antilope oryx L.
6
camelus
camelus PI.
Camelus L .
7
asinus
asinus PI.
Equus asinus L.
8
lupus cervarius
lupus cervarius PI.
Felis lynx L.
9
theus
thos PI.
Canis aureus L.
10
igneumon
ichneumon PI.
Viverra ichneu¬
mon L.
11
aris
aries PI.
Ovis aries L.
12
canis
canis PI.
Canis L .
13
lus
luhs, vecchio te¬
Felis lynx L.
desco
14
capra
capra PI.
Capra L .
15
oves
ovis PI.
Ovis L .
16
pardus
pardus PI.
Felis pardus L.
17
lupus
lupus PI.
Canis lupus L.
18
ursus
ursus PI.
Ursus L.
19
lacerta
lacerta PI.
Lacerta L.
20
lacrimusa
lagramuso, proven-
La certa muralis L .
zale
1 L’ edizione di Plinio (indicato sempre con PI.) usata è la seguente:
Historia mundi naturalis C. Plinii secundi ecc. in libros XXXVII distribuita
ecc. Sigismundi Feyerabenii. Francoforti ad Moenum MDLXXXII.
L’ edizione di Linneo (indicato sempre con L.) è la seguente: Caroli
A. Linné Systema Naturae ecc. Editio decimatertia aucta, reformata a
cura Jo. Frid. Gmelin. Lugduni 1789. E’ stata usata questa edizione benché
non sia quella accolta secondo le ultime regole internazionali di nomenclatura
zoologica, perchè è accompagnata da un utilissimo indice delle voci volgari
degli animali e da altre indicazioni preziose per uno studio come il presente.
Delle altre opere antiche non ò creduto necessario riportare indicazioni biblio¬
grafiche, esse sono note a tutti gli studiosi di storia della zoologia e quindi
il loro elenco sarebbe stato inutile c solamente ingombrante.
466 EDOARDO ZAVATTARI
Comunemente in tutta la Provenza si chiama con lagra-
muso la Lacerta muralis, tuttavia in qualche regione
pure della Provenza con lagramuso si indica anche la
raganella (Hyla arborea L.) 1 .
21
adis
corruzione di ach-
lis PI.
Cervus alces L.
22
bannachus
bonasus PI.
Bos bonasus L.
23
leontofanio
leontophonos PI.
Animale favoloso.
24
scincus
scincus PI.
Lacerta scincus L.
25
parander
tarandus PI.
Cervus tarandus L.
26
vultur
vultur PI.
Vultur L.
27
moneocron
monoceros PI.
Animale favoloso.
con monoceros
gli antichi indicavano anche il rinoceronte
(Rhinoceros
milazione.
unicornis L.) quindi
incerta resta Y assi-
28
oxurincus
trascrizione evi¬
dente di òSvqqvv-
Xog
Oxyrhynchus Gesn.
29
rinoceron
rhinoceros PI.
Rhinoceros L .
30
corocatta
corocotta PI.
Animale favoloso.
31
leucocruta
leucrocuta PI.
Animale favoloso.
(Hyaena crocu-
ta L.\
32
manti cora
manthicora PI.
Animale favoloso.
33
ticris
tigris PI.
Felis tigris L.
34
leo
leo PI.
Felis leo L.
35
leopardus
leopardus PI.
Felis pardus L.
36
biber
beber, forma ger¬
manica di fiber
Castor fiber L.
37
visons
vison, vecchio te¬
desco
Bison bonasus L.
38
urus
urus PI.
Bos urus L .
39
bos
bos PI.
Bos L.
40
bubalus
bubalus PI.
Bubalis boselaphus
Pali .
41
eocle
eale PI.
- Animale favoloso.
42
uena
hyaena PI.
Canis hyaena L.
1 Réguis, J. M. F. Essai sur THistoire naturelle des Vertébrés de la
Provence. Marseille 1882, p. 379.
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS
467
43
eleia
trascrizione di eidos
Eliomys Wag .
44
licaon
lycaon PI.
Canis lycaon L.
45
buteo
buteo PI.
Falco buteo L .
46
epileus
trascrizione di em-
laig
Uccelli passeracei.
47
onacer
onager PI.
Equus onager L.
48
platacervus
platiceros cervus PI.
Cervus dama L.
49
cervus
cervus PI.
£ervus L.
50
tragelafus
tragelaphus PI.
Cervus elaphus L.
51
damma
dama PI.
Antilope dama L.
52
addax
addax PI.
Addax nasomacu¬
lata Blain .
53
dorcas
dorcas PI.
Antilope dorcas L.
54
tabla
corruzione di
talpa (?)
?
55
feber
fiber PI.
Castor fiber L .
56
ludra
lutra PI.
Mustela lutra L .
57
linx
lynx PI.
Felis lynx L.
58
caus
chaus PI.
Felis chaus L . (?)
59
muscus
trascrizione di
fAÓO%OS
Castor fiber A.
60
ceppus
cephus PI.
Animale favoloso.
qualche autore
à creduto ravvisare
in cephus il gorilla,
è assimilazione però estremamente dubbiosa.
61
ipotamus
hippopotamus PI.
Hippopotamus L.
62
mirmicoleo
trascrizione di f.ioq~
Myrmecoleon
•
jHì]%oleojv
Burnì.
voce antichissima e che risponde
piuttosto ad un ani-
male immaginario che non all* insetto: Myrmecoleon,
formicaleone.
63
sus
sus PI.
Sus L.
64
mula
mula-mulus PI.
Equus mulus L.
65
sfinx
sphinx PI.
Cercopithecus
Erxl.
sphinx indicava pure animali favolosi, quindi è difficile
una sicura assimilazione.
66
simius
simia PI.
Macacus inuus L .
67
cercopiticus
cercopithecus PI.
Cercopithecus
Erxl.
s
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
EDOARDO ZAVATTARI
callitrix
callithrix PI.
Colobus guereza
Rupp.
satiriscus
satyrus PI.
Anthropopithecus
troglod\^tes L .’
mustelopardus
mustela pardus PI.
Genetta genetta L .
arpe
harpa PI.
Gypaétus barba-
tus L .
gali us é
gallus PI.
Gallus L .
pantagatus
trascrizione di nar-
rayad'og
Uccello favoloso.
ibix
ibex PI.
Capra ibex L.
'camox
camoz ; camous,
Rupicapra tragus
provenzale
Gray , camoscio.
mussimus
musmon PI.
Ovis musimon
Sdirei).
sindrix, sincirix
—
—
mufron
muifleron, vecchio
Ovis musimon
francese; mufflo-
ne, italiano mod.
Sdirei).
histrix
histrix PI.
Histrix L .
taxo
thahs, antico te¬
desco
Meles taxus Bodd.
irioius
hirriosus canis,
Canis L.
basso latino (?)
cattus
cattus, basso latino
Felis catus L .
arcomus
trascrizione di ag-
ytófivg
Meles taxus Bodd .
arcoleon
v>
trascrizione di aQxog + lécov arcoleontes. (Confr. Thes,
ling. lat. II, p. 47).
furmellaris fur + mellaris Ursus arctos L.
è possibile spiegare la voce furmellaris nel modo sopra¬
citato, sopra tutto quando si ricordi che gli antichi
autori non dimenticavano mai quando parlavano del-
T orso di accennare al fatto che esso è un vorace ri¬
cercatore di favi (mellarium), tantoché molte delle
figurazioni antiche dell’ orso lo rappresentano appunto
intento alla distruzione dei favi.
mus mustela
mustela PI.
Mustela L.
IL 4P0LEMU SILVI! LATERCULUS
469
87 mus montanis mus alpinus PI. Arctomys marmo-
ta L.
assimilazione molto incerta. (Confr. Thomas, op. git.
p. 184.)
88
mus eraneus
mus araneus £1.
Sorex araneus Z.
89
talpa
talpa PI.
Talpa Z.
90
darpus
darbo, celtico
Talpa Z.
91
scirus
sciurus PI.
Sciurus Z.
92
glir
glis PI.
Myoxus glis Z.
93
vulpis
vulpes PI.
Canis vulpes Z.
94
cuniculus
cuniculus PI.
Lepus cuniculus Z.
95
lepus
lepus PI.
Lepus Z.
96
furo
furo, provenzale
Mustela furo Z.
97
fungalis
—
—
98
noctua
noctule, antico fran¬
cese (?)
Vesperugo noc-
tula Z. (?).
gli antichi,
compreso Plinio, con
noctua indicavano la
civetta ;
data la collocazione della voce noctua fra i
quadrupedi si può pensare che
qui si alluda ai pipi-
strelli e
francese.
che essa corrisponda a
i noctule dell’ antico
99
nerdis
trascrizione di
VÉQTOQ (?)
Uccello.
100
cacobleta
catoblepas PI.
Connochaetes gnu
Zinn .
101
rana
rana PI.
Rana Z.
102
rupicaper
rupicapra PI.
Rupicapra tragus
Gray.
103
terspicerus
strepsiceros PI.
Addax nasoma¬
culata Blam .
104
nitela
nitela PI.
Myoxus nitela Z.
105
pilargis
pygargus PI.
Antilope pygargaZ
106
dasipes
dasypus PI.
Lepus Z.
107
furmica
formica PI.
Formica Z.
108
engistrus
et volucrum
109
finix
phoenix PI.
uccello favoloso.
110
struchio
struthio-camelus PI.
Struthio camelus L.
470
EDOARDO ZAVATTARI
111
aquila
aquila PI.
Aquila Briss.
112
trogopan
tragopan PI.
Uccello favoloso.
113
fenicopter
phoeriicopterus PI.
Phoenicopterus ro-
seus Pali.
114
cinamullis
cinnamolgus PI.
Uccello favoloso.
115
siptachus
psittacus PI.
Psittacus L .
116
melancorifus
melancoriphus PI.
Parus palustris L.
117
orsifragis
ossifraga PI.
Gypaetus bàrba-
tus L .
118
nession
trascrizione di vrjv-
za , vfjooa
Anas boscas L.
119
eumorfus
trascrizione di év-
poQcpog
?
120
alietus
haliaètus PI.
Falco haliaètus L.
121
accipiter
accipiter PI.
Accipiter Briss.
122
hercinia
?
trasposizione
per indicare un uccello innominato che
Plinio dice vivente «in Hercynio Germaniae sai tu-
(L. X. Cap. XLVII, p. 152, 1*. 57).
123
galgulis
galgulus PI.
Oriolus galbula L .?
124
luscinia
luscinia PI.
Luscinia L.
125
cibinnus
cybindis PI.
Accipitres.
126
alceus
alcedo Ovid.
Alcedo hispida L.
127
iacolus —
(confr. Thomas op. cit. p. 179).
128
falco
falco Festo
Falco L .
129
ciris
ciris Ovidio
Alauda L. _
130
senator
?
9
Linneo à chiamata Y averla capirossa: Lanius senator,
forse può questa indicazione servire per rintracciare
T origine e Y assimilazione del vocabolo di Silvio Polemio.
131
fringuellus
fringuillla Varrone;
Fringilla L.
132
rex
fringuello, vol¬
gare
Regulus cristatus
Koch ; re degli
uccelli, dialett.
voce tratta dalla frase di Plinio : aquilae et trochilus quoniam
rex appellaturavium(L.X.Cap.LXXIIII,p. 115,1.15—16).
IL «P0LEM1I SILVI! LATERCULUS*
471
133
barbio
barbu ? francese;
Gypaetus barba-
barbadu , dial.
sardo
tus L.
134
picus
picus PI.
Picus L .
135
passer
passer PI.
Passer L.
136
gaius
gai, provenzale ;
Garrulus Briss.
geai , francese
antico
137
turdus
turdus PI.
Turdus L .
138
strurnus
sturnus PI.
Sturnus L.
139 '
merulus
menila PI.
Turdus merula L .
140
ficetula
ficedula PI.
Sylvia simplex Lat.
141
buscas
boscis Columella
Anas boscas L.
142
taurus
taurus avis PI.
Uccello favoloso.
143
penelopele
penelops PI.
Anas penelope L .
144
graculis
graculus PI.
Corvus graculus L.
145
apellion
trascrizione di àu-
Ampelis L. ?
Ttslicov
146
milvus
milvus PI.
Falco milvus L.
147, 152
148
strix
strix PI.
Strix flammea L.
siren
siren PI.
Uccello favoloso,
corrispondente
tuttavia alla ci¬
vetta.
149
honocrotalis
onocrotalus PI.
Pelecanus onocrota¬
.
lus L .
150
porfirion
porphyrio PI.
Fulica porphyrio L .
151
ibis
ibis PI.
Ibis L.
153
linusta
linosa, basso la¬
Hypolais Brehniy
tino (?)
canapino.
154
corru-1 circus PI. (?)
Circus Lacep .
cirus
Z1 ° ne ) ciris Ovidio (?)
U1 (
Alauda L .
155
acalantis
akalanthis Paolino
Fringilla cardue-
da Nola
lis L.
156
grux #
grus PI.
Grus L,
157
anser
anser PI.
Anser L.
158
ganta
ganta PI.
Anser L .
159
avis tarda
avis tarda PI.
Otis tarda A.
160
olor
olor PI.
Cygnus olor L .
161
cignus
cygnus PI.
Cygnus L.
472
EDOARDO ZAVATTARI
162
fasiana
phasianus PI.
Phasianus L.
163
gallerita
galerita PI.
Galerida cristata L.
164
suessalus
—
—
probabile
uso
del vocabolo geografico per indicare un
qualche
uccello vivente nella
regione abitata dai
165
«Suessiones»
gabia
gavia PI.
Larus L ., o, Gavia
166
nisus
nisus PI.
Forst .
Accipiter nisus L.
167
oenanante
oenanthe PI.
Motacilla oenan¬
168
trocibus
trochilus PI.
the L.
Motacilla trochi¬
169
lagopus
lagopus PI.
lus L.
Lagopus lagopus L.
170
egittus Parus L. (?)
probabile trascrizione di aìyi&cdog, oppure potrebbe anche
essere semplicemente uso del vocabolo geografico per
indicare
un
uccello innominato
vivente in Egitto e
citato da Plinio (L. X. Cap. XLVII e Cap. LXXIIII).
171
caprimulgo
caprimulgus PI.
Caprimulgus L.
172
attagen
attagen PI.
Francolinus # franco-
173
perdex
perdix PI.
linus L.
Tetrao perdix L.
174
rustecula
rusticula PI.
Scolopax rustico-
175
coturnix
coturnix PI.
la L.
Tetrao coturnix L .
176
pullus
pullus PI.
Pullus, pulcino.
177
pavus
pavo PI.
Pavo L.
178
alauda
alauda PI.
Alauda L.
179
aceva
aceia, basso la¬
Scolopax rustico-
180
cicisa
tino (?)
corruzione di cichla :
la L.
Cinclus cinclus />.(?)
181
carnotina
z/y*Aog(?) (confr.
Thesaur. ling. lat.
III ? p. 1050)
%
probabile uso del vocabolo geografico per indicare un
uccello vivente nella regione abitata dai Carnotini (confr. #
Holder, Alt-celt. Sprachschatz I, col. 801)
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 473
182
ardea
ardea PI.
Ardea L.
183
agatullis
trascrizione di «zar-
Fringilla cardue-
Svolle;
lis L.
184
mergis
mergus PI.
Mergus L .
185
hirundo
hirundo PI.
Hirundo L .
186
anas
anas PI.
Anas L .
187
querquidula
querquedula Colu-
Anas querquedu¬
mella
la L.
188
plumbio
palumbius PI. (?)
Columba palum-
bus L .
Thomas (op. cit. p.. 188) pone in
correlazione plumbio
con plongeon francese, arguendo che a quest 7 ultimo
uccello si
debba assimilare la voce di Polemio Silvio -,
accettando
questa interpretazione occorre allora sosti-
tuire a Columba palumbus, Gavia
immer Briinn e Gavia
septentrionalis L .
189
falacrocorax
phalacrocorax PI.
Phalacrocorax
Briss,
190
corvus
corvus PI.
Corvus L .
191
pica
pica PI.
Corvus pica L .
192
cornix
cornix PI.
Corvus cornix L .
193
bubo
bubo PI.
Bubo bubo A.
194
spinternix
spinturnix PI.
Bubo bubo L .
195
pirrocorax
phyrrhocorax PI.
Corvus phyrrhoco¬
rax L .
196
cebeva
corruzione di ca-
Strix aluco L. (?)
•
vanna, antico celtico (?) (confr. Thesaur.
ling. lat. Ili, p.
624).
197
seleucis
seleucides PI.
Pastor roseus L .
198
mennonis
memnonida avis PI.
Machetes pugnax L.
199
meleagris
meleagris PI.
Meleagris L.
200
diomedia
diomedea PI.
Tadorna tadorna L.
201
ulula
ulula PI.
Strix ulula L.
202
perseus
—
Merops persicus
Pali. (?)
uso del vocabolo geografico per indicare un uccello vivente
o proveniente dalla Persia
474
EDOARDO ZAVATTARI
203
incendearia
incendiaria PI.
Bubo bubo L.
204
tremulus
cauda tremula delle
Motacilla L.
glosse; trema-coa
dialett. ital. (confr.
Thomas op. cit. p.
197.)
205
alcion
halcyon PI.
Alcedo hispida L.
206
tetroa
tetrao PI.
Tetrao L .
207
glottis
glottis PI.
Scolopax glottis L.
208
otis
otis PI.
Otis L .
209
ciclammus
cychramus PI.
Uccello favoloso.
210
falaris
phalaris PI.
Fulica atra L .
211
numidica
numidica PI.
Numida L.
212
subter
corruzione di subis
Uccello favoloso.
PI. (?)
Thomas (op. cit. p. 192) propone una differente spiega¬
zione della voce subter, non suffragata in vero da molto
valide ragioni; mi parrebbe più semplice supporre che
subter. fosse una corruzione di subis di Plinio, tanto
più che subter è subito seguito da cluua, analoga-
mente
p. 145,
a quanto si trova in Plinio (L. X. Cap. XIIII.
1. 32).
213
cluua
divina PI. (?)
Uccello favoloso.
214, 219
pietea
platea PI.
Platalea L.
215
opips
trascrizione e cor¬
ruzione di moip
Upupa epops L.
216
vibio
vipio PI.
?
217
trigron
trascrizione di tqv-
ycòv
Turtur Selby.
218
appodis
apodes PI.
Cypselus apus L.
220
cenelapix
chenalopex PI.
Chenalopex aegyp-
tiaca Grm.
221
commagina
comagena anser PI. —
denominazione puramente geografica.
222
cordolus
corydalus Virgilio
Alauda L.
223
antus
anthus PI.
Uccello favoloso.
224
glandaria
picae glandares PI.
Garrolus glanda-
rius A.
225
ciconia
ciconia PI.
trascrizione di óqyi-
lo$
Ciconia L.
226
orcilus
Regulus VielL
IL
CPOLEMII SILVI! LATERCULUS»
475
227
titus
titus Varrò ne
Columba palum-
busZ,.; tidu, tido-
ri, dialett. sardo
228
titiunglus
tinnunculus PI.
Falco tinnuncu¬
lus L.
229
riparia
hirundo riparia PI.
Cotyle riparia L .
230
parra
parra PI.
Vannellus crista-
tus L.
231
eritace
erythacus PI.
Motacilla erytha¬
cus L.
232
feniculus
phoenicurus PI.
Motacilla phoeni¬
curus L.
233
cord us
corruzione di cor-
vus PI. (?)
Corvus L.
234
pumplio
pumilio PI.
—
razza nana di galli.
gli antichi, Plinio compreso, con pumiliones chiamavano
le forme nane di qualsiasi animale. «Pumilionum
genus in omnibus animalibus est atque etiam inter
volucres (L. XI. Cap. XLIX, p. 177, 1. 52.).
235 scopis scopes PI. Strix scops L .
236 asteria asterias PI. Ardea stellaris L.
237 carifera — —
probabile uso del vocabolo geografico per indicare un uccello
abitante presso Carifes, citta della Gallia.
238
columba
columba PI.
Columba L.
239
cardelus
carduelis PI.
Carduelis cardue¬
lis L.
Item eorum
que se non movencium .
240
Pecun
pecten PI.
Pecten L.
241
veneriosa
veneriae PI.
. Veneridae.
242
auris
auris PI.
Haliotis lamellosa
Lk. ? orecchia di
mare.
243
ostrium
ostrum PI.
Murex L.
244
spondilium
spond} T lus PI.
Spondylus L .
245
purpura
purpura PI.
Murex brandaris L .
246
conchilium
conchylium PI.
Purpura L .
247
morix
murex PI.
Murex trunculus L.
Archivum Romanicum. — Voi. VI. —
1922.
32
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
.270
271
272
273
274
275
276
277
EDOARDO ZAVATTARI
perna
perna PI.
Ostrea perna L. ?
musculus
- musculus Celso
MytilusZ,., muscoli.
bucina
buccinum PI.
Purpura haemato-
ma Lk.
ecinus
echinus PI.
Echinus Lk .
Item colobrarum
basiliscus
basiliscus PI.
Serpente favoloso.
draco
draco PI.
Serpente favoloso.
camedra
trascrizione di xa-
Htdga — xaf,iSQTrjg
Serpente.
vipera
vipera PI.
Vipera L .
iaculus
jaculus PI.
Erix jaculus L .
natrix
natrix PI.
Tropidonotus' na¬
trix L .
anguis
anguis PI.
Serpe.
cerasta
cerasta PI.
Cerastes cornutus
Fork .
ipnalis
hypnale Solino
Viperide.
dipsas
dipsas PI.
Viperide.
aspis
aspis PI.
Vipera aspis L .
ofis
trascrizione di oyig
Ofide.
boa
boa PI.
Python sebae L.
seps
seps PI.
Serpe.
et morrois
haemorrhois PI.
?
prester
prester PI.
Viperide.
cenoris
cenchris PI.
Viperide.
ansisbena
amphisbaena PI.
Amphisbaena L.
echidra
chelydra Lucano
Viperide.
schitale
scytale PI.
Tortrix scytale A.(?)
pagurus
pagurus PI. (?)
Pagurus L. (?)
salpugna
salpugna Lucano
Ofidio.
hamodita
ammodytes PI.
Vipera ammody¬
tes L.
elefanstias
—
—
voce tratta probabilmente dalla frase di Plinio «Ele-
phantorum anima serpentes extrahit» (L. XI. Cap. LUI,
P- 179,
1. 14)
celidrus
chersydrus Lucano
Viperide.
anabulio
—
—
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS»
477
Nomina insectorum si ve reptancium
solifuga
solifuga PI.
Lathorodectes tre-
decim-guttatus A.
blata
blatta PI.
Blatta A.
bubo
bufo Virgilio»
Bufo A.
tetigonia
tettigonia PI.
Cicada A.
salamandra
salamandra PI.
Salamandra macu-
losa Laur .
cabro
crabro PI.
Vespa crabro A.
scolopendra
scolopendra PI.
Scolopendra A.
apis
apis PI.
Apis mellifica A.
bumbix
bombyx PI.
Lasiocampa Schr.
formica
formica PI.
Formica A.
vespa
vespa PI.
Vespa A.
oester
oestrus PI.
(?)
teredo
teredo PI.
Larva di insetto xi¬
lofago.
scinfis
—
—
musca
musca PI.
Muscae.
lueusta
locusta PI.
Locustae.
fucus
fucus PI.
Fuco.
iulus
trascrizione di ì'ov-
log.
Miriapodo.
gristus
christus (?).
Ateuchus Web.(?)
Qualche scrittore : Ausonio, Lucilio,
aveva seguendo il
simbolismo
egiziano paragonato Cristo ad uno scarabeo
sacro, che
era simbolo deir eternità; forse è possibile
spiegare la
voce gristus di Polemio Silvio come impiego
del vocabolo christus per nominare
T insetto nel quale
la divinità
era stata simboleggiata.
culix
culex PI.
Culices.
cimix
cimex PI.
Cimexlectularius A.
pulix
pulex PI.
Pulex A.
pedusculus
pedusculus PI.
Pediculus A.
sexpedo
sexpes Apuleio
Formica, o semplice
animale esapodo.
sunhos
Sonnenhuhn tedes- Coccinella A.
co (?) (confr. Schuchardt op. cit. p. 715)
32*
478
EDOARDO ZAVATTARI
303 musomnium unissimo, musino PI. Moscerino.
con mussimo e musmo gli antichi indicavono non solo il
mammifero (capra), ma anche gli insetti che vedevano
svilupparsi dalla carogna dello stesso animale.
304
tinea
tinea PI.
Tinae.
305
delpa
—
—
306
uruca
eruca PI.
Larve d’ insetti.
307
inuolus
involvolus Plauto
Bruco.
308
ablinda
blando, blendo, pro¬
Salamandra macu-
venzale (?)
losa Laur. (?)
Thomas
(op. cit. p. 168) congettura che possa forse
accostarsi la
voce ablinda a blando
e blendo provenzale
e che
indica
la salamandra giallo
» - nera, aggi ungo a
complemento,
forse non inutile, che la salamandra in
Provenza è pure chiamata: Alabreno, arabreno.
309
liscasda
—
—
310
papilio
papilio PI.
Farfalle.
311
emirobius
hemerobius PI.
Hemerobius L.
312
cancer
cancer pi.
Cancri.
313
scorpius
scorpius PI.
Scorpiones.
314
stillo
stellio PI.
Platydactylus Cuv. }
Tarentola L.
315
centipeda
centipeda PI.
Centopiedi.
316
cabarus
carabus PI.
Cancer carabus L.
317
popia
poche, savoiardo
Girino di anfibio.
(confr. Jud, op.
cit. p. 41, nota)
318
lucalus
lucanus PI.
Lucanus cervus L,
319
petalis
trascrizione di ne-
Crisalide.
zàhov , greco mo¬
derno: petaluda
320
ruscus
rusken, celtico;
alveare (?)
rusca, basso latino;
ruche, frane. mod.(?)
321
laparis
corruzione di lipa-
?
ris PI. (?) che però è un pesce.
322
piralbus
trascrizione e cor¬
Lampyris noctilu-
ruzione di 7tV-
ca L. (?)
QO?M/imig (?)
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
IL siPOLEMll SILVI1 LATERCULUS»
479
corgus corgoron, Curculio L.
vecchio provenzale (confr. Thomas op. cit. p. 171)
lumbricus
lumbricus PI.
Lumbrici.
tennis
termis PI.
Larve xilofaghe.
li max
limax PI.
Limacidi.
cefenis
cephenes PI.
Pecchioni.
grillus
gryllus PI.
Grillidae.
acina
—
—
voce tratta dalla frase di Plinio «Hypanis fluvius in Ponto
circa
solstitium defert a c i n o r u m effigie tenues
membranas (L. XI. Cap. XXXVI,
p. 168, 1. 21)
asio
asilus PI.
Tabanidi.
ficarius
ficariae culices PI.
Blastophaga Grav.
minerva
—
—
lanarius
— ‘
—
voce tratta dalla frase di Plinio: Idem pulvis in lanis
et veste tineas creat. (L. XI. Cap. XXXV, p. 168, 1. 9)
mulo
mulio PI.
Mulio L. ?
tubanus
tabanus PI.
Tabanidi.
cervus
cervo volante, ital.
Lucanus cervus L.
aranea
araneus PI.
Araneae.
cicada
cicada. PI.
Cicada plebeja L .
sfalagia
^phalangium PI.
Phalangii.
Item natancium
Balena
Balaena PI.
Balaena L.
gradius
gladius PI.
Xiphias gladius L.
musculus
musculus PI.
•?
indicavano gli antichi, compreso Plinio, con musculus un
pesce
che credevano facesse da guida alla balena.
serra
serra PI.
Pristis antiquorum
Lath. \ serro de
mar, provenzale
marisopa
mori - sukku, anti¬
Phocaena commu-
co celtico (confr.
nis Cuv.
Schuchardt op. cit.
. p. 723)
480
EDOARDO ZA VATI* A RI
345
rota
rota PI.
Orthagoriscus ’ mo¬
la A.; pesce roda,
dialett.
346
orca
orca PI.
Delphinus orca A.
347
fisiter
physeter PI.
Physeter macro-
cephalus A.
348
cucumis
cucumis PI.
Holothuria A. ;
cocomero di mare
349
pistris
pristis PI.
Pristis antiquorum
Lath.
350
equis
equus bipes PI.
Hippocampus A.
351
asinis
asinusPl.(?) ; asellus
PI.
Merlucius A. (?)
nasello
352
aries
aries marinus PI.
—
353
triton
triton PI.
Animale favoloso.
354
elefans
elephanthi locusta-
rum genus PI.
Homarus vulgaris
A. Elefante.
355
coclea
cochlea PI.
Cochleae.
356
testudo
testudo PI.
Testudines.
357
serpido serpetò, serpentin,
dial. (?)
(confr. Schuchardt op. cit. p. 731)
Ophicthys serpens
L. (?)
358
ambicus
ambiguus Auso¬
nio (?)
—
359
ceruleus ? Coregonus wart-
manni coeruleus
Fatto (?)
Gessner chiama Albula coerulea il Coregonus Wartmanni
coeruleus Fatio , potrebbe essere che si indicasse già
anticamente con la stessa parola la medesima forma; a
meno che non si tratti della semplice traduzione di
yXatyog usato da molti antichi e riferentesi ad un certo
numero di specie.
360
auricularius
auriculamaris Pl.(?)
Haliotis lamellosa
Lk . (?), Orecchia
di mare.
361
caraulis
corruzione e tra¬
scrizione di ey-
yqavXig (?)
Engraulis enchrasi-
colus A. (?)
362
carahuo
carabus PI.
Cancer carabus A.
IL «POLEMII SILVI! LATERCULUS
481
363
terpedo
364
nautulis
365
pisces piscatur
366
acopienser
367
encataria
368
scarus
369
scarda
370
mullus
371
acerna
372
scorpena
373
lupus
374
aurata
375
dentix
376
corvus
377
pardus
378
delfin
379
euga
380
con gres
381
tirsio
382
canicola
383
pastinaca
384
rombus
385
ciprinus
386
horfus
387
exormisda
388
mugilis
389
lueusta
390
astachus
torpedo PI.
nautilus PI.
rana pescatrice,
dial. ital.
acipenser PI.
scarus PI.
’ scarda, volgare an¬
tico (?)
scarda, scardome
dial. (?)
mullus PI.
acerina PI.
scorpaena PI.
lupus PI.
aurata PI.
dentex PI.
corvus PI.
gattopardo, dialet¬
tale
delphin PI.
trascrizione di tvya
gonger PI.
tursio PI.
canicula PI.
pastinaca PI.
rhombus PI.
cyprinus PI.
orphus PI.
exormistos Cassio-
doro
mugilis PI.
locusta PI.
astachus PI.
Torpedo L.
Argonauta argo L.
Lophius piscato¬
ria L.
Acipenser L.
Scarus cretensis
Cuv.
Labrax lupus L.
Leuciscus erythro-
phtalmus Bonp.
Mullus L.
(?)
Scorpaena L.
Labrax lupus L .
Chrysophrys aura¬
ta L.
Dentex L .
Corvina nigra Cuv .
Scyllium stellare L.
Delphinus delphis L.
Petromizon L.
Conger conger L.
Tursiops tursio^#.
Scylliorhinus cani¬
cula L. (?)
Dasyatis pastina¬
ca L .
Rhombus Klein .
Cyprinus L .
?
Muraena helena L.
Mugil L.
Cancer locusta L.
Homarus vulgaris
L.
482
EDOARDO ZAVATTARI
391
lucurparta
trascrizione di Ar/o- Scjdlium Cnv,
Tzàv&YjQ , l) r CO-
pardus; gattupardo dial.
392
hirundo
hirundo PI.
Trigla hirundo L. ?
393
lutarius
mullus lutarius PI.
Mullus barbatusL. ?
394
placensis
platensis, platessa
Ausonio
Pleuronectes pla¬
tessa L,
395
solea
solea PI.
Pleuronectes L.
396
naupreda
lampreta PI.
Petromizon L,
397
asellus
asellus PI.
Merlucius Ros.
nasello L .
398
salpa
salpa PI.
?
399
mus marinius
mures marini PI.
?
400
corocacinus
coracinus PI.
Corvina nigra Cuv.
401
iulis
julis PI.
Coris julis L .
402
anguilla
anguilla PI.
Anguilla L .
403
mirrus
myrus PI.
Myrus vulgaris K,
404
squilla
squilla PI.
Decapodi macruri.
405
pinotera
pinnotheres PI.
Pinnotheres vete-
rum Bosc .
406
turdus
turdus PI.
Labrus turdus L.
407
pavus
pavo, usato
Labrus pavo L .
più tardi da
Vincenzo di Beauvais e
da Alberto Magno.
408
menila
menila PI.
Labrus merula L.
409
mustela
mustela PI.
Muraena L.
410
loligo
loligo PI.
Loligo vulgaris L .
411
polipus
polypus PI.
Octopus Cuv
polpo, ecc.
412
sepia
sepia PI.
Sepia officinali
Au et.
413
murena
muraena PI.
Muraena helena L,
Scorpaena porcus
414
porcus
porcus PI. <
L. (?)
Thynnus thynnus
L - (?)
Con porcus
tonno.
Plinio indica tanto la
scorpena quanto il
415
tinnus
thynnus PI.
Thynnus thjmnusA.
416
adonis
adonis PI.
Blennius L. ?
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS»
483
417 exocitus exocoetus PI. ?
418 eufratis — —
probabile uso del vocabolo geografico per indicare un
pesce innominato vivente nell’ Eufrate.
419
scorber
scomber PI.
Scomber L.
420
ecinais
echeneis PI.
Echeneis remora L.
421
cetera
cetus, cetariae PI.
Cetae.
Ateneo con cetus indica però il tonno.
422
lucerna
lucerna PI.
Trigla L .
423
draco
draco PI.
Trachinus Z.
424
milvus
milvus PI.
Trigla Z.
425
picis
phycis PI.
?
426
pectunctus
pectunculus PI.
Pectunculus Lk.
427
tecco
tecones Anthimus;
Esox L.
tacon. francese dialett. (confr. Thomas op. cit. p. 194)
428
coluda
colubra,
?
probabile
corruzione e trascrizione della voce coluber
inclusa nella frase di Plinio «Coluber in aqua vivens»
(L. XXXII. Cap. V. p. 451 1. 36)
429
lacerta
lacertus PI.
Scomber scomber
L. ; lacerto, dia¬
lettale
430
eena
sciaena PI. (?)
Sciaena L.
431
conce
concha PI.
Conchae, conchiglie
432
heracliotacus
heracleotici cancro-
?
rum genus PI.
433
cleomena
(hera)cleo-moena(?)
Cuplea Cuv. (?)
• è possibile
interpretare cleomena nel modo su esposto,
cioè come risultante dall’ unione
di moena (= cuplea,
sardella)
con Y ultima sillaba di
heraclio, che sarebbe
una ripetizione della prima parte della voce precedente.
434
gerris
gerres PI.
9
435
mitulis
mytilus PI.
Mytilus edulis L.
436
ortica
urtica PI.
Actiniae, ortiche di
mare.
437
vaguris
pagurus PI.
Pagurus Z.
438
pulmo .
pulmo PI.
Meduse.
484
EDOARDO ZAVATTARI
439
lepus
lepus marina PI.
Aplysia Gmel
lepre di mare.
440
stella
stella PI.
Asterias L.j
stella di mare.
441
araneus
araneus PI.
Trachinus L.
442
gromis
chromis PI.
Sciaena chromis L.
443
elops
elops PI.
Acipenser A.
444
daltilus
attilus PI.
Acipenser sturio L.
445
cersina
chersinae testudi-
nes PI.
?
446
esox
esox PI.
Salmo lacustris L.
447
salmo
salmo Ausonio
Salmo lacustri L .
448
apolester
apolectus PI.
Thynnus pelamis L.
449
cannis
channa PI.
Serranus cabrii la
Risso.
450
sargus
sargus PI.
Sargus vulgaris
Geoff.
452
cornutus
cornuta PI.
?
453
eppoe
epodes PI. (?)
? .
454
rubellio
rouget, roujetj fran¬
co-provenzale
Mullus barbatus L.
455
silurus
silurus PI.
Silurus L .
456
culix
—
—
voce tratta dalla frase di Plinio «et mytuli et pectines
sponte.proveniunt.ut murices ? purpurae
salivano lentore. Sicut acescente humore culi ce s
(L. IX. Cap. LI. p. 140, 1. 8).
457
acus
acus PI.
Belone acus Risso;
aguglia, ital. e
dial. (?)
458
trocus
throcos PI.
?
459
antia
anthias PI.
?
460
ancoravus
ancoragOj Cassio- Salmo L.
doro; ancroeul, antico francese
461
larbus
barbus Ausonio
Cyprinus barbus L .
462
barba
barbus Ausonio
Cyprinus barbus L.
463
tructa
trascrizione di TQtó%-
Salmo fario L.
T7]S
Si trova successivamente come trutta e truthe in Vincenzo
di Beauvais ed in Alberto Magno.
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» ' 485
464
gubio
gobio Ausonio
Cottus gobio L.
"465
umbra
umbra Ausonio
Thymallus vexilli-
fer Ag. Ombre,
francese.
466
squatus
squalus PI.
?
467
capito
capito Ausonio
Mugil capito Cuv .
468
lucius
lucius Ausonio
Esox lucius L.
469
levaricinus
lavaret, frane.
Coregonus wart-
mani Fatio.
470
pelaica
palaja, dialet. frane.
Solea Klein.
(confr. Thomas op
. cit. p. 725)
471
amulus
hamulus (?)
■ ?
472
redo
redo Ausonio
?
473
salar
salar Ausonio
Salmo salar L .
474
abelendeas
blendius PI. (?)
?
(confr. Schuchardt
op. cit. p. 716)
475
porca
porcus PI.
Scorpaena porcus L>
476
tinca
tinca Ausonio
Tinca vulgaris Cuv.
477
sofia
sofio, dialet. frane.
Chondrostoma soel-
(confr. Thomas,
ta Bonp.
op. cit. p. 191 —
p. 731)
Schuchardt op. cit.
478
alburnus
alburnus Ausonio
Alburnus alborella
D.F.
479
alausa
alausa Ausonio
Cuplea aiosa L :
480
rottas
rotte, rotten, fran¬
Leuciscus rutilus
co-tedesco
Bonp .
481
' plotta
piota, medioev.;
Scardinus erythro-
plotra, engad.
phthalmus L.
(confr. Thomas op.
cit. p. 187 — Schu-
chardt op. cit. p. 726)
482
ricinus
rhacinus PI. (?)
?
483
lactrinus
lactrinus volg. me-
Atherina lacustris
dioev. lattarino
dialet. mod.
Bonp.
484
samosa
estremamente incer-
?
ta la spiegazione
Schuchardt (op. cit. p. 728) propende ad assimilarla a
saumaca, si può tuttavia ricordare che Alberto Magno
usa samus per indicare Silurus glanis.
486
EDOARDO ZAVATTARI
485
486
487
tirus —
(confr. Schuchardt op. cit. p. 732)
corruzione di
Cuplea aiosa L.
alausa (?)
ausaca
derivazione di
Thymallus vulgaris
arch (?), tedesco
Nilss.
saumaca
samàkà, celtico
Cuplea aiosa L.
*
*
*
L J illustrazione testé compiuta degli elenchi di Polendo Silvio mi
permette ora di esporre sia alcune osservazioni su particolari questioni,
quali : T impiego di uno stesso vocabolo per indicare animali differenti
o T uso di vocaboli molteplici per indicare lo stesso animale, le fonti
dalle quali presumibilmente Y autore à derivate le sue voci, V ordina¬
mento sistematico e la ripartizione degli animali nelle varie sezioni;
sia alcune considerazioni sul valore e suir importanza che complessiva¬
mente lo scritto di Silvio Polendo presenta e per la diffusione delle
conoscenze zoologiche nel medio evo e per la storia della zoologia
in genere.
L’ uso di uno stesso vocabolo per nominare due animali diversi si
riscontra tredici volte e, come si può anche facilmente rilevare dal-
T indice posto in fine, le voci a duplice significato sono le seguenti :
bubo (N. 193, 280), cervus (49, 336), corvus (190, 376), elefans (1,
354), iaculus (127, 256), lacerta (19, 429), lepus (95, 439), locusta
(293, 389), lupus (17, 373), milvus (146, 422), musculus (249, 342),
pardus (16, 377), turdus (137, 406).
L J uso di vocaboli diversi per indicare lo stesso animale è pure
frequente, ma mentre per alcuni casi è assai difficile stabilire se le
varie voci corrispondano effettivamente ad una sola specie piuttostochè
a due specie vicine come appunto avviene per le tre voci : acopienser
(329), elops (443), daltilus (444) che possono indicare oltre che lo
storione in genere anche le due specie: Acipenser sturio L. e Aci-
penser huso L., o per le due voci: cignus (161) e olor (160) che
possono del pari indicare tanto il cigno in genere quanto le due specie
Cygnus cygnus L. e Cygnus olor L . Gm., negli altri casi è evidente
che si tratta di vocaboli tratti da lingue diverse in guisa che si ricava
una sinonimia oltremodo interessante tanto dal punto di vista filologico
quanto da quello zoologico. Così infatti la lince è chiamata: lupus
cervarius (9), linx (57) (latino) e lus (13) (antico tedesco); la lucer *
tola: lacerta (19) (lat.) e lacrimusa (20) (provenzale); il castoro: bibei
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS»
487
(36 per beber) (germanico), feber (55 per fiber) (latino) e muscus (59)
(f.ióoyos greco); il mufflone: mussimus (76) (latino) e mufron (78)
(romanzo); il tasso: taxo (80) (thahs antico tedesco) e arcomus (83)
(àQKÓpvg greco); la talpa: talpa (89) (lat.) e darpus (90) (*darbo celtico);
T avvoltoio degli agnelli: orsifragis (117) (lat.) e barbio (133) (ro¬
manzo) ; il pesce sega : pistris (349) (lat.) e serra (343) (provenzale) ;
T orso : ursus (38) (lat.) e fumellaris (85) (fur + mellaris) alludendo
ai suoi costumi, 'e parecchi altri ancora.
Rispetto alle fonti è evidentissimo che la grande maggioranza dei
nomi è tratta dalla storia naturale di Plinio, ed infatti su 487 voci
almeno 342 trovano i loro sicuri corrispondenti nell 1 opera di Plinio ;
se non che alcune delle voci usate da Polemio Silvio non corrispon¬
dono ad animali citati da Plinio, ma talune sono semplicemente parole
tratte da frasi dello scrittore latino e che così isolate non ànno signi¬
ficato alcuno, come ad esempio : acina (329), lanarius (333), hercinia
(122), ecc. ; fatto quest 7 ultimo che dimostra la fretta e la poca critica
usate dell 1 autore nella redazione del suo catalogo.
Un secondo gruppo di nomi, in tutto 33, è tratto da autori latini
sia del periodo classico sia del periodo della decadenza (Ovidio,
Virgilio, Varrone, Columella, Lucano, Plauto, Festo, Solino, Apuleio,
Antimo, Ausonio [dal poemetto in lode della Mosella del quale sono
in prevalenza derivati i nomi dei pesci d’ aqua dolce]), mentre altri
pochi nomi, 8 in tutto, sono sia del basso latino, sia composti con
vocaboli prettamente latini.
Un terzo gruppo di nomi, in tutto 25, risulta da semplici trascri¬
zioni di parole greche, nel più dei casi di uso molto corrente, in
qualche àltro non molto comuni, e delle quali risulta difficile il poter
stabilire la fonte, come accade ad esempio per il vocabolo mirmi-
coleo (62), che se si ritrova già nella bibbia (Giobbe 4—11) non
appare in alcun testo latino, mentre è poi costante in tutti i Physio-
logus, per indicare però piuttostochè Y insetto : formicoleone, un animale
fantastico.
Un quarto gruppo di nomi è derivato da radici o voci di origine
germanica o romanza, in tutto 28, quali fra gli altri : lus (13), lacri-
musa (19), vison (37), camox (75), darpus (90), barbio (133), popia
(317), rubellio (454), ecc., nomi che ànno oltre ad un importanza
grandissima dal punto di vista linguistico un vero interesse zoologico,
perchè servono a confermare Y esistenza e la probabile abbondanza di
certe specie animali nelle regioni meridionali-orientali della Gallia
nella prima metà del mille.
Da ultimo persiste un piccolo nucleo di voci, 10 in tutto, per le
488
EDOARDO ZAVATTARI
quali anch’ io non sono riuscito a trovare una qualsivoglia possibile
interpretazione, mentre per 41 nomi permane alquanto dubbiosa o la
fonte o sopra tutto Y assimilazione con i sicuri corrispondenti animali,
ricerca quest’ ultima estremariiente irtà di difficoltà in alcuni casi
addirittura insuperabili.
La classificazione, se così vogliamo chiamarla, usata da Polemio
Silvio nell’ ordinare il suo elenco corrisponde in fondo nelle sue linee
generali abbastanza bene, salvo più o meno estese interpolazioni, alle
principali grandi divisioni a tutt’ oggi in uso nel ripartire gli animali ;
la prima sezione degli animali spirancium atque quadrupedum equivale
ai nostri mammiferi, la seconda dei volucrum agli uccelli, la terza dei
se non movencium ai molluschi, la quarta dei colobrarum agli ofidi,
la quinta degli insectorum sive reptancium agli artropodi, la sesta dei
natancium, con numerose eccezioni, ai pesci.
Però se, a priscindere naturalmente dagli animali favolosi, in linea
di massima si può ammettere questo parallelo, si rilevano tuttavia,
come dicevo, in ciascun gruppo interpolazioni, che mentre in qualche
caso sono spiegabilissime in altri riescono invece molto oscure.
’ Così fra i mammiferi sono incluse la lucertola (19—20), lo scinco
(24), la rana (101), il che si giustifica col fatto che questi animali
sono quadrupedi e terrestri, non si giustificano invece affatto: vultur
(26), buteo (45), epileus (46), arpe (71) che sono uccelli; ed anche
poco si spiega la presenza di furmica (107) se corrisponde effettiva¬
mente a formica (ripetizione del resto, giacché formica (287) si ritrova
anche fra gli insetti) e di mirmicoleo (62) che sono entrambi insetti,
benché per quest’ ultimo valga come attenuante il fatto che più che
un insetto il formicaleone corrispondeva ad un animale fantastico,
mentre anche la desinenza leo poteva facilmente trarre in errore.
Nella sezione degli uccelli non vi sono interpolazioni, tutti i 131
nomi corrispondono effettivamente a speci di detta classe o ad uccelli
fantastici.
Nella sezione dei molluschi sono inclusi soltanto i molluschi con con¬
chiglia, chè i cefalopodi ed i gasteropodi nudi sono invece collocati
fra i natanti; in più vi è il riccio di mare (ecinus 251), il che si spiega
col fatto che è animale vivente in mare e dotato di una robusta e
rigida corazza.
La sezione colobrarum contiene solo ofidi, ad eccezione di pagurus
(272) corrispondente esattamente dal punto di vista grafico a pagurus
di Plinio, animale però che per essere un crostaceo nulla à a che
vedere con i serpenti e che avrebbe correttamente dovuto essere collo-
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS»
489
cato fra gli artropodi (insectorum sive reptancium) mentre invece
lo si ritrova di poi con la dizione: vaguris (437) fra i natancium.
Nella sezione degli insectorum sive reptancium sono in prevalenza
elencati artropodi ; però frammisti vi sono anche bubo (780, = bufo),
salamandra (282), stillo (314 = gechi) che avrebbero, dato il carattere
di tetrapodi e terragnoli, trovato il loro posto più logicamente nella
prima sezione insieme a: lacerta, scincus e rana, poi popia (317, = girino
d’ anfibio) che può benissimo essere stato interpretato come insetto,
ed infine lumbricus (324) e Umax (326) che sono è vero striscianti,
ma non ànno alcuna affinità con tutti i precedenti.
L’ ultima sezione infine dei natancium è quella che pur corrispon¬
dendo nel suo complesso alla classe dei pesci, contiene il maggior
numero di forme spurie e che con i pesci non ànno di comune che
T habitat : così accanto ai cetacei (balena 340, marisopa 344, orca 346,
fisiter 347, delfin 378, tirsio 381, cetera 421) che allora erano creduti
pesci, si trovano la testuggine (di mare?) (356), molluschi in preva¬
lenza cefalopodi (coclea 355, auricularis 360 [che già si trova con la
dizione auris 245 fra i molluschi], nautulis 364, loligo 410, polipus 411,
sepia 412, pectunctus 426, conce 431, mitulis 435, lepus 439) crostacei
(elefans 354, lueusta 389 ? astachus 390, squilla 404, pinotera 405,
heracleotacus 432, vaguris 437), echinodermi (cucumis 348, stella 440)
ed infine celenterati (urtica 436, pulmo 438).
Questa grande confusione non è però imputabile tutta quanta a
Polemio Silvio, giacché essa risale in massima parte a Plinio, nell’ opera
del quale gli animali sono avvicinati non secondo veri criteri zoolo¬
gici ma essenzialmente secondo rapporti di habitat, od anche di super¬
stizione, quindi poiché Polemio Silvio non si è in fondo preoccupato
di altro se non di cavare fuori dalla storia naturale di Plinio i nomi
come vi si incontravano, così ne è derivata tale confusione, ed ancora
aggravata da ciò che qui ci troviamo di fronte a semplici nomina nuda,
mentre in Plinio vi sono spesso anche brevi commenti, di guisa che
si dimostra sempre meglio 1’ assoluta incompetenza dell’ autore in fatto
di conoscenze zoologiche e si conferma essere 1’ opera sua una semplice
ed affrettata compilazione.
f
Queste considerazioni valgono quindi per le conclusioni generali che
si possono trarre rispetto all’ importanza dell’ opera di Polemio Silvio -,
dal punto di vista strettamente zoologico (tralascio il valore filologico
che non è di mia competenza) 1’ interesse da essa presentato è estre¬
mamente limitato, giacché nessun nuovo contributo sientifico portava
alle conoscenze che si avevano ai suoi tempi; ma dal punto di vista
490
EDOARDO ZAVATTARI
I
della storia della zoologia essa riveste invece un notevolissimo signi¬
ficato.
Infatti con questi suoi elenchi Polemio Silvio mentre ci prova che
T interesse per le conoscenze zoologiche non era del tutto spento nei
primi secoli del mille, e che Y opera di Plinio aveva avuta una notevole
diffusione anche al di là delle Alpi, ci mostra sopratutto che il concate¬
namento degli studi sulla natura non si era totalmente spezzato, giac¬
ché il suo scritto costituisce il legame fra V opera di Plinio, che pur
essendo una semplice enciclopedia piuttostochè un vero trattato scien¬
tifico, rimaneva Sempre V ultima opera in ordine di tempo più pode¬
rosa in fatto di storia naturale dell 7 antichità, ed il primo saggio di un
trattato, in cui anche le nozioni di storia naturale avessero la loro
parte, che sia stato tentato nel medio evo, voglio dire : le Origines seti
etymologiae di Isidoro di Siviglia (VII secolo).
Ed accanto a questo che costituisce il A^alore essenziale dello scritto
di Polemio Silvio vanno pure ricordati i rapporti che certamente inter¬
corrono ' fra l 7 opera stessa ed i numerosi bestiari ed il Physiologus
sopratutto nelle sue redazioni nordiche, che tanta parte ebbero durante
tutto il lungo medio evo nella conservazione e diffusione delle più
antiche conoscenze sulla natura.
Perciò il Laterculus di Polemio Silvio si presenta per la storia della
zoologia del tenebroso periodo del mille come un elemento di im¬
portanza fondamentale, come un documento che per il suo significato
ed il suo vàlore doveva essere tratto dall 7 oblio in cui era stato
lasciato, meritava di essere con una certa ampiezza illustrato.
Indice dei nomi usati da Polemius Silvius.
(I numeri corrispondono alla numerazione progressiva che è stata adottata
nel testo.)
abelendeas 474
alausa 479
antia 459
ablinda 308 •
alburnus 478
antus 223
acalantis 155
alceus 126
apellion 145
accipiter 121
alcion 205
apis 285
acerna 371
alietus 120
apolester 448
ace va 179
ambicus 358
appodis 218
acina 329
amulus 471
aquila 111
acopienser 366
anabulio 277
aranea 337
acus 457
anas 186
araneus 441
addax 52
ancoravus 460
arcoleon 84
adis 21
anguilla 402
arcomus 83
adonis 436
anguis 258
aries 352
agatullis 183
anser 157
aris 11
alauda 178
ansisbena 269
arpe 71
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS»
491
asellus 397
asinis 351
asinus 7
asio 330
aspis 262
astachus 390
asteria 236
attagen 172
aurata 374
auricularius 360
auris 442
ausaca 486
avis tarda 159
balena 340
bannachus 22
barbio 133
barba 462
basiliscus 252
biber 36
blata 279
boa 264
bos 39
bubo 193, 280
bubalus 40
bucina 250
bumbix 286
buscas 141
buteo 45
cabarus 316
cabro 283
cacopleta 100
calli tri x 68
camedra 254
cameloparda 3
camelus 6
camox 75
cancer 312
canicola 382
canis 12
cannis 449
capito 467
capra 14
caprimulgo 171
carauho 362
caraulis 361
cardelus 222
carifera 237
carnotina 181
cattus 82
Archivimi Romanicum.
caus 58
cebeva 196
cefenis 327
celidrus 276
cenelapix 220
cenoris 268
centipeda 315
ceppus 60
cerasta 259
cercopiticus 67
cersina 445
ceruleus 359
cervus 49, 336
cetera 421
cibinnus 125
cicada 338
cicisa 180
ciclammus 209
ciconia 225
cignus 161
cimix 298
cinamullis 114
ciprinus 385
ciris 129
cirus 154
cleomena 433
cluua 213
coclea 355
coluda 428
columba 238
commagina 221
conce 431
conchilium 246
congres 380
cordolus 222
cordus 233
corgus 323
cornix 192
cornutus 452
corocacinus 400
corocatta 30
corvus 190, 376
coturnix 175
cucumis 348
culix 297
cuniculus 94
daltilus 444
damma 51
darpus 90
Voi. VI. — 1922.
dasipes 106
delfin 378
delpa 305
dentix 375
diomedia 200
dipsas 261
dorcas 53
draco 253, 423
echidra 270
ecinais 420
ecinus 251
eena 430
egittus 170
elefans 1, 5, 354
elefanstias 275
eleia 43
elops 443
emirobius 311
encataria 367
engistrus 108
eocle 41
epileus 46
eppoe 453
equis 350
eri tace 231
esox 446
eufratis 418
euga 379
eumorfus 119
exocitus 417
’exormisda 387
falaris 210
falco 120
falacrocorax 189
fasiana 162
feber 55
feniculus 232
ficarius 331
ficetula 140
finix 109
finicopter 113
riisiter 347
formica 287
fringuellus 131
fucus 294
fungalis 97
furmellaris 85
furmica 107
furo 95
33
492
EDOARDO ZAVATTARI
gabia 165
gai us 136
galgulis 123
gallerita 163
gallus 72
ganta 158
gerris 434
glandaria 224
glir 92
glottis 207
graculis 144
gradius 341
grillus 328
gristus 296
gromis 442
gubio 462
grux 156
hamodita 274
heracliotacus 432
hercinia 122
hirundo 185, 392
histrix 79
honocrotalis 149
horfus 386
iacolus 127, 256
ibis 151
ibix 74
igneumon 10
incendearia 203
inuolus 307
ipotanus 61
ipnalis 260
irioius 81
iulis 401
lacerta 19, 429
lacrimusa 20
lactrinus 483
lagopus 169
lanarius 333
laparis 321
larbus 461
leo 34
leontofanio 23
leopardus 35
lepus 95, 439
leucocruta 31
levaricinus 464
licaon 44
limax 326
linusta 153
linx 57
liscasda 309
loligo 410
lucalus 318
lucius 468
lucurparta 391
lueusta 293, 389
ludra 56
lumbricus 324
lupus 17, 373.
lupus cervarius 8
lus 13
luscinia .124
lutarius 393
manticora 32
marisopa 344
melancorifus 116
meleagris 199
mennonis 198
mergis 184
merula 408
merulus 139
milvus 146, 424
minerva 332
mirmicoleo 62
mirrus 403
mitulis 435
moneocron 27
morix 247
morrois 268
mufron 78
mugilis 388
mula 64
mullus 370
mulo 334
murena 413
mus eraneus 88
mus marinius 399
mus montanis 87
mus mustela 86
musca 292
musculus 249, 342
muscus 59
mussimus 76
mussomnium 303
mustela 409
mustèlopardus 70
natrix 257
naupreda 396
nautulis 364
nerdis 99
nession 118
nisus 166
nitela 104
noctua 98
numidica 211
oenanante 167*
oester 289
ofis 263
olor 160
onacer 47
opips 215
orca 346
orcilus 226
orix 4
orsifragis 117
ortica 436
ostrium 243
otis 208
ovis 15
oxurincus 28
pagurus 272
pantagatus 73
papilio 310
parander 25
pardus 16, 377
parra 230
passer 135
pastinaca 383
pavus 407
'pectunctus 426
pecun 240
pedusculus 300
pelaica 470
penelopele 143
perdex 173
perna 248
perseus 202
petalis 319
pica 191
picis 425
picus 134
pilargis 105
pinotera 405
piralbus 322
pirrocorax 195
piscis piscatur 365
IL «POLEMII SILVII LATERCULUS»
493
pistris 349
placensis 394
platacervus 48
pie tea 214, 219
plotta 483
plumbio 188
polipus 411
popia 317
porca 475
porcus 414
porfirion 150
prester 267
pulix 299
pullus 176
pillino 438
pumplio 234 '
purpura 245
querquidula 187
rana 101
redo 472
rex 132
ricinus 482
rinoceron 29
riparia 229
rombus 384
rota 345
rottas 480
rubellio 454
rupicaper 102
ruscus 320
rustecula 174
salamandra 282
salar 473
salmo 447
salpa 398
salpugna 274
samosa 484
sargus 450
satiriscus 64
saumaca 487
scarda 369
scarus 468, 451
schi tale 271
scineus 24
scinfis 291
scirus 91
scolopendra 284
scorber 419
scorpena 372
scopis 235
scorpius 313
seleucis 197
senator 130
seps 265
serpido 357
serra 343
sexpedo 301
sfalagia 339
sfinx 65
silurus 455
simius 66
sindrix 77
siptacus 115
siren 148
sofia 477
solea 395
solifuga 278
spinternix 194
spondilium 244
squatus 466
squilla 404
stella 440
stillo 314
strix 147, 152
struchio 110
strurnus 138
subter 212
suessalus 164
sunhos 302
sus 63
tabla 54
talpa 89
tauro 2
taurus 142
taxo 80
tecco 427
teredo 290
termis 325
terpedo 363
terpsicerus 103
testudo 356
tetigonia 281
tetroa 206
theus 9
ticris 33
tinca 476
tinea 304
tinnus 415
tirsio 381
tirus 485
titiunglus 228
titus 227
tragelafus 50
tremulus 204
trigon 217
triton 353
trocibus 168
trocus 458
trogopan 112
tructa 463
tubanus 335
turdus 137, 406
uena 42
ulula 201
umbra 165
ursus 18
urus 38
uruca 306
vaguris 437
veneriosa 221
vespa 288
vibio 216
vipera 255
viscus 37
vulpis 93
vultur 26
Edoardo Zavattari.
33 *
Zu Briiehs Bemerkung’en Bibl. areh. rom. 11/3, 26 IT.
Ich bin Briich fiir seine Bemerkungen zu meinen katalanischen
Etymologien (Bibl. arch. rom. II/l) aufierordentlich dankbar und will
gleich bemerken, dafi mir seine Darlegungen iiber kat. àbuhir S. 28,
gask. venie S. 30 (die auf v. Wartburgs Bemanglung Ztschr. 41, 619 als
Antwort dienen kònnen), nprov. erburbci S. 34, sp. carajo S. 36, ptg.
galivar , mali, escalivar , arag. escaliar S. 39, arag. masto S. 52,
sp. canijo etc. S. 53 , ganfó S. 54, akat. granivola S. 55, asp. mar-
fus etc. S. 59, ptg. gatimónias etc. S. 60, sp. mostrenco , mesteno
S. 62, kat. vacar C sich gramen 5 S. 63, sp. avugo S. 67, sp .tvebejav
S. 70, sp. baldeo S. 71 sehr erwagenswert scheinen. So sehr ich
diese Fortschritte gegentiber meinen eigenen Erklàrungen begrufie,
so entschieden mufi ich mich gegen andere Ausfuhrungen zur Wehr
setzen, die meinen Gedankengang entstellen oder m. E. schlimm-
bessern. Ich tue dies zwecks Raumersparnis mit schlagwortartiger
Kiirze :
mali, esbaltivse, nprov. abanti, c ohnmachtig werden’, kat. abaltiv s£
einschlafen 5 — *expavitive wird als «lautlich schlecht, begrifflich
gar nicht passend» bezeichnet — wieso pafit eine aus dem ^Prateri-
tum (!) von altkelt. *adbalò c komme um’ abgeleitete, erkonstruierte
Form begrifflich und morphologisch besser ? — Ich bemerke hier, dafi
das bei mir S. 3 Anm. erwahnte esveltiv las mevcadevias zu sp. snello
(vgl. frz. svelte ‘behend’) gehort.
aprov. ab ansai c auf dem Boden liegend 5 soli aus dem sp. abusado
entlehnt und dabei an pausar angelehnt sein? Sonst gehen die Ent-
lehnungen den umgekehrten Weg.
sp. enconavse C schwaren (von Wunden) 5 , urspr. c erbittert werden 5 ist
nicht auffalliger als indignavi 1 auf schwàrende Wunden angewendet;
vgl. Thomas Mélanges 66. Von c wehe tun, schmerzen 5 ist auch dtsch.
schwdven zu miteni 5 gelangt. Wir brauchen also nicht ein gali. Wort
zu konstruieren. Ich sehe nicht ein, warum die Dissimilation l-l>l-n
bei melancholia im Sp. nicht angenommen werden solite, da wir sie
1 Hierzu noch arag. indignavse c enconarse las llagas de heridas 5 .
ZU BRÙCHS BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF.
495
doch im Ital. malinconia und sonst im Rom. haben. Dafi von einem
encono (Postverbai aus enconar , das selbst ein gali. *kun sein soli!)
aus, «das, in iibertragener Bedeutung verwendet, einen seelischen Zu-
stand bezeichnete», ein -la (enconia) gebildet worden sein soli, ware
vereinzelt — das Suffix -ia ist doch vorwiegend Bezeichnung von
Adjektivabstrakta oder deverbal.
sp. gatupério ,Mischung von Getranken von unangenehmem Gè-
schmack 5 = batnquério c das Durcheinanderschiitteln 5 + vituperio
Scbande 5 ? Warum mit mir nicht einfach = vituperio , da ital. putiferio,
kat. Ubèri c Larm 5 auch sehr starke Umgestaltungen zeigen ? Seman-
tisch vgl. frz. horreur auf Speisen angewendet (K. Glaser: Die
neueren Sprachen 29, 377). Batuquèrio ist als weiterer Beleg fur
-èrio willkommen.
Kat. bleix = *bléstiu, «Romanisierung von got. *blests» nach dem
Plural *bléstis ) ist wohl eine kiihne, durch keine Parallele belegte
Rekonstruktion. Tallgren, Neuph. Mitt. 1921, S. 152, hat wohl eher
recht mit seinem got. *blesa + phantasiare {panteixar C keuchen 5 ).
Salam. columbeo c Schaukeln 5 erwàhnte auch ich in den Nachtragen
S. 158.
corrila c Schar 5 = corrulla "Galeèrenkammer 5 und dies zum Stamm
von correr ware einleuchtend, — aber wie erklarte sich das Suffix?
Kat. corrulla , das definiert wird als "espacio debajo de la cubierta,
que toca al costado o fianco de la galera 5 , ist offenbar identisch mit
dem REW 2243 aus corolla abgeleiteten kat. curull ‘kleines Dach
iiber dem Schornstein 5 (Aguiló: c part superior de la xemeneya 5 ), so
dafi correr hochstens sekundàr eingewirkt haben kònnte 1 2 . Kat.
crétua c Spalt 5 aus crepitus , -ns, wie impetuosus — dieselbe Deutung
legen meine Nachtrage auf S. 159 meiner Abhandlung nahe.
Sp. duende "Kobold 5 soli daemone + domus + comite sein. Welcher
Fachgenosse halt da mit? Doch gebe ich gern zu, dafi der Einwand
wegen des - e berechtigt ist und lege in einem demnachst in der Rev.
1 Aguilò libersetzt corrila c tropel, recua, hilera, rua\ Ftìr ruar finde
ich bei Vogel die Bedeutung ‘iiber die Strafie fahren, vor dem Fenster
einer Dame spazieien 5 . Rua heifit also c Korso J (ma de San Tomds ‘Wagen-
korso am Nachmittag des 21. Dezember in Barcelona 5 ), mit derselben Be-
dcutungsentwicklung wie Korso . Ist das bei Labernia nicht uberlieferte
corrila also vielleicht eine neuere Bildung von ma — ruar\ *corruar ‘zu-
sammen auf dem Korso spazieren gehen 5 ? Hier haben die Katalanen das
Wort. Es miifite der stilistische Charakter des Vokabels erst untersucht werden.
2 Hierher wohl auch coruell ‘Nadelòhr 5 , was der Gleichung it. cruna ==
corona neue Starke verleihen kònnte.
496
LEO SPITZER
d . fil. esp. erscheinenden Artikel den onomatopoet. Stamm dond- (REW
2748), mit -e wie in gleichfalls onomatopoet. dengue, zugrunde : urspr.
also der c lebhaft und lustig sich bewegende Geist 5 , frz. gobelin c Polter-
geist\ — Das iiber die Bedeutungsentwicklung von ptg. dondo
‘glanzend 5 Gesagte ist Schikane; ich nahm an C weich’ > C dick und
fett 5 > ‘glanzend 5 , Briich c glatt 5 > c glànzend\ Hier gibt es kein aut-aut,
sondern hochstens ein et-et (man beachte galiz. dondo C weich 7 zart 5 ).
Sp. encentar . Spitzer erwàhnt Diez nach Brlieh «nicht mit einem
Worte» — warum hatte er das tun sollen, wo REW an der von
Spitzer besprochenen Stelle den Altmeister zitiert? « Encentar ver-
dient das Sternchen, das ihm Spitzer gab, nicht», — in dem betreffenden
Artikel ist kein encentar (nur encetar\) mit Sternchen versehen 1 .
Akat. engevera: Ès ist mir nicht klar geworden, ob Brtich den
arab. Ursprung der ganzen Sippe bestreiten will. Fiir al- > en- vgl.
auBer mali, engandora (bei Briich verdruckt: enganderd) neben
akat. alcandora (bei Briich verdruckt: alcandera) noch 'mall. enclitd
neben alquitrd /Teer 5 (falls nicht durch Verbalableitungen wie kat.
encatarinar beeinfluBt).
Sp. zopo : Wie man den onomatopoetischen Ursprung von *tsop
l hinkendV neben cloppus , sp. tòpo c stolpernd% tropicar 'stolpern'
(das Briich wieder S. 48 auf gr. TQicpog t Stiick 5 zuriickfiihrt !) 2 be¬
streiten kann, ist mir • unklar. Die Kontamination cloppus + &anka
(log. ciancanu ) ? die er vorschliigt, ist ja erst recht bei onomato-
poetischem Ursprung mòglich : Kontamination und Urschòpfung
schliefien sich bekanntlich nach Schuchardts Feststellung nicht aus 7
sondern diese begunstigt jene.
Kat. bornar-bordar : Ich sprach von einem «Wechsel» zwischen rn
und rd — Briich macht daraus einen «Lautwandel» und wendet sich
gegen eine Annahme, die ich nicht geauBert habe.
It. scaramuccia c Scharmiitzel 5 = *skermntium von einem Partizip
* schermato steht wohl morphologisch isoliert: aggravio, abominio
gehòren zu -iare-Ve rben. Kat. caramot c Gaffer 5 aus *cara-mut ( >
Dies bloB erschlossene Wort ist sehr unwahrscheinlich, da man mit
dem Gesicht wohl ruhig, aber nicht «stumm ist.
1 Wohl Druckfehler wie auch S. 36 cor ré AValze 5 (1. corro), S. 46 ‘Sattel-
kisten 3 (1. c Sattelkissen 5 ), S. 47 ptg. trópege (1. trópego ), S. 49 Corteseo
(1. Cortesao), *aesturicare (1. aestuicare), S. 56 laix monar (1. menar).
2 Ich sehe auch nicht ein, warum tropezar nicht ein Hnterpediare (zu
REW 4494, Wagner, Beih. 4 zu \V. u. S. S. 94) sein soli, hochstens mit
onomatopoetischer Beeinflussung von trop-.
ZU BRaCHS BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF.
497
An sp. eslabón c Kettenglied’ aus *esnubón , got. *snòbòii c vitta 5
kann ich ebensowenig glauben wie an eslabón "schwarzer Skorpion’
= vlt. *nepoiie , zu nepa . Arag. eslavct £ Abhang 5 stellt Briich zu
labi ‘gleiten 5 und fligt hinzu: «So erklart jetzt Spitzer selbst, Neuph.
Mitt. 1913, 171 aliati , Garcia de Diego, Rev. d. fil. esp. 1920, 121
eslava ». Ich verstehe das «jetzt» nicht, da meine Abhandlung Lexikogr.
aus d. Katal . 1921 erschien. Fernet* bemerke ich, dafi diese beiden
Zitate und diese Berichtigung in den Nachtragen S. 159 dieser Ab¬
handlung enthalten sind, so dafi die ganze Polemik Brtichs gegen mieli
uberflussig wird.
«Die nebenbei erwahnte und von Spitzer aufgenommene Herleitung
des sp. atreversep [aus dtsch. slreben ] — ich schrieb: «vielleicht
atreverse , wenn zu estreverse = dtsch. streben (Cuervo, Dice . s. w.
atiborrar und atrever )», woraus Briich hatte entnehmen konnen, dafi
mir eine andere und nattirlich die Diezsche Erklarung bekannt war.
Spitzers Wiederaufnahme und Verteidigung der verungliickten .. .
Herleitung des sp. dlàbe . . . aus vlt. alipe l Fett, Splint 5 durch Hans
Sperber uberrascht.» Ich schrieb selbst, das letzte Wort iiber die
alapa -Sippe sei noch nicht gesprochen. Flir Sperber konnte ich die
Angabe Oudin’s (alaveo = c aubour 5 ) ins Treffen fiihren. Briich er¬
klart diese einfach als Verwechslung eines «Nichtspaniers» von
alabeo l Krummwerden des Holzes 5 mit alborno c Splint 5 — ja, wenn
wir so mit den Angaben der alten Lexikographen umgehen . . .
caute de folondres ‘seitlich fallen 5 . Ob Briichs Erklarung *follun-
dula c Rippengegend 5 = follis "Blasebalg 5 + c auf- und niedergehender
Kolben 5 (der mit der atmenden Brust verglichen ware), mit lautlicher
Einwirkung von bollar (//>//) irgend jemand aufier dem Autor
iiberzeugen wird? Da Griera das kat. Wort als Kastilianismus be-
zeichnet, so wird die Erhaltung des f gegeniiber bollar (fuetto hat
f vor ue wie fuego ), die bei meinen Deutungen ohne weiteres klar
ist, sehr auffallig.
Nprov. balandran , mit. galandravmn , asp. gualandrin soli auf
ein mhd. %vallender ^ilgernder 5 zuriickgehen ? Aber w > b ist nicht
ohne weiteres klar; die Parallelen pélerine , esclavina hinken deshalb,
weil wir hier eben ein c Pilger’ bedeutendes Wort nicht haben; auch
scheint mhd. wallender nicht ein standiger Ausdruck fiir c Pilgei°
gewesen zu sein (bei Lexer finde ich nur wallender man einmal be-
legt); die Abtrennung von balandran £ Schaukeln, BrunnenschwengeP
usw. macht auch Schwierigkeiten. Warum also nicht bei meinem
balandrd C balancer 5 ( l wallender ManteP) bleiben? Das g- kann von
siidfrz. garlandd c herumvagieren 5 oder tort. a la guilindraina
498
LEO SPITZER
‘caminar o fer una cosa de qualsevol manera 5 , mali, galindaina c iiber-
fllissiger, geschmackloser Putz 5 , sp. gucildrctpa c Fetzen 5 oder dgl.
stammen. Auch gaban kann einwirken, das Griera Butlleti 1921
S. 98 heranzieht (allerdings scheint mir dessen Annahme einer Kon-
tamination valona + gaban unwahrscheinlich)L
Guàjete por gudjete . Die Einwànde Briichs gegen meine Deutung
iiberzeugen mich, nicht aber seine Deutung als Andalusismus statt
*guarnete por gnarnete 5 schiitze dich um schlitze dich! 5 , das rein
supponiert ist. Vielmehr legt die parallele Lautverbindung in ojte
C pack dich ! 5 eine onomatopoetische Interjektion nahe. -te, beschliefit
gern solche Bildungen in Sprachen, die Proparoxytona besitzen (ital.
patapihnfete , càspita ).
Fa braumenta calor = brctu + brument? Vielleicht besser
braument Adverb, moviert wie ein Adjektiv. Ich habe in meinen
«Ital. Kriegsgefangenenbriefen» S. 35 den Superlativ des Adverbs
nicht in der Form - issimamente , sondern -mentissimo belegt.
Kat. reguitsar ‘ausschlagen 5 soli ein got. *hwitjan sein, wahrend
mali, a VaguicBoneta c auf den Fersen hockend 5 doch zu calcea ge-
horen soli (ad calceas ist wohl statt Brlichs ad calces zu lesen).
Aber wieso konnte tj den te-Laut im Kat. ergeben? Sonst ist doch
«lautgesetzlich» // > e oder s oder in gelehrten Wortern 5. Uber
diesen eigentlimlichen Laut vgl. Tallgren Neuph. Mitt. 1921, S. 151.
Sp. legano "Augenbutter 5 hat v. Wartburg Ztschr . 41 ? 620 richtig
erklàrt. An Hemica von téma 1 Augenbutter 5 kann ich angesichts der Ver-
breitung der nasallosen Formen (nur westastur. mit ni) nicht glauben.
Auch kat. mambrù erfahrt durch v. Wartburg ebd. (norm. malbrou
"chaufferette en terre cuite’) eine Stiitze : an maniobrar "hantieren 5 ,
murcia. manobre l Handlanger 5 kann ich nicht glauben: Schwund
des -o-\ wie erklàrte sich das -iinus- Suffix ? ; ferner Ubergang der
Bedeutung von "Handlanger 1 > "HandgrifP > ^iserner Deckel 5 ? Auf
Brlichs Bemerkung: «Die zufàllige lautliche Gleichheit ... genligt
noch nicht, um die etymologische Identitat beider zu behaupten
1 Ich stelle hier kurz die Worter zusammen, die ich in dieser liebens-
wlirdigen Rezension meines verehrten Freundes Griera (Butti, de dialect . cat .
1921) nicht mit gleichen Augen wie er ansehen kann: afrau , eixeribit ,
encallar , atxul-lat, bigamia (cagarniu ist aus caga-niu erst nach bigamia
umgeformt), boldró, cateifa, esponera (spuma gàbe espoma\ fesols (das
nichts mit fdsols c Rumpfmette 5 zu tun hat: sp. judias erklart Rohlfs Ztschr .
40, 340 ganz richtig), lleganya, neguit (ein lt. *nequitu aus nequitia ist
morphologisch nicht recht denkbar), noi (novius mit Lab. + i kann nicht mit
odium parallelisiert werden), organyar, paltaltre, rovisos , sobec , tos.
ZU BRÙCHS BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF.
499
und statt der fehlenden sachlichen Begriindung einfach zu sagen : der
genaue Grund der Ùbertragung des Eigennamens ist noch zu er-
mitteln» erwidere ich, ' dafi sich jede noch so verkehrte Ansicht
«begriinden» lafit, und dafi ich richtig erkannte Zusammenhange
iiber unrichtige, aber irgendwie begriindete Hypothesen stelle 1 .
Kat. mambrti > *manoperùnus ist von Bruch «begriindet» worden
(iibrigens nur zum Teil) — ist die Gleichung aber richtig? Kat.
mambrti "eiserner Deckel * * 5 , norm. malbrou "Kohlenpfanne 5 = Marl-
borough ist von Wartburg und mir vorlaufig ohne nahere Begriindung
geauhert worden — aber schon durch das Zusammentreffen beider
Behauptungen ist deren Wahrscheinlichkeit erhòht. Ubrigens hatte
ich, was Bruch verschweigt, roue à la Marlborough c Rad mit sehr
breiten Felgen’, guienne ma(r)brouc "pièce de deux liards 5 erwahnt.
Vgl. zur Bedeutung volksfrz. roue de derrière "pièce de cent sous\
Allerdings miissen wir das Wort mit Vorsicht behandeln; von den
Worterbiichern hat es nur Bulbena-Tosell, aus dem es Vogel iiber-
nahm; auch Griera {Butti, d . dialect cat . 1921, S. 99) kennt es nicht.
Nprov. gimerre = nfrz. chimère . «Spitzer tragt hier in der An-
merkung dieselbe Herleitung [wie Bruch] als etwas Neues vor, ohne
seinen Vorgànger zu nennen.» Ich pflege eher zu viel als zu wenig
meine Vorgànger zu zitieren. Auch wird mir Bruch vielleicht die
Fahigkeiten zutrauen, selbst auf diese Etymologie zu kommen. Ich
habe das Manuskript 1917 zuerst der Zeitschr . j. rom . Pliil. ein-
gereicht und nicht alle Neuerscheinungen beriicksichtigen kònnen. I n
den Nachtràgen S. 161 ist Briichs Artikel dann erwahnt,
ebenso an anderer Stelle (Archiv 1921, S. 263). Ich bedurfte also
der Mahnung nicht.
«Das von Spitzer betonte Vorkommen eines mit gllihenden Torf-
kohlen gefiillten und zur Erwarmung des Bettes dienenden pfannen-
fòrmigen Gefafies bei den Ostfriesen um Emden stiitzt doch in
keiner Weise die Annahme einer Grundbedeutung "Durchseihetuch,
Durchschlag, Schòpfkelle 5 fiir vlt. pannai — Brlich hat das Ent-
1 Ist es z. B. eine Begriindung, wenn die Dissimilation von ptg. trebelho
zu trabelho S. 71 durch aquelle , das selbst ungeklàrt ist, gestiitzt oder
S. 73 ein aus *querkband angeblich entstandenes caveau nach Bruch zu
zu afrz. charchan «durch iibertriebene Franzòsisierung» erklàrt wird? Oder
ist es begriindet, wenn schlankweg ein griech. Wort als im Lat. existierend
angenommen wird wie bei InLyjQOt,og > biais, àijXor (fyvóv > ariège daufi,
TiQciyog > bargagnare, cltqextis c genau 5 > *intregu l ganz 5 , tqv(j og > march.
introppicare, lùridus { leichenblafi J + XvSQ.og { Besudelung’ > rom. lordo, lerdo
(Kontamination eines lt. Adjektivs mit einem gr. Substantiv!), ntaoóg l Stein im
Brettspiel > it. bescio c dumm’ us^.?
500
LEO SPITZER
scheidende in meiner Parallele, dafi die friesische Bettpfanne schòn
durchbrochen» ist, ausgelassen.
Mail, pitxoiina wird richtiger von Tallgren Nenph. Mitt . 1920,
S. 149 als parallele Bildung zu siz. picceriddu erklart.
«Die Herleitung des kat. rebles c Nieren 5 . . . von kat. reble l Bruch-
stein 5 durch Spitzer tiber eine angenommene Bedeutung ‘Nierensand 5
hinweg bedarf keiner Widerlegung.» Daraus wiirde der Leser
schliefien, dafi ich diese These als definitiv aufgestellt habe. Sie war
nur eine von mehreren, von mir erwogenen Mòglichkeiten, und am
Schlufi schrieb ich «non liquet». * Briich verschweigt ferner, dafi
seine Deutung (zur Sippe von rdble) auch bei mir steht. Die
Trennung von kat. reble und sp. ripio durch mich soli «bei der
gleichen Bedeutung und ahnlichen Form von vornherein unwahr-
scheinlich» sein. Aber siehe da — was tut Briich? Er nimmt fiir
jenes lt. repliim , fiir dieses got. *ripja £ rauh 5 an und làfit dann die
beiden Etyma einander beeinflussen. Ganz genau so verfahrt er bei
sp. rapaz c Junge 5 und dessen Sippe, indem er zuerst erklart, «Ab-
weichungen von der lautgesetzlichen Form an verschiedenen Stellen
in verschiedener Art» seien «mehr als verdàchtig», wenn die Be¬
deutung des lt. und der romanischen Wòrter sich nicht absolut decke —
dann aber fortfahrt: «Nun aber lassen sich alle romanischen Formen
iiberhaupt nicht auf eine gemeinsame Grundform zuriickfiihren» und
behauptet, ein Bedeutungsiibergang t Schofiling 5 > t Knabe' ) sei wahr-
scheinlicher als der c Rauber 5 > c Knabé\ Ein Blick in Paulis Buch
Enfant , gar^on, fille wiirde Briich iiber die Gleichberechtigung beider
Ansatze in semantischer Beziehung unterrichtet haben.
«Kat. rostar £ fegen, saubern 5 , das Spitzer als Riickbildung aus einer
[1. einem?] nicht mehr vorhandenem *rostollar = nprov. restonlha
C arracher le chaume 5 erklart, wird eher aus re + aprov. ostar £ weg-
nehmen 5 entstanden sein; vgl. afrz. roster óter, enlever, priver,
dégager.» So beachtenswert der Vorschlag ist, so wenig gerecht ist
Pro und Contra abgewogen. Kat. rostollar verdient nur ein Sternchen
— und hat es in meiner Abhandlung — fiir die Bedeutung C arracher le
chaume 5 , wogegen das Verb rostollar in anderen Bedeutungen, wovon
die "llaurar los rostolls, alzar 5 bei Labernia der von nprov. restonlha
und der von l saubern 5 merklich nahe kommt. Dagegen ist afrz. roster
in God.s Beispielen ganz anders gebraucht. Es ist dies einer der Falle,
wo der geschickte Advokat Briich das xà rjuto visitilo ttoisÌv betreibt.
«Die Verbindung des sp. tartaruga c Schildkròte 5 mit onomato-
poetischem port. tàrtaro £ stotternd 5 . . . scheitert an den romanischen
Formen mit dem Stamm tort -, die einfach nicht beriicksichtigt werden.»
ZU L5RUCHS 13EMERKUNGEN BII5L. ARCH. ROM. 11/3, 26 FF.
501
So «einfach» habe ich mir die Sache nicht gemacht, da ich a. a. O.
ausdrlicklich die Ansicht des REW vom sekundàren Charakter des o
billige, auf die ja auch Brlich zuriickkommt. Wenn Briich mein
Zitat aus Morgenstern, von der stotternden Schildkrote x , als eine «un-
nótige Abschweifung» erklart, die man «in wissenschaftlichen etymo-
logischen Artikeln besser unterlassen» soli, so erwidere ich ihm, dafi
die Bedeutungsiibergange, die Dichter- und Volksphantasie schaffen,
im wesentlichen die gleichen sind, und dafi Briichs kunstfeindliche
Haltung in der Sprachwissenschaft ebenso unwissenschaftlich ist —
Sprache und Kunst, wie Vossler und Schuchardt, dem Briichs Artikel
gewidmet ist, eindringlich betonten, stehen ja in Wechselbeziehung 1 2 * * —,
ebenso unwissenschaftlich ist.... wie die Etymologie sp. duende — dae-
monem + domus + comite , die ohne die Spur eines kiinstlerischen
Empfindens rein konstruktiv ermittelt — erkunstelt wurde ! Uberhaupt
solite man mit der Abtrennung des Wissenschaftlichen vom Unwissen-
schaftlichen vorsichtig sein, da die Zielsetzungen in verschiedenen
Zeiten sich àndern. Es galt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
als unwissenschaftlich, iiber Goethes Faust ein Kolleg zu lesen. Es
galt bis vor kurzem noch als unwissenschaftlich, statt einen altfrz.
Text herauszugeben, Sprachvergleichung zu treiben. Es gilt vielleicht
noch als unwissenschaftlich, sich mit kiinstlichen Weltsprachen zu
beschaftigen, usw. usw. Wer weifi, wie unsere Etymologisiererei
spateren Generationen erscheinen wird !
Galiz. carrancas "hinkend* ist keineswegs «volksetymologische An-
lehnung an carrancas c Grimassen 5 », sondern erklart sich nach einem
volkstumlichen Bildungstypus von Scheltbezeichnungen, wie ich Bibl.
arch. rom. II 2, S. 139/140 darlege.
1 Wenn Brlich meinen Ausdruck «Uberbrettltier», auf Morgensterns
Schildkrote angewendet, nicht verstand, so hàtte er sich biofi daran erinnern
mlissen, dafi zur Zeit seiner und meiner Kindheit in Miinchen die Ùberbrettl-
Literatur entstand, die, von ersten Dichtern Deutschlands (Bierbaum, Wede-
kind usw.) gepflegt, die kiinstlerische Neubelebung des Kabarettcouplets an-
strebte: Morgensterns Tier sagt nun im Stil des Uberbrettl-Couplets «Ich
bin die Schildkrò-kròte», womit mein Ausdruck wohl erklart ist.
2 Es sei nur anmerkungsweise an die oft zitierte Stelle in Goethes Farben-
lehre erinnert: «Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes
zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innere, dieser das Àufiere
fehlt, so mlissen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn
wir von ihr irgendeine Art von Ganzheit erwarten ... Um aber einer solchen
Forderung sich zu nàhern, so mtifite man keine der menschlichen Krafte bei
wissenschaftlicher Tàtigkeit ausschliefien» [es werden dann unter anderem
als solche Kràfté erwahnt «bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle
Freude ani Sinnlichen»].
502
LEO SPITZER
Zum Schlufì noch eine theoretische Bemerkung: sie bezieht sich
eben auf Briichs geringe Geneigtheit zu solchen. Er dekretiert,
wertet, urteilt ab — aber nur nebenbei und im Voriibergehen, mit
einer autoritativen Geste, einem moralisierenden, den Gegner hof-
meisternden 1 Ton, was die etymologische Forschung deshalb nicht
bereichert, weil diese in stetem Flusse befindliche Wissenschaft immer
darauf angewiesen ist, vom weniger Plausibeln zum Plausibleren
vorzuschreiten und ein etymologischer Vorschlag eben auf den
«plausus» der Leser angewiesen ist 7 nicht diesen von vornherein
als selbstverstàndlich voraussetzen darf 2 * * . Der Mann, dem wir
den weitesten methodischen Einblick in die etymologische Forschung
verdanken, eben der Jubilar Hugo Schuchardt, dem Bruch seinen
Aufsatz unterbreitete, hat deshalb den prozessualen Weg der be-
griindenden und gerecht abwàgenden Rede und Widerrede flir diesen
Forschungszweig vorgeschlagen. Wer nun selbstherrlich verkiindet:
«Spitzers Versuch ... ist gescheitert» (S. 58), «die von Spitzer an-
genommene Bedeutungsentwicklung . . . hangt ganz in der Luft»
(S. 60), «die Herleitung . . . bedarf keiner Widerlegung» (S. 65) —,
selbst aber imstande ist, Etymologien wie flir ariège cialfì ‘Blitz’
1 Ich glaube wirklich nicht, daran erinnert werden zu mussen, dafi zu
aprov. kat. jovent c Jugend> t > ‘Jiingling* frz. jeunesse, it. gioventù usw,
‘junge Leute 5 «zum Vergleich nàher gelegen [hàttej als engl .youth beider
Bedeutungen». Mit Verlaub! Engl. youth heifit ‘Jugend 5 und ‘Jungling’;
man kann in letzterer Bedeutung a youth , plur. youths sagen; kann man
dagegen etvva frz. un jeunesse, des jeunesses, it. una gioventù, delle
(oder dei) gioventù im Sinn von c ein junger Mann 5 — c junge Leute> sagen?
(Hochstens line jeunesse c ein junges Madchen 5 , àhnlich wie personne auf
das Femininum beschrànkt; vgl. K. Glaser, Die neueren Spr. 1921, S. 349,
der nur ein zentrfrz., also dialektisches jeunesse c jeune homme 1 anfiihrt.)
2 Ich kann mich auch nicht mit so summarischen Vereinfachungen der
Volkspsvche abfinden wie S. 50: «Eine Verdràngung des asp. maslo c Mànn-
chen J wegen der obszònen Bedeutung c Penis 5 durch ptg. macho wàre nur
in den oberen Stànden moglich gewesen, da die unteren obszòne Neben-
bedeutung nicht scheuen, eher ein Wort wegen solcher bevorzugen.» Kurz
und kiihn gesagt! Ich habe aber die Bemerkung gemacht, dafi gerade «das
Volk» oft (sprachlich wie korperlich) schamhafter ist als die Gebildeten,
und gerade in dem sakral gesinnten Spanien, in dem man von einem Mann
nicht simpàtico sagen darf, ohne dafi an Homosexualitàt gedacht wurde, in
dem salvo vuestro honor, respeto usw. in der Konversation so gern auf-
taucht (von en salva la parte zu schweigen!), ist mir derlei wenig wahr-
scheinlich. Die Wahrheit ist vielmehr die, dafi eine starke «interdiction
linguistique», eine intensive «Verdràngung» ein um so stàrkeres Empor-
treiben der Instinktmàchte zur Folge hat: sp. macho — hembra als Aus-
driicke der Schneidersprache [wie dtsch. Mdnnchen und Weibchen von
ZU BRUCHS BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF. 503
{Ztschr. 38, S. 679) ein gr. drjlov cprjvóv , d-nique aus denique flir
rom. anc. (Ztschr . 41, S. 582), gr. inr/.aQOiog fiir frz. biais ( Neuph .
il//#. 1921, S. 117) oder einige der obzitierten zu wagen, setzt sich
dem Vorwurf aus, dafi er eigene und fremde Arbeit nicht mit
dem gleichen Mafie mifit. Wer selbst das sp. eslabón zu semantisch
wie phonetisch ganz verschiedenen germ. Wortern stellt oder das
gut erklarte sp. enconar neu etymologisiert wie Briich, aber von
einem Mitforscher schreibt: «Man soli nicht ftir etymologisch vòllig
geklarte Worter neue Etyma aufstellen, nur um seinen Scharfsinn zu
beweisen», verdàchtigt ohne Berechtigung die Triebfedern des Schaffens
dieses Mitforschers. Ich spreche Herrn Briich das Recht ab, mehr
als meine Leistungen zu beurteilen. Die Psychologie des Schaffens
ist etwas, was unter der menschlichen Haut beschlossen ist, um
Bismarcks Ausdruck zu gebrauchen. Sie ist natiirlich auch Gegen-
stand wissenschaftlicher Erforschung, aber dann mufi diese mit
denselben biographischen und psychologischen Methoden und derselben
eindringlichen Akribie arbeiten wie die Literaturwissenschaft. Mich
bekiimmern derlei Obenhin-Urteile weniger um derer willen, denen
sie gelten, als um derer willen, die sie aussprechen : sie richten
einen grofieren moralischen Schaden an, als die Sache wert ist, um
derentwillen sie gesprochen wurden. Wichtiger ist vertrauensvolle
Voraussetzung guter Motive beim Nebenmenschen als die Klarung der
Etymologie von sp. estiar. «Etre un grand philologue, c’est déjà beau-
coup, mais ètre bon c’est encore plus», soli G. Paris gesagt haben. Ab-
gesehen davon, dafi, sollten selbst Motive wie Ehrgeiz, der Drang,
sich auszuzeichnen usw. bei einem geistigen Arbeiter vorhanden sein,
deren Schadlichkeit fiir die Wissenschaft noch lange nicht erwiesen ist.
Aus Widerspruch ist schon oft ein Spruch geworden ; das Besserwissen-
wollen hat der Wissenschaft manches bessere Wissen vermittelt; selbst
Grofienwahn hat schon bleibend Grofies gezeitigt, wie die Geschichte
lehrt. Gerade Briich widerspricht gern und oft ; ich bin der letzte, der
ihm das ankreidete. Nur darf der Opponent nicht vergessen, wie viel
er seinem Gegner schuldet: die Ablehnung einer wissenschaftlichen
Haken und Ose] zeigen sehr deutliche sexuelle Anschauungen. Aufierdem
ist frz. conin , falls Jabergs Ansicht richtig ist, doch gerade in volkstiimlichen
Kreisen wegen des Anklangs an con geschwunden ( Sprachgeogr ., S. 12).—
Auch scheint mir die blinde Ergebenheit in die Lautgesetze ohne Beriick-
sichtigung des stilistischen Charakters eines Wortes, das mathematische
Rekonstruieren der Etyma, das Addieren der Worter zu Kontaminationen,
wie sie Briich betreibt, die Vorliebe fiir ein gallisches, griechisches, germa-
nisches Etymon gegeniiber einem innerromanischen fiir die etymologische
Forschung kein Gewinn.
504 LEO spizer: zu brOchs BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF.
Meinung setzt voraus, datò diese den Ablehner beeinflufìt und befruchtet
hat. Der wissenschaftliche Sieger ist oft tatsachlich der Besiegte. Ein
noch so verfehlter etymologischer Artikel bringt in der Regel wertvolles,
neue Gesichtspunkte erschliefiendes Material. Wir pflegen sehr gern
das geleistete Gute als selbstverstandlich unerwahnt zu lassen und
nur das Tadelnswerte hervorzuheben. So kommt es ? datò man die
Namen ganz Grofier oft nur mit Tadel verbunden liest. Wollte man
sich etwa aus den Ablehnungen von Einzelheiten, die ein Schuchardt
oder Meyer Llibke erfahren haben, ein Bild des Gesamtwerks dieser
Forscher machen, man wiirde ihnen sehr wenig gerecht. Hier tut mehr
Dankbarkeit, mehr Bewufitsein ftir unser aller wechselseitige Ver-
schuldung not. Wir Etymologen, ja wir Menschen sind alle nicht so
unabhangig, wie wir uns hinstellen und glauben. Wir alle gleichen
dem Zaunkonig der Fabel: unsere Vorganger, oft eine ganze Reihe
von Generationen, haben gleich dem Adler uns eine betrachtliche
Strecke in die Hohe gefiihrt, und auf das kleine Stuckchen Eigenflug
diirfen wir nicht allzu Stolz sein.
Leo Spitzer.
Nachtrag: Ftir balandran zum Stamm balandr- S. 497 spricht noch
die Bedeutungsangabe bei Lang Rom. 45, 407 c a loose gown, with short
sleeves 1 , ferner in dem Vocabulari, Bogen 4, der dem Boletin d. 1. soc.
castellonense 1922 cuad. VII beiliegt, bctlandrèu c talavàns o faldóns de la
camisa 5 , weiter volksfrz. balandr in c balle de colporteur 5 anjou id. ^olporteur’,
se balandriner c se promener lentement 5 (Sainéan Lang. paris. S. 266 und
286), ferner astur. perlindango : «Es un baile muy antiguo que bailan las
viejas de Cudillero. Y dicen que tomo su nombre de un mandil que usaban
antiguamente con el traje de fiesta, las aldeanas de aquel consejo» (Aurelio
de Llano, Dol folklore asturiano S. 246), wozu span. pelindrajo { Fetzen 5 ,
santander pelindrusca, chile.^ pelintruca c harapienta J , sip.pelandiisca'ramerà.'
passen, die Garcia de Diego wegen chile. pellingajo , kat. pellingot c Fetzen>
zu pellis stellen will {RFE 1922 S. 135), wàhrend ich nur Beeinflussung
von pellis annehme und so noch ptg. pelintra C schlecht gekleidete Person 5 ,
das ich Bibl. arch. rom. II/2 180 zur.&<?7/£r£-Sippe stellte, anreihen kann.
Zu duende macht mich A. Castro auf ave dnenda {Espéctdo S. 360),
carne dnenda (Crescencia Wien. Sitzgsbér. 53, 551), palomas duendas
(Rom. Forsch. 7, 504) aufmerksam und entscheidet sich fiir meine Ztschr.
42, 19 ausgesprochene Hypothese: «esprit de la maison, familier»: «il ne
faut exagérer Fimportance du - e ».
L’àncien wallon stier et ster.
En 1904, dans le tome V du Bulletin de la Société verviétoise
d’archéologie et d’histoire y J. Feller a publié un volumineux mémoire
de près de 150 pages sur Tane. w. stier et Tane. w. ster 1 . Mal-
heureusement l’auteur y a défendu une ancienne explication, insoute-
nable, exposée par G. Kurth dans sa Frontière linguistique en Bel-
giqne et dans le Nord de la France, à savoir que ster et stier ,
qui seraient de simples variantes, auraient été empruntés du germa-
nique, en l’espèce du mot germanique qui est continué par le néer-
landais stede (dont on trouve une forme contractée stee dès le moyen
néerlandais) et par Tallemand statt , lesquels signifient «lieu, place,
endroit».
Ster et stier sont des noms de lieu qui se rencontrent dans le pays
wallon.
C'est ainsi qu’il existe des dépendances Ster à Stavelot, Francor-
champs, Ans, Sart du Ster fi Xhoffra) r , une dépendance Les Sterres
à Jalhay, toutes localités de la province de Liège, pour ne citer que
quelques exemples.
Il y a une dépendance Stier fi Donceel dans la province de Liège,
dont la forme patoise est stì (p. ex. i ve di sti «il vient de Stier») 2 .
En composition, comme second terme de nom de lieu, les deux
mots sont aussi employés, le premier très fréquemment, le second
rarement, ce qui est du reste aussi le cas pour ce dernier dans
l’emploi absolu. Le premier terme des noms de lieu en -ster et en
-stier est, dans la grande majorité des cas, un nom d’homme, qui a
dù désigner à Torigine Thabitant, Toccupant du lieu.
Ainsi on trouve dans la province de Liège des noms de lieu comme
Pepinster, Pironster , Jehanster, Rogister, Bernistcr, Wérister, dont
les uns sont noms de commune, les autres noms de simple dépendance.
On trouve dans la mème province une commune Bovenistier .
1 Reproduit plus succinctement dans des Notes de philologie watt Oline
du mème auteur (Paris, 1912).
2 Communication due à l’obligeance de M. Discrv, pharmacien, à Donceel.
506
PAUL MARCHOT
Feller a énuméré, soit d’après Kurth, soit d’après ses trouvailles
personnelles, un bon nòmbre de formes anciennes de noms de lieu qui
comportent ster ou stier .
Je reproduis les plus anciennes par ordre de date.
Pour ster :
1028: Remianster (qui doit ètre Remience, prov. de Luxembourg,
à la suite d’une déviation insolite).
1233 et 1242: Ster (actuellement chapelle, sous Mozet, prov. de
Namur).
1246: Winand de Rogister .
1254: pars grangiae quae dicitur Ster (le mème Ster qu’en 1233
et 1242).
1276: Henri Davister (= d’Avister).
1276: Jacobus de Tinwinster .
1277: Colebimster (faute par interversion pour Colunbester , mod.
Colonster près Liège).
Pour stier :
1186: Bovingestir (Bovenistier).
XIII e siede: sor le rivual de Bovegnis stir (Bovenistier).
1300 et 1313: Bovingnistier (Bovenistier).
1314: Bovignistier (Bovenistier).
1314: le stier condist au chaine (c ne de Dormael).
1330: Stiers (c ne de Donceel).
1382: en Kokiestier (c ne de Wonck).
On ne connaìt pas, dans le frangais proprement dit, ni un ester ni
un estier s’empk^ant ainsi dans les noms de lieu, soit absolument,
soit en composition. Tout au plus, ces mots feraient-ils penser à un
mot du vieux frangais qui s’en rapprocherait quelque peu, à savoir
estance , dont le sens est «séjour, demeure, residence, maison,..» 1 .
Mais on les trouve le premier en bas latin et le second en latin
vulgaire et en bas latin, ce qui est reste ignoré de Kurth et de
Feller.
Un substantif stare figure dans Du Cange, avec le sens de «domus
ubi quis stat seu manet», dans de nombreux exemples, dont les plus
anciens sont: «dedit Episcopus Dalmatio unum stare , quod ibi habebat»
de 1095; «dono tibi estare Constantii de Alest» et « Estare Augerii...:
de 1103.
Du Cange donne aussi un sterium relevé chez Papias (évèque
1 Godefroy, Dici, de Vane. Iangue frane., s. v.
l’ancien vvallon stier et ster
507
de Hiérapolis en Phrygie, mort vers 163) 7 ayant le sens de «statio
i[tem] solitarii habitatio». De 960, Du Cange mentionne un passage
d’une charte du roi de Navarre «cum omnibus suis bonis, et cum suo
stario integro:. De 961, Feller lui-mème transcrit un passage d’un
diplòme de donation tire de Sigebert de Gembloux: «propter villam
quae adjacet in comitatu Asbanio, quaeque ab incolentibus vocatur
steria monticula». Il s’agit d’un Stiers non identifié en Hesbaye,
dans le pays de Jodoigne (prov. de Brabant), le contexte faisant
mention de Agioniscurta (Incourt, au sud-ouest de Jodoigne) comme
localité proche. L’endroit est dénommé sterias (sans épithète) chez
Godescalc, le continuateur de Sigebert^ et Stirs dans le diplòme d’Innocent
relatif à la donation.
Le stare qu’on trouve en bas latin est confirmé efficacement par
un estar de l’ancien provengal, qui est le verbe estar employé
substantivement d’abord au sens de «lieu de séjour», puis par exten-
sion au sens de «maison, demeure». Pour le sens «lieu de séjour
le dictionnaire de Levy donne un exemple, et pour celui de «maison,
demeure» il donne quatre exemples, dont un pris à Bertrand de
Born et deux à Flamenca . Levy mentionne que Raynouard a déjà un
exemple du second sens. En frangais on a le mème phénomène avec
nianoir .
Pour terminer, je me vois obligé de réfuter quelques objections
spécieuses de Feller formulées contre l’étymologie staro ster, à
laquelle certes il a pensé un instant, ' mais qu’il s’est évertué ensuite
à rejeter. Quant à celle de sterilirne stier, il l’a ignorée, n’ayant
pas connaissance du vocable ster inni de Papias; il croit que stier
n’est qu’une forme diphtonguée de ster .
1 °. A Stavelot (prov. de Liège), il y a une sèrie de noms de
dépendance construits symétriquement avec la finale -sta: Mèsta,
Binsta, Mista, Hansta, qui, d’après l’explication traditionnelle des
indigènes, doivent ètre interprétés par «Mal-placé», «Bien-placé»,
«Mieux placé», «Haut-placé». Ce sta étrange serait un suffixe -sta(t),
«variante de - ster », qui serait plus voisin de la forme germanique,
surtout de l’allemand - statt . Mais il est facile de voir qu’on a dans
-sta l’impératif wallon sta (du verbe ster), lequel existe encore dans
la contrée, notammentau pays de Malmédy 3 , et qu’il *faut expliquer
les Mèsta, etc., comme on explique en franqais les noms de lieu
Chantemerle, Chanteraine, etc. Cette sorte de composition, pour les
1 Bastin, Morphologie du parler de Faymonville, § 82.
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922.
3-1
508
PAUL MARCHOT
désignations toponymiques, est attestée très tòt: «terra de Cantalupis
en 804; Tenegaudia, noni d’une terre en Italie, en 805 1 .
2°. Sur des centaines de noms en -ster, il y en a exceptionnelle-
ment trois ou quatre da genre féminin, comme la Géronstère (lieu-
dit et source célèbre à Spa), la Gihninster ou citasse de la Gil-
minster (bois à Jalhay), la Maelster (mont et bois entre Francor-
champs et Malmédy). Le suffixe ici aurait «mieux conservò la forme
et le genre féminin de stede». Mais le suffixe -ster se pronongant
en wallon (et en frangais) st§r, il est bien naturel qu’il ait pu se
produire parfois une confusion avec les noms de lieu—dit finissant en
terre (wallon ter), d’autant plus qu’en wallon des noms comme li
dèeròster peuvent aussi bien ètre sentis comme féminins que comme
masculins, puisque l’article definì est le mème aux deux genres.
3°. On peut faire état du plus ou moins d’aridité, du caractère
plutót ingrat de beaucoup de lieux en -ster, pour n’admettre leur
fondation que tardivement, à l’époque franque, au XI e siede d’après
les premiers exemples historiques (au X e en prenant en considération
le steria de Sigebert): «Souvent les • ster sont des sommets boisés,
des plateaux élevés», *sans culture; par ex. à La Gleize les - ster sont
des collines boisées. Les noms en -ster ne remontent donc pas à la
période gallo—romaine.
En réalité, le mot ster avait en ancien wallon la signification très
générale de «lieu de séjour, logis», et il a pu très bien s’appliquer,
dans le haut moyen àge, à des établissements, à des installations
provisoires ou éphémères, placés dans les bois, telles que cabanes,
maisonnettes pour forestiers, charbonniers, bucherons, voire à des
ermitages.
4°. L’ancien verbe wallon ster (frangais e ster ) se pronongant
actuellement sle, stare ne saurait ètre à la base des noms de lieu
Ster ou en -ster, dans ces noms la prononciation étant (à de très
rares exceptions près, tenant sans doute à des conditions phonétiques
locales) toujours ster. De plus, il est assez étrange que, alors que
le wallon ancien écrit, tout au moins de fagon assez générale, les
infinitifs de la l ère conjugaison en -eir, on ne trouve dans les anciens
exemples des noms ster, énumérés plus haut, aucun cas de graphie
en steir (sauf un unique et tardif Colosteir de 1322, qui est Colonster
près Liège).
L’objection est bien plus apparente que réelle.
1 Bourciez, El. de linguist. romane, § 199.
L ANCIEN WALLON STIEJR ET STER
509
En wallon, comme en fran^ais, r final se maintient dans les mono-
syllabes: tsor char, ir hier, fier fer, knr coeur, sur soeur, kiir cuir,
flcer fleur, tur tour, nuer mur; il n’y a, à cette règie, que de ci de
là une exception, en général plutót de caractèré locai ou régional.
Par conséquent, dans la règie, r final de ster doit se maintenir et
c’est ce qui arrive; le mot comporte du reste aussi, comme il a été
dit plus haut, parfois une exception (d’après un traitement locai). Si
Finfinitif ste, et aussi un autre infinitif qu’on peut y adjoindre, fc
de fare , ne se conforment pas à la règie, c.’est qu’ils ont été en-
trainés autrefois par l’action de la force analogique et égalisés par les
autres verbes en -r de la l ère conjugaison. C'est la mème explication,
par l’analogie, qui rendra compte du Stier de Donceel, prononcé sti
en patois, lequel a été entraìné par la catégorie des noms en - arius
(patois-i), fort nombreux dans la langue. Le mot ster , appellati
au sens de «logis, demeure», se maintenant dans la langue avec son r
final, on s’explique que les noms de lieu composés avec -ster ont aussi
gardé Yr final.
Quant au manque absolu de graphies en steir , c’est certàinement
une difficulté; mais on peut faire remarquer que cette orthographe
-eir des verbes de la l ère conjugaison n’est pas constante, mais seu-
lement plus fréquente que celle en - er , et que du reste,* dans les
infinitifs, Yr final s’était amui dès le XIII e siècle ce qui avait du
amener un changement. dans la qualité de Ve, qui s’était ferme (mod.
ste), tandis qu’il restait ouvert dans Tappellatif ster .
Le traitement en wallon du mot germanique Ictr ou lari , lorsqu’il
est employé isolément et non en composition, montre aussi que le
traitement régulier de stare doit ètre st$r. Cest ainsi qu’on a un
nom de lieu Bellatre fprov. de Liège), Bel-Air (c ne de Monstreux,
Brabant), qui originairement est un Bel Ler 1 2 . Le premier est Belleire
en 1275, Belere en 1314 3 .
Mars 1922. Paul Marchot.
1 Niederlànder, Zeitschr. ftir rom . Philol ., XXIV, 262.
2 Kurth, La front . linguist. en Belgique , I, 291.
3 Cuvelier, Cartai de l’abbaye du Val-Benoit, 211 et 356.
34 *
Libelli famosi del settimo secolo
Das ist das wahrste Denkmal
der ganzen MerOwingerzeit.
B. Kruscii.
Bibliografia.
1. Baluze, Etienne: Capituiaria regum Francorum. Paris, Muguet,
1677. — Nel secondo tomo abbiamo (c. 557—590) una «Nova collectio Jor-
rnularum. Stephanus Baluzius Tutelensis ex veterrimis codicibus manu-
scriptis eruit, in unum collegit, nunc primum edidit». Le formule XI—XV
sono le nostre lettere.
2. Bouquet, Martin: Recueil des historiens des Gaules et de la
France . Paris, Libraires associés. — Nel quarto tomo (del 1741) abbiamo
(p. 578—593) una «Nova collectio formularum a Stephano Baluzio ex codd.
mss. edita» che è una semplice riproduzione della precedente. Idem nel
quarto tomo (1869, p. 582—583) della nuova edizione (Paris, Palmé) edita
sotto la direzione di Léopold Delisle.
3. Walter, Ferdinand: Deutsche Rechtsgeschichte. Bonn, Marcus,
1853. — Parlando delle Formulae Baluzianae, dice (I, 161): «Darunter sind
die Nummern 8—15 keine Formeln, sondern Spottschreiben und darunter
drei zum Theil in Reimen abgefafit.»
4. de Rozière, Eugène: Recueil général des formules usitées dans
Vempire des Francs du V e au X e siècle. Paris, Plon, 1859 — 1871. — Nel
voi. 2° sono date come «Appendix» le nostre lettere (p. 1139—1143: n. 892
—896) con l’avvertenza che appartengono al «cod. paris. A». Nel voi. 3°
(p. 190) vengono indicate le pagine del codice: «Indiculum 27’; Item alium
28; Parabola 28’; Item alia 28 bis; Indiculum 29.»
5. Schuchardt, Hugo: Vokalismus des Vulgdrlateins . Leipzig,
Teubner, 1866-1868. — Voi, 1°, p. 32, 64.
6. Boucherie, A.: Cinq formules rhythmées et assonancées du
VII e siècle . Montpellier (Seguin) et Paris (Franck), 1867, pp. 57.
7. Meyer, Paul: [Recensione dell’opuscolo precedente]. Revue critique
d’histoire et de littérature (Paris, Franck), 1867, p. 344—350.
8. Holder, Alfred: Lex salica mit der Mallobergischen Glosse nach
der Handschrìft von Sens-Fontainebleau-Paris 4627 . Leipzig, Teubner,
1880. — Pag. 38 seg.
9. Zeumer,Karl: Uber die alter en frdnkischen Formelsammlungen .
Neues Archiv der Gesellschaft fiir altere deutsche Geschichtskunde. Han¬
nover, Hahn; B. VI, 1881; S. 75-77.
10. Zeumer, Karl: Formulae merowingici et karolini aevi (Monu¬
menta Germaniae historica: Legum sectio V, formulae), Hannover, Hahn,
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
511
1
1882, p. 184, 220—226 (corrispondenza di Frodeberto e Importuno), 494-496
(lettera di Crodeberto a Boba, riprodotta ancora nella stessa collezione in
Epistolae Merowingici et Karolini aevi : tomus I, p. 461—464).
11. von Winterfeld, P.: Hrotsvits literalische Stellung. Archiv flir
das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Braunschweig, Wester-
mann, 1905; B. 114, S. 59-62.
12. Pirson, Jules: Pamphlets bus latins du VIP siècle . Mélanges
de philologie romane et d’histoire littéraire offerts a m. Maurice Wilmotte.
Paris, Champion, 1910; p. 485—522. — Cfr.: Kritischer Jahresbericht iiber
die Fortschritte der romanischen Philologie. Erlangen, Junge. B. 12
(1909—1910), erster Teil, S. 66. — Cfr. anche del Pirson: Le latin des
formules mérovingiennes et carolingìennes. Romanische Forschungen
(Erlangen, Junge), B. 26 (1909), S. 837—944.
13. Monaci, Ernesto: Facsiniili di documenti per la storia delle
lingue e delle Letterature romanze. Roma, Anderson. Fase. 2, tav. 78—83.
14. Wattenbach, W.: Deutschlands Geschichtsquellen ini Mittel-
alter. Berlin, Herz, 1885. B. 1, S. 106.
15. Thierry, Augustin: Récits des temps mérovingiens. Paris,
Calman-Lévy; p. 427—428.
16. Du eh esne, L. : Fastes épiscopaux de Vancienne Gaule. Paris,
Fontemoing. Voi. 2° (1899), p. 290, 305, 468.
I documenti di cui ci occupiamo furono editi la prima volta dal
Baluze, riprodotti dal Bouquet e quindi ripubblicati dal de Rozières
come formule giuridiche, quantunque parecchi anni innanzi alla com¬
parsa del Recueil général, il Walter avesse avvertito che non si
trattava di formule. L’ errore era nato dal fatto che i libelli in ques¬
tione si trovano in «un petit volume qui contient le recueil de Marculfe
et, sous le titre de cartas senicas , d’ autres formules entre lesquel-
les nos lettres» (Meyer).
Cominciò ad occuparsi dei nostri documenti lo Schuchardt con brevi
accenni circa la lingua, le rime e i ritmi; seguì il Boucherie che li
divise secondo le rime, li tradusse e ne studiò il verso. Air opuscolo
del Boucherie fece una recensione il Meyer, correggendo parecchie cose,
combattendo le idee dell’ autore circa la versificazione e identificando
il ms. (cod. paris. lat. 4627, J. 27’—29) che nelle pubblicazioni anteriori
non era mai stato indicato *. Parecchi anni dopo, lo Holder dette un’
1 Per quanto riguarda il ms., a noi basta sapere che «d’après Técriture,
ce ms. doit ètre assigné à la première moitié du IX e siècle. Il ne saurait
remonter plus haut, car on y trouve (f. 14 V) une charte d’Ebroin, arche-
vèque de Bourges [9 ottobre 810; cfr. n. 10 Zeumer, p. 218—219]. Cette
circonstance n’est point indifférente. Nos cinq lettres, étant datées du milieu
du VII e siècle environ, par la mention du maire de palais Grimoald (m. 656),
512
AMERINDO CAM1LLI
accurata descrizione del codice, e lo Zeumer ripubblicò i nostri docu¬
menti nei M. G. H. y facendoli precedere da alcune considerazioni nel
N. Archiv . Venne poi il Winterfeld che ne parlò in Herrigs Archiv,
traducendone i primi tre in versi tedeschi, il Pirson che ne studiò la
lingua, e finalmente il Monaci che ne pubblicò i facsimili, esaminandoli
brevemente nelle sue lezioni di filologia romanza, tenute nell’ università
di Roma durante Y anno scolastico 1913—14 h Fu appunto allora che
pensai di ristudiare i nostri libelli, incoraggiato a ciò dallo stesso prof.
Monaci. Poi venne la guerra e dovetti tralasciar tutto. Oggi, ripren¬
dendo il lavoro, una malinconia profonda m’ assale, pensando che
Ernesto Monaci, la mia guida amorevole nel campo degli studi ro¬
manzi, non è più.
Siano almeno queste mie povere ricerche in testimonianza dell’ affetto
che non si spegne nel cuore del suo allievo.
*
Dopo i lavori a cui abbiamo accennato, non rimane che
a) correggere alcune lezioni errate;
b) distribuire i versi in modo più sodisfacente di quel che ab¬
biano fatto il Boucheriè e lo Zeumer;
c) annotare, dove ancora è necessario, il testo e rifare la tradu¬
zione ;
d) discutere se la quarta e la quinta lettera appartengano alla
stessa polemica di cui son parte le altre tre, e se tutta questa
corrispondenza è vera o semplicemente fida.
Del primo punto è inutile parlare, ora che si hanno i facsimili.
Circa il secondo punto, a me sembra che né il Boucherie, né lo
Zeumer abbiano ben posto mente a un fatto che non so se altri ab¬
bia già avuto occasione di notare: che cioè, una coppia d’ assonanze
non può esser percepita come tale, se le assonanze stesse non sono
in posti della frase foneticamente paralleli. Se così non fosse, essendo
sempre pochi i suoni d’ una lingua, tutto sarebbe assonanza, e ogni
ont eu le temps d’éprouver par le fait des copistes, bien des altérations avant
d’ètre recueillies dans le ms. 4627» (Meyer). A ogni modo si può affermar
con sicurezza che le scuole caroline, per fortuna, non hanno trovato i nostri
libelli degni dei rimaneggiamenti stilistici e retorici a cui sistematicamente
sottoponevano le scritture dell’ epoca merovingica : cosa che invece dev’ essere
accaduta all’ altro scritto che possediamo di Frodeberto, la lettera a Boba
(n. 10). Ma forse qui c’ è di suo solo la firma.
1 Tra coloro che, pur senza farne oggetto di esame, hanno rilevato l’im¬
portanza dei nostri documenti, dobbiamo notare il Wattenbach..
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
513
a tonica, p. es., assonerebbe con tutte indistintamente le altre a to¬
niche circostanti, ogni o finale con tutti gli altri o finali, e via discor¬
rendo 1 . Per venire ora al nostro caso delle assonanze finali del verso,
o rime che dir si vogliano, è evidente che esse di regola dovranno
trovarsi in un punto che foneticamente si distacchi da ciò che vien
dopo ; altrimenti come mai nella nostra versificazione queste assonanze
sarebbero venute a determinare la fine del ritmo? È naturale che,
una volta solidamente stabilito il verso su le sue basi, esso prenda di
quando in quando il sopravvento e si abbiano persino dei casi in cui
la parola in rima formi strettissima unità fonetica con la parola seguente
(cosicché, p. es., una rima in - ala si possa ottenere anche da parole
come malamente ), ma quando, come nei nostri documenti, i diversi
ritmi, pur avendo già una vita propria, vengono facilmente confusi
tra loro e, peggio ancora, mischiati con gruppi aritmici, allora Y as¬
sonanza non può non rispondere al principio che abbiamo esposto.
Prendiamo, p. es., i v. 5—6 della prima lettera che lo Zeumer divide :
qnod recepisti I tam dura, estimasti I nos, iam ecc. Come mai, con
queste assonanze, avrebbe Frodeberto percepito il verso 2 , o quello che
egli riteneva tale, se tra recepisti e tam dura , tra estimasti e nos
non c ; è nessuna pausa, nessun cambiamento di tono, nessun distacco
fonetico insomma? Per conseguenza qui il ritmo non può finire che
con dura. Le stesse considerazioni si facciano per tutti gli altri
luoghi che abbiamo creduto di dover correggere.
Quanto alle annotazioni linguistiche, dopo i lavori del Pirson, nei
nostri documenti non si trova che da spigolare; per tradurre il testo
ho invece dovuto lavorare un po’ di più, giacché la versione del
Boucherie, per quanto meritoria, è troppo difettosa (ma egli stesso
modestamente avverte di essere «peu familier avec le grimoire des
formules du moyen-àge») e quella del Winterfeld è troppo poetica.
* *
*
Esaminiamo ora, anticipando, Y ultimo punto.
Il quarto e il quinto libello «scheinen zusammen zu gehòren»
(Zeumer), ma le parole per similitudinem iuncta (v. 136) potrebbero
1 Inutile avvertire che la stessa cosa accade nella musica.
2 Giacché .non si può dubitare che Paul Meyer abbia ragione e che il
nostro par nobile Jratrum intendesse scrivere versi veri e propri. Di simili,
i due vescovi dovevano ben trovarne nel loro paese in poeti contemporanei
o anteriori. I versi virgiliani (cfr. Rime e ritmi in Virgilio Marone
Grammatico in Archivimi, VI, 2) provano che già nel quinto secolo era in
circolazione nella Gallia una grande varietà di rime e di versi intensivi.
.514
AMERINDO CAMILLI
indurre a ritenere che non abbiano nulla a vedere con gli altri, e
siano stati aggiunti «par après, a cause d’une certaine ressemblance
dans les idées». Così il Pirson, il quale però finisce per concludere
che anche queste due lettere debbono «se rattacher à la mème polé-
mique et émaner du mème milieu. Plusieurs passages de la qua-
trième pièce rappellent directement certains faits relatés dans la troi-
sième». A me sembra però più giusto affermare che parecchie espres¬
sioni della terza richiamano le frasi della quarta. Se infatti noi sup¬
poniamo. che la quarta lettera risponda alla seconda e che la terza
sia stata scritta dopo la quarta, i rapporti fra la seconda, la terza e
la quarta lettera ci appariranno molto più evidenti.
Frodeberto 1 , appena pubblicata la seconda lettera, si rivolge al suo
domnus (v. 177), tutor (v. 195), baro (v. 196), pregandolo di non
voler prestar fede a calunnie ; ritorce Y accusa d' adulterio e riconferma
quella di furto (v. 165 — 170); a chi gli aveva rinfacciato d’ esser nato
in un monastero (v. 66) risponde che lui disonora i suoi genitori; a
chi gli aveva detto che gli farebbe passar la voglia di scriver certe
lettere (v. 41—3), dichiara che non ha paura.
A ciò risponde Importuno : «Ma non son calunnie le mie : qui mihi
minime credii } factu tinnii vidit (v. 76—7).- Ti raccomandi al tuo
patrono; ma con che faccia, dal momento che gli vai danneggiando
il tesoro-(v. 110—14)? Non hai paura di me, ma bada che io lo so
come stanno le cose (v. 107) e potrei scoprire altri altarini (v. 126)».
Come si vede, tutti questi passaggi della lettera di Importuno (e se
ne potrebbero citare anche degli altri) ricevono lume solo dalla quarta,
che a sua volta viene così strettamente riannodata alla seconda e alla
terza. E non solo noi possiamo in questa maniera affermare che il
mittente della quarta lettera è Frodeberto, ma possiamo con probabF
lità identificare il destinatario in qualche stretto parente di Grimoaldo,
già morto, di cui Frodeberto doveva temer la vendetta per Y oltraggio
fatto al maggiordomo, ed a cui di nuovo si rivolge con la quinta
lettera (la replica d' Importuno doveva aver fatto effetto!), pro¬
testando ancora una volta che è stato calunniato, che ha fatto
1 I personaggi nominati nelle nostre lettere sono re Sigeberto li (638—658),
il suo maggiordomo Grimoaldo, di cui veniamo qui a conoscere la disgrazia
coniugale; Importuno, vescovo di Parigi tra il 664 e il 668 circa (che Im¬
portuno'fosse vescovo all’epoca dei nostri documenti, si ricava dal v. 42);
Frodeberto, che va identificato col Chrodebertus successore di Papoleno nel
vescovato di Tours c. il 660, di cui abbiamo anche la ricordata lettera alla
badessa Boba, a proposito d 1 una religiosa che aveva violato il voto di cas¬
tità. Per le notizie su i nostri due vescovi si confr. il Duchesne (n. 16).
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
515
sempre la volontà del suo signore (v. 233) e lamentandosi d’ esser
caduto in disgrazia (v. 235) h
* *
*
Ciò che abbiam detto però si fonda sul presupposto, non da tutti
ammesso, che le nostre lettere sono autentiche, non fictae .
Dice il Meyer : «Le fait mème d’ avoir été admis dans un formulaire,
est à mon avis une forte présomption de Tauthenticité de ces cinq
pièces. Si elles étaient un simple jeux d' esprit, leur place n' aurait
pas été dans un recueil qui ne contient que des actes non suspects
ou des formules tirées de diplòmes authentiques>. Veramente questa
ragione del Meyer non è molto persuasiva, ma persuade ancor meno
r argomento dello Zeumer per infirmare Y autenticità dei nostri docu¬
menti : «Nullo vero modo adduci possim, ut credam, tales epistolas re
vera ab illis scribi potuisse; quas potius ab alio quodam in utriusque
contumeliam fictas atque divulgatas esse existimo, praesertim cum
utriusque partis literae in eodem codice mixtae inveniantur». Ma si
tratta di libelli diffamatòri, quindi si capisce bene che i nostri due
arcades abbiano cercato di dar loro la più grande pubblicità possibile,
come del resto ci dicono espressamente i v. 129—30. Nulla di più
facile, che qualche persona a cui son piaciuti, li abbia raccolti e, così
uniti, per varie vicende, siano poi andati a finire nel nostro codice.
A me sembra inoltre che quelli i quali han creduto di aver innanzi
ein boshaftes Pasquill», come dice il Wattenbach, non abbiano ben
considerato la quarta e la quinta lettera. Se i nostri documenti fos¬
sero stati scritti da qualche maligno che voleva danneggiare i due
vescovi, a che le scuse verso un doninus e le raccomandazioni di non
credere alle calunnie? Qui invece uno dei due si sente colpito e corre
ai ripari: è proprio lui dunque che‘scrive.
Ma abbiamo un' altra ragione per credere i nostri documenti auten¬
tici: il fatto non era nuovo. Settant' anni prima la stessa cosa era
accaduta tra Felice, vescovo di Nantes, e Gregorio vescovo, anche lui
come Frodeberto, di Tours ; con V unica differenza che, mentre allora
1 Per Gaston Paris (opinione riferita dal Meyer), nella quinta lettera
«Frodebert s’adresse aux religieuses du monastère où la femme de Grimoald
aurait été placée«. Di quest’ opinione è anche lo Zeumer. Ma a quale scopo
Frodeberto avrebbe scritto questa lettera alle monache? O il fatto era vero,
e non c’ era bugia che tenesse, perché le monache lo dovevano saper bene ;
o il fatto era falso, e questa lettera lamentosa sarebbe egualmente assurda,
giacché esse dovevano saperlo altrettanto bene.
516
AMERINDO CAM1LLI
si trovavano di fronte un vescovo birbante e un vescovo galantuomo,
nel caso nostro tutt* è due i vescovi son matricolati. Il fatto si può
legger anche nel Thierry (n. 15).
*
*
Diamo ora il testo dei nostri libelli diviso ritmicamente, avvertendo
che nel facsimile del f. 28 del Cod. (v. 51—68) non appare tutto ciò
che si legge qui, perché un pezzo di pergamena aggiunta ricopre il
testo. Abbiamo trascritto le parole ricoperte, secondo la lezione del
Meyer e quella dello Zeumer che concordano.
I
Indiculumli /. 27'
Sanctorum meritis beatificando donino et fratri Inportune.
2 Domne dulcissime
et frater carissime!
4 [Inportune],
quod recepisti tam dura,
6 estimasti nos, iam vicina morte de fame, perire,
quando talem annon[am] voluisti largire.
8 Nec. ad pretium, nec ad donum
non cupimus tale anoné.
10 Fecimus inde comentum.
Si domnus imbolat formentum?
12 A foris turpis est crusta >
ab intus miga nimis est fusca.
14 Aspera est in palato,
amara et fetius odoratus.
16 Mixta vetus apud novella
faciunt inde oblata non bella.
18 Semper habeas gratum.
qui tam larga manu voluisti donatum,
20 dum Deus servat tua potestate
in qua cognovimus tam grande largitatis.
22 Vos vidistis in domo
quod de fame (nobiscum !) morimur, homo ?
24 Satis te presumo salutare
et rogo ut prò nobis dignetis orare.
26 Transmisimus tibi de ilio pane probato,
si inde potis manducare.
28
30
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62
?
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
517
Quandiu vivimus, piane
liberat nos | Deus de tale pane!
Congregatio puellare sancta
refudat tale pasta.
Nostra privata stultitia
ad te in summa amiticiae
obto te semper valere
et caritatis tue iuro tenere.
II
Item alium lii
Beatificando domno et fratre
Frodeberto pape.
Domne Frodeberto,
audivimus quod noster fromentus
vobis non fuit acceptus.
De vestra gesta volumus intimare,
ut de vestros pares
nunquam delectet referrere iogo tale.
Illud enim non fuit condignum
quod egisti, in Segeberto regnum,
de Grimaldo maioremdomus,
quem ei sustulisti sua unica ove,
sua uxore,
unde postea in regno nunquam habuit honore.
Et cum gentes
venientes
in Toronica regione
misisti ipsa in sancta congregatione
[in] monasterio puellarum
qu[i] est constructus in honorfe] . . .
Non ibidem lectiones divinis legistis,
sed . . .nis inter vos habuistis.
Oportet satis obse. . . .
. . . . conlocutione,
quem nec est a Deo apta
.ta.
Sic est ab hominibus vestra sapientia
.dentie.
Sed qualem faciebatis in . . .
f. 28
518
AMER1ND0 CAMILLI
monasterio puellarum prò pane. . .
monasterio fuisti generatus domn . . .
perdidisti.
68 Indulge ista pauca verba.
Inportunus de Parisiagà terra. f. 28.
Ili
Parabola liii
70 Domno meo
Frodeberto sine Deo,
72 nec sancto nec episcopo
nec seculare clerico,
74 ubi regnat antiquus
hominum Inimicus!
76 Qui mihi minime credit
factu tuum vidit.
78 Illum tibi necesse desidero,
quare non amas Deo, nec credis Dei Filio.
Semper fecisti malum contra Adversarium consilio.
. 81 Satis te putas sapiente,
sed credimus quod mentis:
vere non times Christo nec tibi'consenti t.
84 Cui amas per omnia,
eius facis opera.
86 Nec genetoris tui diligebant Christum
quando in monasterio fecerunt temetipsum.
88 Tuos pater cum domno
non fecit sancta opera;
90 propter domnus digido
relaxavit te vivo,
92 docuit et nutrijvit]
unde se postea penetivit.
94 Non sequis Scriptura,
nec rendis . . . iqua.
96 Memores Grimaldo
qualem fecisti damnum!
98 . . . um et Deo non oblituit
de bona que tibi fecit.
100 Quid inde . . . [m]ubere sua?
Habuisti conscientia nua!
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
519
102 Nec . . . [an]norum peracta
sed contra canonica . . .
104 . . . ea de sancta congregatione
aput . . . non ex devotione;
? sed cum gran . . .
cur nos scimus damnas nimis . . .
108 tollis eis aurum et argentum et honoris,
. *. liberat per has regiones.
110 Cur te presumis | tantum /. 28 bis
dampnare suum thesaurum?
quod ut alibi
113 Ubi eum rogas per tua malafacta
quod non sunt apta?
115 Amas puella bella
de qualibet terra,
117 prò nulla bonitate
nec sancta caritate.
119 Bonus nunquam eris
dum tale via tenes.
121 Per tua cauta longa
satis es[t] vel non est per omnia?
123 Iube te castrare
ut non pereas per talis,
quia fornicatoris Deus iudicabit.
126 De culpas tuas alias te posso contristare,
sed tu iubis mihi exinde aliquid remandare;
128 ut in quale nobis retenit in tua caritate,
exeant istas exemplarias
per multas patrias.
131 Ipso domino hoc reliquo.
Se vidis amico
qui te hoc nuntiat et donet consilium verum,
134 sed te placit, lege et pliga, in pectore repone,
sin autem non vis in butte include.
IV
Item alia
136 Incipiunt verba per similitudinem iuncta
de fide vacua, dolo pieno falsatore.
138 Agino Salomon per sapientia
520
AMERINDO CAMILLl
bene scripsit hanc sententia,
140 ut ne similis fiat stulto:
Nunquam respondes ei in mutto!
142 Et retractavi tam in multum,
sic respondere iussi stulto,
144 ut confudatur stultum grado,
nunquam presumat gloriare.
146 Respondi, dixi de falsatore:
Nec ei parcas in sermone,
148 qui se plantavit ex robore,
qui non pepercit suo ore
150 vaneloquio susorrone,
verborum vulnera murone;
152 qui sui obl[itus] adiutoris,
inmemores nutritoris
calcavit iur[a] et [pudoris],
155 qui fei date et prioris /. 28 ' bis
alodis sui reparatoris
sordidas vomit pudoris.
158 Incredulas dicit loquellas et inprobas
quo inquinat et conscientias.
160 Bonum merito conquisitas,
mundas, sanctas et antiquas,
162 pulchras, firmissimas et pulitas
meas rumpit amititias.
164 Verba dicit — que nunquam vidit,
ea scribit — que fecit:
animus parcat qui eum credit.
167 Etsi non stringit furorem loquestem,
latro fraudolentus,
homicidum est reus certus.
170 Adulter, raptor est manifestus:
innumerus fecit excelsus.
172 Errando vadit quasi caecus,
fuscare tenptat meuiji decus.
174 A Deo dispectus et desertus,
ab Inimico est perventus
et per lingua et per pectus.
177 Nolite domne, nolite fortis,
nolite credere tantas fortes.
179 Per Deum iuro et sacras fontis,
181
183
185
187
189
191
193
196
198
200
202
204
206
208
210
212
214
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
521
per Sion et Sinai montis,
falsator est ille factus,
excogitator est defamatus.
Deformat vultum et deformata sunt [. . .],
qualis est animus, talis et status.
Non est homo, hic miser talis,
latrat sed ut canis.
Psallat de trapa ut linguaris,
dilator maior nullis talis!
Falsator grunnit post talone,
buccas inflat in rotore,
crebrat et currit in sudore,
fleummas iactat in pudore.
Nullum vero facit pavore
qui non habet adiutorem
super secundum meum tutorem.
Non movit bracco tale baronem,
non [mov]it bracco contra insontem.
Non cessare, bracco,
ab exaperto sacco
. . . [b]racco;
et salte de crasciant[e] non timere falco.
Non perdas | ilio loco,
non vales uno coco;
non simulas tuo patre,
vere nec tua matre-,
non gaudeas de dentes,
deformas tuos parentes.
Ad tua falsatura
talis decet corona.
V
I n d i c u 1 u m
Nolite domne, nolite sanctae,
nolite credere fabulas falsas,
quia multum habetis falsatores
qui vobis proferunt falsos sermones;
furi atque muronis,
similis aetiam et susuronis,
et vobis domne non erunt protectoris.
/. 29
522
AMERINDO CAMILLI
217 Latrat vulpis sed non ut canis,
saltus init semper inanis;
219 cauta prof eri t, iam non fronte,
cito decadet ante cano forte.
221 Volat upua et non arundo,
isterco commedit in so frundo,
223 humile facit captadura
sicut dilatus in falsatura.
225 Falsator vadit tanquam latrò,
ad aura psallit ut escotus.
227 Mentit semper, vadit toritus
et occidit que nunquam vidit.
229 Nolite, domne atque prudentis,
vestras non confrangat mentis
et non derelinquere serventes.
232 Tempus quidem iam transactus
et hoc feci quod vobis fuit adaptum ;
234 iam modo per verba fallacia
sexum deiactus de vestra grafia.
* *
Facciamo seguire alcune osservazioni al testo.
I
1 Lo Zeumer crede molto probabile che questa inscriptio ,
come quella della seconda lettera (v. 36—37), siano state
aggiunte posteriormente «da ihre Haltung nicht sehr zu der
des Textes zu passen scheint». Veramente è solo questa
prima che, non avendo assonanza, si stacca dalla maniera
del testo. Probabilmente la seconda è originale, e su di essa
è stata rifatta la prima in epoca posteriore. — Inportune per
Inportuno . Non credo sia un caso di confusione della vocale
terminativa, ma un semplice errore dell’ amanuense che, in
vece del dativo, ha scritto qui il vocativo del v. 4.
4 Abraso nel cod., ma bisogna restituirlo, perché altrimenti
dura rimarrebbe senza assonanza.
7 Nel cod. annon seguito da una lettera abrasa : potrebbe
quindi leggersi anche annona .
9 II genitivo tale anone è stato dato a cupimus probabilmente
per influenza di cupidus . Il Pirson , che spiega anone come
accusativo, dice che la -e «sert peut-ètre a rendre Ve qui se
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
523
serait degagé de Va final». Ma, quantunque il fenomeno
-e < -a sia attestato nelle formule merovingiche, nelle nostre
lettere sarebbe Y unico esempio.
10 Comentum da comedere (Zeumer).
11 Imbolai è un derivato di boia < vola . Cfr. Parodi: Del
passaggio di v [in b e di certe perturbazioni delle leggi
fonetiche nel latino volgare (Romania XXVII, p. 229).
12—13 Crustaflisca. La vocale tonica rima perfettamente, giacché
ambedue gli il sono brevi in romanzo.
19 i Qui è per quem\ ma non è un volgarismo, sì bene una con¬
fusione accidentale tra il nom. e Y acc. *
23 Per nobiscnm v. Ducange (la congettura è del Boucherie).
24 Formula di cortesia frequentissima all’ epoca merovingica
(Meyer). — Tra u ed m di presumo o! è nel cod. una lettera
abrasa: verosimilmente m.
25 Mi sembra strano questo passaggio dal tu al voi nella stessa
frase: credo quindi si debba leggere digneris.
26 Zeumer : Transmisimus libi de ilio pane. | Probato , si inde
ecc. Ma anche qui il passaggio dal tu al voi (probato non
potrebb’ essere che probaié) e poi di nuovo al tu sarebbe
stranissimo.
32 «Faeton humble de se désigner soi : mème; on employait souvent
au mème sens vilitas nostra » (Meyer). Qui mi sembra
ablativo.
II
43 Cod. iogotale referrerò con due ìi di trasposizione.
44—45 Condigniim-regnum rimano perfettamente, perché il romanzo
parte da condégnu-régnn.
47 «Tangunt haec verba parabolen Nathan 2 Reg. 12» (Zeumer). —
Quem non sta né per quiim (Boucherie), né per quoniam o
quia (Zeumer): é il relativo che Y italiano può render
benissimo.
49 Da questo verso il Winterfeld deduce che la disgrazia coniu¬
gale di Grimoaldo dev’ essere stata la causa della sua perdita.
Egli pensa che il povero maggiordomo abbia domandato invano
giustizia al debole Sigeberto, dominato dal clero, e da ciò sia
stato trascinato alla ribellione e alla rovina. Mi sembra un
po’ fantastico.
55 Forse honore sanctarum.
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922.
35
524
AMERINDO CAMILLI
57 Facilissimo il senso, ma è difficile restituire la parola. Il
Boucherie congettura congressionis , ma lo Zeumer avverte
che non può essere, «quia quinta vel sexta litera, cuius pars
superior superest, l seu alia eminentior litera fuit». Io pro¬
porrei conio cationis, parola che abbiamo nel v. 59 dove mi
sembra abbia io stesso significato.
58—59 Proporrei : oportet scitis obsecratione | prò hac conlocutione ;
cioè: «ci vogliono molti scongiuri per questa sorta di colloqui .
61 Forse mcilajcicta , come a v. 113.
62 Corrisponde allo scritturale : < Quod stultum est Dei, sapientius
est hominibus) (1 Cor. 1,25).
63 Lo Zeumer avverte che in non è sicuro.
Ili .
86—87 Christum-temetipsum , esempio di rima i-é, come poi oblituit-
fecit (v. 98—99), amico-veruni (v. 132—133), vidit-fecit
(v. 164-165).
88 Pirson: domna , cioè la monaca colpevole.
89 Fecit sancta, con i puntini ó’ espunzione nel cod.-, ma non si
può togliere senza guastare il senso.
90—91 < Manumissionis forma quaedam alias non memorata significar
videtur (Zeumer). .Ma, caso mai, avremmo allora libero ,
non vivo. A me sembra si possa spiegar benissimo : con un
cenno del suo dito, con un gesto di misericordia.
95 Lo Zeumer supplisce ni si iniqua , e infatti nel ms. si scorge
la seconda gamba della n. A ogni modo la vocale tonica
dell’ ultima parola è i, il che ci dà nei v. 94—95 la coppia
di rime a i (nei nostri documenti la vocale tonica rima sempre),
molto importante per la storia dell’ il francese. Cfr. a questo
proposito però anche repone-include (v. 134—135), falsatura-
corona (v. 208 - 209), dove abbiamo la coppia u-o .
100 Forse ei sustulisti r come a v. 47.
109 Forse de te Deus homines liberat (per libePet : cfr. v. 20, 29)
o qualcosa di simile.
112 Queste parole, come mi suggeriva il dott. W. A. Baehrens,
devono essere una glossa marginale di ubi, penetrata nel
testo.
122 11 Meyer crede che per omnia sia la parodia d’ una formula
di scongiuro : «par tout ce qui peut ètre invoqué», e la unisce
come fa il Boucherie, al verso seguente, facendo rimare
long a con non-est , il che non mi par possibile. Io vedo in
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
525
questo per omnia , come in quello del v. 84, il comune signi¬
ficato di omninOj omnibus rebus , in omni re,
123 Retenit mi pare qui intransitivo.
130 Queste parole hanno nel codice i puntini d’ espunzione.
135 Credo si debba leggere, o intendere, in butte te include , perché,
dopo tutto ciò che ha detto di sopra, Importuno non può ter¬
minare, esortando Frodeberto a buttar la lettera nel cestino
(Papierkorb traduce il Winterfeld), qualora non gli piaccia.
IV
Dal fatto che questa lettera e la seguente non sono nume¬
rate, lo Zeumer induce che V amanuense deve essersi qui
accorto dell’ errore commesso includendo i nostri documenti
in una raccolta di formule giuridiche. Può essere ; ma
allora perché la donatio ad filios con cui ricominciano le
formule non è numerata neanch’ essa?
136 — 137 Anche questo titolo (cfr. v. 1) è ritenuto dallo Zeumer,
posteriore. — Per falsatore cfr. v. 224.
138 Agino non è da ayiog , come pensa lo Zeumer, ma da agina
per metaplasma.
141 Cfr. Prov. 24, 4 Ne respondeas stulto iuxta stultitiam
suam (Zeumer).
144 II cod. confundat’ con un segno d’ espunzione sotto la se¬
conda n .
154 «Ita conieci*, linea quaedam eminentior, quam codex, ceteris
abscissis, congruo loco exhibet, literae d convenit» (Zeumer).
158—159 Inprobas - conscientias , come poi manifestus-excelsus (v.
170—171) è esempio di rima é-è.
160 Bonmn , lo credo neutro con significato avverbiale.
164—165 È una quartina a rima alternata.
167 Cod.: loqnestem non stringit furorem , ma bisogna tra¬
sporre per la rima. — Credo che stringit abbia qui il
significato di impugnare, sfoderare, come in stringere
gladium .
171 II Boucherie corregge excessus,
177 Domne e fortis ì come nella quinta lettera donine (v. 210,
216, 229), sanctae (v. 210), prudentis (v. 229), sono singo¬
lari.
178 Corretto in sortes , cioè sordes .
183 Dopo sunt dev’ essere stata tralasciata la parola che rimava
con status (Me}^er).
35 *
526
AMERINDO CAMILLI
186 II cod. ha un’ abrasione dopo latrat e un’ altra dopo sed.
Lo Zeumer restituisce latrat vulpis sed non ut canis (cfr.
v. 217). A me sembra che qui l’abrasione sia da rispettare,
perché il senso corre molto meglio.
187 «Quid vero hic innuatur, nescio» (Zeumer). A me par
certo che trapa (cioè traba ), sia la trave a cui venivano
legati per la tortura i rei, che naturalmente urlavano, o
cantavano come dice il nostro autore. Un’ allusione simile
sarebbe contenuta nel v. 226.
188 Per dilator cfr. v. 224.
192 Per lo Zeumer qui pudor varrebbe existimatio . Più sem¬
plice è intendere putor .
196—197 Baronem-insontem , rima o'-ò.
201 Zeumer e Pirson: decrascianto- abbaiando. Ma è molto
strano. Più semplice riportarlo a craxo per citaraxo .
203 «Maint exemple montre que les cuisiniers occupaient au
moyen-àgè un rang très-inférieur» (Meyer). Lo Zeumer
crede piuttosto che si debba leggere cocco .
V
218 Cod. faltus. — Ricorda la favola esopica delle volpe e
dell 1 uva.
221 Cod. annidine con un o sopra i e i puntini d’ espunzione
sopra ne. — Credo che si debba restituire volat upua set
non ut arando (cfr. v. 217), altrimenti non c’ è senso. —
Leggo nel Brehm che il volo dell’ upupa è assai irregolare,
incerto e agitato, e che basta la comparsa d’ una rondine
per farla tremare dallo spavento.
222 Credo che il d di frundo sia dovuto all’ influenza di annido :
a ogni modo significa fronte, non fronda. — È noto che
1’ upupa cerca il suo cibo affondando nel letame il becco
sino al capo.
224 Nella quarta e nella quinta lettera abbiamo le parole falsator
(v. 137, 146, 181, 189, 212, 225), falsatura (v. 2Ò8, 224),
dilator (v. 188), dilatus (v. 224) sinora spiegate: falsario,
falsificazione, delatore. Ma il trovare in questo verso
riuniti dilatus e falsatura fa pensare a quel passo della
Lex salica (XXX, 7) che dice: «Si quis alterum dilatorem
vel falsatorem clamaverit et non potuerit adprobare, de
dinarios, qui faciunt solidos xv, culpabilis iudicetur». Che
cosa si debba intender qui per dilator e falsator non è ben
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
527
certo, e io naturalmente non ho la pretesa di entrar nella
questione. Solo vorrei osservare che dilatus nel nostro
documento (come Augusto Gaudenzi sostiene per la legge
salica : cfr. Salica legge nel Digesto italiano) potrebbe indi¬
care colui che, negando il delitto di cui era accusato, ottene¬
va una dilazione per fornire la prova della sua innocenza,
ed era poi condannato a pagare il prezzo della mora ((Ma¬
tura) qualora la prova stessa non fosse stata raggiunta.
Il falsator pòi sarebbe non il falsario in genere, ma colui
che bugiardamente impugna di falso Y accusa per ottenere
la dilatio. Nel caso nostro Frodeberto, prima di scriver
la quarta lettera, avrebbe iniziato un’ azione giudiziaria
contro Importuno, il quale avrebbe ottenuto la dilazione.
225—228 11 Boucherie divide: Falsator vadit I tanqucim latro, I
ad aura psallit, I ut Escotus mentit, semper vadit I tori-
tus et occidit I quod nunquam vidit. Lo Zeumer: Falsa¬
tor vadit , / tanquam latro ad aura psallit, ! ut Escotus
mentit semper, vadit / toritus et oc dicit I quod nunquam
vidit . Ma né queste divisioni, né altre che se ne potrebbero
escogitare, anche trasponendo, riescono a far coincidere la
rima con la cadenza fonetica. Ciò induce ragionevolmente
a sospettare che la lezione del codice sia guasta. Se si
tien conto che questa lettera è ritmicamente la più regolare,
non sarà difficile trovare dove per 1’ appunto manchi la
rima. Il primo verso è certamente falsator vadit tanquam
latro e 1' ultimo et occidit quod nunquam vidit (infatti la
cadenza dev’ esser necessariamente su la parola precedente
et con cui comincia una nuova frase) : il che porta a rimare
vidit con toritus (che è dunque parossitono e non può esser
identificato, come s’ è fatto sin qui, con lortus) e a costruire
il penultimo verso: mentit semper, vadit toritus . Dunque
il secondo verso dev’ essere: ad aura psallit ut escotus,
ed è proprio escotus che bisogna mutare per aver la
rima. Dal Ducange al Pirson è sembrato che le parole ut
escotus mentit fossero sicure e dovessero stare a ogni modo
insieme, perché la frase «mentire come uno scozzese» è
proverbiale; ma mi par chiaro, dopo ciò che ho detto,
che questo sia un abbaglio. Che cosa si debba sostituire
a escotus per restituire la lezione originale, è difficile dire
il più semplice, mi sembra, è leggere escatus (da esca —
cauter ). I ladri, mi diceva il prof. Gaudenzi, venivano
528
AMERINDO CAMILLI
spesso decalvati nella parte anteriore della testa con Y acqua
bollente o una sostanza cauterizzante. — Quanto a toritus
10 riporterei a taurus . — L 7 occidit del v. 228 è stato
corretto dallo Zeumer in oc dicit , perché evidentemente
abbiamo qui una ripetizione del v. 164.
235 II prof. Monaci mi diceva di sospettare che sexitm (che
non dà senso: e non capisco come il Pirson possa spiegare :
«car c’est le mensonge qui a fait déchoir la femme») si
debba leggere sed sum = si sum : il d aperto dell’ apografo
merovingio) sarebbe stato scambiato per cs e trascritto x .
11 dott. W. A. Baehrens mi avvertiva che si potrebbe anche
leggere s(tim) exul.
* *
*
Ed ora ecco la traduzione.
I
Per i meriti dei santi, all 7 onorando signore e fratello Importuno.
Signore dolcissimo e fratello carissimo! O Importuno, perché rice¬
vesti tanto dure novelle, credesti che noi perivamo per una morte di
fame già vicina, giacché ci volesti largire tale derrata. Nè per prezzo
nè per dono non desideriamo di tale derrata. Ne facemmo pane.
Così il signore ci ruba il frumento? Di fuori brutta è la crosta, di
dentro la mollica è ben nera ; è aspra nel palato, amara, e l 7 odore ne
è fetido. La vecchia (farina) mischiata con la nuova ne fanno oblate
non belle. Abbi sempre riconoscente me che volesti regalato con
mano tanto generosa, mentre Dio conservi la tua carica, in cui cono¬
scemmo sì grandi generosità. O quell 7 uomo, voi avete forse visto in
casa nostra che moriamo — Dio sia con noi ! — di fame ? Ho l 7 ardire
grande di salutarti e ti supplico perché ti degni di pregare per noi.
Ti abbiamo mandato di quel pane che abbiamo provato, se ne puoi
mangiare. Sin che viviamo ci liberi assolutamente Iddio da tale pane.
La santa congregazione delle fanciulle rifiuta tale pasto. Per la nostra
privata stoltezza, in riassunto di amicizia, ti auguro di star sempre
sano e di conservarci i vincoli della tua affezione.
II
All 7 onorando signore e fratello Frodeberto vescovo. Signor Frode-
berto, abbiamo udito che il nostro frumento non vi è stato gradito.
Noi vogliamo parlare dei fatti vostri, affinché mai più vi diletti rifare
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
529
un simile scherzo sul conto dei vostri pari. Giacché non fu con¬
veniente ciò che facesti, nel regno di Sigeberto, circa Grimaldo il
maggiordomo, che gli togliesti la sua unica pecora, sua moglie, cosa
per cui poi nel regno non ebbe più rispetto. E per mezzo di persone
che venivano nel paese di Touraine, la mettesti nella santa congrega¬
zione, nel monastero delle fanciulle, che è edificato in onore ... E
lì non faceste letture spirituali ma aveste . . . tra voi.
Il resto non si pub spiegare . Mi sembra però chiaro che nei
v. 64—5 Importuno rimproveri Frodeberto di seguitare a far il
donnaiolo nel monastero con la scusa del pane, e nel v. 66 gli
rinfacci d' esser figlio d' tma monaca, come spiegherà meglio nella
tersa lettera. Termina poi dicendo: Perdona queste poche parole.
Importuno del paese di Parigi.
Ili
Al mio signore Frodeberto senza Dio, nè santo, nè vescovo, nè
chierico secolare, in cui regna Y antico Nemico degli uomini ! Chi
non mi crede affatto, ve^ga ciò che fai. T auguro che t’ accada ciò,
perchè tu non ami Dio e non credi al figlio di Dio. Di fronte al
consiglio del Demonio, facesti sempre il male. Ti reputi molto sag¬
gio, ma crediamo che tu menti : in realtà non temi Cristo, nè egli
ti approva. Tu fai le opere di chi ami (= del Demonio) in tutto e
per tutto. Nè i tuoi genitori amavano Cristo, quando ti fecero in
un monastero. Tuo padre di fronte al suo signore non fece opera
santa, giacché il signore con .un (cenno del suo) dito ti rilasciò vivo,
Y istruì e ti nutrì, onde poscia si pentì. Non segui la scrittura, né
rendi . . . Ricordati di Grimoaldo, che male gli facesti! ... e Dio
non dimenticò il bene che ti fece. Perché ne ... la sua moglie?
Avesti una coscienza pulita! (I v. 102—106 non si possono tra¬
durre) . . . perché lo sappiamo ci condanni . . . togli ad essi Y oro,
T argento e Y onore . . .. liberi per queste regioni. Perché hai tanta
audacia di danneggiare il suo tesoro? Perché gli domandi, a causa
delle tue malefatte (= per riparare le tue m.), cose che non sono
convenienti? Ami le belle ragazze di qualunque paese e non per al¬
cuna bontà o per la santa carità. Non sarai mai buono finché tieni
tale via. Per la tua coda lunga ce ri’ è abbastanza (di belle ragazze)
o non ti bastano affatto? Fatti castrare, affinché tu non vada all’in¬
ferno per tali cose, perché Dio giudicherà i lussuriosi. Circa altre
tue colpe posso affliggerti, se tu mi costringi a mandartene nova-
mente qualche cosa, sicché questi esemplari si spargano per molte
terre, in quel modo quale s’ accoglie per noi nella tua carità (= con
530
AMERINDO CAMILL1
quello stesso sentimento che tu nutrì per me nella tua carità). Questo
però lo lascio al mio stesso signore (= a te stesso). Se stimi amico
chi ti manifesta ciò e ti dà un verace consiglio*, se ti piace, leggi
(la lettera) e piegala e riponila in petto; se poi non vuoi, vatti a
ficcare in una botte.
IV
Cominciano le parole legate da una somiglianza, intorno al falsatore
di vuota fede, pieno d’ inganni. Con la bilancia (= giustamente) Saio-
mone per la sua sapienza scrisse bene questa sentenza, perché uno
non divenga simile allo stolto: Non rispondergli mai sul suo detto!
E dubitai moltissimo, (ma finalmente) così volli rispondere allo stolto,
affinché lo stolto venga confuso nel suo cammino, né mai presuma
gloriarsi. Risposi (e) dissi del falsatore: Non perdonare nel tuo dis¬
corso colui che si piantò là senza vergogna, che non risparmiò alcuno
con la sua bocca vaniloqua, maldicente, scellerata per le ferite delle
sue parole; che dimentico di chi T aiutò, immemore di chi lo nutrì,
calpestò la giustizia e il pudore ; che intorno alla fiducia datagli ( ovv .
alla fede data) e al primo ricuperatore del suo allodio rece ignobile
lezzo. Dice parole incredibili e cattive con cui insozza anche le co¬
scienze. Rompe le mie amicizie conquistate ben meritamente, pure,
sante, antiche, belle, tenacissime e nette. Racconta ciò che non vide
mai, (ma) scrive quel che ha fatto lui (addossandolo agli altri):
T animo mio perdoni chi gli crede! Anche se non impugna il furore
ciarliero, è (sempre) ladrone frodolento, reo certo di omicidi. È adul¬
tero, rapitore palese: fece innumerevoli eccessi! Va errando come
un cieco (e) tenta offuscare il mio onore. Disprezzato e abbandonato
da Dio, è stato preso dal Demonio per la lingua e per il petto. Non
vogliate, o signore, non vogliate, o forte, non vogliate credere tante
sozzure. Lo giuro per Iddio e per i sacri fonti, per i monti Sion e
Sinai : egli è divenuto falsatore, è un oltracotante screditato. Deforma
il volto e son deformati ... ; quale è 1’ animo, tale è anche Y aspetto.
Non è un uomo questo tale miserabile, ma latra come un cane. Urli
dalla trave (della tortura), giacché è un linguacciuto, un dilatore (del
quale) nessuno è maggiore, questo tale! Il falsatore grugnisce dietro
i talloni (= vi abbaia dietro), gonfia le guance arrotondandole (— si
dà aria d ? importanza), s' affaccenda e corre (tutto) in sudore, va
spargendo fetidi umori. Però non fa alcuna paura chi non ha un
aiuto superiore a quello del mio propizio protettore. Un bracco non
muove un tale barone, un bracco non lo muove contro un innocente.
Non cessare, o bracco, dal sacco spalancato ... e almeno non aver
LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO
531
paura d’ un falco che scrive. Non ti perdere codesto posto : tu non
vali un cuoco. Non rassomigli a tuo padre e neanche a tua madre.
Che tu abbia il mal di denti, tu disonori i tuoi genitori. Per la tua
falsatura ci vuole questa ghirlanda.
V
Non vogliate, o signore, non vogliate, o santo, non vogliate prestar
fede a falsi racconti; giacché avete in abondanza falsatori (attorno)
che vi fanno discorsi menzogneri ; ladri e scellerati, e similmente anche
dei maldicenti; e per voi, o signore, non saranno difensori. Latra la
volpe, ma non come il cane ; sempre invano tenta dei salti ; mostra la
coda, non già la fronte; presto soccombe dinanzi a un cane forte. Vola
T upupa, ma non come la rondine; si ciba dello sterco che ha nella
sua fronte (= che le arriva alla fronte) ; piglia un umile atteggiamento
come il dilatore nella, falsatura (= come colui che, dopo aver ottenuto
la dilazione, è riconosciuto falsatore). Il falsatore va (a finire) come
il ladro: urla alP aria venendo scottato. Mente sempre, va gagliardo
come un toro e dice quello che non ha mai visto. Non vogliate,
(perciò) o signore e uomo prudente, eh’ egli fiacchi i vostri sentimenti,
e non abbandonare chi ti serve. Del tempo invero n’ è già passato,
ed io ho fatto sempre ciò eh’ è stato a voi gradito: è già solo per
parole menzognere, se sono decaduto dal vostro favore.
Amerindo Camilli.
BIBLIOGRAFIA
Vocabulari català-alemany de l’anj r 1502. Edició facsimil segons
Tunic exemplar conegut, acompanyada de la transcripció.
d’un estudi preliminar i de registres alfabètics, per Pere
B a r n i 1 s. Biblioteca filològica de l’Institut de la Llengua
Catalana. Barcelona, Institut d’Estudis Catalans, Palau
de la Diputació MCMXVI.
Dans le compte-rendu du Diccionari Aguiló nous ferons allusion aux
riches collections de ce savant. En effet sa bibliothèque contenait des manu-
scrits et des livres imprimés catalans en grand nombre. Heureusement la
Diputació Provincial de Barcelona (diète de la province de B.) a fait l’ac-
quisition de ce trésor et a ainsi empèché que tant de richesses amassées
patiemment ne se dispersassent. La Biblioteca de Catalunya s’enorgueillit
ainsi d’une collection d’ouvrages catalans qui doit ètre unique au monde.
Quelle chance qu’elle ne soit pas sorde des murs de Barcelone !
Parmi les livres rares conservés dans le «fonds Aguiló» un des plus curieux
est sans doute celui qui porte le titre « Vocabolari molt profitos per
apendre la catalati alamany y lo alamany catalan». Cest un vocabu-
laire imprimé en 1502 à Perpignan par un allemand, Jean Rosembach. La
bibliothèque Aguiló en a conservò le seul exemplaire dont on ait connais-
sance. Dans le présent volume M. Barnils nous en donne un facsimilé. Il
en valait bien la peine, car c’est le plus ancien dictionnaire que nous ayons
d’une langue romane. Les matériaux n’en sont pas ordonnés alphabétique-
ment, mais d’après les matières. Ainsi p. ex. le chapitre 19 parie du mo-
bilier. Au point de vue de la lexicographie catalane l’importance du livre
n’est^pas si grande qu’on pourrait peut-ètre le croire. L’auteur était un
allemand. Sans doute il savait le catalan, mais il a subi aussi l’influence
du castillan, et son texte s’en ressent. Tantót son orthographe s’approche
de celle du castillan, tantót il emprunte à cette langue les termes tels quels.
Beaucoup des mots qu’il cite, affectent des formes différentes. 11 n’est donc
pas possible de dire quel était le dialecte suivi par l’auteur. Probablement
il a connu plusieurs parlers catalans et les a mèlés un peu dans son recueil.
Pour un étranger sans préparation particulière et qui ne pouvait s’appuyer
sur aucun autre travail de ce genre dans le domaine du catalan, on ne peut
pas demander mieux. L’importance de la partie allemande du livre est
probablement plus grande. (Voir à ce sujet le compte-rendu des Estudis
Romànics 2.)
BIBLIOGRAFIA
533
M. Barnils accompagne le texte d’une transcription soignée et d une étude
préliminaire dans laquelle il examine consciencieusement toutes les questions
auxquelles je viens de faire allusion. Il le fait suivre d’un registre alpha-
bétique fort commode. W . v . wartburg.
Griera, A. Contribució a una dialectologfa catalana. Extret
del Butlletl de dialectologfa catalana, vols. Vili i IX.
Barcelona MCMXXI.
M. A. Griera a eu l’heureuse idée de réunir en un seul volume ses études
de dialectologie catalane qu’il a publiées dans les volumes 8 et 9 du Butlletf.
C’est la première fois qu’on essaie de nous donner des renseignements com-
plets sur tous les dialectes du domaine catalan. Pour tous ceux qui s’in-
téressent au développement des langues ibéroromanes ce livre est de la plus
haute importance. On y voit jusqu’à quel point le catalan s’est écarté des
autres idiomes de la péninsule. On est étonné de constater aussi la grande
variété de ces dialectes, vu que la plupart ne se sont développés que depuis
la Reconquista. Pour les détails je renvoie à mon compte-rendu du Butlletl.
Je me permets une seule remarque générale. Ce qui caractérise un dialecte,
ce ne sont pas seulement ses sons et ses formes, mais aussi son vocabulaire 1 .
Il faudrait donc ajouter encore un chapitre sur le vocabulaire particulier à
chacune des régions catalanes. Sans doute la publication de l’Atlas lin-
guistique de la Catalogne, qui est sous presse, et le glossaire des dialectes
catalans, que M. G- prépare depuis longtemps, mettront à la portée de tout
le monde les matériaux nécessaires pour en juger. Espérons que l’infati-
gable et féconde activité de M. G. nous en donne aussi l’interprétation. Car
il n’y a personne qui puisse nous orienter mieux là-dessus que lui.
W. v. Wartburg.
Francesco Torraca. A proposito dell' Intelligenza. Napoli, estr.
Memorie R. Accademia Archeologia ecc., 1920; in 8°,
pp. 14.
In questa Memoria accademica, Francesco Torraca, con il suo consueto
acume e con geniale interpretazione, risolve parecchi importanti quesiti.
Come si sa, nel ms. fiorentino contenente l’ Intelligenza, si lesse in fondo
il nome di Dino Compagni, che ora più non appare; ma tale attribuzione
non fu ritenuta da alcune studiosi, ultimo fra i quali i 1 prof. Vincenzo Biagi 2 .
Questi vorrebbe pensare a tal Mastro Giandino , sulla fede del sonetto di
1 C’est ce qu’a bien compris M. Bertoni en composant son beau livre «Italia
dialettale». Pour la première fois on y essaie de caractériser les diverses
régions d’un pays roman d’après leur vocabulaire. Voir les pages 38—49
de son livre. Sans doute ce n’est qu’un premier essai; le problème demande
à ètre approfondi.
1 L’Intelligenza, che sia e di chi ; Pisa, Mariotti, 1920, per nozze
Flamini-Landogna. •
534
GENNARO MARIA MONTI
quattro quartine di Dino Compagni 1 , che comincia «La intelligenza vostra,
amico, è tanta», tratto dal ms. vaticano latino 3214. Egli, infatti, interpreta
questo sonetto nel senso che Mastro Giandino, autore del poemetto, l’abbia
inviato al Compagni e che questi, dopo averlo letto, gli abbia espresso la
sua riconoscenza e la sua stima. Il Torraca, invece, dimostra errata questa
interpretazione — per cui il Del lungo e il Biagi avevano dovuto aggiungere
parecchio al testo e porre tra parentesi alcuni versi — e dimostra che il
sonetto è una domanda, non una risposta, è una preghiera, non un ringra¬
ziamento e «rientra nella serie non breve di quelli, che i rimatori toscani
usarono mandarsi per proporsi scambievolmente enigmi, questioncelle, per lo
più d’amore, ma anche d’altra materia» (p. 8). Dino, insomma, propone a
Mastro Giandino la questione di quale «fra i due movimenti accidentali
— calore e freddo — generi virtù».
Nè basta; esclusa così l’attribuzione a Giandino, il Torraca dimostra che
non è necessario attribuire il poemetto ad un «fisico» per le cognizioni spe¬
ciali e tecniche, che, secondo il Biagi, si debbono presupporre nell’autore di
esso, perchè l’ Intelligenza è un centone di parti desunte da diverse fonti
ed anche la fisiologia e l’anatomia son tratte da scrittori assai diffusi del
tempo; mentre alcune notizie di farmacia son tradotte in versi dai Fatti di
Cesare ; onde ben si può concludere con 1’A. che il rimatore del poemetto,
«non solo non fu Giandino: ma non fu nemmeno medico o farmacista» (p. 14).
Un’ultima ipotesi avanza il Torraca: che dalla stanza in decima rima
— quale si ritrova in Garzo dell’Ancisa, in Ruggiero Apugliese e in altri
antichi — con la soppressione di uno dei tre monorimi (vv. 7, 8, 9) sia deri¬
vata la nona rima dell’ Intelligenza e che da questa, con la soppressione
dell’ultimo verso, sia nata l’ottava: ed anche quest'ultima osservazione è
da prendersi, per la sua acutezza e genialità, in attento esame, perchè risol¬
verebbe una delle più difficili questioni metriche, e metterebbe ancora in
maggior luce l’importanza delle laudi e dei laudesi nella nostra letteratura
delle origini.
Gennaro Maria Monti.
Pietro Fedele. Per la storia dall’ attentato di Anagni. Roma,
estr. Ballettino Istituto Storico li-, n. 41, 1921. 8° gr„
pp. 40.
L’illustre prof. Fedele, che con tanta erudizione e genialità da più anni
studia la figura di Bonifacio Vili, reca, con questo lavoro, non solo un con¬
tributo alla storia civile, ma lumeggia anche la nostra storia letteraria nei
riguardi di Dante.
La maggior parte, infatti, degli storici asserisce che il «magnanimo» ponte¬
fice non fu ingiuriato nè percosso e che «pur nel furibondo assalto, dato nel
suo palazzo, e neh tumulto che ne seguì, quando gli aggressori, a mano ar¬
mata, si precipitarono nelle sue stanze, la sua persona fu, invero miracolosa¬
mente, rispettata» (pp. 5—6); e che, quindi, Dante parlasse «più da poeta che
1 Dino Compagni e la sua Cronica; Firenze, Le Monnier, voi. 1.
BIBLIOGRAFIA
535
da storico paragonando Filippo il Bello a Pilato, asserendo, quindi, che vara¬
mente vi fosse stata un’ offesa personale.
L’A. invece, con erudizione grandissima e con uno spoglio completo di
tutte le cronache del tempo, del processo contro la memoria di Bonifacio e
di altre fonti storiche.— fra cui alcuni inediti documenti tratti dai Registri
Angioini del Reai Archivio di Stato di Napoli — dimostra in modo sicuro
che il Papa si presentò davvero ai nemici nei padulamenti pontifici — come
aveva asserito il Villani — e che patì veramente violenza. Dante rispettò,
pertanto, del tutto, la storia nei noti e mirabili versi del Canto XX.del Pur¬
gatorio, veementi di sdegno contro l’offesa recata al Vicario di Cristo e fu
— come si esprime 1’ A. — «1’interprete vigoroso e potente del popolo ita¬
liano, nel quale la catastrofe di Anagni dovette fare un’ impressione.
profonda» (p. 4).
Ma, oltre a questo gran merito di aver chiarito definitivamente una tanto .
discussa questione, l’Autore si è reso anche benemerito degli studi più spe¬
cificamente danteschi, avanzando l’ipotesi che il sommo poeta fosse a Perugia
nel giugno 1304 e notando per primo due riscontri della Divina Commedia.
I versi citati su Bonifacio presentano, infatti, evidente relazione con un passo
del discorso tenuto da Benedetto XI al popolo di Perugia il 29 giugno,
quale ci è stato trasmesso dal continuatore dei Flores historicarum in
Westminster: «deploravit abhominabile excidium in vicarium Jesu Christi
et Petri commissum. Nec tantum casum persone deflevit, quin immo ipsum
Christum a militibus Pilati iterum spoliari asserens, captum, damnatum, et
tamquam remortuum planxit in carcere». Il verso, poi, su Gioacchino da
Fiora «di spirito profetico dotato», deriva certamente dall’ antiphona ad
vespertini che i seguaci dell’abate calabrese cantavano nell’ufficio in suo
onore: «beate Ioachim, spiritu dotatus próphetico, decoratus intelligentia, er¬
rore procul heretico», ecc. (p. 19).
Così, in questo pregevolissimo lavoro, lo studio letterario s’innesta e si
fonde con quello civile e uno dei passi più celebri della Divina Commedia
viene adeguatamente illustrato nella sua fedeltà storica.
Gennaro Maria Monti.
Ernesto Buonaiuti. Filosofìa e Religione del Medio Evo . San
Tommaso e Sigieri di Brabante. Roma, estr. Nuova
Antologia, 1922. 4°. 12 pp.
Come è noto, nei canti X—XIV del Paradiso Dante «ha voluto farci sen¬
tire in sublime consonanza quelle che in terra sembran voci dispaiate e dis¬
cordi» *, onde San Tommaso e San Bonaventura non soltanto, rispettivamente,
cantano la gloria di S. Francesco e di S. Domenico, ma anche quella di Si¬
gieri e di Gioacchino da Fiora, entrambi, quest’ ultimi, condannati dalla
Chiesa: e son note le due terzine entusiaste che il Divino Poeta dedica a
Sigieri. Ma perchè questa speciale ricordanza del filosofo averroista e come
conciliarla con le dottrine antiaverroiste dell’Alighieri?
1 Cfr. P. P. T[rompeo], recensione a questo lavoro in La Coltura , anno I,
fase. 9, Olschki, 1922, pp. 429-430.
536
GENNARO MARIA MONTI
Ai molti studiosi di questa difficile questione, quali, a tacer d’ altri, furono
il Cipolla 1 e il Mandonnet 2 , si aggiunge ora il Buonaiuti, forte storico
del Cristianesimo,, antesignano del contemporaneo movimento in Italia di
studi critici sulla religione, la cui figura «esperta di angosciosi travagli spiri¬
tuali» è veramente un centro vivo del moderno spirito religioso. Non è
opportuno, in questa Rivista, trattare del rapido e perspicuo quadro dell’ Ari¬
stotelismo e del Platonismo nel Medio Evo e dei loro vari conflitti, che F A.
traccia nella presente memoria, nè della ricostruzione del pensiero averroista
di Sigieri, da lui, a ragione e d’ accordo con gli studiosi posteriori al
Cipolla (ad es. il Gentile, il Torraca, lo Zingarelli etc.), identificato con
Sigieri di Brabante, scomunicato nel 1278, ucciso in Orvieto fra il 1282
e il 1284 3 .
Ai cultori di letteratura importa, piuttosto, conoscere l’interpretazione
del B. sulle discusse terzine: ora, egli spiega l’altissimo posto del canonico
di Liegi con l 1 opinione che Dante conobbe soltanto superficialmente le sue
dottrine filosofiche. Ma questa spiegazione — già avanzata dal Gentile 4 e
dal Torraca 5 , da sola, non basterebbe a chiarire interamente l’entusiasmo
di Dante per il teologo condannato; onde il B. avanza — e qui è la sua
originalità — F ipotesi che il Brabantino «ha meritato la commiserazione e
l’ammirazione di Dante» per «la docilità con cui accolse la sua condanna
ecclesiastica», esaltando così «là dove, al di là delle idee, sono premiate le
intenzioni e celebrato il merito della virtù cristiana» «colui che, pervenuto
per le vie insidiose della dialettica, a conclusioni eterodosse, seppe far generoso
gettito delle sue personali visioni, di fronte al grande fatto e alle imperiose
esigenze della vita religiosa associata» (p. 11) Così Dante intorno a Beatrice
convoca a raccolta «le figure dei pensatori, che nella fiamma della fede tem¬
prarono e vagliarono le elaborazioni della loro ragione», che «la medesima
aspirazioni religiosa ha fatti degni di essere affratellati nell’ identico serto
di luce e di gioia» (p. 12).
Opinione, questa dell’A., già accolta benevolmente da alcune critici 6 , che
veramente reca luce al difficile problema e spiega sufficientemente e chiara¬
mente F appellativo di «luce eterna» che con tanta enfasi e calore Dante
pone sulle labbra di S. Tommaso d’Aquino: e ben a proposito l’A. cita il
vecchio assioma medioevale, bandito per la prima volta da Alcuino, che ere¬
tico è soltanto colui che resiste all’insegnamento ufficiale ecclesiastico, non
già colui che alla stessa autorità si sottomette: «Non est hereticus, nisi in
contentane ». Così la breve ma densa e geniale memoria del Buonaiuti, oltre
ad offrire grande interesse filosofico e storico, risolve pienamente, a parer
mio, uno dei più discussi luoghi della Divina Commedia.
Gennaro Maria Monti.
1 Sigieri nella Divina Commedia , in Giornale Stor. Leti. IL, Voi. Vili,
1886, pp. 53-139.
2 Siger de Brabant et V Averroisme latin , Fribourg, 1899.
3 Cfr. Zingarelli, Dante , Milano, F. Vallardi, s. d. pp. 240 e 719.
4 La Filosofia , Milano, s. d. F. Vallardi, p. 137.
5 Nel Commento, 3. ed. 1915, p. 729.
6 Cfr. il Trompeo nella recensione cit.
bibliografia
537
Raffaello Morghen. Dante, il Villani e Ricordano Malispini .
Roma, est. Bull. Istituto Stov. It . n. 41, 1921. 8° gr. pp. 26.
Già in un precedente lavoro 1’ A. si è proposto di dimostrare 1’ autenticità
della cronaca di Ricordano Malispini; questo nuova memoria riprende, da
una parte, lo stesso argomento della precedente e, dall’ altra, è un contributo
alle fonti dantesche.
Evidenti sono le relazioni fra la Divina Commedia e la Cronaca del
Villani; donde due ipotesi: o che la seconda fosse fonte della prima o vice¬
versa; ma la prima soluzione è impossibile per ragioni cronologiche e la
seconda — caldeggiata specialmente dal Neri in un pregevolissimo articolo 1 —
è stata molto discussa perchè, come si esprime il Cipolla, «nel Villani le
frasi storiche corrispondenti a quelle usate da Dante sono indossolubilment’e
legate e immedesimate con altre frasi e notizie, si che in molti casi la nar¬
razione è irriducibile a quella del poeta, ma non viceversa» 2 .
Appunto a rinsaldare gli argomenti del Cipolla e di altri, 1’ A. aggiunge
molte considerazioni o minuti confronti, concludendo con 1’ osservare che «se
pure il Villani ... ha subito in qualche luogo l’influenza del giudizio di
Dante, ha d 1 altronde avuto di fronte a sè un’ altra, o altre fonti storiche dalle
quali ha attinto i particolari di quei fatti sui quali Dante costruiva la sua
concezione storica» (p. 11); e finendo con V identificare nella Cronaca di
Ricordano la fonte storica del Villani.
Date, per tanto, queste conclusioni e quelle sull 1 autenticità malispiniana
del suo precedente lavoro, l 1 A. riprende la vecchia tesi del Busson che pro¬
prio il Malispini fosse stata la fonte comune di Dante e di Villani. E la
dimostrazione di tale assunto è condotta criticamente con un raffronto minuto
ed esauriente dei tre testi, e si fonda su alcuni passi danteschi veramente
decisivi, come quello di Buoso da Doara, di Buondelmonte dei Buondelmonti
e di altri, in cui si ritrovano delle espressioni del Malespini che mancano
invece nel Villani; si che egli può sicuramente conchiudere: «è dunque da
Ricordano che Dante attinge, ed è Ricordano Malispini che il Villani in¬
corpora senz’altro nella sua cronaca, ritoccandolo, correggendolo, amplian¬
dolo, con le notizie che egli poteva trovare in altre fonti, ornandolo con le
reminiscenza letterarie del poema divino» (p. 24).
Questa dimestrazione, quindi, non soltanto conferma, ancora una volta,
l 1 autenticità Malispiniana ma risolve una fra le questioni più importanti
della Divina Commedia, circa la fonte storica di tanta parte di essa; onde
ben meritano rilievo l’importanza di questo difficile lavoro e la perizia e
1’ acume dell 1 A., che sono di garanzia per nuovi e più vasti studi che dal
suo ingegno si attendono.
Gennaro Maria Monti.
1 Dante e il primo Villani in Giornale Dantesco, Voi. XX, Firence,
1912.
2 Di alcuni luoghi autobiografici della Divina Commedia in Atti
Accademia Torino , Voi. XXVIII, 1893, p. 389.
538
GENNARO* MARIA MONTI
Vincenzo Morelli. Maometto in disgrazia . — Alessandro Cutolo.
Le miserie di un genio incompreso nel 1600. In Fantasma,
a VI, n. 81 e a VII. n. 97. Napoli, 1921—1922.
Il Morelli e il Cutolo, due dotti cultori di storia letteraria e civile, en¬
trambi del R. Archivio di Stato di Napoli, hanno studiato acutamente Y i-
nedito fascio farnesiano 393 dello stesso Archivio, contenente poesie seicente¬
sche provenienti dalla Corte di Parma.
Il primo ne trae un anonimo Recitativo dalla rubrica «La turca battezzata
che dal campo turchesco chiama V amante all’ istessa fede», che si ricollega
a tutta la vasta letteratura sui Barbareschi cui 1’ A. già dedicò un ampio ed
erudito lavoro 1 .
Il secondo pubblica due epistole in 3 rima dirette al Duca Ranuccio Far¬
nese, gran mecenate dei letterati, come è noto, da Giovan Paolo Ambrogi
poeta romano, che si raccomanda alla munificenza ducale per un sussidio sia
per la stampa delle sue rime, sia per il suo sostentamento.
Poesie, queste dell’anonimo e dell’Ambrogi, che, pur senza assurgere a
soverchia importanza, rappresentano un esempio non dei peggiori della nostra
poesia seicentesca, di quella musicale e di quella cortigiana, che aspettano
ancora degli studi esaurienti e comprensivi che compiutamente le illustrino.
Gennaro Maria Monti.
1 I «Barbareschi» contro il Regno di Napoli. Napoli, Ceccoli, 1920:
su cui cfr. la mia recensione nella Rivista di Cultura, a. I, Roma, fase. 30
aprile 1921, pp. 183—184.
Indice delle voci citate
compilato du P.Aebischer 1 .
abauti , prov. mod. 494
abauzat, prov. mod. 494
abbracciti, sicil. 294
abejarroti, spagn. 203
abelanco, prov. mod. 199
abró, frane, dial. 195
adichisire, mac -rum. 230
aduura, dac.-rum. 254
adruzenè, frane, dial. 323
adriizi, lion. 316
aiguisoir, frane. 89
ainte, ant. rum. 274
ala, spagn. port. 300
di ab e, spagn. 497
alitine, frane. 300
alunà, rum. 275
amblais, a. frane. 192
ambosta, piem. 191
amélangier, frane. 199
andnpirare, mac.-rum. 231
arenile, rum. 212
àrapende, ant. spagn. 191
aripa, rum. 254
arpent, frane. 191
artimaire , ant. frane. 166
aruvinare , mac.-rum. 255
arvanu, sicil. 294
Asnois, Nièvre, Vienne 361
astret, mac -rum. 255
atreverse, spag. 497
au, mac.-rum. 255
ante, mac.-rum. 255
Anvelais, Namur 361
badie, frane. 202
bagot, ant. catal. 203
balandran, prov. mod. 497
ballar in a, piem. 173
bano, frane, del mezz. 208
bardngà, rum. 214
barj otti ado, prov. mod. 205
, basire, pist. 202
; bot, rum. 256
| banca, prov. 202
j beatimi , rum, 275
beat, rum. 275
befana, it. 459
beklè , lion. 204.
belho, prov. mod. 203.
bèrbi, prov. mod. 207
beretin, venez. 241
Bernister, liegi 505
ber rat, vallon. 358
bertesca, ant. prov. 302
besaine, ant. frane. 203
he sci e, prov. 204
bia, valses. 203
bies, ant. frane. 9
bijun, valses. 203
! pindóm, valmagg. 161
! bindurare, mac.-rum. 256
bisat, retorom. 8
bitte , frane. 301
bleix, catal. 495
blou, ant. frane. 301
boffa, grigion. 191
bolkier, vallm. ant. 364
1 Poiché il voi. VI dell’ «Arch. Rom.» è quasi tutto consacrato ad argo¬
menti linguistici, si tralascia l’indice dei nomi.
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1928.
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540
INDICE DELLE VOCI CITATE
boi Bone, ital. 302
bondar, prov. 302
bornar, catal. 496
bot, dac.-rum. 256
Bouffioulx, Belgio 367
bourbo, lim. 204
bousson , ant. frane. 302
Bovenistier, liegi 305
Bovesse, Namur 361
bovarina , it. dial. 172
bozzima, ital. 458
brais, ant. frane. 204
braz, ant. frane. 16
brea, sassar. 206
bretesche, ant. frane. 302
brientar, ant. lomb. 206
brif, ant. frane. 206
brizeau, frane, dial. 205
broa , prov. 193
brova, savoiardo 193
brunàlt, venez. 242
bufo, pis. 171
buigla, boi. 168
buturugà, dac.-rum. 213
Cab oche, frane. 98
cachila, rum. 232
caer, dac.-rum. 256
cafotin, frane, sett. 76
calabozo, spagn. 199
calagozo , spagn. 199
calterire, ant. it. 164
caltrire, lucch. 164
caramot, catal. 496
carinte, mac.-rum. 256
carnai, istr.-rum. 213
carrancas, galiz. 501
cartoapi, megl. 231
castron, dac.-rum. 231
cave zzo, venez. 246
chanfrein, frane. 211
charpaint, grigion. 195
charpente, frane. 194
tharpint, friul. 195
chastrez, vallon. ant. 3bl
cheer, rum. 275
chéturì, mac.-rum. 213
chipirare, mac.-rum. 256
chipita, mac.-rum 256
chipitare , mac.-rum. 256
chini, dac.-rum. 257
ciciott, march. 173
cieu-cieu, piem. 173
ciò-ciò, ital. dial. 173
cìol'ù, mac.-rum. 231
clona, mac.-rum. 257
clrcirare, mac.-rum. 257
ciripi , dac.-rum. 257
chipa , dac.-rum. 257
cloambà , dac.-rum. 231
coca, mac.-rum. 257
coditremola, senese 174
coiffe , frauc. 303
cólta, dac.-rum. 257
collera, it. 460
columbeo. Salamanca 495
cor rulla, catal. 495
cortelasso, veron. 282
cot, prov. 4
cote, ital. 4
i couado, limos. 47
coue, ant. frane. 10
couenne, frane. 36
couget, vendom. 3
couille, frane. 76
coyer, frane. 4
cràmura, dac.-rum. 257
crapena, vaiteli. 195
criante, jur. 207
oriente, ticin. 207
crier, rum. 275
crinser, frane, dial. 207
crinses, Morvan 207
croamba, dac.-rum. 257
cruc, prov. 200
cruvicà, moran. 296
cuccuascia, otrant. 170
cucumea, rum. 258
cuddura, sicil. 294
calare, dac.-rum. 258
culumb , mac.-rum. 258
cuotuliare, calab. 249
curubit, mac.-rum. 258
cute, rum. 4
cutrettola, fiorent. 174
dfód, Grand’ Combe 208
dèlayer, frane. 209
INDICE DELLE VOCI CITATE
541
depara, dac.-rum. 259
derbese, frane, dial. 208
derbi , piem. 207
desfoca, rum. 275
deslegar, ant. prov. 209
dezbàra, dac.-rum. 259
dirmi* , dac.-rum. 259
diroucare, calab. 296
disntarivi, meglen. 230
dor, ant. frane. 194
dorgno, frane, merid. 194
dorn, prov. 194
dome, frane, dial. 194
dournée, frane, dial. 194
drdeila, dac.-rum. 231
drigà, Forez 317
droe, ant. frane. 304
dru, frane. 313 sgg.
druo, genov. 326
drudarié, prov. raod. 325
drudo, ital. 313
druesse, frane, dial. 323
druge, frane. 315
drugier, ant. frane. 317
drugier, frane, dial. 327 sgg.
druiun , ant. frane. 313
drussir, frane, dial. 323
duende, spagn. 495
dunare, dac.-rum. 259
édriidyé, frane, prov. 328
embozà , spagn. dial. 191
encentar , spagn. 496
enconàrse, spagn. 494
enderce, frane, dial. 208
engandora, maiorch. 496
engevera, catal. ant. 496
esbaltirse, maiorch. 496
escafoter, vallon. 76
eslabón, spagn. 497
e slava, arag. 497
e speto, spagn., port. 308
estron, ant. prov. 309
falbo, ital. 304
faluppa, umbr. 171
fatùr, rum. 212
fanti, rum. 275
fauve, frane. 304
fecìoara, rum. 212
filinia, sicil. 295
flaon, ant. frane. 305
fior, rum. 259
fluer, dac.-rum. 260
fluera, dac.-rum. 260
foissier, frane. 79
fradinho, part. 169
frailecillo, spagn. 169
frandzel, friul. 212
franzélà, dac.-rum. 230
frangola, rum. 231
froda , ticin. 193
frunceaua, rum. ant. 212
furticchia, sicil. 171
fusar, rum. 171
fusella, lomb. 171
fuso, pugl. 171
garance, frane. 311
garba, prov., spagn. 305
gargarie, ant. frane. 69
gatuperio, spagn. 495
gàudire, mac.-rum. 260
- gerdereau, Haut-Maine 69
| gichero, ital. 208
gimerre, prov. mod. 499
| giop, retor. 209
ghìoagà, rum. 275
godiche, norm. 338
I godo, minh. 4
; goja, prov. 197
gonne, ant. frane. 208
goui, franco-prov. 197
gouille, frane. 209
gouyart, Champsaur, 197
goyarda, Champsaur, 197
glazù, Brescia 208
glui, frane. 8
granocchiaia, fior. 168
granocchio, ital. 168
grapado, prov. mod. 207
gren, prov. ant. 208
greumint, dac.-rum. 260
grier, dac.-rum. 260
grimpard, frane. 167
groie, ant. frane. 199
groue, ant. frane. 199
grouet, frane, dial. 200
grugnet, lomb. 169
36 *
542
INDICE DELLE VOCI CITATE
grutu, rum. ‘214
gualandriu, ant. sp. 497
gubbeja, irp. 197
guchia, venez. 242
gudura, dac.-rum. 260
guermentery ant. frane. 208
gaesde , ant. frane. 208
gueuse, ant. frane. 208
giilbia, napol. 196
gutune , mac -rum. 212
biacca, ant. sicil. 295
baiate, mac.-rum. 231
hairon, ant. frane. 306
beuce, ant. frane. 69
impreord, rum. 264
incheìa , rum. 275
ìngrernia, rum. 276
iride , it. 280 sgg.
iris , frane., piem. 282
jardereau, ant. frane. 205
jarjaio, prov. mod. 205
Jehanster, liegi 505
jena, Castrovillati, 295
jina, sicil. 295
kalbòs, vallon. 368
kanaide, venez. 248
kapis, vallon. 368
ken, ant. frane. 4
ki\or, rum. dial. 213
koer, trevig. 4
koi, frane, dial. 35
kós, picard. 15
kosio, frane, dial. 80
kot, friul. 4
kovei, friborgh. 4
kua, frane, dial. 41
kuado, prov. mod. 47
kuaina, frane, dial. 43
kuatie, frane, dial. 80
kndàr, bologn. 4
kue, piem. 4
kael , frane, dial. 35
knt, retorom. 4
kiitela, prov. mod. 280
kuterero, prov. mod. 25
knvie, jur. 4
làbardin, frane, dial. 93
lagno , bar. 170
latta, ital. 306
legàna, rum. 232
legana, rum. 498
leisa, prov. 307
leisse, ant. frane. 307
lémante, frane, dial. 170
HnóUtróm, valmagg. 161
lirgo, prov. mod. 283
liscuv?ti, meglen. 231
lo, sav. 49
liigiizòm, valmagg. 161
lup, rum. 214
lurba, genov. 161
lutisor, dac.-rum. 261
I màducà, rum. 213
I magurà, rum. 214
I maini, frane. 209
maldra, Eure, 331
mambrù, catal. 498
maniobrar, Murcia 498
mar, rum. 212
marasàtt, bologn. 249
maràzz, parmig. 249
marca, prov. 193
marchais, frane, dial. 209
margalh, aveyron. 209
margar, spagn., port. 209
margelle, frane. 69
margoulis, prov. mod. 209
màruncà, dac.-rum. 261
masain, grigion. 203
masko, prov. mod. 308
mieria, dac. rum. 261
mijoarcà , dac.-rum. 231
S monachino , ital. 169
mossion, frane, dial. 362
monsto, gasc. 191
moza, spagn. dial. 191
nache, frane, dial. 209
neios, dac.-rum. 261
nestimatà, dac -rum. 261
ngordu, mac.-rum. 261
INDICE DELLE VOCI CITATE
543
niui, vallm. 356
nofe, frane, dial. 50
nnyp f liegi 357
óivci, mont. 161
ólva, poschiav. 161
orca, mac.-rum. 261
oropéndolo, spagn. 168
yrtn, lieg, 362
orvicare , Cosenza, 296
otta, ital. 163
onche, ant. frane. 209
paghèra , trent. 209
pàmint, rum. 276
pampaliiga, valmagg. 161
papalaudo, prov. mod. 262
paparudà, dac.-rum. 261
papiciddu, sicil. 296
papparutu, calabr. 262
papilla , mac.-rum. 263
pàscare, dac.-rum. 263
pàscurà, dac.-rum. 263
pastura, dac.-rum. 263
pat, rum. 276
pecchia, ital. 203
pelindrajo, spagn. 504
Pepinster, Liegi 505
per caccia, calabr. 168
pernice, ital. 168
petit , frane. 210
picàsiri meglen. 230
piddata, sicil. 296
piduritz. , meglen. 263
pincistróm, valmagg. 161
pinza, dac.-rum. 263
piouvann, piem. 169
piovana, piem. 169
pìpàzé, lieg. 366
pirghie, dac.-rum. 263
piridare, mac.-rum. 263
Pironster, liegi 505
pintarru, sicil. 296
pitxorina, maiorch. 500
pivo, prov. mod. 256
piovine, frane. 169
pizzigone, cors. 170
Plancenoit, Belgio 360
pohoa*a, dac.-rum. 231
poligola, bologn. 168
pnndzà , meglen. 263
porciglione , mare. 169
porumb, rum. 227
pradèr, lomb. 168
pradirou, lomb. 168
prior, rum. 264
provese, venez. 251
proyer, frane. 168
pudurita, mac.-rum. 263
puigula, bologn. 168
pulpanà , dac.-rum. 231
punga, rum. 229
pur zana, romagn. 169
purzlana, moden. 169
pus pur are, mac.-rum. 264
puta, rum. 264
queusse, picard. 3
queux, frane. 4
queuz, ant. frane. 5
ràcoare, rum. 264
ràle, frane. 167
rampichino, ital. dial. 168
rampiet, piem. 168
ranochiaja, fior. 168
rapaz, spagn. 500
raura, rum. 264
reble, catal. 500
rebos. ant. prov. 210
rebrolisse, frane. 210
reguitzar, catal. 498
repèndol , venez. 168
restoulha , prov. mod. 500
rin, ant. frane. 210
rincas, rum. 213
rigaudoun, prov. mod. 318
Rogister, liegi 505
romp , ticin. 210
rómpigh, lomb. 210
ronco, spagn., port. 168
ronco , Vecchiano 168
ron\ài, rum. 264
ronzar, spagn. 264
rostar, catal. 500
roster, ant. frane. 500
rovegantin, padov. 166
rovegar, venez. 167
544
INDICE DELLE VOCI CITATE
rovegarolo, venez. 167
ruginà, rum. 276
sàboga, spagn. 210
sarnbis, Poitù, 202
sau, rum. 276
sbasir, trent. 202
sbrinzu, calab. 251
scaltrire', ital. 164
scaltro, ital. 164
scaramuccia, ital. 496
schele, rum. 218
sciaorejare, nap. 252"
sciorinare, ital. 252
scula, rum. 265
scurteìcà, rum. 213
sene, jur. 163
senici, ant. ital. 210
sesco, prov. mod. 210
sfiriri, meglen. 230
sfrindzel, mac.-rum. 213
sgorbia, ital. 196
si fi e, vallon, 374
sile, vallon. 374
§ir, dac.-rum. 265
skalterut, friul. 164
shint, valmagg. 162
sqI?, vallon. 363
sopa, port. 309
sorz, ant. frane. 9
sotarol, venez. 174
soutairé, prov. mod. 174
spadacciòla, tose. 281
spade, spadóni, trevig. 281
spàdes, carn. 281
spùria, rum. 232, 265
spata, abruzz. 281
spatella, napol. 281
spes, mac.-rum. 265
spezzaferr, pugl. 251
spiruol, vallon. ant. 359
spito, napol. 308
Ster , liegi 505
Stier, liegi 505
strabiliare, ital. 165
striga, rum. 265
striochi, mac.-rum. 265
stràghìatà, dac.-rum. 265
suera. rum. 266
sueri, dac.-rum. 26,5
sumbuttu , otrant. 174
summuzzari, sicil. 174
surbi, vallon. 374
facon, frane. 211
talevande, frane, dial. 192
tarabi, valmagg. 161
tartaruga, spagn. 500
tascoum, frane, merid. 202
tecchia, roman. 172
teccola, it. diai, 172
\icut, meglen. 266
ifnzur, mac.-rum. 266
\ipa, rum. 266
tiuiare , mac.-rum. 266
tivd-gódea, meglen. 231
toalà, dac.-rum. 231
topo, spagn. 496
Tr\l, serbo 160
trobokà, fogg. 296
truant, frane. 195
i truc, prov. 200
truci, frane, dial. 328
tsmosi, vallon. 369
{ucuire, rum. 266
tulipan, prov. mod. 284
tulipo, prov. mod. 283
j uà, vallon. 359
uitt, ital. dialett. 169
urea, dac.-rum. 267
usmetik, milan. 165
vadru, frane, dial. 323 sgg.
vàtàrog, dac.-rum. 267
vaudru, frane, dial. 193
verchère, frane, dial. 192
verge, ant. frane. 211
ver queir a, prov. 192
verrina, sicil. 296
verrou, frane. 296
verzelle, frane, dial. 69
vestu, mac.-rum. 267
vignanu, sicil. 295
vìrghe , dac.-rum. 267
viroagà, dac.-rum. 231
visa, prov. mod. 9
Vivegnis , Liegi 360
INDICE DELLE VOCI CITATE
545
vis, ant. frane. 9
vordel, frane, dial. 68
vuloagà, mac.-rum. 231
vurricari, sicil. 296
Wèri ster 505
zampogna, ital. 460
sdruminare, mac.-rum. 267
sdrnncina , rum. 267
sgii, dac.-rum. 267
sgiria, dac.-rum. 267
simma , sicil. 295
smétiga, milan. 165
soccu, sicil. 295
sopo, spagn. 496
X?tsì, vallon. 374
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